13. August 2026 | Spandau (Kladow) | Fähre und Bär kaputt, Mariä Himmelfahrt, Landhausgarten Dr. Max Fränkel, Kunst in Gärten und vornehme Imchenallee

„Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Dass einer alles hat: das ist selten.“ (Kurt Tucholsky) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Jeder hat das schon erlebt – es gibt Tage, an denen alles anders läuft als gedacht. Es fängt damit an, dass ich nicht mehr genügend Zeit habe, um zu Hause in Ruhe frühstücken zu können. Ich bin heute mit meiner Freundin Sarah verabredet, die mich im Frühjahr schon einmal auf einer Tour durch Dahlem begleitet hatte. Solche Termine verpflichten zur Pünktlichkeit, zumal ich selbst Zeit- und Treffpunkt vorgegeben habe. Also nehme ich Proviant mit, kann ich ja zur Not in der Straßenbahn verzehren. Gesagt, getan, die Bahn ist auch ziemlich leer, so dass ich mir einen Platz ganz hinten entgegengesetzt der Fahrtrichtung suche. Ich packe mein Käsebrötchen aus, um genüsslich und in Ruhe zu mampfen, als an der nächsten Haltestelle ein junger Mann einsteigt und sich direkt mir gegenüber postiert mit Blick in meine Richtung. Nun ist es so, dass ich höchst ungern unter Beobachtung Fremder esse und dabei immer das Gefühl habe, dass mir die berühmte Loriot´sche Nudel im Mundwinkel hängt, meine Kaugeräusche lauter und meine Backen dicker als sonst sind. Ich packe mein Brötchen wieder weg und versuche, den Menschen durch Autosuggestion zu zwingen, sich einen Platz zu suchen. Doch nichts dergleichen passiert, ihm gefällt sein Stehplatz direkt vor meine Nase trotz reichlicher Auswahl an Sitzgelegenheiten offensichtlich so gut, dass er dort immer noch steht, als ich am S-Bhf. Springpfuhl aussteigen muss. Aus ungeklärten Gründen merke ich aber erst zwei Haltestellen später, dass wir dort schon längst waren und mein pünktliches Erscheinen nur mit viel Glück durch eine sofortige Rückfahrt möglich sein wird. In Höhe Rhinstraße wechsle ich den Bahnsteig und sehe tatsächlich eine Tram um die Ecke zuckeln. In Zeitlupe nähert sie sich der Haltestelle, sie ist zu zeitig dran und legt erst mal eine Pause ein. Och nö, denke ich ungeduldig zappelnd, doch nicht jetzt und bin versucht, an der Fahrertür zu klopfen und um Weiterfahrt zu bitten. Ich habe es eilig!! Schließlich setzt sich die Bahn in Bewegung und bleibt 100 Meter weiter an einer Ampel stehen. Meine Nerven liegen blank. Doch wie durch ein Wunder schaffe ich es dann doch noch und setze mit Sarah die Fahrt in der S7 bis Wannsee fort. Hätten wir sie verpasst, wäre dort die 10-Uhr-Fähre nach Kladow ein Punkt am Horizont gewesen. Aber es ist ja nochmal gutgegangen. Dass meine Befürchtung fast doch noch Wirklichkeit geworden wäre, wissen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich schwärme Sarah von der Pünktlichkeit der Fähre vor. „Danach kannst du die Uhr stellen! Das ist ein absolut zuverlässiges Verkehrsmittel.“ In Wannsee angekommen, laufen wir runter zum Ufer und weil noch ein bisschen Zeit ist, setzen wir uns auf eine schattige Bank direkt vor der BVG-Anlegestelle. Gesprächsstoff gibts immer, so dass wir gar nicht merken, wie die Zeit vergeht, bis uns eine Frau mitteilt: „Warten Sie auf die Kladow-Fähre? Die kommt heute nicht mehr. Ist kaputt.“ Ich bin fassungslos. Habe ich nicht eben noch ein Loblied darauf gesungen? „Um 10 Uhr fährt nochmal ein Ausweichschiff!“, erfahren wir. „Wie spät ist es denn jetzt?“, fragen wir aufgeschreckt. „Na – zehn!“ Wie zwei geölte Blitze wackeln wir zu der Stelle, wo die Ersatzfähre vermutlich schon ein Weilchen steht und auch direkt ablegt, nachdem wir an Bord gehechtet sind. „Rechnen Sie aber damit, dass Sie nicht zurückkommen“, teilt uns der Kapitän mit, „wir wissen nicht, ob das mit der Reparatur klappt.“ Egal, zur Not können wir auch mit dem Bus fahren. Unter Deck dürfen wir nicht Platz nehmen und werden zurückgepfiffen, als wir uns dorthin vor der Sonne zurückziehen wollen. So muss Sarah die Hitze ertragen. Wir lassen uns den Fahrtwind um die Nase wehen und atmen erst einmal tief durch. Geschafft!

Nun nähern wir uns dem Kladower Hafen und ich freue mich schon darauf, Sarah den winkenden Buddy-Bären zu zeigen. Doch so sehr ich mir die Augen auch reibe – er ist weg! Das gibts doch gar nicht! Wo ist er? Geht denn heute alles schief? Nun ist sogar der Bär verschwunden! Seit vielen Jahren steht er als eine Art Freiheitsstatue auf einem Sockel am Ufer, begrüßt und verabschiedet freundlich die Gäste. Er ist bemalt mit Kladower Motiven und steht geduldig für Selfies zur Verfügung. Erst am Dienstag habe ich mich für ein Foto noch an ihn gekuschelt, und nun sieht man dort nur noch den leeren Betonsockel.

Wir gehen erst mal zu Maisels, denn Ich habe Sarah versprochen, dass sie gleich nach Ankunft ein Eis essen kann, aus dem ein eisiges Getränk für sie und ein Milchkaffee für mich wird. Auf der Suche nach der Toilette umrunden wir anschließend das Restaurantgelände und stehen schließlich vor diesem Schild, dessen gründliches Textstudium nichts für Inhaber von schwachen Blasen ist. Ich staune – diese eine Toilette für das komplette Biergartenareal einschließlich China-Restaurant? Sie befindet sich an der Rückseite der des Geländes und gibt den Blick auf Abstellschuppen mit verquollenen, schmutzigen Schiebetüren aus Spanplatten und Sonnenschirmen mit grün-grauer Patina frei. Überhaupt ist die gesamte Gastronomie hier direkt am Hafen ziemlich ziemlich in die Jahre gekommen. Man darf eben nicht so genau hinsehen.

Bevor wir loslegen mit der Wanderung, wollen wir aber noch den Standort des Buddy-Bären auf Spuren untersuchen. Wurde er gestohlen? Geht das überhaupt unbeobachtet?

Am Tatort angekommen, finden wir tatsächlich etliche grüne Plastiksplitter auf den Stufen zum Wasser und üben uns in kriminalistischen Mutmaßungen. Ein Mann schlendert vorüber und ich spreche ihn an: „Wissen Sie, was mit dem Bären passiert ist?“ Er schaut mich böse an und geht wortlos weiter. Hoffentlich setzt sich der Tag nicht so fort!

„Ich frage mal noch das ältere Paar dort auf der Bank“, sage ich zu Sarah, als wir durch die Parkanlage zum Startpunkt laufen, „vielleicht wissen die ja was.“ Und tatsächlich! „Jaaa…“, lautet die vielversprechende Antwort. „Ich habe sogar ein Foto! Ich war gestern hier, kurz bevor er abtransportiert wurde. Es war mal wieder Vandalismus, und das nicht zum ersten Mal, leider!“ Er zeigt uns das traurige Bild, das den mit der Hand im Wasser fischenden Bären zeigt. Natürlich würde ich das gerne auch hier im Blog zeigen können und erkundige mich vorsichtig, ob er mir das Foto über WhatsApp schicken könne. Sein resolutes „Nein!“ kommt wie aus der Pistole geschossen. Erst denke ich, er macht Spaß, doch dann schiebt er erklärend hinterher: „Sowas mache ich nicht. Dann werde ich Sie nie wieder los!“ Eine klare Ansage, doch er erlaubt mir, einen „Screenshot“ von seinem Handy zu machen:

Natürlich kann ich nicht weitergehen, ohne den beiden zu erzählen, dass ich alle Straßen Berlins ablaufen will. Prüfend, mit einem kleinen Rest Misstrauen mustert er mich, schmunzelt dann und sagt: „Ach, Sie sind das?“ Er hatte schon von mir gehört, mich aber nicht erkannt. Wir kommen ins Plaudern und er erzählt von einem Film, der ihn an mich erinnert. Seine Frau überlässt ihm die Gesprächsführung, nickt aber hin und wieder zustimmend.

Nun wirds aber wirklich Zeit, endlich mal loszulegen. Noch stehen wir auf dem Imchen-Platz, der wunderschönen Grünanlage am Hafen. Dass sie 1948 aufgrund der Berliner Blockade ein Kohlenumschlagplatz war, sieht man ihr keinesfalls mehr an. Wir hangeln uns die Straße Alt-Kladow hinauf, vorbei an einem Lost Place, der eigentlich ein Haus mit phantastischem Seeblick sein könnte.

Wir fabulieren, wer hier mal gewohnt haben mag, was passiert ist und wieso es nun so verfällt und nicht neu bebaut wird.

Wir widmen uns heute dem Teil der Tour, den ich am ersten Kladow-Tag nicht geschafft hatte und bekommen am Dechtower Steig die Richtung gewiesen.

Dazu gehören die Sakrower Landstraße und der Bereich südlich davon bis zum Wasser. Sie führt raus aus Berlin und ist als Verbindung nach Sacrow / Potsdam ziemlich stark befahren. Wir holen uns in einer Eisdiele am Weg Sarahs Grundnahrungsmittel in Kugelform und schlendern los. Ein Hof voller Kunstwerke zieht mich magisch an, selbst seine Pflasterung ist bemerkenswert.

Am Tor sind in einer Plexiglashalterung Flyer zu finden, die auf ein Event Ende August hinweisen und die Kladownale 2027 ankündigen – das Kunstfestival im Kulturdorf Kladow vom 22. – 30. Mai 2027. Wer möchte, kann sich bewerben. Kunstschaffende aller Altersgruppen präsentieren dabei ihre Werke in Gärten, Garagen, Schaufenstern oder Zäunen. In Marzahn-Hellersdorf gibt es so etwas auch jedes Jahr unter dem Namen Kunst: offen – Tag der offenen Ateliers, weil Künstler ihre Gärten und Häuser für interessiertes Publikum öffnen.

So richtig vorwärts kommen wir nicht, weil sich gegenüber die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt befindet. Ich glaube, dass ich mich noch nie so willkommen gefühlt habe in einer Kirche. Im Eingangsbereich stehen Wasserflaschen und Gläser zur Selbstbedienung bereit. Unzählige Flyer laden wohlgeordnet zum Stöbern ein. Von hier aus kommt man in die Taufkapelle und die Kirche, beide mit Buntglasfenstern ausgestattet, die den Innenraum in goldbuntes Licht tauchen. An zwei Stellen hat man die Möglichkeit, Kerzen anzuzünden, Feuerzeuge und Teelichter liegen griffbereit. Kurz darauf lassen die lebendigen Flammen die Erinnerung an meine Eltern mit meiner großen Schwester in ihrer Mitte ganz nah an mich heranrücken. Das mag kitschig klingen oder esoterisch, aber ich mag diese Momente des Innehaltens. Sarah steht noch draußen, denn ihre Eisportion war größer als meine und sie wird sich bestimmt schon fragen, ob ich irgendwann mal wieder rauskomme. Schließlich folgt sie mir und wir bewundern gemeinsam diesen warmherzigen und aufgeräumten Ort.

Die katholische Gemeinde in Kladow entstand 1952, als das Bistum Berlin den Ort gemeinsam mit Groß-Glienicke, Sacrow und Bullenwinkel zur eigenständigen Kuratie erklärte. Der Bau der Berliner Mauer schnitt jedoch die östlich gelegenen Ortsteile von ihrer Gemeinde ab, sodass die Gottesdienste jahrzehntelang in provisorischen Räumen stattfanden — zunächst in einer ehemaligen Wehrmachtsbaracke, später in der Kapelle des Kinderheims St. Hedwig.

1988 erhielt die Gemeinde schließlich eine eigene Kirche an der Sakrower Landstraße, entworfen von Jürgen Böker und maßgeblich vorangetrieben durch Pfarrer Kurt Czekalla. Mit dem Fall der Mauer kehrten auch die Gläubigen aus Groß-Glienicke, Sacrow und Bullenwinkel zurück, während Kladow durch neue Siedlungen wie die Finnenhaussiedlung stark wuchs. 2002 fusionierten die Gemeinden Kladow und Gatow, da der Kladower Pfarrer bereits beide betreute und Kladow inzwischen größer geworden war als die einstige Muttergemeinde Gatow. Das neue Zentrum der vereinten Gemeinde wurde Kladow. Die Gatower Kirche St. Raphael wurde 2005 entwidmet und kurz darauf abgerissen.

Nun aber weiter, spornen wir uns an, wobei Sarah heldenhaft die Sonne erduldet, während ich nicht genug davon bekommen kann. Ich mag es sehr, wenn mich die warme Luft umhüllt wie eine Kuscheldecke im Winter und meine Fingerspitzen ausnahmsweise mal nicht blaugefroren sind. Unter diesen unterschiedlichen Voraussetzungen stromern wir nun beiderseits der Sakrower Landstraße neugierig durch die Siedlungen und tauschen uns aus über das Gesehene. Meistens sind wir uns einig, vor allem bezüglich der neuen, klinisch weißen Stadtvillen, die zwar in ihrem Erscheinungsbild akkurater nicht sein könnten und nichts dem Zufall überlassen zu sein scheint, aber der Blick rutscht daran ab. Da ist nichts, was die Aufmerksamkeit fesselt, Individualität verrät oder etwas von den Bewohnern preisgibt. Muss ja auch nicht sein, ist sicher beabsichtigt und natürlich völlig legitim. Aber das sind eben so unsere Gedanken. Doch die Vielfalt ist so groß wie die Grundstücke und die Kiefern, deren Harz duftet und uns an Sommerferien in märkischen und Ostseegefilden erinnert.

Eine Frau kommt im Hottengrundweg aus ihrem Haus und geht zum Auto, wodurch ich auf die Skulptur im Garten aufmerksam werde. Neugierig trete ich näher, frage aber lieber, ob ich ein Foto davon machen kann. Ich darf, und sie erzählt mir, dass ihr Mann aus den hinterlassenen Garten- und sonstigen Werkzeugen seiner Vorfahren auf dem Grundstück dieses Kunstwerk erschaffen hat. Eine Freundin war der Meinung, dass hier eindeutig Hildegard von Bingen auferstanden sei mit dem Hintergrund, dass meine Gesprächspartnerin einen stattlichen Kräutergarten ihr eigen nennt. Was für eine schöne Idee, Dingen neues Leben einzuhauchen!

Dass Äxte ein zweites Leben als Wirbel eingehaucht bekommen und Heugabeln zu Haaren werden, spricht für den Humor des Künstlers und muss ja automatisch jedem Besucher ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Natürlich gehe ich nicht weiter, ohne Claudia von meinen Wanderungen zu berichten und dass ich immer an Geschichte und Geschichten interessiert bin. Sie legt mir ans Herz, unbedingt mal am Wochenende in der Gatower Remise für eine Führung bei ihrer Freundin Rita Reinicke vorbeizuschauen. Später schreibt mir Claudia in einer Mail, dass sie ihrer Freundin „eine reizende Frau mit Interesse an der Historie“ angekündigt habe. Bei so viel liebenswertem Entgegenkommen gibts nun kein Zurück mehr, obwohl der Blick in meinen Kalender nicht viel Spielraum offenlässt. Es ist schließlich eine altbekannte Weisheit: Rentner haben nie Zeit!

Wieder an der Sakrower Landstraße angekommen, laufen wir an Wohnblöcken im schlichten traditionellen Stil der Nachkriegszeit entlang. Auch sie gehören dazu, aber als ich ein Foto mache, werde ich von einer Bewohnerin beobachtet, die ihr Fenster öffnet und uns hinterherruft: „Ich habe Sie gesehen!“

Es folgt der Haupteingang zur Blücher-Kaserne, dahinter der nicht zugängliche Dr. Julius-Schoeps-Ring – eine Straße, die laut Google Maps erreichbar ist, mir aber verwehrt bleibt. Hier stehe ich wieder vor dem selben Rätsel wie auf der letzten Wanderung, aber es gibt Schlimmeres.

Nach der Kaserne bevölkern Wohnbauten der neueren Art die Sakrower Landstraße:

Am Sakrower Kirchweg fallen uns Reihenhäuser auf, die zwar schmal, aber sehr gemütlich aussehen. Im Prinzip reicht eine solche Wohnfläche doch völlig aus! Sie stehen auf historischem Boden, denn hier befand sich Schloss Brüningslinden, ein schlossähnlicher Landsitz, der 1911/12 für Ernst Rütger von Brüning errichtet wurde. Das Gebäude lag auf einer Anhöhe über der Havel und bot einen weiten Blick bis zur Pfaueninsel. Brüning, Sohn des Hoechst‑Mitbegründers Adolf von Brüning, nutzte den Bau als repräsentativen Sommersitz. Die Innenräume waren im Stil des französischen Barock gehalten, mit Anklängen an Louis XIV und Louis XV, und enthielten zahlreiche Reiseandenken des Besitzers.

In den späten 1920er Jahren wurde das Anwesen an den Automobilclub von Deutschland vermietet, der es als Clubheim für Motorbootfahrer nutzte. 1931 empfing man dort sogar Reichskanzler Heinrich Brüning mit französischen Gästen. 1935 übernahm der Gastronom Max Gruban das Schloss und machte es zu einem beliebten Ausflugsziel. Die große Terrasse mit Blick über die Havel war ein Magnet für Ausflügler, und das Haus konkurrierte zeitweise mit Schloss Marquardt als Ausflugslokal.

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente Brüningslinden zunächst als Hauptquartier des britischen Oberbefehlshabers. 1947/48 wurde es zu einem Erholungsheim für jüdische Kinder, die nach den Kriegsjahren dort Ruhe und Betreuung fanden. In den 1960er Jahren entstand auf dem Gelände ein Märchenwald mit lebensgroßen Figuren aus Grimms Märchen und einer kleinen Eisenbahn, der besonders Familien anzog. Die Anlage geriet jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, und das Schloss selbst verfiel zunehmend. 1972 wurde Brüningslinden wegen Baufälligkeit abgerissen, obwohl Einheimische sagen, dass das unnötig war. Das Grundstück ging an die GAGFAH, die dort ab 1977 eine Reihenhaussiedlung errichtete. Vom Schloss selbst ist heute nichts mehr erhalten; einzig der Löwenbrunnen, der einst im Park stand, wurde in den Garten des Kladower Forums gerettet.

Die letzten Häuser auf Kladower Gebiet liegen direkt zwischen Wasser und Sakrower Landstraße, da diese sich immer mehr dem Ufer nähert.

Endlich haben wir die Landesgrenze zu Brandenburg erreicht und verschwinden einen kurzen Moment im Wald, um kurz den Schwänen auf dem Wannsee zuzuwinken, dann zum Sakrower Kirchweg zurückzukehren und uns von dort in Schleifen wieder Alt-Kladow zu nähern, wo sich der Kreis für heute schließen soll.

Schaut man sich die Karte am Anfang dieses Beitrages an, könnte man denken, dass das ja nun nicht mehr so viele Kilometer sein können, die noch zu absolvieren sind. Aber das täuscht! Viele Straßen entpuppen sich als ziemlich tückisch, weil sie sich – hier nicht erkennbar – ohne Querverbindung wie ein Gewinde um die Häuser schlingen und wir sie doppelt laufen müssen. Schon am Wasser hätten wir uns eine Bank gewünscht und auch jetzt wären wir dankbar, eine Pause einlegen zu können, aber vorerst wird daraus nichts. Meine Hoffnung liegt auf dem Landschaftsgarten, dem wir uns Stück für Stück nähern, vorbei an Villen, Häuschen, Wohnblocks, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit einträchtig Gesellschaft leisten.

Endlich erspähen wir den Fränkelschen Landschaftsgarten durch die Bäume, dazu Toiletten und bestimmt gibts auch Bänke! Voller Vorfreude steuern wir auf den Eingang zu. Doch der Hindernislauf zum Tagesbeginn bringt sich mit voller Härte in Erinnerung, als wir vergeblich am Tor rütteln, das vor fünfzehn Minuten geschlossen wurde. Der Garten ist laut Aushang nur bis 14 Uhr geöffnet. Selbst schuld, werden manche jetzt sagen, man kann sich doch vorher informieren! Das stimmt natürlich und trotzdem sind wir bitter enttäuscht. Durch den Zaun können wir einen gepflegte Grünanlage erkennen, deren Besuch bestimmt eine große Bereicherung gewesen wäre, aber eben nicht heute.

Na gut, dann gehts also weiter mit der Stadterkundung – ohne Bank, ohne Toilette und ohne Papierkörbe. Verständlich, denn wer sollte diese Dinge schon benötigen? Wer durch diese Straßen geht, wohnt in der Regel hier, hat ein bestimmtes Ziel und schlendert nicht wie wir zum Vergnügen durch die Gassen. Wie durch ein Wunder sehen wir uns tatsächlich im Setheweg einer kleinen Parkanlage mit Bänken gegenüber und legen eine Pause ein, die uns richtig gut tut. Von diesem Moment an werden wir geradezu überhäuft mit Sitzgelegenheiten. Wo kommen die plötzlich alle her? Selbst eine Toilette findet sich, wenn auch nur ein offenes Dixi. Papierkörbe – geschenkt. Wir nehmen unseren Müll einfach wieder mit.

Im Parnemannweg fällt uns eine herrschaftliche Villa auf, die das Kladow Kolleg – Kunstpunkt Stiftung Herpel beherbergt. Diese versteht sich als eine Einrichtung, die kulturelle Bildung, künstlerische Entwicklung und kreative Projekte in Kladow fördert. Sie hat ihren Sitz im Kladow‑Kolleg und unterstützt Initiativen, die Kunst, Kultur und gesellschaftliches Engagement miteinander verbinden. Im Mittelpunkt steht die Idee, Menschen durch künstlerische Arbeit zusammenzubringen und Projekte zu ermöglichen, die ohne Förderung nicht entstehen würden. Die Stiftung vergibt Fördermittel und schafft die Räume, in denen Kunst und kulturelle Bildung im Alltag des Ortsteils verankert werden können. Hört sich gut an, zumal immer nur zwei Stipendiaten aufgenommen werden, denen dieses schöne Haus für 4-6 Wochen zur Verfügung steht. Bewerben können sich alle, die sich als Künstler ausweisen können, belegt z.B. durch Ausstellungen, Performances, Aktionen, Uraufführungen, Veröffentlichungen, Lesungen oder Konzerte.

Am Quastenhornweg lerne ich einen Baustil kennen, von dem ich bisher noch nie gehört habe. Google meint, dass es sich hierbei um den Prärie-Stil handelt, der vor allem durch den Architekten Frank Lloyd Wright bekannt wurde.

Merkmale sind flache Dachlinien, dunkles Ziegelmauerwerk, lange, bandartig gereihte Fenster und horizontale Fugen, was hier alles zutrifft.

Wir passieren die Neuapostolische Kirche, ein Haus mit Brandschäden, eine Handwerker-Pension mit einem sehr dominanten Schornstein, den Segler-Club Oberspree e.V. und einen Bauwagen ähnlich dem von Peter Lustig.

Ein Wegweiser zum Haus Kreisau lässt mich aufhorchen. Hat das etwas mit dem Kreisauer Kreis zu tun? Indirekt schon. Harald Poelchau, überlebendes Mitglied des Kreisauer Kreises, wollte dessen geistiges und politisches Anliegen in die Nachkriegsgesellschaft weitertragen. Er gründete 1957 mit Franz von Hammerstein (beides Pfarrer) die Evangelische Berufsschularbeit. Dafür wurde eine ehemalige Werft erworben und zu einer Bildungsstätte ausgebaut, die auch heute noch dort existiert, einschließlich des evangelischen Religionsunterrichtes. Das Haus nutzt die Lage an der Havel und integriert den Fluss als Erfahrungsraum. Die Boote tragen Namen von Widerstandskämpfern, es gibt Begegnungen mit Überlebenden der NS-Zeit bzw. deren Kindern, um die Jugendlichen zu Zivilcourage und Verantwortungsbewusstsein anzuhalten.

Im Sakrower Kirchweg erfreue ich mich an einem Haus in meinen Lieblingsfarben, das sich als Baudenkmal entpuppt. Es wurde 1933-1934 gebaut, Auftraggeber und Bauherr war der Schlächtermeister Otto Gerbsch, als Architekt fungierte Viktor Bunikowski. Er war vor allem im Südwesten Berlins tätig und verschrieb sich der gehobenen bürgerlichen Wohnkultur, was man hier sehr gut erkennen kann:

Und noch ein Haus will ich hier hervorheben – das auf einem Hanggrundstück liegende Architektenhaus am Gößweinsteiner Gang, das als minimalistisch beschrieben wird mit klarer Formensprache und reduzierten Farben:

Aber es gibt noch mehr zu sehen:

Am Wertheimweg (benannt nach dem jüdischen Kaufmann und NS-Opfer Wolf Wertheim, dessen von Alfred Messel erbaute Villa am Temmeweg inklusive Ein-Mann-Bunker im Vorgarten mir leider entgangen ist) nutzen wir eine Treppe, um zur Imchenallee zu kommen. Sie führt an terrassenförmig angeordneten Mehrfamilienhäusern entlang, die in viel Grün eingebettet sind. Durch ihre Hanglage können die Bewohner von ihren Balkonen aus die Havel sehen. Was für eine Idylle!

Sehr merkwürdig mutet hingegen das Gelände des Heilpädagogischen Centrums Kladow im Quastenhornweg an. Alles wirkt so verlassen und trostlos und wir fragen uns, ob das Gebäude überhaupt noch genutzt wird. Die Tür im Hintergrund steht offen und man sieht Menschen, aber einladend wirkt das Ganze nicht. Auch im Sakrower Kirchweg gibt es eine heilpädagogische Einrichtung, ein Kinderheim namens Sancta Maria.

Was verbirgt sich überhaupt hinter dem Begriff Heilpädagogik? Die Webseite des Vitanas Heilpädagogische Centrum Kladow gibt Auskunft, dass erwachsenen Menschen mit vorwiegend intellektueller Beeinträchtigung ein geschützter Wohn‑, Lebens‑ und Beschäftigungsraum geboten wird. Die Bewohner leben in kleinen Gruppen, gestalten ihre Zimmer selbst und nutzen das große Außengelände für Aktivitäten und Ruhe. Viele arbeiten tagsüber in externen Werkstätten, andere nehmen die hausinternen Angebote wahr. Dort erfahre ich auch, dass die Einrichtung im Frühjahr nach Spandau in den Neuendorfer Hof umgezogen ist, was den Zustand der Außenanlagen erklärt.

Am Roten Stein erwarten uns drei schlossähnliche Gebäude, die auch vom Wasser aus und der Imchenallee sichtbar sind. Sie stehen hoch oben am Hang und geben viele Rätsel auf.

Die Villa Oeding wurde 1893-94 erbaut, Architekt war Hans Großmann, Bauherr der Druckereibesitzer Georg Kühn. Am Klingelschild steht ein chinesischer Name und darunter Jojo Manor Management. Zeitweise wohnte sogar Hans Albers in der Villa, wenn im nahen Babelsberg Dreharbeiten stattfanden. Aber auch Goebbels nutzte die Villa als Wohnhaus, bis er nach Schwanenwerder übersiedelte. Daneben steht Haus Trinitatis oder auch Villa Hoffmann. Es war ursprünglich ein Kindererholungsheim. Später entwickelte es sich zu einem bekannten Ausflugshotel und Restaurant, geschätzt für seine idyllische Lage, gutes Essen und eine elegante Ausstattung. Etwas weiter hinten findet sich die Villa Müller, errichtet von dem Bankdirektor Friedrich Müller. Interessant ist die Entstehungsgeschichte der Parzellen. Der kinderreiche Kladower Bauerngutsbesitzer Ernst Schütze vermachte jedem seiner Kinder eine Parzelle am Havelufer, damit sie dort Häuser für ihre Familien bauen konnten. Sein Sohn Walther kaufte das komplette Ufergebiet vom Hafen bis zum Sakrower Kirchweg und ließ es mit Bauschutt und Müll aus Charlottenburg befestigen, um die Grundstücke bis zum Wasser zu erweitern. Damit haben die Grundstücksbesitzer bis heute über den Imchenweg hinweg freien Zugang zum Wasser. (Quelle: „Über die Aufschüttung der Imchenallee“ von Rainer Nitsch aus „Treffpunkte“ Winter 2018)

Aber nicht nur die Häuser beschäftigen und beeindrucken uns. Wir würden auch gerne wissen, was der Straßenname wohl zu bedeuten hat. Wieso roter Stein? Ob damit der Findling gemeint ist, der den Platz vor Nr. 9A-C schmückt? Ein paar rote Adern glauben wir zu sehen.

Zu dem ganzen Areal einschließlich Geschichte der Imchenallee gibt es einen wunderbaren Beitrag auf Flanieren-in-Berlin.de mit vielen Fotos, auch vom Schloss Brüningslinden. Ich schwöre: Er ist höchst spannend!

Der Sakrower Kirchweg führt uns Stück für Stück wieder ins Dorf Kladow und am Haus Nr. 95 vorbei, das man nicht übersehen kann – das Landhaus Schickendantz, benannt nach der Bauherrin Helene Schickendantz und 1927 nach Entwürfen des Architekts Ernst Kühnel erbaut. Erwähnenswert ist es auch aufgrund der Tatsache, dass dort der berühmte Personenschützer Horst Pomplun bis zu seinem Tod 2023 wohnte und in dem Haus die Internationale Fachakademie für Sicherheit und Personenschutz führte. Viele Zeitungen haben über ihn berichtet, u.a. die Süddeutsche, aber auch er selbst hat etliche Bücher und Artikel über sich und seinen Beruf verfasst, darunter Titel, die wohl eher durch seine erotischen Fantasien gespeist wurden. Jedenfalls stelle ich ihn mir als eine Art Paradiesvogel vor, der wohl seine Security-Schüler mit harter Hand ausgebildet hat. Das Haus wird als verwinkelt beschrieben. Wenn man es sich auf Google Maps in der Vogelperspektive anschaut, glaubt man das sofort.

Sakrower Kirchweg – Landhaus von Helene Schickendantz, 1927 nach Entwürfen von Ernst Kühnel erbaut

Je weiter wir uns Alt-Kladow nähern, um so mehr nimmt die Architektur dörflichen Charakter an, etliche Gebäude stehen auf der Liste der Kulturdenkmale in Berlin-Kladow.

Nun sind wir wieder am Ausgangspunkt, dem Kladower Hafen. Abendstimmung macht sich breit, die wir noch ein bisschen genießen wollen. Wir gehen in einem der vielen Lokale an der Imchenallee essen und nehmen die letzte Fähre zurück nach Wannsee. Danke, Sarah, für deine wohltuende Gesellschaft!

Für den rechtzeitigen Kalendereintrag: Einladung zu einem Vortrag in Marzahn-Hellersdorf

Am Mittwoch, den 11.11.2026 um 18 Uhr werde ich in der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek einen Vortrag über mein Laufprojekt halten mit ausgewählten Fotos und erzählenswerten Episoden, die ich bisher erlebt habe. Ich wäre überglücklich, wenn sich viel Publikum einfindet!

Wer dabei sein möchte, wird gebeten, vorher dort anzurufen, weil die Kolleginnen vor Ort ungefähr wissen müssen, wie viel Publikum sie begrüßen können:

Vortrag „Bibliothekarin läuft“

  • 11.11.2026 um 18:00 Uhr

Eintritt: frei. Mit Voranmeldung. Anmeldung erbeten: Tel. (030) 9339380 oder E-Mail an Heinrich-von-Kleist-Bibliothek@ba-mh.berlin.de

Ort: Stadtteilbibliothek Heinrich von Kleist, Havemannstraße 17B, 12689 Berlin

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