Göriach im Lungau 2016

Nachdem mir nach der letzten Langstreckenwanderung meine Mitwanderer gekündigt hatten, ich aber so schnell die verlorenen Seelen nicht aufgebe, fiel mir das kleine Paradies im österreichischen Göriachtal wieder ein. Das wäre doch was für alle Bedürfnisse! Wer wandern will, kann das ausgiebig tun, wer lieber einfach mal nichts tun möchte, kann den Tag in der Hütte verbringen. Alle waren einverstanden und schneller als gedacht war der September herangerückt. Nach 12 Stunden Autofahrt kamen wir Freitagabend, den 9.9.2016 in der Eseihütte an. Für mich war es wie nach Hause kommen, die anderen staunten erst mal eine Runde über das urige Anwesen.

Am Samstag zeigte ich meinen Begleitern erst einmal die nähere Umgebung. Wir liefen durch das Göriachtal zur Hansalhütte, wo ich vom Wirt auch dieses Mal wiedererkannt und freudig begrüßt wurde. Kerstin suchte unterwegs natürlich Caches und wurde mit Hilfe von Sam auch fündig. Ich sonnte mich derweil.

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Am Sonntag wanderten wir zur Landawierseehütte und den darüberliegenden Seen. Am oberen See mit hängender Zunge angekommen, dachten meine Beiden, dass sie es geschafft hätten. Doch sie erkannten schnell den Irrtum, als ich ihnen den Punkt weiter oben zeigte, den ich noch als Bank in Erinnerung hatte. Unter falschen Voraussetzungen lockte ich sie also zu dieser noch höher gelegenen Stelle, die einen atemberaubenden Blick auf beide Seen bietet, allerdings musste ich dann zugeben, dass dort nie eine Bank gewesen war. Aber egal. Wenn die Atmung wieder in vernünftigen Bahnen läuft, ist alle Anstrengung vergessen und man kann genießen. Entfernt hörten wir einen Schuss. Wie sich später in der Landawierseehütte im Gespräch mit einer Jagdgruppe herausstellte, hatten die Jäger Murmeltiere geschossen, die wir uns dann auch ansehen durften. Aus deren Fett wird die berühmte Salbe hergestellt.

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Abends wurde am Lagerfeuer gegrillt und wir ließen es uns schmecken.

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Am Montag fuhren wir mit dem Auto ins Weißpriachtal, das auch für mich Neuland im wahrsten Sinne des Wortes war. Es ist wesentlich breiter als das Göriachtal und wird von einem unglaublich klaren Fluss durchzogen, in dem man Forellen schwimmen sehen kann. Wir konnten fasziniert beobachten, wie hoch oben Bäume gefällt, an einem Seil nach unten gefahren und dort vollautomatisch entastet und zersägt werden. Dann entdeckten wir noch einen Pilzlehrpfad, dessen Infotafeln über die heimischen Pilzarten aufklärten, die dann auch als Holzskulpturen zu bewundern waren. Gerd fand aber alle in natura und servierte uns abends eine leckere Pilzsuppe mit den Resten des gestrigen Grillgutes.

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Dienstag war der Härtetest für meine Mitwanderer und auch für mich. Zum dritten Mal bestieg ich den Gumma, 1000 Höhenmeter direkt über unserer Hütte. Wenn man von unten hochschaut, denkt man: Wo ist das Problem? Auch der Blick von oben nach unten lässt die Frage entstehen: Wieso habe ich dafür 4 Stunden gebraucht? Doch der Weg nach oben ist steinig! Kurve um Kurve winden wir uns schnaufend nach oben, Kerstin immer flinken Fußes voraus. Das letzte Stück nach einer Rast in der Wildbachhütte ist am schlimmsten. Es sind noch einmal 500 Höhenmeter zu überwinden, und die gehen nun sehr, wirklich sehr steil bergauf. Ich kenne ja mittlerweile die Tücken des Horizontes. Man schaut nach oben und denkt – ok, bis dorthin schaffe ich es. Dann ist man an dem Punkt und es sieht wieder ganz genauso aus wie vor einer halben Stunde!! Aber irgendwann muss doch der Berg zu Ende sein?! Ist er ja auch, aber das dauert!! Doch als wir oben sind, erfasst uns Stolz und Glückseligkeit, es geschafft zu haben und wir lassen diese respekteinflößende Landschaft auf uns wirken.

Bergab ist es zwar atemtechnisch leichter, aber irgendwann fangen die Beine an zu zittern auf Grund der stundenlangen Dauerbelastung von Knien und Oberschenkeln. Wir machen noch kurz Halt bei unserer Vermieterin und holen uns eine Flasche frische Rohmilch, die schon allein der Flasche wegen was her macht. Gekocht wird heute nicht, wir gehen im Gasthaus Bauer essen und haben in einer halben Stunde die Kalorien wieder im Bauch, die wir uns auf unserer Tagestour mühselig abgestrampelt haben.

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Mittwoch legt Kerstin einen Ruhetag ein. Da Gerd hier aber seiner Leidenschaft fürs Pilzesuchen erfolgreich nachgehen kann, ist er bereit, mich beim Aufstieg zum Piendlsee zu begleiten. Auch hier war ich schon und es ist mir bewusst, was uns bevorsteht. Allerdings haben wir uns vorher darauf geeinigt, ganz gemütlich zu laufen, Gerd im Wald, ich auf dem Weg. So dauert es zwar länger, aber wir haben ja Zeit. Es geht natürlich wieder steil nach oben und nach Erreichen der Piendlalm noch weiter hoch bis zum See. Dort erwartet uns eine gespenstische Ruhe. Außer ein paar Schafen sind wir allein und haben das Gefühl, die letzten Menschen auf dieser Erde zu sein. Vom letzten Mal war mir noch bewusst, dass dort oben Unmengen von Heidelbeeren wachsen, weswegen ich wohlweislich eine Vorratsdose mitgenommen hatte. Gott sei Dank! Ich komme gar nicht vorwärts, weil mich das Sammelfieber packt und ich nur schweren Herzens akzeptieren muss, dass ich nicht alle pflücken kann.

Am Abend gibt es Pilzpfanne.

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Am Donnerstag folgten wir einer Empfehlung unserer Vermieterin und fuhren zu dem kleinen Prebersee, den man ganz gemütlich umrunden kann. Jede Bank war besetzt mit Leuten im Rentenalter, die mit Bussen hierher einen Ausflug machten und noch ein paar Schritte laufen wollten. Wir genossen den ruhigen Spaziergang und schalteten einfach mal einen Gang runter.

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Und schon war wieder Freitag und der letzte Urlaubstag. Heute wollte ich es noch mal wissen. Bei einem meiner letzten Aufenthalte wollte ich hoch hinauf auf den Gensgitsch, musste aber wegen aufziehendem Nebel die Tour abbrechen. Mein Wunsch war nun, es noch einmal zu versuchen und heute war die letzte Gelegenheit. Kerstin lehnte dankend ab, aber Gerd wollte mich ein Stück begleiten und dabei natürlich nach „Eierschwammerln“ (Pfifferlinge) Ausschau halten. So liefen wir ein Weilchen über tannennadelweiche Wurzelwege, ich immer ein Stück voraus und dann wieder auf meinen Liebsten wartend, dessen Körbchen immer voller wurde. An einer markanten Stelle trennten wir uns und verabredeten, dass wir uns um 16 Uhr dort wieder treffen wollten. Also stiefelte ich los, erst auf relativ sanften Anstiegen und dann bis oben nur noch auf sehr steilen Pfaden. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich an dem Punkt war, wo ich letztens nicht weitergekommen war. Vorher musste ich mich voller Respekt durch eine Kuhherde schlängeln, die direkt auf dem Weg rumlag und auch kein Stück auswich. Ein bisschen Angst hatte ich schon, konnte aber auch nicht ausweichen, da dort eine sehr sumpfige Stelle war. Aber alles ging gut und für Fotos haben die Nerven auch noch gereicht. Nun begann ein seeeehr langes Stück Weg mit der Horizont-Fata Morgana. Am liebsten wäre ich umgekehrt, doch wenn man einmal so weit gekommen ist, wäre das ja wirklich dumm. Ich fing an, mir lautstark gut zuzureden und arbeitete mich schnaufend den Berg hoch, immer die Zeit im Nacken. Als ich dann endlich erschöpft, aber glücklich oben war, überwältigte mich die Aussicht, die fast noch besser war als die vom Gumma. Man merkt in solchen Momenten, wie klein und unbedeutend man doch ist im Universum und wird demütig angesichts dieser gewaltigen Berge und Schluchten.

Kurzes Verweilen und Innehalten, danach gings -wenn wegemäßig möglich – im Laufschritt wieder runter. 900 Höhenmeter unter mir wartete Gerd auf mich und ich wusste, dass ich es keinesfalls zur verabredeten Zeit schaffen würde. Telefonisch vereinbarten wir, dass Gerd schon langsam den Rückweg antritt, da es mittlerweile auch angefangen hatte zu regnen. Als ich ihn irgendwann eingeholt hatte, kam ich aus dem Staunen nicht raus. Er hatte mindestens 5 kg Pfifferlinge gefunden! Die wurden in der Hütte noch verarbeitet, teilweise verzehrt und der Rest mit nach Berlin genommen. In einem Supermarkt hatten wir gesehen, dass das Kilo dort für 15 € verkauft wird!!

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Tja, und das wars dann leider schon wieder! Er folgte das Übliche: Packen, Putzen, Reste verzehren. Am Samstag traten wir die Rückreise an und hatten – in Marzahn angekommen – alle den gleichen Gedanken:

Wir wollen zurück in die Berge!