Schluchtensteig im Schwarzwald 2014

Samstag, 13.09.14
Unglaublich, dass mittlerweile schon wieder ein Vierteljahr vergangen ist seit meiner letzten Wanderung. Nun steht eine neue Herausforderung vor der Tür – der Schluchtensteig. So gründlich habe ich mich damit bis jetzt noch gar nicht beschäftigt, doch gestern – beim Durchblättern diverser Reiseunterlagen – stieß ich auf den Passus:
„Trittsicherheit und Schwindelfreiheit werden hier auf einmal zu wichtigen Tugenden. Nur nicht stolpern oder abrutschen, denn links geht es senkrecht hinab. Ein aufregend schmaler Pfad zieht sich hoch über den Fluss entlang, schummelt sich um Felskanten und gibt ein Gefühl von Seiltanzen – nichts für schwache Nerven.“
Und das gleich am ersten eigentlichen Wandertag am Sonntag! Was habe ich denn da wieder angezettelt? Nun ist es für Besonnenheit zu spät, wir werden über uns hinauswachsen müssen.
Eigentlich hat die Tour gestern schon begonnen. Wie immer alles zum letztmöglichen Zeitpunkt erledigt, war auch um 18 Uhr der Koffer noch nicht gepackt, nicht einmal ansatzweise. Dafür kam ich aber auf die Idee, Plätzchen zu backen mit verschiedenen, wanderaffinen Motiven wie Männchen, Mond, Blume, Notenschlüssel, Herz, Stern, Fuß, Hand ect. Während des Ausstechens beschloss ich, jedem meiner Wandergesellen noch ein Blatt, einen Stift und eine Aufgabe an die Kekstüte zu hängen – nämlich die Aufforderung, mit Hilfe der Motive eine Geschichte zu schreiben. Na ja, und dann das Übliche. Blumengießen, Vogel füttern, Bügeln, Staubwischen und -saugen, Baden, am PC sitzen. Ach ja, und Koffer packen.
Heute morgen in 20 Minuten startbereit, und los gehts auf die lange Reise einmal quer durch die Republik. Alle sind pünktlich am Bahnhof: Kerstin, Gerd, Drehrumbum und sogar ich. Drehrumbum ist viel zu warm angezogen, der Arme wurde von seiner übervorsorglichen Mutter gezwungen, eine Regenjacke anzuziehen, nur, weil draußen so eine feuchte Luft ist.
Nun sitzen wir im Zug, müssen noch ein paarmal umsteigen, aber für 25 € pro Person nimmt man das gerne in Kauf. Kerstin liest (was sonst), Gerd schläft, ich schreibe.
So geht jeder seiner Lieblingsbeschäftigung nach.
Massive Verspätungen haben zur Folge, dass wir den Zug von Offenburg nach Donaueschingen nicht schaffen, aber dafür haben wir Unterhaltung unerwarteter Art von genau der Sorte Männern, die – nun Rentner – alles besser wissen und den Rest der Menschheit für unfähig erklären. Außer Sarrazzin, denn der hat in ihren Augen ausnahmsweise recht. Kerstin grummelt: „Das ist wie auf Arbeit! So habe ich mir meinen ersten Urlaubstag nicht vorgestellt.“ Zwischendurch ist Fahrkartenkontrolle mit der Frage: „Sind hier noch zugestiegene Fahrscheine?“ Das heitert uns wieder auf.
Als wir in Donaueschingen ankommen, ist unser Bus natürlich weg. Der nächste fährt in zwei Stunden. Was solls, sind wir uns einig, dann nehmen wir eben ein Taxi bis Blumberg. Der Spaß kostet uns 38 €. Puh… Vielleicht können wir die uns von der Bahn erstatten lassen. Der Versuch ist es wert. Im Hotel werden wir im breitesten Schwäbisch empfangen. Die Zimmer sind ok.,
das Essen köstlich, aber auch gehobene Preisklasse. Der Chef höchstpersönlich erklärt uns die Optionen für morgen. Entweder erst um 11 Uhr mit dem Bus zum Startpunkt in Stühlingen, oder vorher mit der Sauschwänzlebahn, die aber auch wieder extra Kosten verursacht und außerdem nicht bis Stühlingen fährt. Wir haben das Gefühl, dass er uns unbedingt in diese Bahn locken will, vielleicht bekommt er Provision. Wir entscheiden uns, bis Stühlingen zu laufen und dafür zurück mit dem einzigen Bus des Tages zu fahren. Begeistert ist er nicht. Nach dem Essen machen wir noch einen Bummel durch Blumberg. Es ist gerade Stadtfest, das uns ein bisschen sprachlos macht. Reihenweise Freß- und Saufbuden, jede mit eigener musikalischer Untermalung – ziemlich gruselig! Der Ort hat insgesamt eine ziemlich deprimierende Ausstrahlung. Einziger Lichtblick – die Stadtbibliothek mit wunderbaren Öffnungszeiten:

Sonntag, 14.09.14
Wir sind tapfer und sitzen tatsächlich 7:15 Uhr am Frühstückstisch. Das Büffet bietet ein umfangreiches Betätigungsfeld, aber irgendwann ist man eben leider satt. Auf meine Frage, ob wir uns ein bisschen Verpflegung mitnehmen dürfen, zwitschert die Chefin fröhlich: „Aber natürlich! Desch kommt dann mit auf die Rechnung!“ Daraufhin erinnern wir uns an unsere Hasenbrote von gestern und ziehen so von dannen.
Die erste anstrengende Steigung führt uns hoch zum Buchberg, belohnt uns aber erwartungsgemäß mit einem herrlichen Blick über die noch weit einsehbare Landschaft. Ein Grillplatz und eine Hütte laden zum Verweilen ein, aber wir machen nur kurze Rast.
Am Wegesrand verlocken herbstliche Früchte zur Ernte und es tut mir in der Seele weh, dass ich die vielen Schlehen nicht werde ernten können. Die Sträucher hängen so üppig voll, dass sie eher blau als grünblättrig leuchten.
Die Wiesen sind teilweise übersät mit Herbstzeitlosen, immer wieder ein schöner Anblick.
Da wir heute die erste Etappe quasi rückwärts laufen, weil wir aus unerfindlichen Gründen die erste Übernachtung nicht am Start in Stühlingen, sondern am Ende der ersten Etappe in Blumberg zugewiesen bekommen hatten, geht es mehr bergab als bergauf, was mir natürlich sehr recht ist. Das Wetter ist bestens entgegen der Prognosen, die Landschaft immer noch weit und offen, fast wie in der Rhön.
Dann nahen die Wutachflühen, eine Schlucht mit dem Fluss Wutach in der Tiefe, der uns noch ein paar Tage lang begleiten wird. Die im Reiseführer als so unglaublich gefährlichen Pfade erweisen sich als zwar schmal, aber keineswegs schwindelerregend. Die Felsen rücken eng zusammen und der Wald wird höher und dichter und erinnert mich stellenweise an den Harz.
Kerstin ist voll in ihrem Element als Geocacherin und hat viel zu tun. Es wimmelt nur so von Verstecken, die es zu finden gilt. Drehrumbum wartet indessen ganz artig auf sie.
Die Bodenbeschaffenheit wechselt ständig. Wehe dem, der nicht das passende Schuhwerk trägt. Auch unsere Wanderstöcke sind eine große Hilfe. Wir halten ja hartnäckig an unserer altmodischen Knüppelvariante fest, während der moderne Wanderer von heute natürlich mit ultraleichten Trekkingstöcken unterwegs ist, für die man auch keine Stocknägel mehr benötigt. Wir schon!
Streckenweise seilt sich Kerstin von uns ab oder eilt uns voraus, weil sie in wichtiger Mission unterwegs ist. Das ist manchmal so aufregend, dass sie zu meiner Empörung den armen kleinen Drehrumbum achtlos auf die Nase plumpsen lässt, in welcher unbequemen Position wir ihn dann auffinden, als wir sie wieder eingeholt haben.
Schuld daran bin ich auch ein bisschen, weil ich die letzten Kilometer gedrängelt habe. Wir müssen ja wieder von Stühlingen zurück nach Blumberg und den einzigen Bus um 16 Uhr erreichen, der heute am Sonntag fährt. Aber wider Erwarten sind wir viel eher da, als wir dachten. Gegen 14:30 Uhr marschieren wir ein in Stühlingen und haben die ersten 19 Kilometer geschafft bei mittlerweile bulliger Hitze. Gerd leidet still vor sich hin und selbst Kerstin und ich schwitzen ein bisschen.
Auf unserem Weg in die Innenstadt kommen wir an diesem Hinweisschild vorbei und wundern uns:
Damit wir ein Auftaktfoto der Schluchtensteig-Wanderung haben, bitte ich ein paar Jugendliche, uns zu knipsen, was sie auch bereitwillig tun.
Anschließend flüchte ich kurz vor der Hitze in die Kirche im Hintergrund und bin sehr beeindruckt von der absoluten Stille, die darin herrscht. Kein Alltagsgeräusch durchdringt die Mauern, man schließt die Tür hinter sich und hat im wahrsten Sinne des Wortes seine Ruhe. ich zünde für Vati eine Kerze an, genieße die kühle, friedliche Stille und geselle mich wieder zu meinen Kumpanen. Wir haben noch Zeit, bis der Bus fährt, deswegen lädt uns Kerstin zu einem Eis ein. Nun müssen wir nur noch welches finden, gar nicht so einfach. Auch dieser Ort ist zwar hübsch hergerichtet, wie überall auch hier beeindruckend üppige Bepflanzungen öffentlicher Flächen, aber die Menschen und somit auch die Stadt wirken freudlos und irgendwie resigniert. Wir finden ein Café mit gestresstem Personal und werden zunächst von einem sehr ungepflegt wirkenden Verkäufer ignoriert. Währenddessen haben wir Zeit, staunend das Schild an der Eistheke zu studieren, das ausdrücklich verbietet, Waffeleis auf der Terasse zu verzehren. Man wird aufgefordert, sich damit aus dem Dunstkreis des Cafés zu entfernen. Aus welchem nicht nachzuvollziehendem Grund auch immer. Dann werden wir tatsächlich bedient. Gerd bekommt sein Eis zuerst und verkündet, dass er draußen wartet. Sofort wird er zurechtgewiesen, dass er sich mit seinem Eis gefälligst nicht auf der Terasse aufzuhalten hat. Kerstin macht dann natürlich keine Anstalten, den Betrag aufzurunden, wewegen der schmierige Typ minutenlang in seiner Kasse nach Wechselgeld kramt mit der offensichtlichen Absicht, dass sie doch noch nachgibt. Nö!
Wir lungern nun eisschleckend an der Haltestelle rum und warten auf den Bus, der schließlich kommt uns uns zurückbringt nach Blumberg. Auch heute wählen wir uns aus den vielen leckeren Gerichten in unserem Hotelrestaurant großzügig schmackhafte Dinge aus, besprechen den morgigen Tag und fallen müde ins Bett.
Montag, 15.09.14
Ein Auto mit israelischer Flagge vorm katholischen Pfarramt! Der morgendliche Blick vom Balkon beschert uns dieses sensationelle Bild. So fängt der Tag doch gut an.
Heute können wir endlich regulär in der richtigen Richtung dem Schluchtensteig folgen. Wir sind schon sehr gespannt auf den laut Reiseführer schwierigsten Abschnitt, auf dem wir eine lange Holzleiter senkrecht in die Schleifenbachklamm hinabsteigen müssen. Doch kaum haben wir die letzten Häuser von Blumberg passiert und den Eingang zur Schlucht entdeckt, leuchtet uns ein rot-weißes Absperrband entgegen. Die Schlucht ist wegen Erdrutsch gesperrt, das Betreten streng verboten. Wir stehen ein Weilchen unentschlossen, verärgert und ratlos rum, beugen uns dann aber der Vernunft und wählen die Umleitung, die leider der Straße folgt, wenn auch nur ca. 2 Kilometer, bis wir den Anschluss an den regulären Weg in Achdorf wieder gefunden haben. Das ist ein kleiner, feiner Ort mit hübschen Häuschen,
leuchtenden Sträuchern
und einem ganz besonderen der hier obligatorischen Kreuze am Wegesrand.
Daraus könnte man ja schon wieder eine Schreibaufgabe machen. „Füge die Objekte, die du an dem Kreuz entdeckst, zu einer Geschichte zusammen!“
Wir haben lange überlegt, welche Bedeutung dieses Bildnis wohl hat, sind aber zu keinem Ergebnis gekommen. Ein kleines Stückchen weiter das nächste Kruzifix mit einer an den Wanderer gerichteten Inschrift:
Es dauert gar nicht lange, da sind wir schon im nächsten Ort namens Aselfingen, der uns mit einem Selbstbedienungskühlschrank für Wanderer in einem liebevoll geschmückten buddhistischem Haus empfängt. Witzige Idee!
Gegenüber ein Kuhstall, dessen Bewohner uns neugierig beäugen.
In jedem Hof gibt es was anderes zu entdecken:
Das alte Gasthaus „Scheffellinde“ trägt seinen Namen zu Ehren eines früher dort ansässigen Dichters und beeindruckt durch seine würdevolle Ausstrahlung. Wunderschön mit Blumen geschmückt, ist es einfach eine Augenweide.
Man sieht dem Ort seine lange Vergangenheit an, er wirkt romantisch und gemütlich und tut nach den bisherigen eher deprimierenden Eindrücken richtig gut.
Unser Weg führt uns weiter durch gepflegte Parkanlagen mit kleinen, hübschen Brücken und vorbei an
herzzerreißend schönen Liebesgedichten. Man bleibt stehen, liest, seufzt ergriffen und fühlt sich willkommen.
Putzige schottische Hochlandrinder verfolgen uns mit ihren Blicken und zaubern uns das nächste Lächeln ins Gesicht. Die sind ja soooo niedlich!
In diesem Jahr gibt es wieder unglaublich viele Äpfel. Manche Bäume können die Last gar nicht mehr tragen und brechen darunter zusammen. Ich helfe ihnen und befreie sie von dem Gewicht dreier leckerer saftiger Äpfel.
Kurz bevor wir hinter einem Sägewerk in die Wutachschlucht eintauchen, kommen wir an einem Kiosk vorbei, wo sich Kerstin und Gerd ein Glas Susa gönnen (oder so ähnlich, der Name wechselte von Tag zu Tag über Sauser zu Süßer, der eine Art Federweißer ist). Gerd fragt bei der Gelegenheit nach Stocknägeln. Antwort: „Nein!“ Kurz und bündig, wozu soll man unnötig Worte verschwenden! Zu allem Überfluss fragt er dann auch noch nach dem Warum! Die gepeinigte Frau rollt die Augen und ringt sich zu dem vollständigen Satz durch: „Weil es keine mehr gibt!“ Gastfreundschaft ist was anderes, aber egal, wir wollen ja in den Wald. Dort finden wir dieses merkwürdige Häuschen, das natürlich Kerstin in Entzücken versetzt, denn es ist von und für Geocacher dort aufgestellt worden.
Nach einigen Kilometern erreichen wir diese schöne Brücke, die schon sehr alt ist, aber vor ca. 10 Jahren runderneuert wurde.
Nun folgt ein Wegabschnitt, wo der Wanderweg nur noch ein schmaler Sims zwischen senkrechter Felswand und dem Fluss darstellt, aber trotzdem gut begehbar. Sehr wild und urig auf jeden Fall.
Und wieder eine Brücke, die der ursprünglichen nachempfunden wurde, die das frühere und heute nicht mehr als Bad existierende Bad Boll mit der Wutachschlucht verbunden hat und das immer noch tut.
Die folgenden Bilder vermitteln einen Eindruck von den Pfaden und Trittchen, über die wir uns vorangearbeitet haben und die den Reiz dieses Wanderweges ausmachen.
Nach 20 Kilometern, von denen etliche durch die Schluchten geführt haben, sind wir fußlahm am Ziel der heutigen Etappe, der Schattenmühle. Sie heißt so, weil den ganzen Winter über kein einziger Sonnenstrahl das Haus erreicht. Ist das nicht furchtbar? Außerdem gibt es dort keinen Handyempfang und natürlich auch kein Internet. Als Gast kann man damit gut leben, aber dort wohnen möchte ich nicht. 2007 ist das Haus komplett abgebrannt und 2008 wieder eröffnet worden. Das ist allerdings bewundernswert. Kerstin hat ein Zimmer ohne Leselampe, wir dafür ohne Fernseher, weil der gar nicht ins Zimmerchen reinpassen würde. Das ist nicht schlimm, wir sind so müde, dass wir ihn gar nicht nutzen würden. Aber bevor wir ins Bett gehen, müssen wir noch was essen. Die Bedienung rennt mit so einem Schwarzwälder Bollerhut rum und spricht russisch akzentuiert, was irgendwie nicht zusammenpasst. Die ganze Kneipe ist komplett mit käuflich zu erwerbenden Schnapsflaschen dekoriert – in allen Fensterbrettern, in den Regalen, auf Tischen, im Bauch einer lebensgroßen Plastikkuh. Auf der Terasse sitzt eine Bauernpuppe mit Pfeife, die im 2-Minutentakt zum Leben erwacht und den Gast zum Biertrinken auffordert. Das Essen schmeckt (Kerstin und ich haben uns Spätzle bestellt), aber so direkt wohl fühlt man sich nicht. Alle erledigen ihren Job, nicht mehr und nicht weniger.
Dienstag, 16.09.14
Einigermaßen ausgeschlafen streben wir hoffnungsvoll dem Frühstücksraum entgegen, aus dem leises Stimmengemurmel erklingt und von anderen Frühaufstehern zeugt. Bevor wir aber auch nur einen Fuß hineinsetzen, werden wir vom Personal in die Wirtsstube umgelenkt, wo nur für uns ein Tisch gedeckt ist mit der Ration, die uns zusteht. Kein Ei, kein Obst, kein Gemüse, dafür aber zwei Kannen Kaffee. Was solls. Zum Ausgleich verarbeiten wir alles uns Dargebotene als Wegzehrung und lassen nichts zurück.
Unsere heutige Tour beginnt gleich mit einer kurzen, aber heftigen Steigung über dickes Wurzelwerk.
Das Wetter ist bestens, die Sonne lässt sich zum Leidwesen von Gerd auch schon blicken und bringt die unzähligen, von Tau benetzten Spinnweben am Wegesrand besonders gut zur Geltung. Sie sind in ihrer Fülle beeindruckend und erinnern an das baldige Ende des Sommers, was ich aber sofort wieder verdränge.
Wieder werden wir durch eine Schlucht geleitet, die Lotenbachklamm. Wasserfälle, Wurzelstufen und Leitern führen höher und bieten nach jeder Biegung eine neue Wasserfallstufe. Ich schnaufe den beiden hinterher und bin froh, dass  sich Steigungen und Neigungen die Waage halten und immer dann zu Ende sind, wenn man denkt: nun reichts!
Ein Wegekreuz spricht den Wanderer von seiner vermeintlichen Sünde frei, selten oder nie zur Kirche zu gehen. Ein stiller Blick zum Himmel sei allemal besser als ein falsches Gebet. Das finde ich aber auch.
Wir kommen an einen Punkt, wo Kerstin ziemlich lange verzweifelt und schließlich vergeblich an einer ihrer Aufgaben knabbert. Ich langweile mich und gehe deswegen provisorisch meiner Lieblingsbeschäftigung nach, mit der ich sonst die beiden immer zur Rauchpause zwinge und laufe anschließend langsam weiter, vorbei an einem blühenden Senffeld, das aussieht wie Raps.
Und schwups – schon tauchen wir wieder ab in die nächste Schlucht und erreichen nach ein paar Kilometern das Räuberschlössle – eine Ruine, die ihren Namen ihren ehemaligen Bewohnern zu verdanken hat. Hier findet Kerstin als Ausgleich ein Versteck nur auf den bloßen Verdacht hin, ohne Koordinaten. Manchmal klappt´s!
Der Fluss Wutach begleitet uns nun schon ein gutes Stück Weg und wird auch auf der heutigen Etappe von einer schönen überdachten Holzbrücke überquert.
Innen finde ich Sinn-Sprüche, die mir gut gefallen.
Während der gesamten Wanderung säumt Indisches Springkraut  unseren Weg, das sich auf Kosten der anderen überall auszubreiten scheint. Es hat kleine, sehr schöne, orchideenartige Blüten, die allerdings äußerst penetrant riechen. Diese Pflanze gilt als invasiv, das heißt, sie verdrängt massiv heimische Arten. Offensichtlich wurde der Zeitpunkt verpasst, ihr Einhalt zu gebieten. Mittlerweile befassen sich schon viele Forscher mit dieser Problematik.
Aber dieser Tanne droht keine Gefahr. Der Schwarzwald ist geprägt durch besonders hohe Bäume, doch dieses Prachtexemplar fällt schon extrem aus dem Rahmen.
Und immer noch begleitet uns die Wutach, mal wild und laut, mal sanft plätschernd. Gerd prüft kritisch die Wasserqualität mit Hilfe seiner Geschmacks- und Geruchsnerven. Es gibt nichts auszusetzen!
Diverse Brücken überquerend, vorbei am Flusskraftwerk Stallegg folgen wir dem Schluchtensteig auf sehr romantischen Wegen, bis wir die Haslachmündung erreichen. Ein guter Platz zur Rast und Innehalten, allerdings schon von anderen Wanderern besetzt. Meistens treffen wir ja immer dieselben unterwegs: die Holländer (die eigentlich Belgier sind), die Männer (fünf Kegelbrüder) und die Hamburger (zwei Pärchen aus dem Norden). Mittlerweile kennt man sich schon. Hier sitzen aber mal völlig andere Leute, wie wir staunend zur Kenntnis nehmen. Nun müssen wir durch die Haslachklamm zum Rechenfelsen hoch, wo aber nur Kerstin Aufgaben lösen muss. Gerd und ich schauen derweil rundum und entdecken auf der gegenüberliegenden Felswand einen schwarz-weißen Straßenpfosten. Weiß der Kuckuck, wie der dorthin geraten ist.
Wer hochklettert, muss auch wieder runter, wie man auf dem nächsten Bild sieht.
Nun erwartet uns zur Abwechslung mal wieder ein Feld- und Wiesenpfad, der nach Lenzkirch hineinführen soll. Der Ort wird als sehr sehenswert beschrieben und ich stelle mir hübsche Fußgängerpassagen vor, kleine Lädchen usw. Auf jeden Fall freuen wir uns alle auf ein Eis, bis wir plötzlich – den Kirchturm von Lenzkirch schon fast in Reichweite – wieder vor einem Umleitungsschild stehen. Wegen Bauarbeiten werden wir in großem Bogen auf einem langweiligen Wirtschaftsweg um den Ort geführt. Die Sonne brennt umbarmherzig, unser Schritt wird immer schleppender und unsere Stimmung eisiger. Der einzige schöne Anblick ist dieser Schirmpilz.
Schließlich schleichen wir eine noch langweiligere Straße in den Ort hinunter, vorbei an öden Einfamilienhäusern mit freudlosen Bewohnern, bis wir endlich den Ortskern erreicht haben. Das Rathaus grüßt mit üppigem Blumenschmuck.
Hübsch verzierte Wegweiser bestechen durch ihre Originalität. Aber trotzdem möchte man hier nicht tot überm Zaum hängen, wie man so schön sagt.
Die Sonne kann noch so schön auf die ganze Pracht scheinen, es bleibt eine düstere, bedrückende Stimmung. Eine Bäckerei weckt in mir die Hoffnung auf dunkles Sauerteigbrot und ich kaufe mir ein kleines, bin aber gleich nach dem ersten Bissen von jeglicher Illusion befreit. Offenbar gibt es hier in dieser Region  kein richtiges Schwarzbrot, nur schwarzen Wald.
Nach einer Verschnaufpause im Gasthof „Zum wilden Mann“, wo ich mir Milchreis bestelle, der aber leider nur aus der Tüte kommt, nehmen wir den letzten und nochmal heftigen Abschnitt bis zu unserem heutigen Tagesziel Fischbach in Angriff. Oberhalb von Lenzkirch finden wir ein Lesebänkle, eine nette Idee, gebrauchte Bücher weiterzugeben.
Von oben sieht Lenzkirch tatsächlich sehr idyllisch und romantisch aus und ein Picknick an dieser Stelle macht bestimmt Spaß.
Es folgen landschaftlich wieder ausgesprochen schöne An- und Ausblicke. Durch den Sonne-Wolken-Mix ergeben sich viele lohnenswerte Fotomotive.
Und wieder säumen große, sehr große Bäume unseren Weg.
Sanfte Wiesenhänge, von einem Bach durchschnitten, wechseln sich mit Waldwegen ab.
Die Kapellen sind immer offen, hier sind die Menschen noch gottesfürchtig und trauen auch den Wanderern nichts Böses zu. Ich gehe gerne hinein und genieße die Ruhe. Es ist wie ein Abtauchen in eine friedvolle, geschützte Atmosphäre.
Auch Drehrumbum fühlt sich hier wohl.
Neben der Kapelle entdecken wir den Hinweis auf einen weiteren Selbstbedienungs-Kühlschrank. Trinkjogi klingt zu verlockend, um da nicht mal vorbeizuschauen. Gesagt, getan. Kerstin und ich kaufen im großen Stil ein: Quark, Joghurt, Bier. Vor lauter Begeisterung lasse ich mein Handy dort liegen, merke es aber nach ca. 200 Metern, weil ich ein Foto machen will und ins Leere greife. Oh Schreck!
Auch Drehrumbum hat mal ein Schnäpschen verdient, weil er immer klaglos alle Strapazen erträgt. Mit hängender Zunge kehrt er aber nun der schönen Landschaft den Rücken.
Nach einem nicht enden wollenden, sehr steilen Endspurt-Anstieg sind wir endlich in Fischbach und sehen schon von weitem unser Hotel „Zum Hirschen“. Auch hier werden wir mit dem üblichen Blumenschmuck empfangen. Mit mehr aber auch nicht.
Wir kommen gerade zur Rush-Hour an, im Restaurant wuseln die Kellner und Kellnerinnen hin und her, an uns vorbei, um uns herum. Endlich kommt ein junger Mann auf uns zu uns übernimmt die Rezeption. Es scheint Irritationen zu geben. Irgendwie hat er Probleme, im System unsere Zimmer ausfindig zu machen und fragt nach Belegen, die beweisen, dass wir gebucht haben. Tja, die sind im Koffer, und der müsste ja schon irgendwo hier sein! Grübelnd sitzt er vorm Computer. Frustriert starren wir ihm auf den Rücken, den er uns zuwendet. Nach ca. 15 Minuten kommt der große Augenblick – wir bekommen unsere Zimmerschlüssel! Hurra! Kerstin ist im Hotel untergebracht, Gerd und ich müssen durchs halbe Dorf laufen, um zu einem Haus zu gelangen, das offensichtlich zum Hotel gehört. Die Zimmer sind in Ordnung, wir duschen und wandern wieder zurück, um was Ordentliches zu essen. Das bekommen wir dann auch und geraten sogar an eine sehr, sehr nette Bedienung. Kerstin und Gerd lernen vor der Tür eine österreichische Raucherin kennen, die ihnen auf eine Zigarettenlänge ihr ganzes Leben erzählt. Am Nachbartisch beobachten wir ein seltsames Paar, die beide geradeaus starren, stumm essen und – noch den letzten Bissen im Mund – sofort bezahlen. Wir sitzen noch gemütlich und warten auf den Kuckuck in der Uhr, jeder sein obliatorisches Getränk vor sich. Gerd: Bier, Kerstin: Süßer, ich: Tee mit Rum.

Mittwoch, 17.09.14
Der morgendliche Blick aus dem Fenster lässt wieder einen schönen Tag vermuten: watteartiger Nebel wabert über dem Tal und steigt von Minute zu Minute höher.

Und schon erstrahlen die stattlichen Häuser von Oberfischbach in der Sonne und rufen: „Schaut mal, wie schön ich bin!“
Ich tue es ihnen gleich und genieße nach dem Frühstück die wärmenden Streicheleinheiten, während wir startbereit für die heutigen 20 Kilometer noch auf Kerstin warten.
Sie ist mit ihrem Einzelzimmer entweder immer im Keller oder unter dem Dach untergebracht, diesmal aber sehr repräsentativ direkt über dem Hirsch.
Wir steigen nach oben hinaus aus dem Ort. Meine Angewohnheit, mich ab und an umzudrehen und den Blick zurück zu genießen, beschert mir noch wunderbare Fotomotive.
Der Morgentau lässt die Tarnung der Spinnen auffliegen und macht uns auf ihre Kunstwerke aufmerksam:
Keine Stunde unterwegs, haben wir den den Bildstein erreicht auf 1.134 Metern Höhe, der aus dem Wald herausragt und uns einen weiten Blick über den Schluchsee ermöglicht. In unserem Reiseführer lesen wir, dass auf dem Grund des Sees noch ein Dorf steht und auch zu erkennen ist. Finde ich ja ziemlich gruslig. In den 80er Jahren wurde das Wasser mal abgelassen, um den See zu reinigen. Diese Gelegenheit nutzten viele, um das Geisterdorf zu besichtigen.
Nach und nach treffen die nun schon vertrauten anderen Wandergruppen ein, so dass es auf unserem Ausguck langsam eng wird. Also setzen wir uns wieder in Bewegung hinunter zum See. Der Weg führt uns nun eine lange Strecke immer am Ufer entlang,
wieder vorbei an einem Meer von Spinnennetzen und leider auch flankiert von etlichen großen Baufahrzeugen. Der See gerät immer wieder außer Sicht und der Weg wird ziemlich öde.
Kerstin ist irgendwann außer Sichtweite, also trotten Gerd und ich so vor uns hin, bis es endlich wieder hoch in den Wald geht
mit seinen typischen Pflanzen wie z.B. Fingerhut. Wir machen eine Pause und warten auf unsere emsige Geocacherin.
Zwischen sanften Wiesenhängen passieren wir ein paar Siedlungen mit wenigen Häusern – uralten Schwarzwaldhöfen mit großen Dächern, die – wie ich gelesen habe – den erbarmungslosen Wintern trotzen sollen.
In Althütte lädt wieder ein Kirchlein zum Verweilen ein.
Da wir kurz vorher gerätselt haben, wieviel Perlen ein Rosenkranz hat, kommt diese Madonna gerade recht.
Ein weiteres erhabenes Weißtannen-Prachtexemplar versetzt uns in ehrfürchtige Bewunderung. Was der Baum schon alles gesehen und erlebt haben mag! Und so ein gerader Wuchs!
Nun geht es nur noch bergab, und zwar heftig. Über 4 Kilometer steil hinunter durch eine Schlucht direkt nach St. Blasien hinein. Wer keine gesunden Knie hat, muss Schmerzen mögen, um den Weg schön zu finden. Es geht durch eine naturbelassene Schlucht, das heißt, dass seit über 100 Jahren Forstarbeiten in dem Bereich verboten sind. Entsprechend urwüchsig geht es dort auch zu.
Der Windberg-Wasserfall tost lautstark über die Felsen herab, so dass wir nur noch Rauschen hören.
Feuchte, saubere Luft stärkt unsere Lungen und gibt uns die Kraft, die letzten Meter aufrecht und forschen Schrittes zu bewältigen.
In St. Blasiens Fußgängerpromenade angelangt, werden wir vom örtlichen Einzelhandel zünftig begrüßt, so dass wir gleich wissen, wo es hier langgeht:
Da es schon 17 Uhr ist, die Läden also in Kürze schließen und wir aber noch Stocknägel und Postkarten kaufen wollen, lassen wir unser Hotel direkt gegenüber dem Dom erst mal links liegen und schauen uns in den wenigen Geschäften um. Kerstin geht wieder eigene Wege, Gerd und ich finden tatsächlich einen Laden, der noch Stocknägel führt. Dort gibt es auch kleine Bollerhüte! Ich kaufe einen für Drehrumbum, der schon seit vorgestern rumjammert, dass er auch so einen Hut haben möchte.
Kerstin winkt uns schon von weitem zu und wundert sich, dass wir keine Reaktion zeigen. „Die könnten ja mal zurückwinken.“, schmollt sie. Nein, können die eben nicht, weil es Schaufensterpuppen sind! Tja, Kerstin, mit Brille wäre das nicht passiert! Wir treffen uns kurz darauf alle wieder und laufen zum Domhotel, immer den riesigen, für diesen kleinen Ort völlig überdimensionierten Dom vor Augen, dem Berliner Dom sehr ähnlich.
Da unser Hotel heute Ruhetag hat, müssen wir – einem Hinweisschild folgend – am Hintereingang klingeln. Das machen wir auch folgsam, doch niemand öffnet uns. Auch ein Anruf im Hotel bleibt ungehört. Wir sind geduldig und probieren immer wieder unser Glück, vergeblich. Nur ein Anrufbeantworter redet mit uns. Handys zur mobilen Erreichbarkeit scheinen hier nicht gebräuchlich zu sein. Wir sind ratlos und so langsam auch ziemlich angenervt. Ich rufe schließlich verzweifelt bei dem Reiseunternehmen an, wo ich die Tour gebucht hatte. Aber auch von dort aus konnte man uns nicht so wirklich helfen, da – wie gesagt – nur die erfolglose Kontaktaufnahme über die Festnetznummer möglich war. Aber immerhin bringt die gute Frau (die auch schon längst Feierabend hat) in Erfahrung, dass unsere Koffer im Hotel sind, während wir eben immer noch draußen stehen. Währenddessen kommen und gehen Hotelgäste an uns vorbei, darunter auch eine Gruppe unserer Mitwanderer, die sich wundern, dass wir immer noch draußen rumlungern. Bei ihnen hat offensichtlich alles gut geklappt. Sie lassen uns rein, aber viel hilft uns das auch nicht weiter. Wir können ja nicht im Treppenhaus übernachten. Alle sind hilfsbereit und durchforsten die Infomappen in den Zimmern nach einer Notfall-Nummer. Davon gibt es unzählige, für jeden Fall eine andere Durchwahl der in jedem Satz gepriesenen hauseigenen Telefonanlage. Toll. Jede Nummer mündet in einen Anrufbeantworter. Als letzte Möglichkeit ziehen wir nun in Betracht, die Polizei zu rufen, mittlerweile schon pappesatt. Eine Frau mit jugendlicher Tochter kommt derweil die Treppe herunter, wirft uns neugierige Blicke zu und entschwindet nach draußen. Einer Eingebung folgend, rennen wir hinterher und fragen sie, ob sie Hotelgast ist oder idealerweise zum Personal gehört? Tut sie! Sie ist die Frau des Besitzers und äußert zunächst etwas unwirsch ihre Verwunderung, wie wir denn reingekommen wären und warum wir nicht geklingelt hätten? Haha!!!
Nach unseren Erklärungen wird sie sanfter und bemüht sich um Klärung. Zunächst pfeift sie ihren Mann von oben runter (die Familie wohnt dort) und meint, ihr Mann hätte vermutlich vergessen, die Telefonanlage und Klingel nach oben in die Wohnung durchzustellen. Ich sage nur wieder: HANDY????? Er kommt mit Fragezeichen im Gesicht die Treppe runter, quasi ein Double von Scharping. Ein fader, farbloser Mensch mit einer unglaublich negativen Ausstrahlung. Ich bin wirklich nicht esoterisch veranlagt, aber dieser Mensch sendet bleierne Schwingungen aus, die auch mein letztes bisschen Empathievermögen lahmlegen. ich fühle mich augenblicklich körperlich so unwohl, als hätte mir jemand in den Magen geboxt. Jedenfalls pflaumt er uns erst einmal vorsorglich an, wie wir auf die Idee kämen, bei ihm übernachten zu wollen. Er verschwindet in sein Büro und kommt dann etwas kleinlauter zurück. Unsere Koffer hätte er auf die Zimmer gebracht, dass dann aber auch noch dazugehörige Personen um Einlass bitten werden, völlig vergessen. Seine Frau weist ihn an, uns wenigstens Freibier zu gewähren, das er uns auch folgsam auf die Zimmer bringt.
Diese sind äußerst stilvoll eingerichtet, alles ist aufeinander abgestimmt. Man merkt, das sich hier jemand sehr viel Mühe bei der Einrichtung gegeben hat. Sogar das Muster der Vorhänge setzt sich in der Deckenbemalung fort. Draußen rauscht die Alb direkt unter unserem Zimmer entlang, der Blick aus dem Fenster fällt direkt auf den Dom. Eigentlich perfekt, aber lähmend altmodisch (schon allein die vielgepriesene, aber völlig überholte Telefonanlage) und für mich bedrückend im wahrsten Sinne des Wortes. Wir schwärmen noch einmal auf Nahrungssuche aus, umgehen ein historisches, aber vermutlich sehr teures Restaurant mit übersichtlichen Portionen auf den Tellern und landen in einer Pizzeria. Die Kellnerin, als solche zunächst auf der Terasse sitzend und handyspielend nicht als solche zu erkennen, kommt angeschlendert, überaus freundlich und betont witzig und bringt uns unser Essen. Reichlich, schmackhaft, aber eben mit schmuddeligem Drumherum. Für das zweite Getränk müssen wir mit vollem Einsatz um ihre Aufmerksamkeit kämpfen, ebenso um die Rechnung. Auf dem Heimweg schlendern Kerstin, Drehrumbum und ich noch zum Dom, um die Öffnungszeiten in Erfahrung zu bringen, weil wir ihn morgen vor der nächsten Tour von innen betrachten wollen. Drehrumbum hat aber offensichtlich noch keine Lust, ins Bett zu gehen. Er hopst unbemerkt aus Kerstins Rucksack, aber sie bemerkt das Gott sei Dank noch vor dem Schlafengehen und geht ihn erfolgreich suchen.

Donnerstag, 18.09.14
Am nächsten Morgen nach einer für mich fast schlaflosen Nacht in diesem Psychothriller-tauglichen Hotel gibt es Kaffee aus silbernen Kannen im gediegenen 60er Jahre-Ambiente mit einem Frühstücksbüffet, das keine Wünsche offen lässt.
Meine Wirt-Phobie ist noch nicht verebbt und ich habe nur ein Ziel: raus hier! Aufatmend laufe ich über den Domplatz und betrete diesen riesigen Tempel:
Auffällig ist die angenehme Schlichtheit, sehr ungewöhnlich für katholische Gotteshäuser. Die dominierende Farbe ist weiß, sehr wohltuend und beruhigend.
Es gibt allerdings auch was zum Schmunzeln in St. Blasien, nämlich dieses Geschäft:
Ich glaube, wir sind alle froh, diesen merkwürdigen Ort hinter uns lassen zu können. Der Blick zurück wird natürlich immer noch vom Dom „dom“iniert.
Nun geht es erst einmal vier Kilometer streng bergauf von 780 Höhenmeter auf den 1039 Meter hohen Lehenkopf mit hölzernem Aussichtsturm. Natürlich steigen wir hoch und ich entdecke diesen Spruch an der Wand:
Wie wahr! Oben angekommen, sehen wir (Trommelwirbel……tatahhh!!!): Wald! Nichts als Wald. Kerstin haben wir hinter uns gelassen, aber die Wege sind so gut ausgeschildert, dass wir uns nicht um sie sorgen müssen. Wir kommen zu mehreren Stellen, von denen aus man bei guter Sicht die Alpenkette sehen kann. Heute ist sie nur zu erahnen:
Winzige Blüten sind bei näherer Betrachtung wunderschön:
Lauschige Ruheplätze geben dem Betrachter die Möglichkeit, die sanfte Landschaft zu genießen.
Silberdisteln erinnern mich immer an meine Kindheit, weil wir mal einen Strauß zu Hause stehen hatten. Das hat sich in mein Bewusstsein gebrannt, weil es damals schon verboten war, sie zu pflücken.
Nun führt uns der Weg weiter über eine Hochfläche, vorbei an einzelnen Höfen am Klosterweiher hinüber nach Ibach, durch Kuhherden hindurch und das mit mulmigem Gefühl, weil wir ja nun die Story von der Frau kennen, die in diesem Sommer in Österreich von Kühen getötet wurde. So beeinflussbar ist man, obwohl man das gar nicht will. Wir werden nicht angegriffen, sondern nur angeglotzt. Irgendwann senkt sich der Weg in die Hohwehraschlucht hinab, die uns wieder an den Namen unserer Wanderung erinnert. Wir folgen dem Weg über etliche Kilometer durch feuchten Urwald, begegnen einer Frau mit erstaunlich blütenweißer Hose, während wir aussehen wie nach einer Schlammschlacht.
Nach insgesamt 20 Kilometern erreichen wir Todtmoos, dem nachgesagt wird, es trüge seinen Namen zu recht. Wir sind nach St. Blasien aufs Schlimmste gefasst und werden sofort vom Gegenteil überzeugt. Endlich mal ein Ort, der eine gewisse Heiterkeit und Gelassenheit ausstrahlt. Wir wandern – aus der Schlucht kommend – direkt in die nächste Kneipe, wo schon eine Gruppe unserer Mitwanderer beim kühlen Bier sitzt. Dort wird mir nachgesagt, ich würde aussehen wie eine Lehrerin. Es gibt Schlimmeres, sage ich mir. Wir bestellen nach dieser Erfrischung Plätze für den Abend, denn das Lokal scheint stark frequentiert zu sein. Auf der Suche nach unserem Hotel kommen wir an einem Laden vorbei, der Kerstin und mir Schreie des Entzückens entlockt. Ein ganzes Geschäft voller plüschiger Schafwoll-Kuscheltiere in allen Größenordnungen. Es ist der blanke Wahnsinn. Gott sei Dank schließt der Laden gerade, sonst hätten wir uns, glaube ich, tatsächlich so einen Plunder gekauft.
Das Hotel sieht von außen wie ein Plattenneubau aus, von innen auch, aber sehr modern und betont gepflegt mit hauseigener Sauna, Kosmetik- und Wellnessbereich. Kommt für uns nicht in Frage, wir sind auch so schön genug. Im Flur sitzt diese smarte junge Frau, tagein, tagaus, immer in dieser lässigen Pose, natürlich in Schwarzwaldtracht mit Bollerhut.
Wir sind froh, für unser abendliches Schlemmermenü Plätze bestellt zu haben. Es ist total voll, aber sehr gemütlich in dem Lokal. Wie immer bestelle ich mir auch heute Tee mit Rum, bekomme aber Rum mit Tee. Entsprechend lustig finde ich dann auch alles und jeden. Ganz im Gegensatz zu einem distinguierten Paar, das uns schon beim Eintreten äußerst befremdet musterte. Wo gibts denn auch sowas, dass ein Kerl lange Haare hat und zu allem Überfluss auch noch mit zwei Frauen öffentlich auftritt. Pfui Teufel.
Wir werden heute tatsächlich mal sehr nett bedient und fühlen uns rundum wohl.
Drehrumbum auch in den Armen der jungen Frau!
Man sieht es ihm an.
Freitag, 19.09.14
Unser letzter Wandertag! Kaum begonnen, ist die Woche schon wieder fast rum. Wir haben 22 Kilometer vor uns und verlassen Todtmoos bergauf, vorbei an einer barocken Wallfahrtskirche. Irgendwie ziehen mich Kirchen immer magisch an, weswegen ich liebend gerne auch hier einen Blick hinein riskiert hätte, der mir aber nur durch die Scheibe möglich ist. Drinnen findet gerade ein Gottesdienst statt mit mehr Personal als Publikum. Eine wunderschöne Melodie entschwebt der Orgel, der ich gerne noch länger gelauscht hätte, aber wir müssen ja weiter, bergauf nach Schwarzenbach, einem Ortsteil von Todtmoos. 
Der obligatorische Blick zurück:
Ab Schwarzenbach geht es nun bis zum Ziel fast nur noch bergab, die Landschaft läuft nochmal zu Höchstformen auf. In gewohnter Manier türmen sich auf einer Seite die Felsen auf, während unten ein Fluss rauscht. Wir laufen wieder durch einen Bannwald, der nicht bewirtschaftet werden darf. Entsprechend wild und urig sieht er aus.
Nach etlichen Kilometern in straffem Tempo, das Gerd vorlegt und mich hinterher hecheln lässt, legen wir an einer besonders schönen Stelle mit Ausguck eine Pause ein. An uns vorbei flanieren die üblichen Verdächtigen – dieselben Gruppen der vergangenen Tage.
Die Wehra, der wir nun bis zum Ende der Etape folgen:
und Wald, viel schwarzer Wald:
Der Pfad schlängelt sich in endlosen, aber romantischen Serpentinen immer weiter auf und ab. Kerstin haben wir schon seit heute morgen nicht mehr gesehen, sie hat zu tun! Schließlich ist heute der alles entscheidende Tag, an dem sich herausstellt, ob sie alles richtig gemacht hat in den vergangenen Tagen. Sie ist ja schon groß und wird ihren Weg finden.
Kurz vor Wehr, dem Ziel des Schluchtensteigs, passieren wir noch den schrecklich hässlichen Wehra-Stausee. Er macht den Eindruck, als wäre er gar nicht mehr in Betrieb. Der Wasserpegel ist sehr niedrig und unser Blick prallt rundum an Beton ab. Irgendwie sieht das alles ein bisschen gruslig aus und ist kein Ort zum Verweilen. Kerstin schwirrt noch ca. einen Kilometer hinter uns verzweifelt im Wald rum und muss offensichtlich und frustriert der Tatsache ins Auge blicken, dass sie ihr großes Cache-Wochenrätsel wohl nicht lösen wird. Wir fühlen mit ihr, wirklich! Immerhin hat zumindest Gerd mit seinem Scharfblick einen großen Anteil daran, dass sie so weit gekommen ist, aber leider fehlen ihr zwei Zwischenlösungen zum Endergebnis.
Wir nehmen nun die letzten zwei Kilometer entlang der Wehra hinein in den Ort Wehr in Angriff. Unser Hotel befindet sich gleich am Ortseingang. Als wir eine Brücke schon mit Sicht aufs Hotel überqueren, bleibt Kerstins Stock, den ich die ganze Zeit bei mir hatte, mit der Spitze zwischen zwei Bohlen stecken und bricht ab. So ein Mist! Aber ich kann wenigstens die Metallspitze noch retten, so dass sie Gerd wieder montieren kann. Nun ist der Wanderstock eben drei Zentimeter kürzer.
Auch dieses Hotel hat Ruhetag, aber hier ist alles perfekt geregelt. Wir haben einen Zahlencode, mit dem wir einen Briefkasten öffnen können, in dem sich unser Schlüssel befindet. Die Koffer sind auch da. Wir haben einen riesigen Balkon und genießen erst einmal die letzten Sonnenstrahlen und ruhen uns aus. Um direkt ans Ende des Schluchtensteigs zu gelangen, müssen wir natürlich die letzten Meter dorthin auch noch laufen, damit diese Wanderung ein zünftiges Ende findet. Das obligatorische  Beweisfoto machen wir allerdings erst am nächsten Morgen, am Tag unserer Heimreise.

Den letzten Abend verbringen wir mit Nahrungssuche und damit verbundenem Stadtbummel. Wir werden von einem griechischen Gastwirt eingefangen, der vor der Wirtschaft auf der Straße rumlungert und potentielle Kunden anspricht. Bei uns hat er Erfolg und wir bereuen es nicht. Ein opulentes Mahl erwartet uns, ganz nach unseren individuellen Bedürfnissen zugeschnitten. Mit dicken Bäuchen rollen wir zurück ins Hotel zur letzten Übernachtung. Am nächsten Morgen lernen wir dann auch das Personal kennen und werden vom Chef sehr freundlich und gut beraten, wie wir nun am besten mit unseren Koffern zum Busbahnhof kommen, nämlich mit dem Taxi. So schließt sich der Kreis. Der Bus bringt uns zur Regionalbahn, mit der wir ein kurzes Stück nur bis Basel fahren. Von dort aus bringt uns ein durchgehender Zug in 7,5 Stunden direkt nach Berlin für 25 € pro Person. Da sage noch einmal jemand was gegen die Bahn!
Resümee:
Der Schwarzwald ist tatsächlich landschaftlich einzigartig und macht seinem Namen alle Ehre. Unser Weg führte uns durch Baden, das wir nun für immer und ewig mit einer merkwürdigen, humorfreien und introvertierten Bevölkerung in Verbindung bringen werden. Wir hatten auch sehr nette Begegnungen, aber das Befremdliche überwog eindeutig. Die Kombination „Land und Leute“ lässt unsere diesjährige Wanderung in der Rangfolge aller bisher absolvierten weit nach hinten fallen. Da wir uns nicht willkommen gefühlt hatten, verspüren wir auch nicht den Wunsch nach Wiederholung.