Auf den Spuren der Gebrüder Grimm: Schreibreise nach Marburg

Mit diesem Projekttitel beantragte die Schreibwerkstatt am 7. April 2022 erfolgreich Mittel aus dem Kinder- und Jugenddemokratiefonds. Die Jurysitzung wurde wie jedes Jahr vom Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf organisiert und durchgeführt.

Wir planten mit diesen Fördermitteln im August eine Reise nach Marburg, um dort viel zu lernen, unsere Erfahrungen schreibend umzusetzen und am Ende unser eigenes Märchenbuch in den Händen halten zu können.

Kurzbeschreibung
Marburgs Geschichte ist eng mit Jacob und Wilhelm Grimm verbunden. Sie haben
vor allem ihre Studienzeit dort verbracht.
Dass die Brüder Grimm in ihrer Zeit Herausragendes geleistet haben, steht außer
Frage. Aber welche Bedeutung hat ihr Schaffen heute noch? Sie haben mit ihrem
Werk einen Beitrag zur deutschen Sprachkultur geleistet, der bis in die Gegenwart
reicht. Dieser Beitrag wurzelt in einer Art des Denkens, das beinahe als
»globalisiert« zu bezeichnen ist und besteht in der Art und Weise, wie sie ihre
Werke und das in ihnen versammelte Wissen verstanden. Sie selbst machten in
gewissem Sinn auch gar keinen Unterschied zwischen Märchen und Wörtern. Sie
hinterließen Werke der Grammatik, Sprachgeschichte und das mehrbändige
Wörterbuch der deutschen Sprache, Märchen und Weisheiten.
Ziel der Schreibreise war, die Brüder Grimm und ihr sprachkulturelles Werk mit
unserer Gegenwart in Beziehung zu setzen und deren Bedeutung für die deutsche
Sprache zu erfassen. Schreibend näherten wir uns besonderen Wörtern, um
daraus Texte und neue Märchen zu entwickeln.

Brüder Grimm in Berlin

Bevor wir uns auf die Reise nach Marburg begaben, wandelten wir in Berlin auf den Spuren der Brüder Grimm. Immerhin haben sie die letzten 20 Jahre ihres Lebens hier verbracht. zweimal wechselten sie die Wohnadresse. Von den Häusern ist zwar nichts mehr zu sehen, aber die Straßennamen erinnern an ihre berühmten Bewohner. Auch der Märchenbrunnen im Friedrichshain ist erst lange nach dem Tod der Grimms entstanden. Wir schauen uns an allen Stationen ganz genau um, zur Auflockerung gibt es ein paar Aufgaben zu lösen. Die Tour führt uns weiter zu den Gräbern den Grimms auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof Berlin. Auch hier gibt es viel zu entdecken und zu recherchieren. Wer waren z.B. die Frauen, deren Namen auf einem noch recht neu wirkenden Grabstein neben denen von Jacob und Wilhelm stehen?

Den krönenden Abschluss des Tages bildete der Besuch des Friedrichstadt-Palast Berlin. Die Revue „Arise“ hat uns alle verzaubert und auf der Heimfahrt viele Diskussionen über mögliche Interpretationen des Stückes ausgelöst. Alle Fotos findet ihr im digitalen Album, hier seht ihr eine kleine Auswahl:

Wochenende in Marburg vom 19. – 21. August 2022

Freitag, 19.08.2022: Einigermaßen pünktlich kamen wir in Marburg an und legten zum Leidwesen einiger den ca. 2 km langen Weg zum Hotel in glühender Hitze zu Fuß zurück. Dabei bekamen wir aber einen guten Eindruck von der Stadt, die nicht nur aus der schmucken, historischen Altstadt besteht. Je weiter wir uns vom Bahnhof entfernten, um so interessanter, älter und schöner wurden die Gebäude. Über allem sahen wir das Marburger Schloss thronen. Wir nahmen im B&B- Hotel unsere Zimmer in Beschlag und machten am Nachmittag einen Stadtspaziergang, um die kleinen Gässchen, schiefe Fachwerkhäuser, viele Treppen, unzählige, appetitweckende Restaurants und Läden mit einem Sortiment jenseits der üblichen Ketten zu begutachten. Schnell hatten wir uns einen Überblick verschafft und auch ein Lokal auserwählt, in dem wir abends essen gegangen sind. Abends schickte das Schloss einen Gruß ins Hotel.

Samstag, 20.08.2022: Nach dem Frühstück trafen wir uns am späten Vormittag, um den Grimm-Dich-Pfad zu absolvieren:

Mit dieser 2 km langen Tour durch die Marburger Oberstadt tauchten wir ein in die Märchenwelt der Brüder Grimm. Durch enge Gassen und vorbei an bekannten Sehenswürdigkeiten galt es, an 15 Stationen Figuren aus den Märchengeschichten aufzuspüren. Meistens war es sehr einfach, doch manchmal mussten wir auch ein bisschen suchen. So war z.B. der Butt im See des Alten Botanischen Gartens vom Schilf fast total zugewachsen und kaum noch sichtbar. Anhand fest installierter QR-Codes konnte man die dazugehörigen Märchentexte einfach über das Smartphone aufrufen. Ganz nebenbei machten wir dadurch auch einen Stadtrundgang zu den historischen Sehenswürdigkeiten und liefen teilweise auf denselben Stufen treppauf und treppab, die Jacob Grimm zu dem berühmten Ausspruch veranlassten: „Es sind mehr Treppen auf den Straßen als in den Häusern.“

Die sieben Geißlein waren nur noch zu sechst, das siebente fanden wir ein paar Meter weiter in einem Schaufenster. Warum, konnten wir nicht rausfinden. Auf dem Markt gab es auch viel zu entdecken. Z.B. das älteste Graffiti an Marburgs Häuserwänden aus den frühen 30er Jahren: „Wählt Thälmann“, die überdimensionierten Fliegen des Tapferen Schneiderleins, ein flügelschlagender Hahn auf dem Rathausturm, die Marburger Elle an der Rathausfassade und – ein besonderes Kleinod – das Denkmal für Sophie von Brabant, Tochter der Heiligen Elisabeth, mit ihrem Sohn Heinrich, dem späteren ersten Landgraf von Hessen. Es handelt sich hier um eine sehr aufwändig gestaltete Skulptur von Ivan Theimer aus dem Jahr 1989. „Auf dem Sockel darunter sind acht allegorische Szenen in kleinen, fortlaufend nummerierten Nischen. Sie stellen den idealen Weg der menschlichen Charakterbildung in Vollplasik und Relief dar. Die Felder I.+II. symbolisieren Empfängnis und Geburt; der Mensch erhält eine Seele. III.+IV. Er muss sich orientieren und entscheiden lernen zwischen Gut und Böse. V.+VI. Kampf und Überwindung von Sünde und Hoffahrt durch den Körper. VII+VIII. Bekenntnis zum unvollkommenen Sein und Belohnung mit Weisheit und Macht. Der Betrachter wird dabei von Szene zu Szene um den Sockel herumgeführt. Hat man alle Felder betrachtend abgeschritten, wird zum Schluss noch bedeutet, dass das Gute wie auch die Sünde zuletzt dem Tod unterworfen sind. Die Siegel, Münzen und Stiche verorten diese ideale Entwicklung des Menschen in Marburg und stellen die Verbindung zu Sophie und Heinrich her.“ (Text: Siegrid Schmeer, 1997)

Hier handelt es sich nicht um Hakenkreuze! Das Wappen ist aus dem 17. Jahrhundert und zeigt eine sehr reiche vergoldete Ausschmückung auf, bei der unter anderem Sonnenräder zu sehen sind.

Der Weg zum Schloss hinauf brachte uns zwar ins Schwitzen, aber er lohnte sich, weil uns nun Marburg zu Füßen lag. Eine herrliche Aussicht, die auch schon die Grimms genossen hatten.

Noch ein paar Stationen auf dem Weg bergab, dann endete die Tour vor dem Wohnhaus der Gebrüder Grimm. Hier lebten sie während ihres Studiums an der Philipps-Universität, 1527 gegründet. Sie gehört zu den ältesten, noch bestehenden Universitäten der Welt. Nun hatten wir das Gefühl, uns schon sehr gut auszukennen in Marburg. Um unser neu erworbenes Wissen abzurunden, beschlossen wir, morgen die Zeit bis zur Abfahrt unseres Zuges mit der Marburger Schlossbahn noch eine Runde zu drehen.

Sonntag, 21.08.2022: Unser Gepäck konnten wir im Hotel zwischenlagern, so dass wir uns unbeschwert zur Stadtrundfahrt begeben konnten. Unweit der Elisabethkirche war der Start. Von dort aus fuhren wir durch die engen Gassen der Altstadt bis zum Marktplatz, um dort eine kleine Pause einzulegen. Anschließend ging es weiter über den Wilhelmsplatz durch die Marburger Südstadt zum Rudolphsplatz und von dort aus über die Lahnbrücke in den „Alten Stadtteil Weidenhausen“. Sehr idyllisch! Auf dem Rückweg passierten wir wieder die Lahnbrücke,  fuhren vorbei an der“ Alten Universität“, durch Marburgs „Neue Mitte“, vorbei am Kunstmuseum, der Stadthalle und dem Biegenviertel bis zum Ausgangspunkt unserer Fahrt. Wir erfuhren unterwegs viele interessante Details. Z.B. kommt der Ausdruck „steinreich“ daher, dass sich Reiche Häuser aus Stein leisten konnten, während die Ärmeren in Holzhäusern wohnten. Die Redewendung „Weg vom Fenster“ hat auch eine Geschichte. Früher gingen die Frauen kaum auf die Straße, saßen aber in den Erkern ihrer Häuser und beobachteten das Treiben. Starb eine, war sie „weg vom Fenster“. Viele von uns staunten, dass Bier im Mittelalter Grundnahrungsmittel, Aufbaukost und Nahrungsergänzung war. Grund: das Wasser war oft verseucht, aber das Bier unterlag dem Reinheitsgebot und war deswegen unbedenklich zu trinken. Auch über die Uni erfuhren wir kleine Anekdoten. Man sagt: „Andere Städte HABEN eine Universität, Marburg IST eine.“ Der Grund liegt darin, dass ca. 300 Gebäude der Stadt zur Universität gehören und ein Großteil der Einwohner Studenten sind. Marburg ist übrigens auch heute noch ein Pilgerort zu Ehren der Heiligen Elisabeth.

Mit diesem Wissen ausgestattet, traten wir die Heimreise an. Es war ein erlebnisreiches, schönes Wochenende. Nun steht für alle bis Ende September folgende Aufgabe: Sucht euch ein Märchen der Gebrüder Grimm aus und transportiert es in die heutige Zeit. Siedelt das Geschehen in der Gegenwart an und verwendet die heutige Sprache. Aus den Texten gestalten wir dann ein modernes Märchenbuch mit QR-Codes, die zu Audioaufnahmen der Märchen führen – von den Autoren selbst gesprochen.

Folgende Märchen sind nun in Bearbeitung:

Rapunzel | König Drosselbart | Schneewittchen | Die Prinzessin auf der Erbse | Die zertanzten Schuhe | Die sieben Geißlein | Froschkönig | Ritter Blaubart | Hänsel und Gretel | Aschenputtel | Das blaue Licht

HIER gehts zum digitalen Fotoalbum, in dem noch weitere Aufnahmen unserer Reise zu sehen sind.