Westerwaldsteig (2. Teil) 2018

Alle Fotos (Album wird täglich erweitert)

Samstag, 08.09.2018

Nach dem Frühstück und dem Auspacken von Geschenken folgt ein Start mit Hindernissen. Es geht gut los, beinahe hätte ich ohne meinen Stock unseren diesjährigen Wanderurlaub angetreten. Gerade noch rechtzeitig fällt das Gerd auf und ich düse nochmal die sechs Treppen nach oben. Das wäre eine Katastrophe gewesen! Mein geliebter Wanderstock! Diese Verzögerung hat natürlich eine Kettenreaktion zur Folge: Bus wegfahren sehen, nächste S-Bahn erst in 20 Minuten. Da auf unserem Fahrschein kein Angabe zum Gleis zu finden ist und ich zu dumm bin, den Abfahrtsplan des Hauptbahnhofs im Internet zu finden, bekommt Kerstin, die schon vor Ort ist, den Forschungsauftrag, das rauszufinden. Klappt auch gut, sie spurt! So soll das sein. Wir vertreiben uns die Zeit vor dem Schaukasten der Mahlsdorfer Bibliothek

20180908_104917und ich mit dem Entgegennehmen von Anrufen und Glückwunsch-WhatsApps, so dass uns nicht langweilig wird. Das bleibt auch noch eine Weile so, viele Menschen gratulieren mir, was mich natürlich sehr freut. Rechtzeitig kommen wir am Hauptbahnhof an und es ist sogar noch Zeit für Gerd, den Nikotinspiegel aufzufüllen, damit er die lange Fahrt nach Köln durchsteht. Kerstin drückt mir ein Geschenktütchen in die Hand mit Nervennahrung in Form von Süßigkeiten und Whiskyfläschchen. Sehr gut. Der Urlaub ist gerettet. An der Anzeigetafel stehen zwei Züge, die beide zur gleichen Zeit von diesem Gleis abfahren. Einer nach Düsseldorf und einer nach Köln. Hm, merkwürdig. Ein Zug fährt ein und wir steigen natürlich nicht ein, denn oben steht ja Düsseldorf. Aber komisch ist das schon. Schließlich liegen Köln und Düsseldorf ja nicht so wahnsinnig weit auseinander. Unschlüssig stehen wir rum und fragen dann doch vorsichtshalber mal, ob der Zug auch nach Köln fährt. „Ja, natürlich!“ lautet die Antwort. Oh Gott, da hätten wir doch beinahe unseren Zug ohne uns abfahren lassen! Es stellt sich heraus, dass die beiden Züge aneinander gekoppelt sind und später getrennt werden.

Wir machen es uns nun für die nächsten 4 Stunden bequem und richten uns häuslich ein mit Laptop, Käse, Zeitung, Büchern und Tomaten. Später ein Käffchen – was will man mehr. Zwischendurch diverse Telefonate und eine Schaffnerin, die für uns den Müll wegbringt. Gerd und Kerstin lesen, ich stelle Bibliotheksveranstaltungen ins Netz. Nur keinen Leerlauf! Auch Kerstins Tag ist durchstrukturiert, sie hat sogar
20180908_114031 die Toilettengänge zeitlich zugeordnet. Vor allem aber ist sie bestens vorbereitet auf den Urlaub und hat einen dicken Ordner dabei, in dem alle Unterlagen ordentlich abgeheftet sind und kennt alle Orte auswendig, während ich noch nicht einen Blick darauf verschwendet habe.

Ab Köln noch 2x umsteigen, dann sind wir in Hachenburg und finden auch schnell den Weg zum Hotel, da wir ja letztes Jahr schon mal hier waren. Wir platzen mitten hinein in ein Wein-/ Ernte-/ Herbstfest, das auf dem Marktplatz direkt vor unserem Hotel stattfindet mit Livemusik, kulinarischen Versorgungs-Hotspots und lustigen Menschen.

Ich bin glücklich über diesen natürlich angemessenen Empfang – ein Stadtfest anlässlich meines Geburtstages! Damit habe ich gar nicht gerechnet, aber irgendwie passt es, denn letztes Jahr wurden wir hier mit einem Fest verabschiedet. Die Leute in dieser Gegend  sind ausgesprochen freundlich und noch ehrlich interessiert an ihren Mitmenschen, so dass wir, als wir das Hotel betreten, gleich die volle Aufmerksamkeit haben. An der Theke geht’s ziemlich fröhlich zu und mein Wanderstock wird sofort genauestens unter die Lupe genommen. „Nun zeig doch mal, wo du schon überall warst! Hm, das Allgäu ist ja gar nicht dabei. Warst du auch mal im Allgäu wandern? Nein? Dann interessiert mich dein Stock auch nicht. Weißt du, ich liebe das Allgäu. Du musst unbedingt mal von… nach… “ usw. Während ich die Vorzüge des Allgäus geschildert bekomme, trampeln meine beiden Mitwanderer und reißen mich aus diesem anregenden Gespräch, weil wir unsere Zimmer zugewiesen bekommen sollen. Dieses Jahr sind wir eine Etage höher und Tür an Tür untergebracht. Sogar für Drehrumbum gibt’s ein eigenes Zimmer.

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Kurz frischmachen, dann geht’s wieder retour in die Gaststube zum Essen. Gerd bestellt das Ungeheuer, Kerstin den Kronenburger und ich gebratenen Lachs.

Lustig wird’s, als der Salat serviert wird mit der Frage: „Wer bekommt den Lachs?“ Freudig strecke ich meine Hände aus nach den Schälchen: „Ich!“ Aber die Frage dient dem Ausschlussprinzip und der Salat wird Gerd und Kerstin hingestellt. Auch der Verdauungskümmel im Anschluss findet nicht den Weg zu mir. Einer für Gerd, zwei für Kerstin. Hm. Das kann ja eigentlich nur bedeuten, dass ich noch zu jung aussehe für den Ausschank von Alkohol, oder?

Noch trauriger bin ich aber, als um 21.30 Uhr mein Geburtstag wegen Müdigkeit für beendet erklärt wird. Ich hätte mir gewünscht, nochmal rauszugehen auf den Markt, noch ein Bierchen zu trinken und den Tag ausklingen zu lassen. Zu zweit, zu dritt…  Aber dieses abrupte, vorzeitige Ende enttäuscht mich jetzt irgendwie. Nun sitze ich hier an meinem Laptop wie jeden Tag. Aber was solls, so ist das nun und das Leben geht weiter.

 

Sonntag, 09.09.2018

Hachenburg – Heimborn (21 km)

Für Kerstin beginnt der Tag schon zwei Stunden eher als für uns, denn sie will noch einen D5-Cache suchen, einen Bonus-Cache für den gesamten Westerwaldsteig. Der liegt aber in entgegengesetzter Richtung, weswegen sie vor dem Frühstück schon auf Achse geht. Während sie im Morgengrauen Dutzende von Baumstümpfen einer näheren Betrachtung unterzieht,  drehen wir uns derweil nochmal genüsslich um und schlafen weiter, bis der Wecker auch uns zum Verlassen des Bettes auffordert. Im Gegensatz zum gestrigen Abendessen ist das Frühstück etwas spartanisch, aber der arme Gastwirt scheint rund um die Uhr im Dienst zu sein und ist bemüht, Stück für Stück alles ranzuschaffen, was man so braucht für einen vernünftigen Start in den Tag. So gegen 9:30 Uhr sind wir abmarschbereit und los geht’s mit Kirchenglockengeläut zur ersten Etappe von 21 km Länge mit dem Ziel Heimborn. Wir folgen den zahlreichen Schildern und landen im Stadtpark, den wir letztes Jahr schon durchquert haben. Das macht uns stutzig. Und tatsächlich stehen wir kurze Zeit darauf wieder vorm Hotel „Zur Krone“. Einmal im Kreis gelaufen. An einem Ende zur Stadt raus und am anderen wieder rein – wie in einer Kuckucksuhr. Die Glocken läuten übrigens immer noch. Ratlos machen wir uns also nochmal auf den Weg und überlegen: wenn wir 10x diese Runde von je 2 km laufen, haben wir unser Tagespensum auch erreicht! Doch wir geben so schnell nicht auf und versuchen die Stelle zu finden, wo wir falsch abgebogen sind und finden sie auch. Dann kanns ja endlich losgehen mit der ersten Etappe!

Vorbei an Wiesen und Waldsäumen, durch Wälder, über Felder und überwiegend entlang des Flusses Nister laufen wir durch sonnige, weite Landschaften, die sich mit tatsächlich feuchten Waldwegen abwechseln. Es geht auf und ab, aber immer gemäßigt. Ein wichtiger Punkt auf der Etappe ist das Zisterzienserkloster Marienstatt, das schon durch äußere Erscheinung beeindruckt.

Dort leben ca. 24 Mönche, es gibt ein Gymnasium, eine Buchhandlung und natürlich eine Kirche, die besondere historische Schätze birgt. Wir halten uns dort noch ein bisschen auf, Kerstin sucht wieder was, ich gehe shoppen, finde aber nichts. Noch nicht mal Postkarten, jedenfalls keine vom Westerwald. Schon letztes Jahr war das ein Problem.  Aus der Kirche strömen Unmengen von Menschen, der Gottesdienst ist gerade zu Ende. Unglaublich, wie viele noch dem Ruf Gottes folgen. Wir riskieren mal einen Blick hinein und können durch die Weihrauchschwaden nur unscharf das historische Chorgestühl aus dem 13. Jahrhundert erkennen.

Näher ran dürfen wir nicht. Es herrscht große Geschäftigkeit unter den Mönchen, es müssen mehrere Opferstöcke ausgeleert werden. Hier kann man nämlich viel Geld lassen. Für die angezündeten Kerzen, für den Pfarrer (extra so ausgeschildert), für Almosen, für die Kirche… Ich erinnere mich an eine katholische Hochzeit, bei der wir zu Gast waren. Dort ging ständig der Klingelbeutel rum. Für das Brautpaar, für die Armen der Welt, für die Meßdiener, für den Pfarrer, für die Kirche natürlich auch, für die Gemeinde usw. Zum Schluss nochmal für den Austritt. Unsere Geldbeutel waren anschließend leer.  Hier steht auch eine große Kiste mit Wasserhahn. Darin befindet sich das Weihwasser. Ich stelle mir vor, wie viele Keime sich in den Näpfchen befinden, in die alle ihre Finger tauchen. Brrr…

Wir marschieren weiter und weiter auf wirklich schönen Wegen und freuen uns über die schöne Aussicht vom Gipfelkreuz der Hohen Ley.

Dort machen wir Mittagspause und trinken unser obligatorisches Schnäpschen, bevor wir die letzten 7 km in Angriff nehmen, die nach einem Zwischenstopp am historischen Schieferbergwerk Assberg fast durchgehend am Ufer der Nister entlangführen.  Das Bergwerk kann man selbstständig über Leitern betreten. Das machen wir natürlich und finden dort unten sogar kleine Kröten, die uns merkwürdig anstarren. Wovon die sich wohl ernähren? Aber sie scheinen sich wohlzufühlen.

Von dort aus führen sehr hohe Treppen runter an die Nister. In einem Reiseführer stand, dass er für Menschen mit Knieproblemen zum Jammerweg werden kann. So war es auch. Seitdem humpelt Gerd und Kerstin hat auch zu tun gehabt damit.

Ein Café am Wegesrand lädt ein  mit dem Slogan: „Und jetzt ein Eis!“ Diesem Ruf kann Kerstin nicht widerstehen und gnädig gewähren wir ihr diese Pause. Nach 2,5 km sind wir dann endlich am Ziel – einem von strenger Hand geführten Hotel in Heimborn. Eine Patriarchin thront in der Küche, wir werden zu ihr geführt und mit Handschlag begrüßt. Wir wurden schon erwartet, müssen sofort nach der Zuweisung der Zimmer zum Essen kommen und finden uns wieder in einem plüschigen Wohnzimmer. Nun wird aufgetafelt wie bei Mutti zu Besuch: Klare Suppe mit Eierstich und Fleischklößchen, Gurken-/ Möhren-/ Kraut-/ Blattsalat, Kartoffeln, Blumenkohl / Brokkoli mit Souce Hollandaise, Rouladen, Braten und Soße und zum Nachtisch Pudding. Waahnsinn!!! Sooo lecker und vollständig aufgefuttert.

Allerdings fragen wir uns, was man machen würde, wenn man eigentlich so was gar nicht essen wollte? Und was kostet der Spaß überhaupt? Wir lassen uns überraschen morgen früh. Die Chefin führt ein strenges Regime, wir werden gemaßregelt, wieso wir die Fenster noch aufhaben und vor allem die Tür? Das zieht doch! Und es ist ja total kalt! Eingeschüchtert flüstern wir, dass wir das ja gar nicht waren und nichts verändert haben. Aber das gilt nicht. Lustig ist auch ein Waschbecken mitten im Treppenhaus.

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Bei einer Flasche Wein schauen wir noch Tatort und den ZDF-Krimi, bis uns die Augen zuplumpsen. Morgen müssen wir wieder fit sein.

Montag, 10.09.2018

Heimborn – Weyerbusch (26 km)

Zu gestern muss ich noch nachtragen, dass die Chefin natürlich noch in ihrer Küche Wache gehalten hat, bis dann auch ich ins Bett gegangen bin. Da nur im Fernsehzimmer WLAN war, musste ich dort bleiben, bis ich den Bericht fertig geschrieben hatte. Ich fragte sie noch, ob wir um 8 Uhr zum Frühstück kommen können und bekam zur Antwort: „Ein bisschen später, bitte. Die Mädchen kommen erst um 8.“ Die Mädchen sind ihre Angestellten. Endlich im Bett, kam eine WhatsApp von Kerstin:

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Habs ihr dann gezeigt. War auch eine sehr merkwürdige Konstruktion. Wir hatten sogar noch eine Bürste am Duschkopf.

Heute morgen nach dem Frühstück müssen wir dann noch unsere Zeche von gestern bezahlen, natürlich bei der Chefin in der Küche. Ihr „Schreibtisch“ (der Küchentisch) sieht aus, als hätte man dort einen Papierkorb ausgeschüttet. Aber sie hat voll den Durchblick und auch ihre Mädchen im Griff, die ihr ganz bestimmte Zettel reichen müssen oder wegen unseres Koffertransports nur kommentarlos das Telefon in die Hand gedrückt bekommen: „Siri, 682!“ Siri weiß dann schon, was zu tun ist. Die Chefin erklärt mir, warum sie E-Mails hasst. „Jetzt geht alles nur noch über Mails. „Früher hat man bei ihr angerufen: „Es kommen heute 8 Männer zum Übernachten.“ Dann war die Sache klar. „Heute kann man kaum noch Dinge am Telefon klären.“ Hinzu kommt, dass immer im Sommer bei ihr die Mails verschwinden. „Die sind dann einfach nicht mehr zu finden!“ So auch die Mail, mit der unser Aufenthalt gebucht wurde von Kleins Wanderreisen. Deswegen hat sie erst gestern erfahren, dass wir kommen. Alles nicht so einfach. Sie bedauert uns, dass wir 26 km vor uns haben heute. „Wissen Sie, da putze und koche ich lieber!“ Wenn wir zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hätten, wie uns der Tag schlaucht, hätten wir ihr aus vollem Herzen zugestimmt. Aber noch sind wir motiviert. Kerstin hat zwar Rücken, aber sie zwingt sich, denn schließlich hat sie wie jeden Tag viele Rätsel zu lösen und da kann man nicht einfach schlapp machen.

Los geht’s. Zunächst an niedlichen schottischen Hochlandrindern vorbei, ganz moderat auf schönen Wegen nach kurzer Zeit hinein in den Wald.

Am Aussichtspunkt Spitze Ley vorbei, erreichen wir nach ca. 4 km das Weltende:

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Auf einem schmalen Pfad arbeiten wir uns hoch über dem Fluss Nister am Felshang vorwärts. Jetzt weiß ich auch, woher das Wort „hangeln“ kommt. Stahlseile zum Festhalten dienen der Sicherheit. An manchen Stellen ist der Pfad nicht breiter als zwei Füße. Früher war das der Schulweg für manche Kinder. Heute undenkbar! Der Weg macht aber Spaß, besser als endlose Schotterwege entlangzutraben.

Danach steht uns ein steiler, nicht enden wollender Aufstieg bevor. Kerstin rennt wie fast immer vorneweg. Dafür, dass sie ihren Rücken ausgerenkt hat, ist sie sehr flott. Als wir mit hängender Zunge und galoppierendem Puls oben ankommen, finden wir Drehrumbum einsam und traurig auf einer Bank sitzen:

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Wir kümmern uns ein bisschen um ihn und zeigen ihm die schöne Landschaft, bis Kerstin dann auch wieder auftaucht. Wir alle fühlen uns, als hätten wir die Hälfte der Strecke bewältigt, doch der Blick auf die Karte holt uns wieder auf den Boden der Tatsachen. 6 km sind wir gelaufen, mehr nicht! 20 müssen wir noch! Oh Gott, ist das demotivierend… Wir setzen uns als nächstes Ziel das 6 km entfernte Kloster Marienthal und schleppen uns weiter. Warum uns die Etappe heute so schwer fällt, können wir uns auch nicht erklären. Vielleicht liegt es an den großen Abschnitten, die quer über weite Wiesen führen und an den häufig mit Schotter aufgefüllten Wegen, die für Füße und Beine sehr ermüdend sind. Immer einen Fuß vor den anderen, trab trab, kommen wir gegen 13 Uhr am Kloster an, halten uns dort aber nicht weiter auf. Schließlich ist noch nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft! Landschaftlich hat auch diese Etappe ihre Reize, es gibt immer wieder schöne Ausblicke und Besonderheiten, wie die Jungfrau von Lourdes in einer Felsecke neben dem Kloster, den Marienpfad mit etlichen Gebetsstationen, von Schülern gebaute Sonnenuhren auf dem Sonnenpfad. Aber uns fehlt einfach der Schwung.

Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfen wir uns bis zum Raiffeisenturm und machen dort unsere große Pause. Der Name Friedrich Wilhelm Raiffeisens begegnet uns heute öfter. Wir überqueren eine gleichnamige Straße, es gibt ein Denkmal, den Turm und in Weyerbusch sogar eine Raiffeisenbegegnungsstätte sowie ein Museum. Er wurde 1818 hier in der Gegend geboren, war Sozialreformer und Bürgermeister von mehreren Orten. Wir plumpsen wie nasse Säcke auf eine Bank. Mein Statement „Ich hab keine Lust mehr“ veranlasst Kerstin, diesen Satz schockiert in ihr Notizbuch einzuschreiben. Kommt nicht allzu oft vor, dass ich so was sage. Trotzdem. Nun sind wir hier am Turm, also müssen wir da auch hoch. An einen seiner Pfeiler hat jemand hingekritzelt: „Beweg deinen Arsch“, das machen wir dann auch. 177 Stufen nur, dann sind wir oben und erfreuen uns an der Aussicht und den klugen Sprüchen, die andere dort hinterlassen haben:

Gerd macht währenddessen ein Nickerchen. Aber nur kurz, dann schreckt er hoch aus einem Traum. Außerdem müssen wir weiter. Noch 10 km. Vorher allerdings muss ich ins Gebüsch. Da uns den ganzen Tag bisher niemand begegnet ist, erspare ich mir das Verkriechen im Unterholz, schon allein wegen der Zecken. Und promt kommt ein junger Mann um die Ecke und ertappt mich. Immer dasselbe!  Jeder ächzt und stöhnt vor sich hin, doch jetzt folgt ein langer Abschnitt durch den Wald, der sich gut laufen lässt. Wir wissen aber schon von der Wegbeschreibung, dass dieses Glück nicht ewig anhält und bald ein langer Anstieg über offenes Feld bevorsteht. Noch 6 km, bevor wir damit beginnen. Unser Anreiz: Wenn wir oben sind, trinken wir einen Kräuterlikör. Kerstin nimmt noch einen Cache etwas abseits von unserer Strecke mit und kommt nach uns an. Sie ist also im wahrsten Sinn des Wortes „Allein auf weiter Flur“:

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Noch 4 km. Weyerbusch ist zum Greifen nahe, aber es soll ja nicht zu einfach sein! Wir werden in einem weiten Bogen rings um den Ort geführt (natürlich wieder über Wiesen), den wir abkürzen könnten, es aber nicht tun. Erstens hat Kerstin noch Aufgaben zu erledigen und zweitens verstößt das gegen die Wanderer-Ehre. Wir schmücken uns aus, wie wir  – im Hotel angekommen – erst mal ein kühles Getränk zu uns nehmen werden und was wir vielleicht essen werden und versuchen dabei zu ignorieren, welch nicht so ganz nachzuvollziehenden Haken wir gerade schlagen. Doch auch diese letzten Kilometer sind irgendwann geschafft. Kerstin und Gerd suchen den heutigen Etappen-Cache, ich entdecke währenddessen das Sonnenhotel, in dem wir die Nacht verbringen werden, düse vorneweg, lasse drei Bier zapfen und empfange die beiden mit dieser Erfrischung. Es zischt! Nun wackeln wir mit letzten Kräften in unsere Zimmer, die sehr ansprechend eingerichtet sind. Kerstins erste Amtshandlung besteht darin, in ihrem Bad ein Handtuch über den Vergrößerungsspiegel zu werfen. Kann ich sehr gut nachvollziehen, so deutlich will man ja nun auch nicht den Tatsachen ins Gesicht sehen. Gerd und ich verfügen sogar über eine wunderschöne Terrasse:

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Ich gehe hier nicht mehr weg! Wir schaffen gerade noch, essen zu gehen und genießen die hervorragende Küche. Gerd bestellt sich den Sonnenhofteller (dreierlei Fleisch), Kerstin und ich völlig unabhängig voneinander das gleiche, nämlich mit Honig überbackenen Ziegenkäse mit Blaubeer-Risotto. Lecker! Wir setzen noch eins obendrauf, indem wir zeitgleich mit wohligem Stöhnen das Besteck auf den leeren Tellern ablegen. Synchron-Essen nennt man das. Und zum Schluss die Gourmet-Krone mit einem exzellenten Obstbrand für jeden. Nun mit Würde so aufrecht wie möglich und leicht federnden Schrittes das Lokal verlassen und ab ins Bett. Ich bin gespannt auf unsere morgige körperliche Verfassung!

Hier unser Aktivitätsnachweis von heute:

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Dienstag, 11.09.2018

Weyerbusch – Döttesfeld (20 km)

Mit schmerzenden Beinen schleppen wir uns zum Frühstück. Man merkt, dass das hier ein besseres Hotel ist. Das Buffet wird betreut, die Gäste an den ihnen zugewiesenen Tisch begleitet. Die Auswahl ist groß und wir lassen es uns schmecken. Kerstin erzählt von den ihr bevorstehenden Aufgaben auf diesem Streckenabschnitt, dass es dieses Mal darum geht, bestimmte Baumgruppen auf den Fotos zu erkennen. „Ich hasse das!“, sagt sie, weil es tatsächlich nicht so einfach ist, mitten im Wald markante Unterschiede von einem Baum zum anderen zu entdecken. Wir machen unüberlegt ein paar blöde Bemerkungen dazu, die unbeabsichtigt an den Grundfesten ihres Daseins rütteln. Tief getroffen packt sie kommentarlos ihr Hab und Gut zusammen und zieht sich auf ihr Zimmer zurück. Oh je, man muss eben nicht immer witzig sein wollen. Kann auch mal nach hinten losgehen! Ich statte dem nahegelegenen Supermarkt einen kurzen Besuch ab und kaufe Blasenpflaster sowie eine Salbe zum Einreiben, vielleicht hilfts, unsere gepeinigten Muskeln zu beruhigen und zu neuen Höchstleistungen anzuspornen. Es ist dann auch schon wieder 9:30 Uhr, als wir starten.
Heute haben wir eine einfachere Etappe vor uns – 20 Kilometer und nur 280 Meter Steigungen. Zunächst führt uns der Weg durch einen kleinen Wald und schon bald hinaus auf eine sonnige Wiese. Noch ist das gut zu ertragen. Wieder liegen weite, liebliche Landschaften vor uns und erinnern uns wiederholt an die Rhön. Am Horizont sanfte Hügelketten.

Dazu der Sonnenschein. Wären da nur nicht die Schotterwege! Wenn man stundenlang auf scharfkantigen Steinen herumeiert, ist das ganz schön anstrengend. Aber wir erfreuen uns an der frühhherbstlichen Natur und kommen gut voran, vorbei an Weihern und durch ein Dorf mit wunderschönen Fachwerkhäusern.

Kerstin ist uns meistens um Kilometer voraus, aber sie hat ja auch viel zu erledigen, muss auf Details achten, während wir den Gesamteindruck der Landschaft auf uns wirken lassen.

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Wie immer zur Halbzeit machen wir eine Pause. Wir sind in Flammersfeld und nutzen die Nähe der Zivilisation, um uns einen Kaffee beim Bäcker zu holen. Ich habe ja immer ein Lunchpaket dabei, aber Gerd weigert sich vehement, unterwegs außer Obst Nahrung zu sich zu nehmen. Immer wieder versuche ich es, dieses Mal mit einem leckeren Gebäckstück. Aber nein – da ist er eisern.

Wie so oft in diesen Tagen begegnet uns auch hier Herr Raiffeisen, denn Flammersdorf war sein Hauptwirkungsort. Hier gründete er z.B. die Genossenschaft zur Unterstützung unbemittelter Bauern, aus der dann die Raiffeisenbank hervorging.


Nun sind es nur noch acht Kilometer, die wir teils unter brütender Sonne zurücklegen, aber auch auf einem sehr schönen, schattigen Weg oberhalb des Flusses Wied.

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Ab und zu treffen wir Kerstin, die auch wieder mit uns redet und gemeinsam mit Gerd Baumrätsel löst.
Ein sehr erfrischender Abschluss unserer Wanderung ist die Wassertretanlage in Sichtweite unseres heutigen Hotels in Döttesfeld. Dort erfrischen wir unsere geplagten Füße und putzen gleich unsere Schuhe.

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Zu uns gesellt sich eine Frau, die wassertretend und munter vor sich hinpupsend und -tretend ihre WhatsApp-Nachrichten liest.
Noch 50 Meter und wir haben es geschafft. Die Wirtin begrüßt uns vor der Tür mit Handschlag und zeigt uns unsere Zimmer. Kerstins Bad ist so eng, dass sie die Tür offenlassen muss, wenn sie sich über das Waschbecken beugt.

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Aber wir wollen ja hier nicht einziehen. Den Abend lassen wir im Biergarten ausklingen, natürlich wieder mit leckerem Essen.

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Mein Vorsatz, den Etappenbericht zu schreiben und vielleicht sogar noch die Postkarten, hat sich ziemlich schnell erledigt. Irgendwann gegen 2 Uhr werde ich wach – mit Laptop auf dem Schoß und der Fernbedienung in der Hand. Das wird wohl nun nichts mehr. Gute Nacht!

Das Aktivitätsprotokoll:

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Mittwoch, 12.09.2018

Döttesfeld – Peterslahr (18 km)

Wie fast jeden Morgen hat Kerstin ihre ersten Runden gedreht, als wir uns um 8 Uhr zum Frühstück treffen. Ich glaube, dazu würde mir die Energie fehlen. Allerdings habe ich den Ehrgeiz, heute morgen meinen Tagebucheintrag für gestern noch zu veröffentlichen, was aber vom Zimmer aus nicht möglich ist (schwaches WLAN). Deswegen schreibe ich im Flur weiter und bin gerade fertig mit allem, als ein roter Koffer mit Kerstin im Schlepptau die Treppe hinunterwankt. Ihr Rücken macht ihr ziemliche Probleme. Gerd tigerte derweil vor der Tür auf und ab, denn nur Bewegung hilft gegen die Muskel- und Knieschmerzen. Nur kein Stillstand! Es ist 9:30 Uhr, als wir uns bei strahlendem Sonnenschein auf die Socken machen. Heute bleiben uns die verhassten Schotterwege größtenteils erspart und der Westerwaldsteig führt uns auf ausgesprochen idyllischen Wegen durch harzig duftende, sonnendurchflutete Wälder, durch Gatter über Weiden und Wiesen, über Stege und kleine Brücken.

Teilweise sehr steil bergauf, z.B. zum Hölderstein und von dort genauso steil wieder hinunter. Der Hölderstein ist eine beeindruckende Felsformation, die man auch kletternd erklimmen kann über Steigeisen und mit Sicherung. Allein schon der Anblick einer zwei Felsspitzen verbindenden Gitterbrücke löst Schwindelgefühle aus. Da laufe ich lieber!

Allerdings bereitet der Abstieg meinen beiden Versehrten große Probleme, es sind nämlich sehr hohe Stufen zu bewältigen. Jeder Schritt abwärts bedeutet Schmerz. Unsere Geocacherin haben wir aus den  Augen verloren, finden sie aber vor einem Marienbild auf Knien rutschend wieder. Ein sehr schöner Ruheplatz, der von vier Steinen dominiert wird mit den Wörtern „Trost“, „Leben“, „Kraft“ und „Frieden“.

Wir beschließen, in Horhausen unsere Mittagspause einzulegen. Dann haben wir auf jeden Fall die Hälfte geschafft. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer Schutzhütte vorbei, an der ein Wegweiser hängt: 250 Meter bis zum Hotel „Grenzbachmühle“. Dort werden wir heute übernachten, müssen aber trotzdem noch 7 km weiterwandern. Am Ende der Etappe gibt es nämlich kein Hotel, so dass wir dann von dort aus in der Grenzbachmühle anrufen müssen und abgeholt werden. Schon komisch – erst läuft man unter Aufbietung aller Kräfte weiter, dann wird man wieder zurückgezerrt.

Horhausen ist erreicht, doch können wir partout keine bequeme Bank im Schatten finden für unsere Pause.

Was bleibt uns übrig, wir durchqueren den Ort mit der Option: Die nächste Schattenbank ist unsere. Allerdings ahnen wir da noch nicht, wie schwierig das wird. Einziger Trost – wir nähern uns weiter dem Ziel. Kerstin folgt uns und bekommt von mir den Auftrag, Kaffee mitzubringen, falls sich die Gelegenheit ergibt. Einmal angestupst, gibt sie natürlich alles, um uns diesen Wunsch zu erfüllen und verläuft sich dabei und dreht ein zweites Mal die Runde durch Horhausen, gelangt dann aber doch irgendwann zu unserer Bank, auf die mittlerweile ebenfalls volle Pulle die Sonne knallt. Wir nehmen einfach aus einer Blumenbank den Kasten mit hübscher Bepflanzung heraus und stellen sie in den Schatten, damit Gerd nicht verdunstet, trinken Kaffee und ruhen uns aus. Über uns schweben Greifvögel, von denen wir in den paar Tagen schon sehr vielen begegnet sind.

Das letzte Stück ist besonders reizvoll, was uns die Fortbewegung viel leichter macht. Trotzdem sind wir froh, als wir uns in Peterslahr auf einer Bank niederlassen können, um auf das Auto zu warten, das uns zum Hotel fährt. Ich schreibe derweil meine Postkarten weiter.

Kurze Zeit darauf kommen wir im Hotel an. Es liegt sehr abgeschieden und war früher mal eine Ölmühle. Nachdem wir uns gesäubert haben und Kerstin den Inhalt ihrer Schuhe im Zimmer verteilt hat, gehen wir runter zum Essen. Die köstlichen Angebote auf der Speisekarte machen uns die Entscheidung schwer, aber keiner von uns hat die Wahl bereut. Sehr gute Küche, wie fast immer hier im Westerwald, aber ansonsten hat dieses Hotel schon bessere Zeiten gesehen. Es ist alles ziemlich runtergekommen und abgewohnt. Die idyllische Ruhe wird durchbrochen von einer Wohnungseigentümer-Versammlung, die sich hier am Nachbartisch treffen und wichtige Dinge besprechen wie nicht versicherungsrelevante Verstopfungen und die Hauskasse. Wir nehmen gezwungenermaßen indirekt teil an dieser Zusammenkunft und sind irgendwie peinlich berührt von unserem plötzlichen Mitwissertum. Tja, und dann ist der Tag schon wieder um und wir gehen Kraft schöpfen für morgen.

Aktivitätsprotokoll:

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Donnerstag, 13.09.2019

Peterslahr – Roßbach (21 km)

Nach einem sparsamen Frühstück und ekligem Kaffee werden wir wieder nach Peterslahr gefahren, dem gestrigen Ende der Etappe. Wir haben uns vorgenommen, unser Schritttempo etwas zu erhöhen, denn die letzten Tage haben wir uns mehr oder weniger wie Spaziergänger fortbewegt. Dieser Schlenderschritt ist nämlich wesentlich ermüdender und wir sehen auch darin eine Ursache, dass uns teilweise die Strecken so schwergefallen sind. Und es funktioniert! Wir kommen gut vorwärts und haben nicht wie sonst das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Heute haben wir 640 Höhenmeter zu bewältigen. Kurz hinter Peterslahr passieren wir einen Tunnel, in dem man selber das Licht anschalten kann. eine sinnvolle Konstruktion!

Es geht teils heftig bergauf, aber auch wieder hinunter. Ein stetiges Auf und Ab. Wir nähern uns dem Rhein, die Berge rücken merklich enger zusammen, die weite Landschaft verändert sich zusehends, wird waldiger und bergiger.

Kerstin schwirrt vorneweg, wir finden sie als kleines Pünktchen in einem Krater wieder, wo sie verzweifelt und vergeblich einen Cache sucht:

Leider konnten wir nicht rausfinden, welches Naturereignis dieses gewaltige Loch in der Erde verursacht hat. Aber es ist von beeindruckender Tiefe. Auf dem weiteren Weg entdecken wir noch mehrere ungewöhnliche Dinge. Mitten im Wald einen Sinnspruch und gleich daneben den Lauf eines Rehs:

Wettermäßig haben wir Glück, eigentlich war Regen angesagt, aber kein Tröpfchen benetzt uns. Wir haben uns ausgerüstet mit Regenjacken, die wir aber ganz schnell wieder ausziehen. Die Temperatur ist deutlich niedriger – 18 Grad, zum Wandern geradezu perfekt. Vielleicht fällt es uns auch deswegen heute leichter. Die Wegbeschaffenheit ist ebenfalls deutlich nach unserem Geschmack. Also rundum alles zu unserer Zufriedenheit. Wie immer orientieren wir uns mit unserer großen Pause an der Hälfte der Strecke, die kurz vor Strauscheid erreicht ist. Aber die Aussicht ist mäßig bis nicht vorhanden, so dass wir noch bis zur Weißenhöher Ley weiterlaufen wollen. Ley bedeutet hier so etwas wie Aussichtspunkt, woraus ich schlussfolgere, dass die Loreley eigentlich nur Lore hieß! Ist doch logisch, oder? Zweimal kommen wir an Felsplateaus mit Bank vorbei, aber jedes Mal sagt Kerstins Garmin, dass wir die Ley noch nicht erreicht haben. Doch dann geht’s steil bergab und ich vermute, dass wir nun dran vorbeigelaufen sind und die Chance auf eine Pause mit super Aussicht vergeigt haben und überlege mir schon Strafmaßnahmen für Kerstin, doch plötzlich taucht eine Schutzhütte auf mit darunterliegendem Aussichtspunkt. Wir habens gefunden! Kerstin steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Der Blick ist fantastisch und wir machen es uns bequem für die nächste 3/4 Stunde.

Länger halten wir es nicht aus, denn wir fangen an zu frieren. Tatsächlich! Das ist ein fast vergessenes Körpergefühl. Nun haben wir noch ca. 6 km vor uns in Richtung Roßbach, dem Etappenende. Wieder passieren wir Wiesen, Waldpfade, Kuhherden und üppig beladene Obstbäume mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen. Kerstin ist in ihrer üblichen Mission schon längst über alle Berge, während Gerd und ich uns die Bäuche und Taschen vollstopfen und uns wundern, dass niemand diese Schütze der Natur erntet. Manche Bäume hängen so voll, dass die Äste abgebrochen sind.

So nähern wir uns weiterwandernd unserem Ziel. Kurz vorher haben wir die Option eines Schlenkers über das Roßbacher Häubchen. Das heißt: 1,3 km noch und dann auch wieder runter. Egal, denken wir, 2,6 km hin oder her – die nehmen wir noch mit. Außerdem muss dort oben auch irgendwo Kerstin sein. Na dann, aufi! Zweimal müssen wir stehenbleiben, um unseren Puls wieder zu beruhigen. Mein Gott, geht das heftig bergauf! Aber auch das schaffen wir uns befinden uns auf einmal inmitten von Basaltbrocken, vor uns das „Häubchen“, ein durch einen Vulkanausbruch vor vielen Millionen Jahren entstandener Basaltkegel. Schon beeindruckend! Dort sitzt Kerstin auf einer Bank, tief über ihr mobiles Büro gebeugt.

Von hier oben hat man eine fantastische Aussicht! Gerd und ich ruhen ein bisschen auf der bequemen Bank. Das kann sich Kerstin natürlich nicht erlauben, sie muss auch auf das Häubchen klettern. Denn natürlich gibt’s auch dort was zu finden. Währenddessen kommt plötzlich ein Auto und wendet direkt vor uns. Der Fahrer hat sich eben mal Basalt für seinen Vorgarten geholt. Und noch was Merkwürdiges entdecken wir. Neben uns in der Schutzhütte klopft und kratzt jemand! Aber niemand ist zu sehen. Zwischen Ziegeln und Decke muss sich ein Tier befinden, das diese Geräusche macht. Leider kriegen wir nicht raus, um welches es sich handelt.

So, nun sind es nur noch 2 km abwärts bis zum Hotel „Zur Post“. Schaut euch mal die Webseite an! Ein Spa-Hotel, in dem einem sofort der ganzheitliche Wellness-Charakter entgegenschlägt. Genau das Richtige für Gerd, dessen Gesichtszüge eine versteinert freundliche Miene annehmen. Er fühlt sich sichtlich unwohl und vermutet eine durchweg vegetarische Speisekarte. Darin wird er bestätigt durch die bedauernde Nachricht der Bedienung, dass heute leider die Kichererbsenbrätlinge aus sind und dafür Spinat angeboten würde. Doch wir werden eines Besseren belehrt! So ein leckeres Essen haben wir ja seit Hachenburg nicht mehr serviert bekommen. Gerd bestellt Schnitzel vom Eifelschwein, Kerstin Lammhaxe und ich Salat mit Putenbrust. Allein mein Gericht wurde auf vier Tellern serviert: der Salat, das Dressing, das Brot und die Putenbrust in gusseisernem Töpfchen. Beim Entgegennehmen sind mir fast die Finger abgebrochen.

Wir probieren uns zum Abschluss noch durch sämtliche Obstbrände, die hier dekorativ im Regal stehen. Die Bedienung hat ihre helle Freude an uns. Damit geht unser vorletzter Wandertag seinem müden Ende entgegen.

Hier unser Aktivitätsprotokoll:

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Freitag, 14.09.2018

Roßbach – Bad Hönningen (20 km)

Wie jeden Morgen treffen wir uns um 8 Uhr zum Frühstück. Kerstin bewegt sich wie eine Marionette, ihr Rücken macht ihr immer noch schwer zu schaffen. Aber mit eiserner Selbstdisziplin zieht sie ihr Programm durch, denn heute hat sie doppelt soviel zu tun wie an den anderen Tagen. Ein Cache liegt neben dem anderen und sie wird voraussichtlich nur schleppend vorwärts kommen. Das Frühstück ist hervorragend. Endlich mal wieder Kaffee, der schmeckt! Und Eier! Auch sonst verlockt die Auswahl sehr dazu, mehr zu essen, als empfehlenswert ist.

Ich inspiziere erst mal noch das Sortiment, das hier zum Verkauf angeboten wird, dann bemühe ich mich, den Etappenbericht von gestern schnell noch fertigzustellen. Ich hatte mir den Wecker schon auf 6.30 Uhr gestellt, weil ich gestern nicht mehr in der Lage war, über die Überschrift hinauszukommen. Schließlich sind alle fertig, nur ich tippe noch hektisch die letzten Zeilen. Zu allem Überfluss beschließt mein Laptop, ausgerechnet jetzt ein Update zu machen. „Schalten Sie den Computer nicht aus, es wird ein Update vorbereitet…“ Dadurch ist es fast 10 Uhr, als wir uns verabschieden und in die letzte Etappe starten.

Kerstin erzählt, dass ihr Vater immer meinen Reisebericht mitverfolgt und stolz verkündet hat: „Ich bin auf dem Laufenden! Und grüß mir morgen deinen zweiten Vater Rhein von mir!“ Meine Reaktion: „Und wer ist der erste Vater?“ Oh mein Gott, wie blamabel! So eine blöde Frage kann auch nur von mir kommen…

Der Weg führt uns zunächst durch ein sonnendurchflutetes Wiesental. Schon nach wenigen Metern umrundet Kerstin auf allen Vieren eine Lore, die zum Andenken an den Bergbau dort aufgestellt ist und kurze Zeit später eine Bank, die aussieht wie ein Sofa.

So wird das heute weitergehen, deswegen wandern Gerd und ich weiter. Wir laufen und laufen, dann auch bald bergauf, wie soll es anders sein. Immerhin haben wir heute 470 Höhenmeter zu bewältigen. Von Kerstin weit und breit keine Spur. Dann klingelt mein Handy: „Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Hier gibt’s keine Markierung mehr. Am besten ist, ich gehe nochmal zurück zu den Wegweisern. Wartet nicht auf mich! Begrabt mich an der Biegung des Flusses!“ Das liegt auch daran, dass sie Caches auf ihrem Programmzettel hat, die nicht direkt am Westerwaldsteig liegen. Da kann man schon mal die Orientierung verlieren. Ansonsten ist der Weg geradezu idiotensicher ausgeschildert. An jedem zweiten Baum klebt das typische Westerwaldsteig-Zeichen und an Kreuzungen steht sehr oft ein Wegweiser mit Nennung der Orte inklusive Entfernungsangabe. Eine Karte oder Navi braucht man jedenfalls nicht.

Wir stapfen also weiter, immer höher und höher, bis wir eine Hochebene erreichen, auf der eine Bank zur Rast einlädt und zum Genießen des herrlichen Rundumblickes. Hier warten wir auf die Nachzüglerin.

Ich muss unbedingt mal einen Baum gießen und suche mir einen Platz, der vom dortigen Hochsitz nicht einsehbar ist. Man weiß ja nie. Doch kaum habe ich mich niedergelassen, kommt aus dem Tal ein Auto angedüst, direkt auf mich zu. Das gibt’s doch nicht! Wieso denn immer ich? Hier fährt sonst nie ein Auto. Das ist schließlich ein Wanderweg. Was soll ich machen… Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ich diesen Menschen nicht wiedersehen werde. Nach einer halben Stunde beschließen wir, nun doch weiter zu laufen. Ich schreibe einen Grußzettel mit Uhrzeit und lege ihn auf die Bank. So weiß Kerstin, wie groß unser zeitlicher Vorsprung ist. Doch schwups – genau in dem Moment kommt sie um die Ecke. Wir gönnen ihr gnädig eine Verschnaufpause, dann muss es aber weitergehen, denn viel haben wir noch nicht geschafft. Unsere Dreisamkeit dauert nicht lange, da haben wir die Geocacherin schon wieder verloren. Doch wir sind ja ein eingespieltes Team und wissen, dass wir uns wiederfinden werden.

Gerd und ich bewundern diese Wanderhütte, die mittig auf dem Weg platziert wurde. Was uns auch auffällt – es gibt hier deutlich mehr Kruzifixe und vor allem Marienstatuen als zu Beginn des Steiges. Hier scheint man dem Glauben noch mehr Bedeutung beizumessen. Davon zeugen auch die vielen Klöster, an denen wir vorbeigezogen sind. Auch hier liegt ein Franziskanerkloster mit Krankenhaus am Wegesrand.

Sehr makaber fand ich die Lage des „Entsorgungshauses“. Schaut euch den Plan mal genauer an. Nun geht’s durch den Ort und – wie sollte es sonst auch sein – bergauf. Ich hinterlasse wieder eine Grußbotschaft für Kerstin. Wir werden bis zum Malberg geleitet, den wir apathisch mit hängender Zunge erreichen und uns unterhalb der dortigen Gaststätte auf bequemen, geschwungenen Bänken niederlassen. Direkt vor uns eine Kuhherde, in der Ferne liegt uns der gesamte Westerwald zu Füßen. Wir sind hier an einem der höchsten Punkte der Gegend und genießen diesen idyllischen Ausblick.

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Ich hole aus dem Restaurant drei Kaffees in der Hoffnung, dass auch Kerstin zu uns aufschließt. Als wir ausgetrunken haben und wir nun schon eine Stunde pausieren, beschließen wir, weiterzugehen. Ich den Kaffeebecher-Deckel schreibe ich: „Bitte stehen lassen für Kerstin!“ Und wieder tritt die Situation wie vorhin ein – wir sind startklar, da kommt Kerstin angetrabt:

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Sie trinkt den Kaffee und freut sich, dass wir gewartet haben. Jetzt ist auch Zeit für unseren Wanderschnaps! Dreimal durchatmen, weiter geht’s, vorbei an einem Kratersee und einem Gipfelkreuz:

Nun wird es überwiegend nur noch bergab in Richtung Rhein gehen, zeitweise parallel zum Limes-Weg und sogar zum Rheinsteig, den wir ja auch schon gelaufen sind. Allerdings nicht auf dieser Höhe. Wie im Wanderführer beschrieben, müssen wir noch einen öden, 2 km langen Forstweg hinter uns bringen. Natürlich auf Schotter. Einzige Abwechslung ist eine Kapelle am Wegesrand, die 1819 aus einer alten Eiche errichtet wurde.

Noch 6 km bis Bad Hönningen. Wir kommen an einer Köhlerhütte vorbei und schauen uns dort ein bisschen um. Es folgt ein Limes-Lehrpfad, der sehr anschaulich zeigt, wie die Römer gewohnt und gebaut haben, z.B. auch einen kilometerlangen Palisadenzaum, um ihr Reich vor den germanischen Horden zu beschützen. Die Gegend war ja fest in römischer Hand. Sehr interessant und liebevoll gestaltet:

Auch ein Hohlweg bietet Überraschungen:

Mehr oder weniger überraschend kam dann für uns das unspektakuläre Ende des Westerwaldsteigs. Wir dachten, dass diesem markanten Punkt (entweder Beginn oder Ende des Weges) etwas mehr Bedeutung beigemessen worden ist, aber zumindest im Ort Bad Hönningen zu finden ist. Aber nein – der Weg endet an einer Art Schleichweg für Autofahrer am Feldrand mit Blick auf eine Leitplanke. Hm. Irgendwie enttäuschend. Wir müssen auch nicht lange auf die Dritte im Bunde warten. Kerstin hat irgendwann auf der Strecke beschlossen, dass es nun reicht mit dem Geocachen und ihr Equipment im Rucksack verstaut. Auch den kürzeren Teil ihres Wanderstocks. Nachdem sie nämlich über eine Wurzel gestolpert war, hatte sie beim Laufen ein merkwürdiges Gefühl und erst dann gesehen, dass ihr Stock nun deutlich kürzer war.

Da hier außer uns keine Fußgänger vorbeikommen, wir aber ein gemeinsames Foto am Etappenschild haben wollen, bleibt nur der Selbstauslöser. Ich muss erst mal googeln, wo sich in meinem Handy diese Funktion verbirgt, finde das aber schnell raus und positioniere das Handy so, dass wir alle im Bild sind. Es ist so programmiert, dass es drei Aufnahmen machen wird, falls mal einer blinzelt. Ich drücke den Auslöser und geselle mich zu den beiden, das Handy macht einmal „Klick“ und fällt um, klickt aber munter noch 2x weiter. Wir amüsieren uns köstlich und freuen uns, dass wir tatsächlich auf der einen Aufnahme alle gut getroffen sind:

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Nun müssen wir noch rein in die Stadt und unser Hotel suchen. Google Maps führt uns mitten durch das Industriegebiet von Bad Hönningen auf abenteuerlichem, aber direkten Weg dorthin. Wir sind alle etwas sprachlos, weil wir uns die Stadt schöner vorgestellt hatten. Jedenfalls ist der erste Eindruck nicht sehr ansprechend. Auch das Hotel ist irgendwie merkwürdig. Aber der Empfang ist freundlich und die Bäder reißen alles heraus, blitzend sauber, hell und voll funktionstüchtig. Das hatten wir nicht überall. Die Flurwände gleichen einem Aphorismen-Lexikon:

Zum Essen müssen wir uns ein anderes Lokal suchen, das Hotel verfügt nicht über ein Restaurant. Das ist nicht schlimm, Auswahl gibt es genug. Wir kommen an einer Kneipe vorbei, in der Leute in Trachten laut schreckliche Schlagermusik mitgrölen. Schnell weg hier! Aber wir landen in einem sehr gemütlichen Lokal, in dem wir ausgesprochen nett bedient werden und mehr als glücklich sind mit unserer Speisenwahl:

Danach drehen wir noch eine kleine Runde hinunter zum Rhein. Direkt gegenüber liegt Bad Breisig und dort siehts wesentlich gemütlicher aus:

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Hier auf unserer Seite ist es zappenduster. Kerstin grüßt ihren zweiten Vater Rhein, wie ihr aufgetragen wurde. Bemerkenswerterweise entdecken wir kurz danach auf dem Rückweg zum Hotel folgendes Schild:

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Hab mal nachgeschaut, denn offensichtlich hat der erste Vater ja diesen Namen bewusst verwendet. Vater Rhein ist ein Motiv der Rheinromantik und taucht sehr oft auf in der Literatur (Heine, Brentano…) und als Skulptur in Denkmälern, Brunnen usw. Wusste ich alles nicht. Diese Kneipe befindet sich in einer Gasse ähnlich der Drosselgasse in Rüdesheim, mit dem Unterschied, dass dort das Leben tobt und hier alle Kneipen geschlossen sind. Bad Hönningen macht einen absterbenden Eindruck auf uns. Egal, wir wollen ja hier nicht bleiben. Unser Hotel sieht im Dunkeln so aus:

Irgendwie nicht einladend, obwohl ja fast jeder willkommen ist, außer Giraffen. Dafür gibt es in der Minibar ein Insulin-Spritzbesteck. Für den Notfall?

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Nun aber ab ins Bett. Morgen wollen Kerstin und ich noch shoppen gehen, bevor wir zum Bahnhof müssen. Unser Zug fährt 11:14 Uhr. Das schaffen wir.

Unser Aktivitätsprotokoll von heute:

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Samstag, 15.09.2019 

(Bad Hönningen und Heimfahrt)

Das Frühstück heute morgen ist besser als erwartet. Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe, die wir gestern schon beim Abendessen beobachtet haben. Sie wollen offensichtlich den Rheinsteig laufen und sind noch hochmotiviert, während wir uns schon ein Level darüber bewegen: abgeklärt und wissend. Die Woche war nötig, uns unter Schmerzen und mit starkem Willen warmzulaufen. Nun sind wir eigentlich soweit, ohne Anstrengung und mit Genuss weiterwandern zu können, aber der Urlaub ist zu Ende. Schade!

Bis zur Abfahrt des Zuges ist noch Zeit, Bad Hönningen bei Tageslicht zu betrachten. Kerstin geht cachen, Gerd und ich schlendern durch die Gassen hinunter zum Rhein, der erschreckend wenig Wasser führt. Aber trotzdem ist die Stimmung dort wunderschön und irgendwie duftet es nach Herbst:

Es gibt auch interessante alte Häuser zu sehen, die bestimmt schon viel erlebt haben:

Aber der Rathausplatz z.B. und das Industriegebiet sowie der Gesamteindruck der Stadt lassen nicht vermuten, dass dies hier ein Thermal-Badeort ist. Wohnen möchte man hier auf keinen Fall:

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Aber es gibt Pläne der Stadtverwaltung, das Image der Stadt zu verbessern:

Wir werden ihr nun jedenfalls den Rücken kehren und machen uns auf dem Weg zum Bahnhof, der unserer geringen Meinung noch das i-Tüpfelchen aufsetzt. Dreckig, übelst stinkend und kaputt. Bloß weg hier!

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Wir haben eine super Verbindung. Eine Stunde Fahrt nach Köln, dort in den IC und nochmal 5 Stunden bis Berlin. Der Himmel über Köln ist dunkelgrau, aber es regnet nicht.

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Jetzt holt uns die Erschöpfung ein, wir verbringen die Fahrt mit wiederholten Lese-Versuchen und überwiegend schlafend. Nur Drehrumbum ist putzmunter, aber der wurde ja auch eine Woche lang getragen.

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Pünktlich kommen wir gegen 17 Uhr in Berlin an und wie immer ergreifen uns sofort Fluchtgedanken. Kerstin schreibt mir aus ihrer S-Bahn eine WhatsApp: „Ich will sofort zurück!“ Aber es wird nicht lange dauern, bis wir uns an den Moloch wieder gewöhnt haben.

Protokoll der gesamten Woche:

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