01. Oktober 2026 | Spandau (Staaken) | Hahneberg, Weinbergshöhe, Amalienhof

„Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher eilt schon die wache Quelle; die Buche neigt ihr schwankes Haupt und im Geblätter rauscht es und schimmert…“ (Friedrich Hölderlin) – Kalenderspruch des Tages

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Audio-Zusammenfassung des Beitrags mittels KI:

Eine Stadtkarte mit einem roten Umriss, der den Bereich um die Grünanlage Hahneberg zeigt.

Meine erste Tour durch Staaken lässt sich in die Kategorie der bleibenden Erinnerungen einordnen. Bestimmt liegt das an der Nähe zur Stadtgrenze, denn dort geht es natürlich immer ländlicher und idyllischer zu als inmitten belebter und dicht bebauter Straßen der Innenstadt. Doch nur selten hat man die Gelegenheit, einen Berg zu besteigen, der zudem seine Bezwinger mit einem perfekten Rundumblick belohnt. Als wäre das noch nicht genug, bescheint die Herbstsonne die Szenerie mit goldenem Licht und einer streichelzarten Brise und ich denke: Möge dieser Tag niemals enden!

Doch beginnen wir am Anfang. Ich starte an der Heerstraße und verlasse sie gleich wieder. Sie bildet meine heutige nördliche Grenze, auf der ich den Kreis am Ende wieder schließen will. Es ist immer wieder faszinierend, wie schnell deren laute Geräuschkulisse in Vergessenheit gerät, biegt man in die Seitenstraßen ab. Schon nach wenigen Metern herrscht geradezu sonntägliche Stille, untermalt von Glockengeläut und dem Zwitschern der Vögel. Zwischen Meydenbauerweg, Mareyzeile und Heerstraße finde ich quer zur Straße stehende Wohnblocks mit so geräumigen und parkähnlichen Grünflächen und Spielplätzen drumherum, dass man die eigentlich nicht zu übersehenden Hochhäuser gar nicht mehr wahrnimmt. Ich nehme mir die Zeit und schlendere interessiert durch die miteinander verbundenen Höfe, deren Bänke auf mich so einladend wirken, dass ich am liebsten schon wieder Pause machen würde.

Überwiegen hier die Wohnsiedlungen mit hoher Einwohnerdichte, sieht es auf der anderen Straßenseite ganz anders aus. Viele kleine Querstraßen, die alle auf „…zeile“ enden und an Pioniere der Optik, Fotografie und Filmtechnik erinnern, sind mit merkwürdigen Einfamilienhäusern bebaut, die an Garagen erinnern. Doch die Eintönigkeit des Baustils haben alle Gebäude gemeinsam, egal auf welcher Straßenseite sie stehen. Es sind fünf Stichstraßen, die einander gleichen wie ein Ei dem anderen, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich jedes Mal denken: Hier war ich doch gerade eben! Es gibt nur wenige Anhaltspunkte für meine neugierigen Blicke und auch Amüsantes, wenn eine Grundstücksbesitzerin z.B. per Aushang fragt, wie die zerquetschten Kastanien vor ihre Haustür geraten sind. Eine Antwort wird sie darauf wohl nicht bekommen!

Die anderen Straßen im Karree mit den unterschiedlichsten Einfamilienhäusern sind schnell abgelaufen, auch der Weinmeisterhornweg gehört wieder dazu, der sich über 2,5 km auf gerader Linie von der Scharfen Lanke bis zur Heerstraße zieht. Auf einer großen Fläche im Semmelländerweg entsteht eine moderne Kita für 75 Kinder und ein Spielplatz wartet auf kleine Nutzer. Spannend finde ich die immer wiederkehrenden Blickwinkel, in denen sich Hoch- zwischen kleine Häuser schmuggeln oder im Hintergrund der Hahneberg grüßt.

Die Weinbergshöhe bezeichnet zwei zum Teil unbefestigte Parallelstraßen, die spürbar aufwärts bis zum Stadtrand und somit Mauerweg führen. An vielen Zäunen fordern Protestplakate zum Widerstand gegen das B-Planverfahren 5-137 zur Bebauung der Weinbergshöhe auf.

Geplant war, unter Einbeziehung des Ponyhofs, an dem ich letztens auch schon vorbeigelaufen bin, 172 Wohnungen für ca. 400 Menschen zu errichten. Laut Tagesspiegel vom Juni 2026 hat der Bezirk das Vorhaben aber gestoppt, weil die notwendige soziale Infrastruktur – vor allem Schulplätze – nicht gesichert ist. Bis heute gibt es keine neuen Meldungen über eine Wiederaufnahme oder Genehmigung des Projekts. Zum Glück, würde ich sagen, aber offensichtlich ist die Angelegenheit nicht komplett vom Tisch, sonst wären die Plakate sicher entfernt worden.

Oben angekommen, öffnet sich nach der Überquerung des Mauerwegs die Landschaft und gibt den Blick auf die Mark Brandenburg frei, während Berlin hinter mir wie eine Illusion verblasst. Aber auch in umgekehrter Richtung scheint es plötzlich verschwunden zu sein.

Wie schön es doch hier ist! Die Versuchung, dem Waldweg zu folgen, ist groß, doch ich weiß, dass mir mit dem Hahneberg ein weiteres Stück Natur zum Durchatmen bevorsteht. Also steige ich den Parallelweg hinab zum Weinmeisterhornweg, der sich ab hier zu einer schmalen Straße mit Gärten links und dem Gelände der Swiss International School Berlin rechts verjüngt. Dass sich die Schule auf dem Gelände des historischen Amalienhofs befindet, wird mir erst bewusst, als ich direkt vor dem Zaun und der Infotafel stehe, die sehr detailliert aufschlüsselt, wie oft die Besitzer seit seinem Bestehen gewechselt haben.

Der Amalienhof gehört zu den bedeutenden ehemaligen Gutshöfen im Westen Berlins. Das über 40.000 Quadratmeter große Gutsgelände liegt zwischen Heerstraße, Reimerweg, Semmelländerweg und Weinmeisterhornweg am Fuß des Hahnebergs. Seine Geschichte reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Nachdem der Besitz 1823 an die Stadt Spandau gelangt war, wurde das Gelände zunächst in Erbpacht vergeben. Ab 1836 bewirtschaftete der Rittmeister Ludwig von Klitzing das Gut. 1855 wurde es mit dem benachbarten Seeburger Lehnschulzengut zusammengeführt.

Seinen heutigen Namen erhielt der Gutshof im Jahr 1860. Der damalige Besitzer Moritz Reimer benannte ihn nach seiner Ehefrau Amalie, wodurch die Bezeichnung „Amalienhof“ entstand. Wenige Jahre später ließ der Eigentümer Adolph Berendes das noch heute erhaltene Gutshaus errichten, eine spätklassizistische Villa, die von einem großzügigen Park mit Aussichtshügeln und Eiskeller umgeben war. Leider kann man sie vom Zaun aus nur erahnen. Der historische Gutspark entstand überwiegend zwischen 1865 und 1870. Ende des 19. Jahrhunderts ging das Anwesen in den Besitz des Rechtsanwalts Julius Lazarus über. Er bestimmte eine neue Nutzung des Hauses als Altenheim und übergab die Anlage der Kaiser-Friedrich-Stiftung. Diese betrieb die Einrichtung bis 1955. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Amalienhof Eigentum des Landes Berlin und diente anschließend als Landschulheim. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte führten Teilverkäufe, wechselnde Nutzungen und mangelnde Pflege zum Verlust wichtiger Teile der historischen Parkanlage.

Mit der Wiedervereinigung begann eine neue Phase der Nutzung. Zunächst wurde das Gelände von der British International School genutzt. 2007 übernahm die International School Villa Amalienhof das historische Ensemble, restaurierte das Gutshaus und begann mit der Wiederherstellung des Parks. Die historische Zufahrtsallee wurde rekonstruiert, Wege und Grünanlagen neu gestaltet und das Gelände an die Bedürfnisse eines modernen Schulcampus angepasst. Heute beherbergt der Amalienhof besagte Swiss International School Berlin.

Vom Reimerweg aus besteht die Möglichkeit, auf einer Fußgängerbrücke die Heerstraße zu überqueren und von oben den Verkehr zu beobachten.

Viele haben zu mir gesagt: „Oh je – wenn du erst einmal die Heerstraße entlanglaufen musst – das macht bestimmt keinen Spaß!“ Ehrlich gesagt, dachte ich das auch, muss jetzt aber sagen, dass diese Straße sehr viel Potential bietet für alle, die an der Geschichte Berlins interessiert sind. Langweilig ist sie auf jeden Fall nicht. Sie zählt zu den wichtigsten und geschichtsträchtigsten Verkehrsachsen Berlins, verbindet den Theodor-Heuss-Platz in Charlottenburg mit Staaken und der westlichen Stadtgrenze und ist mit über zehn Kilometern Länge eine der längsten Straßen der Hauptstadt. Historisch entstand sie aus militärischen Überlegungen. Bereits 1874 wurde die Strecke als Chaussee nach Pichelsberg angelegt. Zwischen 1903 und 1911 erfolgte ihr groß angelegter Ausbau zur sogenannten „Döberitzer Heerstraße“. Kaiser Wilhelm II. wollte eine direkte und repräsentative Verbindung vom Berliner Zentrum zum Truppenübungsplatz Döberitz schaffen, auf dem die Paraden der Garderegimenter stattfanden. 1911 wurde die Straße feierlich eröffnet, 1920 erhielt sie den heute gebräuchlichen Namen „Heerstraße“.

Für Spandau war die Heerstraße von großer Bedeutung, weil sie die bis dahin eher ländlich geprägten Gebiete Wilhelmstadt und Staaken besser an Berlin anband. Entlang der Straße entstanden Gutshöfe wie der Amalienhof, später Wohnsiedlungen, Schulen, Sportanlagen und Gewerbegebiete. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sie sich zu einer zentralen Ein- und Ausfallstraße des westlichen Berlins.

Aktuell gibt es erneut städtebauliche Planungen. Besonders im Bereich Heerstraße Nord wird seit Jahren über eine Verlängerung der U-Bahnlinie U7 vom Rathaus Spandau diskutiert. Ziel ist eine bessere Anbindung der großen Wohngebiete rund um die Obstallee- und Rudolf-Wissell-Siedlung, die bisher überwiegend durch Busse erschlossen werden. Geh- und Radwege wurden erneuert, Bushaltestellen barrierefrei ausgebaut und Querungshilfen für Fußgänger geschaffen. Außerdem gibt es immer wieder Untersuchungen und visionäre Vorschläge für eine bessere Aufenthaltsqualität, wofür man allerdings den Autoverkehr stark einschränken oder abtrennen müsste.

Mein Plan führt mich aber nun zum Highlight des Tages, der Grünanlage Hahneberg. Ein ausgeklügeltes Wegenetz leitet Erholungssuchende entweder im Kreis um den Berg herum oder zu ihm hinauf. Was für ein Genuss, sich lenken und verführen zu lassen, diesem oder vielleicht doch jenem Weg zu folgen, durch das Birkenwäldchen oder lieber auf dem asphaltierten Pfad bleibend? Solche Entscheidungen verlangen mir viel ab, denn ich möchte am liebsten alle Wege gehen. Ich könnte ja was verpassen! Zunächst umrunde ich den Park, zum Teil auf dem Mauerweg, denn er liegt direkt an der Stadtgrenze. Dann beginne ich mit dem „Aufstieg“, immerhin muss ich auf 87,5 Meter hinauf! Vielleicht sollte ich als Marzahn-Hellersdorferin an dieser Stelle aber erwähnen, dass der Große Ahrensfelder Berg am gegenüberliegenden Stadtrand 114,5 Meter hoch ist.

Der Berg entstand in den 1960er- und 1970er-Jahren aus einer ehemaligen Kiesgrube. Sein Ausbau steht in engem Zusammenhang mit dem Bau der Großsiedlungen entlang der Heerstraße. Ein Teil des aufgeschütteten Materials stammte aus den großen Wohnungsbauprojekten in Staaken. Man bezeichnet ihn auch als Neuen Hahneberg. Nach dem Ende der Deponienutzung wurde das Gelände ab 1977 zu einem Naherholungsgebiet umgestaltet. Der Alte Hahneberg ist eine natürliche Erhebung mit dem Fort, das ich auf der nächsten Tour erreichen werde.

Kurz vor dem Gipfel taucht die Bruno-H.-Bürgel-Sternwarte auf als eine niedliche, graffitibeschmierte Halbkugel, der man nicht ansieht, dass sie noch in Betrieb ist und schon gar nicht, dass sie mehr als einer Person in ihrem Inneren Platz bietet. Sie wird vom gemeinnützigen Verein Bruno-H.-Bürgel-Sternwarte e. V. betrieben. Benannt wurde sie nach dem Berliner Astronomen und Wissenschaftsschriftsteller Bruno H. Bürgel (1875–1948), der sich besonders für die verständliche Vermittlung astronomischen Wissens einsetzte. Nach mehreren Jahren der Planung konnte 1988 die Baugenehmigung für die Sternwarte auf dem Hahneberg erwirkt werden. Nach dem Fall der Mauer wurde zudem ein ehemaliges Gebäude des Bundesgrenzschutzes am Grenzübergang Staaken an der Heerstraße zum Vereinshaus umgebaut und 1992 eröffnet.

Regelmäßig finden öffentliche Himmelsbeobachtungen, Vorträge, Workshops und Exkursionen statt. Die Themen reichen von Astronomie und Astrophysik über Raumfahrt bis hin zur Erforschung von Planeten, Schwarzen Löchern, Kometen und Galaxien. Eine besondere Attraktion ist das 61-Zentimeter-Cassegrain-Teleskop, das von Vereinsmitgliedern selbst konstruiert und gebaut wurde. Es wurde 2005 eingeweiht und gilt als eines der leistungsfähigsten Spiegelteleskope Berlins. Bei klarem Himmel können Besucher damit den Mond, Planeten, Sternhaufen, Nebel und ferne Galaxien beobachten, was man wie gesagt nicht für möglich hält bei diesem Anblick:

Jetzt aber auf zu den letzten vier Höhenmetern, hoch zum Gipfelplateau, wo leider alle Bänke besetzt sind. Also genieße ich erst einmal die fantastische Rundumsicht, bis dann tatsächlich ein Pärchen eine Bank freigibt. Eine Weile gebe ich mich dem Gipfelfeeling hin, lasse meinen Blick in die Ferne schweifen in Richtung Potsdam und genieße die auf freiliegenden Bergen sehr seltene Wind- und sonstige Stille.

Schweren Herzens löse ich mich aus diesem Moment vollkommenen Glücks, steige hinab zur Heerstraße und entdecke sogar noch eine Schafherde.

Neben dem Sitz des Sternwarten-Vereins haben sich in dem ehemaligen Kontrollpunkt Maler, Bildhauer und Autoren als Arbeitskreis Spandauer Künstler niedergelassen. Neugierig spioniere ich im Hof ein bisschen umher:

Viele der Hochhäuser, die ich heute morgen von ihrer Hofseite erlebt habe, geleiten mich im weiteren Verlauf des Weges zum Beginn und gleichzeitig dem Ende der Tagestour an der Sandstraße.

Am Montag wird mich Vanessa begleiten. Wir werden der Heerstraße bis zur Stadtgrenze folgen und auf dieser den südwestlichsten Zipfel von Staaken ablaufen inklusive dem Fort Hahneberg, Neu-Jerusalem und dem Städtischen Friedhof.

Eine detaillierte Karte mit markierten Bereichen, die in verschiedenen Farben umrissen sind. Das Datum '05.10.' ist in roter Schrift vermerkt.

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