Nürnberg – eine Woche im März 2017

Wer macht schon im März Urlaub? Und wieso ausgerechnet in Nürnberg?  Es war Zufall, dass mir diese Idee in den Sinn kam. Ich hatte nach einer Stadt gesucht, die man zu Fuß erobern kann, die eine romantische Altstadt hat, in der es viel zu entdecken gibt und in deren Umgebung man wandern kann. So kam Nürnberg ins Spiel. Nun bin ich hier und will Euch ein bisschen teilhaben lassen an meinen Eindrücken und Erlebnissen.

Hier sind nur ausgewählte Fotos zu sehen. Wer Lust auf mehr hat, findet hier weitere Schnappschüsse.

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Sonntag, 05.03.2017

Ein sonniger Tag, vermutlich der erste und letzte in diesem Urlaub. Mit Google Maps und riesiger Reisetasche auf Rädern, die selbst ich – die gerne schwer trägt, kaum bewältigen kann, finde ich meine Ferienwohnung relativ mühelos. Ich werde freundlich empfangen und eingewiesen in mein Zuhause für die nächsten 7 Tage. Zwei Zimmer (davon eins Küche mit Bett) und Bad genügen völlig meinen bescheidenen Ansprüchen. Auch wenn manche Lampe nicht leuchtet und die merkwürdigen Bilder schief hängen, bin ich zufrieden. Ich verstaue  den monströsen Inhalt meiner Tasche in den Schubladen und mache mich sogleich wieder auf die Socken in die Altstadt.

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2 km und ich bin mittendrin im Gewimmel. Es ist unglaublich, welche Menschenmassen hier unterwegs sind! Berlin City wirkt dagegen wie ausgestorben. Ein babylonisches Sprachengewirr steht in krassem Gegensatz zu der beschaulichen, mittelalterlich anmutenden Kulisse, die aber gleichzeitig auch düster und bedrückend wirken kann. An manchen Stellen fühle ich mich in die 70er Jahre versetzt, architektonisch wurde hier wie auch andernorts ziemlich gesündigt. Bis vor kurzem war mir nicht klar, dass Nürnberg im 2. Weltkrieg stark zerstört wurde. Eigentlich kein Wunder nach der braunen Vergangenheit. Man überlegte nach dem Krieg sogar, die Stadt andernorts neu aufzubauen.

Direkt sauber ist es ebenfalls nicht, gelbe Säcke warten auf ihre Abholung, in den Ecken sammelt sich der Müll. Straßenmusiker werden umringt, man hört ihnen zu. Der Altersdurchschnitt steigt mit meiner Anwesenheit um ein Vielfaches, man merkt eben, dass es in Nürnberg viele Studenten gibt. Ohne Ziel lasse ich mich treiben, komme vermutlich an allen historischen Orten vorbei. Dürer-Wohnhaus, mehrere Kirchen, Brunnen, Brücken, Plätze, Rathaus, Museen bis hinauf zur Burg. Von dort hat man einen schönen Blick auf die Stadt und die Wälder ringsherum.

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So viele Berge gibt es hier gar nicht, die Gegend ist zu meiner Enttäuschung sogar ziemlich flach. Mit einsetzender Dämmerung schlendere ich wieder zurück zu meiner Unterkunft, esse soeben erworbenes trocken Brot und zappe dabei durch merkwürdige Fernsehsender, bis ich auf Platz 43 ARD finde. Tatort muss schließlich sein! Der Bildschirm hat zwar die Größe eines Kofferfernsehers, aber ich kann alles erkennen.

Montag, 06.03.2017

Zunächst muss ich auf Nahrungssuche gehen. Google verrät mir, dass sich der nächste Supermarkt (Norma) in 600 m Entfernung befindet. Na dann, Regenjacke angezogen und los! Ich kaufe ein, als wollte ich mir hier eine neue Existenz aufbauen. Hunger und Appetit sind eben schlechte Begleiter. Schwer bepackt marschiere ich zurück und frühstücke ausgiebig, bis die Putzfrau an die Tür klopft. Oh je! Wegen mir muss sie jetzt unfreiwillig Pause machen, denn bis ich startklar bin, dauert es noch ein bisschen. Als ich mich dann auf den Weg mache, lauert sie schon vor der Tür.

Mein Ziel für heute ist das ca, 2,5 km entfernte, ehemalige Reichsparteitagsgelände. Es regnet, aber ich bin dagegen gewappnet mit einer wasserdichten Jacke. Schon bald erkenne ich in einiger Entfernung die Kongresshalle, das einzige Bauwerk, das noch eine Ahnung von der Gigantomanie der nationalsozialistischen Architektur vermittelt.

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In einem Seitenflügel ist das Dokumentationszentrum untergebracht, das in einer hervorragenden Ausstellung die Vergangenheit dieses Geländes und darüber hinaus aufarbeitet. Ich bin verblüfft, als ich merke, dass ich mich fünf Stunden dort aufgehalten habe! Doch nun wartet ja noch das ca. 15 km² große Gelände auf meine Eroberung zu Fuß und es wird dann auch schon dunkel, als ich die wichtigsten Punkte abgearbeitet habe.

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Das kleine hufeisenförmige Gebäude ist das Kongresszentrum. Die Achse in der Mitte eine 2 km lange und 60 m breite Prachtstraße. Rechts davon – das größere Hufeisen – sollte das größte Stadion der Welt werden für 400 000 Zuschauer, wurde aber nie fertiggebaut. Das Rechteck in der Mitte sollte ein Aufmarschplatz werden von 1000 mal 600 Metern. Dort ist jetzt das Messegelände. Gegenüber vom Stadion – über die Große Straße drüber weg ist das Zeppelinfeld mit Zeppelintribüne, die teilweise gesprengt noch steht, aber in marodem Zustand.

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Auf dem Balkon hat Hitler große Reden geschwungen.

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Das alles übt eine gruselige Faszination aus, vor allem, wenn man die Dokumentarfilme mit Originalaufnahmen von damals sieht. Der Mensch sollte sich nicht als Individuum, sondern als ein winziges Teil eines großen Ganzen sehen. Die Architektur Speers hat das ihrige dazu beigetragen. Mittlerweile hat die Stadt Nürnberg zu einem offenen Umgang mit ihrer Vergangenheit gefunden, ist aber finanziell hoffnungslos überfordert mit der Erhaltung der Anlagen.

Dienstag, 07.03.2017

Heute bekomme ich Besuch von meiner Freundin Gisela aus Meiningen. In meiner Panik, zu spät am Bahnhof zu sein, um sie abzuholen, bin ich eine Stunde früher da und wundere mich, wieso sie nicht aus dem Zug aussteigt. Dieser wurde übrigens als verspätet angekündigt mit dem Grund: „Überholung“. Finde ich gut. Endlich mal was Neues, nicht die üblichen Ausreden wie „Technische Störung“ usw. Da hat der Reisende doch mal was zum Nachdenken! Was mag gemeint sein: technische Überholung, wurde der Zug überholt, hat er einen anderen überholt….Die originellste Ansage war aber mal: „Der Zug kann nicht losfahren, weil der Lokführer nicht da ist.“

Wie auch immer, ich nutze die Stunde, um mich gründlichst im Zeitungsladen umzuschauen und kaufe eine Wanderkarte für die letzten zwei Tage, an denen das Wetter ja besser werden soll. Und dann ist auch Gisela da. Wir machen uns auf den Weg zum Turm der Sinne, in dem sie schon mal vor vielen Jahren war und mir den auch mal zeigen wollte. Die freundliche Dame von Google Maps lotst uns zunächst durch das entzückende Handwerkerviertel. Sooo niedlich!

Dann schlendern wir weiter und schauen uns in Läden um mit Wohnaccessoires, die teilweise preislich jenseits unserer Vorstellungskraft liegen. Aber schön! Nach einigen Irrwegen finden wir schließlich zum Ziel, gehen aber vorher noch Mittagessen. Der Zufall führt uns in ein vietnamesisches Restaurant. Die Speisekarte liest sich wie ein Fremdwörterbuch und wir wählen zwei Gerichte aus, die uns zumindest teilweise namentlich vertraut sind: Tofu und Entenbrust. Für mich dieses:

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Schon lange nicht mehr haben wir so köstlich gegessen, da sind wir uns einig. Aber nun auf zum Turm der Sinne, untergebracht in einem der unzähligen Stadtmauertürme auf 6 Etagen. Wir haben zu tun, die Aufgaben an allen Stationen zu erfüllen und staunen, wie leicht sich doch die Sinne manipulieren lassen, selbst wenn man es weiß und gegensteuern möchte, es aber trotzdem nicht schafft. Sehr interessant und unterhaltsam. Man lernt, wie wir mit der Nase schmecken, schneller lesen als denken, dass das Gehirn die Welt für uns deutet. Was wie eine Wählscheibe aussieht, gibt Töne von sich. Man soll den höchsten rausfinden. Geht nicht! Daneben der Homunculus. Die Proportionen sind entsprechend der Berührungsempfindlichkeit gestaltet.

Wir pilgern dann weiter durch die Stadt, suchen vergeblich den goldenen Ring am Schönen Brunnen auf dem Hauptmarkt, entdecken einen Olivenbaum und wundern uns, dass er draußen steht, trinken noch einen Kaffee und bewegen uns langsam wieder Richtung Bahnhof, damit Gisela ihren Zug nach Hause schafft.

Mittwoch, 08.03.2017

Die Wetter-App hat nachmittags Regen angekündigt. Deswegen lautet mein Plan für heute: erst die Stadtmauer umrunden (ca. 5 km) und dann ins Germanische Nationalmuseum. Man sieht auf dem Stadtplan oben, dass ich tatsächlich den Kreis geschlossen habe. Ein beeindruckender Weg entlang von Zwingmauern, Wehrgängen und 67 Türmen, früher sogar 130. Etliche sind bewohnt. Im Prinzip sind es teilweise 3 Mauern, da im Dreißigjährigen Krieg um die bestehende Stadtbefestigung noch eine gebaut wurde. So gibt es also oft zwei Wege, einen im breiten Graben (Zwinger) und einer an der inneren Mauer. Ganz schwierige Sache für mich! Ich muss mich entscheiden, was mir bei Wegen sehr, sehr schwer fällt. Immer sitzt mir die Befürchtung im Nacken, dass der andere schöner ist und ich was verpasse. Hier sind ein paar Schnappschüsse:

Unterwegs treffe ich auf ein Hinweisschild, dass man unbedingt einen Abstecher machen sollte ins Johannisviertel mit Hesperidengärten, Barockgarten, Kirchen und Kapellen. Das macht mich neugierig. Ich folge der Wegbeschreibung und muss zunächst hier lang:

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Wenn´s da so steht…Ich komme in ein Stadtviertel, dass auf mich einen zutiefst religiös geprägten Eindruck macht, irgendwie bedrückend und unangenehm. Allerdings gibt es dafür gar keine Anhaltspunkte, das ist nur so ein Gefühl. Mir drängt sich der Vergleich zum jüdisch-orthodoxen Viertel in Jerusalem auf, nicht optisch, nur gefühlt. Die gepriesenen Gärten öffnen alle erst am 1. April, es gibt also keinen Anlass für mich, hier noch länger zu verweilen. Später lese ich im Reiseführer, dass Studenten, Intellektuelle und Künstler das Viertel für sich entdeckt haben. Hmm.

Zurück zur Stadtmauer, dauert es nicht mehr lange, bis ich das Germanische Museum erreicht habe. Davor die Straße der Menschenrechte, eine lange Säulenreihe 27 Säulen, 8 m hoch) mit Auszügen aus der Menschenrechtskonvention.

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Im großzügigen, hellen Foyer fällt der Blick auf eine Wand mit Straßenschildern, bei näherer Betrachtung fällt auf, dass es überwiegend Berliner Straßennamen sind. Und tatsächlich finde ich den Helene-Weigel-Platz aus Marzahn!

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Das Museum gilt als eines der größten der Welt. Es ist also in den paar Nachmittagsstunden nicht komplett zu schaffen. Ich laufe einfach aufs Geradewohl los und habe sofort den Überblick verloren. Mein Orientierungssinn verlässt mich augenblicklich in den langen Gängen und düsteren Ausstellungsräumen, die ineinander übergehen und sich nach rechts und links verzweigen. Ich habe das Gefühl, ganz allein zu sein und hier nie wieder rauszufinden. An der Garderobe habe ich mich noch über eine Frau amüsiert, die mich fragte, wie sie denn hier wieder rauskäme, wo der Ausgang sei. Jetzt verstehe ich sie. Museums-Aufsichtspersonal dreht seine Kreise, immer wieder kreuzen sich unsere Wege und ich bin richtig froh, als ich auch mal andere Besucher sehe. Ich hätte sonst das Gefühl gehabt, dass die Wärter nur wegen mir ihre Runden drehen. Die Ausstellungsobjekte interessieren mich nur partiell, aber der Gesamteindruck ist schon überwältigend.

Sehr gut gefallen mir diese beiden, ein an Verstopfung Leidender und der Satiricus.

Irgendwann habe ich dann keine Lust mehr und verkrümele mich in den Museumsshop. Natürlich finde ich wieder so Einiges. Dann ruhe ich mich bei einem Milchkaffee aus, schreibe endlich meine Urlaubskarten und setze meinen Mauerweg fort vorbei am Blauen Reiter in Richtung Stadtbibliothek.

Schon von außen sehr auffällig und nicht zu übersehen (auch auf den Wegweisern durch die Stadt hat sie immer einen dominanten Platz), stehe ich mit offenem Mund staunend im Foyer. Nachdem ich den ersten Anfall von Neid weggesteckt habe, wende ich mich an die freundlichen Damen an der Rezeption, stelle mich vor und frage, ob ich Fotos machen darf. Sie erkundigt sich bei ihren Vorgesetzten (ich darf) und erklärt mir stolz und kompetent in knappen Sätzen die Geschichte des Hauses, den Aufbau, das  Leitsystem und drückt mir eine Übersicht in die Hand. Ich höre nicht auf zu staunen und schaue mir alles gründlich an, werde zwischenzeitlich von einer Mitarbeiterin in einen Raum geschoben, in dem gerade eine sehr kompetente Führung durch die Ausstellung zur Blumenmalerin Maria Sybilla Merian stattfindet. Die Bibliothek verfügt über historische  Altbestände, die auf solche Art und Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch vielfältige weitere Veranstaltungen werden angeboten, die mich schon wieder auf neue Schreibwerkstatt-Ideen bringen. Das Programmheft ist beeindruckend!

Ich habe mal Zahlen verglichen. Gemessen an der Einwohnerzahl, müssten wir in Marzahn doppelt so viel Bestand haben und 1000 m² mehr Fläche. Von den Internet-Arbeitsplätzen mal ganz zu schweigen. Dort gibt es bestimmt 200, wenn das mal reicht. Grübelnd ziehe ich weiter Richtung Grübelstraße, winke dem Papst zu und betrachte nachdenklich einen Brunnen namens Ehekarussell. Wenn man das sieht, sollte man vielleicht doch die Finger vom Heiraten lassen!

Donnerstag, 09.03.2017

Das Wandern habe ich auf die letzten zwei Tage verschoben, weil sich das Wetter bessern soll. Da es – wie gesagt – um Nürnberg herum nicht so hügelig und waldig ist wie gedacht, fahre ich mit der S-Bahn Richtung Osten nach Altdorf. Dort soll es etliche schöne Wanderwege geben. Die Fahrt dorthin weckt nicht gerade die Wanderlust. Der Zug passiert merkwürdige, traurige Ortschaften, Kiefern und Birken säumen den Weg. Die Stationen liegen nah beieinander, genau wie die Bushaltestellen. Was mir übrigens noch aufgefallen ist in Nürnberg, sind die kurzen Rotphasen an den Ampeln. Man muss nie lange warten und kommt auch bequem in einer Phase über mehrspurige Straßen.

In Altdorf angekommen, studiere ich eine Übersicht mir den Wanderrouten 1-7. Ich suche mir den längsten Weg aus (8 km) und folge der vorbildlichen Ausschilderung, die mich zunächst durch den Ort führt. Wie man immer so schön sagt – hier möchte ich nicht tot überm Zaun hängen. Zwei Kleinode allerdings entdecke ich doch – ein winziges Häuschen und einen Baumbogen.

Weiter gehts über eine matschige Wiese, unter den Autobahn durch, bis ich dann zu einem passablen Waldweg gelange. Verlaufen ist unmöglich, der Weg ist in kurzen Abständen gekennzeichnet. Es fängt an zu pieseln und wird bis zum Abend auch nicht mehr aufhören. Das ist aber nicht so schlimm. Im Gegenteil – dieses leise Rauschen wirkt sehr beruhigend und die Luft ist frisch und rein. Nass werde ich nur auf, nicht unter der Jacke.

Die Freude währt nicht lange, kurz darauf schlängelt sich der Weg wieder aus dem Wald heraus und quert einen Acker. Von dort aus verläuft er entlang parallel zur Einfallstraße nach Altdorf durch die üblichen Vorort-Industriebrachen. Da es erst 13 Uhr ist, ziehe ich in Erwägung, noch eine andere Tour auszuprobieren, in der Hoffnung, dass sie landschaftlich reizvoller ist. Doch als ich am Bahnhof ankomme, steht dort der Zug nach Nürnberg verführerisch abfahrbereit und ich steige ein.

Wieder zurück, entscheide ich mich dafür, in meiner Wohnung eine Trocknen-Phase einzuschieben und mache mich dann nochmal auf die Socken zu einer Park-Erkundungstour.

Zunächst die Wöhrderwiesen:

Dann den Stadtpark mit der bombastischen Reformations-Gedächtnis-Kirche davor:

…und im Norden der riesige Volkspark Marienberg, der flächenmäßig vergleichbar ist mit der Altstadt. Jetzt zum Abend hin kommt sogar noch die Sonne heraus:

Ganz schnell wird es dunkel und ich lasse mich von Google nach Hause geleiten. Plötzlich fängt es an zu grummeln, erst leise, dann krachend und der Himmel öffnet seine Schleusen. Ein 4,5 km langer Härtetest stehen meiner Regenjacke und meinen Wanderschuhen bevor – sie haben bestanden! Als ich in meinem Quartier angekommen bin, tropfe ich so sehr, dass ich vor der Haustür meine nassen Sachen ausziehe und auf Socken durchs Treppenhaus schleiche.

Freitag, 10.03.2017

Der letzte Tag zeigt sich tatsächlich von seiner schönsten Seite. Die Sonne weckt mich und ich werde heute durch den Lorenzer Reichswald wandern, der sich östlich von Nürnberg befindet. Von meiner Ferienwohnung aus also auch zu Fuß zu erreichen.

Unterwegs treffe ich den Frühling! Trotz der Kälte.

Mitten im Reichswald befindet sich der Tierpark, der übrigens 1939 von den Nazis dorthin verlegt wurde. Vorher war er auf dem späteren Reichsparteitags-Gelände beheimatet. Er wird als einer der schönsten Deutschlands gepriesen, weswegen ich mir eine Eintrittskarte zum stolzen Preis von 13,50 € leiste. Die großzügige Anlage ist sehr hügelig, felsig und bewaldet, es macht also Spaß, die Wege abzulaufen. Die Buntsandsteinfelsen dienten früher als Materiallieferant für die Häuser in Nürnberg und die Burg.

Es gibt viel zu sehen, immer wieder interessant sind wegen der Ähnlichkeit zum Menschen die Affen. Ich bestaune die größte Papageienart der Welt, Pinguine, Eisbären, Zebras, Giraffen, Pandabären, Vogelspinnen, eklige Schaben und riesige Schmetterlinge.

  

Dann habe ich genug und verschwinde wieder im ca. 25.000 ha großen Wald. Der Name zeigt, dass dieser Wald früher keiner anderen Herrschaft, sondern direkt und unmittelbar dem Kaiser gehörte, also reichsunmittelbar war. Ich muss mich schweren Herzens für eine Richtung entscheiden, denn alles werde ich wohl nicht schaffen. Ich beschließe, mich Richtung Norden zur Pegnitz und Wöhrder See vorzuarbeiten, um dann an dessen linken Ufer zurückzukehren (gestern wars das rechte). Natürlich geht das wieder nicht so, wie ich mir das dachte und ich schleiche auf einem illegalen Mountainbike-Pfad entlang, vorbei an einem geschlossenen Aussichtsturm, bis ich dann wieder in die Zivilisation gelange. Man kann Nürnberg durchaus als eine sportliche Stadt bezeichnen. In den Parkanlagen, im Mauergraben, überall sind Fitnessgeräte aufgestellt. Gefühlt sind mehr Jogger als Fußgänger unterwegs und die Radfahrer leben hier im Paradies. So bin ich auch so ziemlich die einzige, die forschen Wanderschrittes unterwegs ist, während an mir die Läufer und Rennfahrer vorbeiziehen. Ich aber genieße die nachmittäglichen Sonnenstrahlen und meinen letzten Urlaubstag.

Fazit:

Insgesamt bin ich in dieser Woche ca. 90 km gelaufen. Öffentliche Verkehrsmittel habe ich nur zur An- und Abreise und zur Fahrt nach Altdorf genutzt. Nürnberg ist also, wenn man genug Zeit hat, durchaus fußläufig zu erkunden und ich habe über das dichte Verkehrsmittelnetz gestaunt. Es gibt hier Busse, Straßenbahnen, U-Bahn und S-Bahn. Die Altstadt ist beeindruckend, aber auch ein bisschen düster durch die massiven, roten Sandsteinhäuser. Hoch über allem thront die Burg. Die Gebiete außerhalb der Stadtmauer haben natürlich nicht so eine Dichte an Sehenswürdigkeiten, es lohnt sich aber durchaus, den Radius dorthin zu vergrößern. Auffällig sind die vielen, ausgedehnten Grünanlagen und die Vielzahl an Seen und Gewässern. Ein Muss ist der Besuch des Reichsparteitagsgeländes. Dieser historische Abschnitt ist von der Geschichte der alten Reichsstadt nicht zu trennen. Nürnberg ist einen Besuch wert!