„Weitaus erste Bedingung des Glücks / ist das vernünftige Denken…“ (Sophokles) – Kalenderspruch des Tages
Der Abendschau-Beitrag über mein Projekt hat viele Menschen dazu veranlasst, mit mir Kontakt aufzunehmen, mir Tipps zu geben, mich zu beglückwünschen zu meiner Idee oder Durchhaltevermögen zu wünschen. Es gab aber auch Anfragen von Leuten, die gerne mal mitlaufen würden. Einer davon ist Anton, mit dem ich heute am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte verabredet bin. Wir wollen den nördlichen Teil der Waldsiedlung Zehlendorf erkunden, unsere Tour wird uns aber auch ein großes Stück durch den Wald führen. Erstaunlicherweise bin ich viel früher am Start und schaue mir – die Zeit nutzend – den legendären U-Bahnhof etwas genauer an. Das Besondere daran ist die Ladenstraße.

Als erstes fällt mir allerdings ein Grammatikfehler auf einer Werbetafel auf. Es müsste eigentlich heißen: „Maximiere dein Training.“

Vermutlich wird das niemanden großartig aufregen, ob da nun noch ein „e“ dranhängt oder nicht. Der Text ist der Umgangssprache angepasst. Aber mich stören diese leider so häufigen, wenn auch kleinen Nachlässigkeiten auf öffentlichen Aushängen und Druckerzeugnissen. Das könnte an meinem Alter liegen, doch ich finde es nicht gut, wenn so schludrig mit Wörtern umgegangen wird.
Rechts und links der Gleise befinden sich im Bahnhof keine Wände, sondern Gitter, die die Läden von den einfahrenden Zügen abgrenzen. Die Passagen haben zur Mitte hin ein deutliches Gefälle. Beim Bau der Siedlung wurde die Bahn gleich mitbedacht und den Bewohnern die Möglichkeit gegeben, nach der Arbeit noch im Bahnhof die täglichen Besorgungen erledigen zu können. Und so gibt es dort erstaunlicherweise immer noch einen florierenden Einzelhandel und zum Leidwesen meines Kontostandes auch eine Buchhandlung. Doch dazu später.
Zu meiner großen Freude entdecke ich vor dem Bahnhof eine der Berliner Toiletten, dieses Mal nicht kostenlos, aber das halte ich in Anbetracht von Sauberkeit sehr sinnvoll. Dafür bezahle ich gerne 50 Cent. Wieder werde ich mit sanfter Stimme begrüßt, mit Musik eingelullt und auch wieder freundlich verabschiedet. Inzwischen ist es 10 Uhr und Anton kommt frisch und fröhlich auf mich zu. Ich erkläre ihm kurz meinen Plan für heute und teile mein gestern noch fix angeeignetes Grundwissen über die Besonderheiten der Architektur mit ihm, die wir zu sehen bekommen werden. Übrigens sind einige der hier gezeigten Fotos von ihm. Die komplette Waldsiedlung Zehlendorf schaffen wir keinesfalls, deswegen habe ich den Gang durch die Bauabschnitte V, VI und VII nördlich der Argentinischen Allee ausgewählt, alle nach Plänen von Bruno Taut ausgeführt.
Die anderen Abschnitte liegen außer Bruno Tauts auch den Plänen von Otto Rudolf Salvisberg und Hugo Häring zugrunde und stehen zur nächsten Tour auf dem Programm.
Wir überqueren die Argentinische Allee und tauchen ein in die Blöcke am Eschershauser Weg, den ich neulich beim Besuch der SS-Siedlung schon tangiert hatte (im Bild unten links).

Schnell sind Anton und ich in einem interessanten Austausch versunken über die Möglichkeiten, junge Menschen auf Angebote aufmerksam zu machen, deren Zielgruppe sie sind. Anton engagiert sich bei den Jungen Linken und dort vor allem in solidarischen Projekten – von Nachhilfe über Beratung zum Bafög, Hilfe bei der Jobsuche oder Freizeitangeboten. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, Jugendlichen die Existenz solcher Hilfsangebote ins Bewusstsein zu rücken. Da ich mit meiner Schreibwerkstatt und durch die Bibliotheksarbeit Erfahrungen sammeln konnte, welche Wege erfolgreich sind (Mund zu Mund) und welche eher nicht (Flyer, Plakate), geht uns der Gesprächsstoff nicht aus und ich muss aufpassen, die Umgebung nicht aus den Augen zu verlieren. Unser Weg führt uns nun hinein in die Taut´sche Siedlung und uns fallen sofort zwei Dinge auf – die farbenfrohen Fassaden, Haustüren und Fenster und die relativ großzügigen und waldähnlichen Freiflächen dazwischen.
Die Waldsiedlung Zehlendorf entstand vor hundert Jahren zwischen 1926 und 1932 als eines der ambitioniertesten Berliner Wohnungsbauprojekte der Weimarer Republik. Sie war Teil eines stadtweiten Programms, das bezahlbaren, gesunden Wohnraum schaffen sollte – fern der engen Mietskasernen, eingebettet in Licht, Luft und Grün. In diesem Kontext entwickelte Bruno Taut gemeinsam mit Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg ein städtebauliches Ensemble, das moderne Architektur, soziale Reformideen und eine neue Ästhetik miteinander verband. Die Siedlung gruppiert sich um den heutigen U‑Bahnhof Onkel Toms Hütte und öffnet sich zum Fischtalpark – ein bewusst gewählter Übergang zwischen Stadt und Landschaft. Bruno Taut verfolgte dabei klare Ziele: Er wollte Architektur demokratisieren, Wohnraum humanisieren und Farbe als soziales Gestaltungsmittel etablieren. Die farbigen Fassaden – später als „Papageiensiedlung“ bezeichnet – waren kein dekorativer Zufall, sondern Ausdruck eines Programms. Farbe sollte Orientierung schaffen, Individualität ermöglichen und den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner aufhellen, was man als durchaus gelungen bezeichnen kann, wie Anton und ich in der Wirkung auf uns feststellen können. Gleichzeitig setzte Taut auf klare, funktionale Grundrisse, viel Tageslicht, gemeinschaftliche Grünflächen und eine städtebauliche Struktur, die Nähe und Nachbarschaft fördert. Die Siedlung war damit ein Gegenentwurf zur anonymen Großstadt und zugleich ein Manifest der Moderne: Architektur als Werkzeug gesellschaftlicher Erneuerung. Der Architekt war überzeugt, dass gutes Wohnen ein kulturelles Grundrecht ist – und dass Architektur nicht nur Häuser baut, sondern Lebenshaltungen. Die Mehrfamilienhäuser werden ab dem Hochsitzweg abgelöst durch Reihenhäuser in Straßen mit Namen aus der Jägersprache (Hochwildpfad, Treibjagdweg, Am Fuchspass, Am Wieselbau usw.). Die Häuser wirken bewusst zurückhaltend – die Architektur tritt zugunsten der Farbgestaltung und der städtebaulichen Gesamtidee in den Hintergrund. Trotzdem ist Individualität gegeben. Es ist ein Vergnügen fürs Auge, hier entlangzulaufen, zumal der Frühling seine Boten endlich in die Spur schickt:
Den Krieg überstand die Waldsiedlung Zehlendorf weitgehend unbeschadet, allerdings fanden in der Nachkriegszeit vor allem in Bezug auf die Farben Veränderungen statt. Doch mit der Instandsetzung in den 1980er-Jahren wurde die ursprüngliche Farbigkeit wieder hergestellt. Sie ist auch im öffentlichen Bewusstsein mittlerweile verankert. Im Jahr 1995 wurde die sogenannte „Papageiensiedlung“ unter Denkmalschutz gestellt und soll Teil der UNESCO-Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ werden. Sehr interessant finde ich auch die Vorgeschichte.
Die Waldsiedlung Zehlendorf stieß nämlich bei vielen alteingesessenen Zehlendorfern zunächst auf deutliche Ablehnung, weil sie das vertraute Bild des bürgerlichen Villenbezirks infrage stellte. Die farbigen Zeilenbauten und vor allem die geplanten Flachdächer galten als radikaler Bruch mit der traditionellen Bauweise, die man mit Spitzdächern, Holzläden und Heimatstil verband. Der sogenannte Zehlendorfer Dächerstreit machte diese Spannungen sichtbar. Konservative Lokalpolitiker und Anwohner sahen im Flachdach ein Symbol der avantgardistischen Moderne, die sie als undeutsch empfanden. Die Häuser würden aussehen wie orientalische Gefängnisse. Bruno Taut hingegen verteidigte das Flachdach als funktional, kostengünstig und Ausdruck einer neuen, demokratischen Architektur, die Licht, Luft und Sonne für alle ermöglichen sollte. Die Waldsiedlung wurde so zum Schauplatz eines größeren gesellschaftlichen Konflikts zwischen Tradition und Moderne, der weit über Zehlendorf hinausreichte. Aber nicht nur die Ästhetik wurde infrage gestellt, sondern auch eine soziale Sorge herrschte vor: Die Siedlung richtete sich an Arbeiter‑ und Angestelltenfamilien und wurde als „fremd“ im wohlhabenden Zehlendorf empfunden, denn es zog eine sozial gemischte, aber überwiegend einkommensschwächere Bewohnerschaft ein – Angestellte, kleine Beamte, Handwerker, junge Familien –, die von der Nähe zur U‑Bahn und den neuen Versorgungsangeboten profitierten.
Aber auch nach Bruno Taut wurde dort weitergebaut. Wir laufen durch eine solche Straße und kommen an einer offenen Haustür vorbei, die einen Blick in den dahinter liegenden Garten ermöglicht. Heimlich wie die Papparazzi zücken wir unsere Kameras in der Hoffnung, unbemerkt zu bleiben. Da wir aber sehr ungeübt sind in solchen Dingen, bemerken wir den dazugehörigen Hausbesitzer erst, als er direkt neben uns mit einem Winterreifen in der Hand aus den Tiefen seines Kofferraums auftaucht. Ups, erwischt! Er aber nimmt das sehr sportlich und schnell verwickeln wir uns in ein sehr nettes Gespräch, zu dem sich dann auch seine Frau gesellt.
Während ich die Informationen des Mannes zur Geschichte der Siedlung aufsauge, organisiert seine Frau gegen seinen anfänglichen Widerstand, dass Anton die Reifen ins Haus trägt. „Mein Mann übernimmt sich nämlich gerne!“ Ich verstehe das. Wer gibt schon gerne zu, dass einem bestimmte Tätigkeiten altersbedingt schwerer fallen, wenn man sie doch noch bewältigen kann? Zum Schluss holt er noch ein Buch aus dem Haus, das eine Familiengeschichte als Graphic Novel erzählt, die sich im Eisvogelweg 5 zugetragen hat.

So viel sei schon verraten, dass es auf der Heimfahrt in meinem Rucksack steckte und ich es jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, schon gelesen habe.
Nun gehts ins Grüne, zunächst machen wir einen Abstecher zur Rodelbahn (sie wurde in den 1920er Jahren mit dem Sand aufgeschüttet, der beim Bau der U-Bahn von Thielplatz bis Krumme Lanke anfiel) und ehemaligen Sprungschanze mit dem Schanzenrekord von 18 Metern und umrunden auf der anderen Seite der Onkel-Tom-Straße den Riemeisterfenn, ein Gewässer, das sich in die Kette Schlachtensee – Krumme Lanke einfügt.
Durch das Geäst schimmert auf einer Anhöhe ein Haus durch, zu dem hölzerne Stufen führen. Ein Bauzaun sperrt das Grundstück halbherzig mit etlichen Schlupflöchern ab, deren Verlockung ich einfach nicht widerstehen kann. Anton folgt mit Kamera im Anschlag. Es ist ein klassischer Lost Place und wir überlegen, welchem Zweck das Gebäude wohl mal gedient haben könnte. Toiletten sind zu erkennen und eine Art Terrasse, was uns vermuten lässt, dass hier vielleicht früher ein Ausflugslokal die Spaziergänger angelockt hat.
Ganz falsch liegen wir nicht. Es handelt sich um das ehemalige Wasserwerk Riemeisterfenn. Es wurde 1955–1957 errichtet und diente jahrzehntelang der Trinkwasserversorgung der Zehlendorfer Villenviertel. Charakteristisch war sein großes Reetdach, das dem ansonsten unterirdisch angelegten technischen Bau ein fast hausartiges Aussehen gab. Nach der Stilllegung 1995 blieb die Anlage zunächst betriebsbereit, wurde dann aber ab 2007 gastronomisch genutzt – erst als Waldhaus Ostermann, später als Waldcafé Beumer & Lutum. 2018 brannte das Reetdach vollständig ab, und seitdem steht die Ruine leer und ist eingezäunt. Zurück auf dem rechten Weg, frage ich Anton ein bisschen aus zu seinem Beruf und erfahre, dass mich die ganze Zeit ein Kriminalkommissar begleitet! Sofort fallen mir alle meine Sünden ein, z.B. vor fünf Minuten Hausfriedensbruch! Beweismittel liegen vor, denn Kommissar Anton hat Fotos gemacht. Außerdem konnte er mich mehrfach beim Begehen einer Ordnungswidrigkeit nach § 118 OWiG (Belästigung der Allgemeinheit) beobachten, als ich die niedlichen Aufkleber meiner Schreibwerkstatt an Laternenmasten gepappt habe. Oh oh… Anton erzählt, dass er jetzt gekündigt habe, weil dieser Beruf sich für ihn nicht als die Berufung herausgestellt hat, die seiner Meinung nach aber nötig ist, um diese zweifellos wichtige Tätigkeit so auszuüben, dass man auch mit sich selbst im Reinen ist. Das verstehe ich gut und bin mir sicher, dass er seine wirkliche Berufung finden wird.
Nun wenden wir uns der Onkel-Tom-Straße zu, der wir bis zur Bezirksgrenze zu Charlottenburg-Wilmersdorf folgen werden, um auf dem Hüttenweg, vorbei am Jagdschloss Grunewald im großen Bogen zurückzulaufen. An Wald- und sonstigen Grün- und Naherholungsflächen mangelt es hier wahrlich nicht, die Waldsiedlung trägt nicht umsonst ihren Namen. Wer hier wohnt, hat sehr viele Möglichkeiten, sich in die Natur zurückzuziehen und wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir uns noch mitten in Berlin befinden. Wie in jedem größeren Waldabschnitt gibt es auch hier eine Revierförsterei namens Dachsberg, die wir rechterhand passieren.
Als wir uns der Zivilisation nähern, fallen uns die Bauten des Waldrand-Viertels Zehlendorf auf, die sich in schlichter, weißer Eleganz schon auch ein bisschen elitär präsentieren. „Diese Häuser finde ich nicht so interessant“, sage ich zu Anton, „sie haben keine Ausstrahlung, keine Geschichte.“ Er schaut, überlegt und meint dann: „Der Anblick beruhigt meinen Sinn für Ordnung.“ Das hat was und ist ein Argument, das mich nochmal anders auf die Wohnanlage blicken lässt.
Da wir heute grenzüberschreitend unterwegs sind, befinden wir uns seit dem Hüttenweg in Dahlem und machen einen kleinen Abstecher über den Friedhof, der sich an die eingezäunte Siedlung anschließt. Die Sonne ermöglicht mir ein total schönes Zufallsfoto mit „Lichtfall“:
Nun beginnt ein Gebiet, das allein durch die Straßennamen an die Zeit der Teilung Berlins erinnert: „Sie betreten den amerikanischen Sektor“, fällt mir da sofort ein:
Es gibt sogar eine baulich imposante, amerikanische Kirche, die zwar mit „Welcome“ wirbt, aber an allen fest verschlossenen Türen Neugierige abwimmelt:
Wir durchwandern nun einige Straßen mit Wohnblocks, die sich unauffällig hinter den Bäumen und weitläufigen Wiesen zu verkriechen scheinen, mit Stadtmöbeln auf den Freiflächen, die Treffen im Freien ermöglichen, wir sehen mehrere Schulen, so z.B. die Europa-Grundschule Quentin Blake, die Biesalski-Schule als Förderzentrum für körperliche und motorische Entwicklung, die Wilma-Rudolph-Oberschule, Sportplätze und das Cole Sports-Center. Neue Stadtquartiere, die in sich geschlossen scheinen und teils nur durch Tore betretbar sind, werden gerade ergänzt durch entstehende Neubauten des Wohnprojekts Marshall One.
Eine irgendwie merkwürdige Gegend, in deren Mitte sich eine Art Insel befindet, genannt „Fünf Morgen“.

Moderne Häuser gruppieren sich um einen Teich, der nur für die Bewohner zugänglich ist, in dem aber das Baden verboten ist. Auch hier findet eine Abschottung statt, die Spaziergänger fernhält und die dort lebenden Menschen vor neugierigen Blicken schützt.
Wenn man diese Tendenz der Separierung vergleicht mit dem Konzept des Neuen Bauens vor hundert Jahren, finde ich letzteres wesentlich sympathischer. Hier zu wohnen ist bestimmt ein Privileg, aber dem Rest der Gesellschaft wird gefühlt der Rücken zugewandt.
Anton muss sich nun von mir verabschieden, denn er hat am Nachmittag noch diverse Termine. Er will aus den vielen Filmschnipseln, die er nebenbei von mir aufgenommen hat, ein Insta-taugliches Video zusammenschneiden. Ich freue mich! Wir verbleiben so, dass wir auf jeden Fall nochmal zusammen laufen wollen. Bei der Gelegenheit kann ich auch von Johanna berichten. Sie ist eine Teilnehmerin meiner Schreibwerkstatt gewesen und ist der Meinung, dass mein Instagram-Kanal unbedingt eine kontinuierliche Betreuung benötigt: „Finde, du solltest mehr aus dem krassen Projekt rausholen. Das hat so viel Potential und mit dem richtigen Social Media Auftritt könntest du das ausschöpfen denke ich!“ Nun habe ich also eine Community-Managerin, die dafür sorgen will, dass außer meinen langweiligen und immer nach dem gleichen Strickmuster von mir erstellten Reels auch mal was Peppiges zu sehen ist. Perfekt!
Nun auf mich alleine gestellt, studiere ich meinen Plan, welche Straßen noch ausstehen.

Da wir den Hüttenweg fast komplett gelaufen sind und dieser sich nur noch ein kleines Stück jenseits der Clayallee fortsetzt, beschließe ich, außerplanmäßig diesen Abstecher zu machen. Ein Grund dafür ist die Nr. 17a, denn in diesem Haus hat Roland Freisler gewohnt, einer der gnadenlosesten Strafrichter des nationalsozialistischen Deutschlands. Das Haus ist gerade eingerüstet und befindet sich in der Nachbarschaft weiterer herrschaftlicher Villen.
Auf dem Weg dorthin gelange ich von der Fünf-Morgen-Siedlung zur Truman-Plaza, einer Shopping-Mall der nobleren Art.
Ein Stück weiter lässt Friedrich Wilhelm Baron von Steuben die Konsular-Abteilung der Vereinigten Staaten von Amerika schräg gegenüber nicht aus den Augen. Ich statte ihm einen Besuch ab und mache mich danach auf den Weg zum letzten Viertel für heute entlang der Taylor- und Flanaganstraße. Dabei werde ich Zeuge, wie eine Fahrradstreife der Polizei einen Radfahrer anhält. Im Vorbeigehen höre ich die Worte: „Wir müssen Ihnen eine Ordnungswidrigkeit vorwerfen, nämlich Fahren auf dem Gehweg und auf der falschen Seite.“ Wow, das habe ich ja schon lange nicht mehr erlebt! Solche Kontrollen wünsche ich mir mal in Mitte und Prenzlauer Berg! Dort wurde ich schon öfter als Fußgängerin von Radfahrern angeschnauzt, weil ich nicht ausgewichen bin.
Die Flanaganstraße umrundet im großen Bogen Mehrfamilienhäuser und grenzt direkt an den Grunewald. Es ist unglaublich still hier, die Sonne taucht alles in ein warmes Licht, die Freiflächen zwischen den Blöcken schwingen leicht hügelig auf und ab.
Manchmal, wenn ich unterwegs bin, überlege ich, ob ich hier wohnen möchte. Hier ist das definitiv der Fall. Auch auf dem Rückweg zum U-Bahnhof entlang der Argentinischen Allee begleitet mich dieser Gedanke. Noch kurz belustigt vom Blick über die Straße (früher sagte man Zahnarzt)…

…erfreue ich mich an den warmen Farben der denkmalgeschützten Bauten von Bruno Taut. Welch eine Wohltat fürs Auge, welche Harmonie diese Häuser ausstrahlen! Ulrich Conrad, den ich später noch kennenlernen werde, erzählte mir bezüglich der Zahnmanufaktur: „Das war genau genommen früher ein Edeka-Markt. Dort kaufte meine Mutter jeden Tag ihre Zeitung und was sie an Lebensmitteln brauchte.“
Gegenüber zieht sich eine geschlossene Häuserfront in leichtem Bogen entlang der Straße. Das ist der sogenannte Peitschenknall. Bruno Taut wollte damit verhindern, dass moderne Zeilenbauten monoton wirken. Ich habe versucht, den Eindruck in einem Video zu visualisieren:
Zum Abschluss dieses schönen Tages gönne ich mir natürlich noch einen Besuch der in der Ladenstraße befindlichen Buchhandlung Born. Wie zu Beginn schon angedeutet, werde ich hier über alle Maßen fündig und fülle meinen Rucksack mit neuem Wissen auf Papier. Auch das Buch „Der Duft der Kiefern“ ist dabei, von dem ich vor ein paar Stunden erst erfahren hatte. Und weil ich heute von der Stadtteilbibliothek Rudow eine Anfrage erhielt, ob ich am 13. März die Moderation einer Lesung im Rahmen von „Rudow liest“ übernehmen würde, bestelle ich den Roman auch gleich noch. Es handelt sich um „Das Pfauengemälde“ von Maria Bidian. Wie immer, lasse ich meine Visitenkarte da und berichte von meinem Vorhaben. Die Buchhändlerin hatte den Beitrag in der Abendschau gesehen und ist sehr interessiert, wie ich das Ganze umsetze und wo ich demnächst weiterlaufen werde. Glücklich und beseelt verlasse ich diesen schönen Laden und stürze mich in den Berufsverkehr.
Die Donnerstagswanderung verschiebt sich auf Samstag, weil meine nächste Begleiterin nur am Wochenende Zeit hat. Ich freue mich auf den zweiten Teil der Waldsiedlung.





































































































































