„Ein Gedanke kann nicht erwachen, ohne andere zu wecken.“ (Marie von Ebner-Eschenbach) – Kalenderspruch des Tages
Durch Zufall führte mich der Weg auf einer meiner Touren durch Zehlendorf mit Ulrich Conrad zusammen, der seitdem meine Beiträge sehr aufmerksam liest und mich auch schon auf so manchen Fehler hingewiesen hat, wofür ich sehr dankbar bin! Damals trafen wir uns in der Kirche Schönow-Buschgraben, zu einer Zeit, als es draußen noch empfindlich kalt war. Dem Umstand, dass Herr Conrad baren Fußes unterwegs war durch die Kirchenräume, maß ich noch keine große Bedeutung zu, doch dass er mich heute ebenso barfüßig am S-Bahnhof Botanischer Garten erwartet, überrascht mich. Ohne Schuhe über Gehweg- und Straßenpflaster, Splitsteinchen und andere Unwegsamkeiten? Alles eine Frage der Gewohnheit, erklärt mir Herr Conrad. Er liebt es, ohne Schuhe die Welt zu erfühlen, bleibt doch der Tastsinn auch bei der Fortbewegung mit Schuhen relativ inaktiv. Das leuchtet mir ein und ein bisschen beneide ich ihn um diese Fähigkeit, die so ausgeprägt ist, dass er auch ohne schmerzverzerrtes Gesicht über steinige Wege geradezu hinwegschwebt. Ich dagegen habe meine Stiefel nochmal herausgeholt, weil es trotz Sonne ziemlich kalt ist an diesem Morgen.

Wir bewegen uns heute östlich der Drakestraße bis zum Hindenburgdamm und beginnen mittendrin auf der Moltkestraße, wo uns gleich zwei Stolpersteine stoppen.
Käthe Silberstein, geb. Wolff (1893 in Westpreußen), lebte mit ihrem Mann Berthold (geb. 1885 in Staedtel/Schlesien) und den Kindern Hansi und Alfred in Lichterfelde. Die Familie führte das Kaufhaus Boga in der Moltkestraße 51, das 1938 während der Novemberpogrome zerstört wurde. Ab 1942 wurde die Familie zwangsweise umgesiedelt; alle vier mussten Zwangsarbeit leisten. Die Tochter Hansi und der Sohn Alfred wurden Anfang März 1943 nach Auschwitz deportiert, aber beide überlebten und emigrierten später nach Neuseeland. Käthe und Berthold wurden am 17. März 1943 nach Theresienstadt verschleppt und im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurden. Auch mehrere Geschwister und Angehörige von Käthe wurden deportiert und ermordet.
Wenig später erreichen wir den Friedhof Lichterfelde, der mich vor allem mit seinen noblen Gemeinschaftsgrabstellen beeindruckt. Es gibt ja mittlerweile viele Möglichkeiten der Gestaltung, am gängigsten sind meiner Erfahrung nach Stelen, in die die Namen der Verstorbenen eingraviert werden. Diese Gräber allerdings sehen auf den ersten Blick aus wie die letzte Ruhestätte lokaler Würdenträger aus dem 18.-20. Jh. und sind sehr ansprechend gestaltet.
Und schon sind wir am Ludwig-Beck-Platz, den wir an diesem Tag noch öfter zum Leo-Baeck-Platz ernennen werden. Selbst in einen Bildband, in dem wir später blättern, hat sich dieser Fehler eingeschlichen. Sehr präsent ist ein noch trockener Sandsteinbrunnen, der 1985 im Zuge der Neugestaltung des Platzes durch den Steinmetz Hartmut Breuer ausgearbeitet wurde. Oben auf der Säule sind die Wappen von Steglitz, Lankwitz und Lichterfelde zu sehen.
Mit Adlerblick fällt meinem Begleiter von diesem Standpunkt auf, dass die Wetterfahne des Eckhauses an der Lipaer Straße sehr ungewöhnlich aussieht und wie sich beim Zoomen herausstellt, sogar ausgesprochen originell gestaltet ist:


Was ist hier zu sehen? Auf jeden Fall zwei Hände, aber auch zwei Figuren, die sich an einem Tisch gegenüber sitzen. Bestimmt gibt es eine tiefere Bedeutung, die eventuell jemand kennt? Vorbei an der bunten Fassade des Fröbel-Kindergartens in der Augustastraße und natürlich auch stattlichen Villen, stehen wir auf dem lebendigen Hindenburgdamm und gleichzeitig in einer anderen Welt. Es ist laut, ein bisschen schmuddelig, die Häuser sind höher und nicht mehr ganz so prunkvoll, viele Menschen eilen vorbei, ich sehe ein Nagelstudio und Dönerimbiss, eine Fahrbahnhälfte ist Baustelle. Also alles ganz normal.
Uns fällt eine 1976 erbaute Wohnanlage mit Toreinfahrten auf, die zu oasenähnlichen Höfen führen. Ein Schild klärt auf, dass der Architekt und Zimmermeister Fritz Kläffling dahintersteht. Kaum hat man das Tor durchschritten und den Lärm der Straße noch im Ohr, empfängt einen himmlische Ruhe, gepaart mit Grün, einem Brunnen mit Skulptur und hohen Bäumen. Für die Bewohner kleine Paradiese!
Wir verlassen vorerst den Hindenburgdamm, den wir aber noch öfter tangieren werden, weil er die Ostgrenze der heutigen Tour bildet. Die Manteuffelstraße mit Schwenk durch die Roonstraße führt uns zum zentralen Augustaplatz, vorbei an einer modernen Kita, auf deren Webseite man erfährt, dass hier rund 212 Kinder im Alter von einem Jahr bis zum Schuleintritt betreut werden mit den Schwerpunkten Natur, Bewegung und Sprache. Die Einrichtung verfügt über ein großes Außengelände, einen Verkehrsdachgarten, helle Gruppenräume und zusätzliche Aktionsräume.

Die Häuser, die wir rechts und links betrachten, sind wie gewohnt individuell, teils mit merkwürdiger Farbgebung, aufwendig gestalteten Eingängen, Reliefs und Skulpturen und noch einer nicht alltäglichen Wetterfahne.
Auf meinen bisherigen Touren sind mir schon öfter die blauen Straßenpumpbrunnen aufgefallen, über die ich mir allerdings keine weiteren Gedanken gemacht habe im Gegensatz zu Ulrich Conrad.

Er probiert zwei aus, aber keiner ist willig, auch nur einen Tropfen Wasser auszuspucken. Wir überlegen, was dafür der Grund sein könnte. Vielleicht werden sie den Winter über abgestellt wie Springbrunnen? Andererseits – schöpfen sie nicht aus dem Grundwasser und kann man sie dann überhaupt stilllegen? Wieder so ein Moment, in dem einem klar wird, wie viele Dinge man einfach als gegeben hinnimmt, ohne sich darüber Gedanken zu machen! Ich recherchiere, dass diese Brunnen zur Notfallversorgung mit Wasser im Katastrophenfall gehören und es sich tatsächlich um Grundwasser handelt, allerdings um oberflächennahes, das deswegen kein Trinkwasser ist. Damit die Brunnen in Schwung bleiben, ist die Benutzung sogar erwünscht, z.B. könnte man damit Straßenbäume gießen. Es gibt etwas mehr als 2000 in Berlin, und eigentlich müssten sie auch im Winter funktionsfähig sein. Das Thema hat mich jetzt richtig gepackt, aber keine Angst, ich reiße mich an der Stelle zusammen und empfehle den dazugehörigen spannenden Wikipedia-Artikel.
Ähnlich verhält es sich mit den Straßenlaternen. Bis heute habe ich eindeutig gewusst – es gibt sie und sie haben unterschiedliche Formen, mal modern, mal altmodisch. Ob sie noch wie früher mit Gas betrieben werden, hat mich bisher nicht so brennend interessiert. Herrn Conrad schon, weswegen er sie sich genauer anschaut. So weit, so gut, doch außerdem fällt ihm auf, dass einige Laternen mit den Bügeln parallel zur Fahrbahn stehen, andere quer und bei einigen die beiden Stege unter dem Bügel fehlen. Hand hoch, wessen Blick auch darüber gestolpert wäre! Meiner jedenfalls nicht! Jetzt – einmal die Frage ausgesprochen, finde ich sie so spannend, dass ich gar nicht verstehen kann, wieso mir Laternen bisher so egal waren. Denn es ergeben sich höchst interessante Fakten. Berlin besitzt noch immer eines der größten Gaslampennetze der Welt. Von insgesamt etwa 225.000 Straßenleuchten werden rund 17.500 weiterhin mit Gas betrieben. Damit steht fast die Hälfte aller weltweit existierenden Gaslaternen in Berlin.

Jeder Typ hat eine vorgegebene Orientierung der Bügel – manche quer, manche längs. Beim Austausch oder Versetzen bleibt die Originalrichtung erhalten. Bei manchen Modellen ist der Reflektor so gebaut, dass die Bügel parallel stehen müssen. Bei anderen ist die Lichtverteilung symmetrisch – dort ist die Ausrichtung egal, und man richtet sich nach der Mastposition. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es keine einheitliche Norm. Bezirke und Gaswerke montierten unterschiedlich: Lichterfelde und Steglitz häufiger parallel, Charlottenburg und Wilmersdorf eher quer. Fällt das jetzt in die Kategorie „Unnützes Wissen“?
Weiter gehts auf der Lipaer Straße. Sie überrascht uns mit unerwarteten Gegensätzen von mondän über traurig bis alternativ:
Wir mäandern heute wieder ein bisschen, um doppelte Wege gering zu halten und landen in der Moltkestraße mit strahlenden Fassaden und der Kronach-Grundschule mit offener Ganztagsbetreuung. Sie wurde 1982/83 gebaut, Kollegium und Schüler kamen aus der Carstenn-Grundschule und der alten Kronach-Grundschule (heutiges Gebäude der Käthe-Kruse-Grundschule im Tietzenweg, an dem wir auch noch vorbeikommen werden).
Immer wieder staune ich aufs Neue über die hohe Anzahl an Schulen in Steglitz-Zehlendorf. Der Stadtbezirk hat ca. 310.000 Einwohner, 37.000 Schüler und 83 Schulen, Marzahn-Hellersdorf 283.000 Einwohner, 33.000 Schüler und 65 Schulen (Zahlen aus dem Jahr 2024). Es sind also nur 4000 mehr Schüler und 77 mehr Klassen, aber 18 zusätzliche Schulen. Ich weiß nicht, ob diese Gegenüberstellung aussagekräftig genug ist, aber nach meinem Dafürhalten herrscht hier ein Ungleichgewicht.
Schon sind wir wieder auf dem Hindenburgdamm, werfen einen Blick auf das Gelände des Pauluszentrums der Paulus-Kirchengemeinde und befinden uns auf dem Boden des Dorfkerns von Lichterfelde. Der Hindenburgdamm teilt sich hier und umschließt den historischen Dorfanger, auf dem gleich zwei Gotteshäuser stehen – die kleine Dorfkirche und die stattliche Paulus-Kirche, die momentan eine Schönheitskur über sich ergehen lassen muss. Ihre kleine Schwester empfängt uns aber mit offener Tür, so dass wir das Innere bestaunen können. Noch nie in meinem Leben habe ich eine so kleine, niedliche Orgel gesehen! Ich würde zu gerne mal einem Konzert lauschen, vielleicht ergibt sich das ja mal. Um die Kirche herum sind Gräber bedeutender Persönlichkeiten gruppiert, u.a. ist auch Wilhelm von Carstenn hier begraben. Einige geduckte Katen am Anger lassen den alten Charme des Dorfes noch erahnen, aber wenn man den Blick über den Hindenburgdamm in die Ferne schweifen lässt, kann der Wechsel nicht brutaler sein im wahrsten Sinn des Wortes, denn das gegenüberliegende trutzige Gebäude des Institut für Hygiene und Umweltmedizin, erbaut im Stil des Brutalismus, ist einfach mal spukhässlich. Auf einer meiner nächsten Touren werde ich ihm Auge in Auge gegenüberstehen und davon berichten.
Jetzt wird es aber Zeit, uns dem Tietzenweg zu nähern. Wir sind auf eine Pause eingeladen von Nicole Weyde, die in einem der denkmalgeschützten Häuser wohnt. Es wurde 1904 nach einem Entwurf von August Höhne erbaut, Bauherr war der Landwirt Julius Lehmann. Frau Weyde erzählt uns die romantaugliche Legende vom Erwerb des Hauses durch die Vorfahren ihres Mannes, die in ihrer Familie von Generation zu Generation weitergetragen wird und dass bis heute immer eine Wohnung von den Eigentümern bewohnt wurde und wird. 2015 gab es einen Dachstuhlbrand, den zunächst niemand im Haus bemerkte. Zum Glück schlug ein Nachbar Alarm, und kurze Zeit später war die Feuerwehr vor Ort, die feststellte, dass der Dachstuhl nicht mehr zu retten sei. Alle Bewohner standen draußen und wurden langsam panisch, denn es brannte und brannte und die Feuerwehr tat gefühlt nichts! Wie sich später herausstellte, ging diese von Wohnung zu Wohnung und deckte alles mit Planen ab, was es vor Wasserschäden zu bewahren galt. Erst dann begannen die Löscharbeiten. Natürlich musste danach generalsaniert werden, aber letztendlich ist alles relativ glimpflich ausgegangen, auch dank der Umsicht der Feuerwehr. Wir lauschen gespannt bei türkischen Gebäck und Getränken unserer Wahl, blättern in bereitgelegten Bildbänden und tauschen uns in einem sehr netten Gespräch aus. Ulrich Conrad steuert historische Stadtpläne bei. Zum Schluss bekomme ich sogar noch ein Geschenk – ein Buch über die Johanneskirche, die mich letztens so begeistert hat. Bei Gelegenheit wird mich Frau Weyde auch mal begleiten, worauf ich mich schon sehr freue!
Wen wunderts, dass weitere Schulen unseren Weg kreuzen – das stattliche Lilienthal-Gymnasium, die Berufsfachschule Oberlin-Seminar und die Käthe-Kruse-Grundschule, deren Gelände bis zur Söhtstraße reicht.
Das hat eine ungewöhnliche Kombination zur Folge – die Schule grenzt direkt an das ehemalige Frauengefängnis, das allein durch seine Größe schon einschüchternd wirkt. Es wurde 1902–1906 gemeinsam mit dem Amtsgericht Lichterfelde errichtet und war ursprünglich nicht nur für Frauen, sondern als gemischte Haftanstalt geplant. Die Anlage umfasste mehrere Gebäudeflügel, getrennte Höfe für Männer und Frauen sowie einen repräsentativen Eingangsbereich mit Dienstwohnungen und einem ökumenischen Betsaal. Die Architekten Rudolf Mönnich, Walter Sarkur und Paul Thoemer orientierten sich an der Neorenaissance, damit sich der Bau in die Villenkolonie Lichterfelde einfügte. Zwischen 1906 und 1945 diente das Gebäude als Amtsgerichts‑Gefängnis mit verschiedenen Arrestfunktionen. Nach 1945 nutzte zunächst das amerikanische Militärgericht Teile des Hauses. Ab 1954 wurde es Nebenanstalt des Frauenstrafgefängnisses Tiergarten. 1973 entstand hier ein Freigängerhaus der JVA Düppel mit rund 70 Plätzen, später auch als Mutter‑Kind‑Haus genutzt. Mit der Eröffnung des Neubaus der JVA Düppel 2010 endete die Nutzung als Haftanstalt. Seit 2016 steht das denkmalgeschützte Gebäude unter einem Erbbaurecht und wird als Kultur‑ und Veranstaltungsort genutzt – mit Konzerten, Theater, Ausstellungen und Filmproduktionen (u. a. Im Knast, Monuments Men). Seit 2023 läuft eine Sanierung in Abstimmung mit Brand‑ und Denkmalschutz. Sehr lesenswert ist der Morgenpost-Artikel, in dem die Geschichte des Gefängnisses ausführlich beleutet wird. U.a. wird dort auch die Geschichte des Boxers Bubi Scholz erzählt. Er hatte 1984 im Vollrausch aus Versehen seine Frau erschossen.
Das Viertel in der Nachbarschaft von Nicole Weyde hält noch so einige teils von ihr empfohlene Schönheiten und Überraschungen bereit, die wir uns nun anschauen:
Durch die Memlingstraße steuern wir zum zweiten Mal auf den Augustaplatz zu, der fünf Straßen vereint. Er ist ziemlich weitläufig und bietet viel Platz zur Erholung. Die Anlage ist ein Schmuckplatz aus der Wirkungszeit Wilhelm von Carstenns, eingetragenes Gartendenkmal und wird nach den historischen Plänen von 1905 als symmetrischer Rosengarten gepflegt. Noch wirkt er recht einfarbig, aber das wird sich spätestens im Sommer ändern.
Auch die Holbeinstraße steht den anderen in nichts nach, weder was die Abwechslung betrifft, noch Exklusivität oder Geschmack. Es fühlt sich an wie eine Freiluftausstellung, in der ein Anbieter den anderen zu übertrumpfen versucht, oder wie „Deutschland sucht das Super-Haus“. Müsste ich Platz 1-3 wählen, würde ich kapitulieren. Ein paar Kandidaten kämen nicht infrage, aber wir kommen angesichts des Wettbewerbs nur langsam vorwärts. Die Gewöhnungsgefahr ist groß, so dass ich etliche Villen links liegen lasse mit dem Gedanken, dass ich eben nicht alle Häuser fotografieren kann und muss. Aber welche hätte ich denn auslassen sollen?
Natürlich gibt es auch hier eine Schule, nämlich die Berthold-Otto-Gemeinschaftsschule. Das schöne Gebäude lockt uns an, weswegen wir im Schaukasten den Slogan entdecken: „Wir sind Glücksschule“.
Das macht mich neugierig. Glück als Schulfach? Wie unterrichtet man Glück? Ich finde ein Interview mit einer Lehrerin der Schule auf Radio3, in dem sie berichtet, dass dabei die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler im Mittelpunkt steht, Zufriedenheit, Lebenskompetenz, ein positives Selbstbild, Sinnfindung, Geborgenheit, Aufbau sozialer Beziehungen und Selbstakzeptanz. Alles wichtige Dinge, aber eigentlich ist es doch traurig, wenn man emotionale Kompetenz wie Lesen und Schreiben erlernen muss, oder? Zwei Unterrichtsstunden pro Woche werden dafür investiert, wofür extra zwei Glückslehrerinnen engagiert wurden. Eventuell sind wir zu alt, Herr Conrad und ich, um auf Anhieb mit Begeisterung zu reagieren. Es geht uns ja auch gar nichts an, aber merkwürdig finden wir das schon ein bisschen.
Immer wieder landen wir am Augustaplatz, während wir die noch fehlenden Straßenabschnitte neugierig abwandern:
Das letzte Stück, das Herr Conrad und ich gemeinsam gehen, führt am Gelände der Polizei und des BND entlang, der ehemaligen Kaserne des Gardeschützenregiments.
An der Backsteinmauer finden wir drei blaue Klebestreifen mit der Beschriftung „2 Bar Granatsand 350“ bzw. 1 Bar und 3 Bar. Das macht uns natürlich neugierig! Schnell ein Foto gemacht, vielleicht findet sich ja im Internet eine Antwort darauf. Ich habe mein Handy noch nicht verstaut, als ein junger Mann um die Ecke kommt und uns fragt, ob wir etwa mit der Sanierung der Mauer beauftragt wären? Nein? Wieso wir dann Fotos gemacht hätten? Sofort sind wir klein mit Hut, aber damit wir nicht unwissend von dannen ziehen müssen, erklärt er uns sehr freundlich, was es mit diesen Streifen auf sich hat. Da die Mauer unter Denkmalschutz steht und dringend gereinigt und saniert werden muss, wurden verschiedene Stärken von Sandstrahlgebläsen getestet. Das ist das ganze Geheimnis. Wir bedanken uns und werden noch ein Stück bis zur nächsten Straßenecke begleitet. Es entwickelt sich ein nettes Gespräch, in dem ich ihm von meinem Laufprojekt erzähle, was er sehr spannend findet. „Es gibt überall schöne Ecken“, meint er. „Sogar in Marzahn!“ „Genau!“, pflichte ich ihm bei. „Da wohne ich nämlich!“ Dann verabschiedet er sich schmunzelnd: „Nichts für ungut, ist eben keine Bäckerei!“
Nun muss sich Ulrich Conrad von mir verabschieden. Er hat noch einen Zahnarzttermin und es wird höchste Zeit, dass er sich auf den Weg dorthin macht. Mir hat es großen Spaß gemacht, weil er seine Umwelt mit ganz anderen Augen betrachtet als ich und dadurch meine Sinne für neue Dinge geschärft hat. Seien es die Straßenpumpen, die Gaslaternen, das ehemalige und heutige Netz der Öffentlichen Verkehrsmittel oder technische Aspekte des Hausbaus. Wir sind uns einig – das wiederholen wir! Zum Abschied schenkt er mir ein Buch mit der Geschichte „Ausgerechnet Jenny“, die er selbst verfasst hat. Bis zu diesem Moment war mir gar nicht klar, dass er Autor mehrerer Kurzgeschichten ist, von Fachartikeln und Büchern über den Schienenverkehr und Mitglied der Autorengruppen „Die Schlangenbader“, „Berliner Autorengruppe“, „Hofpoeten“ und „Forum Wort“. Meine Heimfahrt reicht aus, um die humorvolle Jenny-Geschichte zu lesen. Ich kichere vor mich hin und bin sehr gerührt. Vielen Dank, Herr Conrad für dieses kurzweilige Vergnügen!
Ich mache mich nun an den Rest des Tagesprogramms und finde unter den vielen weiteren bemerkenswerten Villen noch eine Gustav-Lilienthal-Burg in der Walter-Linse-Straße.
Diese Straße ist nach Walter Linse benannt, hinter dem sich eine ambivalente Biografie verbirgt. Er war ein deutscher Jurist. In der NS‑Zeit arbeitete er als Arisierungsjurist bei der Industrie‑ und Handelskammer Chemnitz und war an der Enteignung jüdischer Betriebe beteiligt. Nach dem Krieg floh er 1949 aus der sowjetischen Besatzungszone nach West‑Berlin und schloss sich dem Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen an, der Menschenrechtsverletzungen in der DDR dokumentierte. Am 8. Juli 1952 wurde Linse vor seinem Haus in Berlin‑Zehlendorf von einem Kommando der Staatssicherheit entführt, nach Ost‑Berlin verschleppt und später an die Sowjetunion überstellt. Dort verurteilte man ihn in einem Geheimverfahren zum Tode; am 15. Dezember 1953 wurde er im Moskauer Butyrka‑Gefängnis hingerichtet. Erst 1996 erfolgte seine Rehabilitierung durch die russische Generalstaatsanwaltschaft. Eigentlich hatte ich eine Hinweistafel vor seinem Haus erwartet, doch für Uneingeweihte deutet nichts darauf hin, wer er war und dass er hier gewohnt hat (letztes Foto). Man muss ihn ja nicht als Helden feiern, aber diese Geschichte sollte man in Erinnerung behalten, nicht nur durch den Straßennamen.
Zum Schluss wieder ein paar kleine Entdeckungen und Kuriositäten am Wegesrand:



















































































































































































