Nordzypern

Tag 1 im Zeichen der Geduldsprobe (Dienstag, 10.02.2015)
Stolz wie Bolle, dass ich es schaffe, ganz pünktlich aus dem Haus zu gehen, stehe ich – bepackt mit einem großen Rucksack auf dem Rücken und einem kleinen vor dem Bauch sowie mit ausgedruckter Fahrinfo der BVG an der Bushaltestelle. Vier Minuten früher als geplant kommt der Bus, der mich nach Kaulsdorf bringen soll. Es gibt nämlich eine geniale Verbindung von dort nach Schönefeld. Meine Freude darüber, den zu schnellen Bus erwischt zu haben, findet ein jähes Ende, als der Fahrer verkündet, dass er nicht weiterfahren kann, weil die Hönower Straße wegen Wasserrohrbruchs gesperrt ist. Leichte Panikattacken erfassen mich, aber ich zwinge mich zur Ruhe und schlage den umständlicheren Weg zum Flughafen ein in der Hoffnung, dass ich trotzdem zwei Stunden vor Abflug vor Ort sein werde. Also Tram, U-Bahn, S-Bahn und nochmal S-Bahn. Es funktioniert und Georg steht sogar schon mit dem schicken Retrokoffer meines Vaters auf mich wartend vor dem Flughafengebäude.
Die Abfertigung läuft völlig reibungslos ab, es piepst noch nicht einmal beim Gang durch die Schleuse. Laaaangweilig!! Kaum gedacht, naht schon das nächste unvorhergesehene Ereignis. Nach dem Check in sitzen und sitzen wir mit gefühlten zweihundert Menschen und bilden eine Zwangswartegemeinschaft. Die Abflugzeit ist schon längst verstrichen, als dann endlich der Weg ins Flugzeug freigegeben wird. Dort erfahren wir, dass sich der Abflug um eine Stunde verzögert hat, weil es in Istanbul heftig schneit. Tja, was soll man machen, das ist höhere Gewalt. Hauptsache, wir schaffen unseren Anschlussflieger noch. Endlich geht’s in die Luft. Schräg vor mir sitzt ein vermutlich türkischer Mann mit einer Gebetskette in der Hand und schickt pausenlos Stoßgebete zum Himmel. Soll er mal machen, wenn ihm nichts passiert, profitieren wir schließlich alle davon.
Wir werden nach fast drei Stunden Flug darauf aufmerksam gemacht, dass weiterreisende Transit-Passagiere an anderer Stelle zur Passkontrolle müssen als die Inland-Fluggäste und dass wir beim Verlassen des Flugzeuges Vorsicht beim Benutzen der verschneiten Treppe walten lassen sollen. So habe ich mir die Ankunft nicht vorgestellt! Wir waten durch eine wässrige Schneesuppe zum Bus. Die zehn Meter reichen aus, um in meinen Schuhen ein kaltes Fußbad anzurichten. Felsenfest davon überzeugt, dass wir zu den Inland-Reisenden gehören (schließlich ist Nordzypern türkisch), drängle ich Georg zu diesen Schaltern. Wir haben es eilig, der nächste Flieger geht in 30 Minuten! Wir stehen dort eine gefühlte Ewigkeit an, sind fast an der Reihe, da kommt doch einer angeschlendert und erklärt diesen Schalter für geschlossen. Also rüber in die Nachbarschlange. Tick tack, tick tack, noch 20 Minuten! Durch Zufall bekommen wir schließlich mit, dass wir sehr wohl Transit-Passagiere sind! Ach, du Sch…. Zurück auf Los im Laufschritt und hin zur Passkontolle. Noch 10 Minuten. Der Beamte hat im Gegensatz zu uns sehr viel Zeit und studiert unsere Pässe Seite für Seite. Aber auch diese Aufregung erweist sich als gegenstandslos, wie wir kurz darauf sehen, denn unser Flug wird mit 20 Minuten Verspätung angezeigt. Also warten wir wieder. Georg nutzt die Zeit und holt sich ein Baguette für ca. 5 €, ich leere die letzten Reste meiner Obst-Box. Und tatsächlich dürfen wir nach 30 Minuten den Flieger betreten, was aber noch lange nicht heißt, dass dieser danach abhebt! Es ist lustig zu beobachten, wie der Stewart die temperamentvollen Insassen zur Ordnung mahnt – Taschen in die Fächer, hinsetzen, anschnallen. Er wandelt hin und her, auf und ab. Seine Anweisungen werden ganz brav befolgt, aber nur bis er außer Sichtweite ist. Kaum hat er sich umgedreht, stehen wieder welche auf, laufen rum, Gepäckfächer auf und zu. Und der Flieger steht. Aber nicht wegen den Leuten, sondern weil er noch enteist werden muss. Mit noch einer Stunde Verspätung erreichen wir dann endlich Lefkosa, finden auch unseren Hotelshuttle und werden ca. 35 km nach Girne gefahren durch eine sehr bergige und im Dunkeln geheimnisvolle Landschaft.
Das Hotel „Altinkaya“ macht rein äußerlich erst einmal einen sehr guten Eindruck.
Wir bekommen einen Bungalow mit kleinem Vorzimmer (darin Sofa, Tisch, Stühle, Kühlschrank, Fernseher), Schlafzimmer und Bad. Weil wir riesigen Hunger haben, wird uns, obwohl es schon 23.30 Uhr Ortszeit ist, ein ebenso riesiges Käseomelett mit gaaaanz viel Pommes serviert.

Der Hotelboy leistet uns Gesellschaft und demonstriert uns seine Deutschkenntnisse, indem er laut von 1-100 zählt. Ich berichte ihm von meinen Befürchtungen wegen seitenverkehrtem Autofahren und erfahre, dass man auch Autos mieten kann, die zumindest das Lenkrad wie gewohnt auf der linken Seite haben. Na mal schauen, ob ich es wage. Während des Gesprächs sind die Omelettes und so einige Pommes in unseren Bäuchen verschwunden. Boah! Da hilft nur eins – Bewegung. Wir laufen noch ein Stück als erster Erkundungsgang, müssen aber im Hotel erst mal schauen, wo wir uns befinden, bevor es losgeht.

Auf dem Bild hier drüber sieht man eine Hundeasyl-Station für „obdachlose“ Hunde.

Tag 2 im Zeichen der Wanderschaft (Mittwoch, 11.02.2015)
Nach dem gestrigen langen Tag werden mir zwangsweise von Georgs Handywecker die Augen geöffnet. Ich stehe also auf und freue mich aufs Duschen. Gestern getestet und für heiß genug befunden, stehe ich heute frierend in der Duschkabine, der Hebel bis am Anschlag Richtung warmes Wasser, bis ich einsehe, dass es über ein kühles Lauwarm wohl nicht hinausgehen wird. Durch jahrelanges morgendliches  Abhärtungsprogramm, Ostseebaden bei 7Grad Luft- und Wassertemperatur und Alpenhütten-Minimalismus-Training gestärkt, kann mir diese unerquickliche Reinigungsaktion nicht die Laune verderben. Georg beschließt, dass Wasser eh nur die Haut austrocknet und beschränkt seinen Badezimmeraufenthalt auf das Wesentliche. Duschen gehört definitiv nicht dazu.
Eine Pfütze unter dem Spülkasten und eine weitere im Vorraum, wo es vom Dach durch die Decke tropft, entdecken wir dann auch noch.
Draußen straft die Sonne die Wettervorhersagen Lügen. Auf unseren Fotos sieht es deshalb auch so aus, als wäre der Sommer ausgebrochen.
Wir schreiten zum Frühstück, das im Überblick sehr vielseitig aussieht. Oliven, Tomaten, Gurken, Feta, Haloumi, Spiegelei, Rührei, gekochte Eier, Weißbrot, eine Art dunkles Brot, in Fett gebackenes Brot, komisch gelbe Butter, Marmelade, Cornflakes, Kuchen, die überall gleiche undefinierbare Wurst, Joghurt.
Dazu Tee und Milch, Kaffee in Pulverform zum Aufgießen. Es ist nicht unbedingt Gourmet-verdächtig, aber wir werden satt. Georg beanstandet an der Rezeption die baulichen Mängel und es wird sofortige Abhilfe versprochen.
Heute steht die Inaugenscheinnahme von Girne auf dem Programm. Den Weg zur Altstadt haben wir gestern schon ausgekundschaftet. Ein Supermarkt am Wegesrand wird zu unserer bevorzugten Wechselstube. Wenn man dort mit Euro bezahlt, wird einem in YTL herausgegeben. Der Kurs ist sogar minimal besser als in den Banken und vor allem fällt die Gebühr weg.
Vorbei an einer Moschee und Zitronenbäumen,

muss man auch als Fußgänger höllisch aufpassen beim Überqueren der Straße, da ja die Autos aus der „falschen“ Richtung kommen.

Girne City und die Festung am Hafen sind in kurzer Zeit erreicht.

Wenn man aufmerksam ist, fallen einem viele Details auf. Reich verzierte Haustüren mit schönen alten Türklopfern,

exotische Bäume und Blüten,

unglaublich hohe Bordsteinkanten, kleine Gassen, mehr Friseurgeschäfte als Menschen (sogar in einer Tankstelle), herumstreunende Hunde, die Autos beißen und anbellen, aber unaufgeregt geduldet werden, Luxus neben marodem Charme.

Wir kaufen Eintrittskarten für die Festung und halten uns dort ziemlich lange auf. Ist sehr sehenswert mit vielen Treppen, Nischen, Türmen, Ausstellungen und Ausblicken auf Hafen und Berge.
Auf dem nächsten Foto zeige ich auf ein weiteres Ziel des heutigen Tages, die Berge.

Vorher durchforsten wir aber noch die Altstadt, bis wir das Gefühl haben, alle Gassen durchschritten zu haben.

Aber bevor wir die Höhen erklimmen, stärken wir uns mit einem köstlichen Mahl und extrem leckeren schwarzen Tee.

Georg manövriert uns anschließend auf verschlungenen Wegen durch sehr abseitige Viertel in Richtung Berge, bis wir tatsächlich einen richtigen Wanderweg finden.

Unser Ausflug wird belohnt durch einen wunderschönen Blick über die Stadt und das Meer. Die aufziehende Dämmerung trägt wesentlich zum Stimmungsbild bei.
Auf dem Rückweg zum Hotel – begleitet vom eindringlichen Ruf des Muezzins – nehmen wir den Supermarkt etwas genauer unter die Lupe. Es ist immer interessant, was sich so in ausländischen Regalen befindet.
Gespannt betreten wir am Ende des Tages unseren Bungalow und stellen fest, dass alles unverändert kaputt ist. Da Georg aufgrund seiner besseren Sprachkenntnisse auch der bessere Verhandlungspartner ist, geht er sich beschweren. Die Frau an der Rezeption war „entsetzt“, dass nichts repariert wurde und bietet uns einen anderen Bungalow nebenan zum Tausch an, der unserem wie ein Zwillingsbruder gleicht, allerdings ohne Pfützen. Wir ziehen um und sind zufrieden.

Tag 3 im Zeichen der versehentlichen Wanderschaft (Donnerstag, 12.02.2015)
Hier ticken die Uhren im wahrsten Sinne des Wortes anders, die Zeit eilt unserer MEZ eine Stunde voraus. Das merken wir vor allem morgens, wenn wir mit einem halbgeöffneten Auge unsere Handys anstarren. Was? Schon so spät? Erschwerend kommt hinzu, dass die Vorhänge als Sichtschutz zwingend zugezogen sein müssen und es somit zu jeder Tageszeit zappenduster ist im Zimmer. Heute war es schon so spät (10:12 Uhr), dass Frühstücken nur noch möglich gewesen wäre, wenn man auf direktem Weg aus dem Bett zum Büffet gesaust wäre. Georg hat es geschafft, ich habs erst gar nicht versucht und bin lieber duschen gegangen, heute sogar heiß (und anschließend natürlich kalt). Man darf überall nicht so genau hingucken, vor allem im Bad. Aber die wichtigsten Funktionen erfüllt es.
Draußen hängen die Wolken fast im Swimmingpool und spiegeln sich in den nassen Gehwegplatten. Grund genug, die Regenjacke einzupacken. Inzwischen ist Georg vom Frühstück zurückgekehrt und wir beschließen, unseren ursprünglichen Plan, mit dem Bus nach Nikosia (Lefkosa) zu fahren, auf morgen zu verschieben.
Es gibt – nur 12 Autominuten bzw. sechs Kilometer von hier entfernt – eine Abtei namens Bellapais (auf türkisch „Beyerbey“), die in jedem Reiseführer als sehenswert empfohlen wird. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit halten wir es für eine gute Idee und für durchaus machbar, diese Strecke zu Fuß zu bewältigen als nachmittäglicher Bildungsausflug. Ich gebe das Ziel in meinem Handy auf Google Maps ein. Die Markierung zeigt einen Weg an, der sich am Ende in Serpentinen den Berg hinaufzuwinden scheint.
Na dann wollen wir mal! Mit regelmäßigem Blick auf den kleinen Pfeil, der mitwandert und uns anzeigt, wo wir uns gerade befinden, tasten wir uns voran. Zunächst entlang der Straßen, die – je weiter wir nach oben kommen – von verfallenden Bauruinen, russisch beschrifteten Nobel-Möbel- und Designerläden bis hin zu Palästen mit riesigen Parkanlagen hinter vergoldeten Zäunen gesäumt sind.
Schon ziemlich weit oben, sehen wir in greifbarer Nähe eine alte Ruine, die verdächtig nach unserem Ziel aussieht. Mein Navi sagt aber, dass wir dieses noch lange nicht erreicht haben. Wir glauben ihm, denn erstens sind wir niemals schon sechs Kilometer gelaufen und zweitens sind wir noch nicht mal ansatzweise zu der Stelle gelangt, an der die Serpentinen beginnen. Ganz brav sorgen wir dafür, dass der kleine blaue Pfeil nicht vom vorgeschriebenen Pfad abkommt. An einer Kaserne vorbei,

wird die Straße enger und steiler. Noch befinden wir uns in bewohntem Gebiet. Parallel zum Neigungswinkel der Straße steigt meine hörbare Atemfrequenz, die nur vom gelegentlichen Bellen der Wachhunde übertönt wird. Irgendwann geht der Teerweg in einen unbefestigten Geröllweg über und wir passieren ein Schild:

„Beyerbey parcuru“
Na also, schlussfolgern wir, hier sind wir auf dem rechten Weg. Bedeutet parcuru vielleicht parken? Ganz falsch, wie wir schließlich bemerken. Das heißt „Parcours“! Laut Wikipedia eine Fortbewegungsart, deren Ziel es ist, nur mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers möglichst effizient von Punkt A zu Punkt B zu gelangen.Und genau das tun wir jetzt. Es geht nun hoch hinauf in das Besparmak- (Fünf-Finger-) Gebirge. Ein Fuß vor den anderen. Viele schöne Ausblicke belohnen uns immer wieder.
Wir bestaunen die ungewohnte Vegetation und machen unzählige Fotos, die zu erkennen geben, dass die Häuser von Girne immer kleiner werden und das Meer immer blauer.

Die letzten Kurven zählen wir und freuen uns auf den Moment, wo sich vor unseren Augen der Anblick der Abtei auftun wird. Vergeblich. Was wir sehen, sind Berge und Wege, wie schon seit zwei Stunden.

Langsam geht uns ein Licht auf, dass die Abtei wohl doch dieses Bauwerk am Fuß des Berges gewesen sein muss. Aber wir bereuen unseren Irrweg auf keinen Fall, dessen Schönheit uns sonst vorenthalten geblieben wäre. Natürlich statten wir Bellapais dann doch noch einen Besuch ab.

Sie befindet sich in einem ganz niedlichen Vorort von Girne mit italienischem Flair und ganz engen Gässchen.

Dort können wir endlich was essen in einem landestypischen Restaurant, eines der wenigen, die geöffnet haben. Wir sind die einzigen Gäste und müssen erst auf uns aufmerksam machen, bis ein altes verhutzeltes Männchen aus einer Tür rausschaut und langsam nickt auf unsere Frage, ob wir hier unseren Hunger stillen können. Einrichtung und Deko scheinen noch älter als der Wirt zu sein. Er lächelt uns immer freundlich an und hat die Ruhe weg. Wir bestellen mit Käse gefüllte Teigtaschen und gefüllte Weinblätter. Als Nachtisch spendiert er uns ein kleines warmes, sehr süßes Gebäck.

Und nun zurück zum Hotel, natürlich auf einem anderen Weg. Wir laufen intuitiv, denn die Richtung ist klar. Auch jetzt verändern sich die Häuser entsprechend ihrer Lage, nur in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst noch mondän und in luxuriöser Einzellage, dann etwas kleiner, weiter unten Reihenhäuser und schließlich ein bisschen verwahrlost.

Gegen 18 Uhr sind wir wieder „zu Hause“ und haben nach ca. 23 km Ruhe verdient! Was wir aber noch machen müssen: den Wecker stellen.

Tag 4 im Zeichen der nassen Füße (Freitag, 13.02.2015)
Letzte Nacht wurde ich wach, weil der Regen mit ohrenbetäubendem Lärm auf das Dach unseres Bungalows prasselte und der Wind um die Ecken pfiff. Solange es am Morgen nicht so schüttet, dachte ich, kann mir das ja egal sein.
Nun ist es Morgen und es ist mir nicht mehr egal, weil der Regen unverändert gegen die Fenster und Hauswände peitscht. Auf dem kurzen Weg zum Frühstücksbüffet habe ich schon nasse Füße bekommen. Meine Schuld – hätte ja vernünftigeres Schuhwerk mitnehmen können. Noch haben wir Hoffnung, dass es nachlässt, bis wir uns auf die Socken machen zum Minibus (Dolmus) nach Lefkosa. Der Himmel wird auch tatsächlich ein bisschen heller, aber trotzdem plätschert es weiter von oben und von unten, wenn die Autos neben uns durch Pfützen fahren. Bis wir den Bus erreicht haben, quitscht und quatscht das Wasser aus Schuhen und Strümpfen. In weiser Voraussicht habe ich mir noch ein paar Socken eingesteckt, aber die Sehnsucht nach trockenen Schuhen ist groß. Da aber der Bus nach Lefkosa schon dasteht, verschiebe ich mein Vorhaben. Wir steigen ein, zahlen 10 YTL (ca. 3 €) und los geht die Fahrt. Unterwegs, auch entlang der Schnellstraße, stehen an imaginären Haltestellen immer wieder mal Leute und steigen zu, wer aussteigen möchte, gibt dem Fahrer ein Zeichen. Ganz unkompliziert. Es gibt auch keinen Fahrplan, die Kleinbusse fahren ca. alle 15 Minuten. Nach 30 Minuten sind wir am Ziel.
Inzwischen hat mein Wunsch nach trockenen Füßen merklich zugenommen. Das nächste Schuhgeschäft ist meins! Dazwischen liegt aber noch so manche Sehenswürdigkeit. Erst einmal holen wir uns in der Tourist-Information

einen Stadtplan und entdecken gleich quer über die Straße den ersten Programmpunkt. Hier befindet sich ein Haus des Mevlevi-Ordens aus ottomanischer Zeit, in dem sich Derwische trafen und tanzten. Viele sind auch hier begraben.

Georg hat diesen Ausflug sehr gut vorbereitet und sich Stichpunkte gemacht, was wir uns sonst noch alles anschauen müssten.

Es gibt hier so viele bedeutende historische Orte und Bauwerke, dass wir nicht alles schaffen werden. Das nächste Highlight ist ein soziales Wohnungsbauprojekt aus den 20er Jahren. Viele symmetrisch angeordnete Gassen verbinden kleine Reihenhäuser, die wie eine idyllische Enklave anmuten.

Und schon haben wir auch eine über die Grenzen Zyperns hinaus bedeutende historische Herberge namens Büyüt Great Khan gefunden. Eine sehr romantische und interessante Anlage, natürlich mittlerweile als Touristenattraktion hergerichtet, aber nicht aufdringlich. Man kann hier ganz viel entdecken. Es ist ein riesiger Hof, eingerahmt von einem zweigeschossigen Haus mit Balustraden ringsrum. Von diesen Wandelgängen gehen dann die Zimmer ab. Es gibt auch etliche kleine Läden, aber leider kein Schuhgeschäft.

Mittlerweile beherrschen mich meine nassen Füße dermaßen, dass mein Fokus ausschließlich auf Schuhläden gerichtet ist. Aber entweder ist mir das Angebot zu unpassend (Stoffschuhe), zu glitzernd und hochhackig (Zickenschuhe) oder zu derb (Männerschuhe). Mal zu bunt, mal zu breit, mal zu flach. Georg übt sich in Geduld und denkt sich vermutlich seinen Teil. So ganz nebenbei wandern wir dabei durch viele alte Gassen und den kleinen Souk.

Zum Wärmebedürfnis gesellt sich der Hunger. Aber ich kann mir nicht vorstellen, nassfüßig zu essen! Endlich sehe ich ein paar Schuhe, die ich für akzeptabel befinde, behalte sie natürlich gleich an und entsorge die Schwimmflossen in den nächsten Papierkorb.

Nun aber ran an den Käse auf Pitabrot! Dazu türkischen Kaffee und die Welt ist wieder in Ordnung.

Inzwischen bewegt sich die Uhrzeit auf 16 Uhr zu und wir haben noch viel vor!
Erst mal die Seite wechseln. Wenn wir schon mal hier sind, wollen wir auch die griechische Seite begutachten. Am türkischen Checkpoint

bekommen wir einen Stempel in den Pass, am griechischen wird derselbe dafür eingescannt. Ohne Probleme befinden wir uns nun in Nikosia und haben das Gefühl, dass es hier etwas ordentlicher zugeht. Ein Hauch von italienischem Flair weht uns an, aber auch hier gibt es viele verlassene Häuser, die schon mal bessere Zeiten gesehen haben.

Als die Dämmerung einsetzt, überschreiten wir die Grenze wieder zurück und streben auf die ehemalige Sophien-Kathedrale zu, die später zu einer Moschee umfunktioniert wurde. Ein imposantes Bauwerk, das man sogar betreten darf. Natürlich ohne Schuhe. Ich habe keine Lust, meine gerade geschnürten Neuerwerbungen wieder abzustreifen, aber Georg nutzt die Chance und schaut sich die Moschee von innen an. Währenddessen übe ich mich draußen in Detailfotografie.

Langsam bewegen wir uns dann wieder in Richtung Bus, aber nicht auf direktem Weg, so dass wir durch sehr verfallene Viertel kommen. Es ist ein trauriger Anblick und man wundert sich öfter, dass in manchen Häusern, die aussehen, als würden sie den nächsten Regen nicht mehr überstehen, teilweise noch Leute wohnen. Aber es gibt auch wunderschön sanierte Gebäude, die einen Eindruck vermitteln, wie so ein Haus auch aussehen kann.
Sehr arbeitnehmerfreundlich finde ich auch die Öffnungszeiten dieser Bibliothek:

Wieder in Girne angekommen, besuchen wir das Café St. George und schlagen uns die Bäuche voll mit Halloumi, Bohnen in Backkartoffeln und Salat.

Ein anschließender Verdauungsspaziergang am Hafen entlang beglückt mich mit einer kalten Dusche. Es ist sehr stürmisch und eine Welle schwappt über die Kaimauer genau an der Stelle, wo ich gerade langlaufe. Diesmal bleiben die Füße aber trocken. Die Festung erstrahlt in warmer Beleuchtung und wirkt ziemlich trutzig und fast ein bisschen bedrohlich.
Bemerkenswert finden wir auch dieses Schaufenster.

Zurück in unserer Ferienwohnung, staunen wir über die ordentlich hergerichteten Betten und nehmen sie auch gleich in Beschlag.
Plan für morgen: Fahrt nach Famagusta.
Tag 5 im Zeichen der Kirchen (Samstag, 14.02.2015)
Bevor ich mit dem heutigen Tag fortfahre, muss ich von gestern noch etwas ergänzen. Als wir den griechischen Teil von Nikosia besucht haben, schlenderten wir bei der Gelegenheit durch einen Supermarkt, um mal die Preise zu vergleichen. Lebensmittel sind zum größten Teil um das Dreifache teurer als in Deutschland! Hier in Nordzypern sind die Preise denen bei uns ähnlich. Auch in den Restaurants. Pizza 5 €, Tee 1,80 €, Salat mit Haloumi ca. 6 €.
Nun zum heutigen Tag. Der morgendliche Ablauf ist bei uns immer der Gleiche. Ich stehe zuerst auf, gehe duschen. Dann wecke ich Georg. Wir gehen gemeinsam frühstücken, danach duscht Georg. Da wir heute nach Famagusta wollen und der Bus zu jeder vollen Stunde abfährt, wie wir an der Rezeption in Erfahrung gebracht haben, stehen wir ein bisschen unter Zeitdruck. Nein. Falsch. ICH stehe unter Zeitdruck. Georg hat die Ruhe weg und macht sich ein bisschen über mich lustig. Erstens hätten wir noch viel Zeit und zweitens würden die Busse sowieso nicht pünktlich abfahren. Ich habe den Eindruck, dass er sein Körperpflegeprogramm nun extra betont lässig abwickelt. Ok. Dann setze ich mich eben in die Sonne und fotografiere und lese ein bisschen.

Schließlich ist auch Georg irgendwann ausgehbereit. Da wir keine YTL mehr haben, nutzen wir wieder unseren Supermarkt schamlos für unsere Zwecke aus und bezahlen eine Flasche Wasser mit 50 €. Die Kassiererin ist wenig begeistert, rechnet mit dem Taschenrechner hin und her, aber am Ende stimmt alles. 10:42 Uhr verlassen wir den Laden mit neuer Ladung Lira. 11:00 Uhr fährt unser Bus in der Altstadt los. 11:02 Uhr sind wir da. Kein Bus nach Famagusta. 11:10 Uhr fragt Georg einen Kassierer. Wir erfahren, dass wir an der falschen Haltestelle stehen. Bus weg. Was nützt es, sich aufzuregen, dann fahren wir eben um 12:00 Uhr.
Die Straße, die wir entlangfahren, schlängelt sich über den Bergpass Richtung Ostküste, wo sich unser Ziel befindet. Ich schaue schon mal ein bisschen genauer hin, denn morgen wollen wir mit dem Auto auch in diese Richtung. Nach etwas mehr als einer Stunde sind wir da und stehen schon direkt vor der nach fast komplett erhaltenen Stadtmauer.

Die Altstadt ist über eine Brücke durch eine Toreinfahrt zu erreichen. Ein imposantes Bauwerk! Man kann sich sehr gut vorstellen, dass im Mittelalter diese Festung schwer einzunehmen war.

Auch hinter den Mauern wird man förmlich von der Geschichte angesprungen, eine Sehenswürdigkeit jagt die andere. Das Besondere an Famagusta ist, dass es fast nur Kirchen sind, die zum Betrachten einladen und allesamt schon durch ihren Anblick vermitteln, dass sie diese Würdigung mehr als verdient haben. Zu gerne würde ich vor 500 Jahren mal durch die Gassen laufen und die mittlerweile größtenteils zu Ruinen verfallenen religiösen Stätten in voller Funktion erleben. Das mittelalterliche Leben war bestimmt sehr hart und grausam, noch heute weht so ein Hauch von Düsternis durch die Gemäuer. Natürlich gibt es auch das ganz normale Leben hier mit vielen Touristen, Souvenirläden, Restaurants usw. Aber diese Stadt hat was ganz besonderes durch ihre Vielfalt historischer Stätten auf kleinem Raum.
Georg bleibt gleich in einem Second-Hand-Plattenladen hängen und entdeckt eine Kostbarkeit nach der anderen.

Die Schallplattencover sind nicht in bestem Zustand und es ist anzunehmen, dass der Ladenbesitzer froh ist, endlich mal so einen Schwung loszuwerden. Aber von völlig übertriebenen 20 YTL pro Platte ist er nicht abzubringen. Georg sieht das locker und stellt fast alle zurück. Nur drei Platten mit türkischer Musik bleiben dann übrig, denn die bekommt man in Berlin dann doch nicht so oft. Ich versuche noch zu handeln, doch er lässt sich auf keinen Kompromiss ein.

Nun beginnt die Kirchentour. Es gibt so viele von den verschiedensten Orden, Glaubensrichtungen und Heiligen, dass der Ort mal so eine Art Grabeskirche war. Ein Nebeneinander, das ja irgendwie funktioniert haben muss.
Die größte und am besten erhaltene ist die St. Nikolas-Kathedrale, die wie auch schon gestern die Sophien-Kathedrale in eine Moschee (von Touristen betretbar) umfunktioniert wurde. Heute mache ich mir die Mühe, meine Schuhe auszuziehen und wandle mit vielen anderen, hauptsächlich Deutschen, auf dem kühlen Teppich. Das Gestühl wurde entfernt, weswegen alles viel größer wirkt.

Draußen auf dem Platz steht ein Baum, der genauso alt sein soll wie die Kathedrale. Er hat einen Namen, der mir nicht mehr einfällt. Drumrum viele Katzen und herrenlose Hunde, die aber von der Bevölkerung wie andernorts geduldet und meistens sogar gefüttert werden.

Nun könnte ich hier noch alle Kirchen aufzählen, die wir heute noch gesehen haben, lasse das aber – sicher auch zur Erleichterung des Lesers.

Der Nachmittag vergeht wie im Fluge. Natürlich haben wir uns zur Stärkung in einem Restaurant niedergelassen und fühlen uns wie in Deutschland. Wir sind umzingelt von Busladungen des Klischeerentners und machen so unsere Beobachtungen. Auf dem Weg zur Toilette muss man an einer Voliere mit Wellensittichen vorbei, die ein mordsmäßiges Spektakel veranstalten. Bis auf einen, der im Sterben auf dem Boden liegt. Kein schöner Anblick, der wenig später dem Gast erspart bleibt, weil der Vogel mit einer Zeitung zugedeckt wurde.
Nun arbeiten wir uns wieder Richtung Stadtausgang vor, entdecken dabei diese lustigen Schilder an den Toiletten

und laufen, bis wir zum letzten Bus nach Girne müssen, ein kleines Stück auf dem Weg im Mauergraben bis zum Hafen.

Obwohl wir heute gar nicht so viel geleistet haben, sind wir rechtschaffen müde und bewegen uns gleich nach Ankunft in Girne ins Hotel.
Und morgen kommt mein großer Tag – Autofahren im Linksverkehr!
Tag 6 im Zeichen des Linksverkehrs (Sonntag, 15.02.2015)
Heute ist es nun soweit. Ich komme mir vor, als würde ich zu einer wichtigen Prüfung schreiten, als wir das Büro der Autovermietung betreten. Das wird eine Herausforderung für mich, in jeder Hinsicht seitenverkehrt Auto zu fahren. Die Formalitäten sind schnell erledigt. 50 € für zwei Tage, Führerschein und Reisepass vorlegen und schon kann es losgehen. Zunächst entscheide ich mich für Automatik, weil ich deren Linkssteuerung für unproblematischer halte als Gangschaltung. Allerdings bin ich schon seit ewigen Zeiten kein Automatik-Auto gefahren und weiß, dass auch das einer Umgewöhnung bedarf. Ich kann mich noch gut an unfreiwillige Vollbremsungen erinnern, wenn sich mein Kupplungsfuß selbstständig machte. Das würde ja nun noch erschwerend hinzukommen! Der junge Mann spürt offensichtlich mein Unbehagen und rät mir zu, es doch lieber mit einem „normalen“ Auto zu versuchen. Überredet. Wir bekommen einen weißen Honda zugewiesen. Aufgeregt nehme ich meinen Platz hinter dem Steuer ein, kurzer Check, wo sich was befindet und Zündschlüssel gedreht. Die Anfahrt mit gezogener Handbremse will nicht so recht gelingen, aber dieses Problem ist schnell aus der Welt geschafft. Die ersten 100 Meter zur nächsten Tankstelle sind easy. Dort steht schon jemand bereit, der mir den Tankvorgang abnimmt. Auch schön. 25 € für eine halbe Tankfüllung (hier kostet der Liter 1,05 €).
Die nächsten Kilometer führen uns auf eine schwach frequentierten Seitenstraße, so dass ich schon mal ein bisschen üben kann.
Ziele heute: die Burgen Hilarion und Buffavento.
Hilarion ist nicht weit weg, aber ich muss auf die vierspurige Schnellstraße, um zum Abzweig zu gelangen und durch einen Kreisverkehr. Nicht vergessen – ermahne ich mich – links hinein in den Kreisel! Anfangs greift beim Schalten meine rechte Hand immer mal wieder ins Leere. Ach, stimmt ja – die linke Hand macht das jetzt! So nach und nach werden meine Bewegungen koordinierter und das Auto rollt. Juchhu! Nun muss man auch erwähnen, dass hier sehr zivilisiert und rücksichtsvoll gefahren wird. Keiner rast unkontrolliert durch die Gegend, die Geschwindigkeitsbegrenzungen werden größtenteils eingehalten.
Nun kommt der Abzweig rechts, ein Straßenschild weist auf die Burg hin. Wenn man in Deutschland links abbiegen will von einer vierspurigen Schnellstraße, muss man ja meistens trotzdem erst mal rechts runter und dann die Straße über- oder unterqueren. Hier kann man direkt abbiegen. Der Grünstreifen ist unterbrochen, es gibt eine Abbiegespur. Nun noch den Gegenverkehr beachten, und schon bin ich auf der Nebenstraße, die – an militärischem Sperrgebiet (wovon es hier übrigens Unmengen gibt) vorbei – hoch zum Parkplatz unterhalb der Burg Hilarion führt. Rauf auf den Parkplatz. Puuhh, erste Prüfung bestanden!
Das Betreten der Anlage ist kostenpflichtig. Als wir das Kassenhäuschen betreten, schlägt uns Zigarettenrauch entgegen. Es stört mich nicht, aber man ist das gar nicht mehr gewöhnt.
Nun kundschaften wir jede Ecke der riesigen Burganlage aus und haben damit reichlich zu tun. Man kann gar nicht den Fotoapparat (Handy) aus der Hand legen, ständig eröffnen sich einem neue, bewahrenswerte An- und Ausblicke. Die Sicht in alle Richtungen ist fantastisch. Girne liegt einem zu Füßen und damit auch das Mittelmeer, aber auch das Hinterland, also das Besparmak-Gebirge ist weiträumig einsehbar. Beeindruckt steigen wir treppauf treppab, haben ständig das Gefühl, nicht alles gesehen zu haben. Selbst innerhalb der Anlage gibt es noch einen Aufstieg, der meine Atemfrequenz hörbar in die Höhe treibt. Er führt uns zu einer Art Burg in der Burg, wohin sich früher einer der Besitzer vor Rebellen zurückgezogen hat. Wir lernen, dass sich mit diesen ganzen Festungsanlagen, die wir bisher hier bestaunen konnten, das zypriotische Volk vor den Angriffen der Araber geschützt hat. Hier hatte offensichtlich das Christentum lange Zeit die Oberhand. Später kam der englische Einfluss noch hinzu, so dass auch heute noch das Leben eher gemäßigt europäisch als temperamentvoll südländisch geprägt ist.

Mich interessieren ja auch immer außergewöhnliche Pflanzen und Bäume, von denen man hier eine Vielzahl antrifft. Einige sind auch beschriftet, so z.B. ein Johannisbrotbaum, Styrax und Azarolaapfel. Alles ist üppiger und größer, selbst die Brennesseln haben strauchartige Ausmaße.
Es dauert 90 Minuten, bis wir das Gefühl haben, in jede Ecke geschaut zu haben. Zum Abschluss gönnen wir uns in einem sehr spärlich bestückten Imbiss ein Tässchen türkischen Kaffee und genießen ihn schlückchenweise auf dem dazugehörigen Balkon mit grandioser Aussicht aufs Meer. Wie für uns dorthin gezaubert schimmert uns ein Regenbogen über dem Wasser entgegen.

Diese Sehenswürdigkeit scheint ein beliebtes Ausflugsziel für deutsche Reisegesellschaften zu sein. So geballt wie hier sind uns noch nirgendwo deutsche Satzfetzen um die Ohren gewabert. Oft sieht man es auch einfach, dass es Deutsche sind.
Wir schlendern – mit neuen bereichernden Eindrücken bestückt, zurück zu unserem Auto. Nun folgt Teil 2 der Prüfung. Die Zufahrt runter auf die Schnellstraße ist ja einfach, aber die muss ich erstens wieder queren, um auf die linke Seite zu kommen und zweitens wissen wir nur die ungefähre Richtung zur nächsten Burg namens Buffavento. Entgegen den Beschreibungen in einschlägigen Reiseberichten entdecken wir schon nach wenigen Kilometern ein Hinweisschild und ich biege ihm folgend ab. Hmm, ob das richtig war? Die Straße führt uns direkt vor ein Kasernentor. Vorsichtshalber kehren wir um, wieder auf die Schnellstraße, durch einen Kreisverkehr, die Stadt Lefkosa Gott sei Dank nur streifend und siehe da – wieder ein Wegweiser „Buffavento“. Jetzt wird es wieder einfach – eine fast leere, gemütliche Straße, die eine kurze Strecke gemächlich bergauf führt, bis sie sich, sehr schmal werdend, in steilen Serpentinen sechs Kilometer den ca. 900 Meter hohen Berg hinauf windet. Georg gibt ab und zu beunruhigte Laute von sich, während mir das Fahren fast Spaß macht, bis auf die seltenen Momente, in denen mir ein Fahrzeug entgegenkommt.
Irgendwann sind wir oben, in jetzt schon schwindelerregender Höhe. Doch wir sind noch lange nicht an der Burg angelangt, die man aber jetzt zumindest schon sieht.
Wir müssen noch 30 Minuten viele, viele sehr gut ausgebaute Treppen nach oben steigen, bis die Unterburg in greifbare Nähe gelangt.
Wie man auf dem Bild schon erkennt, ziehen plötzlich dicke Nebelschwaden auf, die das gesamte Burgengelände in Watte packen und uns leider jeglicher Aussicht berauben. Aber trotzdem hat diese Atmosphäre was, so eine diffuse Mischung aus Gruselfilm mit Caspar David Friedrich.

Diese Anlage wird leider nicht restauratorisch gepflegt, sondern nur soweit erhalten, dass keine Unfallgefahr droht.

Ab und an kann man das Meer in schwindelerregender Tiefe erahnen, aber meistens sehen wir nur Weiß. Wir fragen uns, wie früher die Versorgung stattgefunden hat. Es musste ja alles hochgetragen werden! Wie gut ist es, dass wir nicht schon vor 500 Jahren gelebt haben!
Der Abstieg bringt uns wieder in sonnigere Gefilde.
Nun müssen wir natürlich bergab mit unserem Auto. Gaaaanz langsam, im ersten, höchsten zweiten Gang, schleichen wir Kurve für Kurve nach unten.

Am Straßenrand lungern gehäuft Männer rum mit Gewehren im Anschlag. Vermutlich sind das Vogeljäger. Wir haben im Reiseführer gelesen, dass dies hier leider ziemlich häufig als Hobby betrieben wird, wenn auch verbotenermaßen.

Wir kommen an verfallenen Häusern vorbei, die nach einer verlassenen Kaserne aussehen. Ich will die natürlich auch in Augenschein nehmen und schaue mal hierhin, mal dahin, nur nicht auf die Straße. Und rums, hängen wir mit dem linken Vorderrad in einem Graben. Ich bleibe natürlich ganz cool, lege den Rückwärtsgang ein, gebe ordentlich Gas und schon stehe ich wieder mit allen vier Rädern ordnungsgemäß auf der Straße.
Die Rückfahrt ist etwas abenteuerlich. Man nimmt nicht den gleichen Weg, wenn es sich vermeiden lässt! Deswegen fahren wir über die Landstraße, durch einige Dörfer durch, in denen ich nie weiß, wie das jetzt ist mit Links vor Rechts. Vorsichtshalber bleibe ich immer erst mal stehen und schaue, was passiert. Ein paar mal starre ich mich mit den anderen Fahrern erwartungsvoll an, bis ich die Weiterfahrt wage. Lieber so als einen Crash, denke ich.
An einer Kreuzung müssen wir entscheiden, ob wir nun rechts oder links abbiegen. Noch während unserer Überlegungen hält ein Auto neben mir, fragt nach unserem Ziel, ruft: „Follow me!“ und fährt los. Vor Überraschung finde ich den ersten Gang nicht, versuche wieder, mit Handbremse anzufahren, schaffe es schließlich, vom Fleck zu kommen und eile ihm nach. Er führt uns auf kurzem Weg zu der Schnellstraße nach Girne. Wunderbar. Nun noch runter in den Ort. Doch wo lang nun zu unserem Hotel? Ich bin überfordert mit gleichzeitiger Beherrschung des Autos, der Verkehrsregeln und Orientierung! Kann immer nur maximal zwei Dinge tun! Georg erweist sich aber als hilfreicher Lotse und wir erreichen auf wundersame Weise das Hotel.
Nun haben wir uns aber ein ordentliches Abendbrot verdient, laufen in die Altstadt und suchen ein passendes Lokal. Der Rückweg führt uns ein zweites Mal an die Mole zum Leuchtturm. Heute wage ich den Gang nach vorne, obwohl wieder Wassermassen in unregelmäßigen Abständen über die Hafenmauer schwappen. Georg belächelt meine Panik vor der kalten Dusche. Wenn schon, dann nur freiwillig, bitte!
Aber es klappt, wir werden nicht nass und waren nun auch mal am Leuchtturm.
Morgen noch mal ein Autotag nach Iskele und natürlich wieder ein Burgenbesuch.
Tag 7 im Zeichen des Abschiedes (Montag, 16.02.2015)
Einen Tag haben wir noch, den wir mit Hilfe des Autos optimal ausnutzen wollen. Wir planen eine kleine Rundreise von 150 km Richtung Nordostspitze von Zypern, die wie ein Horn aus der Insel herausragt. An der Stelle kann man das Mittelmeer rechts- und linksseitig der Landzunge sehen. Zufälligerweise befindet sich dort die letzte Bastion des Verteidigungsringes, die Burg Kantara. Sie bildete mit Hilarion, Buffavento, Bellapais und der Festung von Kyrenia (Girne) einen Abwehrgürtel gegen feindliche Übergriffe.
Das Wetter verspricht gute Sicht, unser Auto, in das ich nun heute schon fast routiniert einsteige, steht erwartungsvoll vor dem Hotel. Die grobe Richtung ist klar, gestern Abend haben wir auf Google Maps die Karten studiert und auch im Handy gespeichert. Georg ist also mein sprechendes Navi.
Na, dann wollen wir mal.
Wir fahren auf der Küstenstraße konstant nach Osten, entlang wunderschöner Aussichten aufs Meer. Die breite Straße schlängelt sich den Berg hoch. Verkehr ist kaum. Georg merkt nach einer Weile, dass unser Positionspunkt auf dem Handy erheblich abweicht von der angezeigten Route, wir hätten uns weiter entlang der Küste bewegen müssen. Das ist aber nicht dramatisch, schon allein wegen der Aussicht hat sich dieser Umweg gelohnt. Bei der nächsten Gelegenheit wenden wir und trudeln wieder nach unten. So langsam macht mir das Fahren Spaß, meine linke Hand weiß nun, dass sie gefordert ist. Ich wage sogar zu überholen!
Wir kommen an wunderschönen Stränden und Buchten vorbei mit kitschpostkartenblauem Meer und Villen vom Feinsten. Vermutlich tobt hier im Sommer das Leben.
Die Burg Kantara ist nun auch ausgeschildert, so dass wir unser Ziel nicht mehr verfehlen können.
Da Burgen es so an sich haben, auf den Bergen zu thronen, müssen wir uns nun wieder eine schmale Bergstraße hocharbeiten. Das Auto schnurrt, Georg ächzt und umklammert vorsichtshalber den Haltegriff. Ihm sind die Kurven nicht so ganz geheuer, besonders an den Stellen mit Blick tief ins Tal. Ich finde es merkwürdigerweise gar nicht bedrohlich, nur die Möglichkeit, dass mir was entgegenkommen kann, beunruhigt mich etwas. Doch alles geht gut, irgendwann ist der Parkplatz erreicht. Zwei Katzen begrüßen uns. Wie sind die denn hier hoch gekommen?
Wie immer sind nun noch ein paar Treppen zu steigen, bis wir das Burgtor erreicht haben.

Der Sage nach spukt hier oben eine Gräfin herum,, in manchen Nächten sieht man sie hoch oben am Fenster sitzen. Einheimische sollen sehr einsilbig werden, wenn man sie nach der Burg befragt und den Besuch derselben meiden.

Wir hingegen erforschen wieder jeden Winkel und sind schwer beeindruckt von der grandiosen Aussicht auf die Felsformationen und Wälder der Landzunge, beidseitig vom Mittelmeer umspült.

Auf einer Aussichtsplattform umzingelt mich eine lustige türkische Großfamilie. Ein Großvater kommt mit einer Kamera auf mich zu und bittet mich auf türkisch, die Familie zu fotografieren. Alle reihen sich auf zum Gruppenfoto, ich drücke auf den Auslöser und nichts passiert. Ich gebe mit vollem Körpereinsatz zu verstehen, dass vermutlich noch die Videofunktion eingestellt ist, ich aber nicht weiß, wo auf Foto umgestellt wird. Der Großvater weiß es auch nicht. Großes Rätselraten, alle diskutieren und debattieren, ich auf denglisch, der Rest auf türkisch. Eine angeregte Konversation setzt sich in Gang, obwohl keiner des anderen Sprache spricht. Meine hilflosen Erklärungsversuche, dass ich der Argumentation nicht folgen kann, verebbten ungehört. Der Großvater kam dann auf die Idee, jemanden anzurufen, vermutlich den Besitzer der Kamera, der dann per Ferndiagnose die entsprechenden Anweisungen gab. Es funktionierte! Nun also zurück auf Start. Alle wieder an ihren Platz und ich konnte ein schönes Foto machen. Alle waren glücklich und bedankten sich überschwänglich bei mir. Wir begegneten uns später nochmal auf der Burg, wo sich die Großmutter mit mir fotografieren ließ. Nun werde ich also in einem türkischen Familienalbum verewigt sein!
Die Abfahrt den Berg hinunter klappt wunderbar, ohne Abrutsch in den Straßengraben. Wir folgen unserer geplanten Route und haben Iskele als nächstes Ziel. Eine Zeit lang weisen uns Straßenschilder den Weg, doch plötzlich fehlt der Ortsname. Etwas irritiert kurven wir auf Verdacht durch die Straßen eines merkwürdigen Ortes, bis wir mitbekommen, dass wir uns genau in Iskele befinden. Hier sieht es so nichtssagend aus, dass wir einfach weiterfahren. Der Kreis unserer Route beginnt sich zu schließen, wir fahren nun schon wieder in großem Bogen Richtung Girne. Dazwischen liegt allerdings noch das Gebirge. Georg entdeckt auf Google Maps eine kleine Querstraße, die über die Berge führt und drüben auf die Küstenstraße. „Die nehmen wir!“, entscheide ich und biege rechts ab. Eine Landstraße führt uns durch idyllische gelbe Rapsfelder und kleine abgelegene Dörfer, wo Bauern mit wettergegerbten Gesichtern die Schafe zusammentreiben. Maps meint nun, dass wir links abbiegen müssen. Ich folge brav den Anweisungen und lande auf einem matschigen Feldweg, der sich schmal zwischen Berg und abschüssiger Wiese kurvenreich weiterschlängelt. Wenden kann ich nicht, zu schmal. Und hier rückwärts fahren – ein Albtraum. Weiter vorne sieht der Weg aus, als hätte er wieder eine Teerdecke, also kämpfen wir uns durch Schlamm und über Felsbrocken holpernd vorwärts. Es stellt sich heraus, dass unser Eindruck eine Fata Morgana war. Der Weg wird nicht besser.
Es bleibt mir nichts weiter übrig, als zu wenden. In Millimeterschritten gelingt mir das und wir rumpeln zurück.

Im Dorf hinterlassen wir eine beeindruckende Dreckspur und stellen uns den Autovermieter vor, wie er morgen grübelnd den Honda in Augenschein nimmt und sich wundern wird, wo wir uns rumgetrieben haben.

Den Rest der Rundfahrt verbringen wir im Feierabendverkehr auf der vierspurigen Schnellstraße mit vielen Kreisverkehren und Sonne satt, blendend von vorne. Somit habe ich den Härtetest bestanden!
Froh, endlich den Zündschlüssel ziehen zu können und reich an Eindrücken und Erfahrungen, auf die wir ohne Auto hätten verzichten müssen, machen wir uns ein letztes Mal auf den Weg in die Altstadt, um in einem zeltartigen Restaurant am Ende einer Landebrücke zu speisen.

Das Meer wird abends immer sehr unruhig und die Wellen schlagen auch heute in hohem Bogen gegen die Scheibe, hinter der wir sitzen. Ein faszinierendes Spektakel, solange man trocken bleibt.
Der Kellner bescheinigt mir ein vorzügliches Türkisch, da ich völlig fehlerfrei das Wort „Chai“ aussprechen kann. Als wir uns dann verabschieden, will er von uns wissen, was „Thank You“ auf deutsch heißt. Wir üben ein bisschen mit ihm und er erzählt uns, dass er eine Schwester in Deutschland hat. Georg fragt ihn, in welcher Stadt sie denn wohnt. Jetzt kommt er ins Schleudern. Er überlegt und überlegt und verrät uns dann:
„Two five!“ Aaaaaha. Jetzt hat er sich aber in eine peinliche Situation hinein manövriert! Ich baue ihm eine Brücke und sage: „Vielleicht in Berlin?“ Er strahlt dankbar und nickt: „Ja,ja…Berlin!“
Wir schlendern durch den Hafen, vorbei an gemütlichen Restaurants mit Livemusik. Das Wetter lässt es zu, dass man draußen sitzen kann, auch die Musiker. Überall treffen sich Leute und haben Spaß, auch am Kai unterhalb der Festungsmauern. Es herrscht eine entspannte Urlaubsatmosphäre, die wir nun leider verlassen müssen.
Fazit: viel gesehen, gelernt und erlebt. Das Land ist reich an historisch bedeutsamen Sehenswürdigkeiten, landschaftlichen Schönheiten, blühender Natur, unvollendeten Baustellen, verfallenden Häusern, Villen, Stränden, Einrichtungshäusern am Stadtrand. Die Menschen sind korrekt, nicht überschwänglich freundlich, aber rücksichtsvoll, hilfsbereit und nicht aufdringlich. Das Straßennetz ist gut ausgebaut, die meisten fahren unaufgeregt und halten sich mehr oder weniger an die Verkehrsregeln. Die Preise sind wie in Deutschland, nur Benzin ist billiger. Der Alltag ist europäisch orientiert. Es ist relativ sauber, zumindest auf den ersten Blick. Der zweite offenbart dann doch so einige Mängel wie schimmlige Wände, schiefe Toilettenbecken, klemmende Türen etc. Es gibt viele herumstreunende Hunde und Katzen, um die sich aber rührend gekümmert wird.
Auf jeden Fall würde ich noch einmal dort Urlaub machen, dann aber vielleicht im Sommer!