04. August 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Steglitz) | Einkaufstempel, Straßen-Spinnennetz, drei Schulen, Fassade ohne Haus, Walthers Buchladen und das Bücherparadies Hennwack

„Der richtige Spaziergänger ist wie ein Leser, der ein Buch wirklich nur zu seinem Zeitvertreib und Vergnügen liest.“ (Franz Hessel) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Nun ist es soweit – ein letztes Mal werde ich als Straßenwanderin durch Steglitz-Zehlendorf laufen. Heute gehts durch den Norden von Steglitz. Meine Tour wird von der Autobahn durchpflügt und von der Schloßstraße in zwei Hälften geteilt. Als ich am S-Bhf. Feuerbachstraße aussteige, fängt es an zu pieseln, was anfangs sogar sehr angenehm ist, denn es herrscht Treibhausklima. Doch schon kurze Zeit später muss ich mir dann doch das Regencape überstülpen. An der Bezirksgrenze zu Tempelhof-Schöneberg entlang laufe ich in Richtung Breitenbachplatz, um mich von dort zum östlichen Teil der Tagestour zurückzuarbeiten.

Der Bahnhof Feuerbachstraße ist einer der jüngsten an der Wannseebahn und wurde 1933 eröffnet. Das Gebäude ist eine markante Rotunde aus Klinker, entworfen vom Reichsbahnarchitekten Richard Brademann, von dem z.B. auch der Bahnhof Wannsee stammt. Der Bau begann 1932 unter dem Namen Feldstraße. Mit dem Reichsbahnerstreik 1980 wurde der Verkehr eingestellt. Ab 1984 übernahm die BVG die Betriebsrechte und begann mit dem Wiederaufbau, einschließlich des originalgetreuen Wiederaufbaus des Empfangsgebäudes.

Gleich zu Beginn fallen mir in der Schöneberger Straße drei Stolpersteine für die Familie Abraham auf:

Ludwig Leib Abraham wurde am 6. Januar 1888 in Magdeburg geboren und arbeitete als Kaufmann. Er zog nach Berlin, wo er 1921 Elsa Adler heiratete. Das Paar bekam zwei Söhne, Hans (1922) und Horst Emil (1929). Die Familie führte ein Herrenkonfektionsgeschäft in der Landsberger Straße und lebte zunächst in der Ahrweilerstraße, bevor wirtschaftliche Schwierigkeiten sie 1932 in eine kleinere Wohnung in der Schöneberger Straße führten. Der ältere Sohn Hans konnte rechtzeitig nach Palästina fliehen. Die Familie nahm einen Untermieter auf, den Journalisten Kuno Kahan, der später über Shanghai nach New York entkam. Ludwig, Elsa und Horst Emil wurden schließlich in eine sogenannte Judenwohnung in der Isoldestraße 6 eingewiesen. Von dort aus deportierte man sie am 4. März 1943 nach Auschwitz. Mir werden heute noch mehrere Stolpersteine begegnen.

Dann erreiche ich den Onkel-Emil-Park, was zunächst ziemlich lustig klingt, aber einen sehr ernsten Hintergrund hat. Onkel Emil nannte sich eine Widerstandsgruppe, die sich im Winter 1938 um die Journalistin Ruth Andreas‑Friedrich und den Dirigenten Leo Borchard bildete. Die Gruppe bestand aus Intellektuellen wie Journalisten, Ärzten, Künstlern und Handwerkern und organisierte Verstecke, Lebensmittelkarten, Medikamente, gefälschte Papiere, Fluchtwege und unterstützte Familien politisch Verfolgter. Die Gruppe blieb bis Kriegsende unentdeckt und konnte zahlreiche Menschen retten.

Das Haus Bornstraße 11 sieht nicht nur anders aus als die in der Nachbarschaft, sondern wird auch ganz speziell verwaltet und hat sogar eine eigene Webseite. Im Haus leben rund 30 Studierende und Auszubildende in Wohngemeinschaften; das Projekt funktioniert durch das Engagement der Bewohner und wird kulturell von einem gemeinnützigen Verein getragen. Das Wohnprojekt entstand Ende der 1970er Jahre aus der Anthroposophischen Hochschulgruppe der Freien Universität. Die Gruppe suchte ein gemeinsames Haus, und die Immobilie Bornstraße 11 wurde der Anthroposophischen Gesellschaft vererbt, die sie dem Projekt zur Verfügung stellte. 1983 gründete sich der Verein, der das Haus verwaltete und die anthroposophische Arbeit organisierte. Zwischen 1984 und 1987 wurde das Gebäude weitgehend in Eigenleistung saniert, später erfolgte der Einbau eines Blockheizkraftwerks und die Einrichtung einer Bibliothek.

An der Skulptur ein paar Meter weiter laufe ich fast vorbei, so zugewachsen ist sie. Ich bemerke sie aus dem Augenwinkel und denke erst erschrocken, dass da jemand bewegungslos im Vorgarten steht, was ja von der Sache her gar nicht so falsch ist. Es handelt sich um den bronzenen „Großen Wächter“ von Uwe Büchler aus dem Jahr 1986 und sieht aus wie eine Figur aus Star Wars.

An der nächsten Gabelung erfreue ich mich am Anblick eines kleinen Platzes, der sich direkt an ein Eck-Restaurant anschließt. Ob das zusammengehört? Im Stadtplan sehe ich, dass das der Plauderplatz ist. Vielleicht sollen die ziemlich eng stehenden Bänke die Leute dazu animieren, ins Gespräch zu kommen.

An der folgenden Kreuzung mit sieben (!) Abzweigungen (Born-, Kreuznacher, Maßmann-, Odenwalder, Laubacher, Gritzner-, Geisenheimer Straße) fällt mir ein ansonsten schlichtes Haus auf, von dem aber aus Backsteinen geformte, lebensgroße Figuren auf die Welt zu ihren Füßen hinabschauen. Ob und welche Bedeutung sie haben, konnte ich leider nicht ermitteln.

Es geht weiter auf der Kreuznacher Straße, die schon zu Charlottenburg-Wilmersdorf gehört. Sie ist Teil der Künstlerkolonie Wilmersdorf, die nächstes Jahr 100 Jahre ihres Bestehens feiern kann.

Das ist mal wieder so ein Moment, der Dankbarkeit in mir auslöst. Noch nie habe ich von dieser Künstlerkolonie gehört, merke aber, was mir da bisher entgangen ist! Es gibt viele Bücher dazu und noch mehr von Schriftstellern, die hier gelebt haben. Das Faszinierende ist, dass sie immer noch besteht mit einem aktiven Kulturleben. Ich vertiefe mich in die Webseite der Künstlerkolonie, werde dort auf die Historische Kommission zu Berlin e.V. aufmerksam, wechsle zu deren Seite, finde dort viele spannende Publikationen, u.a. über die Berliner Baumeister, Stadt- und Landschaftsplaner und bestelle zwei Bücher über ZVAB (Zentralantiquariat). Statt meinen Bericht zu schreiben, gehe ich shoppen! Aber zurück zum Thema:

1926 kaufte die Berufsgenossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und der Schutzverband deutscher Schriftsteller das Gelände zwischen Laubenheimer Straße und Breitenbachplatz. Sie gründeten die Gemeinnützige Heimstätten GmbH, die ab 1927 die ersten Wohnblöcke rund um den damaligen Laubenheimer Platz errichtete, später erweitert bis zur Bonner Straße und zum Barnayweg. Das Konzept: eine Gartenterrassenstadt mit hoher Wohnqualität, gemeinschaftlichem Wohnen und offenen Innenhöfen als Gegenmodell zur Mietskaserne. Die Architekten Ernst und Günther Paulus prägten das Erscheinungsbild der Siedlung. Bis 1932 lebten rund 1000 Menschen dort, viele aus künstlerischen und literarischen Berufen. Der geplante vierte Bauabschnitt wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gestoppt. Am 15. März 1933 stürmte die SA die Siedlung, verbrannte Bücher auf dem Platz und verhaftete kritische Künstler, Schriftsteller und jüdische Bewohner. Etwa zwei Drittel der Bewohner flohen ins Exil. Auf dem Abschnitt, den ich laufe, finde ich drei Gedenktafeln (Alfred Kantorowicz, Ernst Bloch, Peter Huchel), für letzteren hatte ich schon eine an seinem Geburtshaus am Hindenburgdamm gefunden. Auch Stolpersteine liegen hier:

Erna Jezower, geborene Münchenberg (1888 in Berlin), lebte mit ihrem Mann Ignaz Sebastian Jezower und ihrer Tochter Veronika zuletzt in der Künstlerkolonie Wilmersdorf. Beide waren kulturell stark engagiert: Erna arbeitete als ausgebildete Kindergärtnerin und führte zeitweise einen privaten Kindergarten, Ignaz war Literaturwissenschaftler, Kulturhistoriker, Schriftsteller und Übersetzer. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter „Die Befreiung der Menschheit“ und das umfangreiche „Buch der Träume“, das zur Popularisierung der modernen Traumdeutung beitrug. Erna unterstützte Ignaz maßgeblich bei seiner Arbeit, tippte Manuskripte, half bei Formulierungen und Quellenstudien, wurde jedoch in den Veröffentlichungen kaum erwähnt. Am 13. Januar 1942 wurden Erna und Ignaz Jezower aus dem Sammellager in der Levetzowstraße zum Bahnhof Grunewald getrieben und mit dem sogenannten „VIII. Osttransport“ nach Riga deportiert. Von den 1034 Menschen dieses Transports überlebten nur 15. Es ist anzunehmen, dass beide unmittelbar nach der Ankunft ermordet wurden.

Am Breitenbachplatz mache ich über die Schildhornstraße kehrt, die an der Stelle von einer Hochstraße dominiert wird. Ich habe zufällig heute gelesen, dass die Brücke abgerissen werden soll, allerdings nicht komplett. Wie auch immer – es kann nur ein Gewinn für den Platz sein! Gegenüber leuchtet die Siedlung, von der ich letztens geschwärmt hatte; auf meiner Seite ein Hochhaus, Sportplatz und ein sattgrüner Weg.

Inzwischen habe ich ein Faible für schöne Wohnanlagen entwickelt. Eben die Künstlerkolonie, stehe ich jetzt vor einem Gebäudekomplex, den der Architekt Otto Spalding entworfen hat. Errichtet wurde er 1925/26.

Der ganze Block steht unter Denkmalschutz und umfasst die Markel-, Gritzmer-, Paulsen- und Betty-Katz-Straße, die bis zum Herbst 2025 noch Treitschkestraße hieß. Am Harry-Breslau-Park bekomme ich die Erklärung für die Umbenennung:

Heinrich von Treitschke war ein deutscher Historiker, politischer Publizist und Reichstagsabgeordneter des 19. Jahrhunderts. Er wurde 1834 in Dresden geboren und lehrte später als Professor für Geschichte in Kiel, Heidelberg und ab 1873 in Berlin, wo er zu den bekanntesten Historikern seiner Zeit gehörte. Politisch entwickelte er sich vom liberalen Nationalliberalen zum nationalistischen Verfechter eines starken preußisch geprägten Einheitsstaates. Berüchtigt wurde er durch seinen antisemitischen Aufsatz „Unsere Aussichten“ von 1879, der den Berliner Antisemitismusstreit auslöste und den Satz „Die Juden sind unser Unglück“ enthielt – später ein zentraler Slogan des NS-Hetzblattes Der Stürmer.

Natürlich stehen auch wieder Schulen auf dem Programm, dieses Mal die Kopernikus-Oberschule und die Dunant-Grundschule. Sie nehmen drei Straßen in einem Carré ein und teilen sich einen Sportplatz, der quasi im Hof liegt. Die Dunant-Schule ist in einem von Hans Heinrich Müller gestalteten denkmalgeschützten Bau von 1911/12 untergebracht und verfügt über einen Anbau mit Sporthalle.

Direkt gegenüber reckt sich weithin sichtbar der Turm der Patmos-Gemeinde. Eine Art langer Laubengang ist momentan geschmückt mit im Wind tanzenden bunten Bändern und führt den Besucher zum Kirchengebäude weiter hinten auf dem Grundstück, der Turm steht vorne separat.

Als ich eintrete, ertönt ein lauter Gong. Ich höre Stimmengemurmel und bin gespannt, ob jemand reagiert. Eine schwarze Frau schaut um die Ecke und blickt mich fragend an, vermutlich denkt sie, ich hätte mich verirrt. Es sieht ein bisschen aus wie in einer Behörde oder einer Schule, aber auf keinen Fall wie eine Kirche. Natürlich würde ich gerne in den Saal schauen, aber er ist abgeschlossen und die freundliche Frau kann mir auch nicht weiterhelfen. Sie habe keinen Schlüssel, erklärt sie mir, und die einen hat, ist momentan nicht da. Im Internet sehe ich, dass der quadratische Innenraum hochmodern und mit großen Fenstern lichtdurchflutet eingerichtet ist. Die Euler-Orgel steht wie ein Möbel frei im Raum. Am 20. Oktober 1963 wurde die vom Architekten Peter Lehrecke im Stil der Neuen Sachlichkeit gebaute Kirche eingeweiht, der Name bezieht sich auf die Johannesoffenbarung auf der biblischen Insel Patmos.

Als ich die Kirche verlasse, hört es langsam auf zu regnen und ich bin froh, den Umhang endlich wieder ablegen zu können. Gleich nebenan lockt mich der „Schauspielerin Elisabeth Bergner Park“ (so heißt er wirklich) mit seinem satten Grün unter die tropfenden Bäume, so dass ich dann doch noch nass werde. Aber das wird man sowieso, die tropische Luftfeuchtigkeit muss enorm hoch sein.

Es wird niemanden wundern, dass ich natürlich wieder markante Häuser, Haustüren, Reliefs, Skulpturen und andere Motive zum Fotografieren gefunden habe, oder besser diese mich. Ich will ja gar nicht ständig knipsen, aber ich kann nicht anders!

Sehr beeindruckt hat mich die Industriearchitektur der Goerz-Höfe in der Rheinstraße, die schon zu Friedenau gehört. Erst stutze ich, denn die Goerz-Werke habe ich doch in Lichterfelde kennengelernt! Wieso taucht der Name hier auch auf? Die Goerz‑Höfe sind ein denkmalgeschütztes Industrieensemble aus der Kaiserzeit und sind bis heute kreativer Gewerbestandort. Ursprünglich produzierte hier die Optische Anstalt C. P. Goerz Kameras, Objektive, Scheinwerfer und militärische Optik. Zwischen 1899 und 1915 entstand dieser Komplex aus Backsteingotik, Werkstätten, Verwaltungsbau mit Observatorium und dem markanten 31‑Meter‑Turm zum Testen von Fernrohren. Nach Kriegsende nutzte man die Gebäude sogar als Rathaus und später als Lager während der Luftbrücke. Heute arbeiten hier Architekten, Designer, Medien‑ und Kulturschaffende; die Höfe gelten als lebendiges Industriedenkmal mit besonderem Flair und erinnern mich von der Nutzungsart her sehr an das mittlerweile hippe Oberschöneweide. Parallel dazu ließ Goerz in Lichterfelde den Gewerbehof Goerzwerk errichten – eine Filmfabrik und Glashütte, die inzwischen – wie wir wissen – auch erfolgreich revitalisiert wurde und Start‑ups sowie junge Unternehmen beherbergt.

Vom Harry-Bresslau-Park kommend, nähere ich mich dem Boulevard Berlin von der Rückseite und finde es eigentlich sehr schön hier. Es herrscht himmlische Ruhe, wenig Menschen sind unterwegs und auch das Gebäude gefällt mir, als hätte jemand ein Endlosband um das Glas geschlungen. Aktuell kursieren Meldungen, dass dort mehr als 200 möblierte Serviced Apartments entstehen sollen auf 8000 m² jetziger Verkaufsfläche, ergänzt durch Gastronomie und Gemeinschaftsflächen. Warum nicht? Hauptsache, es wird nicht abgerissen.

Ein Informationsschild macht darauf aufmerksam, dass man hier auf einem Bodendenkmal steht – einem verborgenen Zeitzeugen für die Klima- und Landschaftsgeschichte des Berliner Raumes. Man hat Eiskeile (Frostspalten) gefunden, Relikte der Eiszeit. Sie ragen in Form von Rissen keilförmig in den Boden und sind mit Sand und Geschiebelehm gefüllt. Sie weisen darauf hin, dass in dieser Region bis vor etwa 12.000 Jahren arktisches Klima herrschte. Ich bin froh, jetzt zu leben!

Die Schloßstraße hat mich ja in den vergangenen Wochen schon öfter gesehen, immer mal kurz, denn ich bin sie abschnittsweise gelaufen. Heute gehts bis zu ihrem Ende, wo sie am Walther-Schreiber-Platz zur Rheinstraße wird und Steglitz verlässt. Sie gilt mit 200.000 m² Verkaufsfläche als der größte Einzelhandelsstandort Berlins.

Historisch ist sie Teil der alten Berlin‑Potsdamer Chaussee, einer der ersten gepflasterten Straßen Preußens, die seit dem späten 18. Jahrhundert bestand. 1871 erhielt sie ihren heutigen Namen nach dem Steglitzer Schloss, dem Wrangelschlösschen am südlichen Ende. Um 1900 wurde sie zur modernen städtischen Hauptstraße ausgebaut und entwickelte sich rasch zur belebten Magistrale mit Mietshäusern, Läden und später Warenhäusern, zu denen „Das Schloss“ zählen, aber auch „Forum Steglitz“, das „Schloss-Straßen-Center“ und (noch) der „Boulevard Berlin“. Hier tobt das Leben, was in gewisser Hinsicht erfreulich ist angesichts der Probleme, die der Einzelhandel hat. Am nördlichen Ende steht der Titania-Palast, der bis in die 1960er Jahre weit über die Grenzen Berlin hinaus bekannt war. Heute befindet sich in dem Gebäude neben mehreren Geschäften ein modernes Kino mit sieben Sälen unterschiedlicher Größe.

Zeit für eine Pause, wie ich finde. Dafür habe ich ein Ziel auserkoren, auf das ich mich den ganzen Tag schon freue – das Antiquariat, Buchhandlung und Café Hennwack in der Feuerbachstraße 26.

Es ist 2025 aus der Albrechtstraße hierher gezogen und präsentiert in sechs Räumen auf 250 m² ca. 100.000 Bücher in 30 (!) Abteilungen. Hinzu kommt ein Lager mit ca. 45.000 Büchern, die online recherchierbar sind. Aber es ist nicht allein Antiquariat, sondern gleichzeitig Buchhandlung, Café und Veranstaltungsort. Ich trete ein und bin im Paradies. Nie wieder will ich hier weg! Es gibt alles, was ich zum Glücklichsein brauche: Bücher – davon mehrere Regale nur über Berlin, gemütliche SItzecken in Wohnzimmeratmosphäre, hervorragenden Kaffee, Kuchen und eine Toilette. Ich arbeite mich durch die Regale, Bücherstapel und -kisten, immer auf der Suche nach Berlin-Literatur. Wenn ich denke, dass ich am Ende angelangt bin, gehts in einen weiteren Raum, um mehrere Ecken, immer tiefer hinein in das Labyrinth. Meine Begeisterung schlägt sich in der Anzahl der Fotos nieder:

Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber es ist mindestens eine Stunde vergangen, seit ich hier emotional aus dem Vollen schöpfe, aber die Vernunft kämpft sich dann doch wieder die Oberfläche. Mit ein paar Büchern über Spandau und Staaken glückstaumle ich hinaus in den Backofen, natürlich nicht, ohne vorher dem jungen Mann an der Kasse ein Ohr abgekaut zu haben. Er hatte noch nichts von mir gehört oder gesehen, findet aber die Idee sehr originell und wünscht mir weiterhin gutes Gelingen. Über Instagram bleiben wir in Verbindung.

Jetzt heißt es für mich, die Seiten zu wechseln, auf der Friedenauer Brücke die Autobahn zu überqueren, um das Dreieck Thorwaldsen-, Kniephof- und Körnerstraße abzugrasen, bleibe aber zunächst in der Feuerbachstraße.

In der Knausstraße scheine ich einer optischen Illusion zu unterliegen, als ich mich vom gleichnamigen Platz der Nr. 4 nähere. Ulrich Conrad hatte mir vorab schon geraten, darauf zu achten, wofür ich ihm sehr dankbar bin, denn eventuell hätte ich diese Kuriosität gar nicht bemerkt: eine Fassade ohne Haus?

Vorher habe ich aus Versehen auf der Saarstraße den Stadtbezirk verlassen, dabei aber eine Gedenktafel für den berühmten Karl Kautsky gefunden, der dort mit seiner Frau wohnte. Durch ihr literarisches Schaffen hatten sie einen prägenden Einfluss auf die Sozialdemokratie. Karl Kautsky war Herausgeber der Zeitschrift „Die Neue Zeit“ und Weggefährte u.a. von Friedrich Engels und August Bebel.

Jetzt aber schnell wieder zurück in heimatliche Gefilde, am besten auf der anderen Straßenseite, denn man soll schließlich möglichst nie den selben Weg zurückgehen. Dort, immer noch in der Saarstraße, wurden vor der Nr. 8 Stolpersteine für Auguste und Simon Cohn verlegt.

Simon Cohn wurde 1868 in Gnesen geboren, seine Schwester Auguste 1872. Beide stammten aus einer jüdischen Familie mit vier Kindern und zogen später gemeinsam mit ihrer Schwester Jettka nach Berlin. Simon arbeitete als Kaufmann, Jettka war verheiratet, wurde aber früh Witwe; ab 1932 lebten die drei Geschwister zusammen in einer Wohnung in der Saarstraße 8. Unter dem Druck des NS-Regimes mussten sie 1942 ihre Wohnung verlassen und wurden als Untermieter in die Eisenacher Straße 69 eingewiesen. Dort starb Jettka am 6. Juli 1942 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Kurz darauf mussten Simon und Auguste Vermögenserklärungen ausfüllen; ihr Besitz wurde beschlagnahmt. Am 17. August 1942 wurden beide mit dem „Ersten großen Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert, wo sie in benachbarten Zimmern untergebracht waren und bereits am 31. August 1942 – nur 14 Tage nach ihrer Ankunft – starben. Als Todesursache wurde offiziell Darmkatarrh und Herzschwäche angegeben. Ein Teil der Familie überlebte im Exil: Jettkas Tochter Frida konnte nach Brasilien fliehen, weitere Verwandte emigrierten nach Argentinien und Palästina, wo ihre Nachkommen heute noch leben.

Das Straßengeflecht wird zunehmend verwirrender, weil sich oft fächerartig Möglichkeiten des Weiterlaufens ergeben. Ich klebe mit den Augen an meinem Plan und streiche immer fleißig ab, damit ich die Übersicht behalte. In der Thorwaldsenstraße erinnert mich ein riesiges Werbeschild an eine Zeit in meinem Leben, als es mir unmöglich gemacht wurde, meine wegen der Kinder reduzierte Arbeitszeit wieder auf Vollzeit zu erhöhen. Dadurch war ich zu Nebenjobs gezwungen. Einer davon war die Hilfsarbeit in der Lohnbuchhaltung der Firma Bendzko Immobilien am Kurfürstendamm. Ich weiß noch, dass ich einfach nicht begriffen habe, was ich machen soll. Ich habe das System nicht verstanden und mir sogar eine Art Handreichung in einem Notizbuch angelegt, was allerdings auch nutzlos war. Diese sich monatlich wiederholende Büroarbeit war für mich eine Tortur, die Herr Bendzko dann zum Glück durch Kündigung beendete.

Als hätte ich noch nicht genug Bücher im Rucksack, schwebe ich ferngesteuert auf den Eingang von Walthers Buchladen zu. Natürlich muss ich da rein! Und entdecke auch gleich mehrere Titel, die ich spannend finde. Es ist noch eine andere Kundin im Laden, der es offensichtlich genauso geht. Allerdings wird sie nicht noch mehrere Straßen ablaufen wollen wie ich, weswegen sie einen großen Stapel Bücher zur Kasse trägt. Es ist schnell ersichtlich: Hier wurde jedes einzelne Buch mit Bedacht bestellt und ausgelegt. Ein auserlesenes, exklusives Angebot breitet sich vor mir aus, Bücher, die ich vorher nirgendwo gesehen habe und die man eben nicht in den Buchhandelsketten findet, kein Bestseller-Regal steuert das Kaufverhalten. Es fällt mir sehr schwer, mich zurückzuhalten, aber zwei Bücher müssen einfach in meinen Besitz übergehen: „Das Klo“ von Franzobel aus der wundervollen Reihe „Dinge des Lebens“ und „Nicht alles war Bauhaus“ von Ursula Muscheler.

Anfang des Jahres erhielt die Buchhandlung die Kündigung, was einen Sturm der Solidarität im Kiez und darüber hinaus ausgelöst und tatsächlich erfolgreich abgewehrt werden konnte. Vorerst. Anne-Kathrin Heier hat darüber einen sehr beeindruckenden Text verfasst. Ich drücke die Daumen, dass „Waltherchen“ bleiben kann!

Auf der anderen Seite lockt der Lauenburger Platz mit einem See, Bänken und Liegewiesen. Er wurde 1909/1910 angelegt und gilt als typisches Beispiel für die repräsentative Schmuckplatzgestaltung dieser Zeit. Die Anlage entstand im Zuge des neuen Bismarckviertels und erhielt am 15. Januar 1910 ihren Namen, der sich auf Otto von Bismarcks Titel als Herzog zu Lauenburg bezieht. Gartenbaudirektor Fritz Zahn entwarf den Platz mit einem zentralen Teich, geschwungenen Wegen und einer Sumpfeichenallee, die als Uferpromenade angelegt ist. Der Haupteingang an der Bismarckstraße besitzt bis heute eine Aussichtsplattform und eine doppelläufige Treppe. Dort mache ich es mir für einen Moment gemütlich. Ein schöner Ausblick!

Es ist jetzt schon fast 18 Uhr und ich tapse hier immer noch rum. Doch mein Ehrgeiz ist noch nicht versiegt – heute wird Steglitz-Zehlendorf abgeschlossen! Also weiter. Sehr verwundert nähere ich mich in der Poschinger-/ Ecke Menckenstraße einer Fassade, die ins Nichts führt, denn dahinter befindet sich Lidl samt Parkplatz. Man geht an leeren Fensternhöhlen vorbei, an einer Haustür, an der man noch das Klingelschild erahnen kann, aber es ist eine Illusion. Benedikt Hotze beschreibt dieses Bauwerk mit besseren Fotos und der passenden Überschrift: „Rein und raus gleichzeitig“.

Die Fassade gehörte zu Deutschlands erstem Parkhaus von 1924, das im expressionistischen Stil errichtet wurde und sich damals optisch den umliegenden Wohnbauten anpassen musste. Die große Garage bot Platz für 175 Autos, hatte Werkstätten, Waschboxen und eine Tankstelle. Hochmodern und geradezu genial, denn die Autos der Anwohner standen dort und nicht auf der Straße. Die Parkhauswärter und Monteure lebten vor Ort in kleinen Wohnungen. Bis zu ihren Türen und Briefkästen reicht heute noch das Mauerrelikt. Nach Jahrzehnten der Nutzung verfiel der Bau, wurde abgerissen – nur die denkmalgeschützte Schmuckfassade blieb stehen. Faszinierend!

Nun ist nur noch die Körnerstraße unbegangen, die zur einen Seite auch nicht gerade dazu einlädt, aber Straße ist Straße!

Was gibts sonst noch so zu sehen? Viele gepflegte Wohnzeilen unterschiedlichster Baujahre, meist vier Stockwerke hoch, die 70 Jahre alte Sachsenwald-Grundschule, ebenfalls von beeindruckender Größe, ein Jugend- und Familienzentrum und seit langem mal wieder ein Bücherschrank.

Nun ist es geschafft, die letzte Tour ist beendet und ich verabschiede mich mit großer Zuneigung und Bewunderung von Steglitz-Zehlendorf. Fast macht sich ein bisschen Wehmut breit, denn ich war in den vergangenen sieben Monaten exakt 50 mal hier, um alle ca. 1200 Straßen kennenzulernen, die unterschiedlicher nicht sein können. Ich habe viele freundliche Menschen kennengelernt und inspirierende Begleiter, die meinen Blick auf den Südwesten Berlins bereichert und erweitert haben. Ich konnte ein Gespür für besondere Architektur entwickeln und die durchdachten Wohnanlagen und deren Planer besonders schätzen lernen. Wie wurde aus den Dörfern Steglitz, Lichterfelde, Giesensdorf, Lankwitz, Zehlendorf, Schönow, Stolpe, Dahlem der heutige Stadtbezirk? Welche Persönlichkeiten, Ereignisse, Kriege, Entscheidungen haben ihn geprägt? Ich habe versucht, mir so viel Wissen wie möglich anzueignen und hoffe, dass ein bisschen davon hängenbleibt. Ich habe die Gründung von Villenkolonien bewundert und das Zusammenwachsen der Siedlungen verstanden. Einzig die Autobahnen haben nicht nur intakte Strukturen zerstört, sondern auch in meinem Kopf stellenweise Schneisen geschlagen. Ich habe gesehen, welche unwiederbringlichen Verluste der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat und wie mehr oder weniger durchdacht die Lücken geschlossen wurden. Mancherorts schien die Zeit stehengeblieben zu sein, als würden wir das Jahr 1970 schreiben. Ich habe Schuster, Fleischer, Briefmarkenbörsen, gediegene Cafés und Restaurants gesehen, Burschenschaften-Domizile, Freimaurer-Logen, Villen ohne Namen an den Klingelschildern, burgen- und schlossähnliche Schulen, Kirchen mit Labyrinth oder Hochbetten, repräsentative Bahnhöfe, gepflegte Grünanlagen, wenig Radfahrer, kaum Graffiti, verhältnismäßig wenige Barber-Shops und Nagelstudios, viel Kopfsteinpflaster, etliche Parks, Wälder und Seen, enorm viele Straßenbäume, große und beeindruckende Genossenschaftssiedlungen und mindestens 30 Buchhandlungen. Zum Vergleich: In Marzahn-Hellersdorf gibt es zwei. Liebevoll geführte Freizeitstätten sorgen für aktive Begegnungsmöglichkeiten der Einwohner.

Steglitz-Zehlendorf ist wie Berlin in klein, von reich und mondän über Mittelstand bis hin zu sehr arm, von Villen- und Landhausvierteln über Einfamilienhaussiedlungen, idyllische Gartenstädte, teure Genossenschaftswohnungen bis hin zum Plattenbau. Von intakten Wohngegenden mit aufmerksamen Nachbarn bis hin zu sozialen Brennpunkten, von breitgefächerten Straßen mit wenig Einwohnern bis hin zu dichtbesiedelten Gebieten mit engmaschigem Straßennetz, von gediegenem Wohlstand bis hin zum quirligen Leben. Es ist ein unaufgeregter Bezirk mit hoher Lebensqualität und überdurchschnittlich vielen Wohlfühlorten, aber auch Dauerbaustellen, Lost Places und Menschen, denen es nicht so gut geht.

Die fünfzig Wandertouren haben mir den Stadtbezirk sehr nahe gebracht, ich habe ein Stück neue Heimat gefunden, wohne aber immer noch gerne in Marzahn-Hellersdorf.

Nun wende ich mich Spandau zu. Auf zu neuen Abenteuern!

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