Menorca

Donnerstag, 09.05.2019

Die Küchenschränke sind ausgewaschen, Fenster geputzt, Staub gewischt und gesaugt, die Wäsche liegt gebügelt im Schrank – nun kann der Mutter-Kinder-Urlaub beginnen! Wir treffen uns in Tegel, jeder ist tatsächlich zur vereinbarten Zeit vor Ort und ganz entspannt checken wir ein.  Neu ist, dass man keinen Beleg mehr für das Gepäck bekommt, was uns ein bisschen irritiert, aber wir werden beruhigt: „Es ist alles im System gespeichert!“ Geht ja auch alles gut. Nebenbei teilt uns Wolfram mit, dass Maria Geburtstag hat. Ich wundere mich ein bisschen über diese Info. Was will er mir damit sagen? Doch als er wenig später hinterherschiebt, dass sie schon in Menorca am Flughafen ist, muss ich dann doch nachfragen: „Habe ich was verpasst?“ Irritiert und verwundert starren mich meine Kinder an – unsicher, ob die Frage jetzt ernstgemeint war. Als sie merken, dass meine Ahnungslosigkeit nicht gespielt ist, schütteln sie befremdet den Kopf. Maria, übrigens eine gute Freundin von Wolfram, die in Madrid lebt, würde für einen Kurzurlaub bis Sonntag bei uns in der Ferienwohnung bleiben. „Du hast selbst zugestimmt, als ich euch gefragt habe!“, erfahre ich. Georg bestätigt das und tatsächlich ist in unserem WhatsApp-Chat zu lesen: „Freue mich immer, eure Freund*innen kennenzulernen…“ Aber das war am 15. November!!! Dann weiß ich das doch jetzt nicht mehr! Beschäftigen tuts mich aber schon insgeheim, dass ich eine solche nicht unwichtige Information auf meiner Festplatte gelöscht habe.

Mittlerweile sitzen wir im Flieger und warten darauf, dass wir in die Lüfte entschweben, als der Flugkapitän aus dem Cockpit in den Passagierraum tritt und uns die Nachricht überbringt, dass wir leider erst in 2,5 Stunden starten können, da die französischen Fluglotsen streiken und die Flugzeuge nur nach und nach über den französischen Luftraum fliegen dürfen, wir uns also in einer imaginären Schlange anstellen müssen. Erfahrungsgemäß könne das auch schneller gehen, aber wir müssten abwarten und das Beste draus machen, um die Zeit zu überbrücken. So könnten z.B. Eltern mit ihren Kindern gerne mal nach vorne ins Cockpit kommen und sich dort alles erklären lassen, was dann auch einige machen. Das Flugzeug zu verlassen, ist ja nicht mehr möglich. Toll. Die Stewardessen geben sich unglaublich viel Mühe, alle bei Laune zu halten in dieser Zwangsgemeinschaft, verteilen Getränke und humoristisch verpackte Infos. So vergeht die Zeit relativ schnell mit Lesen, Dösen, entfesselten Kindern  beim Toben zuschauen, bis plötzlich ein Passagier aufgrund eines klaustrophobischen Anfalls verlangt,  das Flugzeug verlassen zu dürfen. Dem muss stattgegeben werden, was allerdings einiges an organisatorischem und meldungspflichtigem Aufwand nach sich zieht. Als er dann endlich draußen ist, muss sämtliches Gepäck kontrolliert werden – Vorschrift – denn es könnte ja sein, dass er eine Bombe an Bord geschmuggelt hat. Weil wir allerdings  mittlerweile in der Warteschlange ziemlich weit vorne stehen, muss das sehr schnell vonstatten gehen, sonst müssen wir uns wieder hinten anstellen, wenn die Hausaufgaben nicht ordnungsgemäß erledigt sind. Dann ist es endlich soweit! 2,5 Stunden später steigt das Flugzeug in die Luft und bringt und nach einem ebenso langen Flug sicher an unser Ziel.

Das Gepäck ist schnell gegriffen und ab nach draußen ins Freie bei 20 Grad Lufttemperatur und Sonne. Herrlich! Dort steht auch Maria, die wir und insbesondere ich herzlich begrüßen. In ihrer erfrischenden Art kommen wir gleich ins Gespräch, das eigentlich bis zum Abend nicht mehr zum Stillstand kommt. Ein Shuttle bringt uns zur Autovermietung. Die Wartezeit für die üblichen Formalitäten und eingehender Fahrzeugmängelkontrolle durch Wolfram überbrücken Georg und ich mit der Aufrechterhaltung des Gedankenaustausches mit Maria über Sinn und Unsinn von ausgeübten Tätigkeiten am Arbeitsplatz. Dabei erfahre ich, dass sie ein Sprachengenie sein muss. Sie beherrscht Spanisch, Englisch, Schwedisch, Dänisch, Norwegisch und wohl bald auch Portugiesisch. Vielleicht sogar noch mehrere.  Wahnsinn! Ich kann noch nicht mal eine andere Sprache vernünftig sprechen! Wir steigen nun in den Mietwagen (ein Ford) und durchqueren die Insel einmal von rechts nach links, um nach Ciutadella zu gelangen. Das sind ca. 40 km durch eine recht unaufgeregte Landschaft, eine Mischung aus Rhön, Mecklenburg und Irland.. Leicht hügelig, grün, durchzogen von vielen Feldsteinmauern, hin und wieder ein Haus. Georg hatte in einem Reiseführer gelesen, Menorca wäre ideal zum Erholen, weil es keinen Zwang gibt,  möglichst viele Sehenswürdigkeiten abklappern zu müssen, da es einfach keine gibt. Nur Natur. Perfekt! Wir haben auch das Gefühl, auf der Fahrt schon alles gesehen zu haben. Bleibt also noch die Küste (immerhin 300 km) und unser Wohnort, der als absolut schöne Stadt gepriesen wird. Die Ferienwohnung ist relativ schnell gefunden und auch die Zimmerbelegung unkompliziert geklärt. Wir inspizieren alles ausführlich und stellen fest, dass Fotos und Realität nicht so ganz übereinstimmen, aber wir sind zufrieden.

Da in den Küchenschränken außer Kaffee keinerlei Vorräte zu finden sind, gehen wir als erstes einkaufen. Supermärkte im Ausland sind immer sehr interessant, finde ich, da es dort Lebensmittel gibt, denen man nicht ständig begegnet. Doch hier siehts aus wie bei Edeka, nur die großen Schinken an der Fleischtheke fehlen in Deutschland. Reich bepackt wanken wir zu unserer um die Ecke gelegene Ferienwohnung.

Kurzer Aufenthalt, dann gehen wir essen. Maria lädt uns ein. Auf dem Weg zum Lokal ihrer Wahl bekommen wir einen ersten, stimmungsvollen Eindruck von  Ciutadella mit seinen verwinkelten Gassen, vielen Kirchen, noblen Geschäften und Georg und ich freuen uns darauf, morgen bei Tageslicht alles genauer zu erkunden.

Wolfram und Maria planen eine Radtour. Mit vollen Bäuchen fallen wir aber nun erst mal in unsere bequemen Betten und träumen von einem wunderschönen Urlaub.

Freitag, 10.05.2019

Nachdem ich mich gestern Abend  mit der Bettllaken (-decken) – Einstecktechnik arrangiert hatte, muss ich wohl sofort tief und fest eingeschlafen sein. Beim nächsten Blick auf die Uhr ist es plötzlich morgens 7 Uhr. Da ich gestern absolut nicht mehr in der Lage war, noch einen vernünftigen Satz  zu formulieren, bin ich sehr froh über mein zeitiges Erwachen. Im Haus herrscht noch Ruhe, obwohl theoretisch Maria schon zugange sein müsste. Sie hatte gestern erzählt, dass sie Frühaufsteherin wäre, weswegen wir alle im Geiste die Frühstücksvorbereitungen vertrauensvoll in ihre Hände gelegt hatten. Um so besser, dass alle noch ruhen, so kann ich mich ohne schlechtes Gewissen auf meinen Tagebucheintrag konzentrieren, für den ich sage und schreibe 1,5 Stunden brauche. Immer noch dringt keinerlei Geräusch aus der Küche hoch zu mir. Perfekt, dann erst einmal duschen, cremen, salben, stylen, anmalen. Leider entstellt mich mal wieder meine Allergie. Um mein sackartig hängendes linkes Auge ziehen sich tiefe Gräben und es juckt entsetzlich. Wenn ich anderen gegenüber jammernd und klagend den Grund für mein 80jähriges Erscheinungsbild zum Besten gebe, werde ich meist milde lächelnd und halbherzig bedauert, so dass ich sehr deutlich heraushöre: „Finde dich doch endlich damit ab, dass du alt bist!“ In solchen Momenten wünsche ich mir eine Burka. Ich versuche, meine Befindlichkeiten zu ignorieren und schleiche um 9 Uhr nach unten, vorbei an fest verschlossenen Schlafzimmertüren mit meinen noch fester dahinter schnarchenden Mitmenschen. Dann bin ich wohl heute dran mit Frühstück zubereiten. Ich füge mich seufzend in mein schweres Los. Kaum fertig, kommt Maria mit kleinen Äuglein angeschlurft. Wir knüpfen nahtlos an den durch Schlaf unterbrochenen Gesprächsfaden an und sind im Nu vertieft in noch tiefsinnigere Themen, von Wolframs Kindheit über Männer und Frauen im Allgemeinen, Religion, Kinderkriegen, Politik, Lesetipps, Marias Familienkonstellation bis hin zu Gendern in Schrift und Sprache. Nach und nach trudeln auch die beiden Jungs ein und nun wird erst einmal gemütlich und ausgiebig gefrühstückt. Wir beschließen, zusammen die Stadt zu erkunden und machen uns gegen 11.30 Uhr auf die Socken. Da aber Maria ebensolche vergessen hat und welche kaufen will, Georg Schürsenkel braucht und mich der Schuhladen gegenüber interessiert wegen der typischen menorcinischen Sandalen, beginnen wir nach 10 Metern mit shoppen. Dann schlendern wir weiter vorbei an wunderschönen Häusern durch die Altstadt in Richtung Wasser. Wir fühlen uns wie in Berlin, denn überall wird gebaut. Aber es gibt auch ruhige Ecken, von Tourismus keine Spur. Alles geht sehr entspannt zu und die Menschen sind total freundlich.

Mit fällt ein, dass ich Briefmarken und Postkarten brauche. Wolfram bringt mir die Marken aus einem Tabakladen mit. Er soll 30 Stück kaufen. Natürlich macht er große Augen. 30? Sicher? Aber noch mehr wundert sich der Verkäufer. Mehrmals vergewissert er sich, ob er das richtig verstanden hat. Vielleicht doch 3? Oder 13? Stolze 42 € kostet der Spaß.

Dann kommt auch das Wasser in Sicht. Mit einem unglaublich intensiven Blau begrüßt uns zunächst eine Bucht, die am Horizont ins Mittelmeer mündet. Im Hafen schaukeln Yachten in Größenordnungen, die einem den Mund offen stehen lassen. Wunderschöne Villen säumen den Weg. So lässt es sich leben! Und immer wieder bieten sich die Fotomotive geradezu an. Burgen, Denkmäler, im Gras dahingestreckte müde Männer.

Die Sonne scheint sehr intensiv, Durst nach etwas anderem als Wasser meldet sich bei Maria und wie herbeigewünscht stehen wir vor einem Lokal, in dem wir uns niederlassen auf eine  Flasche Weißwein (Schorle). Die Bestellung geht uns locker von der Hand, schön, wenn man jemanden dabei hat, der die Landessprache beherrscht.

Die Fortsetzung unseres Weges führt uns an einer Badestelle vorbei, an der wir unsere Füße erfrischen und die Wassertemperatur testen. Geht eigentlich. Vielleicht gehen wir ja nochmal in dieser Woche baden. Wir schlendern zur Ferienwohnung, snacken eine Kleinigkeit, machen Siesta (außer mir), die durch das heftige Zuschlagen meiner Zimmertür ein lautstarkes Ende findet. Wird ja auch Zeit, denn mittlerweile ist es 18:30 Uhr. Wolfram und Maria mieten sich für morgen noch schnell Fahrräder und danach gehts auf zur felsigen Küste, wo wir mit einer Flasche Wein dem Sonnenuntergang entgegen sehen. Sehr stimmungsvoll! Im Hintergrund der Leuchtturm, direkt unter uns ein Angler, dessen Bewegungsabläufen etwas Meditatives anhaftet.

Nun aber los zu dem Restaurant, wo Maria zuvor telefonisch für uns Plätze auf der Terrasse reserviert hatte. Wolfram sprintet vorneweg als Navigator, wir hecheln hinterher, ahnungslos, wo wir uns gerade befinden. So ist das immer – ist man nicht selbst verantwortlich für die Orientierung, trabt man einfach planlos hinterher. Schließlich landen wir an dem schönen Platz vor dem Rathaus und bekommen wie gewünscht einen Tisch auf der Terrasse mit herrlichem Blick auf den Hafen. Selbst auf der Klobrille hockend bietet sich ein stimmungsvoller Eindruck vom nächtlichen Ciutadella.

Unser Essen ist sehr übersichtlich, wie man so schön sagt, aber ausgesprochen lecker! Ich bestelle Käsebomben, die letztendlich Bömbchen sind, also Käsebällchen. Leider viel zu schnell alle. Beim Wein gibt es kleine Irritationen. Maria versucht dem Kellner zu beschreiben, welche Geschmacksrichtung wir mögen und bittet um Beratung. Daraufhin liest er ihr die Weinkarte vor, was uns auch nicht so richtig weiterbringt. Aber die Flasche, auf die die Wahl dann fällt, ist hervorragend. Nach einer Rechnung von etwas mehr als 100 € entdeckt Wolfram, dass ein Glas Wein zuviel berechnet wurde. Was nun? Reklamieren wir? Georg stöhnt. Als ob es darauf nun noch ankommt. Wolfram ist aber der Meinung, dass er das richtigstellen muss und tut das dann auch. Wir bekommen 3 € entschuldigend zurückerstattet.

Nun denn, es ist mittlerweile fast Mitternacht und wir schlendern zurück in unsere Ferienwohnung. Natürlich mit Sonnenbrille auf der Nase!

Dort hat der Geschirrspüler seine Arbeit auch erledigt und es finden sich zwei Fleißige, die ihn ausräumen. Natürlich muss das hier auch dokumentiert werden, wenn auch verschwommen.

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Georg und ich verabschieden uns in unsere Betten, die anderen beiden widmen sich noch einer weiteren Flasche Rotwein. Auf dass wir alle gut schlafen und energiegeladen in den neuen Tag starten können!

Samstag, 11.05.2019

Heute läuft alles wieder in geordneten Bahnen. Als ich so gegen 9 Uhr in der Küche erscheine, sitzt Maria schon am gedeckten Terrassentisch. Naja, so ein paar Feinheiten wie Teller, Messer, Butter und Honig muss ich noch nachbessern, aber ich will ja nicht meckern. Man darf das Engagement nicht gleich wieder durch Kritik im Keim ersticken, sondern durch Lob die Motivation ankurbeln. Das mache ich dann auch. Heute dreht sich unser Gespräch zum Morgenkreis um Depressionen und Antidepressiva, um die alles infrage stellenden und um sich selbst kreisenden Zweifler und Egomanen, um die ewig mit ihrem Leben Unzufriedenen.

Gegen 10 Uhr tauchen auch Wolfram und Georg auf. Nach dem Frühstück trennen sich unsere Wege. Wolfram und Maria schmeißen sich in ihr sportliches Radler-Outfit und erkunden den Nordwesten Menorcas. Georg und ich nehmen das Auto und fahren ca. 25 km zur Inselmitte nach Es Migjorn Gran, um von dort aus einen vielgelobten Höhlen-Wanderweg zu beschreiten. Nach einer sehr entspannten halbstündigen Autofahrt stellen wir das Auto im Ort ab und suchen den Wegeinstieg, was uns dank Georgs Marco-Polo-App auch fast mühelos gelingt. Anfangs gehts einen typischen, von Feldstein-Mauern gesäumten Weg entlang, rechts und links von privaten, aber naturbelassenen und unbebauten Grundstücken gesäumt. Außer Natur, Ziegen und einer kleinen Schildkröte gibt es nichts, was das Auge ablenkt. Wir kommen an einen Abzweig, der uns nun auf steinigem schmalen Weg in eine Schlucht hinunterführt. Uns schnaufen etliche ältere Wanderer (so in meinem Alter) entgegen in typischer Touristen-Safari-Kleidung, die dort herkommen, wo wir hinwollen. Die Landschaft ist äußerst abwechslungsreich, hügelig, felsig, grün und blütenbunt. Erklärtafeln geben dem Wanderer interessante Informationen zu botanischen und geologischen Besonderheiten. Die Fotofunktion meines Handys wird arg strapaziert:

Wir nähern uns dem absoluten Highlight der Strecke – einer riesigen Höhle namens Cova de es Coloms, die jetzt im Frühjahr einer Vielzahl von Vögeln als Brutstätte dient. Sie hat eine Höhe von 24 Metern, ist 11 Meter lang und 15 Meter breit. Man hat dort Reste aus der prähistorischen Epoche namens Talaiot (Steintürme) gefunden. Bei dem Anblick und erst recht beim Betreten der Höhle erfasst uns eine tiefe Ehrfurcht vor der mit Händen greifbaren Mystik, die von diesem Ort ausgeht.

Wir laufen weiter über Stock und Stein und nähern uns der Küste, die uns aus der Ferne schon mit dem leuchtenden Blau des Meeres zuwinkt.

Nun eiern wir durch weichen, ockerfarbenen Sand oberhalb des Strandes entlang, der schon gut bevölkert ist mit brutzelbraunen Menschen, aber keinesfalls überfüllt. Kleine Buchten laden dazu ein, es sich dort ganz separiert gemütlich zu machen. Und immer wieder staunen wir über dieses intensive Blau des Wassers und genießen das Rauschen des Meeres.

Immer mehr Strandurlauber kommen uns entgegen aus Santo Tomás, dem Wendepunkt unserer Wandertour. Wir beschließen, eine Erfrischungspause in einem der zahlreichen Restaurant einzulegen, bestellen Wasser, Cola, Salat und ein Nudelgericht. Die Portionen sind minimalistisch und eher als Snack zu bezeichnen, aber sehr schmackhaft. Leicht gestärkt, brechen wir auf zur Rücktour. Zunächst am Strand entlang wieder zurück auf den Höhlenweg, vorbei an einem gruselig tiefen Brunnen, dessen Boden die Handytaschenlampe nicht erfassen kann.

Nun gehts eine ganze Weile über einen steinigen Pfad konsequent aufwärts, was nicht verwunderlich ist, denn wir müssen ja wieder hoch zum Ausgangspunkt und gelangen schließlich an eine Stelle, an der sich der Kreis des Rundweges schließt.

Auch die Fahrt zurück nach Ciutadella ist dermaßen easy, dass ich in Kombination mit Georgs chilliger Musik, die er übers Autoradio abspielt, Gefahr laufe, wegzudriften. Hier ist Autofahren absolut keine Herausforderung. Niemand hupt, keiner drängelt oder wirkt in irgendeiner Form genervt. Herrlich.

Wolfram und Maria sind auch zurück und haben wie wir eine Dusche nötig. Maria hängt etwas in den Seilen, was ich sehr gut nachvollziehen kann, denn ich weiß, wie es ist, mit Wolfram Fahrrad zu fahren. Einmal war ich so verrückt, mich darauf einzulassen und hatte nach 5 km meine Leistungsgrenze erreicht. Deswegen hat Maria meine vollste Bewunderung!

Obwohl es mittlerweile 17 Uhr ist, sind plötzlich alle in ihren Separees verschwunden und ruhen. Ich nutze diese Zeit ohne Beobachtung und putze ein bisschen die Küche und fege die Terrasse, ohne mir spöttische Kommentare anhören zu müssen. So weit ist es schon, dass ich nur noch heimlich meiner Leidenschaft nachgehen kann. Wenn ich schon nicht abwaschen kann, denn die Spülmaschine funktioniert leider dieses Mal im Gegensatz zu der auf Madeira letztes Jahr.

Gegen 19 Uhr sind alle wieder fit. Wir fahren einkaufen zu einem Real-ähnlichen Supermarkt. Der Bezahlvorgang zögert sich etwas hinaus, da ich zuerst die falsche Geheimzahl eintippe, beim zweiten Versuch zu langsam bin (time out) und beim dritten zu schnell. Die Kassiererin zeigt milde lächelnd viel Geduld und auch die Kunden hinter mir scheint das nicht im Geringsten zu stören. In Berlin rollen ja alle schon mit den Augen, wenn man mit Kleingeld eine runde Summe herzustellen versucht und dadurch die Herausgabe des Wechselgeldes zwei Sekunden länger dauert. Zum Abschluss des Tages entscheiden wir uns für den Gang zum Italiener, denn fast alle gelüstet es nach Pizza. Wieder in der Nähe des Rathauses kehren wir ein und werden mit wagenradgroßen Portionen versorgt. Endlich mal so richtig satt essen! Ich bin mit meinem gegrillten Gemüse eher fertig und fange schon mal an, meine 30 Postkarten zu schreiben. Und nun freuen wir uns auf morgen!

PS: Wer bis hierhin durchgehalten hat, für den sei auf Anmerkung Wolframs eine kleine inhaltliche Korrektur hinzugefügt. Dass es überall Baustellen gibt, noch dazu vergleichbar mit Berlin, war natürlich übertrieben. Ich nenne das künstlerische Freiheit, aber zugegebenermaßen verfälscht diese in künstlerischer Freiheit ausgeschmückte Darstellung das Bild von Menorca.

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Sonntag, 12.05.2019

Muttertag! Maria ist die Erste, der ich heute begegne und sie gratuliert mir quasi stellvertretend. Dann kommt Georg hinzu, den ich dezent an meinen Ehrentag erinnern muss. Wolframs erste Worte an diesem Morgen lauten hingegen unaufgefordert: „Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag!“ So muss das sein. Ich schreibe am Frühstückstisch noch meine 30 Postkarten und grüße meine Kolleginnen und Kollegen aus Mallorca. Da merkt man, dass ich so tief im Urlaubsmodus versunken bin, dass ich noch nicht einmal mehr weiß, wo ich mich gerade befinde!

Heute unterliegen wir einem Termindruck, was eine enorme Umstellung für uns tiefenentspannte Urlauber bedeutet. Maria muss um 13 Uhr am Flughafen sein, denn ihr Kurztrip nach Menorca neigt sich dem Ende entgegen. Sie muss morgen wieder an ihrem Arbeitsplatz in Madrid erscheinen, während wir uns krampfhaft versuchen, daran zu erinnern, was das bedeutet, arbeiten zu gehen. Nach ein paar Minuten ziehen wir mit dem Frühstückstisch um von der Terrasse in die Küche, weil es uns draußen zu kalt ist. Es pfeift uns ein heftiger Wind um die Ohren.

Bevor wir dann Richtung Maó fahren, machen wir noch einen Abstecher Richtung Leuchtturm nördlich von Ciutadella. Die Gegend sieht hier völlig anders aus. Alles Grüne ist einer Mondlandschaft gewichen, hinter der üblichen Feldsteinmauer sieht man hier und da Steinhaufen oder runde, ebenfalls aus Feldsteinen erbaute pyramidenähnliche Gebilde. Das sind Unterschlupfmöglichkeiten für die Schafe und Ziegen, wie wir später ermitteln. Wir nähern uns der Küste und biegen ein auf einen Parkplatz, auf dem schon einige Autos stehen, aus denen sich Urlauber herauskämpfen, dem heftigen Wind trotzend. Dieser teils verzweifelte Anblick und die fortgeschrittene Stunde hält uns davon ab, es ihnen gleichzutun. Wir hätten gerade noch Zeit, ca. 200 Meter zum Leuchtturm zu laufen, um sofort wieder umzukehren. Also bleiben wir einfach sitzen und bringen Maria nun auf direktem Weg zum Flughafen. Nach der Verabschiedung fahren wir dort in die City, um auch die Hauptstadt einmal kennenzulernen. Auf schmalen Straßen finden wir ein Parkhaus mit einer sehr platzsparenden Zufahrt und begeben uns nun auf unseren Stadtspaziergang. Zunächst sehen wir von einer Balustrade aus den in allen Reiseführern als bemerkenswert hervorgehobenen Naturhafen, müssen aber aufpassen, dass es uns nicht übers Geländer wedelt. Weiter gehts entlang einer in Wolframs Reiseführer vorgeschlagenen Route zu zwei Parks, die uns allerdings nicht so richtig überzeugen können. Für mich natürlich besonders interessant ist die Bibliothek, die auch sehr gut ausgeschildert ist.

Wir wandern durch niedliche Gassen und schmale Straßen und haben relativ schnell das historische Zentrum mit seinen vielen Kirchen, interessanten Denkmälern und Gott sei Dank überwiegend geschlossenen Läden ausgekundschaftet.

An einem geöffneten Schuhgeschäft komme ich allerdings nicht vorbei. Zum Glück gibt es die Schuhe meiner Wahl nicht in meiner Größe, aber dafür in Miniaturausgabe als Kühlschrankmagnet und Schlüsselanhänger. „Nimm uns mit!“, flehen sie mich an und ich erhöre ihre Bitte. Jetzt wäre ein Kaffee nicht schlecht, finden wir und lassen uns am zentralen Platz der Hauptstadt in einer Cafeteria nieder, wo ich den besten Kaffee trinke, seitdem ich auf der Insel bin. Auch eine Kleinigkeit zu essen bestellen wir und Georg bezahlt. Auch mal schön.  Wolfram erfährt unterdessen, dass Marias Flug überbucht war und sie nicht mitgenommen wurde. Nun muss sie bis heute Abend warten auf den nächsten Flieger. Ganz schön ungerecht, finden wir. Sie bekommt zwar eine finanzielle Entschädigung, aber trotzdem ist das ein zwar übliches, aber unmögliches Geschäftsgebaren der Fluggesellschaften.

Wir verlassen Maó, von dem wir nun alles Wichtige gesehen haben und fassen den höchsten Berg Menorcas El Toro mit 357 Metern Höhe ins Visier. Natürlich mit Auto. Auch dort oben wedelt der Wind ordentlich. Die Aussicht ist fantastisch. Ganz Menorca scheint uns zu Füßen zu liegen und wir können manche geografische Gegebenheit jetzt erst richtig erfassen. Der Berg dient mit einem riesigen Mast als Sendestation, im Mittelalter stand hier eine Einsiedelei. Später kamen die Augustiner-Mönche und bauten ein Kloster, und dann gabs die Franziskaner, heute Franziskanerinnen. Der Ort gilt als heilig und man darf nicht mit entblößten Armen die Kirche betreten. Auf dem Vorplatz steht eine riesige Christus-Statue, die schützend ihre Arme ausbreitet. Schon beeindruckend.

Weiter gehts zum nächsten Berg mit einer Kapelle, die mir schon immer beim Vorbeifahren zugewunken hat. Dieses Mal bestehe ich aber darauf, hochzulaufen. Ich brauche Schritte! Ein Parkplatz unterhalb ist schnell gefunden, der Einstieg zum Weg nicht so schnell, aber mit vereintem Navigieren schaffen wir auch das. Wolfram stürmt vorneweg, gefolgt von Georg und hat vermutlich den Rosenkranz schon vor und zurück gebetet, als ich dann auch endlich oben ankomme. Die Verzögerung ist nicht etwas einer schlechteren Kondition meinerseits geschuldet, wie der Leser nun vielleicht denken mag. Nein, es gibt bloß so viele schöne Fotomotive! Allein der steinige Weg, die rote Erde und die Ausblicke haben es mir angetan. Die kleine Kapelle oben ist herzallerliebst. Wir entdecken auch unterhalb versteckt ein kleines Haus und Georg sogar ein lauschiges Picknickplätzchen.

Wieder über Stock und Stein springend unten angelangt, fahren wir zurück in unser Ferienwohnung. Ich platziere einen Stuhl in der einzigen noch sonnigen Ecke auf der Terrasse unter der dortigen Dusche und speichere alle Energie, die mir die Sonne zu bieten hat, während die Jungs zu einem auch sonntags geöffneten Hipermarket fahren, um Zutaten für das Abendessen einzukaufen, das uns Georg anschließend knoblauchreich zaubert.

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Den Tatort schaffe ich gerade noch so, in wachem Zustand zu verfolgen, aber das wars dann auch. Keine Zeile bringe ich mehr zustande, geschweige denn, noch etwas zu lesen. Aber das Ziel für morgen steht fest: Alaior.

Übrigens – Maria ist auch endlich in Madrid angekommen. Hat ja lange genug warten müssen, die Arme.

Montag, 13.05.2019

Maria ist weg, Muttertag vorbei, das heißt – ich muss mir mein Frühstück allein zubereiten und füge mich in mein schweres Los. Ich nutze die Gelegenheit, unbeobachtet und -kommentiert die Küchenschränke etwas zu reinigen. Dann Kaffee kochen und ran ans Urlaubstagebuch. Es gab schon verzweifelte Nachfragen, wo der Bericht von gestern bleibt. Ich kann meine Fans nicht länger warten lassen und lasse den gestrigen Tag Revue passieren, als es plötzlich klingelt. Kurz darauf dreht sich der Schlüssel im Schloss und eine freundliche junge Frau stürmt mit einem großen Müllsack herein. Sie versucht, auf spanisch mit mir zu kommunizieren. Englisch kann sie nicht. Da haben wir ja was gemeinsam. Mit dem Einsatz von Körpersprache funktioniert aber die Verständigung super. Sie will die Handtücher wechseln und den Müll mitnehmen. Großartig. Vor 10 Minuten hatte ich die Handtücher in die Waschmaschine gestopft. Als sie zu verstehen gibt, dass sie die schmutzigen mitnehmen will, gebe ich ihr ein Zeichen, mir zu folgen und zeige ihr die rumpelnde Waschmaschine. Sie lacht, nickt und wechselt noch die volle gegen eine leere Mülltüte, verabschiedet sich freundlich und weg ist sie wieder. Dann haben auch die Jungs ausgeschlafen. Heute frühstücken wir gleich drin, denn es ist empfindlich kalt auf der zugigen Terrasse. Ich schreibe noch schnell meinen Bericht zu Ende und dann starten wir zu unserem heutigen Ziel Alaior, der drittgrößten Ortschaft Menorcas, bekannt durch ihren Käse und die Schuhindustrie. Passt ja auch irgendwie zusammen. Ich bin total begeistert von der Idee, dort hinzufahren, dann kann ich mir endlich die Menorca-Sandalen kaufen! Aber erst einmal schleichen wir wir frierend durch die kleinen, niedlichen Gassen und Sträßchen, die nicht breiter sind als ein Auto. Oft reicht der Platz nicht mehr für die sowieso schon schmalen Gehwege. Überall sind die Fenster und Haustüren mit Blumen geschmückt und es herrscht sonntägliche Ruhe. Hin und wieder ein Auto, wenig Menschen, gut gefüllte Cafés und auch wir lassen uns in einem nieder, als wir gefühlt alle Sehenswürdigkeiten des sehr beschaulichen Ortes gefunden und bewundert haben.

Weil wir noch ein bisschen Auslauf brauchen, schlage ich eine Wanderung zum nahelegenen und vielgepriesenen Steinbruch vor. Wolfram ist nicht direkt begeistert von der Idee, Georg schon eher. Da es sich nur um ca. 7 km handelt, fügt sich Wolfram unserem Bewegungsdrang. Der Weg löst anfangs bei niemandem Begeisterung aus und ja – mit dem Auto hätte man die ersten 2 km auf angenehme Weise überbrückt. Stimmt schon. Ich versuche argumentativ, die Vorteile des Laufens ins Bewusstsein zu rücken, doch mit der nur dadurch möglichen Wahrnehmung von Blütenformen, Eidechsen und Baumarten kann ich nicht überzeugen. Bald haben wir den Steinbruch erreicht, der schon recht beeindruckend deutlich macht, was die Menschen hier geleistet haben. Ich lese in meinem Wanderführer, dass man auf einem schmalen Pfad sogar bis an den oberen Rand laufen und von dort in den Steinbruch hinunterblicken kann. Wolfram hält das für unnötig, aber dann traben wir doch alle im Gänsemarsch hoch und treten vorsichtig an die Kante.

Nun gehts weiter auf unserem Rundweg, der uns an einer verlassenen Militärsiedlung vorbeiführt, ein Lost Place vom feinsten. Rechts gehen gruselig dunkle Gänge weit hinein in der Berg, dort wurde früher die Munition gelagert. Links verfallen die ehemaligen Quartiere der Soldaten, die von Hühnern bewohnt werden. Alles sehr spannend mit morbidem Charme.

An windgeschützten Stellen ist es nun auch schön warm, aber dann erwischt uns der kalte Wind wieder mit voller Wucht, so dass meine Ohrringe schmerzhaft meine Ohren peitschen.

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Immer wieder jammere ich rum, dass ich Schuhe kaufen will, bis Wolfram entweder der Geduldsfaden reißt oder er aus Mitleid nach dem nächsten Schuhladen googelt und ein Outlet fast in Autonähe findet. Wegen Siesta öffnet dieser aber erst in 20 Minuten, weswegen wir zunächst zur nahegelegenen Cova de En Xoroi fahren, wo sich eine Naturhöhle in den Wänden der Steilküste befindet, die zu einer Bar ausgebaut wurde. Auf den Fotos in den Reiseführern sieht das so verlockend aus! Will ich hin! An Sommerabenden ist dort Disko und tagsüber kann man gegen eine angeblich kleine Gebühr die Höhle besichtigen und die Aussicht genießen. Wolfram prophezeit scherzhaft, dass man bestimmt 10 € hinblättern muss, für den Preis würde er da nicht reingehen. Wir gehen zur Kasse und lesen: 10 €! Auch Georg findet das dann doch nicht so spannend, aber ich will das sehen und kaufe mir ein Ticket, mit dessen Erwerb einem auch ein Getränk zusteht. Und was soll ich sagen – ich habe schon lange nicht mehr so was Schönes erlebt!!! Ich kann das gar nicht so richtig in Worte fassen. Viele Komponenten spielen da rein. Die Anlage an sich: über mehrere Treppen geht es von einer Ebene zur nächsten. Auf jeder ein balkonartiger Aussichtspunkt auf das tiefblaue Meer, in dem sich das Sonnenlicht mehrfach bricht.  Überall stilvoll der Natur angepasste Sitzgelegenheiten, teils tief in den Felsen hineinreichend mit vielen Tischchen, Bänken, Hockern und Stühlen, teils direkt im Halbrund an das Geländer angeschmiegt. Hier und da ein Tresen, wo ich mir ein Glas Weißwein hole. Dazu überaus angenehme, dahinsegelnde, chillige Barmusik und das Meeresrauschen im Hintergrund. Alle, die mir begegnen, haben dasselbe selige Grinsen im Gesicht wie ich und bewegen sich zeitlupenartig. Ich bin ja grundsätzlich relativ ruhig und habe die ausgleichende Wirkung der Insel auf die Seele schon beschrieben, aber das hier setzt dem Ganzen noch eins drauf.

Selbst die Toilette mit Meeresblick verleitet zum Verweilen.

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Ich will hier nicht mehr weg! Beschwingt schwebe ich zurück zum Parkplatz, wo meine Kinder geduldig auf mich warten.

Und nun soll mein Glück gleich vervollkommnet werden durch Schuhe! Der Laden hat nun geöffnet und ich betrachte fasziniert die Auslagen. Ziemlich abgefahren, was da so angeboten wird, aber nichts für mich. Trotzdem hat sich Besuch gelohnt, denn durch eine große Glasscheibe kann man in die Produktionshalle schauen und die Herstellung der Schuhe beobachten.

Nun noch ein Abstecher zum täglichen Supermarkteinkauf. Wir brauchen Nachschub an Wasser, Bier und Zutaten für das morgige Abendessen, das Georg uns wieder zubereiten will. Heute stillen wir unseren Hunger in einem noch auszuwählenden Restaurant der Altstadt von Ciutadella. Ohne Google, wir lassen uns einfach treiben. Wir kommen an einigen vorbei, doch immer gibt es Gründe, gerade da nicht einzukehren. Auch Schuhläden geraten in mein Blickfeld und tatsächlich finde ich die heißersehnten Sandalen in meiner Größe und Farbwahl.

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Meine Kinder atmen auf, endlich ist dieses Thema abgehakt! Nun ist mein Glück vollkommen. Wir wählen schließlich das Lokal aus, an dem wir zuerst vorbeigekommen sind und essen viele leckere Dinge, die hier aufzuzählen zu lange dauern würde. Es ist jedenfalls so reichlich, dass die Wirtin noch einen Beistelltisch heranschaffen muss. Sehr satt und zufrieden gehen wir nach Hause und bereiten uns auf den morgigen Tag vor. Wolfram fährt Rad, Georg und ich fahren einmal quer über die Insel nach Nordosten zum Ort Es Grau und wollen dort 18 km durch den Naturpark Albufera wandern.

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Dienstag, 14.05.2019

Für heute sind 23 Grad angesagt und es ist schon morgens spürbar wärmer als sonst. Wir frühstücken mal wieder auf der Terrasse und das wesentlich zeitiger als sonst. Schließlich haben wir Großes vor! Selbst der ruhebedürftige Georg steht 9.30 Uhr auf der Matte. Ich schreibe noch meine restlichen Postkarten, dann starten wir zu unserer Wandertour entlang der Ostküste Menorcas ab Sa Mesquida nach Es Grau und weiter. Dazu müssen wir aber erst mal wieder mit dem Auto  die Insel vom westlich gelegenen Ciutadella bis in den Osten durchqueren. Die 48 km sind in 50 Minuten geschafft. Georg lotst mich vorbildlich bis zum Wanderparkplatz. 18 km stehen uns nun bevor und das auf überwiegend in der Sonne. Georg ist bestens geschützt, jedenfalls Kopf und Nacken. Am Ende hat er verbrannte Waden. Auch ich habe jetzt sehr rote Backen und Arme, aber das sieht morgen schon wieder ganz anders aus. Ich werde hier jetzt nicht unsere Route bis ins Detail beschreiben, nur unseren Gesamteindruck wiedergeben. Der Weg eröffnet schon zu Beginn wunderbare Aussichten mit Meeresrauschen und ist bis auf 600 Meter Landstraße an Idylle kaum zu überbieten und wird im Wanderführer als leicht bis mittelschwierig eingestuft. Ein stetiges Auf und Ab sorgt allerdings dafür, dass meine Lunge pfeift. Viel Geröll lässt die Pfade teilweise wie ein Flussbett aussehen und bergab muss man sehr trittsicher sein.

Immer wieder, wenn wir uns aus einen Bergkamm hinaufgekämpft haben, werden wir mit fantastischem Panorama belohnt. Aber es geht auch durch bewaldete und somit schattige Abschnitte. Stellenweise könnte man sich in Mecklenburg-Vorpommern wähnen. Sanfte, bewaldete Hügel, davor gelbblühende Felder, knorrige Bäume und viele bunte Blumen am Wegesrand.

Wir passieren auf Holzstegen einen Binnensee. Solche Wege liebe ich ja besonders.

Georg navigiert uns hervorragend und weiß genau, wo unser Weg langführt und wie weit es noch ist. Am Wendepunkt der Wanderung nach ca. 10 km steht ein alter Wachturm auf einem Berg, der uns eigentlich lockt, doch durch ein unwirtliches Tal von uns getrennt ist. Dort machen wir eine Pause und ich esse ein Gebäckstück, das mich gestern so angelacht hat.

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Es schmeckt köstlich, süß und klebrig. Wohlweislich erst danach schaue ich, wieviel Kalorien ich jetzt gerade in mich reingeschaufelt habe. 730! Panisch öffne ich meine Fitness-App, um nach dem Kalorienverbrauch bis hierher zu schauen. 610. Na toll. Aber es war doch soooo lecker! Desillusioniert trabe ich hinter Georg her und schleppe meinen dicken Bauch die Berge hoch und runter. Schließlich landen wir in einer wunderschönen Badebucht. Wieso habe ich eigentlich heute morgen meinen Badeanzug wieder in den Schrank gepackt? Wenigstens die Füße lasse ich rein ins Wasser. Nun nähern wir uns Es Grau, wo wir eine Rast einlegen bei Thunfischsalat (auch in einen vollen Bauch passt noch was rein), nicht, ohne hinterher im Souvenirgeschäft Postkarten und Schmuck zu kaufen.

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Von hier aus müssen wir nun noch 7 km laufen, um zum Auto zu kommen. Georgs verbrannte Waden bewegen sich wie Leuchtbojen vor mir her und es kostet mich einiges an Überredungskunst, dass er sich Sonnencreme aufträgt. Er meint, dafür wäre es nun eh zu spät. Aber vielleicht wird es ja dadurch nicht schlimmer? Der Weg zieht sich ganz schön hin und wir sind die einzigen Verrückten, die in bullig heißer Sonne durch die Gegend stapfen. Aber schön ist es trotzdem.

Die Heimfahrt klappt wieder wunderbar – es macht großen Spaß, hier Auto zu fahren. Die Straße ist etwas voller als sonst, aber alle fahren unglaublich diszipliniert, ich natürlich auch. Nur das letzte Stück wird zur Herausforderung. Wir finden in Ciutadella unsere Wohnung nicht. Google kennt die Adresse auch nicht. Planlos fahre ich durch die Straßen und weder ich noch Georg wissen, wo wir sind. Nur Wolfram, der uns eine verwunderte WhatsApp-Nachricht schickt mit unserem Standpunkt. Er kann verfolgen, wo ich mich gerade rumtreibe, habe meinen Standort für ihn freigegeben. So sieht er also, dass wir durch merkwürdige Gegenden fahren und fragt sich, was wir da wollen. Schließlich könnten wir ja auch endlich mal nach Hause kommen, damit Georg das versprochene Abendessen kochen kann. Ich bin mittlerweile so verzweifelt, dass ich auch an Fußgängerüberwegen nicht mehr anhalte. Aus Versehen natürlich. Schließlich  rufen wir Wolfram an, der uns natürlich auslacht und uns die Koordinaten schickt. Vier Minuten waren wir entfernt von unserer Haustür! Oh oh, und ich gebe immer an mit meinem guten Orientierungssinn. Wieder alle vereint, macht sich Georg ans Kochen und überträgt Wolfram kurzfristig die Verantwortung für Pfannen und Töpfe, um vorm Essen noch duschen zu können. Wolfram macht das auch sehr gut. Das also gemeinsam von meinen Söhnen gezauberte Essen schmeckt mir sehr gut und es ist erstaunlich, welche Zutaten alle in der Nudelsoße Platz gefunden haben: Nüsse, Rotwein, gegrillte Paprikaschoten, Sahne, Knoblauch, Salz, Käse, Aioli und alle anderen Lebensmittelreste.

Wolfram erzählt von seiner Fahrradtour, die ihn über gleiche Wegbeschaffenheiten wie die der unsrigen führten, mit dem Rad deutlich schwieriger zu bewältigen. Aber er hat auch tolle Fotos gemacht:

Mein Part ist nun das Küche-Aufräumen. Wir wälzen noch sämtliche Reiseführer, um den morgigen letzten Tag sinnvoll zu gestalten und entscheiden uns für Sant Lluis und das wohl sehr sehenswerte Dorf Binibeca Vell, das erst 1968 erbaut wurde. Zu mehr reichts heute nicht mehr. Müde!

Mittwoch, 15.05.2019

Als ich aufwache, spüre ich, dass irgendwas nicht stimmt. Georg ist schon wach und duscht! Vor mir! Später klappert er unten in der Küche rum und ich denke: Oh, der Junge macht Frühstück! Aus der 1. Etage dringt kein Geräusch an meine Ohren. Wolfram scheint noch zu schlafen. Als ich mich wenig später an den gedeckten Frühstückstisch setzen will, verlässt Georg die Küche gerade wieder, um noch ein bisschen zu ruhen. Das war dann wohl ein Trugschluss mit dem gedeckten Tisch. Aber ich bin ja schon groß und bereite mir mein Frühstück selber zu. Bis wir dann in aller gebotenen Ruhe und Gemächlichkeit abmarschbereit sind, ist es 11 Uhr. Egal, wir haben Urlaub und lassen uns nicht hetzen. Hier sowieso nicht. Ich bringe schon mal unseren Müll zu den Containern, die überall am Straßenrand stehen, also nicht den Häusern zugeordnet (übrigens kommt hier jeden Abend um 23.30 Uhr die Müllabfuhr) und lasse mich dort abholen. Wir fahren zum gefühlt hundertsten Mal einmal quer nach Osten und besichtigen dort, wie gestern vereinbart Binibeca Vell. Naja, hübsch ist das schon hier. Nette, gepflegte, auf alt getrimmte, blitzsaubere und frisch gekalkte Häuschen. Durch die Gassen schleichen in die Jahre gekommene Reiche und Schöne..

Von einer werde ich sogar auf französisch angesprochenen wegen meiner menorquinischen Sandalen. Ich denke zunächst, dass ich was verloren habe, weil sie immer nach unten zeigt. Aber sie findet die Schuhe geradezu sensationell und will wissen, wo ich sie gekauft habe. Glaube ich. Natürlich gibt es auch hier kleine neckische Läden, bloß offenbar nicht diese Schuhe. Dafür die BILD, die mit der Schlagzeile wirbt: „Politikerin tritt als Nackt-Einhorn auf!“ Später googelt Wolfram, dass es sich dabei um Cynthia Schneider aus Schwäbisch-Gmünd handelt. Aha… Insgesamt dauert unser Aufenthalt hier ca. 15 Minuten, dann steuern wir wieder dem Auto entgegen. Genug gesehen. Wir fahren weiter nach Sant Lluis. Der Reiseführer warnt aber ganz offen, dass es außer einer Windmühle, einem Heimatmuseum und der Basilika nichts Spektakuläres zu finden gibt. wGeorg kauft in der örtlichen Apotheke Medikamente gegen seinen immer stärker werdenden Männerschnupfen ein, während ich in einem unüberlegten Moment für 50 Cent auf die sich im Eingangsbereich befindliche Waage steige. Sie macht mir mehrere Dinge klipp und klar deutlich: erstens bin ich 2 cm geschrumpft. Seit mindestens 40 Jahren bin ich 168 cm groß, jetzt nur noch 166 cm. Zweitens: mein Gewicht bewegt sich hart an der Grenze zum Übergewicht. Wäre ich ein Mann, dann würde ich zu wenig wiegen. Aber da das nicht der Fall ist, bekomme ich die Empfehlung mit auf den Weg, einen Ernährungsberater aufzusuchen. Das ist sehr demotivierend.

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Wir laufen einmal hin und einmal her und steigen wieder ins Auto, um nun Son Bou einen Besuch abzustatten. Dort wird meine Freundin Kerstin demnächst Urlaub machen und ich fühle mich verpflichtet, schon mal die Lage zu checken. In diesen Urlaubsort fährt man nicht einfach so rein, sondern muss zunächst ein Eingangstor passieren, das mit Son Bou beschriftet ist.

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Dahinter fällt ein als erstes ein riesiges Hotel ins Auge. Das stört die Idylle, aber ansonsten geht es hier sehr exklusiv zu. Hübsche Bungalows schmiegen sich an einen Hang gegenüber vom Strand, der übrigens mit 3-4 km der längste Sandstrand der Insel ist und auch jetzt schon viele Badegäste anlockt. Aber es ist nicht überfüllt. Man kann hier shoppen, baden, relaxen, furchtlose Enten und Möwen füttern und natürlich auch wandern.

Wir legen eine Kaffeepause ein in einem Strandrestaurant und essen einen Haps. Bewegt haben wir uns ja bis jetzt nicht soviel und mein Waage-Traumata ist noch nicht überwunden, aber – EGAL! Wir verlassen Son Bou wieder durch das Tor und steuern das Steinbruch-Labyrinth ganz in der Nähe von Ciutadella an, stehen aber vor dem verschlossenen Tor. Öffnet erst 16:30 Uhr. Übrigens haben auch Bibliotheken Siesta-Schließzeiten. Das könnten wir in Berlin ebenso einführen:

Jedenfalls kommen wir hier ja nun nicht zum Zuge und machen deswegen einen Abstecher zum Leuchtturm an der Südwestspitze von Menorca, dem Cap d‘ Artrux. Es ist hier wie in den anderen Orten unserer heutigen Tour nichts Außergewöhnliches zu sehen außer dem Leuchtturm, der zu einem Restaurant umfunktioniert wurde. Wir klettern außenrum und sind beeindruckt von dem lavaähnlichen, durchlöcherten Gestein. Eine sehr raue Küste.

Nun ist irgendwie die Luft raus. Die Jungs zieht es zum Ausruhen in die Ferienwohnung, nachdem sie ein letztes Mal einkaufen waren. Mir ist es dort zu kalt auf der Terrasse, weswegen ich mich mit einem Buch in den nahegelegenen Park setze.

Später auf dem Nachhauseweg kaufe ich als Mitbringsel den typischen Menorca-Käse, der unglaublich hart ist und zur Selbstverteidigung bestens geeignet.

imageGeorg scheint nun so richtig krank zu sein, er kommt aus seinem Bett auch zum Abendessen nicht mehr heraus. Wolfram und ich sind der Meinung, Menorca nicht verlassen zu können, ohne wenigstens einmal Fisch gegessen zuhaben. Google gibt uns eine Restaurantempfehlung am Hafen, die wir beherzigen und es nicht bereuen.

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In einer urigen, gemütlichen  Felsenbar gleich nebenan trinken wir – auf kindergartengroßen Stühlchen sitzend einen Absacker. Wolfram Bier und ich Balearen-Kräuterschnaps, der wie Absinth schmeckt.

In der Abenddämmerung kehren wir zurück zu unserem Kranken.

Morgen müssen wir um 10 Uhr die Ferienwohnung räumen, haben aber noch viel Zeit danach. Um 13 Uhr geben wir das Auto zurück und wenn alles nach Plan läuft, winken wir dieser wundervollen Insel um 15.30 Uhr aus der Luft zu. Falls es uns nicht wie Maria ergeht. Ich werde davon berichten und auch noch ein kleines Fazit schreiben. Also schaut gerne morgen Abend hier noch ein letztes Mal rein! Bis dahin!

Donnerstag, 16.05.2019

Zunächst gibt es wieder Korrekturbedarf. Wolfram lässt anmerken, dass er nicht zielorientiert nach der Einhorn-Politikerin gegoogelt hat, sondern beim Checken der News darauf gestoßen ist. Außerdem hat auch das Fischrestaurant nicht Google empfohlen, sondern zwei Reiseführer.

Wir müssen bis 10 Uhr die Ferienwohnung verlassen haben und verabreden uns deswegen für 9 Uhr in der Küche. Klappt relativ gut, wir versuchen, von den restlichen Lebensmitteln noch soviel wie möglich zu verzehren , machen uns ein paar Brote zum Mitnehmen und lassen den Rest einfach stehen. Vielleicht nimmt sich die Putzfrau noch was mit davon. Wie immer ein letzter Blick durch alle Zimmer, nichts vergessen? Ein bisschen Wehmut schleicht sich in mein Gemüt – war eine schöne Woche und schon wieder vorbei. Es ist schön, mal eine längere Zeit mit den „Kindern“ zu verbringen, aber nun geht jeder wieder seine eigenen Wege. Doch noch ist es nicht soweit, denn wir haben noch bis 13.30 Uhr Zeit, bis wir das Auto zurückbringen und zum Flughafen müssen. Als wir alles im Auto verstaut haben, kommt auch schon die Putzfrau und wir können uns noch verabschieden. Ich denke, sie wird hocherfreut sein, denn wir haben den Müll weggeschafft, alles ordentlich hinterlassen und ich sogar mein Bett abgezogen.

Adios, Ciutadella, wir fahren ein letztes Mal die Hauptverkehrsachse durch Menorca nach Maó und besuchen die dortige Festungsanlage. Ich bin so froh, dass wir diese noch als Sehenswürdigkeit entdeckt haben, denn sie ist unglaublich groß und wahnsinnig beeindruckend. Auch der Museumsshop begeistert mich, ich kaufe dort gleich mal für 40 € ein. Wir brauchen nun 1,5 Stunden, um die Festung zu durchqueren und am Ende die große, moderne Kanone zu bestaunen. Wir klettern und kriechen überall rum, auf Mauern, durch Gewölbe, die teilweise so lang sind, dass man das Ende nicht sieht und können immer mal wieder auf das Meer hinausschauen.

Viele Gebäude sind dem Verfall preisgegeben, z.B. ein Gefängnis, das noch bis in die 70er Jahre in Betrieb war, Mannschaftsunterkünfte und auch ein sehr verwildertes Haus, vielleicht das des Kommandanten, dem man seine exklusive Lage und ehemalige Schönheit noch ansieht. Ein Ausflug, der dem heutigen Tag trotz Abflug das Gefühl von Urlaub verleiht.

Nun wird es langsam Zeit, das Auto zurückzubringen und uns von dort aus zum Flughafen fahren zu lassen. Alles verläuft nach Plan und nach menorquinischer Manier äußerst gelassen und unaufgeregt. Der Flieger startet pünktlich, wir landen pünktlich und würden am liebsten gleich wieder zurückfliegen, als wir das Wetter hier in Berlin sehen. Das Gepäck ist ebenfalls schnell vom Band gepflückt und wir verabschieden uns voneinander. Georg und ich fahren noch ein kleines Stück gemeinsam im TXL, bis er Beusselstraße aussteigt und ich ein kleines bisschen traurig bin, denn die Woche hat mir sehr gut gefallen.

Fazit: Ich habe es ja schon mehrfach betont, dass man auf Menorca sehr schnell und gründlich seinen Alltag in die hinterste Schublade stecken kann. Die Entspannung funktioniert auf eine verblüffend direkte Art und Weise. Ich habe die ganze Woche nicht an meine Arbeit gedacht, das will schon was heißen. Also wer Erholung sucht, ist hier richtig. Wer aber unterhalten werden und spektakuläre Dinge erleben will, ist hier falsch. Bei unserer ersten Durchquerung der Insel dachte ich: Oh Gott, das sieht nicht sehr verlockend aus hier. Aber die Insel will erobert werden und das funktioniert natürlich am einfachsten mit dem Auto. Wandern kann man hervorragend auf wunderschönen Wegen, Fahrradfahren ist schon etwas schwieriger. Aber auch reiner Badeurlaub ist möglich, wer das mag. Doch Vorsicht mit der Sonne! Auch bei 20 Grad verbrennt man ganz schnell. Grundlegend sei zum Abschluss gesagt: Ich beneide alle mit dem Reiseziel Menorca, es war ein rundum stimmiger Urlaub, an den ich gerne zurückdenken werde.

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