Jerusalem-Projekt

UntitledLogo Schreibwerkstatt Integration and understanding through literacy and art…

… so lautete der Projekttitel für die internationale Schreib- und Kunstwoche in Jerusalem, an der 7 Jugendliche der Schreibwerkstatt Marzahn in den Herbstferien vom 23.10.2018 bis 31.10.2018  gemeinsam mit jungen Leuten aus Serbien und Israel teilgenommen haben.

Projektpartner waren

  • „Roter Baum“ Berlin UG

  • Udruženje Crveno drvo – Jugendverein „Roter Baum“ in Serbien und

  • Havat Hanoar Hazioni – Dr. Israel Goldstein Youth Village of Honoar Hatsioni in Jerusalem.

Das Projekt wurde finanziert über das Förderprogramm der Europäischen Union Erasmus+

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Gemeinsam mit der Schreibwerkstatt der Mark Twain Bibliothek hat die Gemeinnützige Unternehmensgesellschaft „Roter Baum“ ein Projekt entwickelt, das von der Deutschen Nationalagentur des Programmes Erasmus+ JUGEND IN AKTION bewilligt wurde.  Mittels kreativem Schreiben und künstlerischen Aktionen haben sich die Teilnehmenden mit Migration, Integration und gegenseitigem Verständnis auseinandergesetzt. Die Jugendbegegnung thematisierte Interkulturalität und verwendete einen kreativen Ansatz, um benachteiligte Jugendliche anzusprechen, ihre Schlüsselkompetenzen zu stärken und sie zur Partizipation zu ermutigen.  Die Lernergebnisse wurden mit dem Youthpass reflektiert und dokumentiert.

Bei dem Projekt wurde ein spezielles Werkzeug der kreativen Schreibtechnik mit dem Namen Micro Non-Fiction verwendet. Das Ganze basierte auf persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer und denen, die sie während des Jugendaustauschs sammelten. Während 2/3 der Teilnehmer an Mikro-Non-Fiction-kreativen Schreib-Geschichten arbeiteten, haben die anderen an der künstlerischen Entwicklung von Charakteren in Comic-Form gearbeitet und die Geschichten der Teilnehmer kreativ und visuell begleitet. Für alle war das sehr hilfreich, die Kommunikation über verschiedene Kulturen und gesellschaftliche Gruppen hinweg kreativ zu gestalten und Prozesse und Probleme zu sehen, die sich aus Individuen unterschiedlicher religiöser, sozialer und pädagogischer Herkunft ergeben. Neben der Sprache in der Gruppe konzentrierte sich die interkulturelle Kommunikation auf soziale Attribute und Denkmuster,  Sprachen und Bräuche von Menschen aus anderen Ländern.

Angeleitet wurden die Jugendlichen von der Ethnologin / Autorin / Künstlerin / Poetischen Spielraumeröffnerin Antonia Isabelle Weisz.

Hier in der Jerusalem agenda kann man den Zeitplan nachlesen und im Jerusalem timetable mit ausführlichen Erläuterungen.

Hier gehts zum Fotoalbum der Reise inklusive Videos

… und hier folgt das Tagebuch:

Montag, 22.10.2018

Nun ist es soweit! Mehr aus einer flapsigen Bemerkung heraus wurde die Idee geboren, mit der Schreibwerkstatt nach Jerusalem zu reisen. Dieses Gespräch fand vor mehr als einem Jahr mit Martin Kleinfelder statt, dem Leiter des Berliner Vereins Roter Baum e.V. Er nahm mich beim Wort und begann umgehend, sich mit den Projektpartnern in Jerusalem, dem Israel Goldstein Youth Village und dem Roten Baum in Serbien in VerbIndung zu setzen und das Antragsprozedere mit geübter Hand zu managen. Nach einem vergeblichen Versuch im letzten Jahr teilte mir Martin im Juni mit, dass der Antrag bewilligt wurde und wir in den Herbstferien nach Jerusalem fliegen. Diese Nachricht war so unfassbar sensationell, dass ich zunächst ungläubiges Staunen erntete. Ich konnte es ja selbst kaum fassen, dass ich meine Lieblingsstadt nun zum dritten Mal besuchen kann. Natürlich unter ganz anderen Voraussetzungen, denn dieses Projekt verfolgt ein ganz bestimmtes Ziel. Die Jugendlichen sollen andere Kulturen kennen- und schätzen lernen, gemeinsam schreiben und zeichnen über Sprachbarrieren hinweg. Das wird ihnen im Gegensatz zu mir nicht schwerfallen! Ich hingegen werde positiver Weise gezwungen sein, meine fragmentarischen Englischkenntnisse mal wieder aus der Versenkung zu holen, sofern sie noch auffindbar sind.
Heute gehts los, die Koffer sind gepackt und wir können alle ganz entspannt den Flughafen Tegel anpeilen, denn Start ist erst um 21 Uhr. Fast alle sind zur verabredeten Zeit da, nur Tim und Isabel fehlen noch.

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Da klingelt mein Handy und Tim teilt mir mit gehetzter Stimme mit, dass er und seine Schwester dachten, wir würden erst morgen starten, sie aber auf dem Weg seien, allerdings nicht wüssten, ob sie es noch rechtzeitig schaffen werden. Oh je. Alle rätseln, wie das passieren konnte. Später erzählt Tim, dass er sogar schon im Bett lag und erst durch Vics Frage im Chat, ob denn schon jemand da sei, im wahrsten Sinne des Wortes wachgerüttelt wurde. Isabel hatte noch nicht mal ihren Koffer gepackt! In Lichtgeschwindigkeit holte sie das nach, riss wahllos Klamotten aus dem Schrank und ab ging die Post quer durch die Stadt. Tims Vater erklärte sein Auto vorübergehend zum Streifenwagen, denn nur unter durchgehender Ignorierung der StVO konnte gelingen, dass wir dann Gott sei Dank vollzählig den Flieger nach München besteigen können. Der kurze Flug wird durch heftige Turbulenzen aufregender, als wir dachten, dafür ist die Landung ganz sanft. Eine junge Frau mit einem Schild „Nach TEL Aviv“ empfängt uns und lotst uns aufgeregt zum nächsten Gate, als würde die Maschine dort schon mit laufendem Motor nur noch auf uns warten. Während sich bei der Passkontrolle in Tegel niemand dafür interessierte, ob die Minderjährigen unter uns eine von den Eltern genehmigte Begleitperson haben, nimmt der Kontrolleur in München das ganz genau und lässt sich von allen die Bescheinigung vorzeigen. Somit hat Isabel das nächste Problem. Entweder ist das Dokument in ihrem Koffer oder sie hat es in der Hektik gar nicht eingepackt. Jedenfalls ist da jetzt nichts zum Vorzeigen. Mit Engelszungen, sehr kreativen Argumenten, demütigen Blicken und dem heiligen Schwur, sich zu bessern, darf sie dann doch den Kontrollposten passieren. Angetrieben von der immer ungeduldiger werdenden Lotsin, die uns noch im Nacken sitzt, bewegen wir uns mittlerweile fast im Laufschritt zum Gate. Noch fix durch die Gepäckkontrolle und ab in den Flieger. Jetzt sitzen wir in diesem schaukelnden Ungetüm, bemüht, die Getränke in uns statt auf uns zu schütten und mampfen entweder Nudeln mit Tomatensoße oder Hühnchen mit Reis. Noch während dann der Abräumwagen auf meiner Höhe (ich habe den Gangplatz) wieder für Bewegungsfreiheit sorgt, muss Tihomir vom Fensterplatz plötzlich ganz dringend raus. Unbeirrt bahnt er sich seinen Weg, an Georg vorbei, der dafür seine Füße auf meinen Schultern ablegt, während ich versuche, die Oberfläche meines Tomatensaftes am Überschwappen zu hindern. Aber es funktioniert! Man muss nur wollen.
Nun befinden wir uns im Landeanflug auf Tel Aviv und wir sind gespannt, was uns dort außer unseren Koffern erwartet.

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Die Passkontrolle verläuft fast enttäuschend unspektakulär, zwei Minuten später sind wir im Besitz unserer Koffer und schon hat uns Ben Gurion ausgespuckt. Draußen wartet Eva vom Israel Goldstein Youth Village auf uns und bugsiert uns in ihrer mir vertrauten burschikosen Art zu einem Transporter, dessen Kofferraum den Namen nicht verdient. Da passen maximal drei kleine Gepäckstücke nebeneinander, der Rest des Autos ist bestuhlt. Was nun?

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Alles kein Problem, meint Eva und sie behält Recht. 14 Personen und 10 Koffer sind verstaut, nachdem Tihomir wieder einen seiner Kletterparcours absolviert. Dieses Mal nicht über Georg, sondern über drei Koffer, um zum letzten freien Sitzplatz zu gelangen. Das nenne ich maximale Ausschöpfung vorhandener Ressourcen! Ab geht die Post nach Jerusalem! Ca. 45 Minuten später erreichen wir die Stadt und ich bin gespannt, ob ich die Straßen wiedererkenne. Es funktioniert und fühlt sich an wie Nachhausekommen nach einer langen Zeit der Abwesenheit, alles ist so wunderbar vertraut. Eva weist uns die Zimmer zu und erklärt, dass es in einer Stunde Frühstück gibt, doch die meisten sehen aus wie Gespenster und wollen verständlicherweise nur noch ins Bett. Tihomir, Antonia, Georg und ich machen mit Eva noch eine kleine Rundwanderung durchs Gelände und essen danach köstliche, warme Schokocroissants und andere Leckereien. Total unvernünftig, ich weiß! Deswegen bin ich jetzt vernünftig und schlafe ein bisschen. Es ist 7:50 Uhr und um 12:30 Uhr heißt es „Antreten zum Mittagessen“. Mittlerweile ist es

Dienstag, 23.10.2018

Nach dem Mittagsessen, dass im Übrigen für alle Essgewohnheiten ein ausreichendes und abwechslungsreiches Angebot bereitgehalten hat und von uns eigentlich so nach dem Aufstehen als Frühstück wahrgenommen wurde,

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wird für 16 Uhr unser nächster gemeinsamer Treffpunkt vereinbart. Bis dahin ist Freizeit. Die meisten legen sich nochmal hin. Da wir hier so viel wie möglich sehen wollen, beschließen Georg und ich, die nähere Umgebung in Augenschein zu nehmen, Geld zu wechseln, einzukaufen und mal schauen, wie weit wir in der Zeit zu Fuß Richtung Altstadt kommen. Ich kenne den Weg noch so ungefähr. Ein Geldautomat ist schnell gefunden, doch dessen englische Menüführung nicht. Wir probieren so einiges aus und scheitern zu nächst. Vielleicht auch, weil hinter uns schon Leute geduldig warten, dass wir aus dem Knick kommen. Dann probieren wir es doch einfach mal in der Wechselstube nebenan. Das klappt gut. Für 200 € erhalte ich 820 Schekel. Georgs wiederholter Versuch am Automaten gestaltet sich dann auch als erfolgreich. Wir rechnen aus, dass man beim Umtauschen geringfügig mehr ausgezahlt bekommt.

Nun stiefeln wir los, immer mit Blick auf die Uhr, denn wir müssen ja auch wieder zurücklaufen und dazu noch bergauf. Uns fällt auf, dass ziemlich häufig Bücher auf Mauern und Treppen liegen, die man mitnehmen kann. Manchen sieht man ihre lange Aufenthaltsdauer im Freien auch an. Gerade, als die Straßen interessanter werden,

mehr Restaurants, mehr Geschäfte, mehr Menschen und die Altstadt zum Greifen nahe ist, müssen wir umkehren, um nicht zu spät zu kommen und vorher den Umsatz des Supermarkts zu steigern. Wir kaufen Wasser (das im Speisesaal schmeckt ziemlich gechlort), Nüsse, Kaffee, Tee und stellen abends fest, dass all das (außer Nüsse) nun auch in der kleinen Teeküche in unserem Wohnhaus zur freien Verfügung steht. So what.

Nun trifft sich die israelische Gruppe mit uns und übernimmt die Führung. Zunächst wieder zum Supermarkt / Wechselstube / Geldautomat und danach zur Bushaltestelle. Nun fahren wir genau die Strecke, die wir vorhin gelaufen sind, nochmal mit dem Bus. Erstaunlich ist, dass auch in unserer Wahrnehmung die Fahrt fast länger dauert als unser Fußmarsch. Ich unterhalte mich mit Antonia über dies und das, als uns ein Mann mit Kippa (also ein Jude) anspricht und fragt, ob das Deutsch ist, was wir da sprechen. Als wir bejahen, leuchten und strahlen seine Augen und er erzählt uns, dass er mal in Deutschland Kunstgeschichte studiert hat und noch ein bisschen Deutsch kann. Er ist total happy, endlich mal wieder seine Kenntnisse praktisch anwenden zu können. Etwas Schöneres und Hoffnungsvolleres kann einem als Deutscher doch nicht passieren: ein Jude freut sich, jemanden deutsch sprechen zu hören! Auch Vic erzählt, dass ein Mädchen aus der israelischen Gruppe meinte, die deutsche Sprache hätte einen „Beautiful Sound“. Normalerweise ist eher das Gegenteil der Fall.

Wir steigen Ecke Jehuda- /King-George-Street aus und vereinbaren, uns in einer Stunde wieder dort zu treffen. Die Jehuda-Street ist die Partymeile Jerusalems, je weiter der Abend fortschreitet, umso lebendiger wird sie. Ein paar Straßenmusiker sind schon unterwegs und man bekommt eine Ahnung, was dann zu fortgeschrittener Stunde hier so abgeht.

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Eine Kneipe an der anderen, unzählige Touristen, Souvenirläden ohne Ende und dazwischen Einheimische, schwer bepackt mit Taschen und Tüten und vielen Kindern im Schlepptau geben der Straße ihr Gesicht. Ich kenne dieses Gewusel zur Genüge und schlage vor, dem nahegelegenen Viertel der ultraorthodoxen Juden – Mea Shearim – einen Besuch abzustatten. Schleichend vollzieht sich der Übergang, die Häuser werden armseliger, die sichtbar anders gekleideten Haredi (Ultraorthodoxe) mehr an der Zahl. Ein unübersehbar platziertes Banner mit der Warnung, wenn überhaupt, dann nur in angemessener Kleidung dieses Viertel zu betreten (geschlossene Bluse, langer Rock, keine Hosen, lange Ärmel, nichts Enganliegendes), weil man sonst die Bevölkerung von ihrem Weg als Juden zu Gott und der Torah abhält und das zu schweren Störungen führt, kann uns aber trotzdem  nicht stoppen.

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Es ist eine Zeitreise in ein polnisches Schtetl des 19. Jahrhunderts. Man läuft mit offenem Mund durch die Straßen, immer mit dem Gedanken im Kopf: „Das glaube ich jetzt nicht. Wie kann man sich hier wohlfühlen?“ Es ist unglaublich schmutzig, Müll steht und liegt auf der Straße, aus einem Fenster segeln blaue Plastikfetzen zu Boden. Die Mädchen tragen lange Röcke, hochgeschlossene Blusen, die Frauen Perücken oder Mützen bzw. turbanartige Tücher. Alle schieben Kinderwagen vor sich her mit weiteren Kindern im Schlepptau. Die Männer tragen die typische Kleidung der Strenggläubigen: schwarze lange Mäntel, aus denen unten dünne Beinchen herausragen, die schwarzen Hüte und natürlich Schläfenlocken. Manche sind auch in weiß gekleidet in eine Art Satin-Morgenmantel, dazu weiße Strümpfe, einige tragen statt Hut einen Schtreimel. Das ist ein Hut mit Pelzbesatz, der nur zur Zierde auf dem oberen Viertel des Kopfes sitzt und so aussieht, als würde er gleich runterfallen. Darunter schaut ein Stück der Kippa hervor.

Alle sind in Eile, außer einem älteren Haredi, der vor uns durch Viertel schlendert. Allein über diese Strengreligiösen gäbe es so viel zu erzählen, dass das hier den Rahmen sprengen würde. Ein paar Dinge seien hier aber genannt. Kleinen Jungen aus orthodoxen Familien werden erstmals im Alter von drei Jahren die Haare geschnitten, weil auch ein Baum laut Bibel erst nach drei Jahren das erste Mal beschnitten werden darf, dazu gibt es ein Fest. Die 613 Gesetze regeln z.B. auch, welcher Schuh zuerst angezogen werden soll und dass man Fleisch und Milch streng trennen muss. Beim Essen, aber auch in der Haushaltsführung. Alles gibt es deswegen doppelt in der Küche, auch die Spülmaschine. Sie lehnen Hebräisch, die Sprache der Bibel, als Alltagssprache ab. Man kann also durchaus manche Wörter verstehen, z.B.
Tohuwabohu, Moloch, Ziffer, Maloche, zocken, Massel, Ische, Zoff, abnibbeln,
Cholera, belemmert, beschickert, doof, dufte, mies, meschugge, pleite, Gauner,
Ganove, schäkern, mogeln, vermasseln, Moos.) Die Männer gehen nicht arbeiten, weil sie sich dem Torastudium widmen müssen. Die Frauen dafür aber schon. Die Orthodoxen definieren sich über Religion, lehnen den Staat Israel ab, akzeptieren ihn aber pragmatisch, weil sie von ihm finanziell abhängig sind und sind deswegen bei den „normalen“ Juden äußerst unbeliebt. Fast ein No-go ist es, am Shabbat das Viertel zu betreten. Vor Jahren habe ich das aus Neugier trotzdem gemacht und wurde sogar von Kindern übelst beschimpft.

Dieser kleine Abstecher führt uns schließlich mit Hilfe eines Stadtplans an der Altstadtmauer entlang zurück zum Treffpunkt, wo wir alle aus den verschiedensten Richtungen wieder eintrudeln. Nun laufen wir noch ein kleines Stück und sind plötzlich inmitten des Green Market, eigentlich Mahane Yehuda Market. Ein Markt, der seinesgleichen sucht. Hier gibt es alles im Überfluss – Waren und Menschen. Unmengen an Gewürzen, Obst, Gemüse, Fleisch, Backwaren strömen einen betörenden Duft aus. Kleidung, Haushaltwaren, Instrumente, religiöse Gegenstände komplettieren das Angebot. Die Rufe der Verkäufer, die ihre Ware zum Feierabend loswerden wollen, erinnern an einen arabischen Basar, was er ja im Prinzip auch ist. Es sieht alles so lecker als, dass ich am liebsten überall was kaufen würde, beschränke mich dann aber auf eine Pomelo. Die Zeit reicht sowieso nur für einen flüchtigen, ersten Eindruck. Es ist kein Touristenmarkt, sondern dort kaufen die Jerusalemer ein.

Besonders faszinierend finde ich immer wieder die friedliche Begegnung von Juden und Arabern. Die einen kaufen bei den anderen ein und pflegen einen respektvollen, teils freundschaftlichen Umgang miteinander. Warum kann das nicht überall so funktionieren? Das geschäftige Treiben endet hier aber nicht zum Feierabend, denn dann wird der Markt zum Kneipenviertel. Verhungern und verdursten muss hier niemand!

Diszipliniert sind alle zur verabredeten Zeit mit mehr oder weniger gefüllten Taschen am Treffpunkt. Es ist jetzt dunkel, der Abend ist angebrochen und es wird Zeit für die Rückkehr. Wir müssen ziemlich lange warten, bis ein Bus der für uns richtigen Linie vorfährt. Währenddessen können wir noch ein bisschen unsere Alltagsstudien betreiben. Zurück im Village, biegen einige am Speisesaal ab, während andere, wie z.B. Georg und ich uns auf dem Markt den Bauch schon vollgeschlagen haben und direkt ihre Zimmer ansteuern und erschöpft in die Betten sinken.

Mittwoch, 24.10.2018

Ausschlafen ist nicht. Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier! Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker, denn bis 8 Uhr muss man mit frühstücken fertig sein. Heute und auch für die kommenden Tage wurde ein straffes Programm gestrickt. Die serbische Gruppe ist gestern Nacht eingetroffen, so dass wir nun mit ca. 30 Personen vollzählig sind und der internationale Workshop beginnen kann. Um 9 Uhr werden alle zusammengetrommelt, wir versammeln uns vor unserem Gästehaus auf der Wiese und Tihomir gibt eine kurze Einführung in den heutigen Tag. Anschließend übernimmt Antonia und sammelt mit uns verschiedene Wortarten zu den Themen Lernen und Reisen. Wir sitzen im Kreis, jeder ist an der Reihe und alles wird mitgeschrieben. Zweimal passiert es mir, dass – kurz bevor ich dran bin – jemand anders „mein“ Wort nennt. Oh Gott, wo soll ich so schnell ein Neues herholen, dazu auch noch in Englisch? Trotzdem macht diese Findungsphase Spaß und am Ende haben wir eine stattliche Wörtersammlung zusammengetragen.

Bis zum Mittagessen ist Freizeit, die wir zur weiteren Erkundung der näheren Umgebung nutzen. Wir sehen uns bei einer Runde um den Block extrem hässlichen Hochhäusern gegenüber.  Jedenfalls von außen. wenn man dort wohnt, hat man sicher eine super Aussicht.

An Baustellen vorbei, arbeiten wir uns in großem Bogen wieder an das Youth Village heran. Mitten auf dem Gehweg kämpft ein Baum tapfer und sichtlich erfolgreich ums Überleben. Auch einen Park in unmittelbarer Nachbarschaft machen wir noch unsicher und entdecken dort wieder alte Bücher, sogar deutsche.

Nach dem Mittagessen werden alle drei Gruppen an einen schattigen Platz geführt, wo es zunächst erst mal darum geht, sich auf spielerische Weise einander anzunähern, z.B. Namen zu erfragen, gemeinsame Porträtzeichnungen zu erstellen, was zu sehr lustigen Ergebnissen führt.

Ich finde ja, dass mein Bild besonders gut gelungen ist. Fast schon eine Fotografie. Man beachte die schwungvolle Taille! In gemischten Kleingruppen erfragen wir untereinander, warum wir an diesem Projekt teilnehmen und mit welchem Ziel.

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Die Ergebnisse werden danach gegenseitig vorgestellt. So erhalten auf effektive Art und Weise alle einen kleinen Einblick in die Lebenswelt der anderen. Viele haben sich auch so schon zusammengefunden und es ist beeindruckend, wie unkompliziert, freundschaftlich und wertschätzend die Jugendlichen miteinander sofort ins Gespräch kommen. Als wären sie schon zusammen in den Kindergarten gegangen.

Da es für das Projekt eine Comic- und eine Schreibgruppe gibt, werden diese im Anschluss von den Gruppenleitern und -Leiterinnen unter ihre Fittiche genommen und mit ersten Aufgaben vertiefend an das Projektthema herangeführt. Jeder weiß jetzt, woran er die nächsten Tage arbeiten wird. Mein Thema wird sein, die alltäglichen Gemeinsamkeiten des Lebens in Deutschland und Israel herauszufinden.

Und schon ist es nach 17 Uhr. Die Überlegungen unserer deutschen Gruppe, die Zeit bis zum heutigen interkulturellen Abend um 20 Uhr für einen Altstadt-Ausflug zu nutzen, werden wieder verworfen. Erstens wäre das nur Stress und zweitens ist es auch nicht gewünscht, dass sich die Nationalitäten separieren. Wir sind ein bisschen traurig, dass die Programmpunkte fast alle hier im Youth Village verortet sind und nicht an historischen Punkten der Stadt. Denn nur, wenn die Teilnehmer diese kennenlernen, können sie den Jerusalem-Sound mit einfließen lassen. Schauen wir mal.

Der gemeinsame Abend wird eröffnet mit der Präsentation landestypischer Produkte. Wir haben dafür Lebkuchen, Stollen, Baumkuchen, Knoppers, Brezeln und andere Leckereien aufgetafelt, aber auch der serbische und der israelische Tisch sind reich gedeckt. Schade, dass wir vom Abendessen noch satt sind!

Zum Abschluss des Tages klinken wir Deutschen uns doch noch aus und peilen das Ziel Ölberg an. Ich weiß von meinen früheren Aufenthalten, was für ein wunderschöner Blick uns von dort aus auf die Stadt erwarten wird. Doch wie kommen wir da hin? Laufen? Zu weit. Bus? Fährt nicht mehr. Also Taxi. Den Luxus leiste ich mir und spendiere die Fahrt. Doch woher ein Taxi für 8 Personen nehmen? Georg fragt beim Pförtner, ob er uns eins rufen kann, was sich als ein langwieriger und schwieriger Prozess rausstellt. Taxis ruft man hier per App. Das können wir aber nicht, da man auch über diese bezahlt. Telefonisch ist fast unmöglich. Doch ein hilfsbereiter junger Mann übernimmt das und setzt Himmel und Hölle für unsere in seinen Augen wohl völlig bekloppte Idee in Bewegung. Und tatsächlich – nach ca. 1/2 Stunde fährt ein Kleinbus vor mit einem Fahrer, der weder weiß, wo er uns hinfahren soll noch englisch spricht. Nur französisch oder hebräisch. Georg klärt über dessen Telefon alles mit dem Taxirufer, der wiederum dem Fahrer die Anweisungen gibt. Aufregend! Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob das so klug war, die ganze Meute ins Ungewisse zu schicken und ob uns der Fahrer tatsächlich an unser Wunschziel bringt. Meine Pulsfrequenz steigt parallel zur Fahrtzeit, doch alles geht gut, wir steigen direkt an der Aussichtsplattform aus und sind auch zunächst mal platt. Eine atemberaubende Aussicht entschädigt für alle Querelen und ich weiß, die Investition hat sich gelohnt! Diesen Anblick werden alle ihr Leben lang nicht mehr vergessen.

Der Fahrer bringt uns heil wieder zurück und kann auch plötzlich englisch sprechen, als ich ihm ein üppiges Trinkgeld gebe. Ein guter Abschluss eines ereignisreichen Tages.

Donnerstag, 25.10.2018

Wir dürfen nicht schwächeln, um 6:30 Uhr klingelt der Wecker, denn um 8 Uhr müssen wir startklar sein für das heutige straffe Programm. Für den Vormittag ist ein Rundgang durch die Altstadt geplant: „Intercultural Learning at local community – experiencing Jerusalem cultures“ – so lautet der Auftrag. Wir fahren wieder mit dem Linienbus und steigen am Eingang zur Shopping-Mall Mamilla aus. Ich freue mich, dass wir hier unsere Tour beginnen, denn ich kenne dieses noble Einkaufszentrum noch von meinen vorherigen Reisen. Hier geht es eigentlich weniger ums Einkaufen, sondern hier flaniert man, genießt die entspannte, vornehme Atmosphäre, erfreut sich an den Skulpturen rechts und links, trinkt vielleicht einen Kaffee, setzt sich auf die amphitheaterähnliche Treppe und beobachtet die anderen Flaneure. Das alles können und wollen wir natürlich in einer Gruppe von ca. 20 Personen nicht tun, aber man bekommt einen Eindruck vom alltäglichen Leben hier. Die Zahlen auf den Steinen rühren übrigens daher, dass dieses Haus an anderer Stelle abgetragen wurde. Die Steine wurden numeriert, um sie dann exakt wie vorher aufeinander setzen zu können.

Die Treppe auf dem Foto führt direkt über einen großen Platz zum Jaffa-Tor, einem beliebten und sehr bekannten Eingang in die Altstadt. Wir stellen uns der sportlichen Herausforderung, uns geschlossen in dieser großen Gruppe dort vorwärts bewegen zu wollen. Das erfordert stellenweise Schäferhund-Mentalität, aber wir bekommen es hin, meistens ganz brav hintereinander herzutraben und trotzdem teils begehrliche Blicke in die Auslagen der Händler zu werfen. Aber – oberstes Gebot: Nicht stehenbleiben, sonst verliert man den Anschluss.

Die Verlockung ist groß. Es gibt so viele interessante Dinge zu bestaunen! Nicht nur die Augen sind schwer beschäftigt, auch die Nase nimmt Witterung auf. Die vielen Gewürze, Gebäckstücke, Süßigkeiten und Räucherkristalle bilden ein typisch arabisch anmutendes Duftgemisch, komplettiert durch die Rufe der Händler, Gespräche, Musik, Geschrei, Gelächter der vielen Menschen und das holprige Rattern der Wagen und Autos, die sich auch noch durch die Gassen drängeln und lautstark ihr Wegerecht einfordern.

Immer wieder führen Nebengassen ins Ungewisse, das für uns ein Geheimnis bleibt, ebenso lässt der Blick in die offenstehenden Haustüren der Phantasie freien Lauf, was sich wohl für Räume dahinter verbergen mögen.

Und schneller als vermutet stehen wir vor der Grabeskirche, im Jahr 335 geweiht. Von außen eher unscheinbar und unspektakulär, erwartet uns darin der religiöse Irrsinn. Sechs christliche Konfessionen teilen sich die Kirche, die äthiopischen Christen haben sich aufs Dach zurückgezogen. Es ist genauestens geregelt, wer wann wo wie lange beten darf. Ostern gibt es deswegen häufig Streitigkeiten bis hin zu Prügeleien. Es gibt mehrere Etagen und unzählige Nischen, Kapellen und Kirchen in der Kirche. Weihrauch durchzieht die dunklen Räume. Wir sind Teil einer großen Masse, die sich durch die Gänge schlängeln, treppauf, treppab vergeblich versuchen, die Aufteilung der Kirche zu durchschauen. Dazwischen Gläubige, die auf Knien um den Salbungsstein rutschen, ihn küssen und mit Kleidungsstücken abreiben. Dieser Ort übt eine dunkle Faszination auf uns aus, die man nur selber erleben kann. Auch seine Geschichte gehört zur eher dunklen Vergangenheit des Christentums mit seinen Kreuzzügen.

Antonia möchte uns unbedingt das Österreichische Hospiz (eine Art christliches Hotel)zeigen, weil man von dort eine wunderbare Aussicht hat auf die Altstadt mit Felsendom. Auch Sissi kann man im dazugehörigen Café treffen. Auf wundersame Weise verschafft sie uns Einlass und wir genießen die unerwartete Bewegungsfreiheit nach dem Gang durch die engen Gassen.

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Wieder vor der Tür, beobachten wir, wie bewaffnete Soldaten einen Araber in unseren Augen grundlos filzen. Er war einfach nur telefonierend an ihnen vorbeigelaufen, ihre Rufe ignorierend, weswegen sie ihn sich erst recht vorknöpfen.

20181025_111903 Eher belustigend ist der Rollstuhlfahrer-Parkplatz. Wer soll hier parken? Man kommt ja gar nicht mit dem Auto bis hierher. Aber man wird sich schon was dabei gedacht haben.

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Nun nähern wir uns dem jüdischen Viertel, auf dem Foto unübersehbar die Menora auf dem Dach. Zunächst merken wir gar keinen Unterschied, doch ganz plötzlich enden die typischen Marktgeschäfte und machen einer Noblesse Platz, die man nicht erwartet hat. Galerien bestimmen das Bild, hin und wieder ein teurer Kosmetikladen oder Souvenirgeschäfte der Extraklasse. Wir passieren eine Ausgrabungsstätte eines Marktes aus der Römerzeit und finden auch den „Fehler“ in dem Wandgemälde. Wer noch?

 

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Nun ist es nicht mehr weit bis zur Klagemauer. Nach dem Passieren der Sicherheitsschleuse stehen wir auf dem großen Platz davor. Oben der Felsendom, darunter ein Gewusel von vielen feiernden Menschen, eventuell der Bar Mizwa ihrer Kinder.

Zehn Minuten Zeit werden uns eingeräumt, Eindrücke von diesem Hotspot der Religionen in Jerusalem zu sammeln. Im Englischen wegen der Westseite des ursprünglichen Tempels Western Wall genannt, im Hebräischen Kotel, ist die Klagemauer für viele eine Möglichkeit, ihre Wünsche mittels Zettel an Gott zu übermitteln. Zweimal pro Jahr werden die Gebetszettel, die rund 100 Einkaufstüten füllen, vor jüdischen Feiertagen aus den Ritzen der Klagemauer entfernt. Die Gebetszettel werden anschließend ungelesen auf dem Ölberg begraben, da nach jüdischem Gesetz nichts verbrannt werden darf, auf dem der Name Gottes steht. Unter den Zetteln, die in die Mauerritzen gesteckt werden, befinden sich hin und wieder auch Barschecks. Es ist nicht bekannt, ob diese als solche erkannt werden und bei der Bank eingelöst werden können, denn es kann schon mal vorkommen, dass ein fünfstelliger Betrag gespendet wird.

Damit endet die Tour durch die Stadt und wir laufen wieder zurück zum Jaffator, wo mit mir vier weitere Teilnehmer der Gruppe noch ein bisschen verweilen. Die anderen machen sich auf den „Heimweg“, wir versuchen, innerhalb des Zeitlimits von einer Stunde noch ein paar Souvenirs zu ergattern oder etwas zu essen. Georg und ich geraten in einen Imbiss, wo wir viel Spaß haben mit den Verkäufern und diese offensichtlich auch mit uns, denn wir kaufen hier den teuersten Snack unseres Lebens. Für eine gefüllte Teigtasche, einen belegten Bagel und zwei Kaffees löhnen wir 108 Schekel, während wir zu hören bekommen, dass ich eine typisch russische Gesichtsform habe und Georg wie ein Chinese. Aber es schmeckt hervorragend! Als wir alles genüsslich verspeist haben, kommen passend auch Vic, Kristina und Jelena angeschlendert und wir gehen zurück zum Bus, der tatsächlich genau zeitgleich mit uns an der Haltestelle ankommt und uns, während wir mit Jelena deutsch und sie mit uns serbisch übt, dem Youth Village näher bringt. Das schreibe ich deswegen so, weil wir nicht so genau wissen, wo wir aussteigen müssen. Aber wir erkennen die Gegend wieder, verlassen den Bus und laufen erst mal in die völlig falsche Richtung, bis uns das alles dann doch ein bisschen komisch vorkommt. Dank Google Maps finden wir trotzdem noch pünktlich zurück und sind, wie befohlen, um 15 Uhr bereit zur Reflektion des Erlebten unter Anleitung von Antonia.

Und wie ihr seht, nicht nur wir. Auch eine sehr zutrauliche Miezekatze (von Marta „Schwein“ getauft), gesellt sich interessiert zu uns und lauscht Antonias Ausführungen. Nun haben wir bis 17:30 Uhr Zeit zu überlegen, was die gewonnenen Eindrücke in uns ausgelöst haben und sind aufgefordert, dazu kurze Texte in Formaten unserer Wahl zu schreiben. Entweder lauter Fragen, einen Brief, eine SMS, ein Gedicht, eine Anekdote – ganz egal. Jeder darf sich an einen Ort seiner Wahl zurückziehen. Auch die Zeichengruppe sitzt zusammen und ist beeindruckend kreativ:

Die Schreibgruppe trifft sich anschließend nochmal, um die Texte vorzulesen. Ich habe Google Translater hinzugezogen, meinen Text übersetzt und sogar in Englisch vorgetragen, habe aber vorher meine Erlaubnis gegeben, dass herzhaft gelacht werden darf. Prompt bekomme ich von Antonia den Auftrag, das zur Abschlusspräsentation zu wiederholen.

Nach dem Abendbrot kaufen wir fix noch Wasser, denn die 6 Flaschen sind ausgesüffelt. Und schon haben wir den nächsten Termin: Plenum. Wir sind aufgefordert, den heutigen Tag zu bewerten. Die Meinung ist einhellig: viel gesehen in kurzer Zeit. Ein sehr guter Tag, der nun beendet werden sollte, da wir uns morgen noch eine halbe Stunde eher am Eingang einfinden sollen, um in den Freitag zu starten.

Freitag, 26.10.2018

Nachdem es gestern Abend schon deutlich kühler war als die Tage zuvor, hat es die ganze Nacht wie aus Eimern geschüttet und die Temperaturen sind auf 13 Grad gesunken. Auch jetzt am für mich sehr frühen Morgen lockt mich nichts aus dem Bett. Mein Biorhythmus wird hier sowieso auf eine harte Probe gestellt. In Berlin gleiche ich meine nächtlichen Computeraktivitäten mit Vormittagsschlaf und der Einteilung zum Spätdienst aus. Hier gibt’s keine 2. Schicht, ab 7:30 Uhr beginnt für mich erbarmungslos die harte, tägliche Arbeit der Kommunikation in englischer Sprache. Zum Frühstück wurden uns Milchbrötchen und Kakao als Wegzehrung zur Verfügung gestellt, damit wir die eigentliche Frühstückszeit noch mit Schlafen verbringen können. Doch einige stehen lieber eher auf, weil sie in Ruhe Kaffee trinken und essen wollen. Doch der Speisesaal ist leer. Das verstehen wir alle nicht, denn eigentlich gibt es hier ab 6 Uhr Frühstück, wie wir ja am Dienstag auch selbst erleben durften. Vielleicht liegt das ja daran, dass heute der Shabbat beginnt, es also im Prinzip wie für uns Samstag ist. Die gestrige Vereinbarung, dass wir uns um 7:30 Uhr am Village-Eingang treffen, wird um 15 Minuten verschoben, was für die braven Pünktlichen dort zur Geduldsprobe wird. Da hätte man schließlich nicht so hetzen brauchen!

Nun marschieren wir zur Bushaltestelle und warten auf die Linie, die direkt vor dem Mahane Yehuda Markt hält.

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Wir waren ja am Dienstag Abend schon hier, aber freitags ist das nochmal ein ganz anderes Erlebnis. Die Straßen und Gassen sind voll von reger Betriebsamkeit, letzte Dinge für das Wochenende werden noch eingekauft. Um 17.00 Uhr ist Schluss, es beginnt der Shabbat und religiöse Juden achten sehr genau darauf, dass die Läden geschlossen und das Licht gelöscht ist. Ich hatte ja schon darüber berichtet, wie der Gesamteindruck all unsere Sinne zum Glühen bringt. Die vielen Menschen komplettieren das Bild.

Wir haben eine Stunde Zeit, um uns umzuschauen. Georg und ich beschließen, erst einmal einen richtigen Kaffee zu trinken, eine Lokalität mit Flair hat Georg mit geübtem Blick schon ins Visier genommen. Dort ist es so gemütlich, dass ich am liebsten da bleiben würde. Klein, aber fein. Mit einer Miniauswahl an sehr interessanten Büchern und natürlich viel Kaffee. Ein bisschen Smalltalk verstärkt das Gefühl, willkommen zu sein.

Sehr gefallen hat mir auch der Spruch statt Spiegel auf der Toilette: „Du siehst großartig aus!“ Ich bin am Überlegen, ob ich das zu Hause auch übernehmen sollte. So bleiben einem unangenehme Begegnungen erspart, vor allem am Morgen. Wir laufen weiter, zunächst weg vom Markt, durch eine Gasse an einer kleinen Synagoge für syrische Juden  vorbei, vor der sich eine Traube Menschen in Festtagsstimmung versammelt hat. Im Hintergrund taucht aus nächster Nähe die Knesset auf und eine vielbefahrene Straße mit interessanten Details am Wegesrand, auf der wir intuitiv einen großen Bogen schlagen zurück in die Agrippa-Street.

Auf dem Weg zum Markt hält direkt neben uns ein Transporter mit Wahlwerbung, auch die Plakatierung ist unübersehbar. Wir werden die Kommunal-Wahlen noch miterleben, sie sind am 30.10.2018 und die Jerusalemer Bürger haben erstmals an diesem Tag frei in der Hoffnung, dass dadurch die Wahlbeteiligung steigt.

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Der Markt hat sich in der Zwischenzeit schon deutlich gefüllt und wir schlendern hin und her und her und hin und genießen die lebendige Atmosphäre, bis wir uns zum Treffpunkt zum Ausgang Jaffa-Street begeben.

Eine Lehrerin der Schule, die uns gestern schon mit sicherer Hand durch die Altstadt geleitet hat, bereitet uns vor auf unsere Stippvisite durch das jüdisch-orthodoxe Viertel Mea Shearim und präpariert uns, was wir alles dürfen uns was nicht und was uns erwartet. Ich bin froh, dass wir dort alle nochmal zusammen hingehen und meine Schreiberlinge mit eigenen Augen sehen, wie es dort so zugeht, denn nur vom Erzählen kann man sich das einfach nicht vorstellen. Leider bleibt uns dort nur eine halbe Stunde zum Umschauen und wir befinden uns auch nicht so richtig tief drin in Mea Shearim. Trotzdem haben das Treiben dort, die vielen traditionell gekleideten Juden und vor allem auch die schmutzigen Straßen viele der Teilnehmer nachhaltig beeindruckt und wir haben noch oft am Nachmittag und Abend darüber diskutiert.

Auch wenn es dort nicht gerne gesehen wird, muss ich einfach filmen, weil ich denke, das glaubt mir sonst keiner:

Wieder zurück in unserem Jugenddorf, gibt’s Mittagessen, das heute sehr kurz ausfällt. Wir haben nur einmal die Chance, uns was auf die Teller zu häufeln, denn kurze Zeit später ist alles weggeräumt, als hätte da nie was gestanden. Der Speisesaal ist abgetrennt durch Vorhänge und eine Art spanische Wand, alle Tische werden mit weißen Papiertischdecken, Besteck und Gläsern festlich gedeckt, bis wir merken, dass wir an dem einzigen Tisch sitzen, der noch nicht verschönert wurde und man darauf wartet, dass wir nun endlich das Feld räumen. Am Nachmittag arbeiten die Schreib- und Zeichengruppe weiter an ihren Reflexionen. Einige lassen sich danach in die naheliegende Synagoge zum Shabbat – Gottesdienst einladen. Kristina erzählt, dass es etwas verwirrend auf sie gewirkt hat, weil kein spürbarer Beginn und auch kein richtiges Ende zelebriert wurden, aber sie war total froh, das mal miterleben zu können. Im Prinzip hat der christliche Sonntag im Shabbat seinen Ursprung: am siebenten Tag sollst du ruhen. Für die Juden ist das Freitagabend bis Samstagabend, für die Christen der Sonntag. Ein bisschen was könnte man getrost von diesem Brauch wieder übernehmen. Es würde uns gut tun, einfach mal einen Tag in der Woche der Alltagshektik zu entfliehen.

Auch hier im Youth Village wird der Shabbat mit einer kleinen Zeremonie eingeleitet. Wir nehmen an den eingedeckten Tischen erwartungsvoll Platz. Eine Gruppe junger Mädchen singt traditionelle Lieder und es wird eine sehr alte Frau begrüßt, die vermutlich einen religiösen Text spricht. Sie singt auch voller Begeisterung mit und freut sich über den Segensspruch, den ein junger Mann nach dem Anzünden der Kerzen spricht, während hinter dem Vorhang eine andere Gruppe lärmt.

Danach wird das Buffet eröffnet. Während wir speisen, beginnt hinter dem Vorhang die Feierstimmung mit Gesang und Gebet. Wir verstehen das alles nicht so richtig. Es gibt koschere Cola und Traubensaft als Ersatz für den traditionellen, sehr süßen Kiddusch-Wein. Das Essen ist äußerst lecker, wird uns aber ebenfalls wie schon mittags ziemlich schnell wieder entzogen. Also beenden wir unsere sehr interessanten interkulturellen Gespräche mit den Serben über Flüchtlinge, Bruttoeinkommen und Deutschunterricht in ihrem Land, auch aus dem Grund, weil uns die Tischdecke fast unter dem Teller weggezogen wird. Wir nehmen an, dass der Grund für diese Eile die nun eintreffenden Gäste aus der Umgegend sind, die hier vielleicht jeden Freitag den Shabbat einläuten.

Das abendliche Plenum besteht darin, dass wir uns in gemischten Gruppen über den heutigen Tag unterhalten sollen, was mir mehr oder weniger gut gelingt mit Hilfe von Estella und Louise. Ein gute Methode, mehr voneinander zu erfahren.

Zum Abschluss des Tages spielen wir unser traditionelles Schreibwerkstatt-Spiel „Werwolf“. Die erste Runde dauert bestimmt eine Stunde, bis die Werwölfe die Dorfbewohner besiegt haben und ich als Jäger den Werwolf Georg mit in den Tod reiße.

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Wir haben alle richtig viel Spaß, der sich in weiteren Spielen fortsetzt bis tief in die Nacht hinein. Das ist Europa!

Samstag, 27.10.2018

Ich fühle mich wie im Paradies. Mein Wecker klingelt erst um 8 Uhr und ich habe das Gefühl, ausgeschlafen zu sein. Was zwar nicht stimmen kann, aber der Glaube versetzt Berge, wie ich in einer der hier geschriebenen Geschichten schon mal behauptet habe. Nach dem gestrigen ausgiebigen Spiel- und Feier-Abend schöpft Georg das volle Zeitfenster Schlaf aus und erhebt sich keine Minute zu früh, um noch Frühstück abfassen zu können. Wenn wir gewusst hätten, wie umfangarm das Angebot sein wird, hätten wir sogar noch zehn Minuten länger schlafen können. Die Israelis frühstücken wohl eher selten und am Shabbat noch weniger, weil viele sicher das Wochenende zu Hause verbringen. So richtig überzeugt mich das alles nicht und ich gehe wieder zum Gästehaus  zurück, schnappe meine Sachen und begebe mich zum Hauteingang, dem für 10 Uhr vereinbarten Treffpunkt zum Abmarsch ins Israel-Museum. Mittlerweile steht dort eine große Menschentraube, nur unsere Wegbegleiterin und einige wenige fehlen. Wir warten und warten und warten, es wird 10:30 Uhr. Endlich kommt der Rest und wir können loslaufen. Jede Minute ist kostbar, denn das Israel-Museum ist von beeindruckender Größe und Vielfalt, für die man mehrere Stunden einplanen sollte. Aber – so habe ich gelernt – sind wir nicht in erster Linie hier, um Sehenswürdigkeiten anzuschauen, sondern um Projektarbeit zu leisten. So soll auch der heutige Museumsbesuch nur ein Anstupser für neue Ideen sein oder die der letzten Tage komplettieren. Wir gehen über Schleichwege die leeren Straßen entlang, denn es ist noch Shabbat bis zum Sonnenuntergang und es herrscht sonntägliche Stille. Das hat schon was, wenn kaum Autos fahren. Viele Menschen in festlicher Kleidung laufen an uns vorbei auf dem Weg zur Synagoge so wie in manchen Gegenden Deutschlands zur Kirche,

wir sehen auch einen Vorgarten zu einer Synagoge, in dem viele Menschen fröhlich zusammen feiern und essen. Irgendwann spuckt uns der Weg aus auf eine Hauptstraße, die uns schon ziemlich vertraut ist durch diverse Spaziergänge und Busfahrten. Die Knesset ist nicht weit und oben auf dem Berg über einem Waldstück  thront weithin sichtbar das Museum – unser Ziel. Tritt man ein, fällt einem sofort oberhalb einer langen Allee das Kunstwerk von  Anish Kapoor auf. Es trägt den Titel „Turning the world upside down“. Alles, was sich darin spiegelt, wird auf den Kopf gestellt, auch die Silhouette von Jerusalem im Hintergrund. Es ist total interessant, wenn man diesen gespiegelten Stahl aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, leichte Schwindelgefühle mit einkalkuliert.

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Unterhalb dessen ist ein Park mit diversen Kunstwerken, u.a. auch eine Lautsprecherinstallation, aus der das Läuten von Kirchenglocken zu hören ist. Im ersten Moment denke ich, das wäre echt!

Auch der Schrein des Buches ist sehr spannend. Das Gebäude hat irgendwie jeder schon mal auf einem Foto gesehen, aber niemand weiß so richtig, was es damit auf sich hat. Er beherbergt Originale und Abschriften wichtiger antiker Schriftrollen des Alten Testamentes. Darunter die berühmten Schriftrollen von Qumran am Toten Meer und dem Codex von Aleppo. Von außen wird er mit Wasser bespritzt zur Abkühlung.

Im Museum innen gibt es so viele Räume und Abteilungen, dass wir einfach aufs Geradewohl loslaufen und uns hier und da was rauspicken. Völlig wahllos. Das sieht dann so aus:

Und schon ist die Zeit um. Ok, wir konnten ein Gespür dafür entwickeln, dass sich ein Besuch lohnt. Nun laufen wir zurück in das Youth Village durch eine Art Olivenplantage

und wir müssen uns beeilen weil das Mittagsessen nicht auf uns wartet und biegen direkt in den Speisesaal ein, der um 15 Uhr der Treffpunkt für alle sein wird. Das bedeutet, nach einer kurzen Pause wandern wir geschlossen auf einen der Spielplätze, Zeichen- und Schreibgruppe. Endlich bekommen die Zeichner auch mal unsere Geschichten zu hören, aus denen sie sich ein paar aussuchen zum illustrieren.

Die Zeichengruppe steht schon in den Startöchern:

Das Abendessen ist auch gleichzeitig das Ende des Shabatt. Im Speisesaal sitzt etwas abseits von uns eine jüdische Familie, singt, feiert und lacht. Ich habe versucht, das mal unauffällig mit der Kamera einzufangen:

Wir erklären uns das so, dass die Familien zu groß sind, um bei jemandem in der Wohnung zu feiern. Kochen darf man ja sowieso nicht an Shabatt. Also buchen sie für das Fest einen Tisch und vielleicht auch noch ein paar Zimmer in den Gästehäusern. Wie jeden Abend wird der Tag mit einem Treffen abgeschlossen. Heute sollen wir in Gruppen Gesichter zeichnen, die in uns Emotionen geweckt haben und danach sagen, was es damit auf sich hat. Aber irgendwie löst sich die Versammlung plötzlich auf und niemand hält noch irgendwelche Grundsatzreden.

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Ich bringe meine Sachen aufs Zimmer und gehe in die Teeküche, um mir ein Heißgetränk zuzubereiten. Plötzlich kommt Georg von draußen mit einem Teppich auf der Schulter durch den Flur, begleitet von einem Paar, das offensichtlich hier einziehen will. Das war so ein lustiger Anblick! Eben noch entspannt durch die Gänge schlendernd, Sekunden später mit einer Teppichrolle auf der Schulter. Herrlich!

Sonntag, 28.10.2018

Die Zeitumstellung heute Nacht kam mir sehr entgegen, weil das bedeutet, dass der Wecker eine Stunde später klingelt. Um 6 Uhr quält mich mein Handy mit der permanenten Zeitansage. Ich bin mit Antonia um 7:15 Uhr auf dem Flur verabredet, um sie in ihrem Rollstuhl zum Speisesaal zu bringen. Sie hat sich vor zwei Tagen auf dem Markt den Fuß umgeknickt und kann seitdem nicht mehr auftreten. Der Kampf um Krücken blieb bis jetzt ergebnislos, aber heute endlich bekommt sie welche und ist somit auch viel selbstständiger beweglich. Erst in solchen Situationen realisiert man, ob ein Gelände barrierefrei ist, was man von den hiesigen Örtlichkeiten nicht behaupten kann.

Wir haben die Möglichkeit, uns ein Lunchpaket zusammenzustellen, da wir erst am späten Nachmittag zurückkehren werden. Wie immer starten wir natürlich nicht zur geplanten Zeit, aber heute kommt es nicht so auf die Minute an. Ein Reisebus fährt vor und startet mit uns durch Ost-Jerusalem mit sichtbarer Mauer in Richtung Osten, an der nahegelegenen Westbank vorbei zum Toten Meer, das man auch schon bald in der Ferne sieht. Es ist nicht weit weg von Jerusalem, nur 34 km Luftlinie. Während dieser kurzen Strecke verändert sich die Landschaft von den grünen Hügeln Jerusalems bis hin zur gelben Steinwüste.

Unterwegs sammeln wir einen Mann in Safari-Kleidung und voller Kletterausrüstung inklusive Waffe auf, der uns nun als Guide begleiten wird. Leider kann er nur unwesentlich besser englisch als ich, was für die anderen zur Qual wird. Unsere Begleiterin der letzten Tage ist zwar auch dabei und übersetzt, wenn er ins Hebräische verfällt, aber es ist vermutlich nicht so einfach, diesem Mix zu folgen. Er wollte mit uns vier Stunden wandern und ist enttäuscht, dass wir dafür gar nicht gewappnet sind. Kristina meint daraufhin zu Recht, dass es auch ziemlich paradox gewesen wäre, wenn wir so lange durch die Wüste laufen müssten, aber für die Klagemauer nur 10 Minuten hatten.

Palmenplantagen der verschiedensten Wachstumsstufen säumen den Weg, ebenso Gewächshäuser. Was da angebaut wird, ist nicht zu erkennen.

Der erste Halt gilt der Ruine eines ehemaligen jordanischen Hotels, das einfach mitten in der judäischen Wüste liegt. Allerdings reichte das Tote Meer zu den Glanzzeiten des Hotels bis an dessen Terrasse. Da der Wasserpegel aber jährlich um einen Meter sinkt, hat sich das Meer weit zurückgezogen. Ein Wandgemälde zeigt eine Landkarte Israels, die uns der Guide erklärt. Soweit, so gut. Doch plötzlich verteilt er Blätter an die Teilnehmer, auf denen zusammengesetzt sinngemäß steht: „Pittsburgh, wir sind mit dir“. Alle sollen sich zum Gruppenfoto aufstellen, das Banner in die Kamera halten inklusive israelischer Flagge. Mir geht das zu weit. Ich fühle mich sehr unwohl und für ein politisches Statement benutzt und trete zur Seite. Wenn bei dem Anschlag in Pittsburgh Araber ums Leben gekommen wären, hätte er mit Sicherheit kein Wort darüber verloren. Natürlich ist das schlimm, wenn 11 Menschen bei einem Anschlag sterben müssen, aber umgekehrt wäre es das genauso. Er macht sein Foto und ich sehe, wie er es sofort danach weiterschickt.

Wir fahren weiter nach En Gedi, wo ich bis jetzt auch noch nicht gewesen bin. En Gedi ist eine wasserreiche Oase im nördlichen Teil der israelischen Wüste Negev. Sie liegt am Westufer des Toten Meeres, nur wenige Kilometer südlich der Grenze zum Westjordanland. Heute befinden sich dort ein Kibbuz und ein ausgedehntes Naturschutzgebiet, das wir uns anschauen. Zwei Stunden Wanderung werden es dann trotzdem. Es ist brütend heiß und fast alle haben ihren Kopf freiwillig verhüllt. Wir passieren den Eingang und haben strikte Anweisung, nichts zu essen. Nur trinken ist erlaubt. An einem schattigen Platz machen wir Halt und erfahren die biblische Geschichte von David und Saul, die sich hier abgespielt haben soll, werden aber unterbrochen durch eine riesige Menge an Schülerinnen in Uniform, die rücksichtlos lärmend an uns vorbeimarschieren und uns während unseres dortigen Aufenthaltes noch öfter begegnen werden.

Das passiert schon gleich am ersten Wasserfall, den wir sehen und auch an den folgenden. Sie sind überall:

Auf den schmalen Wegen stehen wir deswegen auch manchmal in Stau. Wir erfahren, dass die Schule einmal im Jahr einen Ausflug hierher macht, weswegen die Mädchen deswegen außer Rand und Band sind. Sie dürfen wahrscheinlich beim Baden nichts ausziehen und plantschen völlig entfesselt mit Kleidung in den Wasserbecken. Unsere Leute beim nächsten dann auch, allerdings ohne Schuhe. Es ist eine herrliche Erfrischung zwischen dem Kraxeln in der Hitze.

Der letzte Wasserfall ist dann auch der Schönste und dient als beliebtes Motiv für Postkarten. Er steht sozusagen für En Gedi. Wären nicht die kreischenden Schülerinnen, könnten wir dieses kleine Paradies noch mehr genießen. Hier wird wieder deutlich, wie verschieden in Israel die Landschaften auf kleinsten Raum sind. Meine Recherchen über meine Bibel-App haben mir viele Textstellen angezeigt, in denen En Gedi eine Rolle spielt.

 

Nun begeben wir uns auf den Rückweg und sammeln auch Antonia wieder ein, die in ihrem Rollstuhl brav auf uns gewartet hat, denn die Stufen hätte sie unmöglich geschafft. Bevor wir in den Bus steigen, machen wir Pause – essen, trinken, shoppen, Toilette. Ich kaufe mir ein Tomaten-Fetakäse-Sandwich, Kaffee, eine Kette und bin um 60 Schekel ärmer. Die Toilettengängerinnen berichten anschließend von Begegnungen der anderen Art mit den inzwischen auch dort angekommenen Schülerinnen. Sie drängten alle permanent nach vorne, so dass man als „normale“ Frau immer am Schluss stand. Beschwerden wurde mit dem Argument begegnet, dass man sich erstmal richtig anziehen soll, also Arme und Beine bedecken.

Und jetzt – auf zum Toten Meer! Während der Busfahrt können wir sehen, wie langgestreckt es ist und dass es nicht mehr durchgehend mit Wasser gefüllt ist. An dieser ausgetrockneten Stelle sieht es sehr trostlos aus. Hier und da ein bisschen Grün, ansonsten Lehm, Sand, Steine und im Hintergrund die Berge von Jordanien. Es ist schon komisch zu wissen, dass man sich jetzt 425 Meter unter dem Meeresspiegel befindet. Unser Ziel ist En Boqeq, ein Badeort mit vielen Hotels und ausgebautem Strand, dessen einzige Bewohner vermutlich Touristen sind. Wir haben eine Stunde Zeit, um das Vergnügen, sich auf dem Meer schaukeln zu lassen, auszukosten.

Es ist immer wieder faszinierend, dass man sich einfach auf die Oberfläche legen kann wie auf ein Bett. Als ich zum ersten Mal hier war, misstraute ich dem Ganzen noch ein bisschen und ich merke, dass es manchen heute genauso geht. Ich plansche und sammle kleine Steine. Dann wieder raus aus der Salzlake, weil die Zeit knapp ist und ich noch shoppen gehen will in einem Kosmetikladen, den ich vom Bus aus entdeckt hatte. Doch wie stellt man mit den Füßen bloß Bodenkontakt her? Ich schaffe es einfach nicht, mich aufzurichten, weil ich immer wieder hochploppe. Irgendwie klappt es dann und ich kann in den letzten 15 Minuten meine Mitbringsel besorgen, begleitet von Kristina, die ebenfalls fündig wird.

Die Rückfahrt zieht sich hin, weil wir in Jerusalem nur schleppend vorwärts kommen. Heute ist hier ganz normaler Arbeitstag und jetzt gerade Feierabendverkehr. Wir besprechen im Quartier mit Antonia den Tag hinsichtlich von Konflikten und Problemen, die uns aufgefallen sind. Da kommt eine Menge zusammen: der Guide mit Pistole und dem Foto, die Schulmädchen, die Armeeflugzeuge über dem Toten Meer, während wir drin waren, grundsätzlich der Kampf uns Wasser. Antonia sagt, dass man heute zum ersten Mal während unseres Aufenthaltes den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis bemerkt hat. Das stimmt. Und gleichzeitig war es trotzdem ein schöner Tag, wenn auch nicht unbeschwert. Wir haben nun die Aufgabe, bis morgen einen Punkt, der uns besonders bewegt, in einer Miniatur zu verarbeiten. Die Zeichengruppe hat ebenfalls noch zu tun, kann aber schon mit beeindruckenden Ergebnissen aufwarten.

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Morgen muss alles vollendet werden, denn am Dienstag findet die Präsentation unserer Arbeiten statt.

Montag, 29.10.2018

Die Woche zehrt an allen kräftemäßig, man sieht es den Gesichtern beim Frühstück deutlich an. Heute steht uns der anstrengendste Tag der Reise bevor, das ist uns aber allen noch nicht so richtig klar. Auf dem Plan steht die Fahrt nach Yad Vashem. Wir werden mit dem Bus die vier Kilometer gefahren. Kaum sitzen wir drin, müssen wir schon wieder aussteigen.

Yad Vashem ist umgeben von waldigen Hügeln und liegt in einer geradezu idyllischen Umgebung.

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Ich freue mich jetzt schon sehr auf den anschließenden Besuch des Shops, den ich vom letzten Mal als sehr gut sortiert in Erinnerung habe. Mit Antonia im Rollstuhl machen wir uns auf den Weg zu unserer Museumsführerin, die uns mit Audio-Empfängern und Kopfhörern ausstattet, so dass man sie immer gut hören kann. Die Führung findet natürlich in englischer Sprache statt, aber ich weiß ja noch so einiges von meinem Besuch vor ein paar Jahren. Man darf nicht fotografieren, weswegen hier im Blog auch nichts zu sehen ist. Aber wen es interessiert, der findet genug Bildmaterial im Internet. Das Museum erinnert durch die schrägen Wände und schiefen Ebenen und natürlich auch inhaltlich sehr an das Jüdische Museum in Berlin. Immer wieder fällt es schwer zu verstehen, welche Verbrechen die Deutschen im Dritten Reich begangen haben. Ganz besonders nahe geht einem dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte, wenn man damit persönliche Schicksale verbindet, die hier eine herausragende Stellung einnehmen. Die ganze Zeit frage ich mich, ob uns wohl die serbischen Teilnehmer danach mit anderen Augen betrachten, schließlich sind wir die Erben dieser Vergangenheit. Wir werden später in unserer Reflexion-Runde darüber sprechen. Sie sagen, dass dazwischen so viel Zeit liegt, dass es überhaupt nichts mehr mit uns zu tun hat. Das stimmt natürlich, aber trotzdem beschleicht einen ein unangenehmes Gefühl, wenn man durch diese sehr gut aufbereitete Ausstellung läuft. Ich weiß, was uns nun noch bevorsteht und dass das schwer auszuhalten ist: das Childrens Memorial. Man tritt ein in fast völlige Dunkelheit, nur ein paar kleine sternähnliche Lichtpünktchen simulieren den nächtlichen Himmel. Dazu ertönt Choralgesang im Hintergrund und es werden Namen von getöteten Kindern vorgelesen, ihr Alter und ihr Heimatland. Man soll sich einen Namen merken, ihn mit hinaustragen in die Welt, damit er nicht vergessen wird. Ich habe das mit der Diktier-App aufgenommen. Obwohl man das Schlurfen der Füße hört, bekommt man vielleicht eine Ahnung davon, wie sich das anfühlt:

Leider reicht die Zeit nicht mehr, um einen Blick in die Gedenkhalle zu werfen, wo Politiker immer Blumen niederlegen. Auch für den Shop ist angeblich keine Zeit mehr, da der Bus schon vor der Tür steht. Schließlich müssen wir pünktlich zum Mittagessen zurück sein. Ich bin soooo sauer! Zumal wir nach dem Essen fast zwei Stunden Leerlauf haben bis zum nächsten Workshop. Hätte man da nicht das Essen mal für diejenigen, die in den Shop wollten (das waren einige!) ausfallen lassen können? Die vier Kilometer wären wir auch zurückgelaufen. Aber – ich habs ja begriffen – ich bin hier nicht zum Spaß! Da wir auch noch dringend Briefmarken brauchen, nutzen Vic, Georg und ich die Zeit und laufen 1,6 km zum nächsten Postamt, das dann aber so aussieht, als hätte es schon vor 20 Jahren für immer die Tore geschlossen. Wir erfahren auf Nachfrage bei einem unfreundlichen Los-Verkäufer: City-Postoffice. Na toll. Völlig umsonst gelaufen und gehetzt, denn die Zeit rennt davon. Auf dem Rückweg machen wir zu Georg Verärgerung einen Schlenker durch einen Second-Hand-Shop und führen ein nettes Gespräch mit der Inhaberin, die ganz entspannt in ihrem Garten sitzt.

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Nach dem Besuch des örtlichen Supermarkts innerhalb von 10 Minuten erreichen wir fast pünktlich das Gästehaus. Um 15 Uhr setzen wir uns in den Gruppen zusammen, die einen vollenden ihre Comics und gestalten Plakate als Werbung für unsere morgige Präsentation, wir als Schreibgruppe treffen uns mit Antonia, die mit uns gemeinsam Yad Vashem verarbeitet und das Bühnenprogramm für morgen zusammenstellt.

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Wir sind alle sehr zuversichtlich, dass uns das gut gelingt. Die Prognosen reichen von 10 Besuchern im Publikum bis 100. Eine Abendessen-Unterbrechung, und danach geht’s weiter mit der Probe. Alle lesen in der geplanten Reihenfolge ihre Texte und dabei wird die Zeit gestoppt. Ca. 25 Minuten werden wir brauchen. Das ist ok. Dann komme ich vielleicht morgen Nachmittag dazu, mein Geld auszugeben. Da wir immer noch keine Briefmarken gefunden haben, frage ich Eva, die Leiterin des Campus. Sie staunt. „15 Postcards? Why don’t you write an Email?“ Vielleicht hat sie welche in ihrem Büro. Schauen wir mal. Sonst muss ich die Karten eben in Deutschland einwerfen.

Um 19:30 Uhr gibt’s das abendliche Treffen aller Teilnehmer und wir sollen aufzeichnen, was uns in Yad Vashem am meisten beeindruckt hat. Ich muss mein Gekritzel beschriften, sonst weiß niemand, was das sein soll. Wir bestaunen die wundervollen Comics, in denen unsere Erlebnisse total gut zu erkennen sind.

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Letzte Instruktionen für morgen, und weiter geht’s in der Schreibgruppe. Jeder hat noch die Aufgabe, seine Texte zu vollenden und zusätzlich etwas über das Youth Village zu schreiben. Alle haben tiefe Augenringe und kämpfen mit der Müdigkeit, doch darauf kann jetzt beim Endspurt keine Rücksicht genommen werden. Hinzu kommt, dass wir alles digitalisieren müssen. Da ich offenbar mit meinem Laptop über die beste technische Ausrüstung verfüge, schicken mir die Teilnehmer ihre Texte per WhatsApp oder Mail, ich füge alle in ein Dokument ein und schicke dieses morgen früh an Tihomir, der wiederum druckt in Evas Büro die Texte aus. Aufregend! Jetzt ist es spät in der Nacht und ich muss wenigstens meine vier Stunden Schlaf zur Regenerierung nutzen.

Dienstag, 30.10.2018

Ich staune über mich selber, dass ich es tatsächlich die ganze Woche immer wieder schaffe, pünktlich auf der Matte zu stehen, obwohl die Nächte wegen des Tagebuchschreibens doch extrem kurz sind. Heute hätten allerdings komplett die gesamten Teilnehmer 1-2 Stunden länger schlafen können, denn es gibt kein Frühstück im Speisesaal. Ratlos stehen wir ein bisschen dumm rum und machen uns schließlich auf den Weg zum Supermarkt, um das Frühstückszubehör einzukaufen. Grund für die gähnende Leere sind die Kommunalwahlen in Jerusalem, die heute stattfinden und wegen der geringen Wahlbeteiligung der Jerusalemer Bürger auf einen Feiertag gelegt wurde. Die Fatwa und der Obermufti verbieten Palästinensern, zur Wahl zu gehen. Deren Bevölkerungsanteil beträgt 37 %, was sich dann natürlich auf die Zahlen auswirkt. Dieses Jahr hat sich ein Palästinenser zur Wahl gestellt, was vielleicht auch noch alles verändert.

Also frühstücken wir eine eigene Auswahl an Lebensmitteln und Vivian stellt fest, dass es ihr heute zum ersten Mal richtig schmeckt. Ich finde das Essen hier gar nicht so schlecht, am leckersten ist nach wie vor der Hummus. Beachtenswert finde ich, dass der Küchen-, Tisch- und Stuhldienst ausschließlich von Schülern erledigt wird.

Um 9 Uhr geht’s los bzw. soll es losgehen mit den letzten Vorbereitungen für unseren Auftritt. Aber wie immer klappt das  nicht mit der Pünktlichkeit, wäre ja auch komisch am letzten Tag. Es ist ein Kommen und Gehen, mal sind welche da, stellen fest, dass die anderen fehlen und gehen dann wieder. Dann kommen die anderen und stellen fest, dass der Rest der Truppe fehlt und gehen wieder. So dauert es, bis alle wie eine Schafherde zusammengetrieben sind. Hinzu kommt, dass ich die Texte an Tihomir schicken soll, aber nicht alle zugearbeitet haben. Ich versuche, so viele wie möglich auf meinem Laptop zusammenzufassen, damit Tihomir sie ausdrucken kann. Wir besprechen letzte dramaturgische Feinheiten und dürfen ab 11 Uhr in den Theatersaal, um vor Ort alles in einer Art Generalprobe zu überprüfen. Im Vorraum arbeitet die Comicgruppe daran, ihre tollen Zeichungen auf Leinen zu hängen. Nach dem Mittagessen ist es um 13 Uhr soweit. Ca. 150 – 200 Schüler nehmen als Publikum im Zuschauerraum Platz und wir auf der Bühne. Tihomir eröffnet das Programm mit erläuternden Worten und los geht’s. Wir machen unsere Sache ganz gut, glaube ich. Jedenfalls werden wir hinterher auf dem Campus-Gelände darauf angesprochen und gelobt. Ein gemeinsam gesprochener Abschnitt über Mea Shearim wird von mir mit deutschen Wörtern gespickt, was unter den Schülern für Getuschel sorgt. Sie finden die Aussprache vermutlich sehr komisch. Wir beenden unsere Präsentation mit dem letzten Satz „On the bright side of life“, dem dazugehörigen Lied und einem Video. Ein schöner Abschluss. Nun ist die Comicgruppe dran, um die verdiente Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Leider schauen sich nicht alle die Bilder an und ich finde es schade, dass diese viele Arbeit so schnell abgehakt wird. Hoffen wir auf eine Nachbereitung in Druckform!

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Eine Woche harter Arbeit geht zu Ende. Zur Belohnung haben wir nun bis 21 Uhr Freizeit und nutzen diese auf unterschiedliche Art und Weise. Manche fahren ins Museum für Jüdische Musik und besuchen danach die Altstadt, andere lassen das Museum weg, ich nutze den Nachmittag, um nun doch noch den Besuch des Shops von Yad Vashem nachzuholen. Kristina und Vic begleiten mich. Das Wetter ist schön, Bewegung tut gut, also laufen wir die 4 km dorthin, die letzten Meter durch den wunderschönen Jerusalem-Forrest.

Endlich in Yad Vashem angekommen, stehen wir vor verschlossenen Toren!!! Das glaube ich jetzt nicht! Obwohl ich gestern noch gegoogelt hatte nach den Öffnungszeiten. Grund: die Kommunalwahl. Ich bin so sauer! Aber da kann ich mich jetzt noch so sehr aufregen, wegen mir werden Tor und Shop nicht geöffnet. Resigniert kehre ich um und wir laufen durch Mt. Herzl zur Straßenbahn , um damit zum Damaskus-Tor zu fahren. Bei meinem letzten Besuch bin ich unbeabsichtigt schwarz gefahren, jetzt ganz bewusst, da wir nicht wissen, wo man Fahrscheine kaufen kann. In der Bahn jedenfalls nicht. Alle haben Chipkarten, die man aufladen muss mit einem Guthaben. Wir nicht. Wir müssen also geradezu die Regeln brechen. Es geht auch gut und wir betreten die Altstadt durch das Damaskustor. Es ist schwer bewacht, da dort die meisten Attentate stattfinden. Deswegen dürfen die Händler dort auch nichts verkaufen. Wir durchstreifen nun die Altstadt auf bekannten und unbekannten Wegen mit Fotomotiven ohne Ende. Kristina und ich knipsen uns die Finger wund:

Aber Geld wollen wir auch noch loswerden, was hier nicht so schwer fallen sollte. Kristina saust um alle Ecken und staunt wie ein kleines Kind über die Vielfalt an Eindrücken. Sie ist nicht zu bremsen und würde am liebsten hier bleiben, so gut gefällt es ihr.

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Sie möchte gerne den Ramparts Walk gehen (auf der Stadtmauer entlang). Verzweifelt suchen wir das Neue Tor, dort soll man hochkommen. Pustekuchen, hier ist nur Abgang. Zu. Am Jaffa-Tor angekommen, stellen wir fest, dass der Eingang gerade geschlossen wurde. Scheint ja irgendwie unser Schicksal zu sein. Vor der Mauer tobt das Leben. Ein schöner Kontrast – Ale Mauern gegen neue Autos.

Wir stürzen uns nochmal ins Getümmel, treffen Tim und Isabelle und später Georg, Tihomir und die serbische Gruppe. Ein kleines Stückchen Mauerweg, frei begehbar, finden wir dann doch noch. Dort kommen alle auf ihre Kosten beim Fotoshooting.

Nun ist es nicht mehr weit zur Klagemauer, wo wir heute etwas mehr Zeit verbringen können. Das Betreten des Tempelbergs scheint grundsätzlich möglich zu sein, wie die Öffnungszeiten aussagen, aber jetzt natürlich nicht mehr. Schade, denn das hätte ich meinen Leuten noch gewünscht, sich dort oben umschauen zu dürfen. Beim nächsten Mal.

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Auf dem Rückweg über die Jaffa-Street hinweg sehen wir einen jüdischen Musiker. Ich finde das so berührend, dass ich meine Eindrücke hier im Video festgehalten habe:

Louise und Estella erzählen später von einem merkwürdigen Erlebnis mit einem jüdischen Mann, der sie erst ausfragte nach ihrem Alter und ob sie Deutsche wären. Dann wollte er sie unbedingt mitnehmen und ihnen etwas zeigen, während hinter den beiden ebenfalls Männer standen. Sie hatten das Gefühl, entführt werden zu sollen. Auch Tim berichtet über eine ähnliche Begegnung. Gott sei Dank sind ja alle so vernünftig, dass sie sich nicht darauf eingelassen haben.

Die Busfahrt zum Youth Village klappt auch ganz gut, dieses Mal sogar mit Fahrkarte, die uns der Fahrer von einem Kollegen aus einem neben ihm stehenden Bus besorgt. Klappt doch! Aus dem Speisesaal ertönt so schöne Musik, dass wir neugierig einen Blick hineinwerfen. Alles ist festlich hergerichtet. An den Tischen sitzen in feierlicher Stimmung viele Menschen bei Kerzenschein. Es gibt ein Buffet und viele Getränke. Zweimonatlich finden hier Schüler-Konzerte statt für die Honoratioren der Einrichtung. Und wer steht auf der Bühne? Noah und Vova, die uns auch mehrere Tage an unserem Projekt teilgenommen haben.  Sie machen das sehr gut und wir sind froh, genau in dem Moment gekommen zu sein.

Als Abschluss für alle wird heute gegrillt. Es gibt so viel zu essen! Und alles schmeckt hervorragend. Wir essen gemeinsam, plaudern noch ein bisschen und dann wird es Zeit, sich zu verabschieden. Die serbische Gruppe reist erst am Nachmittag ab, wir müssen um vier Uhr abmarschbereit sein.

Wir werden diese Woche noch lange in Erinnerung behalten und hoffen auf die Organisation von Gegenbesuchen in Serbien und Deutschland.

Mittwoch, 31.10.2018 

Um vier Uhr morgens stehen wir vor unserem Gästehaus und warten auf den Kleinbus, der uns zum Flughafen bringen soll. Wir immer mit den Zeitansagen, ist auch das offensichtlich nur ein Richtwert. Georg hat das wohl geahnt, denn er hielt es für völlig ausreichend, 3:50 Uhr mit dem Packen des Koffers zu beginnen. Zu Recht, wie sich nun herausstellt. Es geht schon auf 4:30 Uhr zu, als der Bus angedüst kommt. Schnell alles verstauen, und los geht’s in einem beängstigenden Tempo mit noch beunruhigernden Geräuschen und Gerüchen vom Auto. Am Ortsausgang von Jerusalem stehen massenweise ultraorthodoxe Juden, die versuchen, per Anhalter wohin auch immer mitgenommen zu werden. Ein merkwürdiges Szenario. Vor allem um diese Uhrzeit! Ich konnte das Rätsel auch mit Google bis jetzt nicht lösen.

Wir erreichen den Flughafen Ben Gurion und werden in eine extra Spur geleitet, die der genaueren Kontrolle von Fahrzeugen dient. Vor uns steht ein Auto, das von den Insassen vollkommen ausgeräumt werden muss. Die Koffer werden zum Durchsuchen weggebracht und das Auto durchleuchtet. Großes Aufatmen, als wir nach einer Befragung von Tihomir dann weiterfahren dürfen. Nun kommt der Moment der Interviews. Die Reisenden müssen sich anstellen und werden einzeln an Checkpoints gerufen. Tihomir wird zunächst zur Gruppe befragt, dann müssen wir jeweils zu zweit rantreten und Auskunft geben. Ob wir immer in der Gruppe unterwegs waren und nicht einzeln, ob wir Geschenke entgegengenommen haben, ob wir unsere Koffer selbst gepackt haben, ob diese unbeaufsichtigt rumstanden, wo wir überall waren, wo wir gewohnt haben usw. Man hat ja nichts Unerlaubtes getan, aber trotzdem kommt man sich vor wie bei einem Verhör. Danach Koffer abgeben, Passkontrolle, Ausreiseerlaubnis in Empfang nehmen, Handgepäck-Kontrolle, nochmal Pass zeigen. Zwischendurch noch die letzten 60 Schekel für ein Baguette und einen Kaffee ausgeben. In Windeseile ist die Zeit bis zum Abflug herum und wir werden mit dem Bus zum Flieger gefahren.

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Neben mir nimmt ein fülliger Mann Platz, mit dem ich fortan bis Frankfurt innigen Körperkontakt habe. Die von ihm okkupierte Armlehne teilt seine linke Flanke in obere und untere Speckschicht, die mich warm umhüllt. Ich kann unmöglich ausweichen. Aber ich bin Gott sei Dank so müde, dass ich die Flugzeit gut überstehe.

In Frankfurt / Main treibt uns Tihomir im Laufschritt durch alle zu durchlaufenden Stationen, was wir irgendwie nicht verstehen. Wir haben doch noch Zeit? Dann bemerkt er selbst, dass bei ihm noch israelische Zeit war, also eine Stunde weiter. Nicht so schlimm, somit ist eine Stunde Ruhepause, die unterschiedlich genutzt wird. Kristina schläft, Georg holt Zeitungen, ich Kaffee (was am Automaten etwas misslingt). Auch die Vorstellung des Youth-Passes holt Tihomir nach, so dass alle ungefähr wissen, was sie ausfüllen müssen und wie es weitergeht.

Der Flug nach Berlin ist nur noch ein Katzensprung. Wir sehen von oben, wie der Main die Stadt durchschlängelt, später ordentlich aufgeteilte Felder mit zwischendrin kleinen Häuseransammlungen – den Dörfern – und nicht lange danach den Fernsehturm, der uns wieder in Berlin willkommen heißt. Die serbische Gruppe hatte wohl ziemliches Pech bei der Rückreise. Mit nur einer Stunde Zeit zum Umsteigen in Istanbul sind sie dort auch noch den falschen Weg gewiesen worden und haben deshalb den Weiterflug verpasst. Sie mussten 12 Stunden auf dem Flughafen zubringen und natürlich auch neue Tickets kaufen. Sehr ärgerlich für alle. Aber nun sind sie auch zu Hause angekommen.

Jetzt müssen wir das alles erst mal verarbeiten, den Zuhausegebliebenen von unseren Erlebnissen erzählen und im deutschen Alltag ankommen. Den Kontakt wollen alle pflegen, darin sind sie sich einig. Eigens dafür wird eine internationale WhatsApp-Gruppe für den Austausch gegründet. Jeder von uns hat auf seine Weise etwas von der Reise an Erfahrungen, Lernprozessen, persönlichen Begegnungen und Horizonterweiterung mitgenommen. Das Bild von Israel hat sich verändert, Vorurteile wurden abgebaut. Wir wissen jetzt viel mehr voneinander, die Serben und Israelis von uns und umgekehrt. Faszinierend finde ich, dass die gemeinsame Sprache Englisch die Verständigung so unkompliziert macht und alle (außer mir) miteinander wunderbare Gespräche führen konnten. Für mich ist diese Barriere ein großes Hindernis gewesen. Natürlich könnte ich einen Sprachkurs absolvieren, dann müssten aber andere Dinge auf der Strecke bleiben, was ich nicht gut finden würde. Und ja, es gibt tolle Apps, die mittlerweile sehr gut übersetzen. Aber das ist nicht vergleichbar mit einem fließenden Dialog. Mein fragmentarisches Englisch ließ mich oft stumm außen vor, weil ich nicht wusste, wie ich es sagen soll, was ich sagen wollte.

Unter Antonias Anleitung und Führung entstanden wunderbare Texte, mit denen wir unsere Emotionen und das Erlebte zu Papier bringen konnten. Genauso die Zeichengruppe. Die Comics sind einfach umwerfend! Die Workshops dienten dazu, die vielen Eindrücke zu reflektieren und zu verarbeiten. Die Präsentation im Theatersaal des Campus war sowohl für uns Teilnehmer als auch für die Zuschauer im Publikum ein wichtiger, abschließender Moment.

Wir danken Antonia Weisz und den anderen Workshopleitern für die Anleitung. Wir danken Tihomir für die Antragstellung, die Reiseplanung und Durchführung des Projektes. Ebenso sagen wir der Leitung und den Schülern des Israel Goldstein Youth Village danke für die Gastfreundschaft. Und natürlich besonders dem Förderprogramm Erasmus Plus, dass uns diese Reise ermöglicht wurde.