03. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Pichelsdorf, Pichelswerder, Tiefwerder Wiesen, Stößenseebrücke und Guitar Lounge

„Es war, als ob aus dem Innern des Baumes fast unmerkliche Schwingungen in ihn übergingen…“ (Rainer Maria Rilke) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Man denkt ja in manchen Momenten, dass das Gesehene oder Erlebte nicht mehr zu toppen ist, aber der heutige Tag ist so voll von überbordender Schönheit und Glück, dass ich jedem zurufen möchte, es mir gleich zu tun und sich auf die Socken zu machen nach Pichels- und Tiefwerder.

Beginnen möchte ich aber mit einer Gruppe Abiturienten, die morgens in Hörweite den gleichen Waggon der S5 mit mir teilen und auf dem Weg zum Hauptbahnhof sind, um mit der Klasse auf Reisen zu gehen. Unfreiwillig werde ich Ohrenzeugin ihrer Gespräche. Hier ein paar Auszüge:

„Mein Vater holt sich jetzt noch einen Mercedes. Der BMW, den er hat, ist auch ok, aber der Mercedes ist richtig geil, Digga!“ | Erster: „Ey man, ich hab grad keinen Führerschein. Die Bullen haben mich angehalten, bin mit 80 Sachen durch die Bahnhofstraße in Köpenick gefahren.“ Zweiter: „Wieso, 80 ist doch nicht schlimm!“ Dritter: „Digga, dann fahr doch langsamer, wenn du weißt, dass da Polizei ist!“ Erster: „Wieso? Die haben doch anderes zu tun, als mich zu kontrollieren!“ | „Digga, was hat dein Shirt gekostet?“ Es folgt eine Aufzählung, welche Marken man wo zu welchem Preis bekommt. | „Ey Leute, ich hab die Karte von meinem Vater dabei. Hat er mir gegeben. Für Gras oder Koks ist gesorgt!“

Jeder versucht, den anderen großkotzig zu überbieten, womit auch immer, und ich fühle mich wie in einer Elite-Internats-Soap alias „Schloss Einstein“. Ab Hauptbahnhof kehrt dann wieder Ruhe ein und ich frage mich, ob sich diese Oberflächlichkeit mit wachsender Lebenserfahrung „verwächst“ und ob wir früher auch so waren? Ich würde das vehement verneinen, aber vielleicht wurde das vom Unterbewusstsein gelöscht? Es bleibt die Zuversicht, dass die Gruppendynamik hier die treibende Kraft war und der Einzelne eigentlich ganz anders tickt.

Mein Startpunkt ist die Stößenseebrücke, deren monumentalen Tore mich seit Tagen beschäftigen. Auf dem Weg nach Gatow bin ich mit dem Bus oft daran vorbeigefahren und habe mich jedes Mal gefragt, welchen Zweck sie erfüllen. Von der Straße aus kann man ihn auch nicht erkennen, man sieht eben nur zwei riesige Granittore rechts und links.

Von den Torbögen blicken zwei Wächter auf den Verkehr herab. Es sind keine Porträts bestimmter Personen, sondern monumentaler Schmuck.

Die Brücke wirkt heute wie eine selbstverständliche Verbindung zwischen Wilhelmstadt und Westend, also Spandau und Charlottenburg, doch ihre Entstehung war alles andere als einfach. Als die Heerstraße 1908/1909 über den Stößensee geführt wurde, stand man vor einer Landschaft, die sich nicht ohne Weiteres überbrücken ließ. Der Stößensee ist ein alter Havelarm, Teil der weit verzweigten Havelniederung, deren Reste sich bis in die Tiefwerder Wiesen ziehen. Das Gelände steigt am Ostufer zum Grunewald und am Westufer zum Pichelswerder an, so dass eine für Berlin ungewöhnliche Brückenhöhe von rund 25 Metern erforderlich war. Sie war notwendig als Teil der Döberitzer Heerstraße, einer militärisch motivierten Ost-West-Achse, die vom Berliner Schloss bis zum Truppenübungsplatz Döberitz führte. Die größte Herausforderung lag in der Überquerung der Havelniederung. Eigentlich war eine schnurgerade Führung der Straße geplant und von Wilhelm II. gewünscht. Das hätte eine zusätzliche Brücke über die Scharfe Lanke erfordert – rund 250 Meter lang und mit enormen Kosten verbunden. Die Planer entschieden sich daher für eine abknickende Trasse, die die Scharfe Lanke südlich liegen ließ und den Bauaufwand drastisch reduzierte.

Statt den gesamten See zu überbrücken, wurde ein Damm vom Pichelswerder aus aufgeschüttet, der den See teilte und nur eine rund 100 Meter lange Brücke nötig machte. Dabei gabs einige Rückschläge, weil der frisch aufgeschüttete Kies immer wieder in die Tiefe sank, weil fester Grund erst in 35 Metern Tiefe lag. Insgesamt mussten rund eine Million Kubikmeter Boden bewegt werden.

Die Brücke entwarf der Ingenieur Karl Bernhard, der für seine klaren Eisenkonstruktionen bekannt war. Der mächtige Mittelpfeiler ruht auf einem Pfahlrost, dessen Pfähle jeweils 20 Tonnen tragen. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zerstört, vermutlich 1945 durch eine Sprengung der Wehrmacht, um den Vormarsch der sowjetischen Truppen zu behindern. Der Wiederaufbau erfolgte zwischen 1948 und 1951, später folgten weitere Umbauten und Instandsetzungen. Das Geländer der Brücke ist seit mittlerweile 18 (!) Jahren durch einen Bauzaun abgesperrt, gebaut wurde dort aber nie. Die Begründungen dafür wechselten mit den Jahren. Aktuell ist es die zu niedrige Geländerhöhe. Es gibt dazu ein herrliches Video von extra3, das anzuschauen sich lohnt.

Neben ihrer Bedeutung für den Straßenverkehr ist die Brücke auch ein Gedenkort. Am Geländer erinnert eine Infotafel an die beiden sowjetischen Piloten, die 1966 vom Militärflugplatz Finowfurt kommend, ihre abstürzende Jak-28 in den Stößensee lenkten, um bewohnte Gebiete zu vermeiden. Hier dazu ein rbb24-Beitrag. Direkt davor steht ein Koffer, der mich fast in Versuchung bringt, ihn auf seinen Inhalt hin zu untersuchen, doch im letzten Moment siegt die Vernunft.

Da ich sowieso die Seite wechseln muss, nutze ich gleich hier die Gelegenheit dazu und schaue mir die Brücke nun von unten an. Dabei suchen mich ganz widersprüchliche Emotionen heim. Ich schreite durch das Tor, finde mich auf einer Terrasse wieder – früher der Aussicht dienend, an der die Treppe nach unten beginnt. Ich liebe solche Wegabschnitte – Stufen, Stege, kleine Brücken – sie bringen willkommene Abwechslung! Rechts und links flankiert Wald die Treppe, die in einem Linksbogen runter zur Havelchaussee führt und ab der Kurve einen Blick auf den verblendeten Stützpfeiler ermöglicht. Wuchtig und trutzig baut er sich vor mir auf, bewachsen von Efeu. Der Lärm der Heerstraße ist nur noch als Säuseln wahrzunehmen.

Unten angekommen, stehe ich vor einem toten Waschbär, der aussieht, als hätte er sich nur mal zum Schlafen kurz hingelegt.

Obwohl ich von den technischen Raffinessen einer Brückenkonstruktion überhaupt keine Ahnung habe, beeindruckt mich das Bauwerk ungemein und ich zolle dem Architekten und den Handwerkern Respekt für ihre Leistung. Schließlich muss die Brücke einer großen Belastung standhalten, die millimetergenaue Planung und Arbeit erfordert. Jetzt, wo ich direkt unter dem Gewölbe stehe, schleicht sich ein mulmiges Gefühl ein. Nicht aus Angst, alles könnte über mir zusammenbrechen, sondern wegen der Dimensionen, der wuchtigen Mauern und einer gewissen Verlorenheit. Also mache ich mich am besten wieder auf den Weg nach oben zur anderen Straßenseite.

Die Brücke selbst gehört schon zu Spandau-Wilhelmstadt. Ein Wahlplakat von „Die Partei“ nimmt den wohl nicht zu tilgenden Kalauer, dass Spandau nicht zu Berlin gehört, zum Anlass für eines ihrer Wahlplakate, das man witzig finden kann oder auch nicht. Aber es gibt darüber hinaus stolze Befindlichkeiten mancher Pichelsdorfer, die nicht einverstanden sind, dass Pichelsdorf seit 2003 offiziell zu Wilhelmstadt gehört, denn es ist deutlich älter als dieses. 1375 wird es bereits urkundlich erwähnt, während es die Wilhelmstadt erst seit 1897 als Quartier gibt. Das Gebiet hieß über Jahrhunderte Pichelsdorfer Vorstadt und war der Ausgangspunkt für die wachsende Wilhelmstadt.

Vielleicht ist es ein Trost, dass zumindest in meinem Dunstkreis die Menschen erst durch meine Erzählungen erfahren, dass es einen Ortsteil Wilhelmstadt gibt und Pichelsdorf schon eher ein Begriff ist.

Nach dem Überqueren dieser beeindruckenden Brücke folge ich der Heerstraße, die den Wald von Pichelswerder durchquert und gleich von der nächsten Brücke über den Pichelsee hinüber nach Pichelsdorf getragen wird. Es pichelt allerorten! Die Freybrücke steht baulich in engem Zusammenhang mit der Stößenseebrücke und war Teil des Gesamtprojekts Döberitzer Heerstraße. Es gab sogar die Überlegung, das Gebiet komplett mit einem Bauwerk zu verbinden, was aber zu teuer war. Die erste Brücke entstand 1908/1909 nach Plänen von Karl Bernhard. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg gesprengt und 1948–1951 wieder aufgebaut. Wegen schwerer Korrosionsschäden erfolgte ab 2014 der Abriss, 2016 konnte der Neubau freigegeben werden. Der Namensgeber Adolf Frey war Geheimer Oberbaurat von Charlottenburg und Leiter des Heerstraßenbaus.

Ich laufe bis zu der Stelle, an der am 31. August die Tour durch Weinmeisterhöhe endete und finde zum wiederholten Mal an den Hochhäusern großen Gefallen. Sie strahlen eine majestätische, grazile Würde aus, finde ich, obwohl ich mir bewusst bin, dass wohl nur wenige meiner Meinung etwas abgewinnen können. Sie sind eingebettet in viel Grün und alles wirkt sehr gepflegt. Mit der Rückseite stehen sie an der Bocksfeldstraße bzw. Alt-Pichelsdorf.

Ein Gebäude tanzt deutlich aus der Reihe mit dem starken optischen Kontrast zwischen hellen, weiß verputzten Wandflächen und dunklen, expressiven Klinkerelementen.

Es ist ein Wohn- und Geschäftshaus und beherbergt im Erdgeschoss die Guitar Lounge Berlin.

Schon von außen wirkt das Geschäft sehr einladend, vielleicht auch wegen des Zusatzes „Kulturcafé“. Ohne lange zu zögern, steuern meine Füße automatisch darauf zu und auch hinein. Nun muss ich ja auch was sagen, überlege ich und erinnere mich in diesem Moment an meine fünfzig Jahre alte Gitarre, die seit mindestens zwanzig Jahren unbenutzt und dekorativ mit gerissenen Saiten in meiner Wohnung ein trauriges Dasein fristet. „Ich würde gerne einen Satz Gitarrensaiten kaufen“, verkünde ich den beiden freundlichen Menschen hinter dem Tresen. „Ja gerne“, bekomme ich zur Antwort, „was denn für welche?“ Ich erfahre, dass es Stahl-, Nickel-, Stainless‑Steel‑, Phosphor‑Bronze‑, Nylon‑ und Fluorocarbon‑Saiten gibt, versilberte Kupfersaiten, Roundwound‑, Flatwound‑ und Halfwound‑Saiten, beschichtete Coated Strings, farbige Saiten, Silk‑and‑Steel‑Sets, Bariton‑Saiten, Zwölfsaiter‑Sets, Resonator‑, Flamenco‑ und Gypsy‑Jazz‑Saiten (ok, die Auflistung habe ich ein bisschen übertrieben). Außerdem ist es natürlich unerlässlich, die Art der Gitarre zu berücksichtigen. Handelt es sich um eine Konzert-, Western-, Parlor‑ oder Jumbo‑Gitarre? Oder ist es eine E‑Gitarre, Zwölfsaiter, Flamenco-, Lap‑Steel‑, Travel‑ oderBassgitarre? Sofort fühle ich mich an diesen Satirespot erinnert, in dem ein Kunde einen Kaffee bestellt und gefragt wird, ob es Pour Over, French Press, Aeropress, Cold Brew, Cold Drip, Espresso, Ristretto, Lungo, Americano, Cappuccino, Flat White, Latte, Cortado, Macchiato, Mokka, Bialetti-Kaffee, Syphon, Vacuum Pot, Japanese Iced Coffee, Espresso Tonic, Cascara Brew, Affogato, Dirty Chai, Matcha Espresso Fusion, Dalgona Coffee, Oat Flat White, Hafer-Cappuccino, Hafer-Latte, Hafer-Cortado, Hafer-Macchiato, Hafer-Mokka, Hafer-Eiskaffee oder der saisonale Signature Brews sein darf? Er- überfordert, flüstert resigniert: „Ich möchte einfach nur einen Kaffee…“ Benjamin Kriesel, der sympathische Inhaber, lässt sich nicht anmerken, was er eventuell über meine Naivität denkt und schlägt vor, dass ich zuhause ein Foto von meiner Gitarre mache und ihm per Mail zukommen lasse, er würde mir die Saiten sogar zuschicken. Gute Idee, aber ich überlege jetzt ernsthaft, meine Gitarre mal mitzubringen und reparieren zu lassen. Immerhin komme ich hier mindestens noch zweimal vorbei, das würde doch passen! Benjamin bietet mir einen Rundgang durch den Laden an, ich solle mich ganz in Ruhe umschauen. Das mache ich und meine Sympathie und Begeisterung wächst mit den vielen kleinen Details, die überall zu entdecken sind. In der oberen Etage finden am Wochenende kleine Wohnzimmerkonzerte statt, die schon beim Zuschauen auf YouTube Lust machen, auch mal Teil davon zu sein. Ich knipse alles, was mir vor die Linse kommt und entdecke auch Mandolinen, was mein Vorhaben, die Gitarre reparieren zu lassen, verfestigt, denn auch eine Mandoline nenne ich mein eigen, die allerdings in einem katastrophalen Zustand ist. Ich wollte sie schon verkaufen, habe es aber nie fertiggebracht, sie ist ein Erbstück. Ich kann sie im Gegensatz zur Gitarre nicht spielen, aber mein Herz hängt trotzdem daran. Der Plan steht also!

Benjamin erzählt, dass er sich vor Reparaturaufträgen kaum retten kann, was mich sehr freut für ihn und seine Partnerin, denn nur vom Verkauf würde sich der Laden nicht amortisieren, er braucht die Menschen, die bleiben, reden, ausprobieren, sich beraten lassen, Musik machen, Kaffee trinken und diesen kleinen Ort überhaupt erst zu einem echten Treffpunkt werden lassen. Ich drücke die Daumen, dass es so erfolgreich weitergeht!

Ich muss auch weitergehen und schaue mir nun die Kolonie Bocksfelde an, eine Kleingartenanlage der besonderen Art. Es sind zwar keine offiziellen Straßen, das heißt, ich könnte diesen Abschnitt aussparen, aber hier geht es so gemütlich, fast wie in einer Puppenstube zu. Die Wege wurden mit inoffiziellen Straßennamen und -schildern versehen, es gibt ein Rathaus und den Königsplatz, auf dem passenderweise eine Bock-Skulptur steht.

Die Geschichte der Kolonie Bocksfelde beginnt an der Scharfen Lanke, die schon 1232 als südliche Grenze Spandaus erwähnt wurde. Über Jahrhunderte war die Gegend eng mit Pichelsdorf verbunden, dem wichtigsten Fischerdorf an der Havel. Im 18. Jahrhundert entstand hier ein großer Umschlagplatz der Königlichen Holzadministration, und 1791 wurde eine Windschneidemühle errichtet, die später zur Lohmühle umgebaut wurde. Nach ihrem Abriss entwickelte sich das Gelände zum Gut Bocksfelde, geprägt vom Maurermeister Johann Abraham Bocksfeld, der dem Ort seinen Namen gab. Im 19. Jahrhundert wechselten die Besitzer, und die Scharfe Lanke wurde zeitweise Körnerbucht genannt. Gegen Ende des Jahrhunderts gab es Pläne für eine Villenkolonie und ein Industriegebiet, doch die Finanzierung scheiterte, sodass das Ufer frei blieb für Freizeit und Wassersport. Ab 1899 entdeckten Ruderer, Angler und Segler die Bucht, gründeten Vereine und bauten erste Stege und Lauben. Die Angler trafen sich in der Gaststätte von Carl Daberkow, dem damaligen Generalpächter, und 1902 entstand der Anglerverein, während Segel- und Ruderclubs ihre ersten Regatten auf der Scharfen Lanke austrugen. Die Gegend wurde zu einem beliebten Ausflugsziel, mit Lokalen wie der Börnicker Hütte und dem Gartenlokal Feuerherdt. Um 1910 wuchs die Laubenkolonie, und ein Magistratsplan von 1914 zeigt die Bereiche Park, Wild-West und die Pfennigkolonisten. Mit dem Bau der Heerstraße und der Brücken wurde Bocksfelde leichter erreichbar, gleichzeitig verhinderte ein Fabrikverbot die Industrialisierung des Ufers. 1917 kaufte die Stadt Spandau das Gelände und verpachtete es an Kleingärtner und Wassersportler. Am 2. Februar 1919 gründeten diese den Kolonistenverein Boxfelde, den Vorläufer der heutigen Wochenendsiedlung und Wassersportvereinigung. Die Chronik betont die Menschen, die mit Engagement und Beharrlichkeit die Siedlung aufgebaut und erhalten haben, und erinnert daran, dass auch Albert Einstein in den 1920er Jahren eine Laube am Burgunderweg besaß, die es tatsächlich noch gibt. Wer also einen Ausflug nach Pichelsdorf plant, sollte diese Kolonie nicht auslassen!

Ich jedenfalls bin froh, es nicht getan zu haben und wende mich dem sich anschließenden Park am Ufer zu. Meine Beobachtung, dass auf meinen Wegen bisher viel weniger Kunst im öffentlichen Raum zu finden war als im Osten der Stadt, wird hier kurzfristig ausgehebelt, denn gleich drei Skulpturen schmücken den Park. Eine davon nennt sich schlicht „Schreitendes Mädchen“ und stammt von Fritz Röll, der übrigens aus Kaltennordheim stammte, das in der thüringischen Rhön liegt und mir sehr vertraut ist. Gelebt hat er in Dahlem, kaufte das Atelier von August Gaul und war von 1937-1941 auf allen Großen Deutschen Kunstausstellungen in München mit seinen Werken vertreten. Hitler kaufte für 20.000 RM die Marmorstatue „Jünglingsfigur“ und Hans Heinrich Lammers die Bronze-Plastik „Gänsepaar“.

Mehr in Ufernähe finde ich zwei Skulpturen von Volkmar Haase aus Kladow. Eine trägt den Titel „Schuld und Wehr“, die andere „hochwendelnd“, beide aus Edelstahl.

Volkmar Haase gehört zu den bedeutendsten Berliner Bildhauern der Nachkriegsmoderne. Seine Arbeiten sind an mehreren Stellen in Berlin zu finden, z.B. das „Freud´sche Schwert“ auf dem Dorfplatz in Kladow, von dem hier schon die Rede war. Charakteristisch für Haases Werk ab den 1960er Jahren ist die ausschließliche Arbeit mit Edelstahl. Seine Arbeiten aus den 1970er Jahren, zu denen auch die beiden hier gehören, ordnete er selbst seiner „Säulen-Zeit“ zu. Auch in den Marzahner Gärten der Welt in der Nähe der Wassergärten ist eine Skulptur den Künstlers mit dem Titel „Woge“ zu finden.

Der Uferpark strahlt eine große Ruhe aus und stellt die Verbindung zwischen den Kleingärten, dem Wasser, der Heerstraße und Pichelsdorf her.

Alt-Pichelsdorf empfängt mich mit einem klitzekleinen Ausschnitt eines ehemaligen Fischerdorfes, das sich entlang eines Weges entwickelte und als Straßensiedlung oder Platzdorf mit zentralem Anger gilt. Klitzeklein deswegen, weil nur noch wenige historische Gebäude zu finden sind. Die Heerstraße, der Siedlungsbau und die Hochhäuser ringsherum haben den ursprünglichen Charakter „demontiert“. Erahnen lässt sich das frühere Dorf z.B. anhand des Büdnerhauses von 1780, das früher ein Weinrestaurant war und in dem sich heute das kroatische Restaurant „Stara Kuca“ befindet.

Aber auch andere Gebäude weisen darauf hin, dass ich durch ein Dorf laufe. Pichelsdorf gehört zu den ältesten belegten Siedlungsorten, gelegen auf der Halbinsel zwischen Havel, Pichelssee, Grimnitzsee und der Scharfen Lanke. Der Name verweist nicht auf Alkoholgenuss, sondern auf die historische Herstellung von Holzteer (Pichel = Pech), die hier einst betrieben wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam ein neuer Impuls: Der Engländer John B. Humphreys gründete eine Werft und baute dort das erste Dampfschiff Preußens namens „Prinzessin Charlotte von Preußen“, die ab 1817 auf Havel und Spree verkehrte. Später entstanden weitere Betriebe wie eine Brauerei und eine Porzellanfabrik, die das Dorf wirtschaftlich prägten.

Mit dem Bau der Heerstraße zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Pichelsdorf in zwei Bereiche geteilt, was die Entwicklung des Ortes stark veränderte. Den anderen Teil nördlich der Heerstraße muss ich noch erkunden. Bis 1920 blieb Pichelsdorf eine eigenständige Landgemeinde im Landkreis Osthavelland, bevor es nach Groß-Berlin eingemeindet wurde.

Nun gehts weiter auf der Straße Am Pichelsee, die sich über die gesamte Halbinsel bis zum südlichen Ende erstreckt und dort als Sackgasse endet. Die Bebauung ist höchst unterschiedlich, so z.B. eine Wohnanlage aus dem Jahr 1981 in einer Kombination aus traditionellen Giebelelementen und Schieferverkleidungen mit modernen, großflächigen Fenstern. 2020 kostete dort eine 3-Zimmer-Wohnung mit 107 m² für 449.000 €.

Oder dieses terrassenförmig ausgebaute Wohn- und Geschäftshaus von 1970/71, das auf einem früheren Brauereigelände errichtet wurde. Die Brauerei Pichelsdorf wurde 1875 von Julius Busse gegründet. Das Bier wurde unter den Namen „Pichelbräu“ oder „Pichelmännel“ auf den Markt gebracht.

Wenig später zweigen drei kleine Gässchen mit mehreren Einfamilienhäusern hintereinander von der Straße Am Pichelsee ab, die alle in Richtung See führen und unten miteinander verbunden sind. Sie heißen Rudererweg, Paddlerweg und Schwimmerweg, die Verbindung nennt sich passenderweise Lankestrand. Alle drei sind Privatstraßen und der Zutritt ist verboten:

Ich spüre, wie sich Renitenz in mir breitmacht. Warum soll ich denn da nicht langlaufen dürfen? Die Grundstücke sind alle in sich abgeschlossen, wie in jeder anderen Straße auch. Es besteht also keine Gefahr, dass ich den Bewohnern zu nahe komme. Ich will einfach nur die Straßen begehen und bin dann auch gleich wieder weg! Da die Tore nicht verschlossen sind, setze ich mich ein bisschen aufsässig über das Verbot hinweg und werde auch nicht verscheucht, aber Fotos mache ich zur Sicherheit nicht. Das ist mir dann doch zu heikel. Trotzdem nagen in meinem Inneren Abneigung und Unverständnis für meiner Meinung nach elitäres Verhalten. Es sind eindeutig Straßen, sogar mit Gehwegen. Was bringt die Anlieger dazu, sich so abzugrenzen vom Rest der Welt? Alles in mir sträubt sich dagegen, aber natürlich bin ich nicht im Recht. Das ist mir schon klar.

In der Ferne baut sich ein gelbes Ungetüm vor mir auf und wird auch aus der Nähe nicht schöner – das Siegfried-John-Haus.

Das ungewöhnliches Gebäude wurde Ende der sechziger Jahre vom Architekten Ludwig Leo entworfen und nach dem damaligen Präsidenten des Berliner DLRG‑Landesverbandes, Siegfried John, benannt. Es sollte wie ein Schiff aussehen. „Die dreieckige Form erinnert an das Segel eines Bootes, und der hohe Antennenmast wirkt wie ein Schornstein“, lese ich auf der Webseite des DLRG. Ich finde allerdings, dass das Haus eher wie eine Sprungschanze aussieht. Die Etagen heißen Decks, die Schlafräume Kojen. Viele Architekturinteressierte besuchen das Haus, das nicht nur besichtigt, sondern auch als Unterkunft für Tauchvereine, Vereinsfahrten, Klassenreisen und Jugendgruppen genutzt werden kann. In erster Linie ist es aber Zentralstation und Einsatzleitstelle des Berliner Wasserrettungsdienstes mit eigenen Einsatzfahrzeugen.

Am Ende der Sackgasse angekommen, bietet sich mir dieser Anblick:

In früheren Zeiten stand hier die Villa des vorhin schon erwähnten Brauereibesitzers Julius Busse. Wegen ihrer enormen Ausmaße und dem dazugehörigen, fünf Hektar großen Landschaftspark wurde das Anwesen im Volksmund als „Schloss Pichelsdorf“ bekannt. Im Park lag ein Biergarten, der viele Ausflügler anzog. In den 1930er Jahren erwarb der Wissenschaftsverleger Ferdinand Springer das Gelände. 1943 brannte die Villa bei einem Luftangriff aus und blieb als Ruine zurück. In den 1960er Jahren übernahm schließlich die IG Metall das Areal und baute dort eine Bildungsstätte auf. Momentan entsteht ein Neubau der IG Metall mit über 110 Zimmern und Seminarräumen, der sich in den historischen Park einfügen und bis 2028 fertiggestellt werden soll. Ich empfehle einen Blick auf Google Maps, dort kann man gut sehen, wie das Gebäude mit dem Grundriss eines krummen X aussah, das jetzt abgerissen wird.

Nun gehts wieder den gleichen Weg zurück, denn einen Uferweg gibt es hier nicht. Jetzt ist Pichelswerder mein nächstes Ziel, das tatsächlich eine Insel ist. Man könnte sie auf dem Wasserweg umrunden. Für mich heißt das: zurück zur Heerstraße, über die Freybrücke und rechts abbiegen auf die einzige Straße der Insel namens Siemenswerderweg, der fast über das komplette Gebiet kriecht. Dazu gehören auch ein paar Häuser, aber in der Hauptsache führt der Weg durch Wald, wird im Süden zum namenlosen Uferweg und umrundet ein großes Hundeauslaufgebiet.

Meine große Schwäche besteht darin, mich an Wegkreuzungen nicht entscheiden zu können, auch wenn ich weiß, welcher der richtige ist. Oft probiere ich dann eben beide aus. Zum Glück, muss ich feststellen, denn so gelange ich auf den Pichelsdorfer Gmünd, den äußersten Zipfel der Insel. Er wird immer schmaler, so dass ich von Wasser umgeben bin. Vorne die Havel, rechts der Pichelsee und links der Stößensee. An der Spitze stehend, fühle ich mich fast wie eine Gallionsfigur.

Eine Weide, wie ein Sessel geformt, lädt mich ein, Platz zu nehmen und eine Pause einzulegen, bevor ich auf dem regulären Weg die Insel weiter umrunde. Plötzlich entdecke ich links eine Treppe, natürlich muss ich da hoch! Wieder danke ich dem Himmel für meine Entscheidung, denn dort steht eine Bank, wie ich sie liebe mit einem fantastischen Ausblick über die Havel. Wenn sich so eine Gelegenheit bietet, kann ich nicht Nein sagen und mache es mir gemütlich.

Mehrere Hunde schnüffeln an mir herum, man merkt, dass hier ihr Tummelplatz ist, aber das stört mich nicht. Ich steige die Treppe wieder hinab, gehe weiter auf dem Uferweg mit vielen Möglichkeiten, direkt ans Wasser zu kommen, bis die nächste Treppe in Sicht kommt. Dieses Mal wartet keine Bank auf mich, aber ich setze meinen Weg einfach mal oben auf dem Berg fort in der Hoffnung, dass bald wieder Stufen nach unten führen. Genau so kommt es – ich bin begeistert! Also hinab, gefolgt von einem Hund mit seinem Besitzer, die unten baden gehen wollen.

Ich nicht! Mittlerweile bin ich auf der westlichen Inselseite angelangt, wo die Uferkante von etlichen Clubs und Vereinen bevölkert ist. Das Fachwerkgebäude auf dem nächsten Bild beherbergte zunächst das beliebte und geschichtsträchtige Ausflugslokal „Königsgrätzer Gärten“. Zu dieser Zeit Anfang des 20. Jh. strömten an den Wochenenden viele Berliner ins Grüne nach Spandau. Später übernahm die Firma Siemens das Anwesen und baute es zu einer Erholungsstätte für ihre Mitarbeiter und deren Familien aus. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz und wird privat genutzt.

Ich treffe zwei Radfahrer, die in der Richtung unterwegs sind, aus der ich komme und etwas unschlüssig beratschlagen, ob sie hier durchkommen. Ich kann sie kompetent beraten und sogar noch Einkehrtipps geben.

Der komplette Weg bis hoch zur Heerstraße ist bebaut, das Ufer ist ein schmaler, aber übervoller Gürtel aus Segelvereinen, Yachtclubs, Bootshäusern, Ruderheimen, Werften, Taklereien, Winterlagern, Steganlagen und Marina-Werkstätten, die sich ohne sichtbare Lücke aneinanderreihen. Jeder Abschnitt wirkt wie ein eigenes kleines Territorium – mit Clubhäusern, Vereinshäusern, Seglerheimen, Ruderhäusern, Hafenmeistereien, Regattahäusern, Liegeplatzgemeinschaften und privaten Stegfeldern, die oft nur über schmale Wege oder versteckte Tore erreichbar sind. Man läuft oder fährt an dieser Uferlinie entlang und hat das Gefühl, ständig an neuen, streng abgegrenzten Welten vorbeizukommen: hier eine traditionsreiche Segelkameradschaft, dort ein exklusiver Yachtclub mit polierten Masten und makellosen Stegen; gleich daneben eine Bootsbauwerkstatt. Wirklich eine Welt für sich. Ich frage ja immer ketzerisch: Wozu sollte man sich so eine teure Yacht kaufen? Heute bekomme ich die Antwort präsentiert:

Ich erreiche die Heerstraße, mein Tagesprogramm wäre somit abgearbeitet, aber so viel war das nicht, höchstens zehn Kilometer. Wie wäre es, den Weg durch Pichelswerder nördlich der Heerstraße noch ein Stück fortzusetzen? Meine Idee gefällt mir, denn dort gibt es nur eine Straße – den Brandensteinweg, der von hier aus sowieso am besten zu erreichen ist. Der Versuch, über die kleine Ausbuchtung von Pichelswerder bis zur Stößenseebrücke zu kommen und diese zu überqueren, scheitert, aber irgendwie schaffe ich es, auf die andere Seite zu gelangen. Gleich auf den ersten Metern des Brandensteinwegs macht ein gut gesichertes Gelände neugierig, was sich dort verbirgt. Es handelt sich um den Sondenplatz B des unterirdischen Erdgasspeichers der GASAG. Vorhin auf dem südlichen Teil von Tiefenwerder hatte ich schon den Sondenplatz A entdeckt. Hier wurde in verbrauchsarmen Zeiten Erdgas in etwa 800 Metern Tiefe in Gestein eingepresst und bei hoher Nachfrage wieder entnommen. Der Speicher erstreckt sich vom Gebiet westlich des Olympiastadions bis unter den Stößensee. Was ich sehe, ist nur der oberirdische Zugang. Die Befüllung wurde 2017 eingestellt, momentan läuft ein Stilllegungsverfahren, das bis 2035 dauern soll. Um das alles zu verstehen, bräuchte ich mehr technisches Verständnis, aber interessant finde ich es trotzdem, zumal 2004 eine gewaltige Explosion die Insel erschütterte. Bei Wartungsarbeiten schoss eine Stichflamme 30 Meter hoch, verletzte einige Menschen schwer und setzte den Wald in Brand.

Rechterhand passiere ich ein Gelände mit Mehrfachnutzung, die verschiedener nicht sein könnte: Music GmbH, Rechtsanwälte, Ingenieurbüros, Weindepot, Versicherungen, Yachthafen.

Im weiteren Verlauf der geschwungenen Straße folgen Gärten und Wohnhäuser, bis mich auch hier eine Sackgasse zur Umkehr zwingt, zum Glück kein Elch.

Da der offizielle Teil somit erledigt ist, erlaube ich mir nun für den Rückweg die Kür durch den Wald, wofür ich mir kurz darauf äußerst erfreut auf die Schulter klopfe. Durch Zufall habe ich den Einstieg in das Naturschutzgebiet Tiefwerder Wiesen gefunden, von dem ich bis eben noch nie gehört hatte. Ein paar Schritte über einen Steg (Ich liebe Holzstege!) reichen aus, mich im Spreewald zu wähnen.

Obwohl die Heerstraße nicht weit ist, hört man nichts außer dem Säuseln des Windes, dem Hämmern eines Häuslebauers und Vogelzwitschern. Was für eine Idylle! Hier wird der Spruch „Mir geht das Herz auf!“ zur spürbaren Erfahrung und ich kann mich nicht sattsehen an dem Schauspiel, das die Natur hier bietet.

Die Tiefwerder Wiesen sind einer der letzten Reste der alten Auenlandschaft der Havel. Die Feuchtwiesen werden von Altarmen der Havel durchzogen und stehen seit 1960 unter Landschaftsschutz, weil sie ein natürliches Überschwemmungsgebiet und das letzte Berliner Hechtlaichgebiet sind. Ökologisch gehören die Tiefwerder Wiesen zu den artenreichsten Feuchtgebieten Berlins. Auch Biber haben sich inzwischen dauerhaft angesiedelt. Um die Wiesen offen zu halten, werden seit einigen Jahren Wasserbüffel, Schafe und Ziegen eingesetzt. Ein Bohlensteg und mehrere Holzbrücken ermöglichen den Zugang zu den Nasswiesen und verbinden das Gebiet mit der Ortslage Tiefwerder, der Heerstraße und den umliegenden Grünzügen bis in den Grunewald. Tiefwerder wird wegen der vielen Wassergräben auch „Klein-Venedig von Spandau“ genannt. Der Weg über die Seufzerbrücke führt direkt dorthin, aber das spare ich mir für eine andere Tour auf. Bestimmt muss man dort vor lauter Glückseligkeit seufzen über die Schönheit dieser Landschaft, die sich tief in mir verankert hat.

Ich nehme Abschied und folge dem Weg zur Freybrücke, um dann auf der Heerstraße in den Bus zu steigen. Dass mein Hochgefühl vorher noch ein Sahnehäubchen aufgesetzt bekommt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Noch mehr Wohlbehagen? Es ereilt mich in Form eines Fischbrötchens, eine meiner Lieblingsspeisen, die an einem Kiosk unter der Brücke angeboten werden. Es ist 16:55 Uhr, der Kiosk schließt um 17:00 Uhr. Neben mir hält ein Auto, aus dem eine dreiköpfige Familie steigt, die ebenfalls in letzter Minute noch eine Köstlichkeit erwerben wollen. „Ich habe aber nur noch vier Brötchen“, wehrt der Verkäufer stärkere Nachfrage freundlich ab, doch die Rechnung geht genau auf. Jeder von uns möchte nur ein Brötchen und alle sind glücklich. Genüsslich mampfe ich auf einer Bank am Havelufer diese Delikatesse, beobachte zwei Angler, ein paar Möwen und Spatzen, die um meine Füße hoppeln und sich um die Krümel streiten.

Was für ein rundum schöner Tag! Und wenn sich nochmal jemand über Spandau lustig machen sollte, werde ich zu seiner glühendsten Verteidigerin!

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