14. Mai 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lichterfelde) | ehemaliges Telefunkenwerk, Platz des 4. Juli und die Amerikaner

„Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag, mit Regen rauschend, an den Fenstern lag. Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr: mein Buch war schwer.“ (Rainer Maria Rilke) – Kalenderspruch des Tages

Heute kann ich zum ersten Mal beweisen, dass mich auch Nässe nicht davon abhält, meine Schuhe zu schnüren und loszuziehen in die weite Welt Berlins. Der strahlende Sonnenschein am frühen Morgen ist trügerisch, denn ab dem Zeitpunkt, als ich das Haus verlasse, wechseln sich Regen und Sonne als ständige Begleiter des Tages ab. Am S-Bahnhof Sundgauer Straße treffe ich mich mit Winfried Hawran, der mich mit festem Händedruck begrüßt und sofort forschen Schrittes mit mir in den Tag startet. Die Luft ist kühl, aber sie duftet wie frisch gewaschen und ist ideal zum wandern. In ein anregendes Gespräch vertieft, bewegen wir uns auf dem bunten Dahlemer Weg nach Süden, wo er in die Wupperstraße mündet, nachdem er ein kurzes Stück im Wald des Heinrich-Laehr-Parks verschwunden ist. Natürlich begleitet uns die ganze Zeit das Gleis der stillgelegten Goerzbahn, um auf eben diesem Waldabschnitt die Straße zu verlassen. Als wir in die Goerzallee einbiegen, sehen wir linkerhand auf dem ehemaligen Bahnhof Schönow durch einen Regenschleier das Gelände des ZEHAG e.V. (Zehlendorfer Eisenbahn- und Hafengesellschaft) und der AG Märkische Kleinbahn. Hier befindet sich im Lokschuppen ein Eisenbahnmuseum, in dem verschiedene Kleinlokomotiven und Nebenfahrzeuge ausgestellt werden. Aber auch eine Fahrkartendruckmaschine ist zu besichtigen und eine Dauerausstellung zur Geschichte der Zehlendorfer Eisenbahn. Allerdings sind diese Informationen vor Ort nicht zu erkennen, alles sieht etwas trostlos und verlassen aus.

Dieser Eindruck setzt sich auf der rechten Seite der Goerzallee fort, was der Tatsache geschuldet ist, dass sich hier viele Industrieunternehmen angesiedelt haben.

Doch ein Gebäudekomplex hebt sich von dieser Eintönigkeit auffällig ab und wir rätseln, wofür und von wem er genutzt wird. Außer einer Werbetafel für eine Steuerberatungsgesellschaft gibt es keinen weiteren Hinweis. In der Nachbereitung der Tour schlage ich mir dann aber doch die Hand vor die Stirn – das ist ein Teil des ehemaligen Goerzwerk-Areals, das sich einst über mehrere Parzellen entlang der Goerzallee erstreckte. Das Gebäude diente früher als Lager‑ und Werkstattbereich der Optischen Anstalt C. P. Goerz. Heute haben sich dort Werkstätten, kleine Firmen und Büros eingemietet. Ein Stück weiter vorne gibt es im historischen Gemäuer ein neues Goerzwerk, ein Gewerbecampus, der historische Industriearchitektur mit einer offenen, modernen Arbeitskultur verbindet. Ein kleines, gut erreichbares Verwaltungsteam sorgt für regelmäßige Netzwerkveranstaltungen und Austausch zwischen den ansässigen Unternehmen, kombiniert Arbeiten, Begegnung und kulturelle Aktivitäten. Auch eine Buchhandlung ist dort ansässig.

Die linke Straßenseite ist mit Einfamilienhäusern bebaut und dicht bewachsen, was ihren Bewohnern immerhin einen Blick ins Grüne erlaubt. Ein Grundstück fällt uns durch seinen extravaganten Zaun ins Auge, er sieht irgendwie orientalisch aus und passt überhaupt nicht zu dem Haus dahinter. Meine Neugierde ist so groß, dass ich mich unter dem wachsamen Auge einer Kamera ans Klingelschild heranpirsche und meine Vermutung bestätigt sehe.

Wir wandern weiter durch die Nebenstraßen, die fast alle 1937 nach norddeutschen Gewässern und Landschaften benannt und vermutlich auch bebaut wurden. Mal wird die Kulisse von wärmenden und vor allem trocknenden Sonnenstrahlen beleuchtet, mal traben wir mit gesenkten Häuptern unter verdunkelnden Regenwolken durch die Nässe. Was wir zu sehen bekommen, würde ich zusammenfassend als „nett“ bezeichnen, ein friedliches Nebeneinander verschiedenster Arten zu wohnen und zu gärtnern, nicht spektakulär nach dem Motto „Muss man gesehen haben“, aber durchaus freundlich und ruhig. Am Straßenschild „Darser Straße“ kommen wir ins Grübeln. Müsste das nicht „Darßer Straße“ heißen? Oder hat das mit dem Darß gar nichts zu tun? Kauperts Straßenverzeichnis gibt Aufschluss: „Die Schreibweise erfolgte bei der Benennung entgegen der üblichen Form mit nur einem s und wurde so beibehalten.“ Könnte man ja eigentlich mal korrigieren.

Langsam nähern wir uns dem Gebiet an der Straße des 4. Juli, das ich jetzt einfach mal als amerikanisches Viertel betiteln werde. Die Straßen sind im Jahr 2000 nach Persönlichkeiten des US-Militärs, Harry S. Truman und Billy Wilder benannt worden und befinden sich zwischen Goerzallee und Osteweg. Die Häuser sehen aus wie aus unterschiedlich großen, weißen Schachteln zusammengesetzt und verfügen über ein Wegenetz, das auch Querverbindungen erlaubt. Auf Google Maps kann man sehr gut erkennen, dass viele kleine, schlauchähnliche Gärten an den Rückseiten angelegt wurden. Es wirkt etwas eintönig, weswegen übergroße Playmobilfiguren dem Auge eine willkommene Abwechslung bieten. Diese Wohnsiedlung grenzte an die McNair Barracks, wurde in den 1950er/60er Jahren gebaut und diente ausschließlich den Familien der nebenan stationierten US-Soldaten.

In der Harry-S.-Truman-Allee ändert sich der Baustil, die Häuser werden höher und sind überwiegend in moderne Loftwohnungen, Penthäuser und Maisonette umfunktioniert worden. Die Wohnquartiere nennen sich Lesley-Lofts, Loftland und Monroe-Park, weitere werden hinzukommen. Ergänzt wird das Areal durch eine großen Kinderspielplatz, eine Privatschule namens Phorms Campus Berlin Süd und die Kita McNair, die vom Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. betrieben wird.

Die Billy-Wilder-Promenade wird an drei Stellen überbrückt, so dass wir durch mehrere Tore hindurchgehen, vorbei an noch unsanierten Gebäudeteilen, teils mit Planen „verschönert“, auf denen eine heile Fassade aufgemalt ist.

Sehr markant ist der Uhrenturm, der alles überragt und ein interessantes Relief aufzuweisen hat.

Zeit, auf die ursprüngliche Nutzung dieses Areals einzugehen als eine der bedeutendsten Industrieanlagen der deutschen Elektro‑ und Funktechnik des 20. Jahrhunderts. Entstanden aus dem Zusammenschluss von AEG und Siemens & Halske im Jahr 1903, entwickelte sich Telefunken rasch zu einem führenden Unternehmen für Funktechnik, Röhrenproduktion und später auch Radartechnik. In Berlin entstanden mehrere große Werkstandorte, darunter die Anlagen in Lichterfelde. Siemens beauftragte für das Projekt seinen renommierten Chefarchitekten Hans Hertlein (1881–1963), der bereits 1937 – noch bevor das 240.000 m² große Grundstück überhaupt erworben war – die ersten Bebauungspläne vorlegte. Das Vorhaben war von beeindruckender Größe. Die Gebäude folgten der typischen Industriearchitektur der 1930er‑Jahre: funktionale Ziegelbauten, klare Fassaden und großzügige Werkhallen. Heute zählt der ehemalige Industriestandort zum zweitgrößten Denkmalensemble Berlins, nur übertroffen vom Flughafen Tempelhof. Bis zu 10.000 Menschen arbeiteten hier. An der für sie errichteten Wohnsiedlung in Zehlendorf (Telefunkensiedlung) bin ich ja schon vor ein paar Wochen vorbeigekommen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden in den Telefunkenwerken unter anderem Komponenten für militärische Funkgeräte und Radarsysteme gefertigt. Der neungeschossige Uhrenturm gehörte zum ehemaligen Verwaltungsgebäude. Das schon erwähnte Relief wurde 1939/1940 von Josef Wackerle erschaffen. Die zentrale weibliche Figur kniet und hält Blitzbündel in ihren Händen (Hinweis auf Elektrotechnik), vier Frauengestalten neben ihr werden davon weggestoßen.

Nach 1945 übernahm die US‑Army große Teile des Komplexes und wandelte sie in die McNair Barracks um. Die massiven Telefunkenbauten eigneten sich ideal für Kasernen, Verwaltungsräume und technische Einrichtungen. Damit wurde das ehemalige Industrieareal zu einem der wichtigsten amerikanischen Militärstandorte in West‑Berlin. Es war eine Stadt in der Stadt mit vollständiger Infrastruktur und natürlich auch einer kleinen Kirche, der McNair-Kapelle. Sie beherbergt seit 2011 die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin Lichterfelde namens Mavuno Berlin, an der mich vor allem die kleine, entzückende Allee dorthin begeistert.

Erst nach dem Abzug der US‑Truppen 1994 begann die schrittweise zivile Umnutzung des Geländes, das vorher auch komplett eingezäunt und bewacht war. Das Kasernengelände war für Berliner weitgehend unzugänglich. Eine Ausnahme bildete der Klub „Starlight Grove“, der genau an der mit Stacheldraht gesicherten Grenze zwischen Militärbereich und Außenwelt lag. Die amerikanischen Soldaten gelangten von innen direkt hinein, während draußen über dem Eingang „German Guests Welcome“ stand – eine Einladung, die sich vor allem an junge deutsche Frauen richtete.

Überaus spannend finde ich allerdings auch den Platz des 4. Juli, der sich direkt an das ehemalige Kasernengelände anschließt. Er ist 400 Meter lang und 70 Meter breit und war ein Teil der unter Hitler geplanten Umgestaltung Berlins zu Germania. Sie beruhte im Kern auf einer von Albert Speer entworfenen Achsenkonzeption. Ein monumentales Straßenkreuz aus der Nord‑Süd‑ und Ost‑West‑Achse sollte das neue Stadtzentrum bestimmen und Berlin in vier ungleich große Sektoren gliedern. Ergänzt wurde dieses System durch mehrere annähernd konzentrische Ringstraßen, die den Verkehr um die Innenstadt herum aufnehmen sollten. Diese momentan als Parkplatz genutzte große Fläche wäre also ein Teilabschnitt des vierten Rings gewesen, der wie die anderen drei aber nie vollendet wurde. Jahrelang war die Straße eigentlich ein ca. 28.000 m² großer, asphaltierter Platz und wurde von der US-Armee als Aufmarschplatz genutzt, besonders am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag. Nun hat sich Grün Berlin der Sache angenommen. Im April 2025 hat die Entsiegelung und Begrünung begonnen, allerdings sehr zaghaft. Die Maßnahme verbessert auf jeden Fall das Stadtklima: Durchlässige Böden lassen Regenwasser versickern, neue Grünflächen kühlen die Umgebung, und 40 Bäume würden künftig für Schatten und ein robusteres Mikroklima sorgen. Das Projekt sollte Anfang 2026 abgeschlossen sein, doch danach sieht es momentan keinesfalls aus, wie man auf den Fotos sehen kann. Immer noch ist es mehr oder weniger ein Parkplatz, aber wenn er zukünftig so aussieht wie auf der Webseite von Grün Berlin visionär dargestellt, dann wäre es ein großer Gewinn für dieses Quartier.

Nun wäre ein guter Zeitpunkt, eine Pause einzulegen und wir entdecken in der nahen Kleingartenanlage eine Gartenwirtschaft. Ich freue mich in zweierlei Hinsicht: erstens würde ich jetzt gerne ein Radler trinken und zweitens die Toilette nutzen. Vorfreude Nr. 1 muss ich begraben – es wird erst um 15 Uhr geöffnet, aber Nr. 2 wird mir freundlicherweise gewährt. Die Orientierung fällt nicht schwer:

Wir bewegen uns nun wieder Richtung Norden, Winfried Hawran begleitet mich noch durch ein paar Straßen und verabschiedet sich dann von mir, denn er hat noch eine lange Fahrt nach Hause vor sich. Ich habe mich gefreut über seine Gesellschaft, denn der Gesprächsstoff ist uns nie ausgegangen und unsere Ansichten stimmten in vielen Dingen überein, so dass auch der immer wiederkehrende Regen die Laune nicht verderben konnte.

Viele Straßen sind es gar nicht mehr, die noch „zu erledigen“ sind und bisher keine grüne Markierung erhalten haben. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, wenn auch keine großartigen Überraschungsmomente mehr zu erwarten sind. Ich trabe los, mümmle an meinem Butterbrot und passe auf, nichts zu verpassen, bis sich plötzlich ein noch nie dagewesenes Gefühl in mir breit macht: Ich habe keine Lust mehr! Gibt´s denn sowas? Es ist einfach nur noch langweilig und alles ist nass. Schlagartig schmerzen Füße, Knie, Hüfte, Rücken und nichts sehne ich mehr herbei als eine Bank. „Jetzt reiß dich mal zusammen“, rufe ich mich zur Räson, „du wirst doch nicht aufgeben! Die zwei Straßen schaffst du jetzt auch noch!“ Klar, kurz vorm Ziel abzubrechen ist keine Option und ich versuche auch wirklich, dem Gesehenen schöne Motive abzugewinnen:

Kaum bin ich zuhause, gehts mir wieder gut und ich schiebe diesen Unlust-Anfall jetzt einfach mal aufs Wetter. Am Dienstag soll es sonnig und warm werden, das hebt die Stimmung! Begleitet werde ich von Marita Rollke, eine Kollegin und Freundin und wir werden uns überwiegend an der Stadtgrenze rumtreiben zwischen Goerzallee und Stichkanal.

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