Corona greift an

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Als im Januar die Meldungen über die rasante Ausbreitung eines neuartigen Virus aus Wuhan kamen, nahmen wir das alle zur Kenntnis, aber das Problem war ja weit, weit weg und irgendwie nicht unseres. Manchmal hörte man Warnungen von Virologen, Epidemiologen und Ärzten, dass eine weltweite Ausbreitung und somit eine Pandemie zu befürchten wäre. Wir nahmen das nicht ernst. Schwarzmaler gibt’s schließlich immer. Doch das Virus rückte näher, trotz Reisebeschränkungen von und nach China. Das Wort Corona fiel häufiger, aber wir ahnten nicht im Geringsten, was kommen würde.

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Photo by Josh Hild on Pexels.com

Im Februar wurde die Lage dann doch beunruhigend. Aber immer noch konnte ich mir nicht vorstellen, dass es ernsthaft zu Bedrohungen und schon gar nicht zu Einschränkungen führen würde. Es ging weiter mit Berichten über immer mehr Infizierte und der Suche nach Patient 0. Noch wurde versucht, die Kontakte der Infizierten nachzuvollziehen, um sie zu testen und notfalls zu isolieren. Irgendwann wurde das zu unübersichtlich.

Am 29. Februar hatte ich Besuch von meinen Freundinnen Kerstin und Dani. Zum damaligen Zeitpunkt konnten wir den Ernst der Lage noch nicht erkennen, stießen mit Corona-Bier an und hatten einen schönen Nachmittag.

02. März: „Das Risiko für die Gesellschaft ist gestiegen, die Gefahr für den Einzelnen ist aber weiterhin nicht groß“, erläuterte Prof. Drosten von der Charité die Lage.

Aber Horrorszenarien verunsicherten die Leute immer mehr. Messen wurden abgesagt, Konzerte gecancelt. Gerade hatte ich sensationelle Teilnehmerzahlen für die Fahrt zur Leipziger Buchmesse erreicht. Das Busunternehmen war hocherfreut über meine Mini-Reiseagentur und orderte den zweiten Bus für uns. 110 Teilnehmer hatten mir gerade das Geld überwiesen, als man am 03. März 2020 nach langem Zögern auch die Buchmesse sterben ließ. Große Katastrophe für das Management, die Autoren und Verlage. Und auch für mich. Ich musste nun allen das Geld zurücküberweisen oder auszahlen. Viel Arbeit für nichts und alle waren traurig.

Am 04. März wird Apotheken gestattet, Desinfektionsmittel herzustellen und zu verkaufen. Handelsübliche Produkte sind ausverkauft. Auch Toilettenpapier wird knapp. Die Leute fangen an zu hamstern. Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern dürfen nicht mehr stattfinden. Man soll sich nicht mehr die Hand geben.

Der 07. März ist der erste Samstag des Monats und das heißt – Schreibwerkstatt. Dieses Mal mit einem Gast – Yo-Pa Neumann, der einen Poetry-Slam-Workshop durchführt. Wir sitzen im großen Kreis dicht an dicht. Aus heutiger Sicht ein No-Go.

Der nächste Tag ist der 08. März, Internationaler Frauentag. Ich hatte eine sehr nette Einladung bekommen zu einer Veranstaltung im Projektraum Galerie M mit dem schönen Titel: „Ach Mädels! Literarisch-Musikalische Stoßseufzer“ mit Wolfgang Reuter. Die gutbesuchte Veranstaltung stand schon ein bisschen unter dem Corona-Einfluss, man reagierte achtsamer auf Hustende und tauschte sich aus über das immer näher rückende Virus. Dass schon eine Woche später der Ausnahmezustand herrschen würde, konnte sich noch niemand vorstellen. Aber es werden Mahnungen laut, dass man die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren soll.

Am 11. März 2020 erklärte die WHO den Corona-Ausbruch offiziell zu einer Pandemie. Wir ahnen nun schon, dass geöffnete Bibliotheken bald Vergangenheit sein werden. Man kann sich telefonisch für eine Woche krankschreiben lassen, damit man den Wartezimmern fernbleibt. Am nächsten Tag überschlagen sich die Ereignisse stündlich. Es kommt die erwartete Schließungswelle:

Ab 13. März bleiben die Bibliotheken, Theater und Museen bis vorerst 20. April geschlossen. Von einem Tag auf den anderen. Das erfordert blitzartig vielerlei Maßnahmen, um alle Besucherinnen und Besucher entsprechend zu informieren und finanziellen Schaden von ihnen abzuwenden. Wir tun, was wir können und arbeiten erst einmal in unseren Büros weiter. Am Abend wollten wir eigentlich zu einem Konzert von Lord Bishop gehen ins Kino Kiste, aber auch das wurde abgesagt. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern dürfen nicht mehr stattfinden. Es ist plötzlich eine sehr merkwürdige Stimmung. Über allem, was für die nächsten Wochen und Monate geplant war, schwebt ein großes Fragezeichen. Und wieder begegnet mir Corona auf makabre Weise:

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Am 14. März warnt Gesundheitsminister Spahn vor Falschmeldungen, dass massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens geplant seien. Das würde nicht stimmen. Hm, heute wissen wir es besser.

16. März. Wir versammeln uns zu einer Mitarbeiterrunde. Die Leiterin der Bibliothek teilt uns mit, welche Anweisungen von nun an zu befolgen sind. Es ist das letzte Mal, dass wir so versammelt sind, denn wir müssen uns vereinzeln. Einige unterstützen von nun an die Arbeit im Gesundheitsamt. Neue Bücher werden natürlich trotzdem weiter geliefert und es ist traurig, dass sie nun länger als einen Monat auf ihre Leser warten müssen

Schulen, Unis und Kitas werden geschlossen.

17. März. Morgen würde zum 69. Mal die Reihe „Schwebende Bücher“ stattfinden. Eine Radiosendung bringt mich auf die Idee, mit Kerstin unsere Buchempfehlungen in einem Podcast zu veröffentlichen. Wir brauchen 4 Stunden, bis die 15 Titel im Kasten sind, denn wir machen das zum ersten Mal und müssen auch mal was wiederholen. Aber es hat sich gelohnt, der Erfolg und die unerwartet große Aufmerksamkeit bestätigen das. Nun werden auch Läden geschlossen. Nur Verkaufsstellen mit Waren des täglichen Bedarfs bleiben geöffnet. Kerstin entschließt sich zu einem Hamsterkauf bei Thalia:

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Das Treffen in Vereinen und auch Gottesdienste sind ab sofort untersagt. Restaurants dürfen vorerst nur bis 18 Uhr öffnen und gewährleisten, dass die Gäste weit genug auseinandersitzen.

Am 18. März beginne ich mit dem Podcast „Tagebuch einer geschlossenen Bibliothek“ und sende jeden Tag (außer Wochenende) einen Beitrag über die Arbeit hinter den Kulissen, denn Außenstehende können sich gar nicht vorstellen, dass wir auch was zu tun haben, wenn geschlossen ist. Mein erster Interviewpartner ist Christoph Kaltenborn, der über die Musikbibliothek berichtet. In den nächsten Folgen stelle ich nach und nach die Kollegen vor, die ich noch in der Bibliothek antreffe, z.B. unsere Azubis, die die Küche auf Hochglanz polieren.

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23. März. Ab heute gehen wir in Homeoffice. Nur die Leiterin der Bibliothek ist jeden Tag vor Ort und hält mit uns per Mail und Telefon Verbindung. Alle haben sich Arbeit mit nach Hause genommen und erledigen viel am PC. Dazu gehören auch Online-Weiterbildungskurse. Das wunderschöne Frühlingswetter steht in krassem Gegensatz zu den Geschehnissen.

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Das Leben wird immer unwirklicher, ich leben wie in einem Traum. Die Aktivitäten wurden von 100 auf 0 runtergefahren, alle fühlen sich ausgebremst. Ich bin gesund, habe aber das Gefühl, dass mir alles entgleitet. Die Struktur fehlt. Alles ist vage und mit großen Fragezeichen versehen. Auf nichts ist Verlass. Ich muss mir gezielt was vornehmen, sonst habe ich das Gefühl, mich aufzulösen. Für mich ist es deshalb sehr wichtig, einmal am Tag aus dem Haus gehen zu müssen. Ich wähle dafür eine sehr menschenarme Zeit und laufe meistens zur Bibliothek. So halte ich mich an die Vorgaben und bin etwas in Bewegung. An diesem Montag interviewe ich für den Podcast Benita Hanke zur aktuellen Lage und fotografiere die leere Bibliothek:

Ansonsten putze ich jeden Tag ca. 15 Regale und kümmere mich um die Regalordnung. Dabei habe ich äußerst passende Buchtitel entdeckt zur aktuellen Lage, aber auch falsch einsortierte Bücher:

und kümmere mich zu Hause im Homeoffice um das Erstellen von Webinaren, Online-Öffentlichkeitsarbeit, Vorbereitung von Programmen zur Leseförderung und informiere mich über Neuigkeiten auf dem Buchmarkt.

24. März. Jetzt müssen Restaurants generell schließen. Menschen sollen 1,5 – 2 Meter Abstand voneinander halten. In Supermärkten werden die Kassen mit Plexiglasscheiben versehen und Abstandmarkierungen auf den Boden geklebt. Man darf nur noch mit Einkaufswagen rein zur Wahrung der Distanz. Neu ist auch die Erfahrung, dass man selbst zur Gefahrenquelle wird und andere sofort einen großen Bogen um einen herum machen. Ich komme mir gemieden vor. Werde ich ja auch und ich selbst verhalte mich natürlich umgekehrt genauso.

Plattform Berlin alive

Unsere Podcasts werden immer beliebter. Wir haben in nicht ganz zwei Wochen 2000 Downloads zu verzeichnen. Ich denke, das ist ganz ordentlich.

Schwebende Bücher on Air (https://www.spreaker.com/show/4263765):

Bibliothekarinnen machen aus der Not eine Tugend und senden den Fans der Literaturempfehlungs-Reihe ihre Lesetipps als Podcast. Die erste Runde erschien am 18.03.2020. Normalerweise stellen sie alle sechs Wochen in gemütlicher Runde die Bücher vor, die sie in dieser Zeit gelesen haben und für empfehlenswert halten. Es wird gelobt und auch heftig kritisiert. Wer möchte, kann in diesem Kreis auch gerne seine Leseerlebnisse mitteilen. Am 29.04.2020 findet die Reihe zum 70. Mal statt. Wir haben dazu den Literaturagenten und RadioEins-Moderator Thomas Böhm eingeladen. Falls dann die Bibliotheken noch geschlossen sind, gibt es die Buchbesprechungen wieder als Podcast.

Tagebuch einer geschlossenen Bibliothek(https://www.spreaker.com/show/4269568):

Die Bibliotheken des Stadtbezirkes sind wie alle anderen öffentlichen Bibliotheken Berlins aus präventiven Gründen vorerst bis zum 19.04.2020 geschlossen. Viele Menschen fragen sich, was wir eigentlich jetzt machen hinter den geschlossenen Türen. Für Außenstehende ist schwer nachvollziehbar, was es im sogenannten Backoffice unabhängig von Öffnungszeiten zu erledigen gibt. Wir öffnen nun für unsere Leser akustisch unsere Türen und lassen sie Einblick nehmen in unsere Arbeit.

Ich überlege mir, was ich tun könnte für die Familien im Haus, denn es sollen ja alle möglichst zu Hause bleiben und nur noch zum Einkaufen oder Spaziergängen / Sport raus. Ich packe einen Korb mit Kinderbüchern und stelle ihn ins Treppenhaus. Wird gut angenommen, das Angebot.

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25. – 27. März. Immer wenn ich die Bibliothek betrete, komme ich an der fast leeren Veranstaltungs-Pinnwand vorbei, den durchgestrichenen Dienstplänen und der leeren Anwesenheitstafel. Sie verbreiten ein komisches Gefühl der Verlassenheit und Traurigkeit. Meine Schreiberlinge haben mir Sätze zukommen lassen, in denen sie ihre derzeitigen Befindlichkeiten beschreiben und wie sie mit der Situation umgehen. Das ist sehr beeindruckend und auch bedrückend. Ich mache daraus den Samstag-Podcast.

Wie gehts mir – Texte

Mittlerweile darf man nur noch zu zweit rausgehen. Verstöße werden polizeilich geahndet. Ich höre den merkwürdigen Satz: „Die Polizei warnt vor zu viel Freizeitaktivitäten.“ Die TAZ titelt am Wochenende: „Ist Sitzen noch okay?“ Ich schwanke in meiner Meinung wie ein Blatt im Wind. Mal leuchtet mir das alles ein, mal finde ich die Maßnahmen absurd und maßlos übertrieben. Beeindruckend ist auf jeden Fall, wie brav die Bevölkerung das alles mitmacht. Dafür hat sich die Bundeskanzlerin auch bedankt. In der TAZ finde ich eine übersichtliche Darstellung, wo was erlaubt und verboten ist. Da sich das ja ständig ändert, ist so eine Gegenüberstellung auch mal ganz interessant.

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Ich hoffe sehr, dass die Maßnahmen greifen und nichts aus dem Ruder läuft. Jetzt haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, eine absurder als die andere. Dass alles so gewollt ist zur Bereinigung der Wirtschaft oder auch Dezimierung der Weltbevölkerung, dass die Natur uns abstößt, dass es bald einen Militärputsch geben wird und andere wüste Spekulationen. Meine Reise mit Georg nach Dubai ist nun natürlich auch passé, das Geburtstagsgeschenk für Wolfram hat sich in wertloses Papier verwandelt (Konzertkarten). Vieles andere steht in den Sternen.

30. März. Heute habe ich beim Putzen und Sortieren ein lange vermisstes Buch gefunden. Das sind so kleine Erfolgserlebnisse, die guttun. Ich bin dabei, ein Online-Meeting mit meinen Schreiberlingen vorzubereiten und teste heute schon mal die Möglichkeiten, die die Plattform bietet.

31. März. Heute habe ich einen Termin! Das ist total stressig und aufregend, bin es nicht mehr gewöhnt, an Zeiten gebunden zu sein. Danach putze ich weiter und finde viele tote Fliegen, eine hinter Büchern versteckte Rauchklappen-Abdeckung und unter dem Heizungsgitter zwei abgeschraubte Fensterhaken.

Da jetzt alles online abläuft, sitze ich abends aber noch länger am PC als sonst und versuche, den Überblick zu behalten. Ich habe Angst, dass mir wichtige Dinge entgleiten. Alles ist in der Schwebe. Ich versuche, die Dinge greifbar zu halten, aber das ist nicht so einfach. Plötzlich drängen sich andere Probleme in den Vordergrund und unvorstellbare Vorschriften werden normal. Ja, man gewöhnt sich an den Mindestabstand, an Menschen mit Atemschutzmasken und Gummihandschuhen, man schaut irritiert auf Gruppen ab 3 Personen und Leute, die ungeniert mit bloßen Händen die Haltestangen in öffentlichen Verkehrsmitteln berühren. Wenn man Filme anschaut aus normalen Zeiten, die gefühlt Jahrzehnte zurückliegen, mutet es einen merkwürdig an, dort die Menschen so eng miteinander umgehen zu sehen. Interessant wird es auch später, wenn wir wieder Kontakt haben dürfen. Bleiben dann jetzt antrainierte Verhaltensmuster hängen? Wird es uns schwerfallen, Nähe wieder zuzulassen? Sind wir dann alle wesensverändert, geprägt, geerdet, auf wesentliche Dinge konzentriert, vernünftiger und reflektierter? Heute äußerte jemand die Meinung, dass ja so ein Virus auch eine Funktion, eine Daseinsberechtigung hat. Warum dann nicht auch Covid-19? Was bezweckt die Natur damit?

1. April. Niemandem ist nach Aprilscherzen zumute.

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Ich lenke mich ab mit einem Wörterpuzzle aus der Wochenend-TAZ. Dort wurde ein Wortsalat abgedruckt, den man wieder zusammenfügen sollte. Bis auf wenige Wörter habe ich tatsächlich fast alle verarbeitet:

Auf dem Dach des Freizeitforums wird fleißig gearbeitet. Das ist tröstlich, gibt es einem doch das Gefühl von Normalität. Früher haben wir immer gestöhnt, wenn über unseren Köpfen gehämmert und gebohrt wurde. Jetzt freut man sich darüber. Es sieht so aus, als könnten wir und hoffentlich auch unsere Besucher bald das Dach zum Aufenthalt nutzen. Noch ist alles eine große Baustelle, aber es geht voran. Bänke stehen schon, heute wird das Geländer montiert:

An den blühenden Kirschbäumen auf dem Platz vor dem Freizeitforum erfreuen sich im Moment nur die Bienen, Menschen sind nicht zu sehen.

Ich arbeite mich putzend durch die Bibliotheks-Regale und bin schon ein Stück weit vorangekommen. Ab und zu entdecke außer Staub und teilweise nicht mehr zu identifizierender Objekte wie schon in den vergangenen Tagen Buchtitel, die für die gegenwärtige Situation geschrieben zu sein scheinen. Heute fällt mir ein Buch vor die Füße, das passender nicht sein kann:

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Nach dem täglichen Pensum von 15 Regalen mache ich noch Besorgungen für meine 85jährige Nachbarin. Für sie ist es momentan auch sehr bitter und sie hat große Angst, die Wohnung zu verlassen. Gespräche finden nur an der Wohnungstür statt. Sonst hat sie mich auch gerne mal zum Essen eingeladen und sich über meine Gesellschaft gefreut. Das fällt jetzt weg. Wir winken uns nur noch aus gebührendem Anstand zu. Ich beobachte an mir, dass ich immer weniger einkaufen gehe. Als in seiner Freiheit sonst uneingeschränkter Mensch empfindet man das jetzt notwendige Reglement als herben Einschnitt in die Persönlichkeitsrechte. Es ist bedrückend. In den Nachrichten wird verkündet, dass diese Maßnahmen, Kontaktsperren und die Ausgangsbeschränkungen bis nach Ostern aufrechterhalten werden. War zu erwarten, ist sicher auch vernünftig und trotzdem deprimierend. Erstmals wird Ostern für Gläubige ohne Gottesdienste stattfinden. Es wird nirgendwo ein Osterfeuer geben, über Reiseziele muss man sich gar nicht erst den Kopf zerbrechen.

 

Man hört nur noch „Corona“. Egal, wo man hinschaut und -hört.  Jetzt kommt meinem seelischen Wohlbefinden meine bisherige Strategie im Umgang mit News sehr zugute. Keine Nachrichten hören, keine Tagesschau und schon gar keine Talkshows anschauen, keine News per Smartphone empfangen. Wichtiges erfahre ich trotzdem, aber es bleibt auch noch Platz für andere Gedanken in meinem Kopf. Ich empfehle hier wärmstens das Buch von Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens.

Auch meine Zebrafinken spielen verrückt. Einer hackt dem anderen das Köpfchen kaputt. Ich kaufe einen zweiten Käfig und schicke das verletzte Vögelchen in Quarantäne.

2. April. Immer öfter in der Diskussion: die Corona-App und ob das Tragen von Schutzmasken Pflicht werden soll. Beim Bahnfahren fällt mir auf, dass nicht alle Fahrer die Türen automatisch öffnen. Wäre aber sinnvoll.

Unser Psychologiebestand birgt eine Menge Buchtitel, die man zu einer Corona-Geschichte verarbeiten könnte:

Ich könnte daraus eine Schreibaufgabe machen für den Online-Schreibzirkel am Samstag. Daran wird auch das Ehepaar Iny Lorentz teilnehmen, unsere Storytauschautoren und ich telefoniere heute mit ihnen, um den Chat vorzubereiten. Mit meinem Kollegen Christoph Kaltenborn bespreche ich seine Idee, in den Podcast Musikrätsel einzubinden.

03. April. Stress!!! Ein Handwerker hat sich für 7 Uhr (!!!) angekündigt, um die Badewannen-Mischbatterie auszutauschen. Mit drei Weckern schaffe ich es auch tatsächlich, rechtzeitig aufzustehen. Hat prima geklappt. Gestern angerufen, heute erledigt.

Da ich die Nachrichtenflut meide, informiere ich mich ab und zu auf der Seite vom Robert-Koch-Institut, dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und bei Statista. Die Zahlen von heute sagen aus, dass es 0,07% aktive Fälle in Deutschland gibt, davon 0,005% mit schwerem bis kritischem Verlauf. Es werden auch vorwiegend absolute Zahlen bei der Berichterstattung verwendet. Aber durch die Darstellung in Prozenten kann man die Gesamtsituation besser erfassen. Es gab bisher 1017 Todesfälle in Deutschland, das sind 0,001% von 80 Mio. Einwohnern. Der Altersmedian liegt dabei bei 82 Jahren. Ich muss gestehen, dass mich diese Zahlen (noch) nicht beängstigen. Nicht vergessen darf man natürlich dabei die Aussage, die immer wieder fällt: Wir stehen noch ganz am Anfang. Heute wurde der Bußgeldkatalog veröffentlicht, der die Ahndung von Verstößen gegen die derzeitigen Regelungen festlegt. Sogar Bibliotheken sind darin bedacht. Wer vor dem 19.04. Bibliotheken öffnet, muss mit einer Strafe von 1000 – 10.000 € rechnen. „Die Öffnung von Bibliotheken ist verboten.“ Irgendwie makaber, aber eben notwendig.

Ich habe meine Passion für diese Zeit gefunden. Stetiges Vor-mich-hin-Putzen beruhigt und man kann zum Feierabend stolz auf ein sichtbares Ergebnis blicken. Aber dafür habe ich in meiner Wohnung das Reinigungsprogramm völlig auf Null gefahren. Langsam fällt das sogar meinem Mann auf!

Wochenende 04./05. April. Am Samstag kamen ungefähr 15 junge Leute zur Schreibwerkstatt, zum ersten Mal in deren 10jährigen Geschichte fand diese online statt. Lustigerweise trudelten die Teilnehmer auch dieses Mal nicht alle pünktlich ein – wie im echten analogen Leben! Irgendwie hat mich das beruhigt. Auch Elmar Wohlrath von Iny Lorentz schaltete sich später dazu und beantwortete Fragen zum Storytausch. Ich habe es sogar geschafft, die Konferenz aufzunehmen, so dass man nochmal nachhören und schauen kann, obwohl es akustisch kein Vergnügen ist. Beim nächsten Mal wird es besser, denn wir wollen uns auf jeden Fall auf diese Weise nochmal mit Iny Lorentz austauschen.

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Der Sonntag lockte auch uns nach draußen. Ziel: das Erpetal. Endlich mal wieder mehrere Schritte am Stück. Irgendwie scheint alles so normal – hier und da Spaziergänger, meistens aber Radfahrer, die Sonne gibt ihr bestes, es herrscht frühlingshafte Aufbruchstimmung, aufatmen, durchatmen. Den Bus zurück haben wir fast alleine und wir denken für den Moment etwas beschämt: So entspannt könnte es eigentlich bleiben!

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06.-08. April. Es geht weiter mit den üblichen tagesfüllenden Dingen wie Recherche, Lesen, Webseite, Putzen, Podcast. Im Freizeitforum gehen die Bauarbeiten auf dem Dach gut voran und der Fensteraustausch hat begonnen. Eine Kollegin von mir wird 60 Jahre und ich versuche, ihrem Schreibtisch einen Hauch von Normalität zu verleihen, wie also sonst die Schreibtische der Jubilare zu liebevoll gestalteten Geburtstagstischen umgestaltet werden. Das Thema ist „Tanz“ und die Geschenke und Glückwünsche orientieren sich daran. Da auch Pflanzen dazugehören, holt sie alles ab und ist völlig von den Socken vor Freude. Sie hat die Anerkennung unbedingt verdient und es ist traurig für sie dass dieser besondere Tag in diese besondere Zeit fällt.

Beim Putzen habe ich hinter Büchern versteckt den Buchdeckel von „Handbuch des Kommunismus“ gefunden. Dem Dieb kam es wohl nur auf den Inhalt an. Und hinter einem Hinweisschild verbarg sich ein Zettel mit einem kurzen Text zum Thema „Zukunft“, den jemand dort deponiert hat. Wie man sieht, kann Putzen auch sehr unterhaltsam und lehrreich sein.

Am Dienstag gabs noch ein schönes Ereignis – unser Kunstautomat wurde geliefert und montiert. Es handelt sich um einen ehemaligen und nun umfunktionierten Zigarettenautomaten. Für 4 € kann man sich eine Schachtel ziehen, in der sich ein kleines Kunstwerk befindet mit Beipackzettel. Darauf findet man Angaben zum Künstler. Es sind alles Unikate. Auch der Automat selbst ist ein Kunstwerk. Er wurde gestaltet von Frank Rexin, zu erkennen an seinen Markenzeichen Raumschiff Enterprise und der Erdbeere. Nun wartet die Kunst auf Kundschaft. Wir im Übrigen auch!

Heute haben wir erfahren, dass mit großer Wahrscheinlichkeit am 20.04.2020 die Bibliotheken noch nicht wieder geöffnet werden. Und wenn, dann unter ganz besonderen Bedingungen, die momentan noch besprochen werden. Heute wäre ich übrigens mit meinem Sohn nach Dubai geflogen.

09. April. Meine heutige Putzaktion fördert ein „Nest“ zutage. Hinter einem großen Technik-Buch hatte jemand irgendwann mehrere CDs und eine Bluray deponiert:

Warum, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte er das alles ausleihen, dann gab es einen Hinderungsgrund und er sicherte die CDs auf diese Weise vor dem Zugriff anderer. Oder er fand es einfach nur lustig. Wir nicht, denn durch solche Späßchen verschwinden die Medien meist für Monate und sind für Interessenten unerreichbar. Um so mehr freue ich mich, diesen Unfug aufgedeckt zu haben.

Als ich dann folgende Bücher in den Händen halte, staune ich nicht schlecht:

Da hatten die Autoren ja wohl schon vor einigen Jahren den siebten Sinn! Passender gehts ja wohl kaum in diesen Corona-Zeiten. Der aktuelle Stand von heute:

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Das sind 0,14% Infizierte und 0,003% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung.

10.-13. April. Ostern. So seltsam war das Osterfest vermutlich noch nie. Da das Wetter sehr schön werden soll, gibt es immer wieder Appelle, die Abstandsregeln einzuhalten. Nun ja, das funktioniert nicht überall, aber im Großen und Ganzen halten sich die Leute daran. Ich bin in dieser Beziehung sehr vorbildlich und isoliere mich in meinem Büro- / Schlafzimmer, um dort mal ganz gründlich zu putzen und aufzuräumen. Die Staubschichten sind erschütternd und würden eine Atemschutzmaske auf jeden Fall rechtfertigen. Es geht tatsächlich der ganze Samstag drauf, um das Zimmer in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Am Sonntag treffe ich mich mit meinem Sohn am Grab seines Vaters auf dem Kaulsdorfer Friedhof und wir pflanzen frische Blümchen. Danach laufe ich von dort an der Wuhle nach Hause und genieße die Sonne. Gefühlt haben sämtliche Einwohner des Stadtbezirkes die gleiche Idee, aber die Menschen verteilen sich auf dem Weg. Den Montag widme ich wieder meiner neu entdeckten Leidenschaft – dem Entstauben und Aufräumen meines privaten Bücherregals. Inzwischen habe ich gelernt, dass man Bücher auch wegwerfen darf. Schnell türmen sich drei Stapel um mich herum auf: „Ab in die Tonne“ / „Für den Büchertrödel in der Bibliothek“ / „Zurück ins Regal“. Natürlich entdecke ich manches Buch auch neu, blättere darin und lese. Und so vergeht der Montag wie im Flug mit der Entdeckungsreise durch meine Privatbibliothek. Nebenbei höre ich RadioEins. Dort wird philosophiert, ob sich die Menschen durch die Corona-Maßnahmen dauerhaft verändern, Positives beibehalten. Wäre schön, aber ich denke, dass alle ganz schnell wieder in den gewohnten Alltagstrott zurück verfallen.

In den Nachrichten wird über die Empfehlungen der Leopoldina berichtet, schrittweise die Schulen wieder zu öffnen. Zitat Deutschlandfunk: „Auch in vielen weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens könnten Beschränkungen schrittweise gelockert werden, etwa im Einzelhandel, im Gastgewerbe und in Behörden. Voraussetzung sei unter anderem, dass die bekannten Hygienemaßnahmen eingehalten würden. Auch private und dienstliche Reisen sollten wieder stattfinden können. Für den öffentlichen Personenverkehr raten die Experten zur Einführung einer Maskenpflicht. „Nach und nach“ sollten auch Veranstaltungen wieder ermöglicht werden.“

Sollte das mit den privaten Reisen tatsächlich erlaubt werden, wäre ich überglücklich. Denn es stehen so einige geplante Ausflüge auf der Kippe, für die ich schon Bahntickets erworben hatte. Noch habe ich nichts storniert. Vielleicht ist das richtig gewesen. Aber wenn Maskenpflicht eingeführt wird im ÖPNV, dann laufe ich. Alles in mir sträubt sich gegen die Vorstellung, mit einem Mundschutz durch die Gegend zu laufen, zumal auf die WHO davon abrät, wenn man gesund ist.

Nun ist Ostern 2020 Geschichte und morgen kann ich wieder putzen gehen!

14. April. Zunächst ein Blick auf die aktuellen Ereignisse.

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Das sind 0,16% Infizierte und 0,004% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung. Alle Augen und Ohren richten sich heute noch aufmerksamer als sonst auf die Medienberichterstattung und die Aussagen der Politiker auf Bundes- und Landesebene. Denn jetzt ist „nach Ostern“. Aber natürlich kehrt noch keine Normalität ein, als wäre nichts gewesen. Gerade sehe ich eine Comedysendung, in der gesagt wird, dass heute das Wort „Normalität“ so oft verwendet wurde, dass bei Streichung desselben die Zeitungen noch nicht mal mehr ein Deckblatt hätten. Wider alle Vernunft hoffen trotzdem viele auf Lockerungen und es wird auch vorsichtig angedeutet, dass diese bald kommen werden, aber erst nach dem 19.04. Ab Donnerstag werden Politiker darüber beraten. Für mich (und viele andere) hängt so einiges davon ab wie z.B. in Kürze geplante Veranstaltungen in der Bibliothek und Reisen.

Auf dem Weg zur Bibliothek fällt mir auf, dass immer mehr Menschen Mundschutz tragen. Vermutlich muss ich mich bald an strafende Blicke gewöhnen.

Die Fachbereichsleiterin Benita Hanke gibt für den Podcast einen Ausblick auf drei diskutierte Varianten, die Bibliotheken wieder zu aktivieren: Versand von Bestellungen, das Apotheken-Modell (bestellen und abholen) sowie das Supermarkt-Modell (kurz Medien auswählen und gleich wieder raus ohne Aufenthalt). Auch meine Kollegin Natalja ist vor Ort und sehr fleißig – sie packt Materiallieferungen aus:

Ich wende mich wieder dem Staub zu und wundere mich, wie viele Bücher sich mit dem Thema „Putzen“ auseinandersetzen. Das war mir vorher gar nicht bewusst:

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Und zum Abschluss dieses Arbeitstages drehe ich dann noch ein sehr schlechtes Selfie-Video für Berlin(a)live, Die digitale Bühne für Kunst und Kultur. „Berlin kann bestens improvisieren: Wenn die Öffentlichkeit zuhause bleiben muss, bringen wir sie auf einer anderen Ebene zurück. DJ-Battles und Diskussionen, Opern und Performances sowie Konzerte und Vernissagen – alles im Livestream. Wir schaffen einen digitalen Raum für all diejenigen, die Öffentlichkeit brauchen, um zu überleben.“

Wir haben unsere Podcasts dort veröffentlicht und wurden gebeten, ein kurzes Videostatement abzugeben, warum wir die Plattform nutzen:

15. April. Es gibt Neuigkeiten! Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten haben sich heute beraten und eine umfangreiche Beschlussvorlage verfasst, wie weiter zu verfahren ist und in welchen Bereichen Lockerungen möglich sind. Darin heißt es unter Punkt 9:

„…Unter Auflagen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen können folgende Kultureinrichtungen wieder geöffnet werden: • Bibliotheken und Archive…“

Um diese Auflagen zu erfüllen, sind allerdings noch einige Regelungen und Maßnahmen zu treffen, bevor die Bibliotheken ihre Türen wieder aufschließen können. Der laufende Betrieb wurde am 13. März von 100 auf 0 gestoppt, bestimmte Vorgänge wie z.B. freibuchen der Medien waren die ganze Zeit nicht möglich und müssen nun vor der Öffnung noch erfolgen. Und außerdem bin ich noch nicht fertig mit putzen! Ich will das unbedingt noch schaffen! Heute habe ich mich den Sach-DVDs, Blurays, Sach-Hörbüchern und Software gewidmet. Ganz viele standen an der falschen Stelle und hatten noch Aufkleber „Neu 2018“ (alle abgepult). Eine Kollegin hatte die Idee, ein leeres Regal zugunsten von mehr Platz für Arbeitsplätze wegzuräumen und ich habe mal wieder gestaunt, dass ich nicht selber auf die Idee gekommen bin. Jetzt ist dort viel Luft:

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Und wenn dann die neuen Fenster eingebaut sind, ist das dort bestimmt sehr hell und freundlich. Zwischendurch brachte die Mutter eines Teilnehmers meiner Schreibwerkstatt vier Taschen voller ausrangierter Kinderbücher. Mit zwei schweren Beuteln voller Bücher meiner privaten Aussonderungsaktion war auch ich heute angereist. Genauso bepackt gings dann zum Feierabend nach Hause, denn dank der geschenkten Kinderbücher hatte ich nun die Möglichkeit, den Lesestoff für die Kinder meines Hauses wieder nachzufüllen.

Nun sitze ich hier an meinem PC und mir schwirrt der Kopf bei der Vorstellung, wo ich demnächst überall die reduzierte Öffnung der Bibliotheken eintragen muss – also alles wieder retour, aber trotzdem anders. Ebenso versuche ich, all die notwendigen Schritte zu rekapitulieren, die nun wegen der anstehenden, vermutlich nicht stattfindenden Veranstaltungen, aber der vielleicht stattfindenden Workshops notwendig sind. Die „Schwebenden Bücher“ müssen vorbereitet werden. Wie geht dann der Podcast weiter, welche Reisen muss ich stornieren, welche lieber noch nicht… Jetzt ist wieder vermehrt Kopfarbeit nötig und das ist irgendwie ungewohnt…

16. April. Vom vielen Pantschen im Putzwasser sind meine Hände ziemlich lädiert. Auch mein Handy erkennt meinen Fingerabdruck nicht mehr. Muss ich wohl doch mit Gummihandschuhen aufrüsten. Nach einer wie immer sehr aufwändigen Säuberungsaktion meiner Zebrafinken-Käfige (übrigens besteht die Quarantäne-Regelung für das gerupfte Vögelchen weiter, aber es sind Lockerungen in Sicht 🙂 schleppe ich die vorerst letzte Ladung ausrangierter Bücher in die Bibliothek. Mittlerweile bin ich beim Straßenbahnfahren sehr geübt im „nichts berühren und dabei die Balance halten“.

Nach der gestrigen Verkündigung, dass Bibliotheken unter Auflagen wieder öffnen dürfen, gibt es vieles zu bedenken. Unsere Leser werden davon ausgehen, dass wir am Montag wieder öffnen, aber so einfach ist das nicht, wie ich schon geschrieben hatte. Mein Sohn schickt mir den Link zu einem Interview der TAZ mit Anna Jacobi, der Pressesprecherin der Zentral- und Landesbibliothek, die das Ganze auf den Punkt bringt. Während wir noch überlegen, was jetzt alles zu tun ist (AB neu besprechen, Aushänge und Webseite aktualisieren, welche Schutzmaßnahmen sind erforderlich und was benötigen wir dafür usw.), stellt sich heraus, dass auf der Webseite der Bundesregierung plötzlich nur noch von Bibliotheken der Hochschulen die Rede ist. Große Verunsicherung berlinweit. Was stimmt und was nicht, Öffnung ja oder nein und wenn ja, unter welchen konkreten Auflagen und wie sind diese umzusetzen? Bis zum Feierabend gibt es darauf keine Antworten, aber einen Infotext, mit dem der VÖBB den aktuellen, vorläufigen Stand kommuniziert, bis konkrete Informationen vom Senat vorliegen:

Die Bibliotheken des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) sind voraussichtlich mindestens bis Anfang Mai weiter geschlossen. Die Ausführungsvorschriften zur Wiedereröffnung liegen noch nicht vor, daher können wir Ihnen noch nicht mitteilen, ab wann wir öffnen dürfen und welche Dienstleistungen wir Ihnen dann anbieten können. Wir, Ihre Berliner Öffentlichen Bibliotheken, möchten selbstverständlich gern so bald wie möglich wieder für unser Publikum zur Verfügung stehen. Derzeit arbeiten wir an Modellen, wie zumindest ein eingeschränkter Service wieder möglich gemacht werden könnte. Das ist aber abhängig von den Vorgaben des Senats und den Erfordernissen und Ansprüchen an gesundheitliche Vorsorge für unsere Nutzer*innen, unser Personal und die gesamte Öffentlichkeit. Die Häuser des VÖBB haben gemeinsam täglich etwa 30.000 Besuche und sind damit ein besonders intensiv genutzter Ort der Begegnung in unserer Stadt. Die Schließungs-Entscheidung haben wir in Würdigung der derzeitigen Pandemieentwicklung getroffen, um die Ausbreitung des Virus zu hemmen, das Gesundheitssystem vor massiven Belastungen zu bewahren und besonders gefährdete Menschen zu schützen. Die zurzeit ausgeliehenen Medien werden automatisch verlängert, so dass keine Mahngebühren anfallen werden. Sämtliche analogen Veranstaltungen der VÖBB-Bibliotheken fallen ebenfalls aus. Ihr VÖBB

Ich aktualisiere unsere Webseite entsprechend, sage auf Facebook die Veranstaltungen bis Ende April ab und werde morgen mit den betroffenen Künstlerinnen über Ersatztermine und Podcast-Beiträge verhandeln. Dann wende ich mich praktischen Dingen zu mit dem wohltuend verlässlichen Ergebnis sauberer Regale und der Bearbeitung druckfrischer Bücher, die bald diese beiden Regale füllen werden.

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Auf dem Nachhauseweg mache ich einen Abstecher zu EDEKA. Ich werde unfreiwillig Zeuge folgender Unterhaltung zwischen zwei stark alkoholisierten alten Männern: „Wieso isst du das nicht, bist du Jude?“ „Ne, dann wäre ich nicht hier, sondern in Buchenwald!“ Beide finden das unglaublich witzig. Im Toilettenpapier-Regal herrscht nach wie vor gähnende Leere bis auf einen einzelnen Karton mit Flaschen. Neugierig inspiziere ich diese genauer und lese staunend auf dem Etikett: „Handdesinfektionsmittel“. Na immerhin, manch einer wird sich darüber freuen.

18. April. Heute lese ich in der TAZ die Kolumne von Lea Streisand. Sie bringt auf den Punkt, warum ich momentan geradezu besessen Bücher sortiere und Regale putze: „Aufräumen hilft. Sortieren. Putzen. Es vermittelt ein Gefühl von Kontrolle, weil es eine Handlung ist, die ein sichtbares Ergebnis nach sich zieht. Aufräumen ist ein Analyseprozess. Es verschafft Durch- und Überblick, genau das, was uns jetzt so fehlt.“ Ich fühle mich verstanden. Vieles war vorher im Fluss, teils in einem bewährten Automatismus, teils an Termine und vorausschauendes Management gebunden, das Koordination und Konzentration erfordert, um alles im Blick zu behalten. Beruflich und privat. Corona hat nun auf Stopp gedrückt. Das bedeutet, sobald wieder auf Play umgeschaltet wird, muss das System von 0 auf 100 hochgefahren werden und das möglichst fehlerfrei. Ich habe das Gefühl, dass mir die Fäden aus der Hand gleiten und ich sie nicht vollständig wieder aufnehmen kann. Es ist wie mit einem Traum, den man am Morgen nicht mehr zu fassen bekommt. Er rutscht weg. Wie die Fäden. Und da ist Putzen jetzt genau das Richtige, was Reelles, Bodenständiges. Lea Streisand meinte auch, dass ihr das Maskengenähe und Balkongesinge zunehmend auf die Nerven ginge. Ich liebe sie für solche Sätze!

Gestern gings hoch her bezüglich der Wiedereröffnung der Bibliotheken. Ich nahm mit meiner Chefin einen Podcast-Beitrag zur aktuellen Situation auf. Sie hat im Moment unglaublich viel zu bewältigen, u.a. muss sie sich um die Beschaffung von Plexiglaswänden, Desinfektionsmittel, Mundschutz, Handschuhen und Absperrband kümmern und für 6 Bibliotheken alles koordinieren. Ich habe die vier Anrufbeantworter neu besprochen, denn die Schließzeit dauert ja nun 3 Wochen länger und neue Hinweisschilder angebracht.

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Und natürlich weitergeputzt. Anvisiert wird der 11. Mai als Tag X. Es wird für uns alle eine große Umstellung werden. Nichts wird mehr so sein wie vorher und das auf lange Zeit. Bibliothek als Aufenthaltsort gibt es vorerst nicht mehr.

Am Abend haben wir in der Bibliotheks-WhatsApp-Gruppe sehr lange und ausführlich über das Ultraschallbild unserer schwangeren Kollegin diskutiert. Erkannt wurde ein Kuscheltier, eine Katze, ein Dinosaurier, eine tanzende Frau und ein Brunnen. Ganz am Rande kam auch ein Kind mit ins Spiel. Wir sind gespannt auf das reelle Ergebnis!

19. April. Diese Meldung weckt bei mir große Hoffnung:

Drosten: Warum Erkältungen gegen Corona immun machen könnten

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20. April. Und schon ist wieder ein Wochenende vorbei. Wir waren „Falken-gucken“, haben die Sonne genossen, empörten uns über die unveränderte Feindschaft zwischen den Zebrafinken-Hennen, eigentlich schon Mobbing und (nun wieder 1. Person) ich frönte meiner Putzsucht, indem ich den Schränken im Flur zu Leibe rückte. Alles raus, staunen, was man dort irgendwann mal verstaut hat, der Hälfte den k.w. – Stempel aufdrücken, wieder einräumen und die Lamellentüren in selbst auferlegter Strafarbeit Strebe für Strebe vom Staub befreien. Aber dann! Großes Staunen, wie weiß die Schränke sein können.

In der Bibliothek ist heute so allerhand los. Ich mache einen Podcast-Rundgang und berichte, was ich alles Neues entdecke. Der kaputte Kühlschrank wird ausgetauscht, Handwerker verhüllen die Regale im Roman-Bereich und den Beratungsplatz nach Christo-Manier, weil die Decke darüber geöffnet werden muss (neue Wasserleitung), die Vitrinen werden mit neuem Inhalt gefüllt (Publikationen der Bibliothek), in der Artothek führt meine Kollegin eine Inventur der Kunstwerke durch, auf der Dachterrasse schreiten die Arbeiten sichtbar voran, mein Kollege Christoph arbeitet kontinuierlich an der Umsystematisierung der Noten, meine Chefin versucht, alles Notwendige für die Wiederöffnung der Bibliotheken in die Wege zu leiten.

Anschließend treffe ich mich mit der Autorin Franziska Hauser. Sie führt mit mir ein Gespräch über meine Schulzeit. Welche Lerninhalte haben bis heute Bestand, welche waren für mein späteres Leben irrelevant, wie denke ich über das damalige und das heutige Schulsystem. Daraus wird ein Artikel für die Zeitschrift „Das Magazin“. Mit Kaffee und Kuchen im Gepäck wandern wir zum Wolkenhain und durch die Gärten der Welt, die momentan durch die blühenden Kirschbäume ein besonders schöner Ort sind. Wir kommen von einem Thema zum nächsten und haben ein paar schöne und inspirierende Stunden miteinander. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, die nächste Storytauschautorin zu werden, erzähle ein bisschen über die bisherigen Jahrgänge und wir stellen fest, dass wir einige gemeinsame Bekannte haben.  Corona spielt kaum eine Rolle, was auch mal sehr wohltuend ist.

Die Maskenpflicht ist immer häufiger in aller Munde und ich sehe mich schon sehr viel laufen. Aus dieser Perspektive betrachtet, begrüße ich eventuelle strengere Auflagen. Denn ich werde alles tun, um diesem Zwang zu entkommen.

21. April. Im Fernsehen, Radio, News, Zeitung: Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht…………….. Nun ist es passiert – ab Montag herrscht in Bus und Bahn Maskenpflicht. Anlass für mich, meine tägliche Schrittzahl zu erhöhen und dem Bewegungsmangel ein Ende zu setzen. 6 km hin und natürlich auch zurück. Sonst siegt meistens die Faulheit oder Zeitnot, jetzt die Sturheit. Ich empfinde diese Zwangsmaßnahme als einen massiven Eingriff in mein Persönlichkeitsrecht. Das mag zu eng gedacht sein und viele werden das nicht nachvollziehen können, wieso ich mich gegen so ein simples Stück Stoff wehre. So what. Wenn ich es umgehen kann, dann werde ich es tun.

Heute morgen habe ich mich mit Antje Püpke in deren Garten getroffen, um einen Podcast-Beitrag aufzunehmen, der schließlich 28 Minuten Länge hatte. Leider ist der Ton durch den heftigen Wind ziemlich schlecht, aber ich hoffe, dass man merkt, wieviel Spaß wir bei unserem Gespräch hatten.

Danach fahre ich zur Bibliothek, um die letzten 10 Regale zu putzen. Dann bin ich durch. Die Handwerker sind auch zugange und fräsen ohne Staubsauger Öffnungen in die Rigips-Deckenplatten. Binnen kürzester Zeit wabert eine feine Staubnebelwolke durch sämtliche Etagen der Bibliothek und setzt sich überall als weiße Schicht ab. Ich könnte heulen. Waren jetzt die vier Wochen putzen umsonst? Dass die Regale beim geplanten Fensteraustausch und grundsätzlich nicht dauerhaft staubfrei sein werden, ist ja klar. Aber diese Arbeiten waren nicht angekündigt und wurden ziemlich rücksichtslos durchgeführt. Naja, ich werde es überleben.

20200421_170452Tapfer widme ich mich dem heutigen Tagesziel, dem Kunstbereich und räume gleich mal Tische und Stühle weg, denn es darf sich ja nach Öffnung niemand für längere Zeit in der Bibliothek aufhalten. Der Senat hat heute auch verkündet, dass die Bibliotheken am 04.05. wieder öffnen. Geplant ist aber der 11.05. Was stimmt nun, was gilt? Die Verwirrung ist groß, auch bei unseren Nutzern.

Auf dem Heimweg erledige ich Bankgeschäfte für meine Nachbarin, kaufe bei Norma dies und das ein und versuche mich zu Hause als Beziehungsberater, um das Eifersuchtsdrama im Vogelkäfig in geordnete Bahnen zu lenken. Vergeblich – sie sind beratungsresistent. Wie das wohl enden mag….

22. April. Der Vormittag vergeht mit dem Umsiedeln meiner Vogeldamen. Nicht so einfach. Nun sitzt die Angriffslustige in Einzelhaft und die Attackierte erfreut sich der liebevollen Aufmerksamkeit zweier Männer:

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Nun bleibt abzuwarten, ob sich die andere beruhigt und ihren Fehler einsieht. Danach mache ich mich auf den Weg zur Bibliothek und prüfe dort als erste Amtshandlung den Verschmutzungsgrad der Regale:

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Ich bin erschüttert. Vier Wochen Arbeit umsonst? Zum Glück sieht es nicht überall so aus, was mich dann ein bisschen beruhigt. Da mir in den letzten Wochen etliche Bücher mit zur Situation passenden Titeln aufgefallen waren, stelle ich diese in einem Motto-Regal zusammen:

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Inzwischen regelt und koordiniert meine Chefin gemeinsam mit den anderen Führungskräften des VÖBB die Wiederöffnung der Bibliotheken und hat schon vieles gestemmt und auf den Weg gebracht. Momentan sieht es so aus, als würde der 11.05. der große Tag werden.

Nun auch mal wieder ein bisschen Statistik. Das letzte Mal hatte ich die Prozentzahlen am 14. April berechnet. Da gab es folgenden Stand: 0,16% Infizierte und 0,004% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung. Aktuell siehts so aus: 0,19% Infizierte und 0,0066% Tote.

25. April. In den letzten Tagen wurde die Prognose zur Gewissheit – die Bibliotheken öffnen wieder am 11.05.2020, es sei denn, die Infektionszahlen schnellen wieder aufgrund der bisherigen Lockerungen in die Höhe. Auf jeden Fall müssen wir uns und unsere Besucher  gründlich auf die veränderten Bedingungen vorbereiten. Meine Aufgabe ist die Kommunikation und Information auf unserer Webseite, Facebook, Newsletter, Google, Anrufbeantworter und das Erstellen eines sogenannten Sprechzettels, auf dem alle wichtigen Dinge, die unsere Leser wissen müssen, aufgelistet werden. Dieser Text wird dann einheitlich verwendet.  Unser Angebot wird auf den reinen Leihbetrieb reduziert, die Besucher werden möglichst einzeln und in Einbahnstraßen durch die Bibliotheken geleitet in beschränkter Personenzahl und Aufenthaltsdauer. Unsere Öffnungszeiten wollen wir im Gegensatz zu anderen Stadtbezirken nicht  verändern. Nun ist plötzlich wieder Kopfarbeit gefragt und ich merke, dass mir konzentriertes und fokussiertes Denken schwer fällt. Fast schaue ich wehmütig auf meine Zeit als „Reinigungskraft“ zurück und freue mich, beim Ordnen der Hörbücher nochmal Zuflucht in eine Fleißarbeit gefunden zu haben mit nur einer richtigen Variante. Etwas Abwechslung zum Feierabend bringt der Gang zum Friedhof und zum Hausarzt, wo ich meine Karte durch ein Hoffenster zum Einlesen  reichen muss. Nur ein Patient darf sich in der Praxis aufhalten. Zu Hause bleibe ich auf der Suche nach zwei identischen Knöpfen am Sortieren der stattlichen Knopfsammlung in meinem Nähschränkchen hängen, nach Größe und Farben. So ordentlich war das darin noch nie!

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Das leidige Thema Mundschutz muss ich nun auch nochmal anschneiden. Ab Montag werde ich ja nun zur 100%igen Fußgängerin. Das wird mir gut tun, keine Frage. Natürlich stoße ich in meinem Umfeld günstigstenfalls auf Verwunderung, die sich aber vermutlich in Ablehnung und Missbilligung umwandeln wird. Natürlich freue ich mich über jede Argumentation in meinem Sinne gegen das Tragen von Masken, aber sie sind selten. Umso mehr habe ich mich heute über zwei Beiträge in der TAZ gefreut. Zum einen von Bettina Gaus: „Und das Volk näht“. „Masken waren erst unnötig, dann waren sie Virenschleudern, dann waren sie eine Höflichkeitsgeste, dann waren sie ein dringendes Gebot, und heute gibt es eine Maskenpflicht“, zitiert sie Christian Lindner. Sie schreibt, dass für sie nur schwer nachvollziehbar sei, „welche bahnbrechend neuen Einsichten ausgerechnet im Zusammenhang mit ein wenig Stoff dazu geführt haben, dass fast die gesamte Zunft einen Kurswechsel um 180 Grad vollzogen hat.“ Aber sie wird den Fetzen aufsetzen, sagt sie, weil sie sich dem sozialen Druck unterwirft und staunt gleichzeitig über sich selbst, weil sie das nie von sich gedacht hätte. Ich halte dem Druck stand, solange es mir möglich ist, habe ich mir jedenfalls vorgenommen. Noch habe ich Möglichkeiten, mich auf maskenlosem Terrain zu bewegen Es ist mir zutiefst zuwider, mir gegen meine Überzeugung und auf der argumentativ sehr wackligen Basis etwas aufzwingen zu lassen. Auch wenn daraus jetzt so ein Hype gemacht wird und die Mehrheit begeistert, ja fast hörig folgt. Bettina Gaus sagt auch, dass ihr vielleicht später diese Zeilen peinlich sein werden. Mir vielleicht auch, ich weiß es nicht. Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt und weiß, dass die ordnungsgemäße Handhabung des Mundschutzes eine hohe Disziplin der Träger erfordert.

  • vor dem Aufsetzen Hände waschen
  • beim Tragen nur an den Gummis berühren
  • nach Durchfeuchtung (und das wird schnell erreicht sein) wechseln
  • vor dem Abnehmen Hände waschen
  • die benutzte und quasi kontaminierte Maske in einen Plastikbeutel stecken, später kochen, bügeln, Backofen usw.
  • vor dem Aufsetzen der nächsten Maske Hände waschen….

Wer bitteschön macht das wirklich? Wenn das aber nicht beachtet wird, wird der Mundschutz zur Virenschleuder.

Der zweite Beitrag in der TAZ ist von Alke Wierth: „Ein Wir-Symbol mit Tücken“. Sie spricht von „halbherziger Maskenpflicht“, weil diese – wenn konsequent – überall gelten müsste, auch im Supermarkt. Und sie geht auf das Wir-Gefühl ein, das sich damit verbindet. Alle mit Maske gegen Corona. Wer dann keine trägt, ist ganz schnell asozial, einer, der andere gefährdet, einer, der sich gefälligst schämen soll. Genau so wird es kommen. Ich werde versuchen, so lange wie möglich diesem Druck standzuhalten, der – wie Alke Wierth anmerkt, einer psychologischen Freiheitsbeschränkung gleichkommt. Mein Beitrag zur Krise: Ich achte auf Einhaltung des Abstandes zu meinen Mitmenschen, wasche mir die Hände, fasse damit nicht in mein Gesicht und atme mit geschlossenem Mund. Das sollte reichen.

Es gibt so viele verschiedene Meinungen selbst unter den Wissenschaftlern und Virologen. Was gestern richtig war, ist heute nicht mehr relevant, was der eine sagt, widerlegt der andere. Die einen gaukeln einen Aufwärtstrend vor, die anderen malen die Corona-Zukunft in schwärzesten Farben. Wenn man versucht, sich umfassend zu informieren, bleibt man ratloser zurück als man vorher war. Jeder hat seine bevorzugten Quellen, weswegen dann auch die Diskussionen der Menschen oft sehr konträr verlaufen. Jedes Bundesland hat seine eigene Strategie mit oft merkwürdigen Argumenten. Heute hü, morgen hott. Ich mag nicht mehr.

27. April. Heute ist mein erster Wandertag. Insgesamt 12 Kilometer. Je eine Stunde hin und zurück. Ist also durchaus machbar. In der Bibliothek habe ich ein Informationsblatt entworfen, die ABs neu besprochen und neue Bücher bearbeitet. Und das Montags-Interview mit meiner Chefin für den Podcast geführt. Auf dem Rückweg wollte ich in einem Schuhladen nach strapazierfähigen Stadt-Laufschuhen Ausschau halten. Da mir das Betreten ohne Maske verwehrt wurde, habe ich eine Kehrtwendung eingelegt. Ok, dann eben nicht. Ich bestelle nun meine Schuhe im Internet.

28. April. Heute wurde erwartungsgemäß beschlossen, dass nun auch in Geschäften Maskenpflicht besteht. Nun, das bedeutet für mich, dass ich sehr viel Geld sparen werde. Man soll ja auch immer in allem eine Chance und Positives sehen. So geht es mir auch bei meiner täglichen Wanderung. Ich bin Corona fast ein bisschen dankbar für mein selbstauferlegtes Fitnesstraining. Sonst siegte ja immer ein bisschen die Bequemlichkeit, aber ich habe in den zwei Tagen schon tolle Entdeckungen gemacht. Erstens eröffneten sich mir in duftender Natur solche Anblicke:

Zweitens habe ich entdeckt, dass mir mit Musik im Ohr das Laufen noch mehr Spaß macht und ich mich schwer zusammenreißen muss, nicht lauthals mitzusingen oder zu tanzen. Heute wird über notwendige Maßnahmen und organisatorische Details beraten, die nötig sind, um die Bibliothek wieder zu öffnen. Was wird wie abgesperrt, wie erfolgt das Wegeleitsystem, was passiert mit den zurückgegebenen Büchern, denn eigentlich müssen diese auch für drei Tage in Quarantäne, wie sieht es aus mit dem Tragen von Masken und Handschuhen seitens der Besucher und auch für uns? Wieviel Personal ist erforderlich, um alles stemmen zu können? Auf jeden Fall werden mehr benötigt als sonst. Wie viele Menschen dürfen sich gleichzeitig in der Bibliothek aufhalten? Es gibt noch viel zu klären. Am Nachmittag „feiere“ ich mit Kerstin Morgenstern und unseren beiden Azubis Elif und Christina unser morgiges 70. Jubiläum „Schwebende Bücher“. Kerstin bekommt von mir für ihre Treue ein passenden Geschenk: 20200428_172505 Wir speichern unsere Literaturempfehlungen als Podcast-Beiträge, die morgen veröffentlicht werden als Ersatz für die ausfallende Veranstaltung. Besonders freue ich mich, dass die beiden jungen Frauen zur Höchstform auflaufen und immer neue Buchbesprechungen mit ins Spiel bringen. Das wird richtig gut!
 
30. April. Mein gestriger Heimweg zog sich in die Dunkelheit hinein und bescherte mich mit wunderbaren Stimmungsbildern. Dazu frischgewaschene Luft, Rehe, Hasen, Fledermäuse und euphorisierende Musik im Ohr, die mich fast nach Hause tanzen ließ.

 

Heute mache ich Homeoffice. Ich schreibe den Newsletter zu Ende und nehme an einem Webinar teil zum Thema „Digitale Leseförderung“. Außerdem bearbeite ich die Standing-Order-Bestelllisten meiner Lektoratsgebiete wie z.B. Psychologie, Pädagogik, Geschichte, Politik und Literatur. Beim Versenden des Newsletters gibt es Probleme, die zu beheben ich nicht in der Lage bin. Eigentlich beiße ich mich an solchen Problemen immer fest, bis ich eine Lösung gefunden habe, aber dieses Mal muss ich kapitulieren und hoffe auf Hilfe von höherer Stelle.

 
01. – 05. Mai.  Das Newsletterversand-Problem ist gelöst. Es handelte sich um berlinweites ein Serverproblem, das ich alleine gar nicht hätte lösen können. Nun ist alles wieder gut und der Newsletter ist raus. Am 2. Mai hat meine Schwiegermama Geburtstag und wir fahren deswegen nach Eisenhüttenstadt. Wir waren nun schon seit 2 Monaten nicht dort und deswegen haben wir diesen Schritt gewagt. Sie hat sich riesig gefreut, auch über unser Geschenk – ein Kühlschrankmagnet mit ihrem Konterfei, angefertigt in der Künstlerwerkstatt von Antje Püpke.  Es ist so gut getroffen! IMG-20200427-WA0020 Der Tag vergeht mit Sitzen und Essen. Ohne putzen! Das muss ich am Sonntag kompensieren und bringe den letzten, noch nicht gesäuberten Raum meiner Wohnung auf Hochglanz – die Küche. Jetzt bin ich wirklich in jeden Winkel gekrochen und habe wieder den Überblick, was sich in meinen Schränken und Schubfächern verbirgt. Mal schauen, wie lange. Besonders freut es mich, dass die heutige Familienzusammenführung meiner Vögelchen offenbar friedlich abzulaufen scheint. Alle haben sich wieder lieb. Sehr lieb übrigens! Da werde ich wieder etliche Eier aus dem Nest holen müssen. Abends sind wir zum Spargelessen bei meiner 85jährigen Nachbarin eingeladen. Ja, ich gebe es zu – der zweite Verstoß gegen die Kontaktbeschränkung. Aber wir haben auf den Abstand geachtet. Auch sie leidet unter der Isolation und hat unsere Gesellschaft sehr genossen. Es ist nach diesem Schlemmerwochenende überaus wohltuend, dass ich am Montag wieder losmarschieren kann. Ich bin mittlerweile tatsächlich fast froh über die Maskenpflicht, denn sonst würde doch immer wieder die Bequemlichkeit siegen. Es ist zwar sehr kühl, aber die Sonne strahlt und ich taumle und stapfe im Rhythmus meiner Lieblingsmusik durch die duftende Landschaft. Der Tierhof Marzahn hat seinen Bewohnern Auslauf gegeben und ich kann kleine Zicklein beobachten, die aus dem Stand heraus lustig rumhopsen. Auch die Schafe haben Nachwuchs und Ponys, Pferde und Esel vervollkommnen die Idylle. Die Kirschbäume verheißen gute Ernte. Es ist schön in Marzahn!

 

Auf dem Gehwegpflaster kurz vor der Bibliothek hat jemand eine Botschaft für vegane Ernährung hinterlassen, die aber der Regen gnädigerweise schon ziemlich unleserlich gewaschen hat. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man sich für diese Lebensweise entscheidet, aber man sollte auch seinen Mitmenschen die Wahl lassen, ob sie Fleisch essen oder nicht:

In de Bibliothek laufen die Vorbereitungen für Montag auf Hochtouren. Im Foyer des Freizeitforums gibt es schon ein Einbahnstraßen-Wegeleitsystem.

Auch innerhalb der Bibliothek gibt es von Tag zu Tag Fortschritte. Stühle sind weggeräumt, die Plexiglas-Spuckschutzwände werden morgen aufgebaut, alle Computer sind ihrer Tastaturen beraubt, die Tageszeitungen sind nicht frei zugänglich. Desinfektionsmittel, Handschuhe und Mundschutz sind ausreichend vorhanden.

Der Einsatzplan ist fertig, Details geklärt. So dürfen z.B. nur 30 Personen rein, Kinder unter 10 Jahren in Begleitung der Eltern, es besteht Maskenpflicht für alle. Wir dürfen nicht mit den Kunden zusammen zum Regal, alle sollen sich so kurz wie möglich aufhalten. Ich glaube, die Arbeit wird mir unter diesen Vorgaben keinen Spaß mehr machen. Aber darum geht es jetzt auch nicht, Hauptsache, wir können wieder öffnen. Tröstlich ist es, dass die Arbeiten auf dem Dach kontinuierlich voranschreiten und bessere Zeiten versprechen: 20200504_142635 Die Corona-Gesamtsituation ist sehr gut, heute hat RKI-Chef Wieler sogar gelächelt. Durch die vielen Lockerungen haben die Menschen das Gefühl, dass jetzt alles wieder normal wird. Aber es wird eine zweite und dritte Infektionswelle vorausgesagt, die dieser trügerischen Sicherheit gleich wieder einen Fußtritt verpassen. Keiner weiß, was kommt und man darf nicht in die Argumentationsfalle tappen, dass die ganzen Maßnahmen nicht nötig gewesen wären. Vermutlich geht es vergleichsweise ruhig zu in Deutschland, eben weil diese Maßnahmen getroffen wurden. Ich widme mich heute noch dem Einrichten von 13 iPads für die Bibliothek Kaulsdorf Nord. Wie immer dauert das länger als geplant, aber mit viel Geduld werde ich es schaffen, denke ich.

 
6. und 7. Mai. Meine täglichen Fußmärsche fallen mir immer leichter und werden selbstverständlicher. Zur Abwechslung habe ich mir in der Onleihe zwei Hörbücher ausgeliehen und verfolge jetzt das Buch „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq mit großen Interesse. Gelesen wird es von Christian Berkel und seine angenehme Stimme macht das Zuhören zum Vergnügen. Es geht um den Literaturwissenschaftler Francois, der tagebuchartig die Zustände in Frankreich im Jahr 2022 und die schleichende Islamisierung des Landes beschreibt. Gelesen hätte ich das Buch wohl niemals, schon wegen der vielen französischen Namen darin, aber wenn man es erzählt bekommt, ist das was ganz anderes. Zwei Stunden pro Tag abtauchen in fremde Welten und trotzdem die Bewegung in die Natur genießen und auch kleine Dinge entdecken: 20200506_091332 In der Bibliothek herrscht reges Treiben. Die geisterhafte Ruhe der letzten Wochen ist vorbei. Überall wuseln Kolleginnen und Kollegen rum und bereiten den Montag vor.

 

Es werden Bodenmarkierungen geklebt, Plexiglaswände aufgestellt und geputzt, in der Kinderbibliothek gibt es komplette Umräumaktionen. Die Hobbykünstlerin Elke Krause verschönt mit ihren Bildern die Wände.

Ich bin immer noch mit den iPads beschäftigt und nehme sie mit nach Hause, da die Konfiguration mit dem öffentlichen WLAN in der Bibliothek nicht funktioniert. Auch andere Dinge beschäftigen mich, z.B. die Umwandlung einer mp4-Datei in mp3 für unseren Podcast. Man wächst mit seinen Aufgaben! Der Autor Holger Siemann hätte eigentlich am 14. Mai bei uns gelesen und hat mir nun als kleinen Ersatz dafür eine Lesung auf Video geschickt. Heute macht sich auf dem Nachhauseweg sehr deutlich bemerkbar, dass die Lockerungen zunehmen. Sonst begegnete einem nur hin und wieder ein Auto, doch jetzt steht man schon mal 1-2 Minuten am Straßenrand, bevor man rüberkommt. Ich muss gestehen, dass ich in solchen Momenten ein bisschen wehmütig den vergangenen Wochen nachtrauere. Besonders erfreue ich mich aber an meinen Balkonblumen, die den Winter überlebt haben und nun üppig blühen:

Jedenfalls sind wir alle nun gut gerüstet für den Montag und auch ziemlich aufgeregt. Keiner weiß, was auf uns zukommt. Werden wir überrannt? Verhalten sich alle vernünftig? Ich habe auch ein paarmal Dienst als „Türsteher“ und denke, dass es dort am intensivsten wird. Vor allem muss auch ich dann einen Mundschutz tragen. Vermutlich wird die Maskenpflicht als letztes aufgehoben und ich werde wohl noch lange laufen können!

 
08.-10. Mai. Nochmal Luft holen an diesem verlängerten Wochenende, bevor es am Montag zur Sache geht. Es werden weitere Lockerungen beschlossen mit daran geknüpfte Bedingungen, deren Kontrolle und Umsetzung aber oft zur Farce werden, weil sie in der Praxis schlichtweg zur Auslegungssache werden. Wir tun einfach mal so, als gäbe es Corona nicht und fahren zu unserem neuerworbenen Pachtgrundstück an der Havel, das ein Jahr lang ungenutzt der Rückeroberung durch die Natur „ausgeliefert“ war. Ich finde es irgendwie tröstlich, dass Mutter Erde in der Lage ist, in Windeseile alle menschlichen Spuren zu tilgen. Das hat sie auch hier mit freundlicher Gelassenheit getan. Ein Blick genügt und uns ist klar, dass Faulenzen für die drei freien Tage keine Option sein wird. Bis auf unseren Einkauf im nahegelegenen Supermarkt fällt es uns sehr leicht, nicht mehr an Corona zu denken. Dafür ist gar keine Zeit. Jeder sucht sich eine Wirkungsstelle aus. Mein Mann die Werkstatt, ich die Küche, mein Sohn den Rasen. Aber abends am Feuer, mit einem Glas Rotwein in der Hand und in dicke Decken gehüllt hängen wir unseren Gedanken nach, studieren den beeindruckenden Sternenhimmel und entdecken das einzige uns bekannte Sternbild „Großer Wagen“.

 

Am nächsten Tag erkunden wir bei einem Spaziergang unsere neue Zweitheimat. Schauen wir mal. Vielleicht werden wir tatsächlich Datschenliebhaber. Wenn wir ein bisschen Grund reingebracht haben, ist vielleicht auch mal Zeit zum Genießen. Aber vielleicht wird das Grundstück auch schnell zur lästigen Pflicht, dann können wir ja wieder kündigen. Es ist ein Experiment, aber ein schönes.

Ab und zu kam mal der Gedanke an Montag auf. Die Ungewissheit, wie wir die Situation meistern werden und was auf uns zukommt, macht mir zu schaffen. Und nicht nur mir!

 
11. Mai. Noch nie bin ich so ungern zur Arbeit gegangen. Fast habe ich ein bisschen Angst! Die Vorstellung, zwei Stunden mit Maske im Gesicht Türsteher spielen zu müssen, macht mich fertig. Es fällt mir schwer, Maßnahmen nach außen hin zu vertreten, von denen ich selbst nicht überzeugt bin. Das ist Jammern auf hohem Niveau, weiß ich. Deswegen reiße ich mich jetzt zusammen und mache mich auf den Weg. Draußen herrscht zu gestern ein Temperaturgefälle von 20 Grad, aber trotzdem werde ich natürlich laufen. Immer besser als mit Stoffläppchen vor Mund und Nase.

 

Auch den Rückweg gehe ich wieder zu Fuß und immer noch bereitet mir das Vergnügen. Es ist ziemlich kalt, aber trotzdem tut es so gut, tief durchatmen zu können und das satte Grün tut sein Übriges.

Die Kastanien geben alles, um die Aufmerksamkeit der Insekten auf sich zu ziehen und nebenbei auch die der Flaneure. Der erste Öffnungstag war dann doch nicht so dramatisch wie befürchtet. Die Leute waren größtenteils sehr nett und einfach froh, wieder die Bibliothek nutzen zu können. Fast alle setzen auch ganz brav und automatisch den Nasen- und Mundschutz auf. Die zwei Stunden an der Eingangstür zogen sich zäh hin, denn man steht einfach nur da, reicht die Körbe zu und achtet darauf, dass sich alle entsprechend der Vorschriften verhalten. Aber unsere Besucherinnen und Besucher wissen die persönliche Begrüßung zu schätzen und hin und wieder kommt auch ein kleiner Plausch zustande. So bot mir einer unserer sehr lieben und älteren Stammleser an, mich mit nach Hause zu nehmen, äußerte dann aber Bedenken, da seine Frau einen leichten Hang zur Eifersucht habe und wir dann besser doch beide verzichten müssten. Wir lachten beide und er verabschiedete sich mit dem Satz: „Mit Maske sehen Sie noch schöner aus!“ Ich fasse das mal als Kompliment auf. Grundsätzlich empfinde ich die Gesichtsbedeckung immer noch als anormal. Viele haben sich daran gewöhnt und machen teilweise einen Kult daraus, aber wenn alle so verhüllt sind, hat das für mich etwas Bedrohliches. Es signalisiert: Komme mir nicht zu nahe, ich bin gefährlich, ich will nichts mit dir zu tun haben. Die Mimik ist kaum noch zu erkennen, die Menschen werden so einheitlich, dass persönliche Interaktion kaum möglich ist. Ich spüre, dass diese Abwehr tief in meinem Inneren festsitzt und das eine der seltenen Schlechtes-Bauchgefühl-Situationen ist, denen auch mit Vernunft nicht beizukommen ist. 20200512_122606 Die Corona-Fälle werden dramatisch weniger (das hat bestimmt mit den Masken zu tun!) und ich spare mir deswegen weitere statistische Berechnungen. Die Entwicklung ist sehr erfreulich, aber natürlich gibt es noch lange keine Entwarnung. Und nun noch was Schönes. Zum Beethoven-Jahr hat eine meiner Kolleginnen wieder ein Kunstwerk erschaffen, das nun die Musikbibliothek schmückt. Ich bin voller Bewunderung für diese Fleißarbeit:

15. Mai. Und schon sind wieder vier Tage vergangen. Im Prinzip gibt es nichts wesentlich Neues zu berichten. Unsere Bibliotheksbesucher sind sehr diszipliniert, aber man kann sie in zwei Kategorien einteilen. Die Mehrheit folgt brav den Anweisungen und nimmt die Gegebenheiten so hin, wie sie sind. Die anderen sind geradezu panisch davon besessen, alles zu desinfizieren und schrecken vor dem Korb zurück, denen man ihnen zureicht. Der Ansturm bleibt nach wie vor aus, unsere 30 Körbe waren bisher zu keinem Zeitpunkt alle in Benutzung. Vielleicht haben aber auch viele diese Woche noch abgewartet und kommen in der nächsten angestürmt. Man weiß es nicht. Auf RadioEins wurde heute berichtet, dass 52% der Deutschen hinter den Maßnahmen stehen und sie nach wie vor für angemessen halten. Der harte Kern der restlichen 48%  gehört zu denen, die gegen das „Corona-Regime“ demonstrieren oder Verschwörungstheorien anhängen wie z.B. der, dass Bill Gates hinter allem steckt. Gestern wurde im Hof des Freizeitforums an dem sich wandelnden Schriftzug „Freiheit – Freizeit“ gearbeitet. ich finde das Wortspiel immer wieder sehr originell und vor allem gerade jetzt sehr passend.

Während meiner täglichen Wanderungen lausche ich momentan dem Hörbuch „Herr Sonneborn geht nach Brüssel“ und amüsiere mich prächtig. Aber eigentlich ist das gar nicht lustig. Sonneborn ist Europa-Abgeordneter von „Die Partei“ und berichtet, was im Europa-Parlament so abgeht, welche Spielchen auch dort gespielt werden und wie verschwenderisch mit Geld umgegangen wird. Manchmal kann man kaum glauben, dass das eben keine Satire ist. Beim Laufen haben auch die Gedanken mehr Bewegungsfreiheit und ich habe spontan die Idee, die in sich ruhende WhatsApp-Gruppe meiner Schreibwerkstatt zu löschen. Schon lange führe ich dort Selbstgespräche, obwohl die Gruppe 43 Mitglieder hat. Zuhause angekommen, verkünde ich den Teilnehmern gleich meinen Entschluss, bevor ich es mir wieder anders überlege. Doch siehe da, es kommen Proteste! Offenbar leben alle noch. Manchmal muss man eben zu drastischen Maßnahmen greifen. Jeden Tag staune ich, dass es immer wieder neue Fotomotive gibt, obwohl ich ja nun schon seit zwei Wochen immer denselben Weg laufe.

Nach einigem Zögern in den vergangenen Tagen habe ich mich heute entschlossen, meine BVG-Karte zu verborgen und auch einen dankbaren Abnehmer gefunden. Ich habe mich jetzt so an meinen Arbeitsweg gewöhnt, dass ich gar keine Lust mehr habe, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.

 
19. Mai. Weiterhin passiert nicht viel Spektakuläres. Deswegen liegen wieder ein paar Tage zurück seit dem letzten Eintrag. Nach einem arbeitsintensiven Wochenendeinsatz auf unserem Pachtgrundstück gehts am Montag gewohnt weiter mit Laufen, Arbeiten und neuen Fotomotiven.

 

Jetzt höre ich „Hâkan Nesser: 11 Tage in Berlin“, gelesen von Dietmar Bär. Es ist so spannend, dass ich meistens nur ungern am Ziel die Stöpsel aus den Ohren ziehe. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal so ein Hörbuchfan werde! In der Bibliothek bleibt es nach wie vor sehr ruhig. Den Leuten geht es bei uns wie im Laden – man fiebert dem Moment entgegen, wo man sich die Maske vom Gesicht reißen kann und ein Aufenthalt ist kein Vergnügen. Solange Maskenpflicht besteht, werden wir auch keine Veranstaltungen durchführen. Allein der Gedanke an ein vermummtes Publikum ist absurd. Und somit verschiebt man die Termine von einem Monat auf den anderen. Zu Hause beschäftige ich mich mit der Aktualisierung der Internetauftritte und der Antragstellung für Fördermittel aus dem Jugenddemokratiefonds. Damit wollen meine Schreiberlinge einen Imagefilm drehen über die Schreibwerkstatt. Finde ich gut, ist schon lange fällig. Eigentlich auch für die Bibliothek. Morgen muss ich mit dem Fahrrad fahren, denn ich habe einen Arzttermin. Zu Fuß dorthin und dann noch zur Bibliothek – das schaffe ich leider nicht. Also habe ich heute erstmal im Keller mein Rad entstaubt und Luft aufgepumpt. Ich bin keine gute Radfahrerin, denn ich habe ständig das Gefühl, anderen im Weg zu sein (was vermutlich auch stimmt) und steige deswegen sehr oft ab und schiebe das Rad. Deswegen bin ich damit nicht wesentlich schneller als zu Fuß.

 
24. Mai. Meine Radtour am Mittwoch verlief wie erwartet. Vergnüglich ist was anderes, aber ich habe alles erledigt. Allerdings ohne Stöpsel im Ohr. Das ist mir zu gefährlich auf dem Fahrrad. Vorteil: Ich konnte noch einige Besorgungen machen, die ich bisher vor mir hergeschoben hatte. In der Bibliothek erstellte ich mit meiner Chefin den nun wöchentlichen Podcast-Beitrag und wir schafften es tatsächlich, 20 Minuten zu füllen, denn es gab einiges zu berichten. Und nun liegt ein langes Wochenende hinter mir, denn Freitag und Samstag waren Brückentage. Die haben mein Sohn, dessen Freundin und ich genutzt, um das Havelgrundstück wieder ein Stückchen weiter zu beackern. Allerdings musste ich dafür meine ÖPNV-Verweigerung ignorieren. Meine Vernunft sagte mir, dass ich es mit zwei großen Taschen  bis zum Treffpunkt im Friedrichshain nicht oder nur schwerlich zu Fuß schaffen würde. Im Garten betätigte ich mich mit einer zu meiner eigenen Verwunderung bisher unentdeckten Leidenschaft als Archäologin und legte Wege frei, die vermutlich selbst der Besitzer des Grundstücks nicht kennt. Sie lagen seit Jahren unter der Grasnarbe im Verborgenen und wurden mit Sicherheit auch nicht vermisst. Es ist eine sehr anstrengende, aber total spannende Arbeit mit ähnlichem Effekt wie Putzen. Man hat was geschafft!

 

Auch die „Kinder“ rackern sich ab bis zur Erschöpfung. Zufrieden sitzen wir abends am Aztekenofen, blicken stolz auf unser Tagwerk zurück und besprechen motiviert die To-do-Liste der nächsten Zeit. Es gibt allerdings einen kleinen Wermutstropfen. Es gab einen brutalen Überfall auf das Meisenhaus. Wer das wohl gewesen sein mag?

Bei meinen Zebrafinken zu Hause geht es hingegen immer noch sehr friedlich zu, wie man auf dem Foto sieht. Und auch die Kapkörbchen auf dem Balkon scheinen überaus zufrieden zu sein mit ihrem Dasein. Corona spielt momentan in meinem Alltag eine untergeordnete Rolle. Es fühlt sich normal an, zur Arbeit zu laufen (freue mich übrigens schon richtig auf morgen), innerhalb der Familie ist das Virus kaum noch Gesprächsthema und in den Nachrichten deutlich weniger als sonst. Nur die Maskenpflicht und die zunehmenden Corona-Demos machen deutlich, dass wir noch weit entfernt sind von Normalität. Allerdings wurde heute bekanntgegeben, dass Thüringen ab 06. Juni die Maßnahmen zurückschrauben will. Also keine Masken mehr? Vom 01.-05. Juni habe ich Urlaub – der erste in diesem Jahr. Wenn alles gut geht, was ich annehme, werde ich die 5 Tage in der Eifel verbringen, aber vielleicht soll ich auf Thüringen umschwenken? Bodo Ramelow erhält allerdings viel Schelte für seine Pläne, denn auch die deutschlandweiten Restaurantöffnungen haben ja schon Rückschläge gebracht. Abwarten. Der R-Wert liegt heute bei 0,89, die Sterbefallzahlen liegen bei 3% über dem Durchschnitt. Und es wurde erstmals das Corona-Virus in Muttermilch entdeckt. Eine ganz neue Dimension kommt nun mit den neuesten Forschungsergebnissen des RKI ins Spiel. Darin heißt es, dass Viren auch über Aerosole übertragen werden können (durch Sprechen, Ausatmen, Singen) und sich bis zu drei Stunden in der Luft halten. Wenn sich diese Ergebnisse verfestigen, werden auch die Abstandsregeln sinnlos. Doch nun starte ich erst einmal in die neue Arbeitswoche! 20200526_103942

 
28. Mai. Bei deutlich kühlerem Wetter und am Montag auch bei Regen halte ich an meinen täglichen Wanderungen fest. Dabei begleitet mich das Hörbuch von Erling Kagge: „Gehen. Weiter gehen.“ Jedes Wort gleicht einer Offenbarung bzw. ist Bestätigung dessen, was mich täglich so beglückt am Gehen. Als wär der Autor mein zweites Ich, meine Stimme. Jedem Satz möchte ich aus tiefstem Herzen hinterherrufen: JAAAA! GENAU SO GEHT ES MIR AUCH! – gepaart mit Dankbarkeit, dass er mir mit wenigen, treffenden Beschreibungen erklärt, wieso ich so gerne laufe. Das wird auf jeden Fall ein Schwebende Buch! 20200525_190200In der Bibliothek geht es jetzt ein bisschen betriebsamer zu als in den vergangenen Tagen. Aber trotzdem hängt immer etwas Bedrückendes in der Luft. Es fehlt im Gegensatz zur unbeeindruckten Natur die Lebensfreude, das Lebendige, das Unbeschwerte. Es gibt einen kleinen Schimmer am Horizont – die Schachspieler können sich am Samstag im Hof des Freizeitforums treffen. Wenn es auf dem Dach etwas schneller voranginge, könnte man auch dort Veranstaltungen im Freien zulassen. Aber das wird wohl noch dauern. Gestern musste ich wieder einen Fahrradtag einlegen, screenshot_20200527-175735_spreaker-studioweil ich den Mittwochs-Podcast mit meinen Mahlsdorfer Kolleginnen aufnehmen wollte. Wir haben nun schon 80 Follower und mehr als 5000 Downloads. Zu Hause hatte ich schon so eine Art Vorspann gesprochen über den Ortteil Mahlsdorf im Allgemeinen. Dafür habe ich bestimmt zwanzig Anläufe gebraucht. Immer wieder war ein Versprecher drin. Jedenfalls habe ich mich dann aufs Rad geschwungen, bin zur Bibliothek gefahren an der B1, Podcast vollendet, dann weiter zum Friedhof Kaulsdorf und schließlich zur Marzahner Promenade. Dem Ganzen setzte ich noch eins drauf, weil ich nach Feierabend die Straßenbahn nutzte, um zu einer Verabredung in den Prenzlauer Berg zu kommen und natürlich auch wieder zurück. Ich fands schrecklich. So viele komische und laute Menschen darin! Abends fand ich zu Hause im Briefkasten die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Das Magazin“. Vor einigen Wochen hatte mich doch Franziska Hauser zum Thema „Schule“ interviewt und nun wurde es veröffentlicht. Hätte ich bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten, dass ich im Magazin mal eine Rolle spielen würde und die Welt nun erfährt, dass ich als Kind Fensterputzerin bei der damals noch Deutschen Reichsbahn werden wollte.

 

Nun muss ich heute mit dem Rad auch wieder nach Hause. Aber dann reicht es erst mal. Zu Fuß macht deutlich mehr Spaß!

 
30. Mai. Die Schachspieler waren selig! Endlich wieder ein Hauch von Normalität! Obwohl es viel Aufwand war, die Tische und Stühle in den Hof zu bugsieren und wieder zurück, haben sie das Angebot dankbar entgegengenommen, dort spielen zu können.

 

Insgesamt war die Bibliothek heute gut besucht und wenn nicht der Mundschutz wäre, könnte man Corona glatt für ein Weilchen ausblenden. Dazu trägt auch bei, dass ich ab Montag eine Woche Urlaub habe und ich mich schon in der Vulkaneifel wandern sehe. Meine täglichen 18.000 Schritte kann ich dort bestimmt noch ein bisschen ausbauen. Wer wisse; möchte, was ich in der Eifel erlebe, kann HIER mitlesen. Solange pausiert dieses Tagebuch .

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08. Juni. Nun bin ich wieder in Berlin, obwohl ich auf meiner Urlaubskarte an meine Kolleginnen und Kollegen angekündigt hatte, dass ich nicht zurückkomme. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen in der Eifel und eine Wiederholung ist schon geplant.
 
Während meiner Urlaubswoche wurden weitere Lockerungen eingeführt. Unsere Besucher dürfen jetzt wieder an den OPACs recherchieren, können kopieren und sich einzeln an  Arbeitsplätzen niederlassen. Leider gibt es seitdem Probleme mit dem Tragen von Masken. Viele derjenigen, die sich häuslich niederlassen, legen ihre Mund- / Nasenbedeckung ab und wir müssen sie darum bitten, sie weiterhin zu tragen. Dadurch entstehen manchmal unschöne und vor allem unnötige Diskussionen, denn das sind ja nicht von uns eingeführte Vorschriften.
 

 

 
Am Samstag traf sich auch erstmals wieder die Schreibwerkstatt. Auf meinem Fußweg dorthin begegneten mir in der Eisenacher Straße zwei niedliche Waschbärenkinder, die mitten auf dem Gehweg spielten und sich durch niemanden irritieren ließen. Es bildete sich nach und nach eine Menschentraube um die beiden, die die Aufmerksamkeit zu genießen schienen. Ich erwischte sie gerade noch so mit meinem Handy, als sie sich wieder in Richtung Wuhle verkrümelten.
 
Zur Schreibwerkstatt kamen 17 junge Leute, die ich im Kreis platzierte, damit die Abstandregelung gewährleistet war. Es war für alle eine große Freude, sich nach langer Abstinenz wieder sehen zu können. Ein bisschen Schreiben und Werwolfspielen – und schon war der Nachmittag vorbei.
 
Jetzt muss für Mittwoch so einiges organisiert werden. Das wird ein ausgefüllter Tag. Erst eine Schulung in unserer Bibliothek mit Thomas Feibel: Apps für Bibliotheken, dann der Mittwochs-Podcast und der Podcast Schwebende Bücher. Übrigens – unsere Azubis haben ihre Prüfung bestanden! Darüber freue ich mich besonders.
 
17. Juni. Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass ich mal so ein Hörbuch-Fan werde. Manchmal kann ich es kaum erwarten, wieder loszulaufen, weil die Geschichte so spannend ist. Jetzt kommt es sogar vor, dass ich zu Hause weiterhöre. Vor ein paar Monaten undenkbar! Gerade ist „Die Berlinreise“ von Hanns-Josef Ortheil zu Ende gegangen. Das sind autobiografische Kindheitserinnerungen an einen Berlinaufenthalt mit seinem Vater im Jahr 1964. Ich war, wie man so schön sagt – geflasht. Seine Eltern haben im Krieg und kurz danach vier Söhne verloren. Er ist der fünfte und doch Einzelkind. Wie hält man solch ein Schicksal aus?  Das Buch bekommt von mir eine absolute Leseempfehlung.
 
Corona betreffend gibt es zu berichten, dass weitere Lockerungen eingeführt wurden. Kitas sind wieder im Normalbetrieb, Schulen dann nach den Ferien. Auf Mallorca wurden die ersten Test-Urlauber (ausschließlich Deutsche) jubelnd begrüßt. Seit gestern gibt es die Corona-App, gegen die aber viele Menschen eine vehemente Abneigung zeigen. Ich halte diese Vorurteile für unbegründet. Mich haben die Informationen dazu überzeugt, dass sie nicht dem Ausspionieren dient (was ich allerdings auch zu keinem anderen Zeitpunkt gedacht habe). Jedenfalls habe ich sie auf meinem Smartphone installiert. Sie kann aber natürlich erst ihren Zweck erfüllen, wenn viele Menschen sie nutzen.
Es macht sich auch eine Corona-Müdigkeit breit, viele winken nur noch ab, immer mehr tragen keinen Mund- / Nasenschutz. Dann gibt es Rückfälle wie in Göttingen oder Neukölln, die kurz aufhorchen lassen. Doch grundsätzlich stehen meiner Meinung nach die Menschen mehrheitlich hinter den Schutzmaßnahmen. Es gibt auch Momente, in denen man wehmütig dem Lockdown hinterhertrauert: „Es war so schön ruhig auf den Straßen und viel Platz in den öffentlichen Verkehrsmitteln!“
 
In der Bibliothek geht es leider immer noch sehr ruhig zu, unsere Zahlen sind im Keller. Ein allgemeines Phänomen. Das mag auch an der Maskenpflicht liegen. Ich habe neulich eine Mail von einer Bekannten bekommen, in der sie sich beschwert, dass sie bei uns Mundschutz tragen musste, jetzt also sogar Bücher nur noch mit offiziell verpasstem Maulkorb ausleihen darf. Ich solle mich dagegen wehren und meine Stimme erheben. Was soll man dazu noch sagen…
 
Die App-Schulung war übrigens ein voller Erfolg. Hat allen viel Spaß gemacht und motiviert für die zukünftigen Gruppenführungen.

Auch unser Podcast erreicht weiterhin viel Aufmerksamkeit. Die Nutzerkurve steigt unentwegt. Jetzt wurde das musikalische Rätsel abgeschlossen und bis Samstag ist noch Zeit, das Lösungswort einzureichen. Man kann einen Gutschein für ein Jahr kostenlose Bibliotheksnutzung gewinnen.

Von ihrer allerschönsten Seite zeigt sich momentan die Natur. So ein üppiges Grün, alles blüht und wächst, die Kirschen sind reif (auf täglichen meinem Weg laufe ich an einigen wilden Kirschbäumen vorbei), es duftet intensivst, die Vögel überbieten sich gegenseitig mit ihrem Gesang. Und ganz besonders beeindruckend sind die Farben der Sonnenuntergänge:

An mir beobachte ich eine Verschiebung meines Tagesrhythmus. Meine nachtaktiven Zeiten verringern sich, mein Schlafbedürfnis steigt. Das hat auf jeden Fall mit dem täglichen 12-km-Fußmarsch zu tun. Dadurch bliebt allerdings so einiges auf der Strecke, was ich am PC zu erledigen hätte. Das gefällt mir nicht und ich habe das Gefühl, vieles nur noch oberflächlich zu erledigen. Das muss sich wieder ändern!

18. Juni. Was ich schon lange mal loswerden wollte: An ganz bestimmten Stellen meines täglichen Weges sollte ich besser meine Nase bedecken, denn das sind offenbar beliebte Hundeklos. Mittlerweile halte ich schon automatisch die Luft an, wenn ich mich ihnen nähere und sie tragen nicht gerade dazu bei, meine Toleranz den Vierbeinern bzw. deren Haltern gegenüber zu erhöhen. Was ist so schwer daran, die Hinterlassenschaften einzusammeln und zu entsorgen? Allerdings ist gerade das für viele mit der Ablage des gut gefüllten Tütchens am Wegesrand erledigt. Dort liegt es dann für die Ewigkeit konserviert. Ich finde es auch nicht richtig, dass manche drei, vier oder mehr Hunde in ihrer Wohnung halten und würde es begrüßen, wenn nur einer pro Haushalt erlaubt wäre.

Aber die blühenden Schönheiten machen diese olfaktorische Eintrübung wieder wett. Gestern habe ich die duftenden Linden mal genauer ins Visier genommen und bin fasziniert von ihrer verborgenen Eleganz. Auch eine minimale Abweichung vom täglichen Weg eröffnete mir einen neuen Blickwinkel auf das Wuhletal:

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In der Bibliothek gibt es eine neue Errungenschaft: ein automatischer Desinfektionsmittelspender am Eingang, der auch gerne genutzt wird. Und wir haben einen neuen Mitarbeiter, der im Moment noch in einem Abstellraum auf seinen Einsatz wartet. Mr. Tucholsky hat schon einige unserer ahnungslosen Mitarbeiter zu Tode erschreckt, als sie ihm beim Betreten des Raumes plötzlich gegenüberstanden. Er darf jetzt in der Bibliothek sitzen, natürlich nur mit Maske!

Der VÖBB hat sich auf weitere Lockerungen geeinigt. Gruppenführungen dürfen außerhalb der Öffnungszeiten wieder stattfinden. Das ist ein kleiner Fortschritt, so dass Kitakinder und Schulklassen kommen dürfen, aber auch nur, wenn sie keiner anderen Gruppe in unseren Räumen begegnen. Veranstaltungen ruhen weiterhin. Das schmerzt mich sehr, dadurch bricht die Kontinuität weg und wird nur mühsam wieder aufzubauen sein.

19. Juni. Vermehrt erhalte ich jetzt wieder Anfragen von Lehrerinnen und Lehrern, die Führungen für ihre Schulklassen buchen wollen. Das ist – wie ich gestern schon schrieb, grundsätzlich möglich, aber nur von 8:00 Uhr bis 9:30 Uhr. Also höchstens eine Gruppe pro Tag. Sonst sind oft 4-5 Gruppen vormittags im Haus. Da wir leider immer noch nach der Kosten-Leistungsrechnung bewertet werden und die Höhe des Etats aus diesen Zahlen berechnet wird, sind die Aussichten ziemlich düster. Denn die Einbrüche in unserer Statistik sind massiv und irreparabel. Jedenfalls für 2020.

Auf meinem Arbeitsweg habe ich heute eine traurige Entdeckung gemacht – dem Nilpferd aus Stein, an dem ich täglich vorbeilaufe und das dort vermutlich schon 30 Jahre steht, wurde das Maul abgeschlagen. Ich hoffe, dass der Schaden wieder zu beheben ist.

Dann gibt es aber auch wieder diese kleinen und trotzdem beglückenden Entdeckungen wie dieser Aufkleber an einem Straßenpoller, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern:

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Der Link führt zum Abi-Jahrgang 1997. Muss da also schon länger kleben, ist mir aber noch nie aufgefallen. Irgendwann kommt eben der Moment, der den Blick darauf fokussiert.

Mein Schritttempo ist heute von der eher gemütlichen Art. Das Hörbuch ist nämlich voller wundersamer Gedanken eines Teenagers über die erste, wirklich große, aber vergangene Liebe, die das Mädchen anhand von 43 Relikten aus dieser Zeit Revue passieren lässt. Geniale Schreibidee! (43 Gründe, warum es AUS ist) Der Himmel zieht sich zu, aber der angekündigte Regen bleibt aus.

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Am U-Bahnhof Cottbusser Platz tobt wie immer das Leben. Offenbar eine Corona-freie Zone? Die Gäste der als Nazi-Kneipe verrufenen Location und des direkt daneben befindlichen Döners feiern was auch immer und pullern an den benachbarten Blumenpavillon. Ich schäme mich fremd und bin jedes Mal froh, wenn ich in die Unterführung Richtung Kastanienallee abtauchen kann. Dort wiederum tut sich so einiges. Es gibt jetzt ein Quartiersmanagement und das macht sich positiv bemerkbar, jedenfalls zunächst bezüglich Pflege der Grünanlagen und Sauberkeit. Ich laufe gerne dort entlang und bin meinem Zuhause dann schon sehr nahe.

22. Juni. Das Wochenende war ein sehr arbeitsintensives im Garten an der Havel. Ich habe mal wieder zugewachsene Steine freigelegt und ein Beet von der fast flächendeckenden Grasnarbe befreit. Anstrengend bis zur totalen Erschöpfung, aber ein gutes Gefühl hinterlassend, dem gepflegten Grundstück wieder ein Stück näher gekommen zu sein. Abends wurden wir mit einem spektakulären Sonnenuntergang belohnt.

Der heutige Arbeitsweg hielt eine freudige Überraschung bereit – das steinerne Nilpferd ist wieder geheilt! Es hat zwar deutlich sichtbare Narben zurückbehalten, aber das ist zu verschmerzen. In unserer Bibliotheks-Montagsrunde haben wir beschlossen, im Hof und auf der Balustrade zwei Tische mit je einem Stuhl aufzustellen, damit diejenigen, die sich länger bei uns aufhalten, auch mal ohne Maske durchatmen können.

25. Juni. Vorgestern und heute nehme ich an Webinaren teil, die meinen Bildungsstand bezüglich Podcasts und Nutzung einer Plattform zur Auswertung von Kundenbefragungen und Abfrage statistischer Daten der Berliner Bibliotheken „geupdated“ haben. Hat mir wirklich was gebracht und die ersten Lernergebnisse konnte ich schon beim gestrigen Mittwochs-Podcast anwenden – das Verbinden zweier Tonspuren. Aus zwei mach eins. Ohne Corona wären das analoge Weiterbildungsveranstaltungen gewesen. Ich muss gestehen, dass mir das so besser gefällt. Praktisch am heimischen PC, der zeitliche Aufwand ist wesentlich geringer und der Lerneffekt vielleicht sogar noch besser.

Im Podcast habe ich gestern die Ehm-Welk-Bibliothek vorgestellt und besucht und bei der Gelegenheit die neue Bestuhlung des Veranstaltungsraumes bestaunen können. Macht was her:

Auch unsere Azubis waren kreativ haben eine neue thematische Ausstellung zusammengetragen – Bücher unter dem Motto „Ich bin dann mal online“:

Es wird auch wieder mal Zeit, einen Blick auf Corona zu werden. Der tägliche Lagebericht des RKI ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich und man fühlt sich gut und seriös informiert. Darin heißt es heute:

„Die geschätzten Reproduktionszahlen (R-Wert und 7-Tages R-Wert) sind auf einen Wert um 1 bzw. darunter gesunken. Die stark erhöhten Werte in den vergangenen Tagen hängen mit lokalen Häufungen zusammen, die im Abschnitt „Ausbrüche“ beschrieben werden, wobei insbesondere der Ausbruch in Nordrhein-Westfalen eine große Rolle spielt.“

Sosehr ich auch die Maske verabscheue, sie erfüllt auf jeden Fall ihren Zweck. Aber viele tun so, als wäre alles vorbei. Das das nicht der Fall ist, beweisen die Ausbrüche an Orten, wo viele Menschen ohne die Sicherheitsvorkehrungen zusammenkommen. In NRW ging man deswegen wieder einen Schritt zurück. Ich hoffe sehr, dass die Menschen vernünftig bleiben. Seit 14 Tagen bin ich Nutzer der Corona-App. Der Risiko-Status wird darin täglich aktualisiert. Bis jetzt steht da immer: „Niedriges Risiko. Bisher keine Risiko-Begegnungen.“

Nun schreibe ich den monatlichen Newsletter der Bibliotheken weiter, der am 01.07. veröffentlicht wird. Es gibt viel zu berichten! Abonnieren kann man ihn hier.

28. Juni. Bin schwer beschäftigt mit einem neuen Projekt der Schreibwerkstatt. Wir wollen einen Imagefilm erstellen zum 10jährigen Bestehen derselben. Gestern fand ein Workshop statt mit Andrea Iannetta, einem italienischen Filmemacher und Regisseur, der sehr temporeich in einem Crashkurs vermittelt hat, worauf es ankommt und wie vorzugehen ist. Man glaubt kaum, wie aufwändig die Produktion so eines Filmchens ist. Da wir unter Zeitdruck stehen, muss das jetzt recht zackig koordiniert werden: Aufgaben verteilen, Termine setzen, Drehbuch schreiben, weitere Workshopbesuche organisieren, drehen, Tonaufnahmen machen, Filmmusik organisieren, Videos schneiden usw. Alle im Boot müssen mit einbezogen und auf dem gleichen Wissensstand gehalten werden, denn nie sind alle Teilnehmer vollständig vor Ort. Ein ambitioniertes Vorhaben! Auch im Internet und Social Media muss getextet und gepostet, sprich „getrommelt“ werden, denn wir wollen damit schließlich viele Menschen erreichen. Dafür geht das ganze Wochenende drauf, aber es macht auch Spaß und hält auf Trab. Was allerdings momentan völlig auf der Strecke bleibt, ist Lesen.

30. Juni. Habe im U-Bahnhof Cottbusser Platz folgende Inschrift entdeckt:

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Das kann man verschieden interpretieren. Was wollte uns der Urheber damit sagen? Die Grenzen sind dicht? Macht die Grenzen dicht? Wir werden es nie erfahren.

Corona-mäßig gibt es wieder eine weitere Lockerung. Ab sofort können unsere Besucher sitzend die Maske abnehmen. Gestern noch habe ich einen Mann verprellt, der Zeitung las und von mir freundlich aufgefordert wurde, das Läppchen wieder aufzusetzen. Er hat sich furchtbar aufgeregt. Ich wollte ihm anbieten, dass er doch an einem viel schöneren Platz im Freien auf unserer Balustrade ohne Gesichtsbedeckung seine Zeitung lesen kann, aber ich kam nicht zu Wort. Immer wieder unterbrach er mich, wenn ich zum Reden ansetzte. Schließlich schaffte ich es, in eine Atempause reinzugrätschen und schlagartig war er wieder ruhig. Den Vorschlag fand er sogar gut. Viel Aufregung ganz umsonst. Tja – und heute hätten wir diese Diskussion gar nicht führen müssen. Auch Kurt Tucholsky darf sich nun wieder in voller Schönheit zeigen, denn er sitzt ja ganz brav den ganzen Tag auf seinem Platz.

In der Kinderbibliothek trieb eine Mutter ihren Sohn zur Eile an: „Bitte komm jetzt. Ich muss hier raus. Ich halte das nicht aus mit der Maske! Ein andermal nehmen wir uns mehr Zeit.“ Der Junge: „Aber ich muss mir die Bücher doch erst anschauen, ob ich sie mitnehmen möchte!“ Aber er hatte keine Chance.

Und so geht das jeden Tag. Es ist traurig, wie wenig Leute momentan die Bibliothek besuchen. Hinzu kommen die Ferien, da ist es sowieso immer etwas ruhiger. Aber nicht soooo ruhig. Am Abend wandere ich nach Hause, im Ohr neue, kabellose Kopfhörer und erforsche begeistert deren Handhabung und technischen Möglichkeiten.

05. Juli. Licht am Horizont! Mecklenburg-Vorpommern will in der Kabinetts-Sitzung am 04. August darüber entscheiden, die Maskenpflicht im Einzelhandel abzuschaffen. Andere Bundesländer ziehen nach. Ich bin sehr gespannt, ob sich das tatsächlich durchsetzt. Für mich ist es auch spannend, ob ich im Falle der Ausweitung dieser Lockerung auf die öffentlichen Verkehrsmittel meine täglichen Wanderungen einstellen werde. Ich weiß es noch nicht, ehrlich gesagt, denn ich habe mittlerweile Gefallen daran gefunden.

Momentan habe ich Urlaub, den ich auf dem Havelgrundstück verbringe. Erstmals ganz allein. Während ich hier schreibe, ist es draußen zappenduster und merkwürdige Geräusche erfüllen die Nacht. Ängstlich darf man nicht sein, denn es knackt mal hier und raschelt dort und die Nachbarn sind alt und schlafen schon.

Da Corona hier nur eine untergeordnete Rolle spielt, werde ich dem Tagebuch auch mal ein paar Tage Urlaub gönnen. Nächste Woche geht´s weiter!

15.Juli. Nachdem ich auf dem Grundstück diverse Berufe bis zur totalen Erschöpfung ausprobiert habe wie z.B. Pflasterer, Gärtner, Entrümpler und Putzfrau und abends zerkratzt, lädiert und trotzdem glücklich ins Bett gefallen bin,

gehts nun weiter mit dem Corona-Alltag. Ja – Alltag. Man gewöhnt sich tatsächlich daran. Nicht alle bewerten die Lage als ernst, was man an der nachlässigen Handhabung der Masken erkennt. Manchen baumelt sie dekorativ unterm Kinn, andere ziehen sie über den Mund, lassen ihrer Nase aber Freiraum zum Verteilen eventueller Viren, andere ignorieren die Tragepflicht mit stoischem Gleichmut.

Meine Aufgabe besteht momentan darin, die wieder beginnende Veranstaltungstätigkeit gesetzeskonform vorzubereiten. Dazu gehören:

  • zur Gewährleistung der Anwesenheitsdokumentation entsprechende Listen erstellen für die einzelnen Veranstaltungen
  • Handzettel für das interessierte Publikum erstellen, was sie beachten müssen beim Besuch einer Lesung und was wir leisten können oder auch nicht
  • Aufsetzen eines Hygienekonzeptes für Veranstaltungen
  • Erstellen einer gängigen Handhabungspraxis und diese allen Mitarbeitern zur Kenntnis geben

Am 22.07.2020 starten wir wieder durch mit den Schwebenden Büchern. Das erfordert so einiges an notwendigen Vorbereitungen, die sonst nicht nötig gewesen wären. Wir werden auch die Sitzplätze nummerieren müssen. Da die Veranstaltung im Hof stattfinden soll, muss auch bedacht werden, wie man dort die Tonanlage zum Einsatz bringen kann und wie ich es am besten anstelle, dabei zusätzlich noch brauchbare Mitschnitte für unseren Podcast hinzubekommen. Gott sei Dank habe ich einen jungen Kollegen aus der Musikbibliothek, der viel mehr Ahnung hat als ich und sich da auch richtig reinkniet in die Problematik – erfolgreich!

Stichpunkt Podcast. Gestern habe ich der Stadtteilbibliothek Heinrich von Kleist einen Besuch abgestattet, um sie in unserem Podcast „Mittwochs in der Bibliothek“ vorzustellen. Ich fuhr mit den Rad hin. Entlang des Wuhlewanderweges entdeckte ich einen privat angelegten Blumengarten – eine Augenweide!

Am Kletterfelsen vorbei, war ich dann auch schon bald am Ziel.

Mit meiner dortigen Kollegin führte ich ein informatives Gespräch für den Podcast und wollte diese Aufnahme mit der, die ich zu Hause schon einführend erstellt hatte, zusammenführen und veröffentlichen. Im Eifer des Gefechts habe ich sie dann aber aus Versehen gleich beide gelöscht!!! Ich war untröstlich und so sauer auf mich! Aber letztendlich habe ich mir gesagt: Mein Gott, es gibt Schlimmeres. Schließlich hatte ich eine schöne Radtour genießen können.

Heute ist es mir gelungen, provisorisch in grottenschlechter Tonqualität die Folge doch noch zu veröffentlichen. Auf welchen Umwegen, will ich hier gar nicht weiter ausführen: Zu Besuch in der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek

Nebenbei läuft das Filmprojekt meiner Schreibwerkstatt. Es gibt jetzt sogar schon ein provisorisches Drehbuch. Am Samstag trifft sich die Filmcrew in der Bibliothek, um mit dem italienischen Regisseur Andrea Ianetta die Details zu besprechen.

17. Juli. Apropos Film: In der Bibliothek laufen heute Dreharbeiten zum 2. Teil der Komödie „Extraklasse“ mit Axel Prahl, Aglaia Szyszkowitz und Sonsee Neu in den Hauptrollen. Das gesamte Freizeitforum ist außen und innen belagert mit dem Equipment der Produktionsfirma. Unglaublich und immer wieder faszinierend, wie viele Menschen (übrigens alle mit Masken), Technik, Zeit und Kulissen nötig sind, um 10 Minuten Film im Kasten zu haben.

Jeder aus der Filmcrew hat einen detaillierten Ablaufplan und weiß, an welcher Stelle er was zu tun hat. Wie in einem Ameisenhaufen. Ich kam auch wieder wie schon beim ersten Mal vor zwei Jahren in den Genuss eines gemeinsamen Fotos mit den Schauspielern. Aber ich darf es nicht veröffentlichen, da momentan sehr strenge Bedingungen herrschen. Sogar zum „Mittagessen“ um 19 Uhr wurde ich eingeladen. Habe mir aber nur einen übrigens hervorragenden Kaffee geholt. Die Dreharbeiten zogen sich bis 22 Uhr hin und ich blieb noch, um anschließend alles abzuschließen und das Licht auszumachen. Obwohl es dann schon 22.30 Uhr war, bis alle raus waren, bin ich nach Hause gelaufen. Es war eine wunderbare Luft und außerdem muss ich bis „Schwebende Bücher“ nächsten Mittwoch „Joel Spazierer“ von Michael Köhlmeier zu Ende hören. Insgesamt 30 Stunden Hörzeit! Aber es lohnt sich. Dieses Buch ist auch „Extraklasse“ und keine Sekunde langweilig.

20. Juli. Die Bibliothek füllt sich langsam wieder mit Leben. Heute tobte draußen ein orkanartiger Sturm, viele Bäume gingen zu Bruch und die Straßen glichen einem Fluss:

Hinterher war der Platz vor dem Freizeitforum mit einem grünen Laubteppich ausgelegt. Mein Balkon in Hellersdorf ist Gott sei Dank nur nass.

24. Juli. Eben kommt in den Nachrichten die Meldung, dass die Infektionszahlen in Deutschland wieder drastisch steigen, bedingt durch die Urlaubsheimkehrer. Das macht einen irgendwie wieder wach, denn ich muss ehrlich gestehen, dass in meinem Unterbewusstsein der Gedanke an Infektionsgefahr kaum noch existierte bis jetzt. An das Maskentragen habe ich mich wider Erwarten dermaßen gewöhnt, dass ich ganz automatisch zur Maske greife, wenn ich in der Bibliothek hinter meiner Plexiglasscheibe hervorkomme und auch vor dem Betreten von Geschäften wie ferngesteuert aus meinem Rucksack hervornestle. Gerade fragt der Moderator die Gesundheitssenatorin Kalayci, ob es nicht ungerecht ist, dass alle Reiserückkehrer sich kostenlos testen lassen können und diejenigen, die momentan Deutschland nicht verlassen, den Test bezahlen müssen. Sie antwortet zwar, aber nicht auf die Frage. Auch nicht nach einem zweiten Anlauf des Moderators.

Vorgestern fand nun unsere erste Veranstaltung seit langem statt – die Schwebenden Bücher. Wir konnten den Hof nutzen, das Wetter war uns gnädig. Es sah so chillig aus mit den Liegestühlen dazwischen, dass wir alle ganz begeistert waren von diesem Anblick.

Mit dem vorgeschriebenen Abstand würden sogar 40 Leute in den Hof passen. Sollte das Wetter aber zum Umzug in die Artothek zwingen, wären das zu viele Personen. Also muss man auf 25 beschränken. Wir haben alles gut gemeistert und auch tontechnisch inklusive Podcast-Mitschnitt lief alles super. Es hat uns allen gut getan, auch dem Publikum.

Gestern war Homeoffice angesagt wegen Chlorspülung unserer Wasserleitungen. Ich habe bis 15 Uhr gearbeitet und mich dann auf den Fußweg in die Chemnitzer Str. und zurück gemacht, um beim Hausarzt ein Rezept abzuholen mit Abstecher auf den Kaulsdorfer Friedhof. 20 Uhr war ich wieder zuhause. 19 km und 28000 Schritte. Genug bewegt.

Deswegen habe ich mir heute morgen den Luxus erlaubt, mit der Straßenbahn zur Arbeit zu fahren. Aber der Heimweg war wieder Hörbuchzeit: Sibylle Berg – Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Herrlich!

30. Juli. Momentan verfüge ich über ein Auto und habe den Umstand schon genutzt, um die Wasser-, Eistee- und Weinvorräte in der Bibliothek aufzufüllen. Aber mir fehlen das Laufen und die Hörbücher. Morgen werde ich das Auto stehenlassen. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass in meinem Körper beunruhigende Dinge vor sich gehen. Man kann sich da reinsteigern und am Ende lacht man drüber, aber vielleicht auch nicht. Da hilft nur eins – Klarheit schaffen! Werde ich tun. Doch die Endlichkeit hat sich mal wieder deutlich Gehör verschafft.

Covid

Die Corona-Fallzahlen steigen weiter, aber wenn ich mir die Statistiken anschaue, finde ich das nicht direkt beängstigend. Umfragen haben ergeben, dass die Akzeptanz der AHA-Regeln bei Älteren höher ist als bei jungen Menschen und dort wiederum bei Frauen höher als bei Männern. Finde ich interessant. Wieso ist das so? Der Buchmarkt hat natürlich auch reagiert auf Corona. Wir werden jetzt überschwemmt mit einschlägigen Titeln, die auch sehr gerne ausgeliehen werden. Wir müssen akzeptieren, dass uns dieser Virus noch lange beschäftigen wird und ich glaube, dass das gesellschaftliche Leben sich dauerhaft verändern wird. Mein nächster Schritt wird sein, mir eine Maske zu kaufen. Das war bisher tatsächlich nicht nötig. Mit Tüchern und Einwegmasken bin ich gut über die Runden gekommen. Bis jetzt.

05. August. Heute ist Mittwoch und ich habe den Podcast vergessen! Vielleicht kann ja als Entschuldigung herhalten, dass ich einen Arzttermin hatte, der aber vorerst Entwarnung gegeben hat. Und schwupps  tut mir nichts mehr weh. Wer weiß, was in meinem Kopf da so abläuft. Dem entgegengesetzt steht meine Corona-Wahrnehmung. Um mich herum werden düstere Prognosen erstellt, weil die Zahlen wohl wieder dramatisch steigen. Ich durchforste die Meldungen im Internet, sehe mir Grafiken und Statistiken an und finde lediglich, dass in Mecklenburg-Vorpommern eine Schule geschlossen wurde, weil ein Schüler infiziert ist. Natürlich bewegen wir uns alle auf dünnem Eis, nichts ist sicher, jederzeit kann die Lage wieder kippen, aber ich finde, von Dramatik kann man momentan wirklich nicht sprechen. Jedenfalls nicht in Deutschland. Trotzdem prophezeit ein Teilnehmer meiner Schreibwerkstatt, dass die Lesung mit Iny Lorentz im November seiner Meinung nach nicht stattfinden wird. Vielleicht hat er recht, vielleicht aber auch nicht! Mich macht dieses Schwarzsehen immer hilflos und auch wütend. Ich antworte: „Man kann natürlich immer im Gefühl, realistisch zu denken, vom Schlimmsten ausgehen. Aber dann müsste ich sagen: Ich organisiere überhaupt nichts mehr und stelle alle Aktivitäten ein inklusive Schreibwerkstatt, weil ja sowieso alles in den Sternen steht. Wozu sich dann überhaupt noch engagieren? Wäre verschwendete Lebensenergie. Aber ich denke Gott sei Dank positiv, das heißt aber nicht blauäugig.“

Themawechsel. Vor einer Woche habe ich noch großspurig verkündet, dass ich das Auto, welches mir gerade zur Verfügung steht, ignoriere und weiterhin laufen werde. Natürlich bin ich dann doch jeden Tag damit zur Bibliothek gefahren. Es ist einfach zu verlockend, in 15 Minuten dort sein zu können statt in 60 Minuten. Aber ab Montag hat die Bequemlichkeit keine Chance mehr, dann wird wieder gelaufen! Schon mehrmals bin ich in der Spremberger Straße auf eine verblasste Inschrift an zwei Hauswänden aufmerksam geworden, leider auch teilweise bis zur Nichtlesbarkeit zugewachsen.

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Meine Recherchen haben ergeben, dass die Schrift ein Teil eines Gesamtkunstwerkes zu sein scheint: „Eine weitere Künstlerin, die im Grabenviertel ihre Spuren hinterließ, ist Erika Klagge. Zum Thema Kontakt wählte sie ein Motiv aus der Kunstgeschichte: Die Erschaffung Adams von Michelangelo aus der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.“ Allerdings beziehen sich alle Erwähnungen auf dortige Wandgemälde und Skulpturen. Da im Wandtext aber von Sophia die Rede ist, die Adam erkennt, muss diese Schrift eine Ergänzung zum Kunstwerk sein. Siehe auch: https://www.zeitgemaess-glauben.at/cms/images/media/dokumente/2016%2011%20Michelangelo_G%C3%B6ller_Die%20Frau%20(print).pdf

Überhaupt  scheint sich in diesem Viertel noch so einiges an Kunst zu verbergen. Es wird also nicht langweilig, auch wenn ich den Weg nun schon so oft gelaufen bin. Manch einer kann sich vielleicht das Gähnen kaum verkneifen, aber ich finde sowas spannend.

Die letzten Tage habe ich die Nächte damit verbracht, die Geschichten meiner Schreiberlinge zum  Storytausch zu korrigieren. Die teils katastrophale Rechtschreibung hat mich wieder mal schwer erschüttert. Trotzdem mag ich meine Truppe sehr. Letzten Samstag zur Schreibwerkstatt hatten wir wieder viel Spaß! Auch die Dreharbeiten zu unserem Imagefilm haben begonnen – 10 Jahre müssen gewürdigt werden!

PS: Immer noch keine Masken gekauft.

12. August. Ich habe mir Masken gekauft! Gleich vier auf einmal! Und auch noch in passendem Design zu meiner Kleidung – schwarz/weiß, versteht sich. Noch im Mai war ich der festen Überzeugung, dass ich diesen Trend niemals mitmachen werde, also aus der Not eine Tugend machen und vielleicht auch noch lustige Grinsemasken zu tragen, geschweige denn zu kaufen. Nun bin ich weichgeklopft. Obwohl ich immer noch meine Grenzen habe, also alles kommt mir nicht ins Gesicht.

Noch immer bin ich mit Korrekturlesen beschäftigt. Und auch weiterhin bin ich fassungslos, was mir da so präsentiert wird. Auch von angehenden Lehrerinnen. Auf Anregung einer meiner Kolleginnen werde ich in der nächsten Schreibwerkstatt mal zur Diskussion stellen, welchen Wert korrekte Rechtschreibung hat. Vielleicht wird sie tatsächlich von Leuten meiner Generation überbewertet? Schließlich weiß man doch, was gemeint ist. Da kommt es doch nicht so sehr auf den einzelnen Buchstaben an, oder? Aber ich lese auch Korrektur zu einem Buch mit dem Titel „Best Practice in Bibliotheken“, das demnächst im Simon-Verlag für Bibliothekswissen erscheint und bei dem ich auf wundersame Weise Mitherausgeberin geworden bin. Darin wird es auch ein Kapitel über die Marzahn-Hellersdorfer Bibliotheken geben und über die Schreibwerkstatt. Stichwort Schreibwerkstatt: Der Imagefilm ist in der Produktion. Heute hat uns der Kamera-Mann (einer der Teilnehmer) das Intro präsentiert, das ich schon mal megacool finde:

Und nun – nach einem gar nicht so uninteressanten internen Fortbildungstag zum Thema „Teambildung“ – verabschiede ich mich schon wieder in den Urlaub. Dieses Mal werde ich mit Kolleginnen, die aber vor allem Freundinnen sind, ein verlängertes Mädelswochenende in Franken verbringen und danach mit meinem Mann in einem Hausboot auf der Havel schippern. Das wird ein Spaß!

20. August. Das Wochenende in Iphofen war wunderschön. Entspannt, lustig, interessant. Wir haben das Kleinstadtleben genossen, einen Ausflug nach Würzburg unternommen, um uns für den angekündigten Regentag einzukleiden, um dann im Sonnenschein auf der Alten Mainbrücke Wein zu trinken. Wir sind gewandert, haben das Knauf-Museum in Iphofen besucht und dort die verrücktesten Schuhe der Welt bewundert und anprobiert. Der Gang auf dem Laufsteg hat unsere Hochachtung vor den Mannequins um ein Vielfaches gesteigert, nachdem wir uns in absatzlosen Highheels und anderen völlig absurden Schuhformen fast die Knöchel gebrochen haben.

Sehr interessant fand ich, dass eine Skulptur an der dortigen Kirche eine Art Mundschutz trägt. Offenbar ist das also keine Erfindung der Neuzeit:

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Gestern traf ich mich mit meinem Sohn zu einer Audiotour durch das frühere jüdische Leben in Neukölln. Wir haben viel dazugelernt, z.B. wusste ich nicht, dass es den Markt am Maybachufer schon seit mindestens 1880 gibt. Auch viele beeindruckende Häuser und Kunst am Wegesrand verleiteten mich zum Fotografieren. Wenn man seinen Blick aufmerksam schweifen lässt, gibt es so einiges zu entdecken. Der Tag fand seinen Abschluss mit einem opulenten Mahl in einem syrischen Restaurant.

Morgen beginnt unsere viertägige Havelfloß-Fahrt. Nochmal abschalten, die Natur genießen und Corona ganz weit weg schieben. Auch alles andere, was da eventuell auf mich zukommt. Ich muss nun doch noch zum Ultraschall. Ich glaube, dann hätte ich lieber Corona.

26. August. Nach fünf Tagen ohne Maske, weitab von Bibliothek, Zivilisation und dem aktuellen Tagesgeschehen, dafür mitten in der Natur sitze ich nun wieder an meinem Laptop. Entspannt und glücklich. Heute Vormittag bin ich wahnsinnig aufgeregt zum Sonografie-Termin getrabt, auf das Schlimmste gefasst, aber es gab Entwarnung. Jetzt ist die Welt wieder im Lot, für mich jedenfalls.

Unsere Floßfahrt war ein Erlebnis, von dem ich noch lange zehren werde. Jetzt weiß ich, was Entschleunigung bedeutet. Das Floß selbst mit seinem 8-PS-Motor sorgt schon dafür, aber auch das stark reduzierte Leben darauf. Man hat nicht viele Beschäftigungsmöglichkeiten und kann sich somit auch nicht selbst unter Druck setzen. Man geht mit allem sparsam um – dem Handy-Akku, dem Essen, den Klamotten, Bewegung, dem Treffen von Entscheidungen. Nur eins hat man im Überfluss: Zeit. Ach ja – auch Wasser natürlich (eine riesige Badewanne) und Sterne am Nachthimmel. Es war wundervoll. Jedem zu empfehlen, der Sehnsucht nach einer Auszeit hat! Eine ausführliche Fotostrecke gibts hier, ansonsten füge ich hier ein paar Bilder ein:

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Der Mond steht auf dem Kopf

06. September. Jetzt wird es aber Zeit, mal wieder eine Statusmeldung abzuliefern. Die letzte Woche war aber so gut gefüllt mit Terminen, dass abends die Luft raus war, noch irgendetwas Originelles von mir zu geben. Ich hatte zum ersten Mal seit März wieder Schulklassen zu betreuen und ihnen die Bibliothek näher zu bringen. Da Gruppen sich nur vor Öffnung in unseren Räumen aufhalten dürfen, wurden die Termine auf 8 Uhr gelegt. Das bedeutete, ich musste um 7 Uhr auf der Matte stehen, um alles in Ruhe vorbereiten zu können – Laptop und Beamer in Gang setzen, 14 iPads startklar machen, 30 Stühle stellen, Aufgaben vorbereiten. Für mich Nachtvogel eine Herausforderung! Es waren drei sehr angenehme 7. Klassen, denen das Abschluss-Quiz am meisten Spaß machte und die Mehrheit rief: „Nochmal! Nochmal!“ Leider ging das nicht, da anschließend genug Zeit für den Luftaustausch bleiben musste. Anschließend wieder alles wegräumen und am Mittwoch die Artothek vorbereiten für die „Schwebenden Bücher“. Alle Tische raus, kehren, 25 Stühle im Raum verteilen, Technik startklar machen, Catering vorbereiten.

 

Die Ruhe vor dem Ansturm

Am Abend vorher die Bildpräsentation erstellen (dauert immer viel länger, als gedacht) und mich auf meine Beiträge vorbereiten, was sich meistens auf das Ausdrucken von Rezensionen anderer beschränkt, ohne diese letztendlich nochmal konzentriert zu lesen. Zur Veranstaltung selbst dienen diese Blätter als eine Art Alibi-Sicherheitsgeländer, das man dann gar nicht braucht. Mit Bewunderung denke ich noch an die „Schwebenden Bücher“ im Juli. Zwei unserer jungen Kolleginnen stärkten unsere Reihen und hatten jede nur einen kleinen Notizzettel vom Abreißblock vor sich liegen. Das nenne ich Papier sparen!

Unsere Feuertaufe hatten wir dann beim Einlass. Erstmals eine Innenveranstaltung unter Corona-Beschränkungen. Es war schlimmer als befürchtet. Wir fühlten uns eigentlich gut vorbereitet. Die Stühle waren nummeriert, die Anmeldelisten entscheidend dafür, wer Platz nehmen durfte und wer nicht. Dann gabs Irritationen, weil manche sicher waren, auf der Liste zu stehen, was aber nicht der Fall war. Nachrücker, die auf frei bleibende Plätze lauerten, sahen aber logischerweise nicht ein, wieso diesen Personen die Plätze zuerst angeboten werden sollten. „Wir waren aber eher da!“, riefen sie. Und wir als Schlichtungskommission dazwischen. Man möchte es allen recht tun, geht aber nicht. Das sind Situationen, auf die man gerne verzichten würde. Es ist aus Veranstaltersicht einfach absurd, interessierten Menschen den Einlass zu verwehren und im Vorfeld zu hoffen, dass sich nur wenige anmelden. Corona zwingt uns, entgegen jeglicher Logik zu handeln. Doch dann, als alle mit Ausdehnung der Sitzplätze außerhalb der Artothek zufriedenstellend versorgt waren, konnten wir zu einer Empfehlungs-Show besonderer Qualität starten, die vor allem unserem sehr sympathischen Ehrengast Thomas Böhm zu verdanken war. Für alle, die nicht dabei sein konnten, gibt es unseren Podcast zum Nachhören:

5.0. Begrüßung des Publikums und Thomas Böhms-Schwebende Bücher

Audio-Player00:0000:00Pfeiltasten Hoch/Runter benutzen, um die Lautstärke zu regeln.

Playlist: Schwebende Bücher

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  1. 5.0. Begrüßung des Publikums und Thomas Böhms
  2. 5.1. Toast auf die Bibliothek/ Nicolas Mathieu: Rose Royal (Thomas Böhm)
  3. 5.2. Hans Ostwald: Berlin – Anfänge einer Großstadt (Renate Zimmermann)
  4. 5.3. Delphine de Vigan: Dankbarkeiten / Loyalitäten (Kerstin Morgenstern)
  5. 5.4. Sanyutei Encho: Die Pfingstrosenlaterne (Thomas Böhm)

Im Anschluss kamen viele Besucher auf uns zu und dankten uns, manche sogar mit Tränen in den Augen. Vor lauter Podcast und anderen Aufregungen des Abends habe ich zu meinem Ärger ganz vergessen, am Ende Thomas Böhm nochmal zu danken und ihm im Beisein des Publikums mein Geschenk zu überreichen. Gott sei Dank fiel es mir aber noch ein, solange er vor Ort war. Thomas Böhm schrieb mir am nächsten Tag: „Ich möchte mich nochmal für gestern Abend bedanken – solche Abende sind, was Dieter Wellershoff mal Wärme- und Kraftzentren genannt hat.“ Das entschädigt für alles!

Grundsätzlich merkt man, dass alle Menschen am Limit sind. Ich denke, dass die Ursache noch nicht mal die Maskenpflicht ist, sondern die Unsicherheit. Man hat keine klare Richtlinie. Mal gilt das, mal jenes. Die Infektionsschutzverordnung wird (und ja – sie muss) pausenlos überarbeitet und angepasst. Was gestern richtig war, ist heute falsch. Das merke ich auch auf Arbeit. Ich halte mich an die Richtlinien des VÖBB und nehme wieder Termine für Schulklassen an. Andere lehnen das rigoros ab und haben auch ihre Gründe dafür. Es gibt keine gemeinsame Linie. Verunsicherung allerorten. Auch das Führen unserer Anmeldelisten ist inzwischen mehrmals verändert und strategisch ausgeklügelter geworden, aber nicht einfacher. Die Nerven liegen blank. In Bus und Bahn macht jeder, was er denkt und es gibt vier Varianten, eine Maske zu tragen: a) vollständig über Mund und Nase, b) nur über dem Mund, c) unterm Kinn, d) gar nicht. Letzteres sehr oft.

Gestern wurde ich Zeuge einer Unterhaltung zweier Männer an der Supermarktkasse:

„Ey, das ist doch alles nur Fake. Das ist doch wegen der 13-Jährigen. Wie heißt die nochmal? Die machen das wegen der. Keine Flugzeuge mehr und so.“

Der andere: „Naja, weiß nicht. Guck mal die Sendung mit der Maus.“

„Gibts die noch? Ey, du bist cool drauf. Du gefällst mir!“

Es war irgendwie berührend zu erleben, dass diese Sendung offenbar ein Urvertrauen genießt und das Zeug dazu hat, Corona-Zweifler zu besänftigen. Vielleicht sollten wir alle mal wieder da reinschauen. Kann nicht schaden!

Ein Highlight ist für mich immer die monatliche Schreibwerkstatt für Jugendliche, die ich nun schon seit 10 Jahren betreue. Ich hatte ja schon davon berichtet, dass momentan ein Imagefilm produziert wird. Die Eröffnungsszene war schon zu bewundern, nun hat der „Schnittmeister“ – einer meiner Schreiberlinge – die nächste Sequenz zur Begutachtung freigegeben:

https://photos.app.goo.gl/D8PEBX1K4yf8audr9

Bin gespannt auf das Endergebnis.

Gestern war der erste Samstag, also Zeit für den Schreibzirkel und mein Highlight im Monat. Wir widmeten uns zwei Schreibaufgaben. Zunächst sollte sich jeder eine emotionsgeladene Situation vorstellen, diese aber in einem total emotionsfreien Schreibstil beschreiben. Oder umgekehrt – eine relativ unaufregende Sache wie z. B. das Ausfüllen eines Formulars mit überschwänglichen Gefühlen belegen.

Danach suchte sich jeder im Kunstbereich ein Bild aus und verfasste dazu eine Beschreibung, die dem Nachbarn dann als Vorlage diente, daraus wiederum ein Bild zu erschaffen. Hier zwei Beispiele:

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Meistens ist es so, dass anschließend, wenn fast alle schon gegangen sind, einige quasi auf dem Sprung nochmal ins Quatschen geraten und sich sehr interessante Gespräche und Diskussionen entspinnen. So auch gestern. Es ging um Feminismus in allen Schattierungen, Epochen und Ausmaßen. Eine Teilnehmerin verabschiedete sich dann mit den Worten:

Ich liebe die Gespräche nach der Schreibwerkstatt!

Ich auch.

So, und nun habe ich schon wieder Urlaub. Der letzte in diesem Jahr, danach ziehe ich durch bis Dezember.

07. September. Termine vereinbaren für Arzt-, Friseur- und ähnliche Besuche gehört nicht gerade zu meinen Stärken. Neulich lief ich durch die Marzahner Promenade und dachte, jetzt packe ich die Gelegenheit beim Schopfe und schaue mal bei meiner Friseuse vorbei, denn seit März schneide ich mir die Haare wieder selbst und weiß, dass mal wieder ein professioneller Schnitt dringend nötig wäre. Doch dort, wo ich mir immer die Haare schneiden lassen habe, ist jetzt ein türkischer Barbershop. Oder ich habe mich geirrt. Jedenfalls griff ich heute mal wieder zur Haarschneidemaschine und war auch ganz zufrieden mit dem Ergebnis bis auf ein paar überstehende Fusseln zwischen Ohren und Hals. Also setzte ich die Maschine nochmal an und fiel beim prüfenden Blick in den Spiegel fast in Ohnmacht. Eine tonsurartige kahle Stelle leuchtete mir entgegen. Du lieber Gott – was nun? So kann ich mich keinesfalls blicken lassen! Aber ich habe eine Lösung gefunden, mit der ich nun die nächsten Wochen leben muss:

Wächst ja wieder!

23. September. Nun hat die Bibliothek mich wieder fest im Griff. Gestern war mein erster Arbeitstag und am Abend dachte ich: Ich würde jetzt gerne Urlaub machen! Ganz schnell ist man mittendrin in der Tretmühle aus Bücherbergen, zu beantwortenden Mails und organisatorischen Dingen. Eine kurze Zeit schafft man es, den Urlaubsmodus und damit einhergehenden wohltuenden Abstand aufrechtzuerhalten, aber diese „Firewall“ fängt ganz schnell an zu bröseln und sich schließlich aufzulösen. Ist ja auch normal.

Einer unserer Leser hat sich mit einer Beschwerde-Mail an meine Chefin gewandt. Er findet es unverantwortlich, dass das Personal immer noch Masken trägt und das auch von den Besuchern verlangt wird. Er fordert sie dazu auf, dafür zu sorgen, dass diese gesundheitsgefährdende irrsinnige Maßnahme sofort beendet wird. Tja, da wird er noch ein Weilchen warten müssen, denn die Infektionsrate steigt im Moment wieder rasant. Mittlerweile nenne ich sage und schreibe 13 Masken mein eigen.

26. September. Draußen stürmt und regnet es. Ich habe es mir an meinem Laptop gemütlich gemacht mit Tee und Lebkuchenbrezeln. Das widerspricht total meinem Prinzip, erst ab Beginn der Adventszeit solche Leckereien zu kaufen, aber heute ist eine Packung wie von Zauberhand in meinem Einkaufswagen gelandet. Nun muss ich sie ja auch essen, oder?

Neulich hatte ich einen Anruf von einer Frau, deren Namen ich irgendwann mal im Handy gespeichert hatte. Sie begrüßte mich überschwänglich: „Renate! Schön, dass wir uns mal wieder hören! Wie gehts dir denn so? Ich wollte dir doch noch ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren! Hast du denn mal wieder jemand von den anderen getroffen?…“ usw. Wir redeten über Gesundheit, das Fernsehprogramm, tauschten uns aus über empfehlenswerte Urlaubsgegenden in Deutschland, natürlich auch Corona und vieles mehr. Währenddessen geisterte unentwegt ein großes Fragezeichen durch meine Gehirnwindungen: „Wer ist diese Frau? Woher kennt sie mich und ich sie ja offensichtlich auch, sonst hätte ich ja ihre Nummer nicht gespeichert!“ Keine Chance, die Erleuchtung blieb aus. Ich erzählte ihr von dem momentan so problematischen Prozedere rund um unsere Veranstaltungen. „Ach, du arbeitest jetzt in der Bibliothek? Bei uns in Marzahn ist auch eine, da wollte ich mich gestern zu einer Lesung anmelden, aber die war schon ausgebucht.“ Die Situation wurde immer undurchsichtiger, bis sie mich fragte: „Und? Hast du immer noch deine schönen blonden Haare?“ Spätestens jetzt war mir klar – sie hat mich verwechselt! Ich kann sie gar nicht kennen! Blieb trotzdem die Frage mit der gespeicherten Nummer. Aber auch das klärte sich auf, als sie mit Bedauern erzählte, dass sie sich so auf eine Fahrt zur Buchmesse gefreut hatte, für die sie sich in Marzahn angemeldet hatte und dann eine Absage erhielt. Ihr war nicht bewusst, dass ich diejenige bin, die diese Busfahrt organisiert hatte. Aber bei mir ging das Lämpchen an: Wegen der Buchmesse hatte ich sie als Kontakt gespeichert! Ich muss gestehen, dass ich sie nicht über den Irrtum aufgeklärt habe. Es wäre mir nach einer halben Stunde intensiven Austausches irgendwie peinlich gewesen. Allerdings wird sich die richtige Renate nun wundern, wieso meine irrtümliche Gesprächspartnerin ihr dieses Jahr nicht zum Geburtstag gratuliert hat.

30. September. Heute hat der Senat Maskenpflicht in Büros beschlossen. Am Schreibtisch sitzend ausgenommen. Private Feiern in geschlossenen Räumen sind nur noch bis 25 Personen erlaubt. Somit hat sich die Geburtstagsparty meines Mannes auch erst einmal erledigt. Ich bin hin- und hergerissen. Keinesfalls kann ich den Argumenten der Corona-Leugner folgen und die Demonstrationen tolerieren, aber es fällt mir auch schwer, immer die Notwendigkeit der Maßnahmen zu erkennen. gerade bereite ich mich auf die Veranstaltung „Musik Querbeet“ vor und möchte u.a. Michy Reincke vorstellen. Bekannt geworden ist er mit seiner Band Felix de Luxe und dem Hit „Taxi nach Paris“. Ich habe ihn mal unplugged erlebt in Fresenhagen, dem Wohnsitz von Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben. Jetzt bei der Beschäftigung mit ihm habe ich mir ein einstündiges Interview angeschaut und hätte am liebsten jeden Satz mitgeschrieben. Ein mir durch und durch sympathischer Mensch. Dann bin ich auf seinen Blog gestoßen, in dem er sehr ausführlich und ausgewogen seine Corona-kontroverse Meinung darlegt: https://michyreincke.wordpress.com/ Das hat mich wieder so verunsichert, weil ich seinen Argumenten gut folgen konnte und einfach nicht weiß, was ich denken und glauben soll. Aber egal – ich mache alles mit und folge brav den Vorschriften.

Heute bin ich mal wieder gelaufen. Das Auto ist in der Werkstatt und die BVG hat gestreikt. Das im Bau befindliche Hochhaus am Boulevard Kastanienallee sehe ich zwar sogar vom Balkon aus wachsen, aber wenn man so direkt davorsteht, wirkt es riesig und erdrückend. Die Mieter im Block davor haben jetzt gar keine Sonne mehr.

Auf dem Foto wirkt es gar nicht so eng, weil es im Weitwinkel aufgenommen wurde. Jedenfalls würde ich vermutlich ausziehen, wenn ich dort wohnen würde. Am Nachmittag stellte ich mich nach 11 Jahren mal wieder bei einem Augenarztbesuch der Realität. Das Ergebnis war ernüchternd: Gott sei Dank kein Star, welcher Farbe auch immer, aber dafür 3 Dioptrien zum Lesen. Oh oh, es geht diesbezüglich rasant aufwärts.

12. Oktober. Jetzt ist der Monat schon wieder fast zur Hälfte rum. Er hat viele Veränderungen und eine Abwärtsspirale mit sich gebracht. Die Infektionszahlen steigen und werden als bedenklich eingestuft. Es gibt neue Sanktionen wie die Sperrstunde in Berlin von 23 – 6 Uhr und das Beherbergungsverbot in einigen Bundesländern für Menschen aus Hotspot-Gebieten. Das bringt weiteren Unmut in der Bevölkerung mit sich, weil der Reise-Bewegungsradius immer enger wird. Die Verunsicherung und die Unzufriedenheit der Menschen steigen, die Toleranzbereitschaft und die Lebensqualität sinken. Wir müssen jetzt auch im Personaltrakt Masken aufsetzen und dürfen sie nur ablegen, wenn wir am Schreibtisch sitzen. Täglich rechnen wir damit, dass die geplanten Veranstaltungen abgesagt werden müssen. Corona dominiert den Alltag und wirft seine Schatten, bremst uns aus. Nichts ist mehr normal. Ich persönlich fühle mich wie ein Blatt im Wind. Mal kann ich das alles nachvollziehen und halte die Maßnahmen für richtig, mal denke ich: Es reicht! Das ist doch alles völlig übertrieben! Natürlich besteht das Leben auch noch aus anderen Aspekten und manchmal gelingt es mir auch, Corona zu vergessen. Am besten funktioniert das in der Natur und überall dort, wo man über einen längeren Zeitraum keine Maske tragen muss. Aber spätestens auf Arbeit schaut mir das Virus ständig über die Schulter. Ich muss gestehen, es nervt mich zusehends. Ich fühle mich in meiner Entscheidungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Das ist ein Weilchen zu ertragen, aber die Unabsehbarkeit seiner Verweildauer hat allerorten zunehmende Gereiztheit zur Folge. Doch wir lassen uns nicht unterkriegen! Erst letzte Woche hatten wir wieder eine sehr schöne Wohlfühllesung mit Birgit Letze-Funke.

Auch auf dem Dach der Bibliothek gehts weiter. Neulich habe ich 12 fleißige Bauarbeiter gezählt! Man bekommt immer mehr eine Vorstellung, wie schön es mal werden wird.

Und ich habe noch was total Schönes erlebt. Meine „Schreiberlinge“ haben mir zum Geburtstag, der ja schon wieder mehr als einen Monat zurückliegt, viele sehr persönliche Dinge geschenkt. Zum Beispiel einen immerwährenden Kalender. Jeder Monat wurde von jemand anderem mit viel Liebe gestaltet:

 

Es gab auch eine riesige Geburtstagstorte für mich. Und dann kam noch was ganz Besonderes dazu. Eine Teilnehmerin hatte im Vorfeld schon Papier zugeschnitten und vorgefaltet. Jeder der Anwesenden bekam einen Papierbogen und schrieb darauf einen Brief an mich. Auch ich musste einen an mich selbst verfassen. Danach wurden die Bögen zu Schachteln gefaltet und wie eine Matrjoschka ineinander gestapelt. Ganz innendrin – im kleinsten Karton – wurden winzige Zettelchen mit Wünschen an mich deponiert.

 

Es war eine große Freude und unglaublich bewegend, die Schachteln nacheinander zu öffnen, aufzufalten und die Briefe zu lesen. Mir wurden so persönliche, nette, lustige und aufrüttelnde Dinge mit auf den Weg gegeben, viele voller unglaublicher Weisheit, dass ich auch ein bisschen vor Glück weinen musste. Ich mag meine Leute sehr, auch wenn sie mich manchmal zur Verzweiflung treiben. Doch das ist in solchen Momenten vergessen und verziehen. Manche der jungen Menschen habe ich erwachsen werden sehen, fast wie meine eigenen Kinder:

Auch die Lesung mit Iny Lorentz rückt immer näher. Am 28.11. stellen sie gemeinsam mit meinen jungen Autorinnen und Autoren das Buch vor, das beim diesjährigen Storytausch entstanden ist. Antje Püpke hat das Cover gestaltet und ist gerade dabei, alles mittels Layout in Form zu bringen. Es wird ein dickes Buch, denn 31 Teilnehmer waren dabei.

Wer mehr darüber wissen möchte: https://renate-zimmermann.com/bibliothek/schreibwerkstatt-fuer-jugendliche/storytausch/10-storytausch-mit-iny-lorentz/

20. Oktober. Eine Woche später und Corona hat uns wieder fest im Griff. Jeden Tag gibts neue Einschränkungen, allerdings nur für bestimmte Gebiete. Für Berlin wurden heute folgende Maßnahmen verkündet:

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie wird die Maskenpflicht in Berlin ausgeweitet. Sie soll künftig auch für Wochenmärkte, bestimmte Einkaufsstraßen und Warteschlangen gelten, in denen der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht einzuhalten ist. Das hat der Senat am Dienstag beschlossen. In Einkaufszentren gilt die Maskenpflicht nicht nur in den Geschäften, sondern auch in den Gängen dazwischen. „Jede Person ist angehalten, dort wo es eng ist, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen“, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) nach der Senatssitzung. Gelten sollen die Maßnahmen ab Samstag. Auch bei den privaten Feiern gibt es neue Regelungen: Im Freien dürfen maximal 25 Menschen zusammenkommen, drinnen der eigene Haushalt sowie fünf andere oder maximal Menschen aus zwei Haushalten…. Gesundheitssenatorin Kalayci mahnte am Abend im rbb, ein Lockdown stehe vor der Tür. Sie appellierte, physische Kontakte zu vermeiden. „Bildung ist uns allen sehr wichtig. Auch die Arbeitsplätze sind uns wichtig. Aber man kann andere Treffen vermeiden“, sagte sie. (rbb24-Corona-Blog)

Ich habe mir mal wieder die aktuellen, absoluten Zahlen vorgenommen und in Prozentzahlen umgerechnet, die meiner Meinung nach die Dramatik relativieren:

  Welt
7.77 Mrd. EW
Deutschland
83 Mill. EW
Berlin
3.769.000 EW
Infizierte absolut 40.612.044 377.068 21.904
Infizierte in % 0,522 0,454 0,58
Tote absolut 1.121.365 9842 241
Tote in % 0,144 0,012 0,0063

Ich mache alles brav mit, aber ich bin nicht überzeugt von der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen und schon gar nicht von der Sinnhaftigkeit und dem Stückwerk in den einzelnen Bundesländern und jetzt sogar straßenzugsweise. Das ist doch absurd. Dann wäre es bundesweit doch nachvollziehbarer. Jetzt weiß niemand mehr, was erlaubt ist und was nicht. Gilt das nur für Fußgänger? Oder auch für Radfahrer? Gilt es für die gesamte Friedrichstraße oder nur für den Shoppingbereich? Dürfen meine Storytauschautoren aus Bayern im November anreisen? Und dürfen sie danach wieder nach Hause? Es blickt niemand mehr durch und vor allem kontrolliert ja auch niemand. Wieso sind Menschen im Stehen gefährlicher als im Sitzen? Nicht nur ich habe den logischen Faden verloren, es geht vielen so. Andere wiederum scheinen den besseren Durchblick zu haben und führen Argumente ins Feld, die sehr beunruhigend klingen und die Maßnahmen mehr als gerechtfertigt erscheinen lassen, mich aber dennoch in ihrer Dramatik nicht überzeugen und mir überzogen erscheinen. Dazu gehört der befürchtete exponentielle Anstieg (Schneeballprinzip), dass dann die Dynamik nicht mehr beherrschbar ist und in Windeseile keine Intensivbetten mehr frei sind und nicht 240, sondern 40.000 Berliner dem Virus zum Opfer fallen. Trotzdem kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es so schlimm werden wird. Dass jeder, wirklich jeder infiziert sein wird. Ich mag völlig falsch liegen, aber ich kann es eben nun mal nicht glauben.

Diese Einschränkungen verändern die Menschen, mal abgesehen davon, dass das Toilettenpapier schon wieder ausverkauft ist. Es finden Wesensveränderungen statt. Unbeschwertheit und Lebensfreude spürt man kaum noch, es wird weniger gelacht, die Stimmung ist getrübt. Corona ist überall präsent, dirigiert jeden Schritt, jede Entscheidung, jede Planung. Das Virus ist nicht auszublenden, in den Köpfen ist die Menschheit schon durchinfiziert. Mittlerweile staunt man fast ungläubig bei älteren Filmaufnahmen, wie nahe sich dort die Leute kamen. So war das mal? Wird es wohl jemals wieder so werden? Wir spüren jetzt alle deutlicher denn je, wie wichtig soziale und auch Körperkontakte für unser Wohlbefinden sind. Wir würden gerne einfach mal wieder spontan etwas unternehmen, ohne uns vorher anzumelden, verreisen, ohne als unerwünscht zu gelten. Ja, das alles ist nicht lebensnotwendig, aber ich kann von mir sagen, dass ich die Einschnitte in meine Entscheidungsfreiheit zunehmend schwerer ertragen kann. Und ich glaube, was uns allen am meisten zusetzt, ist die Aussichtslosigkeit, dem Ganzen entfliehen zu können.

Um so wichtiger werden solche Konstanten im Alltag wie z.B. die „Schwebenden Bücher“ und andere Veranstaltungen. Unsere Leser und auch wir sind dafür sehr dankbar. Die Plätze sind momentan so begehrt, dass wir schon bis Dezember ausgebucht sind.

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2. November. Seit Tagen schiebe ich den Eintrag vor mir her. Immer wieder gibt es Situationen, in denen ich denke: „Das muss unbedingt ins Corona-Tagebuch.“ Doch dann folgt schon der nächste Gedanke und verdrängt den vorherigen. Meine letzte Notiz ist vom 20. Oktober und hat schon einen leicht pessimistischen Grundton, ist aber noch voller Zuversicht bezüglich der bevorstehenden Veranstaltungen in der Bibliothek. Eine Woche später, am 27. Oktober, verkündet die Bundesregierung für November den sogenannten Lockdown light und cancelt somit alle geplanten Events. Für mich persönlich ist das ein Schlag ins Gesicht – Storytauschlesung mit Iny Lorentz – adé! Alle Vorbereitungen und Gedanken zum Ablauf – paff – umsonst! Ich hatte für alle Masken mit dem Covermotiv anfertigen lassen und mir vorgestellt, dass es gut ankommen würde, wenn zur Lesung die Mund-Nasenbedeckung der Teilnehmer identisch wäre.

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Auch andere kleine Goodies habe ich anfertigen lassen, die ich am Ende überreichen wollte mit der Freude am Schenken. Die muss ich mir jetzt in Gedanken vorstellen.

Schwebende Bücher mit dem Literaturhaus Berlin zu Gast – geplatzt! Lesung „Gruseln am Kamin“ mit meinen Schreiberlingen im Stadtteilzentrum Kaulsdorf – aus die Maus. Musikschulkonzert mit Textpassagen der Schreibwerkstatt zum Thema „Freiheit“ – abgesagt. Schreibzirkel und Kennenlerntreffen mit Franziska Hauser, unserer Co-Autorin für 2021 – verschoben. Das alles setzte mir mehr zu als vermutet. Ich schwankte zwischen „Ich habe keine Lust mehr“ und mich bockig in eine Ecke verkrümeln, „Ich will jetzt heulen“ und allem hoffnungslos hinterhertrauern und „ICH BIN SO WÜTEND!“ und dem Drang, mich irgendwie wehren zu wollen. Schließlich die Erkenntnis, dass nichts davon eine sinnvolle Option darstellt. Der Blick nach vorn wäre das Beste, doch da ist nichts, worauf man optimistisch hinarbeiten könnte. Hinter allem steht ein großes Fragezeichen, zumal die Politiker jetzt Stück für Stück durchblicken lassen, dass auch Ostern und darüber hinaus lange nichts wieder so sein wird, wie wir es uns wünschen.

Regelrecht sauer war ich, dass das Wort „Bibliotheken“ in der Verordnung gar nicht vorkam, weder in der Liste der zu schließenden Einrichtungen noch in der, die offen bleiben dürfen. Man hatte uns einfach mal vergessen. Merkwürdigerweise spielen Bibliotheken – wenn überhaupt – immer eine untergeordnete, nebensächliche, belächelte Rolle, obwohl sie die meistbesuchten öffentlichen Einrichtungen sind! Wir konnten unseren Lesern keine Antwort auf die häufig gestellte Frage geben, ob wir ab Montag geschlossen haben oder nicht. Wir tappten im Dunkeln. Erst in der vom Senat beschlossenen zehnten Änderung der Infektionsschutzverordnung, die am Abend des 29.10.2020 veröffentlicht wurde, hieß es dann:
“Der Leihbetrieb von Bibliotheken ist zulässig.” Also auf die reine Ausleihe beschränkt. Doch immerhin. Es ist mir natürlich bewusst, dass es viele Menschen weitaus schlimmer erwischt hat. Ich jammere – wie man so schön sagt – auf hohem Niveau. Ich verliere nicht meine Arbeit, ich habe weiterhin mein regelmäßiges Einkommen, ich habe zu essen, kann meine Miete zahlen und mir viele schöne Dinge kaufen. Und doch ist da diese unterschwellige Niedergeschlagenheit, diese Perspektivlosigkeit des selbstbestimmten Handelns, die großen Fragezeichen hinter allem, was in der Zukunft liegt, die sich breit machende Schwermut und Aggressivität.

Aber es gibt auch Schönes zu berichten. Letzte Woche habe ich mich mit zwei Zehntklässlerinnen getroffen, die auf mein Buch „Platzverweis für eine Erbse“ aufmerksam geworden sind. Sie haben für die Präsentationsprüfung das Thema „Brustkrebs“ gewählt, im Internet recherchiert und mich kontaktiert. War eine angenehme Begegnung mit den beiden. Als Dankeschön schenkten sie mir ein Notizbuch und ich ihnen mein Buch mit Widmung.

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Merkwürdig ist, dass jahrelang kein Hahn mehr nach dem Buch krähte und auch ich nur selten daran dachte. Doch in letzter Zeit häufen sich die Rückmeldungen von Frauen, die es – meist aus persönlichen Betroffenheitsgründen – mit Begeisterung gelesen haben. Diese positiven Reaktionen freuen mich natürlich immer sehr, wenn auch stets das Teufelchen auf meiner Schulter sitzt und hämisch kichert: „Bilde dir darauf bloß nichts ein! Denkst du etwa, es sagt dir eine ins Gesicht, dass ihr das Buch nicht gefallen hat?“ Doch dann hält mein Verstand dagegen: „Das ist doch Quatsch! Dann hätten sie gar nichts gesagt!“ Dieses Argument gefällt mir natürlich viel besser und wird unterstrichen durch einen Brief einer ehemaligen Kollegin, die sich von mir das Buch gewünscht hat. Sie schrieb: „Ich mag deine Ehrlichkeit über deine Gedanken und Gefühle, deine Situation, über das Verhalten anderer Menschen und über deine Leidenschaft, das Wandern.“ Und sie fragt mich, ob ich meine neue Sicht nach der Krankheit auf die Welt und das Leben beibehalten habe oder sie mir im Alltag wieder entglitten ist. Doch, sie ist noch da, diese Sichtweise. Ich kann damit manchen Situationen gelassener begegnen als andere, weil ich weiß, wie unwichtig plötzlich scheinbar Dramatisches werden kann, wenn man die Diagnose Krebs bekommt, dass Gesundheit wirklich das Allerwichtigste ist. Aber ich verbuddle diese gewonnene Weisheit oft unter vermeintlich ganz wichtigen Dingen, die unbedingt zu erledigen sind.

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Und jetzt beim Schreiben und Nachdenken darüber wird mir klar, dass ich sie dringendst freilegen sollte im Kampf gegen Corona. Mich mal wieder mehr um meine Familie und Freunde bemühen müsste, inspiriert von dieser Karte, die dem Brief beilag. Danke, liebe F., dass du mich wachgerüttelt hast! Manchmal bedarf es solcher Anstupser.

Nächste Freude: Ich hatte ja von den zu Schachteln gefalteten Briefen berichtet, die mir meine Schreiblinge zum Geburtstag geschenkt haben. In der innersten Schachtel befanden sich ganz viele kleine Zettelchen mit Wünschen an mich. Die habe ich jetzt am Wochenende mal alle entfaltet, gelesen und aufgeklebt (mittlerweile habe ich einen Ordner). Darunter waren so rührende Worte, dass ich gerne meine Leserschaft daran teilhaben lassen möchte, denn sie wärmen das Herz:

Sonnenschein, der deine Haut angenehm wärmt / ich wünsche dir eine gute Balkonernte / auf dem Nachhauseweg 10 € finden / einen angenehmen und fordernden Wanderweg / Träume, die dich zum Lächeln bringen / gutes Gedeihen deiner Pflanzen / das letzte Brötchen im Supermarkt / nicht stolpern / sanftes Aufwachen durch Vogelgezwitscher / Zeit mit Menschen, die dir wichtig sind / Kekse / ein spannendes Buch / pro Tag ein Grund zum Lächeln / You made my first Samstag im Monat / behalte die Ausstrahlung einer Sonne / dass mehr Leuten bewusst wird, was du für sie tust / dass dein Lebenswille nie abnimmt / dass du so weiter mit deinen strahlenden Augen mit uns lachst

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Vor lauter Arbeit am PC und im Kopf habe ich nämlich auch fast vergessen, wie schön es auch im November draußen sein kann. Am Wochenende war ich mit meinen Mann in den Gärten der Welt und habe dort den Herbst gefunden:

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Die laufende Bibliothekarin läuft nämlich auch schon lange nicht mehr jeden Tag zur Arbeit und zurück! Doch heute, nach meinem durch verkürzte Öffnungszeiten bedingten frühen Feierabend, bog ich spontan nicht zur Straßenbahn ab, sondern Richtung Dorf Marzahn und lief nach Hause. Grund war erstens das äußerst milde Wetter (22 Grad) und der Widerwille, nach wenigen Minuten freien Gesichtes wieder das Tuch über Mund und Nase stülpen zu müssen. Da wir ja jetzt ständig die Maske tragen müssen, wenn wir nicht gerade sitzen, freut man sich, mal wieder richtig durchatmen zu können. Es war eine Wohltat, nebenbei habe ich Audio-Geschichtsunterricht genommen (Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten) und mich an meinen bequemen, neuen Lieblingsstiefeln erfreut. Das schreit nach Wiederholung: Draußen, Bewegung, Natur, ungehinderte Luftzufuhr, Hörbuch. Corona – was war das nochmal?

14. November. Ich lese gerade „Sonderappell“ von Sybil Gräfin Schönfeldt und bin mal wieder sehr dankbar, im Hier und Jetzt zu leben. Trotz Corona geht es uns im Vergleich zu denen, die sich Anfang der 40er Jahre durchschlagen mussten, sehr gut. Es wird das Leben eines 17jährigen Mädchens im RAD (Reichsarbeitsdienst) beschrieben, das in verschiedenen Familien den Bauern zur Hand gehen musste, körperliche Schwerstarbeit leistete im Haushalt und Stall, sich um die Kinder kümmerte und es als das höchste Glück empfand, etwas zu essen zu bekommen.

Wir leben im Luxus und sind trotzdem unzufrieden und denken, schlimmer kanns nicht kommen, weil wir nicht mehr frei in unseren Entscheidungen sind. Unser Leben wird von Corona diktiert und das ist eine nicht zu leugnende Belastung. Momentan befinde ich mich mal wieder in einer „Ist-eben-nicht-zu-ändern“-Phase und nehme alle so hin, wie es kommt. Das Tragen von Bandanas ist für mich die erträglichste Art, der Maskenpflicht nachzukommen. Sie sind leicht und luftig und manchmal merke ich gar nicht, dass ich das Tuch noch vor der Nase habe. Man arrangiert sich. Es ist auch ein Hauch von Resignation dabei, denn der Dezember wird nicht anders werden, wir können froh sein, wenn die Bibliothek geöffnet bleiben kann. Schreibtreffen rücken ins nächste Jahr, für Dezember werde ich Zoom aktivieren, damit wir wenigstens mit dem nächsten Storytausch beginnen können, dem ein Kennenlerntreffen mit Franziska Hauser vorausgehen soll. Sie ist unsere Co-Autorin für 2021 und wir werden nun online die Vorgehensweise und das Thema besprechen.

Momentan sammle ich Zuarbeiten für eine digitale Präsentation unseres Romans statt der geplanten Lesung mit Iny Lorentz und versuche, so eine Art Audiotrailer für das Buch zu erstellen. Damit betrete ich Neuland (für mich), aber man kann ja nur dazulernen. Das Autorenpaar schickt mir dafür auch noch eine Videobotschaft und ein bisschen eingelesenen Text. Auf Instagram haben sie zu unserer Freude das nebenstehende Foto veröffentlicht. Das verschaffte uns gleich eine Menge Aufmerksamkeit auf Social Media.

Letzte Woche habe ich den Großteil meiner Feierabende damit verbracht, Briefe zu schreiben. Anfang Oktober überreichten mir meine „Schreiberlinge“ 22 ineinander gestapelte, zu Schachteln gefaltete Briefe an mich. Sie haben mich so nachhaltig berührt und beeindruckt, dass ich das Bedürfnis hatte, jedem Absender persönlich zu antworten. Auch die liebevollen Illustrationen sind einfach rührend! 2x habe ich mich sogar selbst entdeckt und fühle mich gut getroffen. Ich legte mir schönes Briefpapier zu und verfasste 22 Antwortbriefe. Eine wunderbare, sehr intensive und fast meditative Art der Kommunikation.

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich in dicke Decken gehüllt im nur elektrisch heizbaren Haus unserer „Datsche“. Morgen wird die Saison beendet. Wasser abdrehen, alles einpacken, was nicht überwintern kann in Garten und Haus, Kühlschrank leeren, Strom ab- und Entfeuchter aufstellen. Es war nochmal so richtig schönes Wetter am Wochenende und wir haben den Abend ein letztes Mal in diesem Jahr am Feuer ausklingen lassen. Vermutlich. Vielleicht wagen wir es, Silvester hier zu verbringen.

ES GEHT UNS SO GUT, UND DAFÜR BIN ICH DANKBAR.