07. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Siedlung am Weinmeisterhornweg, Amalienhof, Laurentiuskirche und Rieselfelder

„Viele Dinge können wir nur mit Freunden genießen – das Lesen jedoch allein. Während wir allein in einem Raum sitzen, können wir die ganze Welt an uns vorüberziehen lassen…“ (Kaibara Ekiken) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Eine Stadtkarte mit eingezeichneten Straßen, Haltestellen und einem Standortmarker in der Mitte.

Der Teil von Wilhelmstadt, den ich mir für heute vorgenommen habe, macht mich zur dreifachen Grenzgängerin – ich remple Staaken ein bisschen an, bewege mich auf der Grenzlinie zu Brandenburg und überschreite die Linie zu Gatow, weil mir dort noch ein Stück Potsdamer Chaussee fehlt. Der Tour-Abschnitt befindet sich südlich der Heerstraße, einerseits mit Siedlungen, die Ende der 1920er Jahre entstanden, andererseits in Richtung Staaken und des ehemaligen Guts Amalienhof erst um die 1960er Jahre herum bebaut. Auch Rieselfelder gehören dazu, die sich Wilhelmstadt mit Gatow teilt. Ich beginne auf der Heerstraße und folge ihr bis zur Sandstraße, deren eine Hälfte schon zu Staaken gehört.

Die Hochhäuser, an denen ich vorbeilaufe, fügen sich recht harmonisch ein ins Straßenbild. Sie werden abgelöst durch Kleingärten mit dem Namen „Kolonie Kirchengelände“, für mich ein Hinweis, dass eine Kirche in der Nähe sein muss. Scharf kombiniert, wie ich gleich darauf merke, als ein wirklich sehr schlichtes, leicht zu übersehendes Holzkreuz mitten im Gebüsch auftaucht und wenig später eine Hinweistafel „Evangelische Weinbergkirchengemeinde – Laurentiuskirche“ unmissverständlich den Weg weist.

Sie entstand zwischen 1956 und 1958 als modernes Gemeindezentrum nach Plänen von Wilhelm Lehrecke und wurde 1958 eingeweiht. Der freistehende Glockenträger kam 1961 hinzu und trägt eine einzige Glocke von 1926 aus der Apoldaer Gießerei Schilling. Vor dem Eingang erinnert ein Mosaik an den Kirchenpatron Laurentius sowie an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und das Jesuswort „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ – ein bewusster Bezug zur hiesigen historischen Weinbaugegend. Der Gottesdienstraum verfügt über rund 150 Plätze, eine Walcker-Orgel, einen Bechstein-Flügel, einen Häuptlingssitz aus afrikanischen Edelhölzern, ein Geschenk der Gemeinde in Tokoradi, sowie das von Waldemar Otto geschaffene Taufbecken mit einer Darstellung der Fußwaschung Christi.

Eine Zufahrt führt mich an einem Parkplatz vorbei zum Glockenturm neben dem Kirchenflachbau. Alles wirkt ziemlich verlassen, trost- und lieblos, einzig das bunte Mosaik an der Fassade und die Blumenrabatten davor hellen das Bild ein wenig auf. Vielleicht basiert der Eindruck auf dem verwitterten Beton, der heute perfekt mit dem grauen Himmel korrespondiert. Dass die Tür verschlossen ist, passt zum Gesamteindruck. Auf dem hinteren Teil des Grundstücks befindet sich ein Kindergarten, eine übliche Kombination. Meine Verweildauer nicht unnötig ausdehnend, marschiere ich also zurück auf die Heerstraße und biege von dort am italienischen Restaurant Verona links in die Sandstraße ein.

Dass hier Staaken beginnt, merkt man spätestens, wenn man sich diesen Übersichtsplan anschaut:

Stadtplan von Staaken mit farbkodierten Markierungen für Schulen, Kindergärten, Freizeitstätten und andere wichtige Orte.

Darauf freue ich mich zwar schon, vor allem wegen der Gartenstadt, aber heute ist das für mich eine No-go-Area. Während rechts Einfamilienhäuser die Straße zieren, ragen links Mehrgeschosser auf, die über Seitenstraßen fußläufig verbunden sind. Misstrauisch beäugt von einem Hausmeister, der gerade die Mülltonnen zur Leerung auf die Straße schiebt, schaue ich mich auch mal auf den Höfen um und fühle mich sehr an Marzahn-Hellersdorf erinnert. Es gibt große Flächen naturnahen Erholungsraumes, Spielplätze und Bänke, so dass genug Luft zum Atmen bleibt und auch dem Auge etwas geboten wird. Mittig ist ein Seniorenwohnheim integriert.

Wenn auch auf den ersten Blick nichts Spektakuläres zu entdecken ist, lohnt es sich, trotzdem genau hinzuschauen. Auf Staakener Seite setzt sich hinter den Häuschen die Hochhausbebauung fort, deren Gegensätzlichkeit Fotografen spannende Motive liefert. Ich bin zwar keiner, greife aber trotzdem zum Handy und knipse. Ein Installateur-Geschäft versucht, mit humorvoller Auslage im Schaufenster potentielle Kunden anzulocken:

Über die Siedlung An der Karolinenhöhe trifft die Sandstraße auf den Weinmeisterhornweg, der mit seinen zwei Kilometern Länge an der Scharfen Lanke beginnt und den ich dort auch schon ein Stück gelaufen bin. Er zieht sich quer durch Staaken bis zur Heerstraße, so dass ich ihm heute und dann noch auf einer dritten Tour begegnen werde. Hier auf diesem Abschnitt ist er geprägt von Einfamilienhäusern, der Grundschule am Amalienhof, einem nagelneuen Spielplatz mit einer Armada von Eichhörnchen und einer Seniorenwohnanlage.

Hier beginnt das Gebiet des Amalienhofes, dessen weitaus größerer und bedeutenderer Teil auf Staakener Gebiet beheimatet ist, wo sich noch ein Gutshaus im Kern dieses früheren Gutes befindet. Trotzdem werde ich neugierig und schaue nach, was sich dazu an Informationen finden lässt.

Der Amalienhof in Staaken entwickelte sich ab 1836, als der Rittmeister Ludwig von Klitzing das zuvor verpachtete Gelände übernahm und damit die bauliche Entwicklung des späteren Gutshofensembles einsetzte. 1855 wurde der Besitz mit dem benachbarten Seeburger Lehnschulzengut vereinigt, bevor das Anwesen 1860 unter Moritz Gerhard Reimer den Namen Amalienhof erhielt – vermutlich nach dessen erster Frau Amalie, was dem im 19. Jahrhundert verbreiteten Muster entspricht, Landgüter nach Familienangehörigen zu benennen. Reimers Nachfolger Adolph Berendes ließ ab etwa 1865 das spätklassizistische Herrenhaus errichten und einen Landschaftspark anlegen mit geschwungenen Wegen, Aussichtshügel, Einfriedungen und Schmuckpflanzungen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmte Julius Lazarus das Gut für die Nutzung als Altenheim und übergab es der Kaiser‑Friedrich‑Stiftung, die den Amalienhof bis 1955 behielt. Danach übernahm das Land Berlin die Anlage und nutzte das Herrenhaus ab 1958 als Landschulheim, wofür es baulich angepasst wurde. Der historische Park verlor seine Struktur durch Teilverkäufe, Nutzungswechsel und mangelnde Pflege. Nach der Wiedervereinigung zog die British International School ein, bevor ab 2007 die International School Villa Amalienhof den Schulbetrieb übernahm und Gutshaus wie Park erneuerte. Seit 2017 gehört der Standort zur SIS Swiss International School.

Ein weiterer Grund, mich auf Staaken zu freuen! Meine Füße tragen mich weiter, immer an der Grenze zu Staaken entlang in Richtung Landesgrenze, vorbei an der Reitschule am Weinmeisterhorn, deren Ländereien vielleicht früher auch zum Gebiet des Amalienhofes gehört haben. An einem Zaun hängen Steckbriefe zu verschiedenen Pferden, aus denen die Liebe zu den Tieren spricht und neugierig auf sie macht.

Vom Reiterhof führt ein Feldweg hoch zur Stadtgrenze und somit Mauerweg, der am seiner brüchigen Teerdecke erkennen lässt, dass das früher mal ein mit Steinen befestigter Ackerweg war, was ich viel schöner finden würde. Aber Radfahrer vermutlich nicht! Es fängt an zu pieseln und das wird auch in der nächsten Stunde nicht aufhören. Viel ist es nicht, was an Feuchtigkeit vom Himmel fällt, aber steter Tropfen macht trotzdem nass, weswegen ich mir mein leuchtendes Erdbeercape überstülpe. Mich plagt der Hunger und ich beschließe, trotz des Wetters eine Rast am Wegesrand einzulegen, alte Holzpaletten bieten eine perfekte Sitzfläche. Allerdings sitze ich nun etwas versteckt hinter Hecken und ich könnte mir vorstellen, dass sich gelegentlich vorbeijoggende oder radelnde Menschen erschrecken, wenn da plötzlich ein stullenkauendes Erdbeerfeld ins Sichtfeld gerät. Deswegen rufe ich jedesmal rechtzeitig: „Nicht erschrecken!“ und habe das Gefühl, dass einige dankbar für diese Warnung sind.

Immer noch auf der Grenze tänzelnd, heißt es nun, einen sehr langen Abschnitt der schnurgeraden Potsdamer Chaussee folgen zu müssen, weit nach Gatow hinein, weil mir hier noch ein Stück fehlt. Eine Stele erinnert an die Mauertoten und an dieser Stelle speziell an Wladimir Iwanowitsch Odinzow, ein russischer Soldat, der 1979 auf der Dorfstraße in Seeburg erschossen wurde.

Alternativlos muss ich auf demselben Weg zurück, aber nur bis zur Einmündung der Straße 270, eine der No-Name-Straßen, die die Rieselfelder durchkreuzen und eigentlich Feldwege sind. Ich freue mich über diese Abwechslung, weg von der lauten Chaussee und hinein in die mir inzwischen sehr vertrauten und geschätzten Rieselfelder. Auch wenn der Himmel hin und wieder den Tag beweint, genieße ich diese wunderschöne Kulturlandschaft und an Kreuzungen den Blick auf Baumalleen, die ich tapfer unbegangen zurücklasse.

An der Gatower Straße endet die Straße 270, von dort aus komme ich nun zum zweiten Teil der Tour – ein Siedlungsgebiet zwischen Wilhelm-, Heer- und Gatower Straße aus den Jahren 1928/1929. Seine geometrische Anordnung macht es mir leicht, alles zu erfassen, indem ich mich wieder wie in einem Stopfmuster durch die Straßen bewege. Erst alle längs, dann alle quer. Besondere Highlights gibt es nicht zu verzeichnen, es sind eben ganz normale Häuser, manche eher einfach, andere etwas ausladender und auffälliger. Die Wilhelmstraße spielt dabei als B2 eine etwas dominantere Rolle, denn sie führt später als Potsdamer Chaussee aus der Stadt heraus und ist entsprechend stärker frequentiert. Es folgen ein paar Schnappschüsse von Häusern und anderen Motiven, die meine Aufmerksamkeit geweckt haben:

Erstaunlicherweise bin ich nun schon fertig, alle Straßen sind begangen und zwanzig Kilometer geschafft. Perfekt, dann habe ich heute also mal eher Feierabend. Nun freue ich mich schon auf Donnerstag, an dem mich wieder mein Sohn Georg begleiten wird. Wir werden in Tiefwerder oder auch Klein-Venedig unterwegs sein, bis zum Südhafen laufen und an die Grenze des Ortsteils Spandau stoßen. Vorher aber wird gefrühstückt in der Gitarren Lounge!

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