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11. Juni 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lichterfelde-Ost) | Otto Lilienthal, Manfred von Ardenne, ein verschwundenes Sanatorium, ein Hafen, ein Kraftwerk, inspirierende Begegnungen und die „Staatsreparatur“

„Das Fußgehn ist gewiss die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen…“ (Adolph Knigge) – Kalenderspruch des Tages

Nach langen drei Wochen Pause setze ich meine Stadtwanderungen heute in Lichterfelde-Ost fort und bin sehr gespannt darauf. Dieser Gegend gehört nicht gerade zu den touristischen Hotspots Berlins und führt gegenüber ihrer berühmten Schwester Lichterfelde-West ein Schattendasein. Ob berechtigterweise oder nicht, werde ich am Ende des Tages hoffentlich beurteilen können.

Schon am gleichnamigen Bahnhof habe ich die erste freundliche Begegnung mit einer älteren Dame, die kopfschüttelnd eine Gruppe Menschen beobachtet und mich verschwörerisch anlächelnd in ihr Meinungsboot holen will. „Was ist los?“, frage ich sie. „Ich verstehe die Leute nicht. Haben die das so nötig? Das sind doch nicht alles Obdachlose! Oder ist das ein neues Hobby?“ Dabei blickt sie weiterhin missbilligend, aber auch schelmisch grinsend auf die Leute hinter mir. Ich drehe mich um und versuche zu erkennen, was sie eigentlich meint. Aber ich sehe nur ein paar Läden und die sehr belebte Bahnhofswirtschaft mit großem Außenbereich. Egal – wir lachen uns beide an, ich täusche Verständnis vor und wir gehen beide unserer Wege. Meiner führt mich zum Jungfernstieg, wo ich bewundernd vor dem Ärztehaus stehenbleibe. Es ist inklusive der Pflasterung davor ein stilvolles Gesamtkunstwerk, das unter Denkmalschutz steht. Es entstand 1921 nach Plänen von Carl Zaar und Rudolf Vahl.

Weiter gehts zur Morgensternstraße. Ich bin noch keine 50 Meter gelaufen, als mich meine Füße wie auf Autopilot in die Buchhandlung Wollschläger tragen. Vor dem Geschäft gibt es schon eine Menge zu entdecken, was neugierig macht auf das Innere. Dort hinein führen zwei Ladentüren, man kann es sich aussuchen, welche man benutzt. Kaum drin, bin ich gefangen in einem unglaublich sorgfältig und mit Sachverstand ausgewählten Sortiment. Man findet natürlich die üblichen Bestseller und trendigen Bücher, aber auch Perlen der Literatur, die der Buchhandlung eine sehr individuelle Note verleihen. Gar nicht gut für mich! Ich muss mich förmlich zwingen, endlich zur Kasse zu gehen, denn weit bin ich ja noch nicht gekommen auf meiner Tagestour! Natürlich stelle ich mich vor und schnell entspinnt sich ein anregendes Gespräch über den Buchmarkt, die Bibliotheken und deren Einkaufsverhalten. Dabei erfahre ich, dass die Buchhandlung die Steglitz-Zehlendorfer Bibliotheken mit Kinderbüchern beliefert. Das ist eine große Leistung, denn da hängt eine Menge dran bis hin zur ausleihfertigen Bearbeitung der Bücher. Unbedingt erwähnen möchte ich noch, dass die Buchhandlung am 11. Juli von 10-15 Uhr ihr 70-jähriges Bestehen feiert. Alle sind herzlich eingeladen!

Drei Bücher schwerer wandere ich weiter entlang der Morgensternstraße, die zunächst durch ältere Bebauung besticht, die aber zunehmend Wohnblöcken neueren Datums weicht. Dabei schwenke ich auch nach rechts ab in die Nebenstraßen südlich der Königsberger Straße, wie z.B. die relativ lange Schillerstraße. Es herrscht Sonntagsruhe und die paar Menschen, die ich treffe, machen einen sehr entspannten Eindruck. Auch ich verfalle in Schlenderschritt und erfreue mich an dem, was ich entdecke. So z.B. ein wunderschönes Jugendstil-Haus in der Morgensternstraße 7 / Schillerstraße 17. Alle Elemente sind darauf ausgerichtet, sogar die Treppenhausfenster und die Zaunpfosten.

Bauherr war Julius Assmann, Architekt Fritz Gottlob. Es entstand 1908 und wurde 2x umgebaut. kurze Zeit später stehe ich vor einer kleinen Kirche der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Bethel in der Schillerstraße.

Deren Geschichte ist eng mit dem Diakonissenhaus Bethel verbunden, das 1887 zur Linderung sozialer Not gegründet wurde. Aus dieser diakonischen Arbeit entstanden zahlreiche Einrichtungen und Projekte, bevor 1959 das Krankenhaus Bethel am Marienplatz eröffnet wurde. 1964 folgte dort die Gründung der Gemeinde, die vor allem durch die Bethel‑Diakonissen wuchs und sich in den folgenden Jahrzehnten weiter ausdifferenzierte – etwa durch den Kindergarten, die Arbeit mit Aussiedlern oder die Gründung neuer Gemeinden. 2008 zog die Gemeinde in ihr eigenes Gebäude in der Schillerstraße, das 2011/12 erweitert wurde. Heute pflegt sie internationale Partnerschaften, verfügt als einzige Baptistengemeinde Deutschlands über ein Außentaufbecken.

Nicht zu übersehen ist die Villa Below, allein schon durch ihren markanten Turm:

Historisches Gebäude mit spitzem Dach, umgeben von Bäumen und einem Zaun, bei blauem Himmel.

Sie wurde 1893 für den Eisenbahnbauunternehmer A. Below errichtet und gilt als typisches Beispiel der repräsentativen Lichterfelder Villenarchitektur der Jahrhundertwende, mit Backsteinfassade, Schieferdach, Turm und reichem Dekor. Das Haus überstand sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch die Abrisswelle der 1960er/70er Jahre weitgehend unbeschadet. Erst ein neuer Eigentümer ließ die Villa umfassend restaurieren: Dach, Klinker, Stuck, Farbfassungen, Balkonzone und Wandmalereien wurden sorgfältig in den ursprünglichen Zustand zurückgeführt, teils rekonstruiert, teils im Original belassen. Heute präsentiert sich das Gebäude wieder in seinem historischen Erscheinungsbild, inklusive Garten und Pavillon.

So stolpere ich quasi von einer architektonischen Perle zur nächsten, die ich dort entdecke, wo die Schillerstraße in den Ostpreußendamm mündet:

Dieses Mal stehe ich einem Mietshaus gegenüber, das als Paradebeispiel für den Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre gilt. Erbaut wurde es im Jahr 1926 von den Architekten Bruno Möhring und Hans Spitzner. Die Loggien springen dreieckig hervor und werden durch kunstvoll gemauerte Zickzack-Muster an den Brüstungen verziert. Auch die Haustüren sind wunderschön mit ihren geschwungenen Holz- und Glaselementen, die wiederum an Jugendstil erinnern. Übrigens – der Ostpreußendamm trägt erst seit 1961 seinen Namen. Der Stadtbezirk pflegte eine Patenschaft mit der Landsmannschaft der Ostpreußen und der Name sollte an die verlorene Provinz erinnern. Das hat für mich als Ostdeutsche einen sehr merkwürdigen, revanchistischen Beigeschmack.

Nicht weit davon entfernt passiere ich an der Ecke Königsberger Straße ein langgestrecktes Backsteingebäude, in dem verschiedene Bildungseinrichtungen untergebracht sind – die Volkshochschule und das Oberstufenzentrum Bürowirtschaft. Es ist so groß, dass ich es beim besten Willen nicht komplett aufs Bild bekomme. Im Carré schließen sich noch ein Sportplatz und die Feuerwache an.

Der Verkehr auf der Königsberger Straße erinnert mich daran, dass ich mich in Berlin befinde. Ich benutze sie zur Teilung der Tour in zwei Abschnitte und bewege mich vorerst im südlichen Teil, bemüht, alle Straßen zu erwischen, meine Handykamera immer im Anschlag. Dabei fallen mir immer wieder Häuser auf, die sich später bei der Recherche als unter Denkmalschutz stehende Kleinode der Architektur entpuppen. Mein Halbwissen reicht keinesfalls aus, diese schon vor Ort zu identifizieren, aber ich wundere und freue mich natürlich auch, dass mein Laienblick mittlerweile doch schon soweit geschult ist, sie als etwas Besonderes zu erkennen. Der Hochbergplatz klingt vielversprechender, als er ist, aber die Straßen drumherum haben einiges zu bieten.

Immer wieder lande ich auf dem Ostpreußendamm und werde durch lebhafte, fröhliche Gespräche auf eine Villa aufmerksam, die den sperrigen Namen „Kommunikationszentrum am Ostpreußendamm“ trägt. Das ist eine der insgesamt sieben kommunalen Freizeitstätten im Bezirk. Einige habe ich schon kennengelernt und bin neugierig, was hier vor allem für Senioren geboten wird. Also mische ich mich unter die Frauen, die mit und ohne Rollator erwartungsvoll dem Eingang zustreben und mit burschikosem Humor von einer Mitarbeiterin mit Kaffee und Kuchen versorgt werden. Ich stelle mich vor, frage, ob ich mich mal umschauen darf und werde sogar aufs obere Stockwerk hingewiesen. Noch könne ich überall rein, die Kurse hätten noch nicht begonnen. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und gehe auf Erkundungstour. Im Terrassenzimmer wird gerade alles vorbereitet für die Stuhlgymnastik und ich plausche ein bisschen mit den Frauen. Aber auch oben sehen alle Räume sehr einladend aus. Es gibt sogar eine Art Bibliothek, Kunstausstellungen und eine Loggia, die zum Verweilen einlädt.

Das Gebäude hat eine interessante Geschichte. Als Teilobjekt der Gasanstalt zwischen 1883 und 1884 erbaut, erlebte das Gebäude in den Jahren 1921 und 1975 zwei Umbauten. Seit 1975 beherbergte die Liegenschaft ein Seniorenclubhaus, damals noch für den Altbezirk Steglitz. Nach einer erneuten Wiedereröffnung im vereinten Berlin zu Beginn der 1990er Jahre wurden die Räumlichkeiten behindertengerecht ertüchtigt. Schon damals galt die Freizeitstätte als „Ort der Begegnung“, der sie auch heute noch ist.

Nun folgen Häuser der Wohnungsgenossenschaft EVM, die inklusive Außenanlagen einen sehr gepflegten Eindruck machen, wie meistens bei Genossenschaften. Die EVM Berlin eG wurde 1904 in einer Phase großer Wohnungsnot gegründet. Initiiert vom „Bund Deutscher Bodenreformer“ und getragen vom Oberpostschaffner Carl Laux, entstand der Erbbauverein Moabit mit dem Ziel, bezahlbare Wohnungen „in Licht, Luft und Sonne“ zu schaffen. Früh entstanden erste Wohnanlagen im Wedding und in Moabit, später folgten größere Siedlungen im Stil des Neuen Bauens der 1920er Jahre. Bis zum Zweiten Weltkrieg wuchs der Bestand auf fast 2.000 Wohnungen und auch nach 1953 prägten Wiederaufbau und sozialer Wohnungsbau die Entwicklung.

Nun nähere ich mich auf der Giesensdorfer Straße dem Heizkraftwerk Lichterfelde, das sich durch seinen hohen Schornstein gerne in Erinnerung bringt. Zu recht, denn warm wollen wir es schließlich alle haben.

Blick auf ein Wohngebäude mit einer Hochleistungsschornstein im Hintergrund, umgeben von Bäumen und einem blauen Himmel.

Kaum habe ich dieses Foto geschossen, kommt mir ein Handwerker entgegen und ruft mir besorgt zu: „Stehe ich im Halteverbot?“ Es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife – er dachte, ich hätte seinen Transporter fotografiert! Meine sichtliche Irritation ist ihm offenbar Antwort genug, denn wir brechen beide erleichtert in Gelächter aus, während wir aneinander vorbeigehen.

Und schon wartet der nächste Anlass zur Verwunderung auf mich: ein Haus, das den Namen „Unverdorben“ trägt. Doch die Erklärung wird in einem Schaukasten gleich mitgeliefert:

Wieder an der Königsberger Straße angekommen, stehe ich seit langen mal wieder vor dem Domizil einer katholischen Studentenverbindung – dem Berliner Bavarenhaus EV. und später der Turnerschaft Alemanno-Borussia im MK. Mich beschleicht immer so eine Art Abwehrhaltung, wenn es um solche Vereine geht, aber das liegt auch daran, dass sich um diese schlagenden Verbindungen immer so ein Mysterium rankt.

Nun nähere ich mich dem südlichen Ende der heutigen Strecke, lasse die Giesensdorfer Grundschule am Ostpreußendamm links liegen und stehe wenig später vor der Zufahrt zum Heizkraftwerk.

Rechts davon winkt ein Fußweg, auf der Karte als Schwatlowgraben bezeichnet wird. Das ist ein natürlicher Entwässerungsgraben, der ursprünglich die feuchten Wiesen und sumpfigen Bereiche zwischen Lichterfelde, Lankwitz und Marienfelde entwässerte. Er gehört zum alten Netz kleiner Bäche und Gräben, die das Teltowplateau durchzogen. Davon ist nichts mehr zu erkennen, denn er ist weitgehend verrohrt, aber trotzdem ist es für Füße und Augen eine Wohltat, in den grünen Dschungel einzutauchen.

Immer wieder öffnet er sich und gibt den Blick auf das Kraftwerk frei. So gelange ich zum Barnackufer, hinter dessen Industriegelände sich der Hafen Lichterfelde befindet. Das Wort „Hafen“ verbindet man ja immer mit romantischem Urlaubsfeeling, Yachten, die leicht im Wind schaukeln, Strandbars und entspannten Menschen, die Schönheit und Reichtum zur Schau tragen, doch davon ist hier nichts zu spüren, geschweige denn zu sehen. Stattdessen Brandschäden, Schrottautos, Baufirmen und über allem eine Staubglocke.

Aufatmend biege ich an einem Hundeauslaufgebiet in die Eduard-Spranger-Promenade ein, die sich etwas erhöht am Verlauf des Teltowkanals orientiert und ab und zu über Treppen den direkten Zugang ermöglicht. Sogar Angler gibt es hier.

Unter der Emil-Schulz-Brücke erwarten mich unzählige Tauben, aufgeregt gurrend und offenbar mit Leckerlis rechnend. Ich mache ihnen deutlich, dass diesbezüglich von mir nichts zu erwarten ist und steige wieder nach oben auf die Promenade. Überrascht stehe ich einer kleinen Industrieinstallation gegenüber, entworfen von Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler. In einem Glashaus sind Gleisstücke, eine Lokomotive mit Drehgestell und Treidelmast zu sehen, die 1906 von der Firma Siemens-Schuckert produziert wurden. Davor kann man den Bug des Frachtkahns „Sans Souci“ betrachten. Er wurde 1932 in Holland gebaut und hat bis 1977 Kohle aus dem Ruhrgebiet nach Berlin gebracht. Bis 1945 gab es auf dem Teltowkanal einen Treidelbetrieb mit motorlosen Lastkähnen, woran hier erinnert wird. Treideln bezeichnet das Bewegen von Schiffen auf Flüssen und Kanälen durch eine Zugkraft vom Ufer aus, entweder durch Menschen, Tiere oder später durch Maschinen. An beiden Ufern wurden Leinpfade angelegt. Von dort aus konnte man die Kähne mittels Treidelleine ziehen.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Eduard-Spranger-Promenade früher den Treidelloks diente. Jetzt flaniere ich hier entlang des Kanals und erreiche wenig später den Bäkepark. Vom dortigen Pavillon aus sieht man schon das Lilienthal-Denkmal. Es wurde 1914 vom Bildhauer Peter Breuer geschaffen zur Erinnerung an den Flugpionier Otto Lilienthal. „Zu Ehren des ersten Fliegers Otto Lilienthal gestaltete Peter Breuer im Auftrag Lichterfelder Bürger dieses am 17. 6. 1914 eingeweihte Denkmal“ kann man auf einer Tafel lesen.

Am Krahmersteg endet der schöne Weg. Hier befinde ich mich in unmittelbarer Nähe zum Mäusebunker und Schlosspark Lichterfelde auf der anderen Uferseite. Es mag etwas überspannt klingen, aber es ist tatsächlich so, dass sich die Gewissheit, nur durch den Kanal vom grauen Mäusebunker-Ungeheuer getrennt zu sein, schwer auf mein Gemüt legt und ich froh bin, die andere Richtung einschlagen zu müssen. Über den Ostpreußendamm erreiche ich die Boothstraße, die mich mit vielen schönen Anblicken und Besonderheiten versöhnt.

Nun wird es Zeit für einen Besuch bei Eva Gardyan, die mich auf einen Kaffee zu sich nach Hause eingeladen hat. Sie ist beruflich viel unterwegs, arbeitet aber auch im Homeoffice und kann sich deshalb heute ein bisschen Zeit für mich nehmen. Wir kennen uns noch nicht, aber mein Laufprojekt hat sie neugierig gemacht. Ich freue mich immer sehr über solche kleinen Auszeiten, geben sie mir doch erstens ganz profan die Möglichkeit, die Toilette nutzen und Hände waschen zu können, aber vor allem sind es die bereichernden Begegnungen mit interessanten Menschen. Bei einer Tasse Kaffee und grandiosem Ausblick vom gemütlichen Sofa auf den in unterschiedlichsten Grüntönen leuchtenden Garten tauschen wir uns aus über unsere Strategien, die Umwelt kennenzulernen. Frau Gardyan setzt sich dafür auch in fremden Städten gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln weit entfernt von ihrem Hotel selbst aus und läuft zurück, eine Methode, die ich sehr spannend finde. Sie kennt auch viele Details in ihrem Stadtteil, deren Kenntnis mir auf meiner heutigen Strecke noch sehr nützlich sein werden. Vermutlich könnten wir auch einen ganzen Nachmittag zusammensitzen, ohne uns zu langweilen, aber wir müssen wieder an die Arbeit!

Nach dieser in jeglicher Hinsicht erfrischenden Pause stehe ich vor dem Haus in der Franzstraße 3, in dem Rudolf Ramm lebte und das auch schon zu Lankwitz gehört. 1887 in Löttringhausen geboren, war Rudolf Ramm Arzt und überzeugter Nationalsozialist. Nach seinem Medizinstudium arbeitete er zunächst als praktischer Arzt und Reichsbahnarzt, bevor er sich in den 1920er Jahren politisch der NSDAP anschloss und in Pirmasens rasch zum lokalen Parteifunktionär aufstieg. 1932 zog er erstmals in den Reichstag ein und stimmte 1933 für das Ermächtigungsgesetz, das die Grundlage der NS‑Diktatur bildete . Nach der Machtübernahme wurde Ramm Oberbürgermeister von Pirmasens, jedoch 1937 wegen Misswirtschaft abgesetzt. Anschließend machte er Karriere im nationalsozialistischen Gesundheitswesen. Besonders prägend war sein Einsatz in Wien nach dem „Anschluss“, wo er die Vertreibung jüdischer Ärztinnen und Ärzte organisierte und an der Zerstörung psychoanalytischer Einrichtungen beteiligt war. Ab 1939 arbeitete er in Berlin im Umfeld des Reichsärzteführers Leonardo Conti und verbreitete aktiv die NS‑Medizinideologie. In seinen Schriften befürwortete er Zwangssterilisationen und rechtfertigte die sogenannte „Euthanasie“ als angebliche Entlastung der Volksgemeinschaft. 1941 forderte er zudem eine „radikale Entfernung der Juden“ aus Europa – Formulierungen, die der späteren „Endlösung“ sehr nahe kommen. Nach Kriegsende geriet Ramm in sowjetische Gefangenschaft, wurde von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und 1945 vor seinem Haus erschossen.

Einfamilienhaus mit gelber Fassade und großen Fenstern, umgeben von Bäumen und Rasenflächen.

Seine Tochter heiratete Klaus Finkelnburg (1935–2026) und wohnte mit ihm bis zu ihrem und seinem Tod in ihrem Elternhaus. Er war ein Berliner Jurist, CDU‑Politiker und eine prägende Figur des Berliner Verfassungsrechts. Er arbeitete zunächst als Rechtsanwalt und Notar und wurde 1972 Honorarprofessor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der FU Berlin. Politisch war Finkelnburg von 1985 bis 1992 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und spielte während der Wiedervereinigung eine wichtige Rolle bei der Ausarbeitung der neuen Berliner Landesverfassung von 1995, gemeinsam mit Renate Künast und Ehrhart Körting. Von 1992 bis 2000 war er der erste Präsident des Verfassungsgerichtshofes des Landes Berlin; bundesweit bekannt wurde das Gericht unter seiner Leitung durch die Aufhebung des Haftbefehls gegen Erich Honecker. Für seine Verdienste erhielt er das Große Verdienstkreuz (2000) und wurde 2008 zum Stadtältesten von Berlin ernannt. Professor Dr. Klaus Finkelnburg ist am vergangenen Samstag, dem 30. Mai 2026, nach langer, schwerer Krankheit verstorben, seine Frau ging ihm Ende 2025 voraus. Nun steht das Haus mit einer fast romantauglichen Geschichte erst einmal leer.

Informationsschild über das Sanatorium Lichterfelde mit historischen Hintergrundinformationen und Bildern zu seiner Nutzung von 1889 bis 1940.

Gleich um die Ecke im Jungfernstieg 14 stand bis 1962 ein großes Gesellschaftshaus, das 1870/71 nach Plänen des Architekten Johannes Otzen errichtet wurde. Ursprünglich diente es als Ausflugslokal mit Park, See und Übernachtungsmöglichkeiten für das wohlhabende Berliner Bürgertum. 1889 übernahmen der Arzt Max Goldstein und der Kaufmann Jacques Aron das Gebäude und bauten es zu einem Sanatorium für Nervenkranke und Erholungsbedürftige um, das schnell erweitert wurde. Das Sanatorium verfügte nun über insgesamt 38 Krankenzimmer; einige der Räume im neuen, zum Garten ausgerichteten Gebäudeteil erhielten sogar eigene Balkone. In den folgenden Jahren wurde das weitläufige Grundstück an der Grenze zu Lankwitz weiter ausgebaut: Es entstand ein Gartenpavillon, dazu eine hölzerne Sommerkegelbahn. Ein Pferdestall kam hinzu, der später als Garage und zeitweise auch als Leichenhalle diente. Ergänzt wurde die Anlage durch ein Gewächshaus und einen Nutzgarten. Ab Mai 1895 verband eine eingleisige Straßenbahnlinie den Bahnhof Lichterfelde mit dem Bahnhof Steglitz. Sie führte direkt durch den Jungfernstieg und die Boothstraße – eine Haltestelle lag unmittelbar vor dem Eingang des Sanatoriums. Nach Goldsteins Tod 1918 führte seine Familie das Haus weiter, später unter dem Namen „Sanatorium Lichterfelde“.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterte sich die Lage jüdischer Einrichtungen drastisch. 1939 wurde das Sanatorium von der Reichsvereinigung der Juden übernommen und in ein jüdisches Siechenheim umgewandelt, in dem bis 1941 über 80 ältere und pflegebedürftige Menschen lebten. Viele Bewohnerinnen und Bewohner wurden später deportiert; nur wenige überlebten den Holocaust. Ende 1941 beschlagnahmte die SS das Gelände und nutzte es als Kaserne. Bei den Bombenangriffen 1943 wurden große Teile der Gebäude zerstört. Nach dem Krieg dienten die verbliebenen Bauten noch kurzzeitig verschiedenen Nutzungen, bevor 1962 der vollständige Abriss erfolgte. Heute erinnern nur noch eine Gedenktafel, die Villa Aron im Jungfernstieg 12a und historische Dokumente an das einstige Sanatorium und Siechenheim.

Immer an der Ortsteilgrenze Lichterfeldes entlang hangelnd, stehe ich plötzlich vor der Lichterfelder Ratswaage, von der ich schon viel gelesen habe. Leider befindet sich die kleine Grünanlage in einem sehr ungepflegten Zustand. Einzig die Position des Gebäudes zwischen zwei Straßen weckt die Aufmerksamkeit, ansonsten verlockt nichts dazu, genauer hinzuschauen. In einem Schaukasten sind zwei eng bedruckte A4-Blätter mit Infos zur Geschichte der Ratswaage angepinnt.

Ein kleiner, weißer Pavillon mit dem Schriftzug 'Ratswaage' vor einer grünen Baumkulisse.

Das kleine Gebäude wurde 1917 als Gemeindewaage errichtet, um Bauern, Händlern und später auch der Polizei eine zuverlässige Möglichkeit zum Wiegen von Pferdewagen und Lastkraftwagen zu bieten. Die fünf Meter lange Brückenwaage mit Holzbohlen ist bis heute erhalten und gilt als technisches Denkmal. Der Bau entstand nach Plänen des Gemeindebaurats Fritz Freymüller und war ursprünglich mit einer Schieferkuppel gedeckt. Bei einem Bombenangriff 1943 wurde das Dach beschädigt und 1951 in veränderter Form wiederhergestellt. Die Ratswaage wurde überwiegend von Frauen betrieben, die sie zugleich bewohnten. Besonders bekannt wurde die vereidigte Wägnerin Frau Arndt, die das Amt ab 1927 führte und als „Wägnerin von Lankwitz“ in die Lokalgeschichte einging. 1968 wurde der Betrieb eingestellt, da die Wiegebrücke für moderne Fahrzeuge zu kurz geworden war und viele Firmen inzwischen eigene Waagen besaßen. Nach Jahren als Aufenthaltsraum einer Getränkehandlung wurde das Gebäude renoviert und 1993 als Frauentreffpunkt des Bezirksamts Steglitz‑Zehlendorf wiedereröffnet. Heute ist die Ratswaage mit nur 27 Quadratmetern die kleinste Liegenschaft Berlins und dient als Treffpunkt für Frauen, mit Workshops, Gruppenangeboten und Ausstellungen. Sie liegt direkt neben der Quelle der Lanke, die durch einen Findling markiert ist.

So nähere ich mich dem Bahnhof Lichterfelde Ost in der Lankwitzer Straße, muss aber vorher an einem ausufernden Gebäudekomplex vorbei, der vor Jahren für 800 Lehrlinge als Ausbildungszentrum der Telekom genutzt wurde und seit 2018 leer steht.

Blick auf ein grünes Feld mit Bäumen und einem roten Gebäude im Hintergrund.

Soweit ich die Ergebnisse im Internet überblicken kann, hat eine österreichische Immobilien-Aktiengesellschaft das 32000 m² große Areal gekauft, aber noch nicht mit der Sanierung wofür auch immer begonnen. Die Nutzungsvorschläge (Schule, Geflüchtetenunterkunft, Ausweichbüros für das Rathaus Zehlendorf) wurden alle als unrealisierbar verworfen. Aber vielleicht ist mittlerweile Bewegung in die Sache gekommen.

Der Bahnhof wurde 1868 als Haltepunkt „Lichterfelde“, finanziert vom Stadtplaner J. A. W. von Carstenn. Als 1868 der erste Zug hier hielt, wurden die Gäste zum vornehmen „Pavillon-Restaurant“ an der Dorfaue eingeladen. Von den tristen Ackerflächen entlang der Wegstrecke wurden deren Blicke mit Lorbeerbäumen in Kübeln abgelenkt. In den folgenden Jahrzehnten änderte sich der Name der Station mehrfach, parallel zur Entwicklung der umliegenden Gemeinden: 1884 „Groß‑Lichterfelde“, 1886 „Groß‑Lichterfelde B.H.“, ab 1899 „Groß‑Lichterfelde Ost“. Eine Besonderheit war der frühe elektrische Versuchsbetrieb: 1903 starteten hier elektrische Triebwagen, ein Vorläufer der späteren S‑Bahn. Zwischen 1913 und 1916 wurde der Bahnhof hochgelegt und zu einem großen Verkehrsknoten mit drei Bahnsteigen und mehreren Gütergleisen ausgebaut; das repräsentative Empfangsgebäude stammt aus dieser Zeit und steht heute unter Denkmalschutz.

Eingang zum Bahnhof Berlin-Lichterfelde mit Uhr und symbolischen Signalen für Radfahrer und Fußgänger.

Nach der Stilllegung des Anhalter Bahnhofs 1952 verlor Lichterfelde Ost seine Fernbahnsteige und wurde nur noch von der S‑Bahn bedient; der Betrieb wurde 1984 sogar vorübergehend eingestellt. Erst nach der Wiedervereinigung wurde die Strecke wieder aufgebaut und 1995 bis Lichterfelde Süd, später bis Teltow Stadt verlängert. 2006 erhielt der Bahnhof neue Seitenbahnsteige für den Regionalverkehr, da die alten Mittelbahnsteige nicht rekonstruiert wurden. Heute halten hier mehrere Regional‑Express‑Linien sowie die S‑Bahn‑Linien S25 und S26.

Hier bin ich heute morgen angekommen, reise jetzt aber noch nicht zurück, sondern durchquere das Gebäude und widme mich den noch ausstehenden Straßen mit dem Marienplatz als Zentrum.

Da wäre zunächst die Bahnhofstraße mit einer zum Naturdenkmal erklärten stattlichen Eiche und der Villa Toscana.

In der Marienstraße lenkt ein Buddy-Bär in den Farben der Deutschland-Flagge meine Aufmerksamkeit auf sich und das Haus, vor dem er steht. Wie sich herausstellt, handelt es sich hier um den Sitz des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, der die Interessen der Städte und Gemeinden auf Bundes- und Europaebene vertritt. Interessant, welche Organisationen es doch gibt, die wiederum eine Art Kontrollfunktion gegenüber der Regierung einnehmen. So fordert diese z.B. mehr Pragmatismus und lösungsorientiertes Handeln von der Bundesregierung und setzt sich u.a. für ein kommunales Vorkaufsrecht bei Zwangsversteigerungen ein.

Die Straße steuert direkt auf den Marienplatz zu, durchkreuzt ihn in Form eines gepflasterten Fußweges und setzt sich am anderen Ende fort. Man hat kurz die Illusion, durch einen Wald zu laufen.

Blick auf den Marienplatz in einem parkähnlichen Bereich mit vielen Bäumen und grüner Vegetation.

Die Querverbindung erfolgt durch die Promenadenstraße, an der direkt am Marienplatz das Krankenhaus Bethel zu finden ist – ein kleines, ruhiges Akutkrankenhaus mit christlicher Ausrichtung. Es verbindet laut eigener Webseite moderne Medizin mit persönlicher Zuwendung und legt großen Wert auf eine menschliche, zugewandte Betreuung der Patientinnen und Patienten, was man ja leider oft vermisst im heutigen Gesundheitswesen.

Etwas abseits schlägt die Herwarthstraße einen leichten Bogen in Richtung Teltowkanal. Auch das ungeübte Auge erkennt hier die Vielfalt von Architekturvariationen. 16 Grundstücke bilden ein zusammenhängendes Terrain mit neun denkmalgeschützten Bauten, die um 1910 errichtet wurden.

Ein Haus dieses Ensembles – die Villa Clara Cram – will ich etwas hervorheben, denn es befindet sich im Besitz der Walter de Gruyter GmbH, ein bekannter Verlag, der heute unter dem Namen De Gruyter Brill tätig ist. Der Wissenschaftsverlag mit Sitz in Berlin veröffentlicht jährlich über 1300 Bücher und rund 750 Fachzeitschriften. Er entstand 1919, als Walter de Gruyter fünf Verlage zu einem Universalverlag zusammenschloss. Er ist besonders für geisteswissenschaftliche Editionen wie Nietzsche, Kant und Schleiermacher bekannt sowie für Standardwerke wie den Pschyrembel und das Kluge‑Wörterbuch.

Eine elegante, gelbe Villa mit einem großen Eingangsbereich, umgeben von Bäumen und einem schmiedeeisernen Zaun unter blauem Himmel.

Die Villa wurde 1913 erbaut, Bauherrin war Emmy Schmehlik, der Architekt Adolph Born. 1931 wurde sie von Herbert und Clara Cram, geborene de Gruyter, erworben. Clara war die älteste Tochter des Verlegers Walter de Gruyter, dessen eigenes Haus direkt gegenüber lag. Nach dem frühen Tod ihres Vaters wurde Herbert Cram zum persönlich haftenden Gesellschafter des Verlags berufen – eine Rolle, die er bis zu seinem Tod 1967 innehatte. Die Familie zog mit ihren Kindern in die Villa, weil das elterliche Haus auf der anderen Straßenseite zu eng geworden war. Clara Cram prägte das Haus als Mittelpunkt des Familienlebens: Sie führte den Haushalt, organisierte Empfänge, Salons und Feste – auch für Autorinnen, Autoren und leitende Angestellte des Verlags.

Trotz des konservativen großbürgerlichen Umfelds vertrat sie moderne Ansichten und blieb bis zu ihrem Tod 1984 eine leidenschaftliche Leserin und Philosophin. Für ihre 21 Enkelkinder wurde die Villa zu einem vertrauten Zufluchtsort. Bis 2016 lebte Claras Tochter Margret Cram im Parterre der Villa. Heute wird die Villa für Seminare, Vorstandssitzungen, Meetings, Buchvorstellungen, Präsentationen und Team-Offsites genutzt. Die Räume der Bel‑Etage erinnern an die fünf Töchter der Familie, während Bibliothek und Arbeitsplätze im ersten Stock Herbert Cram und den Söhnen Kurt‑Georg und Walter gewidmet sind.

Nun wende ich mich dem noch nicht begangenen Stück des Ostpreußendamms zu. Dort entdecke ich vor dem Willi-Graf-Gymnasium einen Stein, dessen Aussage mir zunächst verborgen bleibt.

Auch der Name Willi Graf sagt mir zunächst nichts, wie ich gestehen muss. Also bemühe ich zuhause das Internet und erfahre überraschend spannende Fakten. Von 1933 bis 1990 hieß die Schule Tannenberg-Gymnasium als „eine Huldigung … für unseren Führer in Krieg und Frieden, den Reichspräsidenten Hindenburg, dessen Name so unlösbar mit dem Namen Tannenberg verbunden ist.“ (Auszug aus: |Das REALGYMNASIUM BERLIN LANKWITZ bittet den Bezirksschulausschuß, der Schule den Namen „Tannenberg“ zu verleihen| von 1933) In den 1980er Jahren erfolgte ein jahrelanger Kampf der Schule mit der Bezirkspolitik, den Namen ändern zu dürfen. Immer wieder wurde dieser abgelehnt, erst 1990 wurde dem Antrag stattgegeben und der Name Willi Graf gewählt. Dieser engagierte sich früh in katholischen Jugendgruppen, die nach 1933 verboten wurden. Sein Medizinstudium führte ihn nach Bonn und München, wo er 1942 Anschluss an die Widerstandsgruppe Weiße Rose fand. Graf beteiligte sich an der Herstellung und Verbreitung der Flugblätter, reiste durch mehrere Städte, um Mitstreiter zu gewinnen, und versuchte, Kontakte zu anderen Widerstandsnetzwerken herzustellen. Am 18. Februar 1943 wurde er zusammen mit seiner Schwester verhaftet. Nach schweren Verhören verurteilte ihn der Volksgerichtshof am 19. April 1943 zum Tode. Am 12. Oktober 1943 wurde er hingerichtet.

Der Gedenkstein direkt vor der Schule ist ein Relikt aus der Nachkriegszeit. 1961 hat ihn die Ostpreußische Landsmannschaft (natürlich am Ostpreußendamm) aufgestellt – als Erinnerung an das verlorene Heimatland, aus dem die deutsche Bevölkerung infolge des Zweiten Weltkriegs geflohen war oder vertrieben wurde. Die Landsmannschaft sprach von einem „Sonderopfer“ und betonte ihren Einsatz für Völkerverständigung „auf der Grundlage der historischen Wahrheit“. In ihren Vorstellungen soll Ostpreußen eines Tages wieder eine lebenswerte Region Europas sein – auch für Menschen deutscher Herkunft. Der politische Anspruch der Landsmannschaften, die ehemaligen Ostgebiete zu vertreten, hat jedoch im Laufe der Jahrzehnte zum Glück stark an Bedeutung verloren. Schwere Kost, wie ich finde!

Geht man ein paar Schritte weiter, gelangt man zum Stadion Lichterfelde, wo der Fußballverein FC Viktoria 1889 Berlin e.V. trainiert. Schon der Eingangsbereich ist sehr beeindruckend:

Außenansicht des Sport-Casinos mit Bäumen, Fahrrädern und einem blauen Himmel.

Auch hier verbirgt sich Zeitgeschichte der besonderen Art. Die Anlage entstand ab 1926 als kommunales Großprojekt der Stadt Steglitz und wurde nach mehreren Finanzierungsrunden 1929 feierlich eingeweiht. In der NS‑Zeit trug es den Namen „Adolf‑Hitler‑Stadion“ und wurde im Krieg schwer beschädigt; nach 1945 nutzten US‑Truppen Teile des Geländes, während andere Flächen der hungrigen Bevölkerung als Kartoffelacker dienten. Der Wiederaufbau begann 1949, unterstützt durch Spenden aus den USA, und 1951 wurde das Stadion erneut eröffnet. Seit den 1960er Jahren wurde die Anlage mehrfach modernisiert – von neuen Kunstrasenplätzen über Flutlicht bis zur blauen Laufbahn für die Leichtathletik‑WM 2009. Auch für die Fußball‑WM 2006 und die Frauen‑WM 2011 diente das Stadion als Trainingsort internationaler Teams. Heute bietet das Stadion rund 4300 Plätze und wird außer vom FC Viktoria 1889 Berlin auch von Hertha 03 Zehlendorf sowie lokalen Leichtathletikvereinen genutzt.

Nun nähere ich mich über die Gärtnerstraße, die Lichterfelde von Lankwitz trennt, langsam dem Ende der heutigen Tour und wieder dem S-Bhf. Lichterfelde-Ost. Im der Gärtnerstraße fallen mir mehrere Dinge auf. Erstens ist die Asphaltierung teilweise in einem Zustand wie früher in der DDR, zweitens gibt es einen breiten, begehbaren Mittelstreifen, drittens eine Art altertümliche Fahrbahnbegrenzung durch grob behauene Steine, von denen aber die meisten umgeworfen wurden.

Bevor ich in den Jungfernstieg abbiege, sehe ich an der Ecke zur Calandrellistraße, die schon zu Lankwitz gehört, eine Gruppe junger Menschen vor einem Gartentor stehen. Das macht mich neugierig, denn ich weiß aus dem Gespräch mit Eva Gardyan, dass sich hinter diesem Zaun das Herrenhaus Correns befinden muss, auch Siemensvilla genannt. Allerdings fehlt mir der Mut, an ihnen vorbeizumarschieren und das Grundstück zu betreten. Schon im September 2012 sind die BSP Business School Berlin Potsdam und die MSB Medical School Berlin als Mieter eingezogen und ich bin unschlüssig, ob der Zutritt erlaubt ist. Die Villa muss riesig sein, denn „sie verfügt über rund 80 Zimmer auf 3.700 m². Die Kellerräume umfassen eine Fläche von rund 1.000 m². Zum Anwesen gehören ein Konzertsaal mit 400 Plätzen, Nebengebäude wie das Pförtnerhaus und eine rund 27.000 m² große Parkanlage.“ (Quelle: Wikipedia) Da ich auf meiner Lankwitz-Tour mit Sicherheit hier noch einmal vorbeikomme, tröste ich mich mit der Vertagung des Besuches und werde mich dann auf jeden Fall hineinwagen!

Ebenfalls von Frau Gardyan empfohlen, schaue ich mir am Jungfernstieg 19 die Villa Folke Bernadotte an, 1885-1886 entworfen von Richard Reinhold Hintz. Bauherr war Emil Drenker, erster Bewohner der Apotheker und Rentier Emil Lüdecke.

Historisches Gebäude mit gelber Fassade, umgeben von Bäumen und Rasenfläche, im Vordergrund befindet sich ein Spielplatz.

1928 kaufte der junge Forscher Manfred von Ardenne das Haus und richtete dort sein privates Labor für Elektronenphysik ein, in dem er bis 1945 lebte und arbeitete. In Lichterfelde entwickelte er zentrale Grundlagen des frühen Fernsehens: die zeilenweise Bildabtastung und die Wiedergabe auf der Kathodenstrahlröhre. Auf der Berliner Funkausstellung präsentierte er 1931 die weltweit erste Fernsehübertragung mit dieser Technik. Insgesamt hinterließ er rund 600 Erfindungen und Patente – von Funk‑ und Fernsehtechnik über Elektronenmikroskopie bis hin zu Kern‑, Plasma‑ und Medizintechnik. In der Medizin ist vor allem seine Sauerstoff‑Mehrschritt‑Therapie bekannt. Nach Kriegsende wurde sein Institut von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert und nach Moskau verbracht; von Ardenne selbst wurde verpflichtet, in der UdSSR weiterzuforschen. Erst zehn Jahre später durfte er zurückkehren und setzte seine wissenschaftliche Arbeit in Dresden fort. Bemerkenswert ist, dass er in drei politischen Systemen – NS‑Zeit, Sowjetunion und DDR – weiterarbeiten konnte, weil er sich jeweils anpasste, ohne sich politisch zu exponieren.

Die Villa dient heute als Jugendfreizeiteinrichtung in Lichterfelde‑Ost und hat ein Schimmelproblem in der Kletterhalle, wie im Tagesspiegel vom 11.03.2026 zu lesen war. Es gibt ein Nachbarschaftscafé, regelmäßige Workshops, Tauschbörsen und offene Treffs. Kurz: Die Villa ist heute ein sozialer Mittelpunkt für Jung und Alt im Kiez. Sie trägt den Namen „Folke Bernadotte“, weil sie nach dem schwedischen Diplomaten Folke Bernadotte benannt wurde, der im Zweiten Weltkrieg Zehntausende KZ‑Häftlinge rettete und international als Symbol für Humanität und Friedensarbeit gilt.

Nun habe ich auf den zurückgelegten 22 Kilometern wieder so viel gesehen und gelernt, dass ich mich freue, als der Bahnhof in Sicht kommt. In Gedanken schon die ersten Sätze des Berichtes formulierend, sehe ich aus dem Augenwinkel über einem Lokal den Schriftzug „Staatsreparatur“ mit Deutschlandflaggen rechts und links.

Eingang zu einem Geschäft für Hausreparaturen mit einem weißen Schild und einer dekorativen Schriftart. Es gibt deutsche Flaggen an der Fassade und einen kleinen Tisch vor dem Eingang.

Intuitiv kommt mir das sehr suspekt vor und ich mache vorsichtshalber mal ein Foto. Noch in der S-Bahn schaue ich nach, was es damit auf sich hat und sehe mich in meiner Vorahnung bestätigt. Das Gebäude stammt aus den 1930er Jahren. Früher konnte man hier Schuhe reparieren lassen, dann nutzten zwei Berliner AfD‑Politiker das Geschäft als als Abgeordnetenbüro. Seit 2022 betreibt ein Verein das Lokal und organisiert dort mehrmals wöchentlich Veranstaltungen – von politischen Vorträgen bis zu Freizeitangeboten wie Spieleabenden oder Singekreisen zur Förderung deutschen Liedgutes. Wenn man sich das Programm genauer anschaut, weiß man Bescheid. Sogar innerhalb der AfD ist dieses Propagandazentrum umstritten.

Ganz aktuell hat der Tagesspiegel vom 09.06.2026 einen Artikel dazu veröffentlicht und spricht von einem Treffpunkt der Vordenker der „Neuen Rechten“, die an einem Deutschland von gestern für morgen feilen. Auch im aktuellen Verfassungsschutzbericht wird das Lokal erwähnt. Gruselig!

Trotzdem – alles in allem hat mich die heutige Tour wieder sehr bereichert. Lichterfelde-Ost muss sich nicht verstecken hinter der Diva Lichterfelde-West und ist es wert, unter die Füße genommen zu werden.

Am Dienstag knüpfe ich östlich an den heutigen Abschnitt an in Begleitung von Inés Beutel und Dirk Lausch, Pressesprecher der Wohnungsgenossenschaft Märkische Scholle.

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13. August 2026 | Spandau (Kladow) | Fähre und Bär kaputt, Mariä Himmelfahrt, Landhausgarten Dr. Max Fränkel, Kunst in Gärten und vornehme Imchenallee
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11. August 2026 | Spandau (Kladow) | Finnenhaussiedlung, Flug-, Golfplatz- und Kasernengrenzen, Gutspark Neukladow, viele neue Häuser
Der Zweite Tag in Kladow war sehr intensiv mit vielen Kilometern, unfreiwilligen Stopps an militärischen Grenzen, Straßen, die nicht begehbar waren, Anthroposophie, Gutshaus, Villen und neuen Eigenheimen sowie viel Acker, …
07. August 2026 | Spandau (Kladow) | Alt-Kladow, Kladower Forum, Nicolaische Buchhandlung, Bibliothek, viele lange Straßen, Wald und Felder
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