Oberlausitzer Bergweg 2020

Fotoalbum zur Wanderung, das sich täglich weiter füllen wird

11. September – Anreise in Neukirch

In der festen Überzeugung, alles Notwendige eingepackt zu haben, wanke ich mit meinem schweren Rucksack auf dem Rücken die 6 Treppen runter, um unten festzustellen, dass ich meinen Wanderstock oben stehen lassen habe. Zu faul, den Rucksack abzuschnallen, nehme ich es sportlich und „spurte“ nochmal nach oben. Ab Etage 3 wäre allerdings „spurten“ auszutauschen mit „schleichen“, denn die 20 kg auf dem Rücken nötigen mich zum Kriechgang. Aber ich liege gut in der Zeit, Bus und Bahn sind pünktlich, so dass ich am Hbf. sogar noch Zeit zum Lesen und Kaffeetrinken habe. Die Bahn hält die Spannung aufrecht, indem sie mir schreibt, dass wir den Anschlusszug in Cottbus nicht bekommen werden, diese Information aber umgehend in einer zweiten Mail revidiert. Kurz darauf eine dritte Nachricht: „Sie werden Ihren Anschlusszug voraussichtlich nicht erreichen“. Es folgt eine vierte: …Naja, Sie ahnen es schon. Aber es ist ja schön, dass man auf dem Laufenden gehalten wird, ich will nicht meckern.

Auch Kerstin hatte den ersten Aufreger des Tages, bevor sie überhaupt am Bahnhof angekommen war. 20 Sekunden vor ihrem Ausstieg aus der S-Bahn kam ein Kontrolleur. Das wäre an sich nicht weiter schlimm, für Menschen wie Kerstin aber schon, die ihren Fahrschein irgendwo in den Tiefen ihres Rucksacks verbuddelt haben. Der Kontrolleur stieg gemeinsam mit ihr aus aus und betrachtete interessiert den wachsenden Berg an Utensilien, den Kerstin beim Freilegen ihres Fahrscheins anhäufte. Musste der denn auch ausgerechnet jetzt kontrollieren?! Konnte der nicht noch die Station abwarten?

Wir landen pünktlich in Neukirch, nachdem wir 45 Minuten zuvor in Zittau umgestiegen sind. Diese Strecke – 118 km – laufen wir nun bis nächsten Donnerstag zu Fuß zurück. Doch erst einmal müssen wir das Hotel suchen, in dem wir heute zu übernachten glauben, um morgen von dort auf den Oberlausitzer Bergweg zu starten. Der Ort ist 7 km lang und hat im Prinzip nur eine vielbefahrene Straße, die wir ca. 3 km entlangtippeln und lautstark rollen, vorbei an dem Himmelsbäcker, der Zwiebackfabrik, Umgebindehäusern und überwiegend nicht so attraktiven Bauwerken. Das Hotel selbst hat auch schon bessere Zeiten erlebt, aber die Tür lässt sich öffnen und wir stehen gleich an der unbesetzten Rezeption. Wir klingeln. Nix passiert. Dann wagen wir den Blick hinter eine Tür und entdecken den Schankraum und auch den Wirt. Er ruft uns zu, dass er sein Auto holt und uns in die Ferienwohnung fährt. Ach so? Wir wundern uns ein bisschen. Wenn wir das geahnt hätten, wäre ein Anruf hilfreich gewesen, denn dann hätten wir uns den Weg zum Hotel sparen können. Und wo werden wir hingebracht? Keinesfalls in eine Ferienwohnung, sondern zurück Richtung Bahnhof in eine Art Jugendherberge mit Doppelstockbetten im 6-Bett-Zimmer. Immerhin bekommen wir zwei Zimmer. Dusche und eine Toilette über den Flur. Handtücher können wir nicht entdecken, bekommen sie aber noch gebracht. Morgen müssen wir dann zum Frühstücken wieder zum Hotel laufen. Das wäre ja alles nicht so schlimm, aber schließlich haben wir die Unterkunft für einen höheren Preis gebucht und müssen uns jetzt wie eine Schulklasse mit den anderen Gästen in einer Jugendherberge tummeln.

Neukirch selbst ist jetzt nicht gerade die Touristenattraktion, beruft sich aber auf die Tradition des Töpferhandwerks. Wir schauen uns ein bisschen um und mit gutem Willen findet man neben vielen richtig zerstörten Gebäuden auch Schönes. Und Naturkinder gibts hier auch:

Aber die Leute hier sprechen einen total sympathischen Dialekt, nu? Und ich will hier auch nicht alles schlecht machen, zumal wir hervorragend gegessen haben in der Töpferscheune. Morgen nach dem Frühstück winden wir uns dann nach oben auf den 587 m hohen Valtenberg, den höchsten Berg des Oberlausitzer Berglandes. Die Landschaft ist wunderschön, und deswegen sind wir schließlich hier.

12. September. Neukirch – Sohland (21 km)

Der Tag beginnt mit einer Wanderung vor der Wanderung, nämlich zum Hotel, um dort zu frühstücken. Wir wählen zur Abwechslung eine Parallelstraße. Den Ort durchzieht schnurgerade das Flüsschen Wesenitz, das an vielen Stellen überbrückt wurde. Auch ein weiteres Umgebindehaus fällt uns ins Auge.

Wir laufen und laufen und kommen an einer Dönerbude vorbei und an einer Schule, die gestern hundertprozentig noch nicht dastanden, jedenfalls nicht auf dem Abschnitt zwischen Hotel und „Ferienwohnung“. Scharf kombinieren wir, dass wir offenbar schon zu weit sind und beinahe den Ort in die falsche Richtung verlassen hätten. Wir kehren um und sind dann auch kurz darauf am Ziel. Auf dem Parkplatz stehen viele Autos, darunter eins fürs Brautpaar. Es ist also so, wie wir schon vermutet hatten. Der Hochzeitsgesellschaft wurde natürlich der Vorzug gelassen, deswegen war für uns kein Zimmer mehr frei. Zu unserem Erstaunen gibt es ein Frühstücksbuffet, das wir gemeinsam mit den Hochzeitsgästen nutzen dürfen. Auch Masken muss man nicht tragen. Corona hats offensichtlich nicht bis hierher geschafft! Gegen 9:30 Uhr brechen wir dann auf zur ersten Etappe, die gleich mit der Besteigung des höchsten Berges hier – dem Valtenberg beginnt. Auf dem Weg dorthin sehen wir einen sehr umweltfreundlichen, biologischen Rasenmäher in einem Vorgarten und ein Corona-Schaufenster. Wo andere Blumen zu stehen haben, blicken hier Klopapier, eine Toilettenschüssel, Masken usw. durch die Scheibe. Auf jeden Fall originell.

Dann steigen wir mehr als 500 Höhenmeter nach oben, parallel zu einem traurigen Skilift. Ich komme nur schleppend vorwärts, gar nicht mal wegen der Atemnot, sondern aufgrund interessanter Fotomotive. Kaum habe ich das Handy weggesteckt, bettelt das nächste Model um ein Porträt. Also behalte ich es einfach in der Hand. Besonders schön finde ich den grünen Teddybär. Das rechte Foto vermittelt einen Eindruck von der Wegbeschaffenheit.

Wir sind ganz schön außer Atem, als wir oben sind, wo uns der König-Johann-Turm begrüßt. Natürlich muss ich da hoch, Kerstin will nicht. Ich hole mir eine Turmkarte und klettere hinauf. Im Inneren des Turms kann man auf vielen Fotos bewundern, was in den Jahren seit 1856 so passiert ist. Und von oben ist der Blick atemberaubend. Man kann bis nach Bautzen sehen, nach Böhmen (oder ins Behmsche, wie man hier sagt) und sogar bis Polen.

Wieder unten, schaue ich mir die ganzen Wegweiser mal genauer an und bekomme zwei überraschende Informationen: erstens sind wir seit mehr als einer Stunde unterwegs, aber erst zwei Kilometer gelaufen und zweitens beginnt hier erst offiziell der Oberlausitzer Bergweg.

Nach kurzer Zeit kommen wir an der deutsch-tschechischen Grenze an, der wir von nun an bis zum Etappenziel folgen werden.

Anhand der Grenzsteine können wir feststellen, dass wir pausenlos das Land wechseln, was unsere Telefonanbieter etwas zu verwirren scheint. Meiner scheint zu beschließen, mir vorsichtshalber erst mal das Internet abzustellen, was zur Folge hat, dass Maps unseren Zielort Sohland nicht finden kann. Da die Beschilderung des Weges sich wortlos auf den blauen Balken auf weißem Grund beschränkt, haben wir keine Ahnung, wie weit es noch ist bzw. wie weit wir schon gekommen sind. Auch eine klassische Wanderkarte hilft da nicht weiter, wenn man nicht weiß, wo man ist. Das ist etwas demotivierend, irgendwie fehlt einem der Belohnungseffekt. Nur den Hinweis, dass es nicht mehr weit bis zum Nordkap ist, bekommen wir sehr oft. Das ist übrigens der nördlichste Punkt Tschechiens. Aber wir haben eine Gesamtkilometerzahl (21), aus der wir mit unserer Schrittgeschwindigkeit ungefähr berechnen können, wie lange wir laufen werden. Das hilft ein bisschen.

Der Weg ist sehr abwechslungsreich und führt überwiegend durch den Wald. Aus allen Ecken flüstern einem die Pilze zu: „Huhu, hier bin ich! Nimm mich mit!“ Selbst mein ungeübtes Auge kann sie in der Fülle nicht übersehen. Auch an Hütten wurde nicht gespart. Jede hat ihren eigenen Namen. Leider sind etliche Bänke kaputt oder die Mülleimer laufen über.

Still traben wir vor uns hin, mal bin ich vorne, mal Kerstin. Sie hat bezüglich Geocaching nicht viel zu tun und schaut nur hin und wieder, ob es was zu suchen gibt. Nach einer Pause hoffen wir, dass wir bald am Dreiherrenstein sind, aber der Weg zieht sich. Zeitweise denken wir, dass wir den Abzweig verpasst haben und schon auf dem Abschnitt der morgigen Etappe sind. Wir können uns nicht erinnern, uns jemals so sehr über den Anblick eines historischen Grenzsteins gefreut zu haben! Gott sei Dank, wir sind noch auf dem richtigen Pfad. Das wird mit einem Underberg begossen.

Es ist unnatürlich still hier. Nichts ist zu hören, absolut nichts. Kein Blätterrauschen, kein Vogelgezwitscher, kein Knacken. Das erlebt man selten. Das Glück ist vollkommen, als Kerstin dann ganz easy so nebenbei noch einen Cache findet. Nun wähnen wir Sohland ganz in der Nähe und freuen uns auf den letzten kleinen Abschnitt. Ein Blick auf die Karte ist ja nun wieder hilfreich, da wir wissen, wo wir sind und wir stellen fest, dass unsere Vermutung zwar richtig ist, aber der Bergweg noch in einem großen Bogen um den Ort führt, bevor wir am Ziel sind. Immer wieder dienen Bohlen dazu, die Füße des Wanderers trocken zu halten, manche Bretter sind ziemlich morsch und erhöhen den Adrenalinspiegel – halten die anderen noch so lange, bis ich drüber gelaufen bin? Schön ist es auch, als sich der Wald in eine weite Landschaft öffnet und wir über weiche Wiesen geführt werden.

Doch zum Schluss fühlen wir uns ein bisschen veräppelt. Immer dem Zeichen folgend, würden wir im Kreis laufen. Große Ratlosigkeit macht sich breit. Und Unlust. Was nun? Ich checke mein Handy und yeah – es hat wieder Internetverbindung! Und was sagt Google Maps? „Gehen Sie nach Nordosten!“ Toll, solche Ansagen liebe ich. Woher soll ich wissen, wo Nordosten ist, wenn die Sonne nicht mehr sichtbar ist? Nach ein paar Gehversuchen in die falsche Richtung haben wir endlich die empfohlene Himmelsrichtung entdeckt und wissen jetzt, dass wir in einer halben Stunde im Hotel sein werden. Nach kurzer Zeit sehen wir in der Ferne die Silhouette des Ortes und unser Schritt nimmt nochmal Fahrt auf.

Wir treffen auf eine alte Frau und ich plaudere ein bisschen mit ihr. Nach drei Minuten weiß ich, dass ihr Sohn eine Elbe-Radtour unternommen hat, jeden Tag 90 km gefahren ist, die Unterkünfte spontan gebucht hat, dass sie Besuch aus dem Rheinland hatte, der begeistert war von der hiesigen Landschaft, dass sie in der Rhön schon mal Urlaub gemacht hat und hier jeden Tag ihre Runden dreht. Im Gegenzug erzähle ich ihr von uns, unseren Wanderungen, der heutigen Etappe und denen der nächsten Tage. Währenddessen ruft Kerstin unseren Dritten im Bunde an, der nicht so lauffreudig ist und sich heute Vormittag mit den Koffern hierherfahren lassen hat. Er bekommt den Auftrag, schon mal große Gläser Apfelschorle zu bestellen. Bei unserem Einmarsch in den Ort beginnen Punkt 18 Uhr uns zu Ehren die Kirchenglocken zu läuten, welch ein Empfang! Ein letztes Mal verlaufen wir uns kurz. Unser Hotel hat die Hausnummer 11a und das Navi schickt uns zu Nr. 11, einem ganz normalen Wohnhaus. Die beiden liegen ca. 200 Meter auseinander. Aber das bringt uns nun auch nicht mehr aus der Fassung. Die Wirtin freut sich mit uns, dass wir es geschafft haben und bringt uns sofort die übersichtliche Speisekarte. Ist mir sowieso lieber als eine mit 20 Seiten. Und hier seht ihr, dass unsere Wahl die richtige war: „Teichelmauke“ (Rindfleisch, Sauerkraut, Kartoffelpüree und Brühe) und „Schnitzel mit Spiegel“:

Und wir haben heute auch Zimmer mit eigener Dusche plus WC:

13. September. Sohland – Schönbach (16 km)

Nach einer kurzen Nacht in sehr bequemen Betten klingelt um 7:30 Uhr der Wecker. Muskelkater habe ich nicht, was ja manchmal in den ersten Tagen solcher Wanderungen der Fall ist. Draußen hat die Sonne schon voll aufgedreht, aber es ist mit 10 Grad noch ziemlich frisch. Meine beiden Begleiter sind schon in Sachen Geocaching unterwegs. Es gibt hier im Ort eine Dose, die erst zu finden ist, wenn man vorher ein Rätsel gelöst hat. Darin ist Kerstin ja besonders gut und auch dieses Mal kommt sie erfolgreich und zufrieden von ihrer Mission zurück. Nach dem Frühstück ist es schon um einige Grad wärmer und Jacken sind nicht mehr nötig. Wir durchqueren Sohland und sind sehr angetan vom Charme des Ortes. Wunderschöne Umgebindehäuser, mit viel Liebe gestaltete Vorgärten, ein kleines Gewässer, das den Ort durchzieht, begeistern uns. Die Landschlachtstelle hingegen weckt unschöne Bilder im Kopf.

Ich frage mich, warum es diese Besonderheit beim Hausbau gibt. Wikipedia hat es gut erklärt:

„Das Umgebindehaus zeichnet sich durch die bauliche Trennung von Stubenkörper und Dach bzw. Stubenkörper und Obergeschoss aus. Das Hauptkennzeichen des Normaltyps ist ein hölzernes Stützensystem, welches auf zwei oder drei Seiten um eine Block- oder Bohlenstube des Hauses herumgeführt wird mit der Aufgabe, den Stubenkörper von der Last des Daches (bei einstöckigen Häusern) bzw. des Daches und Oberstockes (bei zweistöckigen Häusern) zu befreien. Das Obergeschoss des Hauses ruht mit dem Dach auf einem hölzernen Stützgerüst aus Holzständern (den Umgebindejochen), das sich im Außenbau als typische Rundbögen zeigt. Das Erdgeschoss steckt eigenständig darin bzw. darunter. Das Haus wurde regelrecht umbunden. Seine beiden Bauteile, die Blockstube und das Obergeschoss auf den Umgebindejochen, bleiben statisch selbständig.“

Es ist also ein Dach (oft plus Obergeschoss) auf Stelzen und dazwischen quetscht man das Erdgeschoss. Finde ich interessant. Kurze Zeit später sind wir schon an der Himmelsbrücke, die eine lange Geschichte hinter sich hat. Daneben eine nagelneue Baude. In der Ferne erhebt sich der Frühlingsberg und alles ist in klares Morgenlicht getaucht. So macht das Wandern Spaß. Eine Gruppe Radler kommt vorbei und bewundert die Unversehrtheit des Häuschens, was von einer Frau wiederholt mit den Worten kommentiert wird: „Das ist eine reiche Gemeinde hier!“

Eine Zeitlang begleitet uns der Rosenbach, ein Zufluss in die Spree und es dauert nicht lange, bis der Stausee vor uns liegt. Hier gibt es natürlich auch Gastronomie und wir finden es so schön hier, dass wir uns nur anschauen müssen und uns einig sind: PAUSE! Immerhin sind wir ja schon 1 km gewandert! Wir holen uns einen Kaffee und machen es uns am Wasser gemütlich.

Nun müssen wir ein bisschen bergauf, kommen an den drei terrassenförmig liegenden Teichen vorbei und schleppen uns schweratmend weiter, während eine drahtige Sportlerin ca. in unserem Alter beschwingt an uns vorbeijoggt. Hm, das gibt zu denken. Wir passieren die von Corona lahmgelegte idyllische Waldbühne, immer noch in einem anstrengenden Steigungswinkel und arbeiten uns zum nächsten Ziel vor – den Kälbersteinen. Dabei entdeckt Kerstin so nebenbei aus dem Augenwinkel mit geübtem Geocacherblick ein Arrangement von Zweigen und Stein unter einem Baum, das ihr verdächtig vorkommt. Sie ist eben auch ohne Vorbereitung und ohne Koordinaten in der Lage, die versteckten Dosen zu finden.

Oft wird ja der Anstieg mit wunderschönen Ausblicken belohnt, auch jetzt öffnet sich der Blick auf die dahinterliegende Bergkette.

Auch in Ellersdorf, das wir am Rand streifen, bietet sich uns ein ungewohnter Anblick:

Das scheint geschmeckt zu haben! In einem Vorgarten ist sogar die Hecke geschmückt und die Blumenpracht ist beeindruckend.

Weiter gehts, natürlich bergauf über Schotter und Geröll und wir sind froh, als wir endlich die Kälbersteine erreicht haben, eine Gruppierung von großen und kleinen Granitfelsen und -steinen, teilweise begehbar. Es herrscht Hochbetrieb, viele Menschen sind unterwegs. Hier wird sonntags noch ein Spaziergang gemacht! Auf einer Infotafel gibt es spannende Details zu lesen über diesen Ort, der vielleicht mal als Kultstätte gedient hat. Die Formen der Felsen haben zu Namensgebungen inspiriert wie „Des Teufels Waschbecken“, „Das halbe Ei“, „Bischofsstuhl“ u.a. Letzteren habe ich sogar entdeckt:

Kurz darauf wird der Weg zur Forststraße, große Maschinen haben ihn umgepflügt. Uns überrascht eine matschige Stelle und sogar eine Pfütze ist zu sehen. Wir springen von Stein zu Stein. Unmittelbar danach folgt ein sehr staubiger Abschnitt, unsere Schuhe und Beine sind mit einer grauen Puderschicht überzogen, auch eine Wurzel mitten auf dem Weg, die wie ein Schuh aussieht. Unglaublich, was die Natur so formt.

Im Weiterlaufen darüber nachdenkend, beschließe ich, den „Schuh“ mitzunehmen, kehre um und hole ihn. Im Hotelzimmer habe ich ihn dann ordnungsgemäß mit Schuhcreme geputzt und poliert. So kann er als Erinnerungsstück meine Wohnung schmücken. Was uns genau wie im letzten Jahr wieder auffällt – auch hier findet das große Fichtensterben statt. Er regnet vertrocknete Nadeln, der Blick nach oben zeigt, warum.

Nun müssen wir uns nochmal schnaufend nach oben kämpfen und erreichen den Berggasthof Bieleboh mit Aussichtsturm. Da muss ich hoch! Kerstin verspürt kein Bedürfnis und wartet unten.

Die Weitsicht von oben ist beeindruckend. Kerstin kann sie später über die dort installierte Webcam genießen. Wir verzehren unser Lunchpaket und genießen danach im Berggasthof ein kühles Getränk. Uns fällt wieder auf, dass weder Gäste noch Personal Masken tragen. Auch drin nicht. Ich frage dort nach Stocknägeln und sehe niemanden mit Gesichtsbedeckung. Wie in anderen Gaststätten auch steht hier lediglich Desinfektionsmittel bereit und ein Aufsteller weist auf die Abstandsregelung hin. Ein Blick in die sächsische Infektionsschutzverordnung gibt Aufklärung. In Sachsen besteht nur in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln Maskenpflicht. Und es scheint zu funktionieren. Ich habe noch nichts gehört, dass hier die Infektionsrate höher wäre als andernorts. Auf jeden Fall ist das sehr angenehm so.

Nun ist es nicht mehr allzu weit nach Schönbach, wo wir heute die Nacht verbringen. Über einen leicht abfallenden Wiesenweg hinab tangieren wir Beiersdorf und gehen einen schattigen Weg entlang eines ehemaligen Bahndamms dem Ziel entgegen.

Vorbei an tiefenentspannten Enten, die uns höchstens aus dem Augenwinkel beobachten. Schönbach macht seinem Namen alle Ehre – zumindest die Bushäuschen. Da wartet es sich doch gleich viel angenehmer! Aus ganz eigennützigen Gründen hat unser Reisebegleiter von mir Standort-Zugriff erteilt bekommen. So kann er verfolgen, wo wir gerade sind und uns bei Ankunft mit gekühlten Getränken erwarten. Das hat prima funktioniert. Als wir um die Ecke biegen Richtung Hoteleingang, stehen dort unsere Erfrischungen bereit. Die Wirtin ist bestimmt mit Tim Thaler verwandt, jedenfalls scheint sie ihr Lächeln verkauft zu haben und auch mit ihren Worten streng zu haushalten. Egal, die nötigsten Informationen bekommen wir. Auch später beim Abendessen vermittelt sie nicht direkt eine Atmosphäre der Gastfreundschaft. Man muss sich alles schwer erkämpfen, aber am Ende sind wir satt und müde und verschwinden in unseren Retrozimmern. Die Bäder erstrahlen in beigem Charme, der Teppich ist von einer undefinierbaren Farbe, unter dem sich spürbare Löcher im Fußboden befinden. Doch eine Nacht geht das schon. Mein Versuch, das Tagebuch zu aktualisieren, scheitert kläglich. Schon beim Hochladen der Fotos schlafe ich ein. Ich stelle mir den Wecker auf 5 Uhr, dann muss ich eben morgen früh weiterschreiben.

14. September. Schönbach – Kottmar/Eibau (21 km)

Schrilles Jodeln reißt mich um 5 Uhr in der Frühe jäh aus meinen Träumen. Mein Handy folgt brav seinem Auftrag, mich zu wecken. Dass ich einen solch schrecklichen Klingelton eingestellt habe, war mir nicht bewusst, aber immerhin hats funktioniert. Vor Schreck habe ich es gleich samt Kabel aus der Steckdose gerissen, um es zum Verstummen zu bringen. Nun, um 7.30 Uhr habe ich das Tagebuch auf den neuesten Stand gebracht und werde mich mal fertig machen fürs Frühstück, Und dann gehts weiter zur 3. Etappe. Kerstin und Ronald tauschen letzte Küsschen aus, nochmal einen Blick zurück zum Hotel Kretscham, das nach außen Gemütlichkeit ausstrahlt, die ihm innen fehlt. Im örtlichen Supermarkt holen wir uns Getränke für den Tag und biegen in den Zubringerweg zum Bergweg ein.

„Geht ja schon gut los!“, denke ich. Solche Wege sind der Schreck eines jeden Wanderer. Schnurgerade und dazu noch asphaltiert! Doch nach der ersehnten Wegbiegung öffnen sich Landschaft und Blick ins Weite.

Und kommt schon das erste Highlight – ein ehemaliger Steinbruch, unten gefüllt mit Wasser. Kerstin sucht eine Dose, ich Fotomotive. Die kommen mir auch sofort entgegen in Gestalt von (vermute ich) einem behäbigen Bergziegenehepaar. Wir sind alle gegenseitig sehr überrascht von der Anwesenheit des anderen. Ich bleibe stehen und staune, die beiden bleiben stehen und staunen vermutlich auch. Wir überlegen, ob wir uns gefährlich werden können und sind uns nicht ganz sicher, aber niemand verspürt den Impuls zur Flucht. Respekt habe ich trotzdem – wenn die den Kopf senken und angreifen – Hallelujah!

Da wir bis jetzt noch nicht wesentlich vorangekommen sind, müssen wir weiter, denn es liegt noch eine beachtliche Strecke vor uns. Wir laufen Richtung Neusalza-Spremberg und werden über abwechslungsreiche Wege durch eine liebliche Landschaft geführt in ständiger Begleitung durch die Sonne, die es zu gut mit uns meint. Kerstin sagt, sie hätte nie gedacht, dass sie sich jemals über Schatten so freuen kann. Aber fürs Auge wird viel geboten. Inmitten eines Feldes erhebt sich ein bewaldeter Hügel. Durch die Bäume kann man die Umrisse eines riesigen Steins erkennen – Thors Amboss. Was er da wohl geschmiedet haben mag? Wir müssen da hin, denn dort befindet sich eine Dose und laufen im wahrsten Sinne querfeldein über staubige Krume in Ermangelung eines richtigen Weges.

Wir passieren die nächsten Felsen namens Schmiedesteine und eigener Bergbaude und erreichen wenig später das 1660 erbaute Reiterhaus in Neusalza-Spremberg, eines der ältesten Umgebindehäuser der Oberlausitz, beeindruckend in seiner Ausstrahlung.

Hier tangieren wir den Ort, werden in einem unlogischen Bogen um ein Pflegeheim herumgeführt, überqueren die B 96 zum zweiten Mal und verschwinden wieder im Wald. Merkwürdigerweise sehr ich ohne Unterlass die schönsten Pilze, muss sie aber schweren Herzens stehenlassen, während ich sonst meistens mit leerem Korb nach Hause komme. Leider gibt es auch Unmengen an Zecken, die uns entdecken. Es kribbelt und krabbelt und wir pflücken sie uns gegenseitig vom Körper. Der Weg führt uns durch ein Waldstück mit einer dicken Schicht sehr angenehm federnden Nadelteppichs. Wir sind uns einig, so könnten wir stundenlang weiterlaufen! Man darf nur nicht nach oben blicken, denn die dicke Tannennadelschicht ist eine Folge der sterbenden Fichten. An vielen Stellen bietet sich uns ein trauriger Anblick. Schon letztes Jahr ist uns das im Teutoburger Wald aufgefallen – der Klimawandel ist deutlich spürbar. Vielerorts wurde mit dem Fällen der toten Bäume begonnen, wir passieren Unmengen gestapelter Baumstämme und kahlen Stellen im Wald. Oftmals erledigen die Fichten das selbst und fallen einfach um. Riesige Wurzeln ragen in die Luft. Es hat was Apokalyptisches.

Erste Anzeichen des beginnenden Herbstes stehen in Kontrast zu den sommerlichen Temperaturen, das Farbspiel der Blätter beginnt.

Plötzlich ist das Wegzeichen nicht mehr zu sehen. Wir haben uns verlaufen! Also wieder zurück bis zur letzten Markierung und einen zweiten Anlauf genommen, immer entlang einer Bahnlinie, durch den Raumbusch (komischer Name für einen ganz normalen Wald), machen wir gegen 15 Uhr Mittagspause. Wir sind ziemlich erschöpft, müssen aber beim Blick auf die Karte feststellen, dass uns noch eine Bergüberquerung des Kottmars bevorsteht. Also nicht lange rumtrödeln, weiter gehts! Vorbei am Popelweg, an dem wir leider unserem Zeichen folgend abbiegen müssen (ich hätte zu gern gewusst, was den Wanderer dort erwartet), stehen wir kurze Zeit später am Fuß des Kottmars an der Spree, die wir mit einem halben Schritt überqueren könnten. Ein niedliches Rinnsal führt uns den Berg hinauf zur höchstgelegenen der drei Spreequellen, deren Einfassung gleich mal mit dem Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkrieges verbunden wurde. Kerstin untersucht interessiert den Stein mit Infos zum Verlauf der Spree.

Und nun hoch zum Gipfel! Das ist nochmal eine große Herausforderung. An der Sprungschanze biegen wir ab und klettern den Berg diagonal hinauf, Schritt, schnauf, Schritt, keuch, Schritt, es pocht im Kopf, Schritt, Blutdruck 230, Blick nach vorn, noch lange nicht oben, Schritt, Gesicht abwischen, Schritt, die Lunge pfeift. Endlich stehen wir mit Schnappatmung oben und erblicken ein riesiges, verlassenes Gebäude. Die ehemalige Bergbaude mit Hotel, ein Lost Place. Man kann erahnen, wie schön das hier mal war. An der Eingangstür zur Baude hängt ein Hinweisschild: „Wegen Renovierung geschlossen“. Darüber hat ein Scherzkeks geschrieben: „Wiedereröffnung am 1.1.2025“ Auch der Aussichtsturm bietet einen traurigen Anblick. Unterhalb davon hat sich jemand ein gemütliches Plätzchen eingerichtet.

Um das alles wieder in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, erfordert viel Mut und Geld. Auch die Sprungschanze sieht irgendwie marode aus. Aber man kann von hier oben weit ins Land schauen.

Und nun, nachdem Kerstin ihr sechstes Erfolgserlebnis in Sachen Geocaching hatte, treten wir den Endspurt an, nun nur noch bergab. Der Moment, in dem man aus dem Wald hinaustritt, sich die weite Landschaft vor einem ausbreitet und sich unterhalb eine Ortschaft an den Hang anschmiegt, ist immer sehr erhebend. Oftmals steht an solchen Punkten eine Bank, hier auch.

Ich würde mich jetzt am liebsten ins weiche, frischgemähte Gras werfen, den durch die sanften, goldenen Strahlen der untergehenden Sonne weichgezeichneten Ausblick genießen, aber wir müssen ins Hotel, denn es geht auf 19 Uhr zu. Unser Einmarsch wird wie immer von Glockengeläut begleitet, wie sich das gehört und wir werden auch wieder mit Kaltgetränken von Ronald erwartet, der gespannt auf Google Maps unsere Ankunft verfolgt hat. Dann schnell Hände waschen, Schuhe wechseln und ab zum Essen. Doch auch hier herrscht die Regel: In der Ruhe liegt die Kraft. Immer einen Schritt nach dem anderen. Erst wird die Karte bestellt. Das kann dauern. Dann die Getränke. Braucht alles seine Zeit. So geht es weiter. Aber das Essen ist hervorragend, da kann man nicht meckern. Knapp drei Stunden später sind wir in unseren Zimmern und lechzen nach der Dusche. Morgen haben wir die längste Tour vor uns. 25 km bei 32 Grad Celsius. Mit 785 Meter hohem Berg am Ende der Etappe. Oh Gott. Aber wir schaffen das!

15. September. Eibau – Waltersdorf (25 km)

Der gestrige Tag endete mit einem Problem und begann heute mit demselben. In diesem Hotel ist es nämlich nicht möglich bzw. ist man nicht bereit, Ronald mit den Koffern zum nächsten Hotel zu transportieren. Deswegen bat er darum, ihm ein Taxi zu organisieren. Das schien eine unlösbare Aufgabe zu sein. Auch heute morgen sind die telefonischen Versuche des Hotelpersonals erfolglos. Ronalds Stimmung sinkt auf den Nullpunkt, während wir beim Frühstück sitzen. Auch eine andere Wandergruppe ist etwas irritiert über den mangelnden Service. Sie wollen nämlich einen ihrer Koffer mitnehmen lassen. Ne ne, so einfach ist das nicht! Erst muss die Chefin zustimmen und die geht nicht ans Telefon. Ungläubig staunend, wie wenig „kundenorientiert“ man hier mit den Gästen umgeht, schlage ich vor, selbst mal zu versuchen, ein Taxi zu rufen. Plötzlich kommt die Mitarbeiterin mit dem Ausruf um die Ecke: „Sie sind doch die Touris? Dann bringe ich Ihnen gleich Ihr Lunchpaket!“ Ok, naja, stimmt schon. Wir sind Touris. Aber was sind dann die anderen Gäste? Jedenfalls ist mein Versuch, ein Taxi zu bekommen, sofort von Erfolg gekrönt und Ronalds Niedergeschlagenheit ist schlagartig verflogen. Gegen 8:45 Uhr brechen Kerstin und ich auf zur längsten Etappe dieser Wanderung. Hier ein Blick auf das Hotel, das wir gerne hinter uns lassen:

Später erzählt uns Ronald, dass kurz nach unseren Start helle Aufregung herrschte und die Wirtin mich zurückrufen wollte. Ich hatte nämlich gestern einen Kaffee mit aufs Zimmer genommen und heute morgen das Glas unten abgegeben. Gestern beim Begleichen der Rechnung hatte ich ihn mit angesagt und somit war alles für mich erledigt. Die Wirtin war aber der festen Überzeugung, dass ich die Zeche geprellt habe und ihr noch 2,60 € schuldig bin – sprich, dass ich zurückkommen müsse, um den ausstehenden Betrag zu entrichten. Ronald war dann so nett, das zu übernehmen, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, den Kaffee gestern bezahlt zu haben. Als sich diese Szene abspielt, irren wir vermutlich auch noch in Eibau umher. Der Weg führt uns im Slalom raus aus dem Ort und an einer Stelle im Kreis. Das Schild zeigt einen Linkspfeil, aber der Wanderer muss eigentlich geradeaus. Das bekommen wir irgendwann auch heraus. Aber so lernen wir den Ort bis zum letzten Brückengeländer detailliert kennen, vielleicht besser als die Einheimischen.

Auf einem sehr, sehr ordentlichen Grundstück eines Dachdeckermeisters und Sitz der Innung dieses Berufsstandes weht die Reichsflagge. Wir schauen ein bisschen genauer hin und werden durch ein Hinweisschild aufgeklärt, dass es sich um das Hoheitsgebiet in den Grenzen des Deutschen Reiches handelt und die Gesetze der sogenannten Bundesrepublik hier nicht gelten. Zu gerne würde ich davon ein Foto machen, aber Kerstin rät mir ab. In diesem Zusammenhang fällt mir auch wieder ein, dass wir in den Orten, die wir bisher kennengelernt haben, noch keinem einzigen Ausländer begegnet sind. Wieso eigentlich?

Wir wandern zunächst überwiegend auf Asphalt, durch Sorge, durch Folge, an den Bleichteichen und einem ehemaligen Steinbruch vorbei unter der jetzt schon heftig strahlenden Sonne. Kerstin schaut ab und zu mal nach, ob es was zu suchen gibt und manchmal klappt es. So trotten und schwitzen wir still vor uns hin, geredet wird wenig. Jeder ist damit beschäftigt, durchzuhalten und auf die Wegemarkierung zu achten, denn zusätzliche Kilometer durch Verlaufen können wir uns heute nicht leisten. Wir nähern uns über einen Wiesenweg dem Großen Stein, immer froh, wenn wir in den Schatten eintauchen können. Neben dem Großen befindet sich der Goethestein, weil er angeblich Ähnlichkeit hat mit dessen Profil. Ok, mit viel gutem Willen kann man das Profil eines liegenden Menschen erkennen, aber Goethe ist unserer Meinung sehr weit hergeholt. Aber egal, wir erfreuen uns an der Landschaft, die uns zu Füßen liegt und klettern dafür sogar mutig bis zum Gipfelkreuz.

Weiter gehts Richtung Großkunnersdorf über sattgrüne Wiesen und herrlichem Rundumblick mit dem Ort zu Füßen. In der Ferne sieht man den Höhenzug des Zittauer Gebirges, in das wir heute für den Rest der Wanderung eintauchen.

Ich liebe solche Momente! In Großkunnersdorf wohnen viele Schützenkönige, die offenbar so stolz darauf sind, dass sie diesen Titel weithin sichtbar an ihren Häusern befestigen. Ansonsten sehen wir außer einem weiteren Hotel „Zum Hirsch“ noch eine Fabrikruine von beachtlicher Größe.

Das nächste Highlight ist der Weiße Stein oder die Karasek-Höhle. Das war ein Räuber, der dort seine Beute versteckt hat. Jetzt ist dort nur noch eine Dose versteckt, die Kerstin sucht und findet. Ein schönes Plätzchen, um mal eine Pause einzulegen, leider gewinnen zwei ältere Damen den Kampf um die Bank. Na und? Wir müssen sowieso weiter und haben gar keine Zeit zum Faulenzen. Wir verschieben das Vorhaben auf den Hutberg, der als nächstes anzupeilen ist. Es zieht sich hin und als er in Sicht ist, tauchen dahinter verheißungsvoll die nächsten Gipfel auf, die wir noch zu bewältigen haben. Allein der Gedanke daran ist schon schweißtreibend. Aber nun ist erstmal Mittagsruhe auf einer schattigen Bank.

Den Hutberg verlassend, taucht Großschönau unter uns auf mit wunderschönen Häusern und Brückchen. Im Prinzip wirkt der ganze Ort wie ein Museum, aber wer war schon mal in einem Damast- und Frottiermuseum? Das hat schon was.

Und nun steht uns der anstrengendste Teil des heutigen Tages bevor. Das wissen wir, aber dass er so kräftezehrend werden wird, ahnen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Der Weberberg ist zu überqueren. Ja, wir denken sogar, dass wir danach auch noch über die Lausche müssen, mit 792 Metern der höchste Gipfel hier. Beim Aufstieg treffen wir schwitzend, schnaufend und tropfend auf ein Paar, das abwärts unterwegs ist. Wir wechseln ein paar Worte und werden demotivierend aufgeklärt, dass wir noch ein großes Stück vor uns haben. Bis dahin hatte ich gehofft, bald oben zu sein. Ich verabschiede mich von diesem Gedanken. Wir protzen damit, dass wir danach noch über die Lausche laufen werden. Er, dabei auf die Uhr schauend: „Dann wirds aber schon dunkel sein!“ Hallo? Es ist gerade mal 16 Uhr! Kerstin: „Das schaffen wir!“ Die Beschilderung auf der weiteren Strecke nennt jetzt keine Kilometerzahl mehr, sondern die Entfernung wird in Zeit angezeigt, z.B. „Weberberg Gipfel 45 min.“ Oh Gott, noch 45 Minuten bergauf? Und in unserem Tempo vermutlich 1,5 Stunden! Es nimmt kein Ende. Ich gerate an einen Punkt, wo ich das Gefühl habe, keinen Meter mehr vorwärts zu kommen. Aber man muss sich eben zwingen. S C H R I T T für S C H R I T T, wie eine Maschine, mit leerem Kopf. Und irgendwann ist es geschafft. Wir sind oben, doch umgeben von dichtem Wald. Wie jetzt, keine Aussicht? Wozu habe ich mich hier hochgequält?! Kerstin ist noch frustrierter, denn ihr Cache ist hinter Zäunen und Absperrungen ebenfalls unerreichbar. Wir befinden uns wieder an der tschechischen Grenze, die über den Berg verläuft. Dieser folgen wir nun ein langes Stück abwärts und treffen dabei auf Männer aus Holz und auf echte, die uns in einer großen Gruppe entgegenkommen.

Irgendwann sind wir dann am Lauscheborn, der die ganze Zeit verheißungsvoll auf den Wegweisern angepriesen wurde. Und erst, als wir fast in Waltersdorf sind, werden wir mit einem Panoramablick belohnt. Vom Gipfel wäre dieser wohl atemberaubend gewesen. Wir können sogar unser Hotel entdecken. Dort stehen bestimmt schon unsere Getränke bereit.

Übrigens ist mir fast am Ende der Etappe aufgefallen, dass der Weg gar nicht über die Lausche führt. Na Gott sei Dank. Das hätten wir nicht mehr geschafft, glaube ich. Kerstin sucht noch eine letzte Dose an der Wache direkt an der Grenze, während ich mir auf tschechischer Seite die Wegweiser anschaue und ein Ehrenmal entdecke mit Kränzen, niedergelegt u.a. von der KPD.

Geschafft! Wir freuen uns über die kühle Erfrischung, Ronald freut sich, dass wir endlich da sind und wir alle zusammen genießen das köstliche Essen, auf das wir auch hier wieder lange warten mussten. Ist eben so in der Gegend. Die Bedienung ist total nett, was wir gar nicht mehr gewöhnt sind und auch unsere Zimmer sind wunderbar. Morgen schlafen wir aus! Die 14 km schaffen wir doch locker in 4 Stunden!

16. September. Waltersdorf – Oybin (14 km)

Dieses Hotel ist bis jetzt nicht zu toppen. Das Frühstück ist fürstlich und perfekt geschützt vor Ansteckungsmöglichkeiten. Am Buffet wird jeder Löffel, jede Gabel nur einmal benutzt, niemand kann etwas anfassen, das vorher schon jemand in den Händen hatte. Zum ersten Mal in dieser Woche erhalten wir zum Lunchpaket einen Schnaps dazu und das Personal ist immer noch freundlich.

Wir verabschieden uns von Ronald und tauchen oberhalb des Hotels ein in den sonnendurchfluteten Wald. Es dauert gar nicht so lange, bis wir die Felsenstadt bei Jonsdorf erreicht haben. Ein beeindruckendes Ensemble, dem Elbsandsteingebirge sehr ähnlich. Wir schauen uns dort ein bisschen um, denn wir haben schließlich Zeit, bei 14 km kann man ganz entspannt bleiben! Wir klettern zwischen Schluchten auf und ab, entdecken das steinerne Krokodil, erklimmen den Aussichtspunkt und sind überwältigt von der Aussicht. Die Chance auf Erwerb von Stocknägeln sinkt auf Null, denn die Gastronomie plus Souvenir-Kiosk hat mittwochs Ruhetag. Aber das können wir verkraften.

Aber dieser Wegepunkt muss dringendst umbenannt werden:

Nach weiteren steinernen Zeugen der vulkanischen Vergangenheit dieser Landschaft kommen wir nach Jonsdorf. Kerstin sucht noch die Zigeunerstuben, weil sich dort eine Dose befindet. Ich laufe schon mal rein in den Ort und lande direkt an einem Verkaufsstand eines Mannes, der aus Holz die schönsten und auch albernsten Dinge fertigt und hier feilbietet. Auch ein Glatzenkamm ist u.a. dabei. Aber auch ein wunderschöner Büchersessel, den ich am liebsten gleich mitnehmen würde. Ich kaufe dies und das und er ist selig.

Hier bekomme ich auch den Tipp, in der danebenliegenden Ausflugsgaststätte nach Stocknägeln zu fragen. Kerstin ist noch nicht in Sicht, also gehe ich dorthin und bin sehr gerührt von dem beschaulichen Anblick. Hier gibt es einen Gondelteich! Wie in meiner Kindheit! Direkt vor der Terrasse des Lokals ist ein kleiner See mit Booten. Ein Kiosk hat genau die Dinge im Angebot, wie es früher üblich war. Limonade, Bier, Bockwurst, Ansichtskarten, anderen Souvenir-Schnickschnack und – TATA – Stocknägel! Ich kriege mich fast nicht mehr ein und könnte hier einfach nur stehenbleiben, dem Treiben zuschauen und mich wie das Kind fühlen, das vor 50 Jahren mit seinen Eltern im Urlaub war. Ich reiße mich los, finde Kerstin und wir wandern weiter entlang eines Märchen- und Sagenpfades, der sehr liebevoll gestaltet ist. An jeder Station gibt es eine Holzskulptur und eine kleine Geschichte dazu. Ein Schäfer hat es mir besonders angetan, der dort seit 200 Jahren ein verlorenes Schaf sucht.

Am ehemaligen Sportplatz mit einem Fahrradparcour erreichen wir den Zugang zu den Mühlsteinbrüchen und die Felsenstadt Jonsdorf. Wir nehmen uns die Zeit, uns hier mal etwas genauer umzuschauen.

Auch hier ist Klettern angesagt, wenn man was sehen will. Ich entdecke einen Igel-Fels, das sogenannte Mauseloch (hier gabs mal einen Felssturz und ein Stein hält momentan auf Kante den Fels darüber) und die drei Tische (ein Felsplateau aus drei Säulen mit „Tischplatten“ darauf). Hier könnte man sich den ganzen Tag aufhalten, es geht endlos hoch und runter und man taucht immer tiefer ein in diesen schroffen Berg. Kerstin spart ihre Kräfte auf, ich unternehme einen halbherzigen Versuch, hier alle Stufen zu erklimmen. So viel Zeit haben wir dann doch nicht. Wir steigen hinab ins Jonsdorfer Hinterdorf, vorbei an einem interessanten Fachwerkhaus im Rohbau und fallen direkt in ein so einladendes Café, dass wir beschließen: Zeit spielt keine Rolle! Bei chilliger Musik sündigen wir genussvoll. Ich gönne mir einen Energiedrink (Eisschokolade) und Kerstin schwelgt im Genuss von Fruchteis. Hier könnten wir sitzenbleiben!

Aber alles hat einmal ein Ende, so auch unser Aufenthalt hier. Nun steht uns ein Aufstieg bevor, bei dem wir umgehend alle soeben zugenommenen Kalorien wieder verbrennen. Über Feldbrocken schwankend, kämpfen wir uns 40 Minuten zum Hochwald hinauf, bis zur Baude. Wir brauchen exakt so lange, wie auf den Wegweisern angegeben. Da sind wir schon ein bisschen stolz drauf. Oben an der Baude gibts was zu finden (klappt!) und natürlich zu sehen. Man blickt auf eine von Bergen durchzogenen Landschaft hinab, die sehr deutlich erkennen lässt, dass die Hügel alle mal Vulkane waren. Beeindruckend!

Auf unglaublich steinigem Weg arbeiten wir uns wieder abwärts, man muss höllisch aufpassen, dass man nicht wegrutscht. Wir wünschen uns nichts mehr als eine Bank für unsere Mittagspause, die wir uns jetzt aber verdient haben. Das dauert noch ein bisschen.

Zwischendurch noch ein Cache am Johannisbrunnen (Kerstin ist heute wieder sehr erfolgreich) und schließlich stehen wir an der Straße Oybin – Zittau, die der Bergweg quert. Und hier ist eine Bank. Nicht der schönste Ruheplatz, aber das muss jetzt sein. Wir verzehren unseren Proviant und checken die Lage. Müssen wir jetzt auf dem offiziellen Weg weiter oder runter nach Oybin? Letzteres ist der Fall und wir nehmen das letzte Stück Weg in Angriff. Ich esse dabei eine Nektarine, die ich heute morgen vom Buffet mitgenommen hatte und schmeiße sie kurz darauf schreiend von mir. Aus dem gespaltenen Kern kam ein Ohrenkneifer herausgekrabbelt! Es schüttelt mich vor Ekel, ich spucke, spüle mir den Mund mit Wasser und zu Desinfektionszwecken mit Schnaps aus. Bäh! Jetzt die Frage, wie kam das Vieh da rein? Hat es Eier gelegt? Habe ich die gegessen und die wandern jetzt durch meinen Körper? Mir wird richtig schlecht und ich ordere bei Ronald statt Aperol, den es sowieso nicht gibt, noch einen hochprozentigen Schluck zum Abtöten alles Lebendigen in mir, was da nicht hingehört. Nach 1,7 km erreichen wir unser Hotel in Ost-Charme, die Burg Oybin in der Ferne gut sichtbar.

Das Hotel war früher Ferienobjekt vom Zoll und bietet nun besonders Wanderern preiswerte Unterkunft. An der Rezeption hole ich meinen Schlüssel ab und bezahle die Kurtaxe von 1,50 € pro Person. Die junge Dame nimmt den Taschenrechner und nennt mir die Summe: 4,20 €. Ich sage mal lieber nichts. Sie bittet mich um möglichst passende Zahlung, kann ich aber nicht und gebe ihr 20,20 €. Damit stelle ich ihr offensichtlich eine unlösbare Rechenaufgabe und sie fragt mich, wieviel sie mir rausgeben muss. Oh je. Der erste Eindruck vom Hotel ist: Oh, ein DDR-Museum!

Der zweite Eindruck zum Abendessen: Geht gar nicht! Wir sind umschwirrt von lästigen Fliegen, vor lauter Wedeln kommen wir kaum zum Essen, das im Übrigen nicht schmeckt. Ja – wir verzichten sogar auf unseren traditionellen Obstler! Macht keinen Spaß, hier zu sitzen. Das i-Tüpfelchen obendrauf ist zum Schluss, dass wir nach ca. 30 Minuten vergeblichen Wartens in Gesellschaft lästigen Ungeziefers zum Kellner gehen müssen statt er zu uns, um zu bezahlen. Seine anfängliche Freundlichkeit wie auch die unsere schlägt um in Gereiztheit. Wir verabschieden uns in die Nacht und ich verziehe mich in mein muffelndes Zimmer. Die Ausstattung ist aber ok. Besonders das Bad mit stufenloser Dusche gefällt mir gut.

17. September. Oybin – Zittau (16 km)

Bevor ich mit dem heutigen Tag fortfahre, muss ich noch ergänzen, dass nicht nur ich mit Zechprellerei unangenehm aufgefallen bin, sondern auch Kerstin und Ronald sich danebenbenommen haben. So hat Kerstin gestern Morgen die Unverschämtheit besessen, vor dem Hotel ihre Schuhe zu putzen und Frühstücksgäste mit aufgewirbeltem Dreck und Geruchsschwaden zu belästigen, so dass sie nach innen flüchten mussten. Ronald hingegen hat den Zimmerschlüssel entwendet und mitgenommen zum nächsten Hotel. Vermutlich bekommen wir alle drei lebenslanges Einreiseverbot in die Oberlausitz und das Zittauer Gebirge. Und noch etwas Unglaubliches haben wir erlebt: Es gibt in Deutschland einen Luftkurort ohne Apotheke – Oybin!

Zum Frühstück werden wir im Jägerzimmer platziert. Hier sitzt es sich sehr gemütlich und es gibt keine Fliegen! Auf dem Buffet liegen die Lebensmittel portioniert abgepackt, auch die Brötchen. Außerdem bekommen wir noch eine kleine Wurst- und Käseplatte an den Tisch gebracht. Und ein Lunchpaket dazu. Also es gibt nichts zu meckern! Gut gerüstet starten wir gegen 9:45 Uhr zu unserer letzten Tour. Zunächst aber müssen wir die 1,7 km wieder hinauf zum Rastplatz von gestern und dort auf dem Oberlausitzer Bergweg weiter. Auf der Beschilderung ist immer der Hinweis auf den Sudetenblick zu finden, dann zweigt dieser von unserem Weg ab. Normalerweise würden wir einfach weiterlaufen, denn schöne Ausblicke hatten wir in dieser Woche schon viele, aber Kerstins Geocaching-App zeigt an, dass es dort etwas zu finden gibt. Deswegen machen wir diesen kleinen Umweg dann doch. Ich kann nur sagen – Gott sei Dank hat sie dieses Hobby, denn sonst wäre uns ein wirklich sensationeller Blick über dieses Gebirge entgangen. Und wir haben mittels der Infotafel unsere mangelhaften geografischen Kenntnisse aufgefrischt: „Der Gebirgszug ist 310 km lang 30 bis 45 km breit. Die Westsudeten gehören zu Deutschland, der Tschechischen Republik und Polen mit der Schneekoppe als höchste Erhebung. Die Mittelsudeten liegen in Polen (Eulengebirge), die Ostsudeten in Schlesien (Tschechien) mit dem Altvater als höchstem Berg. Nach den Sudeten wurde zwischen 1918 und 1938 die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei benannt – die Sudetendeutschen. Ihr Siedlungsgebiet wurde Sudetenland genannt, umfasste aber nicht nur dieses Gebiet, sondern das gesamte Grenzgebiet zu Deutschland und Österreich. Das Wort Sudeten kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Wildschweingebirge.“

Wir erreichen dann Lückendorf mit einem sehr maroden und ein paar Schritte weiter neuem „Alten Kurhaus“, das man nur als Gast betreten darf. Aber es gibt hier auch ein Haus „Renate“!

Wir lassen den Ort hinter uns uns steigen auf zum Scharfenstein, als uns das Pärchen begegnet, das zu Beginn unserer Wanderwoche die Jugendherberge mit uns geteilt hat. Große Überraschung auf beiden Seiten, besonders, als wir feststellen, dass wir alle das gleiche Ziel haben – Zittau. Wie jetzt… Wir laufen in gegensätzliche Richtungen und trotzdem alle nach Zittau? Irritation auf beiden Seiten. Wir studieren die Karte und stellen fest, dass die beiden dann aber einen großen Haken schlagen müssen, um dort anzukommen. Das sehen sie aber ganz locker. „Das schaffen wir schon!“ Schließlich wollen sie dann noch weiter nach Prag. Unsere Augen werden immer größer. Zu Fuß??? „Na klar. Wir haben doch noch eine Woche Urlaub.“ Sie laden uns ein, sie zu begleiten, aber wir haben eine gute Ausrede – wir müssen wieder arbeiten gehen. Kerstin meint dann: „Die sind mir unheimlich.“ und fühlt sich am Ende bestätigt, als wir die beiden tatsächlich frisch geduscht und gekleidet wiedertreffen, als wir erschöpft Zittau auf der Suche nach dem offiziellen Weg-Ende durchqueren.

Ab dem Scharfenstein gehts bis Oybin nur noch abwärts über viel Geröll. Ja, wir sind wieder in Oybin, denn das Ost-Hotel liegt etwas außerhalb und wir haben nun in großem Bogen das andere Ende erreicht und sind mitten im Touristen-Hotspot angekommen. Es ist auch tatsächlich ein reizender Ort, selbst der Bahnhof sieht aus wie auf einer Modelleisenbahn.

An der Teufelsmühle tobt das Leben, Baustellen, Touristen, Autos und eine nicht zu findende Dose lassen uns schnell weiterlaufen. Es ist windig und kühl, aber sonnig. Nach einer Pause an einem grundsätzlich schönem Rastplatz sind wir tiefgefroren. Hier muss Kerstin was suchen, um dann etwas zu finden. Klingt rätselhaft, ich weiß, aber genau so so ist es. Der erste Schritt: Suche den Hinweis! Solche Herausforderungen sind genau ihr Ding und sie untersucht Tisch und Bänke auf das Gründlichste, bis sie tatsächlich unter der Tischplatte eine Aufschrift findet mit dem Hinweis auf die Himmelsrichtung, wo die Dose zu finden ist. Die sucht sie zunächst mitten auf dem Feld, merkt dann aber, dass es die andere Richtung sein muss. Irgendwann gibt sie auf. Es ist auch einfach zu kalt. Wir verkrümeln und vor dem Aufbruch nochmal in die Büsche und genau dort sieht sie ihn – einen Kasten, der zu finden war. Doch um die Suche erfolgreich abzuschließen, fehlt ihr ein Werkzeug. Trotzdem ein spannendes Abenteuer!

Auf einem sehr schönen Weg nähern wir uns über Hartau dem Dreiländereck und sehen in der Ferne die drei Flaggen wehen. Es sieht nach einem Platz aus, an dem man sich gerne mal umschauen und von der Sonne aufwärmen lassen würde. Wir laufen darauf zu und Kerstin stellt fest: „Ich glaube, da liegt ein Graben dazwischen.“ Beim Näherkommen wird uns klar, dass dieser Graben die Neiße ist. Sie trennt uns von der Idylle gegenüber und eine Brücke ist weit und breit nicht in Sicht.

Na gut, dann müssen wir diese Grenze wohl akzeptieren. Es ist ja jetzt auch nicht mehr weit bis Zittau. Noch ein paar Caches am Wegesrand nehmen wir mit, bis wir in der Stadt einmarschieren. Auch dort krabbelt Kerstin unter den verwunderten Blicken der Passanten auf und unter einer großen Brücke rum, während ich derweil auf der anderen Flussseite scheinbar gelangweilt rumstehe und sie dabei fotografiere. Was mögen die Leute wohl denken? Zittau präsentiert sich nicht gerade von einer schönen Seite, es gibt viel Verfall zu sehen, bis wir in der Innenstadt angelangt sind. Dort entdecken wir die berühmte Blumenuhr mit einem Glockenspiel daneben, das alle 15 Minuten erklingt. Gespannt warten wir die Zeit ab und bekommen 5 Töne zu hören. Kaum angefangen, ist die Musik auch schon wieder zu Ende.

Der Endpunkt der Wanderung ist der Bahnhof, deswegen werden wir sie morgen dort zum Abschluss bringen. Jetzt freuen wir uns auf das Hotel, wo Ronald traditionsgemäß mit Getränken auf uns wartet. Hier werden sogar Masken getragen, müssen wir uns erst wieder dran gewöhnen. Die Zimmer sind im Vergleich zu denen der letzten Woche Extraklasse! Luxus pur! Im Schrank für die Minibar sind auch tatsächlich Getränke. Im gestrigen Hotel wurde für den Gast stattdessen dort eine Bibel deponiert.

Auch das Abendessen begeistert uns. Und morgen werden wir uns die schönen Seiten von Zittau noch anschauen.

Freitag, 18. September. Zittau

Um 10 Uhr verlassen wir das Hotel vorerst, dürfen aber unsere Koffer noch dort stehenlassen. Während ich an der Rezeption auf Kerstin und Ronald warte, schmökere ich im Gästebuch zum Oberlausitzer Bergweg. Alle sind total begeistert gewesen, die sich hier verewigt haben, von der Landschaft, den Menschen und den Hotels. Einziger Kritikpunkt: die Markierung. Bezüglich Hotels haben wir andere Erfahrungen gemacht, nicht überall haben wir uns wohlgefühlt. An dieser Stelle möchte ich auszugsweise den Schriftwechsel einfügen, den ich mit dem Hotel in Eibau geführt habe. Stichwort: Nicht bezahlter Kaffee. Da ich ja felsenfest überzeugt war, dass ich dem Hotel nichts mehr schuldig war, hatte mich die Absicht, mich wegen 2,60 € zurückpfeifen zu wollen, sehr geärgert. Deswegen hatte ich eine Mail geschrieben, in der ich die Bezahlsituation am Abend schilderte und flocht nebenbei noch mit ein, dass dieses Hotel das erste war, das Ronald nicht mitgenommen hat mit dem Gepäck – „Service sieht anders aus“ – und dass ich die Schwierigkeit, ein Taxi zu ordern, sehr merkwürdig fand.

Die Antwort lautete sinngemäß, dass der Kaffee auf der Rechnung vergessen wurde und die Frühstückskellnerin den Auftrag hatte, ihn noch abzukassieren. Außerdem gehöre der Personentransport nicht zum Service, weil vertraglich nicht vereinbart und wenn man eine Wanderreise buche, dann gehe man zu Fuß und lasse sich nicht umherfahren. Einerseits würden wir solche Extraleistungen verlangen wie z.B. Taxi rufen und andererseits beschwerten wir uns, dass alles so langsam ging. Sie wären ein Hotel und kein Taxiunternehmen.

Daraufhin musste ich einfach nochmal reagieren. Ich habe erklärt, dass es Gründe gibt, warum Ronald nicht mitwandert. „Sie werden im Laufe Ihres Lebens vielleicht auch die Erfahrung gemacht haben, dass man manche Dinge vorschnell beurteilt und die Menschen ihre Gründe haben für ein auf den ersten Blick merkwürdiges Verhalten.“ Ich habe ihr dargelegt, dass es uns klar ist, dass solche von uns erbetenen Extraleistungen nicht selbstverständlich sind. „Mir ging es darum, Ihnen mit meiner Bemerkung ‚Service sieht anders aus‘ zu verdeutlichen, dass der Gast auch Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit zum Service zählt und diese dankbar zu schätzen weiß. Nicht nur wir, grundsätzlich freut man sich als Gast darüber und zeigt sich auch entsprechend erkenntlich. Entweder mit erwiderter Freundlichkeit, mit guten Bewertungen im Internet oder z.B. mit Trinkgeld. Da Sie zu Service vermutlich nur die Leistungen zählen, die der Gast gebucht hat und die Sie dementsprechend erbringen müssen, ist das Wort von mir missverständlich benutzt worden. Man kann in dem von mir gemeinten Sinn auch die Worte Entgegenkommen, Gastfreundschaft oder Willkommenskultur benutzen. Das haben wir bei Ihnen schmerzlich vermisst.“

So, nun ist es aber auch genug. Wenden wir uns Zittau zu. Wie schon erwähnt, hat die Stadt gestern bei unserer Ankunft nicht direkt ihre schönsten Seiten präsentiert. Deswegen sind wir gespannt, was wir in der Zeit bis zur Abfahrt des Zuges noch so entdecken. Auf dem Weg zur Altstadt sehe ich durchaus interessante Architektur und gebe den Satz von mir: „Zittau hat das Potential, eine schöne Stadt zu sein“. Kerstin meint: „Das hast du aber schön gesagt“. Auf dem Markt springt uns als erstes eine Buchhandlung ins Auge. Schneller, als Ronald gucken kann, sind wir darin verschwunden. Seeeehr lange. Und wir finden sehr viele schöne Dinge! Dann gehts weiter zur Touristinformation, wo wir uns unser Wanderabzeichen holen, Stocknägel kaufen und den Bewertungsbogen abgeben. Danach trennen sich bis 15 Uhr unsere Wege. Ich gehe zum Friseur zur Schadensbegrenzung auf meinem Kopf und arbeite mich danach mit Hilfe eines soeben erworbenen Reiseführers „Zittau an einem Tag“ durch die Sehenswürdigkeiten, Kerstin und Ronald suchen — imaginärer Trommelwirbel — Caches und entdecken dabei auch interessante Dinge:

Meine erste Station nach dem Markt ist ein empfohlener Abstecher ins Künstlerviertel Mandauer Glanz, Plattenbauten mitten in der Stadt mit Pop-Up-Kunst. Ich bin hin und weg. Solch originelle Wandgestaltung habe ich in dieser Intensität noch nie gesehen:

Ich empfehle des Besuch der Künstlerwebseite, dort erfährt man alles über dieses Projekt: http://www.mandauerglanz.de/ Dann werde ich durch Straßen und Gassen geschickt mit bedeutenden, geschichtsträchtigen Gebäuden und Portalen, die aber auch oft von leerstehenden oder maroden Nachbarhäusern umgeben sind.

Sehr froh bin ich, dass ich den Aufstieg zum Turm der Johanniskirche zeitlich geschafft habe. Erstens hat man von oben einen sehr aufschlussreichen Blick auf Zittau, man sieht den Olbersdorfer See mit Strand und Zeltplatz und im Hintergrund das Zittauer Gebirge die Höhenzüge der Oberlausitz, wo wir uns die letzten sechs Tage rumgetrieben haben. Und zweitens komme ich ins Gespräch mit der Türmerin, die mir vieles erklärt, was ich sonst nicht erfahren hätte. Zittau hat z. B. kaum Kriegsschäden erlitten und deshalb sehr viel alte Bausubstanz. Es wird noch ein Weilchen dauern, bis die verborgene Schönheit der Stadt offensichtlich wird.

Auf meinem Programmzettel steht nun noch das Zittauer Fastentuch. Zur Erklärung, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, zitiere ich hier Wikipedia:

Das Fastentuch ist ein 8,20 m × 6,80 m (etwa 56 m²) großes Leinentuch. Es zeigt auf insgesamt 90 Feldern in 10 Reihen biblische Szenen aus dem Alten und Neuen Testament von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht. Das Fastentuch wurde im Jahr 1472 von dem Gewürz- und Getreidehändler Jacob Gürtler gestiftet. Es war 200 Jahre lang in der St.-Johannis-Kirche im Gebrauch und trennte in der Fastenzeit den Altarraum von der Gemeinde.(…) Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es auf dem Oybin ausgelagert. 1945 zerschnitten sowjetische Soldaten das Tuch in vier Teile und dichteten damit eine provisorisch im Wald errichtete Sauna ab. (…)
In den Jahren 1994/95 restaurierte die Abegg-Stiftung aus Riggisberg in der Schweiz das zwar stark beschädigte, aber noch vollständig erhaltene Fastentuch unentgeltlich. Seit 1999 befindet es sich in der Kirche zum Heiligen Kreuz. Es wird dort in der größten Museumsvitrine der Welt aufbewahrt.

Das ist schon was ganz Besonderes und wer Zittau mal besucht, sollte sich das nicht entgehen lassen. Ich kaufe mir danach die „Zittauer Bibel“, in der jedes der Bilder einzeln abgedruckt ist mit Inschrift, Übersetzung ins heutige Deutsch, Erklärung und Beschreibung des Bildes sowie den Zusammenhang zur Bibel. Im Prinzip ist dieses Tuch ein mittelalterlicher Comic.

Nun wird es Zeit, zum Hotel zurückzugehen. Auf dem Weg dorthin komme ich an einem weiteren Haus mit Charakter und Ausstrahlung vorbei, das auf bessere Zeiten wartet. Es ist mit vielen Details geschmückt, die den Betrachter lange beschäftigen. Besonders haben es mir die Gesichter angetan. Jedes ist anders und hat bestimmt auch eine Bedeutung. Mich beeindruckt immer, wieviel Wert früher auf schmückende Elemente gelegt wurde. Heute muss Architektur nur noch praktisch sein.

Schön finde ich auch den Grünen Ring. Er umschließt die Altstadt mit 3 km Parkanlage wie ein Blumenkranz.

Nun folgt im Prinzip die letzte Etappe unserer Wanderung – der Weg zum Bahnhof, wo der Oberlausitzer Bergweg endet. Dabei kommen wir am beeindruckenden Wasserturm vorbei und an dem riesigen ehemaligen Gelände der ROBUR-Werke. Sie waren Nachfolger der 1946 enteigneten Phänomen-Werke Gustav Hiller AG und hießen bis 1957 noch VEB Kraftfahrzeugwerk Phänomen Zittau. Das ist aber wiederum eine Geschichte für sich.

Und dann haben wir es geschafft! Wir sind am Ziel! Die Wanderung auf dem Oberlausitzer Bergweg ist zu Ende.

FAZIT

Landschaftlich ist dieser zertifizierte Wanderweg ein Genuss erster Güte. Da wir durchweg bei strahlendem Sonnenschein gewandert sind, zeigte sich uns dieses Fleckchen Erde von seiner schönsten Seite. Am schönsten fand ich immer die Übergänge vom Wald auf sanftgeschwungene Wiesenhänge mit dem Blick auf kleine Dörfer und die Höhenzüge im Hintergrund. Die weite, offene, lichtdurchflutete Landschaft ließ mich tief durchatmen und den Anblick genießen. Die vielen, beeindruckenden Felsformationen haben sehr an das Elbsandsteingebirge erinnert. Die Wegbeschaffenheit war abwechslungsreich: tannennadelweicher Waldboden, Schotter, Asphalt, Wiese, Wurzeln, Steine – alles hatten wir unter den Füßen. Es ging herausfordernd auf und ab über Stock und Stein im wahrsten Wortsinn. Frustrierend war die Erkenntnis nach dem anstrengenden Aufstieg zum Weberberg, dass es dort zwar einen Gipfel, aber keinerlei Ausblick gibt. Sehr schön fand ich die Holzskulpturen und Sagenpfade. Die Ausschilderung ließ an manchen Stellen zu wünschen übrig bzw. war an zwei Stellen irreführend. Vermisst haben wir eine ausführliche Wegbeschreibung mit Höhenprofil in Diagrammform für jede Etappe, so kennen wir das von den Fernwanderwegen, die wir bisher gelaufen sind.

Die für uns gebuchten Hotels waren qualitativ sehr unterschiedlich, was aber kein Problem darstellte. So war man jeden Tag gespannt auf die Unterkunft. Besonders hat es uns im Landhotel Waldschlösschen in Sohland gefallen, in der Sonnebergbaude in Waltersdorf und im Dresdner Hof in Zittau. Die Fliegenplage im Naturparkhotel Haus Hubertus in Oybin war grenzwertig. Bis auf hier war das Essen überall spitzenmäßig. Die Einheimischen sind uns sehr freundlich begegnet, in einigen Hotels gibts diesbezüglich noch Potential nach oben. Die Ortschaften sind allein schon durch die sehenswerten Umgebindehäuser eine Reise wert.

Der Weg hat mir eine Ecke von Deutschland in Erinnerung gebracht, die man viel zu selten besucht.