Göriach im Lungau 2013

Endlich war es soweit – mein Traum vom Urlaub in einer Almhütte sollte Wirklichkeit werden, wenn auch nur für 5 Tage.
12 Stunden Anreise mit Bahn und Bus nahm ich gerne in Kauf, um für ein paar Tage in dieser majestätischen Landschaft herumstrolchen zu können.
Alleine schon die Fahrt war ein Erlebnis der besonderen Art. In der Bahn unterhielt eine hessisch-schwätzende, sehr lebhafte Dame das ganze Abteil, während hinter mir ein altes Ehepaar aus Franken seine Streitigkeiten ausfocht. Die anschließende Busfahrt versetzte mich schon in Urlaubsstimmung. Herrliche alpine Landschaften boten sich meinen Blicken dar. Die Haltestellen hatten Namen wie „Gnadenalm“, „Trinkeralm“ usw. Wir fuhren an dem Arzthaus Dr. Aufmesser vorbei, und als wir in Mauterndorf ankamen, steig ich aus, obwohl zu Beginn der Busfahrer anbot: „Sie müssens noch amoal umsteign. Ich (mit „Ach“-Laut) sog Ihna bescheid, wanns aussteign müssn.“ Aber als emanzipierte Frau ist man ja selbstständig und weiß auch ohne Hilfe, wo man umsteigen muss. Großer Fehler! Als ich endlich die richtige Haltestelle gefunden hatte, war der Bus weg. Also rief ich meinen netten Vermieter an, der mich dort einsammelte. Er brachte mich bis vor die Tür „meiner“ Hütte im Göriachtal, die für die nächsten Tage Ausgangspunkt für meine Streifzüge werden sollte.

Ich bekomme alles gezeigt: Wasser, eine extra Hütte mit Solardusche und Plumpsklo, die Speisekammer und den Holzschuppen. Es gibt sogar (Solar) Licht! Gleich nebenan ist eine bewirtschaftete Hütte und 50 m weiter noch eine. Hätte ich gar nicht soviel einkaufen brauchen. Ich werfe meine Sachen ab und nehme die erste Wanderung in Angriff: den ¨Zwei-Seen-Weg¨. Hier wird die Weglänge in Stunden angegeben. Es ist von 90 Minuten die Rede, aber ich brauche länger. Allerdings gehe ich auch noch weiter als geplant. Es geht stetig bergauf, ebenso mein Blutdruck. Die Wege sind sehr steinig, man läuft also permanent auf Geröll. Das ist ganz schön anstrengend. Etliche Wanderer haben das gleiche Ziel. Man grüßt sich immer. Entweder mit ¨Grüß Gott¨ oder ¨Pfirzi¨, was immer das auch heißt. Alle sagen ¨Du¨ zueinander. Beim Überholen kommt man auch mal ins Gespräch, ich falle auf, weil ich alleine unterwegs bin. Der Weg zieht sich, ist aber landschaftlich nicht zu toppen.

Weite Täler, Wasserfälle, Bäche, durch die man auch mal durchwaten muss, vereinzelte Schneefelder, hohe felsige Berge. Der Weg erinnert mich fast 1:1 an Norwegen. Nach zwei Stunden bin ich am oberen See angelangt und mische mich unter eine Kuhherde, die dort gerade ruht. Ich tue es ihnen gleich und genieße die wärmende Sonne, bis mich eine Schafherde umzingelt und mich anstupst. Das wird mir dann doch zu aufdringlich, also setze ich meinen Weg fort, weiter hinauf, bis ich hoch oben über den beiden Seen stehe und ein grandioses Panorama vor mir habe. Sehr beeindruckend und gewaltig, so dass man mit großem Respekt erkennt, wie klein und hilflos man als Mensch der Natur gegenüber ist.

Ich treffe auf ein Paar, das am überlegen ist, ob sie noch weiter hoch kraxeln und auf dem Kamm zurücklaufen. Sie will nicht mehr so richtig, er ist noch voller Tatendrang. Ich natürlich auch und laufe weiter. Die Frau ruft mir hinterher, sie würde mir ein bisschen zuschauen und dann entscheiden, ob sie noch weitergeht. Aber natürlich sind die beiden dann auch weitergelaufen. Ich lasse sie an mir vorbei, denn ich habe nicht gerne Leute hinter mir. Tja, und dann wird der Weg zum Pfad und der Pfad immer steiler, so dass ich teilweise auf allen vieren hochkraxle. Als der Weg dann aber zur Klettertour über Felsen ausartet, kapituliere ich und kehre um. Die Frau auch. Ihr Mann natürlich nicht, er kraxelt unerschrocken die Wände hoch.
Der Rückweg kommt mir unglaublich endlos vor. Es ist das erste Mal, dass mich bergab mehr anstrengt als bergauf. Mit weichen Knien erreiche ich gegen 17:30 Uhr meine Hütte und bin heilfroh, es geschafft zu haben.
Da ich morgen natürlich weiterwandern möchte, aber keine vernünftige Karte habe, gehe ich in die bewirtschaftete Nachbarhütte. Ich erwarte eine Art kleine Kneipe, lande aber in einer Küche. Erst denke ich, dass ich falsch bin, aber es hat alles seine Richtigkeit. Ein freundliches Muttchen steht am Herd und brutzelt leckeres Essen, wovon man auch was bekommen kann. Sie weiß schon bescheid, dass ich die Frau bin, die allein in einer Hütte wohnt und fragt mich, ob ich morgen wieder rüberkomme. Karten hat sie nicht. Deshalb versuche ich in der Hansalhütte mein Glück. Der Wirt kommt mir gleich entgegen, und mehrere Augenpaare ruhen auf mir. In der Hütte steht wieder eine Oma am Herd und kocht, die zwei Tische sind eng besetzt von Einheimischen, die schon mächtig einen im Tee haben und deswegen sehr lustig sind. Auf meine Frage nach einer Wanderkarte bekomme ich die Antwort: ¨Na, dos hoabn wia net. Oaba ia koan dia dan Weg erklor! Wo wielst Du hin?¨ Als ich größenwahnsinnig was vom Hochgolling fasle (2862 m), meint er, da bräuchte ich einen Bergführer und zeigt auf einen Jägersmann, der mich prüfend betrachtet. In der nächsten Sekunde sitze ich dort am Tisch mit einem Obstler vor mir und muss erst mal mit allen anstoßen. Dann werde ich vom Bergführer-Jäger ins Kreuzverhör genommen. Ob ich Wandererfahrung habe, ob ich trainiert bin, ob ich schwindelfrei bin und mit Seil klettern kann. Spätestens an der Stelle ist mir klar, dass ich den Hochgolling nicht besteigen werde. Er meint, dass er schon, als ich hereingekommen bin, gesehen hätte, dass ich sehr selbstbewusst wäre und lobt mich, dass ich nicht an Selbstüberschätzung leide und nicht wie viele andere Touristen auf eigene Faust die Tour gemacht habe. Viele hätten es schon mit dem Leben bezahlt. Darauf einen zweiten Obstler. Der Wirt hängt sich ein Akkordeon um und alle schmettern mit und schunkeln, es ist sehr gemütlich.
Als mir aber vom Nachbartisch einer zuruft, meine Augen würden so strahlen und unter den Blumen auf einer Wiese wäre ich die Orchidee, weiß ich, dass es Zeit für mich wird, die lustige Runde zu verlassen.
In meiner Hütte knistert das Holz im Ofen. Es ist kuschlig warm. Ich lese noch ein bisschen und krieche dann ins Bett, das ein bisschen nach Kuhstall riecht.

Sonntag, 01.09.13        
In der Nacht fängt es schon an zu regnen und auch als es hell wird, prasselt der Regen noch aufs Dach. Das heißt, heute ist Ruhetag.

Ich mache erst mal Feuer, dann gehe ich duschen – kalt. Huhhh! Ich bins ja gewöhnt, aber im Anschluss an das heiße Wasser. Nur kalt ist schon heftig, vor allem beim Haarewaschen. Aber danach fühlt man sich topfit! Nun frühstücke ich ausgiebig und gemütlich, abwaschen, etwas Wäsche waschen. Schwupps, läuft mir der Jäger Albert wieder über den Weg. So ein Zufall aber auch! Er geht nebenan Kaffeetrinken und erzählt mir, dass er hoch zur Berghütte fährt, weil er seinen täglichen Kontrollgang (fahrt) machen muss, schauen, ob Gemsen verletzt oder krank sind, was öfter vorkommt. Wenn ich möchte, könnte ich mitfahren. Da heute Wandern ausfällt wegen Schlechtwetter und meine tolle Regenjacke in der Waldheimer Straße hängt, denke ich – warum nicht. Und los gehts den gleichen Weg, den ich gestern gelaufen bin. Eine abenteuerliche Fahrt immer am Abgrund entlang über Felsbrocken! Ab und zu hält er an und schaut durchs Fernrohr, wenn er zuvor aus dem Auto heraus die Gemsen (mit bloßem Auge wohlgemerkt) entdeckt hat. Ich sehe nichts. Auch nicht durchs Fernglas. Erst als er das Teleskop-Fernrohr herausholt und es direkt auf die Tiere richtet, kann ich was erkennen.
In der Hütte oben trinke ich einen „Schnapstee“ und bestelle Schmalzbrot, nicht ahnend, dass es sich dabei um fünf dick bestrichene Scheiben handelt! Aus diesem Grund muss ich noch ein bisschen laufen, um die Kalorien in die Schranken zu weisen.
Bei meiner Rückkehr kommt mir meine Vermieterin entgegen und steckt mir 15 € zu. „Ich hob mich so gschamt für mei Mo, dos er Ihna sovüll Geld abgnumma hot. Sie bleibens doch nur a poar Toag!“ Ich hatte gestern 18 € für Bettwäsche, Gaskartusche und Müllsack bezahlt, die ich nun fast wieder zurück hatte. Ihr Mann durfte nichts davon wissen!
Außerdem hatten sie mir noch Kohlenanzünder hingelegt. Sie luden mich ein zum Umtrunk in die Wirtschaft nebenan. Der Tisch war schon besetzt, aber alle rückten zusammen und wir tranken weiße Mischung (Weißweinschorle). Das war sooo gemütlich! Jeder erzählte ein paar Geschichten,denen ich nicht immer folgen konnte, aber das war egal.

Montag, 02.09.13
Und wieder führt mich der Weg bis zum Oberen Landwiersee, das sind ca. 650 Höhenmeter auf 6 km Weglänge und wird als mittelschwer bezeichnet. Doch das reicht mir nicht, immerhin war ich hier ja schon. Also kraxle ich weiter bis zum Scharnock, einem Berg über dem See, 2500 m hoch und nochmal 8 km. Dabei muss ich wiederum 400 Höhenmeter überwinden. Allerdings klettere ich nicht bis zum Gipfelkreuz, das traue ich mir nicht zu. Man muss sich von einer Wegmarkierung zur nächsten hangeln, weil ein klassischer Weg nur selten zu erkennen ist. Die Luft wird immer dünner, ich pumpe schwer atmend, aber aufgeben kommt nicht in Frage. Oben pfeift mir der Wind um die Ohren, bläst die Sorgen aus dem Kopf und treibt sie in unerreichbare Ferne über die Bergspitzen hinweg. Mein Blick winkt ihnen fröhlich zum Abschied hinterher.

Dienstag, 03.09.13
Damit ich nicht immer in die gleiche Richtung laufen muss, setze ich mir für heute ein Ziel Richtung Göriach. Auf halber Strecke zum Ort muss ich links in den Wald abbiegen, um zum Piendlsee zu gelangen. Nicht ahnend, welche Anstrengung mir jetzt bevorsteht, wandere ich voller Elan bergauf, über Waldboden, Wiesen und später Felsen. Eine Kehre löst die nächste ab, und immer, wenn ich denke, dass ich ja nun bald oben sein müsste, stehe ich wieder vor 100 Metern steilem Anstieg, teilweise nur mit Händen und Füßen zu erklimmen. Zweieinhalb Stunden keuche ich asthmatisch noch oben, bis ich endlich zwei Hütten in einem Bergkessel entdecke. Hurra, denke ich. Geschafft!

Das ist allerdings ein Trugschluss. Um zum See zu gelangen, muss ich noch höher hinaus, durch Heidelbeeren hindurchwaten, schmalen Pfaden folgen, bis ich endlich den Piendlsee zu Gesicht bekomme.

Nun muss ich erst mal eine Pause machen. In Anbetracht des menschenleeren Panoramas wurde ich wieder stark an Norwegen erinnert. Gut erholt steige ich den langen Weg hinab, was zwar keine Atemnot auslöst, aber auch nicht so ohne ist.
Als ich im Hüttendorf ankomme, habe ich großen Hunger und schaue nach, was heute in der Hansalhütte Leckeres gekocht wird. ich suche mir eine klare Suppe aus mit einem großen Semmelkloß in der Mitte. Köstlich! Sofort komme ich wieder ins Gespräch mit einer Frau am Nebentisch, die mir für morgen wertvolle Wandertipps gibt.

Mittwoch, 04.09.13
Mein Handy-Akku hat bis heute prima durchgehalten. Als Nur-Telefonier-Handy war es schließlich auch leicht unterfordert! Aber nun muss Strom getankt werden, weil ich morgen unbedingt einen Wecker brauche.
Also trabe ich durchs Tal hinab 9 km nach Göriach

und stöpsle meine Geräte in einem Gasthof an. Bis alles aufgeladen ist, schaue ich mir den Ort an (ist schnell erledigt) und suche mir danach einen Waldweg, der so einsam gelegen ist, dass ich mich dort unbemerkt sonnen kann. Herrlich, die Wärme auf der Haut!
Auf dem Rückweg komme ich in einen schattigen Abschnitt des Tales und habe das Gefühl, dass plötzlich Nacht geworden ist.

Unterwegs kehre ich ein und trinke einen Eiskaffee. Der Wirt will natürlich wissen, woher und wohin und wundert sich wie alle anderen auch, dass ich allein unterwegs bin.
„Gonz alloa? Un da is noch koaner fensterln kumma?“
Obwohl ich heute nicht geklettert bin, freue ich mich, als das Hüttendorf in Sicht ist. Später, als es dämmert, werden die Berge in ein ganz goldenes Licht getaucht.

Tja, und nun muss ich packen, denn morgen um 7 Uhr werde ich abgeholt und zum Bus gefahren, der mich nach Salzburg bringt.
Diese fünf Tage haben mich unglaublich geerdet und reduziert auf das Wesentliche, so dass ich eine Weile brauchen werde, bis ich die gehetzte Zivilisation, den Kommerz und die Leistungsgesellschaft wieder ertragen kann.

Hier noch ein letztes Foto, aufgenommen morgens um 7 Uhr.