10. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Tiefwerder, Freiheitswiesen, Klein-Venedig, Kirchen und Pagode

„Werden also nicht zu Recht die glücklich genannt, die nichts brauchen?“ (Platon) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Eine Stadtkarte mit markierten Straßen, Gewässern und umliegenden Gebieten.

Am 3. September war ich südlich der Heerstraße in Pichelsdorf und Pichelswerder unterwegs und hatte meine Fühler auch schon in Richtung Tiefwerder Wiesen ausgestreckt. Heute ist geplant, dort weiterzulaufen und das Gebiet bis hoch zur Ortsteilgrenze Spandau zu erkunden. Eine kleine Tour, die an Vielfalt aber kaum zu übertreffen ist. Mein Sohn Georg begleitet mich und resümiert am Ende: „Hier findet man alles, was Berlin ausmacht, auf kleinstem Territorium wieder: typische Berliner Mietshäuser mit einem Flair von Wedding und Reinickendorf, Industrie, Handel, vielbefahrene Hauptstraßen, ruhige Nebenstraßen, Sandwege, dörfliche Siedlungen, Wasser, Wald, Felder, Wiesen, konfessionelle Einrichtungen wie Kirchen und Pagode, Kleingartenkolonien. Egal, welches Umfeld man bevorzugt, auf diesem Fleckchen Erde ist für alle was dabei.“

Wir beginnen an der Freybrücke und tauchen ab in die Ruhe der Tiefwerder Wiesen, links die Havel, auf der gerade die „Heiterkeit“ hinweggleitet.

Ein Fahrgastschiff mit dem Namen "HEITERKEIT" fährt auf einem ruhigen Gewässer, umgeben von Bäumen und grüner Vegetation.

Die Passagiere folgen dem schönen Brauch, Passanten an Land zuzuwinken und wir winken fröhlich zurück. Einen besseren Start kann man sich ja gar nicht wünschen! An der Stelle, die als Klein-Venedig bezeichnet wird – einem Labyrinth aus schmalen, teils nur knietiefen Wassergräben und Kanälen mit kleinen Stegen und Brücken, überqueren wir den Kleinen Jürgengraben und stehen direkt auf der Tiefwerder Dorfstraße. Am Ufer wird gerade ein Haus errichtet, das die an den Streewald erinnernde Idylle empfindlich stört:

Blick auf einen Fluss neben einer Baustelle umgeben von Bäumen und Pflanzen.

Ein Polizist radelt auf einem soliden, aber ziemlich in die Jahre gekommenen Rad gemütlich an uns vorbei, während wir mit neugierigen Blicken die Eindrücke in uns aufsaugen.

Es gäbe viel zu erzählen über die Geschichte dieser Gegend, zu der Tiefwerder gehört und durch die Verlegung der Siedlung Kietz bevölkert wurde. Kietz wurde mit dem Bau der Festung Spandau 1560 abgerissen und am Südufer der Havel wieder errichtet. Nur wenige Menschen lebten dort, um 1800 waren es 183 Einwohner. 1813 brannte die Siedlung nieder und wurde erneut verlegt, nämlich nach Tiefwerder, dessen Name übernommen wurde. Hier entstand nun ein Straßendorf, von dessen Häusern nur wenige erhalten sind. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts veränderten bis zu dreigeschossige Mietshäuser das Bild. Industrie siedelte sich nicht an, aber es ließen sich Wassersport- und Angelvereine nieder, Ausflugslokale entstanden und Gartenkolonien. Einiges davon ist immer noch vorzufinden:

Pichelswerder zählte zu Pichelsdorf und gehörte damit bis 1920 zum Kreis Osthavelland. Seit Mitte des 18. Jh. befanden sich hier Holzlagerplätze. Später kamen einige wenige Wohngebäude und etliche Gaststätten dazu, denn die Insel wurde immer beliebter bei den Berliner Sommerfrischlern. Heute – ich hatte es schon beschrieben – okkupieren Boots-, Ruder- Segel- und Kanuclubs die Ufergrundstücke. Da es früher keine Brücken gab, mussten die Pichelsdorfer Weidetiere jeden Tag durch den Pichelsee schwimmen, um die Weiden auf dem Werder zu erreichen. Abends gings dann den gleichen Weg zurück in den Stall. Von grassierenden Seuchen blieben diese Tiere verschont, gestärkt durch die täglichen Schwimmstunden.

Eine völlige Veränderung des südlichen Pichelswerder war 1913 mit einem Nationalpark und der Errichtung eines Reichsehrenmals vorgesehen. Der Architekt Arnold Hartmann hatte dafür einen Entwurf vorgelegt in Zusammenarbeit mit dem Gartenbaudirektor Erwin Barth. Geplant war eine Nord-Süd-Verbindung von der Heerstraße bis zur Inselspitze mit abzweigenden Kolonnadengängen zu den umgebenden Seen und einem Rondell in der Mitte. Die Inselspitze sollte ein großer Versammlungsplatz mit dem Reichsehrenmal zieren auf einer hohen Treppenanlage. Verwirklicht wurde eine Freilichtbühne auf der Nordseite Pichelswerders am Abhang zu den Tiefwerder Wiesen. Sie wurde auch 1911 bespielt mit dem brandenburgischen Festspiel „Albrecht der Bär“ und 1934 mit dem Stück „Hermannsschlacht“ von Heinrich von Kleist. Es gab sogar Überlegungen, den Zoo aus der Innenstadt hierher zu verlegen.

Es ist schwierig, heutzutage die Halbinseln Pichelsdorf und auch Pichels- und Tiefwerder in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen, denn die 1908 angelegte Heerstraße zerschnitt beide in zwei Hälften und damit auch die einheitliche Entwicklung des Dorfes. Man muss sich diese Gegend wie ein Puzzle vorstellen und sich immer vor Augen führen, dass die Teilchen Pichelsdorf südlich der Heerstraße und nördlich davon (hier war ich noch nicht), Pichelswerder südlich der Heerstraße und Tiefwerder nördlich davon zusammen betrachtet werden sollten. Dann gibt es noch Pichelsberg, das allerdings zu Charlottenburg gehört.

Nach diesem kleinen Exkurs kehren wir zurück auf die Dorfstraße 5 in Tiefwerder zum Ballhaus Spandau.

Es gehört zu den ältesten durchgehend betriebenen Rockdiskotheken Europas und blickt auf eine ungewöhnlich vielschichtige Geschichte zurück. Die Räumlichkeiten entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst als klassisches Tanzlokal, wurden jedoch in der Zeit des Nationalsozialismus auch als Tagungs- und Veranstaltungsort der NSDAP genutzt, wobei sogar Hermann Göring das Gebäude besuchte. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es zunächst als Gemeindezentrum, bevor es wieder zu einem Tanzlokal wurde. 1971 begann die moderne Ära des Ballhauses als Rockdiskothek. In den frühen 1970er Jahren wurde die Musik zunehmend härter und rockiger, wodurch sich der Ort als Treffpunkt für Fans von Hardrock, Heavy Metal und Punk etablierte. Das Ballhaus wurde zu einer wichtigen Bühne für junge Bands: Die DDR‑Band City spielte hier bei ihrem ersten Auftritt im Westen, und viele weitere Gruppen hatten dort ihre frühen Konzerte. Besonders prägend ist die Begegnung von Bela B. und Farin Urlaub, die sich im Ballhaus kennenlernten und später Die Ärzte gründeten. Heute werden meist Klassiker der Rockgeschichte gespielt, die Wände tragen seit Jahrzehnten die Originalplakate legendärer Rockstars, denn am Ambiente wird bewusst nichts verändert.

Ein Stück weiter wundern wir uns über den Namen „Arizona-Schützen“ auf einem Holzschild. Wieso Arizona? Üblicherweise tragen Schützenvereine Namen des Ortes, in dem sie angesiedelt sind. Ist das noch ein Überbleibsel der Alliierten? Und außerdem war das doch hier britische Zone. Ich konnte dazu nichts finden außer der KI-Spekulation, dass sich zur Zeit der Gründung des Vereins viele in Westberlin von der amerikanischen Kultur und dem Wilden Westen inspirieren ließen. Ist ja eigentlich auch egal. Viel interessanter ist nämlich ein Banner mit einem Text in kyrillischer Schrift neben dem Eingang des Vereinshauses, das im Kontext zu Arizona noch merkwürdiger erscheint.

Wären früher mühsame Übersetzungsversuche nötig gewesen, spuckt die KI in Sekundenschnelle den deutschen Text aus. Es handelt sich um ein Gedicht des serbischen Dichters Aleksa Šantić aus dem Jahr 1908 mit folgendem Inhalt:

Meine Heimat: Ich weine nicht nur mit dem Schmerz meines eigenen Herzens | Wegen dieses armen und nackten Landes | Mich schmerzen alle Wunden meines Volkes | Und meine Seele leidet und schluchzt mit ihm. | Hier, im Schmerz des zerrissenen Herzens | Trage ich die Flüche aller Leiden und Qualen | Und das Blut, das von den Händen der Feinde tropft | Ist mein eigenes Blut aus meinen Wunden. | In mir jammern die Seelen von Millionen | Mein jeder Seufzer, jede schmerzhafte Träne | Ruft und fleht mit ihrem Schmerz… | Und überall, wo eine serbische Seele ist | Dort ist sie, meine Heimat | Mein Zuhause und mein eigener Herd.

Es geht hier um die Bosnische Annexionskrise. Obwohl Bosnien und Herzegowina seit 1878 unter österreichisch-ungarischer Verwaltung standen, wurden sie im Oktober 1908 von Kaiser Franz Joseph I. offiziell annektiert. Das löste massive politische Spannungen aus. Doch was hat das alles mit dem Schützenverein in Tiefwerder zu tun? Dass dieses Gedicht dort hängt, hat einen ganz pragmatischen und zugleich geschichtlichen Hintergrund. Das Vereinsgelände am Tiefwerderweg 14 wird nicht nur von klassischen deutschen Schützenvereinen wie den Arizona‑Schützen Berlin oder dem Schützen‑Club Spandau genutzt, sondern dient seit Jahren auch als wichtiges Vereinsheim und kultureller Treffpunkt für die serbische Diaspora in Berlin. Auf dem Gelände finden regelmäßig Feierlichkeiten, Folklore‑Abende, Kulturveranstaltungen und Feste der serbischen Gemeinde statt, für viele in Berlin lebende Serbinnen und Serben ist dieser Ort ein sozialer Ankerpunkt, an dem Identität, Sprache und Tradition gepflegt werden. Das Gedicht drückt das Gefühl aus, dass Zugehörigkeit nicht an einen geografischen Ort gebunden ist, sondern im eigenen Inneren weiterlebt. Worüber man sich doch alles so seine Gedanken macht.

Doch nun rückt der Südhafen ins Blickfeld und lockt uns mit sehr interessanten Gebäuden aufs Gelände, die die Einfahrt flankieren.

Wir „fachsimpeln“ über das Baujahr und pendeln uns auf die 1920er Jahre ein, ich setze noch eins obendrauf und behaupte zu erkennen, dass sie mit Sicherheit in der Denkmaldatenbank zu finden sind. Meine Recherche ergibt, dass wir mit dem Baujahr völlig danebenlagen (1954-1959), aber denkmalgeschützt sind sie. Das eine dient vermutlich heute noch als Pförtnerwohnhaus, das kleinere Gebäude ist ein ehemaliges Waage-, Abfertigungs- und Pförtnergebäude. In dem einen wohnen, im anderen arbeiten mit 15 Sekunden Arbeitsweg – traumhaft!

Das Hafengelände (BEHALA – Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft) ist nicht allzu groß und wird von Kränen beherrscht, außerdem zieht sich ein Bahngleis am Rand entlang, führt an einem Häuschen vorbei, das im Boden zu verschwinden droht und verlässt das Hafengelände hinter dem Pförtner-Wohnhaus durch einen Zaun.

Der Südhafen liegt auf einer künstlich entstandenen, hochwasserfreien Halbinsel, die zwischen 1906 und 1911 durch Begradigung der Havel und den Ausbau des Großschifffahrtswegs Berlin–Stettin geschaffen wurde. Bei seiner Eröffnung 1911 war er der erste Hafen der Region mit Gleisanschluss. Es gibt einen aktiven Unterhafen (hier stehen wir gerade) und einen weitgehend brachliegenden Oberhafen. Trotz rückläufiger Umschlagsmengen seit den 1990er Jahren zählt der Südhafen weiterhin zu den wichtigsten Güterumschlagplätzen Berlins, vor allem für Erze, Steine, Erden, chemische Produkte und Papierrollen für die Spandauer Druckerei.

Der Oberhafen wird heute teils anderweitig genutzt, etwa durch eine Kosmetikfabrik oder zeitweise als Container‑Flüchtlingsunterkunft. Zwischen Bezirk und Senat gibt es Konflikte über die künftige Nutzung des Oberhafens, den der Senat als letzte große Potenzialfläche eines Berliner Binnenhafens betrachtet. Der dortige Kran ist weithin sichtbar und wird sich vielleicht irgendwann wieder bewegen. Eine Gewerbestraße führt in Richtung Oberhafen, ist allerdings nicht bis zum Ende begehbar. Dafür gibt es dort andere Dinge zu entdecken: das Secondhand-Kaufhaus Fundgrube, betrieben von der Diakonie Johannesstift, einen Schrotthandel, geschredderten Beton und weitere Firmengebäude.

Auf der Schulenburgstraße fallen mir Gleise im Boden auf, die hier enden, aber wohl auch nie den Weg zum Südhafen genommen haben. Wenn ich richtig liege, sind das Überreste der Spandauer Industriebahn, die ursprünglich der Vernetzung verschiedener Industriegebiete sowie die Hafenanlagen hier in Tiefwerder dienten. Viele Fabriken wurden inzwischen stillgelegt, so dass die Gleise gekappt wurden und scheinbar ziellos am Gehweg enden.

Blick auf eine Straßenkreuzung mit Schienen auf gepflastertem Boden und einem Transporter im Hintergrund.

Wir folgen dem Tiefwerderweg entlang einer Kleingartenanlage, in deren Mitte sich die Kapelle der Adventgemeinde Spandau befindet. Leider kommen wir noch nicht mal bis zur Eingangstür, denn schon vorher verwehrt uns ein verschlossenes Tor den Zutritt zum Gelände. So blicken wir also neugierig über den Zaun und überlegen, worin sich diese Glaubensgemeinschaft von anderen christlichen Gruppierungen unterscheidet. Auf ihrer Webseite steht: „Die Siebenten-Tags-Adventisten  sind eine protestantische Freikirche mit über 20 Millionen Mitgliedern in 215 Ländern der Erde. Mit allen Christen teilen wir den Glauben an Jesus, der durch seinen Tod und seine Auferstehung allen Menschen, die an ihn glauben, die Möglichkeit des ewigen Lebens gibt. Entsprechend seiner Zusage glauben wir, dass er wiederkommen und eine neue Erde schaffen wird. Daher kommt auch der Name Adventisten (lat. adventus: Ankunft).“ Das glauben ja „normale“ evangelische Christen auch. Was ist also anders? Als Werte im Handeln dem Anderen gegenüber werden genannt: „Gabenorientierter Dienst, Gebet, Liebe, Bevollmächtigende Leitung, Kulturrelevanz, Hingabe, Gemeinschaft„. Die Bewegung entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA im Umfeld des Second Great Awakening, einer Erweckungsbewegung, aus der auch Baptisten und Methodisten hervorgingen. Evangelische Kirchen hingegen definieren sich historisch über die Reformation und die Orientierung am Evangelium. Viele Adventisten vertreten arminianische Glaubensüberzeugungen, also die Vorstellung, dass der freie Wille des Menschen eine Rolle in der Erlösung spielt. Die Taufe findet deswegen auch nicht gleich nach der Geburt statt, sondern der Täufling muss das selbst entschieden haben. Ein weiterer Unterschied zu evangelischen Landeskirchen besteht darin, dass die Freikirchen unabhängig von staatlichen oder traditionellen kirchlichen Strukturen sind und sich somit nicht über Kirchensteuer finanzieren.

Diese Gemeinde verfügt momentan nur über 90 Gläubige, allerdings haben die Freikirchen, zu denen auch die Baptisten und Methodisten gehören, etwas weniger unter Mitgliederschwund zu leiden als evangelische und katholische Gemeinden.

Wir wandern weiter und nähern uns der Ruhlebener Straße und damit der Grenze zum Ortsteil Spandau. Hier haben wir die Beschaulichkeit von Tiefwerder endgültig hinter uns gelassen und befinden uns plötzlich mitten in der Großstadt mit all den typischen Merkmalen wie Verkehrslärm, Baustellen, hohen Mietshäusern, Industriegebieten, Gewerbeflächen und vielen Menschen.

Hier findet sich die nächste kirchliche Einrichtung, nämlich die Landeskirchliche Gemeinschaft – Evangelische Berliner Schriften-Mission.

Das nächste Fragezeichen tut sich auf: Was ist denn das nun wieder, eine Schriften-Mission? Ich bin zwar getauft und nicht völlig berührungsfrei von Religion, lerne aber auch hier wieder viel dazu.

Landeskirchliche Gemeinschaften sind evangelische Gemeinschaftswerke, die parallel zu den örtlichen Kirchengemeinden bestehen. Sie gehören nicht zu den Freikirchen, sondern arbeiten innerhalb der evangelischen Landeskirche, allerdings mit einer stärker bibelorientierten, oft pietistisch geprägten Frömmigkeit. Ihre Gottesdienste und Bibelstunden sind eigenständig organisiert, und viele Mitglieder besuchen sowohl die Gemeinschaft als auch die örtliche Kirchengemeinde. Historisch entstanden sie im 19. Jahrhundert aus Erweckungsbewegungen, die eine persönlichere Frömmigkeit und intensivere Bibelauslegung betonten.

Die Evangelische Berliner Schriften‑Mission ist ein solches Gemeinschaftswerk im Raum Berlin. Sie versteht sich als missionarische Einrichtung, die evangelistische Literatur verbreitet, Bibelarbeit fördert und Menschen zum Glauben einlädt. Anders als das große Berliner Missionswerk, das internationale ökumenische Partnerschaften pflegt, arbeitet die Schriften‑Mission vor allem im Inland und richtet sich an Menschen ohne kirchliche Bindung. Ihr Schwerpunkt liegt auf persönlicher Glaubensvermittlung, Bibelstunden, Hauskreisen und der Weitergabe christlicher Schriften.

Merkwürdigerweise macht das Territorium von Wilhelmstadt noch einen Schlenker über die Heidereuterstraße, man kann auch sagen – zum Glück, denn jetzt erwarten uns sehr viele Überraschungen. Zunächst wartet eine Front expressionistisch geprägter Mietshäuser der 1920er Jahre auf uns mit verklinkerter Sockelzone und markanten. vertikalen Treppenhäusern.

Nur die Haustüren passen bis auf eine überhaupt nicht! Sie scheinen in den 1970er / 1980er Jahren nachgerüstet worden zu sein, ohne einen Gedanken an die Stilsicherheit zu verschwenden. Es folgen Ein- und Zweifamilienhäuser, Balkone mit Stützpfeilern aus Holz, ein riesiger Bürokomplex, Ikea und Kaufland. Durchwachsener geht es ja wohl kaum!

Doch nun kommt das absolute Highlight des Tages und katapultiert uns direkt nach Vietnam. Inmitten dieser durchmischten Straße, gegenüber von Ikea und Kaufland steht die LINH THUU Pagode der Vietnamesischen Buddhistischen Gemeinschaft in Berlin. Mit fallen fast die Augen aus dem Kopf, als wir uns Schritt für Schritt an dem Eckgrundstück entlang dem Haupteingang nähern und ich habe das Gefühl, man wird häppchenweise gefüttert und vorbereitet, um an Ende vor Staunen nicht in Ohnmacht zu fallen. Schon die Buddha-Figuren im Vorgarten lassen mich daran zweifeln, wirklich in Berlin unterwegs zu sein, doch Georg hat schon mehr erspäht und lockt mich mit den Worten um die Ecke: „Warte mal ab! Da kommt noch mehr!“ Wie recht er hat! Der lange Zaun wird von einem großen, Tor durchbrochen. Da nicht abgeschlossen ist, treten wir ein und stehen klein wie Ameisen der buddhistischen Bodhisattva Guanyin gegenüber – der Göttin der Barmherzigkeit. Sie gilt als Symbol für grenzenloses Mitgefühl und Weisheit. Mit offenem Mund versuchen wir, diesen überwältigenden Anblick zu verarbeiten. Nicht nur die Marmor-Statue, auch andere Skulpturen, eine Minipagode, Gefäße, Bänke, ein Bachlauf, eine Brücke, üppige Blumenbeete, ein goldenes Tor zum Platz vor der Pagode, aber auch leise Musik aus unsichtbaren Lautsprechern lullen uns ein und machen uns sprachlos. Wir kompensieren diese Reizüberflutung mit fotografieren und entdecken beim genaueren Hinsehen immer mehr Details. Es ist unbeschreiblich, was das mit einem macht.

Wieder draußen, atmen wir tief durch, um wieder in der Realität Fuß zu fassen und fragen uns, wieso die Menschen immer wieder Abbilder ihrer Götter schaffen müssen. Fällt ihnen dann die Anbetung leichter? Im Judentum und Islam ist das verboten, weil Gott als vollkommen transzendent gilt und kein menschliches Bild ihn angemessen wiedergeben kann. Im Judentum ist dieses Verbot im zweiten Gebot verankert, im Islam ergibt es sich aus der Vorstellung, dass jede bildliche Darstellung Gottes oder der Propheten zu Götzendienst führen könnte. Auch im frühen Christentum gab es zeitweise eine starke Skepsis gegenüber Bildern, doch setzte sich später eine breite Ikonentradition durch, besonders in der katholischen und orthodoxen Kirche. In der orthodoxen Tradition sind Ikonen zwar erlaubt, aber streng geregelt, weil sie nicht Gott selbst darstellen, sondern als geistliche Fenster verstanden werden. Es wird argumentiert, dass Gott längst selbst lebendige Abbilder von sich erschaffen hat – den Menschen. Im Buddhismus scheint es kein Widerspruch zu sein. So unterschiedlich ist das, aber der Hang zur bildlichen Darstellung ist den Menschen offensichtlich nicht auszutreiben.

Wir finden, dass es nun Zeit wird, so langsam dem pulsierenden Großstadtleben wieder den Rücken zu kehren. Uns steht noch ein Stück Teltower Straße bevor, der Schwarze Weg muss noch begangen werden und zum Schluss ein langes Stück der Havelchaussee. Der Schwarze Weg ist ein Teil der Tiefwerder Wiesen und führt an Kleingärten vorbei bis zum Tiefwerder Weg.

Die Blockbebauung der Teltower Straße bildet mit den Häusern an der Ruhlebener Straße und dem Elsgrabenweg ein einheitliches Ensemble mit einer Stichstraße in den Innenbereich, die mit kleinen Einfamilienhäusern gesäumt ist.

Luftaufnahme eines Stadtgebiets mit mehreren Straßen und Wohngebäuden, einschließlich der Teltower Straße und Elsgrabenweg, umgeben von Bäumen und Grünflächen.

Es handelt sich um einen Bautyp im Stil des Neuen Bauens, den man in Berlin an vielen Stellen vorfindet. Diese Häuser der sogenannten Klassischen Moderne wurden in der Zwischenkriegszeit der 1920er -1930er Jahre errichtet. Markante Klinkerelemente schmücken die Fassade, die ansonsten frei von ornamentalem Schmuck der Gründerzeit ist. Man setzte auf geometrische Schlichtheit und das Wechselspiel von glattem, hellen Putz und roten Klinker-Applikationen. Die Wohnungen sind gut belüftet mit Bezug ins Grüne, was auch hier gegeben ist.

Die Teltower Straße geht über in die Havelchaussee, die nun wiederum die Grenze zu Charlottenburg mit der Murellenschlucht und Schanzenwald bildet. Linkerhand erstreckt sich das Gelände eines Bogensportvereins, an manchen Stellen kann man sogar den Trainierenden zuschauen. Die Fußgänger haben sich mit einem Trampelpfad das Recht erkämpft, der Straße auch laufend zu folgen, den wir dankbar nutzen.

Unser Ziel ist die Stößenseebrücke, zu der die Havelchaussee u.a. am Wasserwerk Tiefwerder, dem Videoproduktionsdienst Havelstudios und dem Fischereiamt vorbeiführt. Auf der Brücke endet unsere kurze, aber erlebnisreiche Tour.

In der nächsten Woche habe ich Urlaub, ich werde mit einer Freundin ein paar Tage in Meiningen verbringen. Deswegen pausieren meine Berichte eine kurze Zeit. Am 21. September gehts weiter mit dem nördlichen Teil von Pichelsdorf.

Kommentar verfassen