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19. Mai 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lichterfelde) | Goerzallee, Teltowkanal, Zehlendorfer Stichkanal, MoD – Mall of Design

„Mai ist genau der Monat: die Tage fast am längsten, das Wetter mild und angenehm, immer zu Spaziergängen einladend und trotzdem nie zu heiß für Bewegung.“ (Jane Austen) – Kalenderspruch des Tages

Aus unerklärlichen Gründen muss ich wohl letzten Donnerstag meine Tracking-App zwischendurch ausgeschaltet haben. Das hat zur Folge, dass einige Straßen der US-Army-Siedlung als „nicht begangen“ dargestellt wurden, obwohl ich dort sehr wohl entlangmarschiert bin. Leider kann man die App nicht überlisten und nachträglich Striche ziehen, weswegen ich mich entscheiden musste: Entweder nehme ich das mit einem Schulterzucken hin, oder ich laufe die Straßen nochmal ab. Wer mich gut kennt, wird sich nicht wundern, dass ich mich für die zweite Option entschieden habe. Marita, meine heutige Begleiterin, sieht das aber ganz entspannt – sie kennt die Straßen schließlich noch nicht und freut sich darauf, eine neue Gegend kennenzulernen. Das wird heute teilweise zur Herausforderung, denn nur wenige Straßen zwischen Goerzallee und Teltowkanal kann man als Augenschmaus bezeichnen. Hier haben sich viele Industriebetriebe angesiedelt. In einem Beschluss des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf vom 8. Februar 2005 zum Bebauungsplan des Zehlendorfer Industriegebietes (exakt der Bereich, den wir heute abschreiten werden), ist deutlich festgelegt, dass sich hier – historisch bedingt – nur produzierende Betriebe niederlassen dürfen. Die Ansiedlung von Handels-, Büro- und Verwaltung wurde untersagt.

Das ist zwar mittlerweile etwas aufgeweicht worden (Autohaus, Kaufland, Büronutzung), aber in der Hauptsache findet man hier tatsächlich herstellende Betriebe. Einen ersten Eindruck davon bekommen wir gleich in der Wupperstraße, die als Sackgasse vor einem Firmengelände endet und vermutlich nie von Fußgängern wie uns genutzt wird. Hierher kommt man nur, wenn man muss.

Ein schmaler, gepflasterter Weg, umgeben von üppigem Grün und einem Zaun auf der rechten Seite.

Gleich nebenan können wir einen Einblick in das Hauptgebäude der Goerzwerke gewinnen, das mich mit etlichen Durchfahrten an die Gerichtshöfe im Wedding und den Baustil der Berliner Mietskasernen erinnert.

Nun wechseln wir aus besagten Gründen die Straßenseite, um „nachzulaufen“, aber es gibt auch tatsächlich einen wichtigen Abschnitt der Persantestraße, den Winfried Hawran und ich am letzten Donnerstag ausgelassen hatten. Ulrich Conrad, dem ich übrigens viele Hinweise auf sich eingeschlichene Fehler verdanke, machte mich darauf aufmerksam, dass es hier einen Hof mit 24 Doppelhaushälften gibt, die mit den Nummern 20A bis 20Y nummeriert sind. Das ist ein gutes Beispiel und Argument dafür, eben doch die Straßen komplett abzulaufen, denn wie man sieht – genau diese Besonderheit wäre mir entgangen! Nun nutzen wir die Gelegenheit und schauen uns das mal genauer an. Nur der Hinweis „Zu den Häusern 20A – 20Y“ lässt erahnen, dass hier nicht nur das eine Haus direkt an der Straße dazugehört. Die Zugangsstraße führt uns zu einer Art Runddorf. Die zwölf Doppelhäuser stehen im Kreis und umrunden Garagen mit bewachsenen Dächern, über die man auf einem gepflasterten Weg hinwegspazieren kann. Sehr versteckt und sehr originell!

Die Persantestraße hält noch mehr Überraschungen bereit – ein Haus mit merkwürdiger Dachkonstruktion, eine riesige Blutbuche, einen Flachbau mit zugemauerten Fenstern, eine verlassene Baustelle:

Wieder auf der vielbefahrenen Goerzallee, in der wir sogar eine der hier unüblichen Müllecken entdecken, vorbei an Handel, Industrie und der Kleingartenanlage Parkkolonie Süd, erreichen wir zwei der wenigen Straßen, die heute auf dem Programm stehen.

Im Großen und Ganzen sind rund um diesen Abschnitt der Goerzallee nur wenige Einfamilienhäuser zu sehen, weswegen die Bröndbystraße und der Prettauer Pfad etwas Erholung bieten, aber auch fotogene, architektonische Kontraste:

Nachdem uns ein Vater mit seinem verhaltensauffälligen und laut schreienden Sohn entgegengekommen ist, fällt uns ein Häuserkomplex mit interessantem Fassadenschmuck auf, in dem sich u.a. ein sozialpädiatrisches Zentrum befindet. Die Cooperative Mensch eG bietet verschiedene Wohn‑ und Assistenzangebote für Menschen mit Behinderungen an. Die Angebote reichen von ambulanter Assistenz in der eigenen Wohnung – mit sozialpädagogischer Begleitung und praktischer Unterstützung im Alltag – bis zu gemeinschaftlichen Wohnformen mit 3–7 Personen. Wir sind uns einig, dass wir den Hut ziehen vor den Menschen, die eine so wichtige Arbeit leisten!

Gartenkolonien sind hier überall, wir hangeln uns entlang an der KGA Neues Leben und stehen kurz danach auf dem Uferweg des Teltowkanals.

Am liebsten würden wir hier in dieser Idylle bleiben und ihm folgen, aber vorher müssen wir noch auf der Wismarer Straße die Eugen-Klein-Brücke überqueren und ein Stück Ostpreußendamm bis zum Ortseingang Teltow laufen. Hier winken uns nach langer gastronomischer Durststrecke gleich zwei Einkehrmöglichkeiten. Meistens bleibe ich standhaft, doch heute gönnen wir uns eine Pause in einem Eiscafé.

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch im Freien und genießen Kaffee, umgeben von blühenden Blumen und einer sonnigen Umgebung.

Aber dann kommt unvermutet ein Erlebnis auf uns zu, von dem wir noch lange schwärmen werden. Auf den Lichterfelder Grenzlinien balancierend, sticht uns an einem ehemaligen Möbelhaus der Schriftzug ins Auge: „MoD – MALL OF DESIGN“. Juchhu! Shoppen! Es bedarf nicht vieler Worte, wir sind uns einig: Da gehen wir rein!

Fassade der Mall of Design in Berlin mit einem großen weißen Schild.

Über eine kleine Brücke betreten wir ein weitläufiges Paradies der Inneneinrichtung und werden von zwei freundlichen Mitarbeitern, die an einer Art Bar stehen, quasi per Handschlag begrüßt. Außer uns scheint sich niemand weiter in der Halle aufzuhalten, dafür bekommen wir die volle Aufmerksamkeit und von Volker Linnig eine einstündige Führung durch zwei Etagen Ausstellungsfläche. Er erklärt uns das Konzept der Mall of Design, das nichts mit einem Geschäft zu tun hat, in dem man sich Waren zum Direktkauf aussuchen kann. Es ist eher ein Showroom für Innenarchitektur und Design. Auf 10.000 Quadratmetern präsentieren sich nationale und internationale Hersteller aus der Interior‑Design‑Szene. Die Produktpalette reicht von Wand‑, Boden‑ und Deckenmaterialien über Licht, Bauelemente, Möbel, Küchen und Bäder bis hin zu Office‑Ausstattung, Outdoor‑Bereichen, Wellness, Kunst und Dekoration. Man bekommt einen umfassenden Überblick über Materialien, Möbel und technische Lösungen und kann sich inspirieren lassen. Das Konzept besteht darin, Hersteller, Designer, Innenarchitekten und Kunden zusammenzubringen.

Das nötige Kleingeld vorausgesetzt, würde es schon reichen, wenn ich aus einer Palette verschiedener Farbzusammenstellungen eine auswähle und sage: „In diesen Farbtönen soll mein Wohnzimmer neu gestaltet werden.“ Und schon setzt sich die Maschinerie in Gang bis hinter meine Wohnungstür, während ich eine Woche Urlaub mache und danach alles fertig ist. Ein Traum! Volker Linnig ist selbst so begeistert von der Geschäftsidee der MoD, dass er uns fast jedes Möbelstück mit technischen Raffinessen vorführt. Hier steht nichts zufällig an seinem Platz. Es gibt sogar für kleine Wohnflächen die Möglichkeit, durch Drehen der Grundfläche aus der Küche z.B. ein Wohnzimmer zu machen.

Marita und ich richten schon im Geiste unsere Wohnungen neu ein einschließlich Balkon und schwelgen in den außergewöhnlichen Design-Ideen. Träumen darf man ja!

Ein weiteres Puzzleteil des MoD-Konzeptes besteht im Kochen für oder mit Gruppen. So gibt es z.B. ab und zu Abende, die unter dem Motto „Single-Kochen“ stehen – eine gute Möglichkeit, sich kennenzulernen. Auch ein Betriebsausflug dorthin wäre denkbar. Zu solchen Events ist die Begehung der Ausstellungsflächen natürlich auch möglich und erwünscht.

Nun müssen wir aber weiter, denn unsere Tagestour ist noch nicht beendet und die Sonne lockt uns wieder ins Freie. Entlang des Ostpreußendamms laufen wir bis Teltow, gehen durch die dortige Paul-Gerhardt-Straße kurz fremd, um wieder zum Teltowkanal zu gelangen. Der Uferweg ist gleichzeitig der Mauerweg, ein Gedenkschild erinnert an Klaus Garten, der hier bei seinem Fluchtversuch erschossen wurde. Als wäre das nicht schon schlimm genug, wurde seine Witwe von der Stasi verpflichtet, nur die nächsten Angehörigen über die Umstände seines Todes zu informieren. Allen anderen gegenüber musste sie behaupten, er wäre bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Zurück über die Brücke, bleiben wir am Teltowkanal, der hier die Grenze zwischen Brandenburg und Berlin darstellt, um zur Straße Am Stichkanal zu gelangen.

Diesen Weg könnten wir nun bis zum Teltower Damm und weiter laufen und er würde uns auch über eine große Fußgängerbrücke über den Zehlendorfer Stichkanal führen, aber die Straße hat anderes mit uns vor. Sie biegt ab vom Wasser und führt vorbei an Müll, kaputten Autos, merkwürdigen Betrieben und den Kleingartenanlagen „Am Stichkanal“ und „Teltower Seeboden“ in Richtung Goerzallee, am Ende sogar ein bisschen bergauf. LKWs rasen an uns vorbei und wirbeln so viel Staub auf, dass wir langsam mit unserer Umgebung diffundieren.

Meine Hoffnung besteht ja darin, irgendwie noch an den Stichkanal heranzukommen, wenn die Straße nun schon so heißt. Aber immer wieder werden wir von Zäunen, Gärten und Firmengeländen ausgebremst. Es ist komisch, ihn in Wurfnähe zu wissen, ihn aber nicht zu sehen. Die einzige Chance, ihn zu Gesicht zu bekommen, wäre vermutlich, wie schon beschrieben, den Uferweg des Teltowkanals weiterzugehen. An der Stelle passt es vielleicht, kurz auf die Geschichte des Teltow- und Stichkanals einzugehen.

Der Teltowkanal wurde zwischen 1900 und 1906 erbaut und erstreckt sich über eine Länge von 38,39 Kilometern. Der erste Spatenstich fand im Dezember 1900 in Babelsberg statt, und die offizielle Eröffnung des Kanals erfolgte am 2. Juni 1906, an der Kaiser Wilhelm II. teilnahm. Zu Beginn stieß das Projekt auf erheblichen Widerstand. Für den westlichen Abschnitt des Kanals nutzte man weitgehend das Bett des Bäkefließes, der früheren Telte, die vom Fichtenberg in Steglitz bis zum Griebnitzsee verlief. Auch die Lanke, die Lankwitz ihren Namen gab, wurde in das Kanalbett einbezogen. Der Kanal wurde als Großprojekt des Kreises Teltow unter der Leitung von Landrat Ernst von Stubenrauch realisiert, der eine entscheidende Rolle bei der Planung und Umsetzung des Projekts spielte. Der Teltowkanal verbindet die Spree-Oder-Wasserstraße mit der Unteren Havel-Wasserstraße und dient als wichtige Schifffahrtsroute, die eine Südumgehung Berlins ermöglicht. Der Kanal hat nicht nur die Schifffahrt erleichtert, sondern auch zur Entwicklung neuer Siedlungsflächen für Wohnen und Industrie beigetragen. Ursprünglich befand sich hier der Teltowsee und der Stichkanal ist noch ein Rest davon.

Wer sich mehr dafür interessiert, dem empfehle ich dieses Video.

Auf jeden Fall sind am Teltowkanal viele Wanderungen möglich. Auf der Webseite ich-geh-wandern.de sind einige schöne Routen aufgelistet.

Nach all dem Schmutz, Lärm und Staub taucht am Wegesrand hinter einem Gartenzaun eine Siedlung auf, die uns das Gefühl gibt, in eine völlig andere Gegend und Zeit gebeamt worden zu sein.

Entlang einer kleinen Straße – einer Sackgasse – reihen sich mehrere fast identische Häuser rechts und links aneinander. Komischerweise stehen bei allen Häusern rechterhand die Haustüren offen, die auf der gegenüberliegenden Seite sind hingegen abgeschlossen. Aber sie sind auf jeden Fall bewohnt. Was hat es mit diesem Gelände auf sich? Ich bringe in Erfahrung, dass es sich hier um die ehemalige Werksiedlung Optische Anstalt C.P. Goerz handelt. Sie wurde 1920-1922 nach Entwürfen des Architekten Albert Paeseler gebaut. Carl Paul Goerz verfolgte eine Strategie der Personalbindung. Er führte in seinem Werk bereits 1894 den achtstündigen Arbeitstag ein und bezahlten Erholungsurlaub. Dazu passt, dass er seinen Angestellten auch angemessenen Wohnraum zur Verfügung stellte. Das war die zweite überraschende Entdeckung heute.

Nun bleiben noch zwei Straßen übrig, die wir nur mit digitaler Unterstützung finden – den Lichterfelder und den Drei-Zinnen-Weg. Auch sie führen durch und zu Kleingartenanlagen und lassen hin und wieder ein Haus erahnen.

Doch ein Hausbesitzer war offenbar bemüht, die architektonischen Defizite seiner Unterkunft durch eine sehr spezielle Namensgebung auszugleichen:

Auch das ist Lichterfelde. Wir nehmen den nächsten Bus und machen uns auf den Heimweg.

Ein pinkes Schild mit der Aufschrift 'STOP' und 'Shops wieder offen! Baustelle fast vorbei!' in einem Bahnhof, umgeben von bunten Blumen.

Am Bahnhof Friedrichstraße werden wir mit üppigem und sogar echtem Blumenschmuck begrüßt. An allen Treppen sind mannshohe, aufwendig gestaltete Bouquets aufgestellt. Die meisten eilen achtlos daran vorbei, aber ich finde sie – mal abgesehen vom Zweck – einfach wunderschön. So macht Reisen Spaß! Und passend dazu möchte ich verkünden, dass ich in den nächsten drei Wochen nicht in Berlin bin, weil ich Urlaub habe. Natürlich Wanderurlaub! Ich werde mich gemeinsam mit meinem Sohn von Garmisch-Partenkirchen nach Meran bewegen. Wer möchte, kann uns hier dabei folgen, denn auch meine Langstreckenwanderungen dokumentiere ich sehr gerne in gewohnter Weise – mit Humor und vielen Fotos. Danach verbringe ich noch eine Woche gemütlich und inaktiv in Brandenburg. Am 11. Juni gehts in Berlin weiter mit einer Tour zwischen Teltowkanal, Gärtnerstraße, Lankwitzer / Morgensternstraße und Wismarer Straße, wieder in Begleitung.