9. Storytausch mit Thomas Brussig

Zur Abschlusslesung des Storytausch 2018 mit Dietmar Wischmeyer war Thomas Brussig anwesend und hat den Staffelstab für 2019 übernommen.

Nun ist der Storytausch 2019 mit Thomas Brussig fast abgeschlossen.

Phase 1 – Vertauscht!

Den Teilnehmern war ein Brief aus Kasachstan ins Haus geflattert, geschrieben von einer gewissen Grazyna Lubinski, die dort im Gefängnis sitzt. Ihr Anwalt Dshingis Kalakbajew hat ihn aus dem Knast geschmuggelt, vielfach kopiert und an unzählige Menschen in aller Welt verschickt. Was es damit auf sich hat, können Sie selbst hier nachlesen.

Brief von Grazyna Lubinski an ihre „Kinder“

Die 24 Empfänger hatten bis Ende Februar Zeit, darauf zu antworten. Die Reaktionen waren erwartungsgemäß sehr unterschiedlich und es wurden interessante Positionen bezogen. Das ging von völliger Ablehnung Grazynas über Gleichgültigkeit bis hin zu großer Dankbarkeit. Viele beschäftigte natürlich die Frage, was mit ihren „Gegenstücken“ passiert war, ob es ihnen gut oder schlecht geht bei den anderen Eltern. Manche wollten ihre richtige Familie kennenlernen und baten um Namen, andere wollten nichts davon wissen. Alle TN waren sehr gespannt, was Thomas Brussig dazu sagen würde und wie es weitergehen könnte!

Antworten auf den Brief von Grazyna Lubinski

Phase 2 – Vor Gericht

Thomas Brussig hatte den Brief für die zweite Phase Storytausch geschickt.
Und der war eine Herausforderung! Die Teilnehmer*innen konnten nun zeigen, was in ihnen steckt.
Die meisten dachten, dass nun wieder ein Brief von Grazyna Lubinski kommt. Aber Grazyna würde niemals ein zweites Mal so viele Briefe aus dem Gefängnis schmuggeln können. Außerdem hätte sie jedem vertauschten Kind einzeln schreiben müssen, da ja jedes anders reagiert hat auf ihre Offenbarung. Und was sollte sie auch noch sagen? Die Geschichte wäre irgendwie auf der Stelle getreten. Wie sich nun übrigens herausgestellt hat, war Grazyna gar nicht Krankenschwester auf den Entbindungsstationen, sondern Putzfrau.
Deshalb gings nun ganz anders weiter. Die Teilnehmer*innen waren jetzt nicht mehr in der Rolle der Kinder, sondern Reporter (Journalisten). Sie waren bei dem Gerichtsprozess gegen Grazyna Lubinski in Kasachstan anwesend und haben damals darüber eine Reportage geschrieben. Jedenfalls hatte nun die Redakteurin eines Gesellschaftsmagazins gebeten, diese Reportage dem Magazin für die Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen, da die Datei dort aus im Brief genannten Gründen vom Server verschwunden war.

Brief der „Epoche“-Redakteurin Vera Meume

Was war nun zu beachten?
Die TN waren aufgefordert, sich vorzustellen, am Prozess als Beobachter teilgenommen zu haben. Ihre Beobachtungen des Prozesses, der anwesenden Personen, deren Aussagen, die verurteilten Taten und das Urteil sollten ganz sachlich, aber für den Leser unterhaltsam aufgeschrieben werden. Eigene Meinungen, Sympathien, Unverständnis, Gefühle und Wertungen gegenüber der Angeklagten, Zeugen und Richter durften dabei nicht in den Text einfließen. Eine Reportage ist möglichst objektiv. Das Sprichwort: “Verstehen heißt nicht verzeihen.” konnte dabei Leitmotiv sein.
Die TN sollten zunächst nachlesen, was eine Reportage auszeichnet, echte Gerichtsreportagen lesen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man diese schreibt, welcher Tonfall dabei verwendet wird. Der Besuch einer öffentlichen Gerichtsverhandlung am 31.05.2019 diente ebenfalls der Vorbereitung. Dieses Mal spielten individuelle Schreibstile keine Rolle. Thomas Brussig zitierte in dem Zusammenhang einen Satz seines Lektors: “Poesie entsteht durch den Tonfall”.

Abgabetermin war der 30.06.2019. Und hier sind sie, die

Reportagen der Gerichtsverhandlung gegen Grazyna Lubinski

Während nun Thomas Brussig wieder am Zug war und sich eine Aufgabe für die dritte und letzte Phase überlegte, arbeitete die Schreibwerkstatt-Teilnehmerin Isabel Dangus schon auf Hochtouren an den Illustrationen für das Buch. Hier ein paar Kostproben:

 

Phase 3 – Kennenlernen

Die nächste (und letzte) Aufgabe war die schwierigste, wie Thomas Brussig meinte. Sie kam von der “Ziehmutter” per SMS oder WhatsApp zu dem vertauschten, mittlerweile erwachsenen Kind:

“Heute, 12:47
Ich bin total aufgeregt und aufgewühlt, weil ich noch nichts gehört oder gelesen habe. Du warst doch gestern verabredet mit dem Menschen, der an Deiner Stelle gelebt hat (und umgekehrt) und wolltest vielleicht sogar die Frau treffen, die Dich auf die Welt gebracht hat. Kams denn zu dem Treffen, oder vielleicht sogar zu beiden? Wie wars? Gehts Dir jetzt besser? Falls es zu schwer ist, darüber zu sprechen, kannst Du mir auch schreiben. Aber auf jeden Fall will ich von Dir wissen, wie es gestern war, unbedingt!
Alles, alles Liebe von Deiner Mutter”

Thomas Brussig schrieb dazu:

“So, nun können sich unsere Kursteilnehmer überlegen, wie sie diese Verwandtschaftsverhältnisse zu gestalten gedenken. Falls sie keine Lust haben oder nicht in der Lage sind, sich ein solches Treffen vorzustellen, können sie ja auch beschreiben, warum sie das Treffen abgesagt haben bzw. sie beschreiben, wie es ihnen geht, nachdem der/die andere abgesagt hat oder einfach nicht gekommen ist. Offen bin ich auch für anarchisches Wegwuppen der Aufgabenstellung: ‘Mama, ich merk schon, dass Du total aufgeregt bist, aber das Treffen war für nächste Woche verabredet’, oder so.”

Natürlich war das die perfekte Schlussrunde! Damit bestand die Möglichkeit, alle drei Teile logisch miteinander zu verknüpfen und zu EINER Geschichte abzurunden. Die Teilnehmer*innen hatten dafür bis 31.08.2019 Zeit.

Nun wird der Text lektoriert und erhält von der Künstlerin Antje Püpke ein ansprechendes Layout, bevor er gedruckt wird.  Das Lesezeichen ist schon fertig:

Die Abschlusspräsentation findet am Samstag, den 23.11.2019 um 17.00 Uhr statt in der Bezirkszentralbibliothek „Mark Twain“, Marzahner Promenade 55, 12679 Berlin.

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