Hervorgehobener Beitrag

Corona greift an

Als im Januar die Meldungen über die rasante Ausbreitung eines neuartigen Virus aus Wuhan kamen, nahmen wir das alle zur Kenntnis, aber das Problem war ja weit, weit weg und irgendwie nicht unseres. Manchmal hörte man Warnungen von Virologen, Epidemiologen und Ärzten, dass eine weltweite Ausbreitung und somit eine Pandemie zu befürchten wäre. Wir nahmen das nicht ernst. Schwarzmaler gibt’s schließlich immer. Doch das Virus rückte näher, trotz Reisebeschränkungen von und nach China. Das Wort Corona fiel häufiger, aber wir ahnten nicht im Geringsten, was kommen würde.

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Im Februar wurde die Lage dann doch beunruhigend. Aber immer noch konnte ich mir nicht vorstellen, dass es ernsthaft zu Bedrohungen und schon gar nicht zu Einschränkungen führen würde. Es ging weiter mit Berichten über immer mehr Infizierte und der Suche nach Patient 0. Noch wurde versucht, die Kontakte der Infizierten nachzuvollziehen, um sie zu testen und notfalls zu isolieren. Irgendwann wurde das zu unübersichtlich.

Am 29. Februar hatte ich Besuch von meinen Freundinnen Kerstin und Dani. Zum damaligen Zeitpunkt konnten wir den Ernst der Lage noch nicht erkennen, stießen mit Corona-Bier an und hatten einen schönen Nachmittag.

02. März: „Das Risiko für die Gesellschaft ist gestiegen, die Gefahr für den Einzelnen ist aber weiterhin nicht groß“, erläuterte Prof. Drosten von der Charité die Lage.

Aber Horrorszenarien verunsicherten die Leute immer mehr. Messen wurden abgesagt, Konzerte gecancelt. Gerade hatte ich sensationelle Teilnehmerzahlen für die Fahrt zur Leipziger Buchmesse erreicht. Das Busunternehmen war hocherfreut über meine Mini-Reiseagentur und orderte den zweiten Bus für uns. 110 Teilnehmer hatten mir gerade das Geld überwiesen, als man am 03. März 2020 nach langem Zögern auch die Buchmesse sterben ließ. Große Katastrophe für das Management, die Autoren und Verlage. Und auch für mich. Ich musste nun allen das Geld zurücküberweisen oder auszahlen. Viel Arbeit für nichts und alle waren traurig.

Am 04. März wird Apotheken gestattet, Desinfektionsmittel herzustellen und zu verkaufen. Handelsübliche Produkte sind ausverkauft. Auch Toilettenpapier wird knapp. Die Leute fangen an zu hamstern. Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern dürfen nicht mehr stattfinden. Man soll sich nicht mehr die Hand geben.

Der 07. März ist der erste Samstag des Monats und das heißt – Schreibwerkstatt. Dieses Mal mit einem Gast – Yo-Pa Neumann, der einen Poetry-Slam-Workshop durchführt. Wir sitzen im großen Kreis dicht an dicht. Aus heutiger Sicht ein No-Go.

Der nächste Tag ist der 08. März, Internationaler Frauentag. Ich hatte eine sehr nette Einladung bekommen zu einer Veranstaltung im Projektraum Galerie M mit dem schönen Titel: „Ach Mädels! Literarisch-Musikalische Stoßseufzer“ mit Wolfgang Reuter. Die gutbesuchte Veranstaltung stand schon ein bisschen unter dem Corona-Einfluss, man reagierte achtsamer auf Hustende und tauschte sich aus über das immer näher rückende Virus. Dass schon eine Woche später der Ausnahmezustand herrschen würde, konnte sich noch niemand vorstellen. Aber es werden Mahnungen laut, dass man die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren soll.

Am 11. März 2020 erklärte die WHO den Corona-Ausbruch offiziell zu einer Pandemie. Wir ahnen nun schon, dass geöffnete Bibliotheken bald Vergangenheit sein werden. Man kann sich telefonisch für eine Woche krankschreiben lassen, damit man den Wartezimmern fernbleibt. Am nächsten Tag überschlagen sich die Ereignisse stündlich. Es kommt die erwartete Schließungswelle:

Ab 13. März bleiben die Bibliotheken, Theater und Museen bis vorerst 20. April geschlossen. Von einem Tag auf den anderen. Das erfordert blitzartig vielerlei Maßnahmen, um alle Besucherinnen und Besucher entsprechend zu informieren und finanziellen Schaden von ihnen abzuwenden. Wir tun, was wir können und arbeiten erst einmal in unseren Büros weiter. Am Abend wollten wir eigentlich zu einem Konzert von Lord Bishop gehen ins Kino Kiste, aber auch das wurde abgesagt. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern dürfen nicht mehr stattfinden. Es ist plötzlich eine sehr merkwürdige Stimmung. Über allem, was für die nächsten Wochen und Monate geplant war, schwebt ein großes Fragezeichen. Und wieder begegnet mir Corona auf makabre Weise:

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Am 14. März warnt Gesundheitsminister Spahn vor Falschmeldungen, dass massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens geplant seien. Das würde nicht stimmen. Hm, heute wissen wir es besser.

16. März. Wir versammeln uns zu einer Mitarbeiterrunde. Die Leiterin der Bibliothek teilt uns mit, welche Anweisungen von nun an zu befolgen sind. Es ist das letzte Mal, dass wir so versammelt sind, denn wir müssen uns vereinzeln. Einige unterstützen von nun an die Arbeit im Gesundheitsamt. Neue Bücher werden natürlich trotzdem weiter geliefert und es ist traurig, dass sie nun länger als einen Monat auf ihre Leser warten müssen

Schulen, Unis und Kitas werden geschlossen.

17. März. Morgen würde zum 69. Mal die Reihe „Schwebende Bücher“ stattfinden. Eine Radiosendung bringt mich auf die Idee, mit Kerstin unsere Buchempfehlungen in einem Podcast zu veröffentlichen. Wir brauchen 4 Stunden, bis die 15 Titel im Kasten sind, denn wir machen das zum ersten Mal und müssen auch mal was wiederholen. Aber es hat sich gelohnt, der Erfolg und die unerwartet große Aufmerksamkeit bestätigen das. Nun werden auch Läden geschlossen. Nur Verkaufsstellen mit Waren des täglichen Bedarfs bleiben geöffnet. Kerstin entschließt sich zu einem Hamsterkauf bei Thalia:

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Das Treffen in Vereinen und auch Gottesdienste sind ab sofort untersagt. Restaurants dürfen vorerst nur bis 18 Uhr öffnen und gewährleisten, dass die Gäste weit genug auseinandersitzen.

Am 18. März beginne ich mit dem Podcast „Tagebuch einer geschlossenen Bibliothek“ und sende jeden Tag (außer Wochenende) einen Beitrag über die Arbeit hinter den Kulissen, denn Außenstehende können sich gar nicht vorstellen, dass wir auch was zu tun haben, wenn geschlossen ist. Mein erster Interviewpartner ist Christoph Kaltenborn, der über die Musikbibliothek berichtet. In den nächsten Folgen stelle ich nach und nach die Kollegen vor, die ich noch in der Bibliothek antreffe, z.B. unsere Azubis, die die Küche auf Hochglanz polieren.

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23. März. Ab heute gehen wir in Homeoffice. Nur die Leiterin der Bibliothek ist jeden Tag vor Ort und hält mit uns per Mail und Telefon Verbindung. Alle haben sich Arbeit mit nach Hause genommen und erledigen viel am PC. Dazu gehören auch Online-Weiterbildungskurse. Das wunderschöne Frühlingswetter steht in krassem Gegensatz zu den Geschehnissen.

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Das Leben wird immer unwirklicher, ich leben wie in einem Traum. Die Aktivitäten wurden von 100 auf 0 runtergefahren, alle fühlen sich ausgebremst. Ich bin gesund, habe aber das Gefühl, dass mir alles entgleitet. Die Struktur fehlt. Alles ist vage und mit großen Fragezeichen versehen. Auf nichts ist Verlass. Ich muss mir gezielt was vornehmen, sonst habe ich das Gefühl, mich aufzulösen. Für mich ist es deshalb sehr wichtig, einmal am Tag aus dem Haus gehen zu müssen. Ich wähle dafür eine sehr menschenarme Zeit und laufe meistens zur Bibliothek. So halte ich mich an die Vorgaben und bin etwas in Bewegung. An diesem Montag interviewe ich für den Podcast Benita Hanke zur aktuellen Lage und fotografiere die leere Bibliothek:

Ansonsten putze ich jeden Tag ca. 15 Regale und kümmere mich um die Regalordnung. Dabei habe ich äußerst passende Buchtitel entdeckt zur aktuellen Lage, aber auch falsch einsortierte Bücher:

und kümmere mich zu Hause im Homeoffice um das Erstellen von Webinaren, Online-Öffentlichkeitsarbeit, Vorbereitung von Programmen zur Leseförderung und informiere mich über Neuigkeiten auf dem Buchmarkt.

24. März. Jetzt müssen Restaurants generell schließen. Menschen sollen 1,5 – 2 Meter Abstand voneinander halten. In Supermärkten werden die Kassen mit Plexiglasscheiben versehen und Abstandmarkierungen auf den Boden geklebt. Man darf nur noch mit Einkaufswagen rein zur Wahrung der Distanz. Neu ist auch die Erfahrung, dass man selbst zur Gefahrenquelle wird und andere sofort einen großen Bogen um einen herum machen. Ich komme mir gemieden vor. Werde ich ja auch und ich selbst verhalte mich natürlich umgekehrt genauso.

Plattform Berlin alive

Unsere Podcasts werden immer beliebter. Wir haben in nicht ganz zwei Wochen 2000 Downloads zu verzeichnen. Ich denke, das ist ganz ordentlich.

Schwebende Bücher on Air (https://www.spreaker.com/show/4263765):

Bibliothekarinnen machen aus der Not eine Tugend und senden den Fans der Literaturempfehlungs-Reihe ihre Lesetipps als Podcast. Die erste Runde erschien am 18.03.2020. Normalerweise stellen sie alle sechs Wochen in gemütlicher Runde die Bücher vor, die sie in dieser Zeit gelesen haben und für empfehlenswert halten. Es wird gelobt und auch heftig kritisiert. Wer möchte, kann in diesem Kreis auch gerne seine Leseerlebnisse mitteilen. Am 29.04.2020 findet die Reihe zum 70. Mal statt. Wir haben dazu den Literaturagenten und RadioEins-Moderator Thomas Böhm eingeladen. Falls dann die Bibliotheken noch geschlossen sind, gibt es die Buchbesprechungen wieder als Podcast.

Tagebuch einer geschlossenen Bibliothek(https://www.spreaker.com/show/4269568):

Die Bibliotheken des Stadtbezirkes sind wie alle anderen öffentlichen Bibliotheken Berlins aus präventiven Gründen vorerst bis zum 19.04.2020 geschlossen. Viele Menschen fragen sich, was wir eigentlich jetzt machen hinter den geschlossenen Türen. Für Außenstehende ist schwer nachvollziehbar, was es im sogenannten Backoffice unabhängig von Öffnungszeiten zu erledigen gibt. Wir öffnen nun für unsere Leser akustisch unsere Türen und lassen sie Einblick nehmen in unsere Arbeit.

Ich überlege mir, was ich tun könnte für die Familien im Haus, denn es sollen ja alle möglichst zu Hause bleiben und nur noch zum Einkaufen oder Spaziergängen / Sport raus. Ich packe einen Korb mit Kinderbüchern und stelle ihn ins Treppenhaus. Wird gut angenommen, das Angebot.

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25. – 27. März. Immer wenn ich die Bibliothek betrete, komme ich an der fast leeren Veranstaltungs-Pinnwand vorbei, den durchgestrichenen Dienstplänen und der leeren Anwesenheitstafel. Sie verbreiten ein komisches Gefühl der Verlassenheit und Traurigkeit.
Meine Schreiberlinge haben mir Sätze zukommen lassen, in denen sie ihre derzeitigen Befindlichkeiten beschreiben und wie sie mit der Situation umgehen. Das ist sehr beeindruckend und auch bedrückend. Ich mache daraus den Samstag-Podcast.
Wie gehts mir – Texte

Mittlerweile darf man nur noch zu zweit rausgehen. Verstöße werden polizeilich geahndet. Ich höre den merkwürdigen Satz: „Die Polizei warnt vor zu viel Freizeitaktivitäten.“ Die TAZ titelt am Wochenende: „Ist Sitzen noch okay?“ Ich schwanke in meiner Meinung wie ein Blatt im Wind. Mal leuchtet mir das alles ein, mal finde ich die Maßnahmen absurd und maßlos übertrieben. Beeindruckend ist auf jeden Fall, wie brav die Bevölkerung das alles mitmacht. Dafür hat sich die Bundeskanzlerin auch bedankt. In der TAZ finde ich eine übersichtliche Darstellung, wo was erlaubt und verboten ist. Da sich das ja ständig ändert, ist so eine Gegenüberstellung auch mal ganz interessant.

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Ich hoffe sehr, dass die Maßnahmen greifen und nichts aus dem Ruder läuft. Jetzt haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, eine absurder als die andere. Dass alles so gewollt ist zur Bereinigung der Wirtschaft oder auch Dezimierung der Weltbevölkerung, dass die Natur uns abstößt, dass es bald einen Militärputsch geben wird und andere wüste Spekulationen.
Meine Reise mit Georg nach Dubai ist nun natürlich auch passé, das Geburtstagsgeschenk für Wolfram hat sich in wertloses Papier verwandelt (Konzertkarten). Vieles andere steht in den Sternen.

30. März. Heute habe ich beim Putzen und Sortieren ein lange vermisstes Buch gefunden. Das sind so kleine Erfolgserlebnisse, die guttun. Ich bin dabei, ein Online-Meeting mit meinen Schreiberlingen vorzubereiten und teste heute schon mal die Möglichkeiten, die die Plattform bietet.

31. März. Heute habe ich einen Termin! Das ist total stressig und aufregend, bin es nicht mehr gewöhnt, an Zeiten gebunden zu sein. Danach putze ich weiter und finde viele tote Fliegen, eine hinter Büchern versteckte Rauchklappen-Abdeckung und unter dem Heizungsgitter zwei abgeschraubte Fensterhaken.

Da jetzt alles online abläuft, sitze ich abends aber noch länger am PC als sonst und versuche, den Überblick zu behalten. Ich habe Angst, dass mir wichtige Dinge entgleiten. Alles ist in der Schwebe. Ich versuche, die Dinge greifbar zu halten, aber das ist nicht so einfach. Plötzlich drängen sich andere Probleme in den Vordergrund und unvorstellbare Vorschriften werden normal. Ja, man gewöhnt sich an den Mindestabstand, an Menschen mit Atemschutzmasken und Gummihandschuhen, man schaut irritiert auf Gruppen ab 3 Personen und Leute, die ungeniert mit bloßen Händen die Haltestangen in öffentlichen Verkehrsmitteln berühren. Wenn man Filme anschaut aus normalen Zeiten, die gefühlt Jahrzehnte zurückliegen, mutet es einen merkwürdig an, dort die Menschen so eng miteinander umgehen zu sehen. Interessant wird es auch später, wenn wir wieder Kontakt haben dürfen. Bleiben dann jetzt antrainierte Verhaltensmuster hängen? Wird es uns schwerfallen, Nähe wieder zuzulassen? Sind wir dann alle wesensverändert, geprägt, geerdet, auf wesentliche Dinge konzentriert, vernünftiger und reflektierter? Heute äußerte jemand die Meinung, dass ja so ein Virus auch eine Funktion, eine Daseinsberechtigung hat. Warum dann nicht auch Covid-19? Was bezweckt die Natur damit?

1. April. Niemandem ist nach Aprilscherzen zumute.

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Ich lenke mich ab mit einem Wörterpuzzle aus der Wochenend-TAZ. Dort wurde ein Wortsalat abgedruckt, den man wieder zusammenfügen sollte. Bis auf wenige Wörter habe ich tatsächlich fast alle verarbeitet:

Auf dem Dach des Freizeitforums wird fleißig gearbeitet. Das ist tröstlich, gibt es einem doch das Gefühl von Normalität. Früher haben wir immer gestöhnt, wenn über unseren Köpfen gehämmert und gebohrt wurde. Jetzt freut man sich darüber. Es sieht so aus, als könnten wir und hoffentlich auch unsere Besucher bald das Dach zum Aufenthalt nutzen. Noch ist alles eine große Baustelle, aber es geht voran. Bänke stehen schon, heute wird das Geländer montiert:

An den blühenden Kirschbäumen auf dem Platz vor dem Freizeitforum erfreuen sich im Moment nur die Bienen, Menschen sind nicht zu sehen.

Ich arbeite mich putzend durch die Bibliotheks-Regale und bin schon ein Stück weit vorangekommen. Ab und zu entdecke außer Staub und teilweise nicht mehr zu identifizierender Objekte wie schon in den vergangenen Tagen Buchtitel, die für die gegenwärtige Situation geschrieben zu sein scheinen. Heute fällt mir ein Buch vor die Füße, das passender nicht sein kann:

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Nach dem täglichen Pensum von 15 Regalen mache ich noch Besorgungen für meine 85jährige Nachbarin. Für sie ist es momentan auch sehr bitter und sie hat große Angst, die Wohnung zu verlassen. Gespräche finden nur an der Wohnungstür statt. Sonst hat sie mich auch gerne mal zum Essen eingeladen und sich über meine Gesellschaft gefreut. Das fällt jetzt weg. Wir winken uns nur noch aus gebührendem Anstand zu. Ich beobachte an mir, dass ich immer weniger einkaufen gehe. Als in seiner Freiheit sonst uneingeschränkter Mensch empfindet man das jetzt notwendige Reglement als herben Einschnitt in die Persönlichkeitsrechte. Es ist bedrückend. In den Nachrichten wird verkündet, dass diese Maßnahmen, Kontaktsperren und die Ausgangsbeschränkungen bis nach Ostern aufrechterhalten werden. War zu erwarten, ist sicher auch vernünftig und trotzdem deprimierend. Erstmals wird Ostern für Gläubige ohne Gottesdienste stattfinden. Es wird nirgendwo ein Osterfeuer geben, über Reiseziele muss man sich gar nicht erst den Kopf zerbrechen.

Die Kunst des digitalen Lebens

Man hört nur noch „Corona“. Egal, wo man hinschaut und -hört. Jetzt kommt meinem seelischen Wohlbefinden meine bisherige Strategie im Umgang mit News sehr zugute. Keine Nachrichten hören, keine Tagesschau und schon gar keine Talkshows anschauen, keine News per Smartphone empfangen. Wichtiges erfahre ich trotzdem, aber es bleibt auch noch Platz für andere Gedanken in meinem Kopf. Ich empfehle hier wärmstens das Buch von Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens.

Auch meine Zebrafinken spielen verrückt. Einer hackt dem anderen das Köpfchen kaputt. Ich kaufe einen zweiten Käfig und schicke das verletzte Vögelchen in Quarantäne.

2. April. Immer öfter in der Diskussion: die Corona-App und ob das Tragen von Schutzmasken Pflicht werden soll. Beim Bahnfahren fällt mir auf, dass nicht alle Fahrer die Türen automatisch öffnen. Wäre aber sinnvoll.

Unser Psychologiebestand birgt eine Menge Buchtitel, die man zu einer Corona-Geschichte verarbeiten könnte:

Ich könnte daraus eine Schreibaufgabe machen für den Online-Schreibzirkel am Samstag. Daran wird auch das Ehepaar Iny Lorentz teilnehmen, unsere Storytauschautoren und ich telefoniere heute mit ihnen, um den Chat vorzubereiten. Mit meinem Kollegen Christoph Kaltenborn bespreche ich seine Idee, in den Podcast Musikrätsel einzubinden.

03. April. Stress!!! Ein Handwerker hat sich für 7 Uhr (!!!) angekündigt, um die Badewannen-Mischbatterie auszutauschen. Mit drei Weckern schaffe ich es auch tatsächlich, rechtzeitig aufzustehen. Hat prima geklappt. Gestern angerufen, heute erledigt.

Da ich die Nachrichtenflut meide, informiere ich mich ab und zu auf der Seite vom Robert-Koch-Institut, dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und bei Statista. Die Zahlen von heute sagen aus, dass es 0,07% aktive Fälle in Deutschland gibt, davon 0,005% mit schwerem bis kritischem Verlauf. Es werden auch vorwiegend absolute Zahlen bei der Berichterstattung verwendet. Aber durch die Darstellung in Prozenten kann man die Gesamtsituation besser erfassen. Es gab bisher 1017 Todesfälle in Deutschland, das sind 0,001% von 80 Mio. Einwohnern. Der Altersmedian liegt dabei bei 82 Jahren. Ich muss gestehen, dass mich diese Zahlen (noch) nicht beängstigen. Nicht vergessen darf man natürlich dabei die Aussage, die immer wieder fällt: Wir stehen noch ganz am Anfang. Heute wurde der Bußgeldkatalog veröffentlicht, der die Ahndung von Verstößen gegen die derzeitigen Regelungen festlegt. Sogar Bibliotheken sind darin bedacht. Wer vor dem 19.04. Bibliotheken öffnet, muss mit einer Strafe von 1000 – 10.000 € rechnen. „Die Öffnung von Bibliotheken ist verboten.“ Irgendwie makaber, aber eben notwendig.

Ich habe meine Passion für diese Zeit gefunden. Stetiges Vor-mich-hin-Putzen beruhigt und man kann zum Feierabend stolz auf ein sichtbares Ergebnis blicken. Aber dafür habe ich in meiner Wohnung das Reinigungsprogramm völlig auf Null gefahren. Langsam fällt das sogar meinem Mann auf!

Wochenende 04./05. April. Am Samstag kamen ungefähr 15 junge Leute zur Schreibwerkstatt, zum ersten Mal in deren 10jährigen Geschichte fand diese online statt. Lustigerweise trudelten die Teilnehmer auch dieses Mal nicht alle pünktlich ein – wie im echten analogen Leben! Irgendwie hat mich das beruhigt. Auch Elmar Wohlrath von Iny Lorentz schaltete sich später dazu und beantwortete Fragen zum Storytausch. Ich habe es sogar geschafft, die Konferenz aufzunehmen, so dass man nochmal nachhören und schauen kann, obwohl es akustisch kein Vergnügen ist. Beim nächsten Mal wird es besser, denn wir wollen uns auf jeden Fall auf diese Weise nochmal mit Iny Lorentz austauschen.

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Der Sonntag lockte auch uns nach draußen. Ziel: das Erpetal. Endlich mal wieder mehrere Schritte am Stück. Irgendwie scheint alles so normal – hier und da Spaziergänger, meistens aber Radfahrer, die Sonne gibt ihr bestes, es herrscht frühlingshafte Aufbruchstimmung, aufatmen, durchatmen. Den Bus zurück haben wir fast alleine und wir denken für den Moment etwas beschämt: So entspannt könnte es eigentlich bleiben!

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06.-08. April. Es geht weiter mit den üblichen tagesfüllenden Dingen wie Recherche, Lesen, Webseite, Putzen, Podcast. Im Freizeitforum gehen die Bauarbeiten auf dem Dach gut voran und der Fensteraustausch hat begonnen. Eine Kollegin von mir wird 60 Jahre und ich versuche, ihrem Schreibtisch einen Hauch von Normalität zu verleihen, wie also sonst die Schreibtische der Jubilare zu liebevoll gestalteten Geburtstagstischen umgestaltet werden. Das Thema ist „Tanz“ und die Geschenke und Glückwünsche orientieren sich daran. Da auch Pflanzen dazugehören, holt sie alles ab und ist völlig von den Socken vor Freude. Sie hat die Anerkennung unbedingt verdient und es ist traurig für sie dass dieser besondere Tag in diese besondere Zeit fällt.

Beim Putzen habe ich hinter Büchern versteckt den Buchdeckel von „Handbuch des Kommunismus“ gefunden. Dem Dieb kam es wohl nur auf den Inhalt an. Und hinter einem Hinweisschild verbarg sich ein Zettel mit einem kurzen Text zum Thema „Zukunft“, den jemand dort deponiert hat. Wie man sieht, kann Putzen auch sehr unterhaltsam und lehrreich sein.

Am Dienstag gabs noch ein schönes Ereignis – unser Kunstautomat wurde geliefert und montiert. Es handelt sich um einen ehemaligen und nun umfunktionierten Zigarettenautomaten. Für 4 € kann man sich eine Schachtel ziehen, in der sich ein kleines Kunstwerk befindet mit Beipackzettel. Darauf findet man Angaben zum Künstler. Es sind alles Unikate. Auch der Automat selbst ist ein Kunstwerk. Er wurde gestaltet von Frank Rexin, zu erkennen an seinen Markenzeichen Raumschiff Enterprise und der Erdbeere. Nun wartet die Kunst auf Kundschaft. Wir im Übrigen auch!

Heute haben wir erfahren, dass mit großer Wahrscheinlichkeit am 20.04.2020 die Bibliotheken noch nicht wieder geöffnet werden. Und wenn, dann unter ganz besonderen Bedingungen, die momentan noch besprochen werden. Heute wäre ich übrigens mit meinem Sohn nach Dubai geflogen.

09. April. Meine heutige Putzaktion fördert ein „Nest“ zutage. Hinter einem großen Technik-Buch hatte jemand irgendwann mehrere CDs und eine Bluray deponiert:

Warum, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte er das alles ausleihen, dann gab es einen Hinderungsgrund und er sicherte die CDs auf diese Weise vor dem Zugriff anderer. Oder er fand es einfach nur lustig. Wir nicht, denn durch solche Späßchen verschwinden die Medien meist für Monate und sind für Interessenten unerreichbar. Um so mehr freue ich mich, diesen Unfug aufgedeckt zu haben.

Als ich dann folgende Bücher in den Händen halte, staune ich nicht schlecht:

Da hatten die Autoren ja wohl schon vor einigen Jahren den siebten Sinn! Passender gehts ja wohl kaum in diesen Corona-Zeiten. Der aktuelle Stand von heute:

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Das sind 0,14% Infizierte und 0,003% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung.

10.-13. April. Ostern. So seltsam war das Osterfest vermutlich noch nie. Da das Wetter sehr schön werden soll, gibt es immer wieder Appelle, die Abstandsregeln einzuhalten. Nun ja, das funktioniert nicht überall, aber im Großen und Ganzen halten sich die Leute daran. Ich bin in dieser Beziehung sehr vorbildlich und isoliere mich in meinem Büro- / Schlafzimmer, um dort mal ganz gründlich zu putzen und aufzuräumen. Die Staubschichten sind erschütternd und würden eine Atemschutzmaske auf jeden Fall rechtfertigen. Es geht tatsächlich der ganze Samstag drauf, um das Zimmer in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Am Sonntag treffe ich mich mit meinem Sohn am Grab seines Vaters auf dem Kaulsdorfer Friedhof und wir pflanzen frische Blümchen. Danach laufe ich von dort an der Wuhle nach Hause und genieße die Sonne. Gefühlt haben sämtliche Einwohner des Stadtbezirkes die gleiche Idee, aber die Menschen verteilen sich auf dem Weg. Den Montag widme ich wieder meiner neu entdeckten Leidenschaft – dem Entstauben und Aufräumen meines privaten Bücherregals. Inzwischen habe ich gelernt, dass man Bücher auch wegwerfen darf. Schnell türmen sich drei Stapel um mich herum auf: „Ab in die Tonne“ / „Für den Büchertrödel in der Bibliothek“ / „Zurück ins Regal“. Natürlich entdecke ich manches Buch auch neu, blättere darin und lese. Und so vergeht der Montag wie im Flug mit der Entdeckungsreise durch meine Privatbibliothek. Nebenbei höre ich RadioEins. Dort wird philosophiert, ob sich die Menschen durch die Corona-Maßnahmen dauerhaft verändern, Positives beibehalten. Wäre schön, aber ich denke, dass alle ganz schnell wieder in den gewohnten Alltagstrott zurück verfallen.

In den Nachrichten wird über die Empfehlungen der Leopoldina berichtet, schrittweise die Schulen wieder zu öffnen. Zitat Deutschlandfunk: „Auch in vielen weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens könnten Beschränkungen schrittweise gelockert werden, etwa im Einzelhandel, im Gastgewerbe und in Behörden. Voraussetzung sei unter anderem, dass die bekannten Hygienemaßnahmen eingehalten würden. Auch private und dienstliche Reisen sollten wieder stattfinden können. Für den öffentlichen Personenverkehr raten die Experten zur Einführung einer Maskenpflicht. „Nach und nach“ sollten auch Veranstaltungen wieder ermöglicht werden.“

Sollte das mit den privaten Reisen tatsächlich erlaubt werden, wäre ich überglücklich. Denn es stehen so einige geplante Ausflüge auf der Kippe, für die ich schon Bahntickets erworben hatte. Noch habe ich nichts storniert. Vielleicht ist das richtig gewesen. Aber wenn Maskenpflicht eingeführt wird im ÖPNV, dann laufe ich. Alles in mir sträubt sich gegen die Vorstellung, mit einem Mundschutz durch die Gegend zu laufen, zumal auf die WHO davon abrät, wenn man gesund ist.

Nun ist Ostern 2020 Geschichte und morgen kann ich wieder putzen gehen!

14. April. Zunächst ein Blick auf die aktuellen Ereignisse.

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Das sind 0,16% Infizierte und 0,004% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung. Alle Augen und Ohren richten sich heute noch aufmerksamer als sonst auf die Medienberichterstattung und die Aussagen der Politiker auf Bundes- und Landesebene. Denn jetzt ist „nach Ostern“. Aber natürlich kehrt noch keine Normalität ein, als wäre nichts gewesen. Gerade sehe ich eine Comedysendung, in der gesagt wird, dass heute das Wort „Normalität“ so oft verwendet wurde, dass bei Streichung desselben die Zeitungen noch nicht mal mehr ein Deckblatt hätten. Wider alle Vernunft hoffen trotzdem viele auf Lockerungen und es wird auch vorsichtig angedeutet, dass diese bald kommen werden, aber erst nach dem 19.04. Ab Donnerstag werden Politiker darüber beraten. Für mich (und viele andere) hängt so einiges davon ab wie z.B. in Kürze geplante Veranstaltungen in der Bibliothek und Reisen.

Auf dem Weg zur Bibliothek fällt mir auf, dass immer mehr Menschen Mundschutz tragen. Vermutlich muss ich mich bald an strafende Blicke gewöhnen.

Die Fachbereichsleiterin Benita Hanke gibt für den Podcast einen Ausblick auf drei diskutierte Varianten, die Bibliotheken wieder zu aktivieren: Versand von Bestellungen, das Apotheken-Modell (bestellen und abholen) sowie das Supermarkt-Modell (kurz Medien auswählen und gleich wieder raus ohne Aufenthalt). Auch meine Kollegin Natalja ist vor Ort und sehr fleißig – sie packt Materiallieferungen aus:

Ich wende mich wieder dem Staub zu und wundere mich, wie viele Bücher sich mit dem Thema „Putzen“ auseinandersetzen. Das war mir vorher gar nicht bewusst:

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Und zum Abschluss dieses Arbeitstages drehe ich dann noch ein sehr schlechtes Selfie-Video für Berlin(a)live, Die digitale Bühne für Kunst und Kultur.
„Berlin kann bestens improvisieren: Wenn die Öffentlichkeit zuhause bleiben muss, bringen wir sie auf einer anderen Ebene zurück. DJ-Battles und Diskussionen, Opern und Performances sowie Konzerte und Vernissagen – alles im Livestream. Wir schaffen einen digitalen Raum für all diejenigen, die Öffentlichkeit brauchen, um zu überleben.“

Wir haben unsere Podcasts dort veröffentlicht und wurden gebeten, ein kurzes Videostatement abzugeben, warum wir die Plattform nutzen:

15. April. Es gibt Neuigkeiten! Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten haben sich heute beraten und eine umfangreiche Beschlussvorlage verfasst, wie weiter zu verfahren ist und in welchen Bereichen Lockerungen möglich sind. Darin heißt es unter Punkt 9:

„…Unter Auflagen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen können folgende Kultureinrichtungen wieder geöffnet werden:
• Bibliotheken und Archive…“

Um diese Auflagen zu erfüllen, sind allerdings noch einige Regelungen und Maßnahmen zu treffen, bevor die Bibliotheken ihre Türen wieder aufschließen können. Der laufende Betrieb wurde am 13. März von 100 auf 0 gestoppt, bestimmte Vorgänge wie z.B. freibuchen der Medien waren die ganze Zeit nicht möglich und müssen nun vor der Öffnung noch erfolgen. Und außerdem bin ich noch nicht fertig mit putzen! Ich will das unbedingt noch schaffen! Heute habe ich mich den Sach-DVDs, Blurays, Sach-Hörbüchern und Software gewidmet. Ganz viele standen an der falschen Stelle und hatten noch Aufkleber „Neu 2018“ (alle abgepult). Eine Kollegin hatte die Idee, ein leeres Regal zugunsten von mehr Platz für Arbeitsplätze wegzuräumen und ich habe mal wieder gestaunt, dass ich nicht selber auf die Idee gekommen bin. Jetzt ist dort viel Luft:

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Und wenn dann die neuen Fenster eingebaut sind, ist das dort bestimmt sehr hell und freundlich. Zwischendurch brachte die Mutter eines Teilnehmers meiner Schreibwerkstatt vier Taschen voller ausrangierter Kinderbücher. Mit zwei schweren Beuteln voller Bücher meiner privaten Aussonderungsaktion war auch ich heute angereist. Genauso bepackt gings dann zum Feierabend nach Hause, denn dank der geschenkten Kinderbücher hatte ich nun die Möglichkeit, den Lesestoff für die Kinder meines Hauses wieder nachzufüllen.

Nun sitze ich hier an meinem PC und mir schwirrt der Kopf bei der Vorstellung, wo ich demnächst überall die reduzierte Öffnung der Bibliotheken eintragen muss – also alles wieder retour, aber trotzdem anders. Ebenso versuche ich, all die notwendigen Schritte zu rekapitulieren, die nun wegen der anstehenden, vermutlich nicht stattfindenden Veranstaltungen, aber der vielleicht stattfindenden Workshops notwendig sind. Die „Schwebenden Bücher“ müssen vorbereitet werden. Wie geht dann der Podcast weiter, welche Reisen muss ich stornieren, welche lieber noch nicht… Jetzt ist wieder vermehrt Kopfarbeit nötig und das ist irgendwie ungewohnt…

16. April. Vom vielen Pantschen im Putzwasser sind meine Hände ziemlich lädiert. Auch mein Handy erkennt meinen Fingerabdruck nicht mehr. Muss ich wohl doch mit Gummihandschuhen aufrüsten. Nach einer wie immer sehr aufwändigen Säuberungsaktion meiner Zebrafinken-Käfige (übrigens besteht die Quarantäne-Regelung für das gerupfte Vögelchen weiter, aber es sind Lockerungen in Sicht 🙂 schleppe ich die vorerst letzte Ladung ausrangierter Bücher in die Bibliothek. Mittlerweile bin ich beim Straßenbahnfahren sehr geübt im „nichts berühren und dabei die Balance halten“.

Nach der gestrigen Verkündigung, dass Bibliotheken unter Auflagen wieder öffnen dürfen, gibt es vieles zu bedenken. Unsere Leser werden davon ausgehen, dass wir am Montag wieder öffnen, aber so einfach ist das nicht, wie ich schon geschrieben hatte. Mein Sohn schickt mir den Link zu einem Interview der TAZ mit Anna Jacobi, der Pressesprecherin der Zentral- und Landesbibliothek, die das Ganze auf den Punkt bringt. Während wir noch überlegen, was jetzt alles zu tun ist (AB neu besprechen, Aushänge und Webseite aktualisieren, welche Schutzmaßnahmen sind erforderlich und was benötigen wir dafür usw.), stellt sich heraus, dass auf der Webseite der Bundesregierung plötzlich nur noch von Bibliotheken der Hochschulen die Rede ist. Große Verunsicherung berlinweit. Was stimmt und was nicht, Öffnung ja oder nein und wenn ja, unter welchen konkreten Auflagen und wie sind diese umzusetzen? Bis zum Feierabend gibt es darauf keine Antworten, aber einen Infotext, mit dem der VÖBB den aktuellen, vorläufigen Stand kommuniziert, bis konkrete Informationen vom Senat vorliegen:

Die Bibliotheken des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) sind voraussichtlich mindestens bis Anfang Mai weiter geschlossen. Die Ausführungsvorschriften zur Wiedereröffnung liegen noch nicht vor, daher können wir Ihnen noch nicht mitteilen, ab wann wir öffnen dürfen und welche Dienstleistungen wir Ihnen dann anbieten können. Wir, Ihre Berliner Öffentlichen Bibliotheken, möchten selbstverständlich gern so bald wie möglich wieder für unser Publikum zur Verfügung stehen. Derzeit arbeiten wir an Modellen, wie zumindest ein eingeschränkter Service wieder möglich gemacht werden könnte. Das ist aber abhängig von den Vorgaben des Senats und den Erfordernissen und Ansprüchen an gesundheitliche Vorsorge für
unsere Nutzer*innen, unser Personal und die gesamte Öffentlichkeit.
Die Häuser des VÖBB haben gemeinsam täglich etwa 30.000 Besuche und sind damit ein besonders intensiv genutzter Ort der Begegnung in unserer Stadt. Die Schließungs-Entscheidung haben wir in Würdigung der derzeitigen Pandemieentwicklung getroffen, um die Ausbreitung des Virus zu hemmen, das Gesundheitssystem vor massiven Belastungen zu bewahren und besonders gefährdete Menschen zu schützen.
Die zurzeit ausgeliehenen Medien werden automatisch verlängert, so dass keine Mahngebühren anfallen werden. Sämtliche analogen Veranstaltungen der VÖBB-Bibliotheken fallen ebenfalls aus.
Ihr VÖBB

Ich aktualisiere unsere Webseite entsprechend, sage auf Facebook die Veranstaltungen bis Ende April ab und werde morgen mit den betroffenen Künstlerinnen über Ersatztermine und Podcast-Beiträge verhandeln. Dann wende ich mich praktischen Dingen zu mit dem wohltuend verlässlichen Ergebnis sauberer Regale und der Bearbeitung druckfrischer Bücher, die bald diese beiden Regale füllen werden.

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Auf dem Nachhauseweg mache ich einen Abstecher zu EDEKA. Ich werde unfreiwillig Zeuge folgender Unterhaltung zwischen zwei stark alkoholisierten alten Männern: „Wieso isst du das nicht, bist du Jude?“ „Ne, dann wäre ich nicht hier, sondern in Buchenwald!“ Beide finden das unglaublich witzig. Im Toilettenpapier-Regal herrscht nach wie vor gähnende Leere bis auf einen einzelnen Karton mit Flaschen. Neugierig inspiziere ich diese genauer und lese staunend auf dem Etikett: „Handdesinfektionsmittel“. Na immerhin, manch einer wird sich darüber freuen.

18. April. Heute lese ich in der TAZ die Kolumne von Lea Streisand. Sie bringt auf den Punkt, warum ich momentan geradezu besessen Bücher sortiere und Regale putze: „Aufräumen hilft. Sortieren. Putzen. Es vermittelt ein Gefühl von Kontrolle, weil es eine Handlung ist, die ein sichtbares Ergebnis nach sich zieht. Aufräumen ist ein Analyseprozess. Es verschafft Durch- und Überblick, genau das, was uns jetzt so fehlt.“ Ich fühle mich verstanden. Vieles war vorher im Fluss, teils in einem bewährten Automatismus, teils an Termine und vorausschauendes Management gebunden, das Koordination und Konzentration erfordert, um alles im Blick zu behalten. Beruflich und privat. Corona hat nun auf Stopp gedrückt. Das bedeutet, sobald wieder auf Play umgeschaltet wird, muss das System von 0 auf 100 hochgefahren werden und das möglichst fehlerfrei. Ich habe das Gefühl, dass mir die Fäden aus der Hand gleiten und ich sie nicht vollständig wieder aufnehmen kann. Es ist wie mit einem Traum, den man am Morgen nicht mehr zu fassen bekommt. Er rutscht weg. Wie die Fäden. Und da ist Putzen jetzt genau das Richtige, was Reelles, Bodenständiges. Lea Streisand meinte auch, dass ihr das Maskengenähe und Balkongesinge zunehmend auf die Nerven ginge. Ich liebe sie für solche Sätze!

Gestern gings hoch her bezüglich der Wiedereröffnung der Bibliotheken. Ich nahm mit meiner Chefin einen Podcast-Beitrag zur aktuellen Situation auf. Sie hat im Moment unglaublich viel zu bewältigen, u.a. muss sie sich um die Beschaffung von Plexiglaswänden, Desinfektionsmittel, Mundschutz, Handschuhen und Absperrband kümmern und für 6 Bibliotheken alles koordinieren. Ich habe die vier Anrufbeantworter neu besprochen, denn die Schließzeit dauert ja nun 3 Wochen länger und neue Hinweisschilder angebracht.

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Und natürlich weitergeputzt. Anvisiert wird der 11. Mai als Tag X. Es wird für uns alle eine große Umstellung werden. Nichts wird mehr so sein wie vorher und das auf lange Zeit. Bibliothek als Aufenthaltsort gibt es vorerst nicht mehr.

Am Abend haben wir in der Bibliotheks-WhatsApp-Gruppe sehr lange und ausführlich über das Ultraschallbild unserer schwangeren Kollegin diskutiert. Erkannt wurde ein Kuscheltier, eine Katze, ein Dinosaurier, eine tanzende Frau und ein Brunnen. Ganz am Rande kam auch ein Kind mit ins Spiel. Wir sind gespannt auf das reelle Ergebnis!

19. April. Diese Meldung weckt bei mir große Hoffnung:

Drosten: Warum Erkältungen gegen Corona immun machen könnten

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20. April. Und schon ist wieder ein Wochenende vorbei. Wir waren „Falken-gucken“, haben die Sonne genossen, empörten uns über die unveränderte Feindschaft zwischen den Zebrafinken-Hennen, eigentlich schon Mobbing und (nun wieder 1. Person) ich frönte meiner Putzsucht, indem ich den Schränken im Flur zu Leibe rückte. Alles raus, staunen, was man dort irgendwann mal verstaut hat, der Hälfte den k.w. – Stempel aufdrücken, wieder einräumen und die Lamellentüren in selbst auferlegter Strafarbeit Strebe für Strebe vom Staub befreien. Aber dann! Großes Staunen, wie weiß die Schränke sein können.

In der Bibliothek ist heute so allerhand los. Ich mache einen Podcast-Rundgang und berichte, was ich alles Neues entdecke. Der kaputte Kühlschrank wird ausgetauscht, Handwerker verhüllen die Regale im Roman-Bereich und den Beratungsplatz nach Christo-Manier, weil die Decke darüber geöffnet werden muss (neue Wasserleitung), die Vitrinen werden mit neuem Inhalt gefüllt (Publikationen der Bibliothek), in der Artothek führt meine Kollegin eine Inventur der Kunstwerke durch, auf der Dachterrasse schreiten die Arbeiten sichtbar voran, mein Kollege Christoph arbeitet kontinuierlich an der Umsystematisierung der Noten, meine Chefin versucht, alles Notwendige für die Wiederöffnung der Bibliotheken in die Wege zu leiten.

Anschließend treffe ich mich mit der Autorin Franziska Hauser. Sie führt mit mir ein Gespräch über meine Schulzeit. Welche Lerninhalte haben bis heute Bestand, welche waren für mein späteres Leben irrelevant, wie denke ich über das damalige und das heutige Schulsystem. Daraus wird ein Artikel für die Zeitschrift „Das Magazin“. Mit Kaffee und Kuchen im Gepäck wandern wir zum Wolkenhain und durch die Gärten der Welt, die momentan durch die blühenden Kirschbäume ein besonders schöner Ort sind. Wir kommen von einem Thema zum nächsten und haben ein paar schöne und inspirierende Stunden miteinander. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, die nächste Storytauschautorin zu werden, erzähle ein bisschen über die bisherigen Jahrgänge und wir stellen fest, dass wir einige gemeinsame Bekannte haben.  Corona spielt kaum eine Rolle, was auch mal sehr wohltuend ist.

Die Maskenpflicht ist immer häufiger in aller Munde und ich sehe mich schon sehr viel laufen. Aus dieser Perspektive betrachtet, begrüße ich eventuelle strengere Auflagen. Denn ich werde alles tun, um diesem Zwang zu entkommen.

21. April. Im Fernsehen, Radio, News, Zeitung: Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht, Maskenpflicht…………….. Nun ist es passiert – ab Montag herrscht in Bus und Bahn Maskenpflicht. Anlass für mich, meine tägliche Schrittzahl zu erhöhen und dem Bewegungsmangel ein Ende zu setzen. 6 km hin und natürlich auch zurück. Sonst siegt meistens die Faulheit oder Zeitnot, jetzt die Sturheit. Ich empfinde diese Zwangsmaßnahme als einen massiven Eingriff in mein Persönlichkeitsrecht. Das mag zu eng gedacht sein und viele werden das nicht nachvollziehen können, wieso ich mich gegen so ein simples Stück Stoff wehre. So what. Wenn ich es umgehen kann, dann werde ich es tun.

Heute morgen habe ich mich mit Antje Püpke in deren Garten getroffen, um einen Podcast-Beitrag aufzunehmen, der schließlich 28 Minuten Länge hatte. Leider ist der Ton durch den heftigen Wind ziemlich schlecht, aber ich hoffe, dass man merkt, wieviel Spaß wir bei unserem Gespräch hatten.

Danach fahre ich zur Bibliothek, um die letzten 10 Regale zu putzen. Dann bin ich durch. Die Handwerker sind auch zugange und fräsen ohne Staubsauger Öffnungen in die Rigips-Deckenplatten. Binnen kürzester Zeit wabert eine feine Staubnebelwolke durch sämtliche Etagen der Bibliothek und setzt sich überall als weiße Schicht ab. Ich könnte heulen. Waren jetzt die vier Wochen putzen umsonst? Dass die Regale beim geplanten Fensteraustausch und grundsätzlich nicht dauerhaft staubfrei sein werden, ist ja klar. Aber diese Arbeiten waren nicht angekündigt und wurden ziemlich rücksichtslos durchgeführt. Naja, ich werde es überleben.

20200421_170452Tapfer widme ich mich dem heutigen Tagesziel, dem Kunstbereich und räume gleich mal Tische und Stühle weg, denn es darf sich ja nach Öffnung niemand für längere Zeit in der Bibliothek aufhalten. Der Senat hat heute auch verkündet, dass die Bibliotheken am 04.05. wieder öffnen. Geplant ist aber der 11.05. Was stimmt nun, was gilt? Die Verwirrung ist groß, auch bei unseren Nutzern.

Auf dem Heimweg erledige ich Bankgeschäfte für meine Nachbarin, kaufe bei Norma dies und das ein und versuche mich zu Hause als Beziehungsberater, um das Eifersuchtsdrama im Vogelkäfig in geordnete Bahnen zu lenken. Vergeblich – sie sind beratungsresistent. Wie das wohl enden mag….

22. April. Der Vormittag vergeht mit dem Umsiedeln meiner Vogeldamen. Nicht so einfach. Nun sitzt die Angriffslustige in Einzelhaft und die Attackierte erfreut sich der liebevollen Aufmerksamkeit zweier Männer:

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Nun bleibt abzuwarten, ob sich die andere beruhigt und ihren Fehler einsieht. Danach mache ich mich auf den Weg zur Bibliothek und prüfe dort als erste Amtshandlung den Verschmutzungsgrad der Regale:

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Ich bin erschüttert. Vier Wochen Arbeit umsonst? Zum Glück sieht es nicht überall so aus, was mich dann ein bisschen beruhigt. Da mir in den letzten Wochen etliche Bücher mit zur Situation passenden Titeln aufgefallen waren, stelle ich diese in einem Motto-Regal zusammen:

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Inzwischen regelt und koordiniert meine Chefin gemeinsam mit den anderen Führungskräften des VÖBB die Wiederöffnung der Bibliotheken und hat schon vieles gestemmt und auf den Weg gebracht. Momentan sieht es so aus, als würde der 11.05. der große Tag werden.

Nun auch mal wieder ein bisschen Statistik. Das letzte Mal hatte ich die Prozentzahlen am 14. April berechnet. Da gab es folgenden Stand: 0,16% Infizierte und 0,004% Tote der gesamtdeutschen Bevölkerung. Aktuell siehts so aus: 0,19% Infizierte und 0,0066% Tote.

25. April. In den letzten Tagen wurde die Prognose zur Gewissheit – die Bibliotheken öffnen wieder am 11.05.2020, es sei denn, die Infektionszahlen schnellen wieder aufgrund der bisherigen Lockerungen in die Höhe. Auf jeden Fall müssen wir uns und unsere Besucher  gründlich auf die veränderten Bedingungen vorbereiten. Meine Aufgabe ist die Kommunikation und Information auf unserer Webseite, Facebook, Newsletter, Google, Anrufbeantworter und das Erstellen eines sogenannten Sprechzettels, auf dem alle wichtigen Dinge, die unsere Leser wissen müssen, aufgelistet werden. Dieser Text wird dann einheitlich verwendet.  Unser Angebot wird auf den reinen Leihbetrieb reduziert, die Besucher werden möglichst einzeln und in Einbahnstraßen durch die Bibliotheken geleitet in beschränkter Personenzahl und Aufenthaltsdauer. Unsere Öffnungszeiten wollen wir im Gegensatz zu anderen Stadtbezirken nicht  verändern. Nun ist plötzlich wieder Kopfarbeit gefragt und ich merke, dass mir konzentriertes und fokussiertes Denken schwer fällt. Fast schaue ich wehmütig auf meine Zeit als „Reinigungskraft“ zurück und freue mich, beim Ordnen der Hörbücher nochmal Zuflucht in eine Fleißarbeit gefunden zu haben mit nur einer richtigen Variante. Etwas Abwechslung zum Feierabend bringt der Gang zum Friedhof und zum Hausarzt, wo ich meine Karte durch ein Hoffenster zum Einlesen  reichen muss. Nur ein Patient darf sich in der Praxis aufhalten. Zu Hause bleibe ich auf der Suche nach zwei identischen Knöpfen am Sortieren der stattlichen Knopfsammlung in meinem Nähschränkchen hängen, nach Größe und Farben. So ordentlich war das darin noch nie!

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Das leidige Thema Mundschutz muss ich nun auch nochmal anschneiden. Ab Montag werde ich ja nun zur 100%igen Fußgängerin. Das wird mir gut tun, keine Frage. Natürlich stoße ich in meinem Umfeld günstigstenfalls auf Verwunderung, die sich aber vermutlich in Ablehnung und Missbilligung umwandeln wird. Natürlich freue ich mich über jede Argumentation in meinem Sinne gegen das Tragen von Masken, aber sie sind selten. Umso mehr habe ich mich heute über zwei Beiträge in der TAZ gefreut. Zum einen von Bettina Gaus: „Und das Volk näht“. „Masken waren erst unnötig, dann waren sie Virenschleudern, dann waren sie eine Höflichkeitsgeste, dann waren sie ein dringendes Gebot, und heute gibt es eine Maskenpflicht“, zitiert sie Christian Lindner. Sie schreibt, dass für sie nur schwer nachvollziehbar sei, „welche bahnbrechend neuen Einsichten ausgerechnet im Zusammenhang mit ein wenig Stoff dazu geführt haben, dass fast die gesamte Zunft einen Kurswechsel um 180 Grad vollzogen hat.“ Aber sie wird den Fetzen aufsetzen, sagt sie, weil sie sich dem sozialen Druck unterwirft und staunt gleichzeitig über sich selbst, weil sie das nie von sich gedacht hätte. Ich halte dem Druck stand, solange es mir möglich ist, habe ich mir jedenfalls vorgenommen. Noch habe ich Möglichkeiten, mich auf maskenlosem Terrain zu bewegen Es ist mir zutiefst zuwider, mir gegen meine Überzeugung und auf der argumentativ sehr wackligen Basis etwas aufzwingen zu lassen. Auch wenn daraus jetzt so ein Hype gemacht wird und die Mehrheit begeistert, ja fast hörig folgt. Bettina Gaus sagt auch, dass ihr vielleicht später diese Zeilen peinlich sein werden. Mir vielleicht auch, ich weiß es nicht. Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt und weiß, dass die ordnungsgemäße Handhabung des Mundschutzes eine hohe Disziplin der Träger erfordert.

  • vor dem Aufsetzen Hände waschen
  • beim Tragen nur an den Gummis berühren
  • nach Durchfeuchtung (und das wird schnell erreicht sein) wechseln
  • vor dem Abnehmen Hände waschen
  • die benutzte und quasi kontaminierte Maske in einen Plastikbeutel stecken, später kochen, bügeln, Backofen usw.
  • vor dem Aufsetzen der nächsten Maske Hände waschen….

Wer bitteschön macht das wirklich? Wenn das aber nicht beachtet wird, wird der Mundschutz zur Virenschleuder.

Der zweite Beitrag in der TAZ ist von Alke Wierth: „Ein Wir-Symbol mit Tücken“. Sie spricht von „halbherziger Maskenpflicht“, weil diese – wenn konsequent – überall gelten müsste, auch im Supermarkt. Und sie geht auf das Wir-Gefühl ein, das sich damit verbindet. Alle mit Maske gegen Corona. Wer dann keine trägt, ist ganz schnell asozial, einer, der andere gefährdet, einer, der sich gefälligst schämen soll. Genau so wird es kommen. Ich werde versuchen, so lange wie möglich diesem Druck standzuhalten, der – wie Alke Wierth anmerkt, einer psychologischen Freiheitsbeschränkung gleichkommt. Mein Beitrag zur Krise: Ich achte auf Einhaltung des Abstandes zu meinen Mitmenschen, wasche mir die Hände, fasse damit nicht in mein Gesicht und atme mit geschlossenem Mund. Das sollte reichen.

Es gibt so viele verschiedene Meinungen selbst unter den Wissenschaftlern und Virologen. Was gestern richtig war, ist heute nicht mehr relevant, was der eine sagt, widerlegt der andere. Die einen gaukeln einen Aufwärtstrend vor, die anderen malen die Corona-Zukunft in schwärzesten Farben. Wenn man versucht, sich umfassend zu informieren, bleibt man ratloser zurück als man vorher war. Jeder hat seine bevorzugten Quellen, weswegen dann auch die Diskussionen der Menschen oft sehr konträr verlaufen. Jedes Bundesland hat seine eigene Strategie mit oft merkwürdigen Argumenten. Heute hü, morgen hott. Ich mag nicht mehr.

27. April. Heute ist mein erster Wandertag. Insgesamt 12 Kilometer. Je eine Stunde hin und zurück. Ist also durchaus machbar. In der Bibliothek habe ich ein Informationsblatt entworfen, die ABs neu besprochen und neue Bücher bearbeitet. Und das Montags-Interview mit meiner Chefin für den Podcast geführt. Auf dem Rückweg wollte ich in einem Schuhladen nach strapazierfähigen Stadt-Laufschuhen Ausschau halten. Da mir das Betreten ohne Maske verwehrt wurde, habe ich eine Kehrtwendung eingelegt. Ok, dann eben nicht. Ich bestelle nun meine Schuhe im Internet.

28. April. Heute wurde erwartungsgemäß beschlossen, dass nun auch in Geschäften Maskenpflicht besteht. Nun, das bedeutet für mich, dass ich sehr viel Geld sparen werde. Man soll ja auch immer in allem eine Chance und Positives sehen. So geht es mir auch bei meiner täglichen Wanderung. Ich bin Corona fast ein bisschen dankbar für mein selbstauferlegtes Fitnesstraining. Sonst siegte ja immer ein bisschen die Bequemlichkeit, aber ich habe in den zwei Tagen schon tolle Entdeckungen gemacht. Erstens eröffneten sich mir in duftender Natur solche Anblicke:

 

Zweitens habe ich entdeckt, dass mir mit Musik im Ohr das Laufen noch mehr Spaß macht und ich mich schwer zusammenreißen muss, nicht lauthals mitzusingen oder zu tanzen. 

Heute wird über notwendige Maßnahmen und organisatorische Details beraten, die nötig sind, um die Bibliothek wieder zu öffnen. Was wird wie abgesperrt, wie erfolgt das Wegeleitsystem, was passiert mit den zurückgegebenen Büchern, denn eigentlich müssen diese auch für drei Tage in Quarantäne, wie sieht es aus mit dem Tragen von Masken und Handschuhen seitens der Besucher und auch für uns? Wieviel Personal ist erforderlich, um alles stemmen zu können? Auf jeden Fall werden mehr benötigt als sonst. Wie viele Menschen dürfen sich gleichzeitig in der Bibliothek aufhalten? Es gibt noch viel zu klären. 

Am Nachmittag „feiere“ ich mit Kerstin Morgenstern und unseren beiden Azubis Elif und Christina unser morgiges 70. Jubiläum „Schwebende Bücher“. Kerstin bekommt von mir für ihre Treue ein passenden Geschenk:

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Wir speichern unsere Literaturempfehlungen als Podcast-Beiträge, die morgen veröffentlicht werden als Ersatz für die ausfallende Veranstaltung. Besonders freue ich mich, dass die beiden jungen Frauen zur Höchstform auflaufen und immer neue Buchbesprechungen mit ins Spiel bringen. Das wird richtig gut!

30. April. Mein gestriger Heimweg zog sich in die Dunkelheit hinein und bescherte mich mit wunderbaren Stimmungsbildern. Dazu frischgewaschene Luft, Rehe, Hasen, Fledermäuse und euphorisierende Musik im Ohr, die mich fast nach Hause tanzen ließ. 

Heute mache ich Homeoffice. Ich schreibe den Newsletter zu Ende und nehme an einem Webinar teil zum Thema „Digitale Leseförderung“. Außerdem bearbeite ich die Standing-Order-Bestelllisten meiner Lektoratsgebiete wie z.B. Psychologie, Pädagogik, Geschichte, Politik und Literatur. Beim Versenden des Newsletters gibt es Probleme, die zu beheben ich nicht in der Lage bin. Eigentlich beiße ich mich an solchen Problemen immer fest, bis ich eine Lösung gefunden habe, aber dieses Mal muss ich kapitulieren und hoffe auf Hilfe von höherer Stelle. 

01. – 05. Mai.  Das Newsletterversand-Problem ist gelöst. Es handelte sich um berlinweites ein Serverproblem, das ich alleine gar nicht hätte lösen können. Nun ist alles wieder gut und der Newsletter ist raus.

Am 2. Mai hat meine Schwiegermama Geburtstag und wir fahren deswegen nach Eisenhüttenstadt. Wir waren nun schon seit 2 Monaten nicht dort und deswegen haben wir diesen Schritt gewagt. Sie hat sich riesig gefreut, auch über unser Geschenk – ein Kühlschrankmagnet mit ihrem Konterfei, angefertigt in der Künstlerwerkstatt von Antje Püpke.  Es ist so gut getroffen!

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Der Tag vergeht mit Sitzen und Essen. Ohne putzen! Das muss ich am Sonntag kompensieren und bringe den letzten, noch nicht gesäuberten Raum meiner Wohnung auf Hochglanz – die Küche. Jetzt bin ich wirklich in jeden Winkel gekrochen und habe wieder den Überblick, was sich in meinen Schränken und Schubfächern verbirgt. Mal schauen, wie lange. Besonders freut es mich, dass die heutige Familienzusammenführung meiner Vögelchen offenbar friedlich abzulaufen scheint. Alle haben sich wieder lieb. Sehr lieb übrigens! Da werde ich wieder etliche Eier aus dem Nest holen müssen.

Abends sind wir zum Spargelessen bei meiner 85jährigen Nachbarin eingeladen. Ja, ich gebe es zu – der zweite Verstoß gegen die Kontaktbeschränkung. Aber wir haben auf den Abstand geachtet. Auch sie leidet unter der Isolation und hat unsere Gesellschaft sehr genossen.

Es ist nach diesem Schlemmerwochenende überaus wohltuend, dass ich am Montag wieder losmarschieren kann. Ich bin mittlerweile tatsächlich fast froh über die Maskenpflicht, denn sonst würde doch immer wieder die Bequemlichkeit siegen. Es ist zwar sehr kühl, aber die Sonne strahlt und ich taumle und stapfe im Rhythmus meiner Lieblingsmusik durch die duftende Landschaft. Der Tierhof Marzahn hat seinen Bewohnern Auslauf gegeben und ich kann kleine Zicklein beobachten, die aus dem Stand heraus lustig rumhopsen. Auch die Schafe haben Nachwuchs und Ponys, Pferde und Esel vervollkommnen die Idylle. Die Kirschbäume verheißen gute Ernte. Es ist schön in Marzahn!

Auf dem Gehwegpflaster kurz vor der Bibliothek hat jemand eine Botschaft für vegane Ernährung hinterlassen, die aber der Regen gnädigerweise schon ziemlich unleserlich gewaschen hat. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man sich für diese Lebensweise entscheidet, aber man sollte auch seinen Mitmenschen die Wahl lassen, ob sie Fleisch essen oder nicht:

In de Bibliothek laufen die Vorbereitungen für Montag auf Hochtouren. Im Foyer des Freizeitforums gibt es schon ein Einbahnstraßen-Wegeleitsystem.

Auch innerhalb der Bibliothek gibt es von Tag zu Tag Fortschritte. Stühle sind weggeräumt, die Plexiglas-Spuckschutzwände werden morgen aufgebaut, alle Computer sind ihrer Tastaturen beraubt, die Tageszeitungen sind nicht frei zugänglich. Desinfektionsmittel, Handschuhe und Mundschutz sind ausreichend vorhanden.

Der Einsatzplan ist fertig, Details geklärt. So dürfen z.B. nur 30 Personen rein, Kinder unter 10 Jahren in Begleitung der Eltern, es besteht Maskenpflicht für alle. Wir dürfen nicht mit den Kunden zusammen zum Regal, alle sollen sich so kurz wie möglich aufhalten. Ich glaube, die Arbeit wird mir unter diesen Vorgaben keinen Spaß mehr machen. Aber darum geht es jetzt auch nicht, Hauptsache, wir können wieder öffnen. Tröstlich ist es, dass die Arbeiten auf dem Dach kontinuierlich voranschreiten und bessere Zeiten versprechen:

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Die Corona-Gesamtsituation ist sehr gut, heute hat RKI-Chef Wieler sogar gelächelt. Durch die vielen Lockerungen haben die Menschen das Gefühl, dass jetzt alles wieder normal wird. Aber es wird eine zweite und dritte Infektionswelle vorausgesagt, die dieser trügerischen Sicherheit gleich wieder einen Fußtritt verpassen. Keiner weiß, was kommt und man darf nicht in die Argumentationsfalle tappen, dass die ganzen Maßnahmen nicht nötig gewesen wären. Vermutlich geht es vergleichsweise ruhig zu in Deutschland, eben weil diese Maßnahmen getroffen wurden.

Ich widme mich heute noch dem Einrichten von 13 iPads für die Bibliothek Kaulsdorf Nord. Wie immer dauert das länger als geplant, aber mit viel Geduld werde ich es schaffen, denke ich.

6. und 7. Mai. Meine täglichen Fußmärsche fallen mir immer leichter und werden selbstverständlicher. Zur Abwechslung habe ich mir in der Onleihe zwei Hörbücher ausgeliehen und verfolge jetzt das Buch „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq mit großen Interesse. Gelesen wird es von Christian Berkel und seine angenehme Stimme macht das Zuhören zum Vergnügen. Es geht um den Literaturwissenschaftler Francois, der tagebuchartig die Zustände in Frankreich im Jahr 2022 und die schleichende Islamisierung des Landes beschreibt. Gelesen hätte ich das Buch wohl niemals, schon wegen der vielen französischen Namen darin, aber wenn man es erzählt bekommt, ist das was ganz anderes. Zwei Stunden pro Tag abtauchen in fremde Welten und trotzdem die Bewegung in die Natur genießen und auch kleine Dinge entdecken:

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In der Bibliothek herrscht reges Treiben. Die geisterhafte Ruhe der letzten Wochen ist vorbei. Überall wuseln Kolleginnen und Kollegen rum und bereiten den Montag vor.

Es werden Bodenmarkierungen geklebt, Plexiglaswände aufgestellt und geputzt, in der Kinderbibliothek gibt es komplette Umräumaktionen. Die Hobbykünstlerin Elke Krause verschönt mit ihren Bildern die Wände.

Ich bin immer noch mit den iPads beschäftigt und nehme sie mit nach Hause, da die Konfiguration mit dem öffentlichen WLAN in der Bibliothek nicht funktioniert. Auch andere Dinge beschäftigen mich, z.B. die Umwandlung einer mp4-Datei in mp3 für unseren Podcast. Man wächst mit seinen Aufgaben! Der Autor Holger Siemann hätte eigentlich am 14. Mai bei uns gelesen und hat mir nun als kleinen Ersatz dafür eine Lesung auf Video geschickt. 

Heute macht sich auf dem Nachhauseweg sehr deutlich bemerkbar, dass die Lockerungen zunehmen. Sonst begegnete einem nur hin und wieder ein Auto, doch jetzt steht man schon mal 1-2 Minuten am Straßenrand, bevor man rüberkommt. Ich muss gestehen, dass ich in solchen Momenten ein bisschen wehmütig den vergangenen Wochen nachtrauere.

Besonders erfreue ich mich aber an meinen Balkonblumen, die den Winter überlebt haben und nun üppig blühen:

Jedenfalls sind wir alle nun gut gerüstet für den Montag und auch ziemlich aufgeregt. Keiner weiß, was auf uns zukommt. Werden wir überrannt? Verhalten sich alle vernünftig? Ich habe auch ein paarmal Dienst als „Türsteher“ und denke, dass es dort am intensivsten wird. Vor allem muss auch ich dann einen Mundschutz tragen. Vermutlich wird die Maskenpflicht als letztes aufgehoben und ich werde wohl noch lange laufen können!

08.-10. Mai. Nochmal Luft holen an diesem verlängerten Wochenende, bevor es am Montag zur Sache geht. Es werden weitere Lockerungen beschlossen mit daran geknüpfte Bedingungen, deren Kontrolle und Umsetzung aber oft zur Farce werden, weil sie in der Praxis schlichtweg zur Auslegungssache werden. Wir tun einfach mal so, als gäbe es Corona nicht und fahren zu unserem neuerworbenen Pachtgrundstück an der Havel, das ein Jahr lang ungenutzt der Rückeroberung durch die Natur „ausgeliefert“ war. Ich finde es irgendwie tröstlich, dass Mutter Erde in der Lage ist, in Windeseile alle menschlichen Spuren zu tilgen. Das hat sie auch hier mit freundlicher Gelassenheit getan. Ein Blick genügt und uns ist klar, dass Faulenzen für die drei freien Tage keine Option sein wird. Bis auf unseren Einkauf im nahegelegenen Supermarkt fällt es uns sehr leicht, nicht mehr an Corona zu denken. Dafür ist gar keine Zeit. Jeder sucht sich eine Wirkungsstelle aus. Mein Mann die Werkstatt, ich die Küche, mein Sohn den Rasen. Aber abends am Feuer, mit einem Glas Rotwein in der Hand und in dicke Decken gehüllt hängen wir unseren Gedanken nach, studieren den beeindruckenden Sternenhimmel und entdecken das einzige uns bekannte Sternbild „Großer Wagen“. 

Am nächsten Tag erkunden wir bei einem Spaziergang unsere neue Zweitheimat. Schauen wir mal. Vielleicht werden wir tatsächlich Datschenliebhaber. Wenn wir ein bisschen Grund reingebracht haben, ist vielleicht auch mal Zeit zum Genießen. Aber vielleicht wird das Grundstück auch schnell zur lästigen Pflicht, dann können wir ja wieder kündigen. Es ist ein Experiment, aber ein schönes. 

 Ab und zu kam mal der Gedanke an Montag auf. Die Ungewissheit, wie wir die Situation meistern werden und was auf uns zukommt, macht mir zu schaffen. Und nicht nur mir!

11. Mai. Noch nie bin ich so ungern zur Arbeit gegangen. Fast habe ich ein bisschen Angst! Die Vorstellung, zwei Stunden mit Maske im Gesicht Türsteher spielen zu müssen, macht mich fertig. Es fällt mir schwer, Maßnahmen nach außen hin zu vertreten, von denen ich selbst nicht überzeugt bin. Das ist Jammern auf hohem Niveau, weiß ich. Deswegen reiße ich mich jetzt zusammen und mache mich auf den Weg. Draußen herrscht zu gestern ein Temperaturgefälle von 20 Grad, aber trotzdem werde ich natürlich laufen. Immer besser als mit Stoffläppchen vor Mund und Nase.

Auch den Rückweg gehe ich wieder zu Fuß und immer noch bereitet mir das Vergnügen. Es ist ziemlich kalt, aber trotzdem tut es so gut, tief durchatmen zu können und das satte Grün tut sein Übriges. 

Die Kastanien geben alles, um die Aufmerksamkeit der Insekten auf sich zu ziehen und nebenbei auch die der Flaneure.

Der erste Öffnungstag war dann doch nicht so dramatisch wie befürchtet. Die Leute waren größtenteils sehr nett und einfach froh, wieder die Bibliothek nutzen zu können. Fast alle setzen auch ganz brav und automatisch den Nasen- und Mundschutz auf. Die zwei Stunden an der Eingangstür zogen sich zäh hin, denn man steht einfach nur da, reicht die Körbe zu und achtet darauf, dass sich alle entsprechend der Vorschriften verhalten. Aber unsere Besucherinnen und Besucher wissen die persönliche Begrüßung zu schätzen und hin und wieder kommt auch ein kleiner Plausch zustande. So bot mir einer unserer sehr lieben und älteren Stammleser an, mich mit nach Hause zu nehmen, äußerte dann aber Bedenken, da seine Frau einen leichten Hang zur Eifersucht habe und wir dann besser doch beide verzichten müssten. Wir lachten beide und er verabschiedete sich mit dem Satz: „Mit Maske sehen Sie noch schöner aus!“ Ich fasse das mal als Kompliment auf.

Grundsätzlich empfinde ich die Gesichtsbedeckung immer noch als anormal. Viele haben sich daran gewöhnt und machen teilweise einen Kult daraus, aber wenn alle so verhüllt sind, hat das für mich etwas Bedrohliches. Es signalisiert: Komme mir nicht zu nahe, ich bin gefährlich, ich will nichts mit dir zu tun haben. Die Mimik ist kaum noch zu erkennen, die Menschen werden so einheitlich, dass persönliche Interaktion kaum möglich ist. Ich spüre, dass diese Abwehr tief in meinem Inneren festsitzt und das eine der seltenen Schlechtes-Bauchgefühl-Situationen ist, denen auch mit Vernunft nicht beizukommen ist.

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Die Corona-Fälle werden dramatisch weniger (das hat bestimmt mit den Masken zu tun!) und ich spare mir deswegen weitere statistische Berechnungen. Die Entwicklung ist sehr erfreulich, aber natürlich gibt es noch lange keine Entwarnung. 

Und nun noch was Schönes. Zum Beethoven-Jahr hat eine meiner Kolleginnen wieder ein Kunstwerk erschaffen, das nun die Musikbibliothek schmückt. Ich bin voller Bewunderung für diese Fleißarbeit:

15. Mai. Und schon sind wieder vier Tage vergangen. Im Prinzip gibt es nichts wesentlich Neues zu berichten. Unsere Bibliotheksbesucher sind sehr diszipliniert, aber man kann sie in zwei Kategorien einteilen. Die Mehrheit folgt brav den Anweisungen und nimmt die Gegebenheiten so hin, wie sie sind. Die anderen sind geradezu panisch davon besessen, alles zu desinfizieren und schrecken vor dem Korb zurück, denen man ihnen zureicht. Der Ansturm bleibt nach wie vor aus, unsere 30 Körbe waren bisher zu keinem Zeitpunkt alle in Benutzung. Vielleicht haben aber auch viele diese Woche noch abgewartet und kommen in der nächsten angestürmt. Man weiß es nicht. Auf RadioEins wurde heute berichtet, dass 52% der Deutschen hinter den Maßnahmen stehen und sie nach wie vor für angemessen halten. Der harte Kern der restlichen 48%  gehört zu denen, die gegen das „Corona-Regime“ demonstrieren oder Verschwörungstheorien anhängen wie z.B. der, dass Bill Gates hinter allem steckt.

Gestern wurde im Hof des Freizeitforums an dem sich wandelnden Schriftzug „Freiheit – Freizeit“ gearbeitet. ich finde das Wortspiel immer wieder sehr originell und vor allem gerade jetzt sehr passend.

 

Während meiner täglichen Wanderungen lausche ich momentan dem Hörbuch „Herr Sonneborn geht nach Brüssel“ und amüsiere mich prächtig. Aber eigentlich ist das gar nicht lustig. Sonneborn ist Europa-Abgeordneter von „Die Partei“ und berichtet, was im Europa-Parlament so abgeht, welche Spielchen auch dort gespielt werden und wie verschwenderisch mit Geld umgegangen wird. Manchmal kann man kaum glauben, dass das eben keine Satire ist. Beim Laufen haben auch die Gedanken mehr Bewegungsfreiheit und ich habe spontan die Idee, die in sich ruhende WhatsApp-Gruppe meiner Schreibwerkstatt zu löschen. Schon lange führe ich dort Selbstgespräche, obwohl die Gruppe 43 Mitglieder hat. Zuhause angekommen, verkünde ich den Teilnehmern gleich meinen Entschluss, bevor ich es mir wieder anders überlege. Doch siehe da, es kommen Proteste! Offenbar leben alle noch. Manchmal muss man eben zu drastischen Maßnahmen greifen.

Jeden Tag staune ich, dass es immer wieder neue Fotomotive gibt, obwohl ich ja nun schon seit zwei Wochen immer denselben Weg laufe.

Nach einigem Zögern in den vergangenen Tagen habe ich mich heute entschlossen, meine BVG-Karte zu verborgen und auch einen dankbaren Abnehmer gefunden. Ich habe mich jetzt so an meinen Arbeitsweg gewöhnt, dass ich gar keine Lust mehr habe, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.

19. Mai. Weiterhin passiert nicht viel Spektakuläres. Deswegen liegen wieder ein paar Tage zurück seit dem letzten Eintrag. Nach einem arbeitsintensiven Wochenendeinsatz auf unserem Pachtgrundstück gehts am Montag gewohnt weiter mit Laufen, Arbeiten und neuen Fotomotiven.

Jetzt höre ich „Hâkan Nesser: 11 Tage in Berlin“, gelesen von Dietmar Bär. Es ist so spannend, dass ich meistens nur ungern am Ziel die Stöpsel aus den Ohren ziehe. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mal so ein Hörbuchfan werde! In der Bibliothek bleibt es nach wie vor sehr ruhig. Den Leuten geht es bei uns wie im Laden – man fiebert dem Moment entgegen, wo man sich die Maske vom Gesicht reißen kann und ein Aufenthalt ist kein Vergnügen. Solange Maskenpflicht besteht, werden wir auch keine Veranstaltungen durchführen. Allein der Gedanke an ein vermummtes Publikum ist absurd. Und somit verschiebt man die Termine von einem Monat auf den anderen.

Zu Hause beschäftige ich mich mit der Aktualisierung der Internetauftritte und der Antragstellung für Fördermittel aus dem Jugenddemokratiefonds. Damit wollen meine Schreiberlinge einen Imagefilm drehen über die Schreibwerkstatt. Finde ich gut, ist schon lange fällig. Eigentlich auch für die Bibliothek. 

Morgen muss ich mit dem Fahrrad fahren, denn ich habe einen Arzttermin. Zu Fuß dorthin und dann noch zur Bibliothek – das schaffe ich leider nicht. Also habe ich heute erstmal im Keller mein Rad entstaubt und Luft aufgepumpt. Ich bin keine gute Radfahrerin, denn ich habe ständig das Gefühl, anderen im Weg zu sein (was vermutlich auch stimmt) und steige deswegen sehr oft ab und schiebe das Rad. Deswegen bin ich damit nicht wesentlich schneller als zu Fuß. 

24. Mai. Meine Radtour am Mittwoch verlief wie erwartet. Vergnüglich ist was anderes, aber ich habe alles erledigt. Allerdings ohne Stöpsel im Ohr. Das ist mir zu gefährlich auf dem Fahrrad. Vorteil: Ich konnte noch einige Besorgungen machen, die ich bisher vor mir hergeschoben hatte. In der Bibliothek erstellte ich mit meiner Chefin den nun wöchentlichen Podcast-Beitrag und wir schafften es tatsächlich, 20 Minuten zu füllen, denn es gab einiges zu berichten.

Und nun liegt ein langes Wochenende hinter mir, denn Freitag und Samstag waren Brückentage. Die haben mein Sohn, dessen Freundin und ich genutzt, um das Havelgrundstück wieder ein Stückchen weiter zu beackern. Allerdings musste ich dafür meine ÖPNV-Verweigerung ignorieren. Meine Vernunft sagte mir, dass ich es mit zwei großen Taschen  bis zum Treffpunkt im Friedrichshain nicht oder nur schwerlich zu Fuß schaffen würde. Im Garten betätigte ich mich mit einer zu meiner eigenen Verwunderung bisher unentdeckten Leidenschaft als Archäologin und legte Wege frei, die vermutlich selbst der Besitzer des Grundstücks nicht kennt. Sie lagen seit Jahren unter der Grasnarbe im Verborgenen und wurden mit Sicherheit auch nicht vermisst. Es ist eine sehr anstrengende, aber total spannende Arbeit mit ähnlichem Effekt wie Putzen. Man hat was geschafft! 

Auch die „Kinder“ rackern sich ab bis zur Erschöpfung. Zufrieden sitzen wir abends am Aztekenofen, blicken stolz auf unser Tagwerk zurück und besprechen motiviert die To-do-Liste der nächsten Zeit. Es gibt allerdings einen kleinen Wermutstropfen. Es gab einen brutalen Überfall auf das Meisenhaus. Wer das wohl gewesen sein mag?

 Bei meinen Zebrafinken zu Hause geht es hingegen immer noch sehr friedlich zu, wie man auf dem Foto sieht. Und auch die Kapkörbchen auf dem Balkon scheinen überaus zufrieden zu sein mit ihrem Dasein. 

Corona spielt momentan in meinem Alltag eine untergeordnete Rolle. Es fühlt sich normal an, zur Arbeit zu laufen (freue mich übrigens schon richtig auf morgen), innerhalb der Familie ist das Virus kaum noch Gesprächsthema und in den Nachrichten deutlich weniger als sonst. Nur die Maskenpflicht und die zunehmenden Corona-Demos machen deutlich, dass wir noch weit entfernt sind von Normalität. Allerdings wurde heute bekanntgegeben, dass Thüringen ab 06. Juni die Maßnahmen zurückschrauben will. Also keine Masken mehr? Vom 01.-05. Juni habe ich Urlaub – der erste in diesem Jahr. Wenn alles gut geht, was ich annehme, werde ich die 5 Tage in der Eifel verbringen, aber vielleicht soll ich auf Thüringen umschwenken? Bodo Ramelow erhält allerdings viel Schelte für seine Pläne, denn auch die deutschlandweiten Restaurantöffnungen haben ja schon Rückschläge gebracht. Abwarten. Der R-Wert liegt heute bei 0,89, die Sterbefallzahlen liegen bei 3% über dem Durchschnitt. Und es wurde erstmals das Corona-Virus in Muttermilch entdeckt. 

Eine ganz neue Dimension kommt nun mit den neuesten Forschungsergebnissen des RKI ins Spiel. Darin heißt es, dass Viren auch über Aerosole übertragen werden können (durch Sprechen, Ausatmen, Singen) und sich bis zu drei Stunden in der Luft halten. Wenn sich diese Ergebnisse verfestigen, werden auch die Abstandsregeln sinnlos. 

Doch nun starte ich erst einmal in die neue Arbeitswoche!

Produktiv – Kreativ – Kommunikativ mit Yo-Pa

Yo, Passt“! So könnte man den heutigen Nachmittag mit dem Poetry-Slam-Master Yo-Pa Neumann von den Kiezpoeten kurz und knapp beschreiben.

24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops lernten auf ganz lockere Art, worauf es ankommt, wenn man einen Text für dieses „Live-Literatur“-Format Slam Poetry verfassen möchte, dass es gewisse Gesetzmäßigkeiten gibt, dass man sein Anliegen in einen Satz packen kann, das Gegenteil dazu beschreibt und diese beiden Gegenpole narrativ verbindet. Die Texte sind zwar an einen zeitlichen Vortragsrahmen gebunden, unterliegen aber ansonsten keinen Stilvorgaben. Sie greifen banale Alltagsgegebenheiten auf, aber auch gesellschaftliche oder existentielle Probleme. Es dauerte nicht lange, bis jeder sein Thema gefunden hatte und die Stifte übers Papier kratzten. Jeder entwickelte dafür seine eigene Strategie:

Die vorgetragenen Ergebnisse beeindruckten in jeder Hinsicht, was sich in der sehr ehrlichen und aufgeschlossenen Feedback-Runde widerspiegelte.

Yo-Pa gab noch viele nützliche Tipps und schlug vor, diesen Schnupperkurs mit weiteren Aufbaukursen fortzusetzen, die man mit einem öffentlichen Poetry Slam abschließen könnte.

Eine wunderbare Idee! Poetry Slam in Marzahn – ein für unseren Stadtbezirk noch sehr ungewöhnliches Veranstaltungsformat. Wir freuen uns darauf!

Die Wunderkammer der Mark-Twain-Bibliothek

Es ist ein Phänomen und immer wieder beglückend, beeindruckend und motivierend, dass sich am ersten Samstag jeden Monats so viele junge schreibinteressierte Menschen um den großen Tisch in der Artothek der Mark-Twain-Bibliothek versammeln, dass die Plätze fast nicht ausreichen. Wer also an der heutigen Jugend zu verzweifeln droht, kann gerne mal vorbeischauen und Hoffnung tanken!  11-35jährige Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßen sich wie bei einem großen Familientreffen und haben sich wie immer viel zu erzählen. Bis die letzten Nachzügler eingetrudelt sind, unterhalte ich mich mit der Autorin Marianne Zückler, die uns am 27.01.2020 zur Gedenkveranstaltung im Kleisthaus erlebt hat und von den Texten „Unwertes Leben“ so beeindruckt war, dass sie uns unbedingt näher kennenlernen wollte. Die dort entstandenen Fotos (© Behindertenbeauftrager / Christian Marquardt) vermitteln wunderbar die feierliche Atmosphäre der Veranstaltung:

Frau Zückler spricht allen nochmal ihre Anerkennung aus und ermutigt zu weiteren Lesungen. Danach überreiche ich den Beteiligten im Auftrag des Abgeordnetenhauses Urkunden und Gutscheine für Englischsprachkurse und gebe einen Ausblick auf kommende Ereignisse und Termine:

  • Freikarten zum Handballspiel der „Füchse“ am 13.02.2020 in der Max-Schmeling-Halle
  • neues Projekt „Singende Worte“ mit Fee Brembeck und Jana Heinicke
  • Fahrt zur Leipziger Buchmesse am 15.03.2020 (fast 100 Reisende!)
  • März-Werkstatt am 07.03.2020: Poetry Slam-Workshop mit Yo-Pa
  • Storytausch mit Iny Lorentz

Und dann kommt ganz besonderer Besuch: Joni, 1/4 Jahr alt mit Mama Jana und Papa Moritz. Letzterer trägt einen riesigen Karton vor sich her, in dem sich viele, viele Exemplare des Buches befinden, das während des von Jana durchgeführten Projektes „Schreib was du willst – aber schreib!“ entstanden ist. Manche Texte wurden im Tonstudio aufgenommen und sind über einen QR-Code nachzuhören.

9783963113253_wDas Buch ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen und hat auch eine ISBN, ist also im Buchhandel erhältlich und kostet 10 €. Auf das Ergebnis können alle sehr stolz sein! Eine Sammlung beeindruckender Texte von nicht minder beeindruckenden Autorinnen und Autoren. Merkwürdigerweise lässt der erwartete Jubel auf sich warten, eine Verhaltensweise im wahrsten Sinne des Wortes – eine verhaltene Weise, Freude zum Ausdruck zu bringen. Überschwänglich ist anders, aber ich denke schon, dass sie es zu schätzen wissen. Geplant ist nun eine Release-Party bzw. Lesung in der Bibliothek, denn die Texte sind so gut, dass sie keinesfalls in der Schublade verschwinden dürfen.

Jana stellt anschließend das neue Projekt von Fee vor, die heute leider nicht mitkommen konnte und es gibt auch schon einen ersten Termin – 20.02.2020 um 15:30 Uhr in der Bibliothek. Leider bleibt ihr nicht viel Zeit mit uns, denn Joni hat Hunger und tut das sehr deutlich hörbar kund. Nach der Verabschiedung der kleinen Familie widmen wir uns dem Schreiben und beginnen mit einer Übung, in der zuerst Wörter gesammelt werden, davon drei verworfen und drei favorisiert werden. Daraus muss eine 5-Minuten-Geschichte konstruiert werden. Die eingescannten Texte sind hier nachzulesen:

5-Minuten-Geschichten

plus ein Nachtrag von Johanna:

5-Minuten-Geschichten Johanna

Sehr hilfreich war dabei für mich mein Lieblingsbuch „Die Wunderkammer der Deutschen Sprache“:

Danach diskutieren wir über das große Thema „Freiheit“. Geplant ist eine gemeinsame Veranstaltung mit der Musikschule Marzahn-Hellersdorf, die im Herbst anlässlich des 30. Jahrestages der deutschen Einheit stattfinden soll. Alle sollen einen kurzen, aber inhaltlich verdichteten Text darüber schreiben, was sie unter Freiheit verstehen und was sie ihnen bedeutet. Diese werden dann zwischen den Musikstücken vorgetragen.

Den Abschluss bildet natürlich eine Runde „Werwolf“, die heute ungewöhnlich kompliziert und lange dauert, aber alle in sehr gelöster Stimmung nach Hause entlässt. Ein ausgefüllter, ereignisreicher Nachmittag. Danke an alle!

Große Resonanz

Wir wurden vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen Jürgen Dusel eingeladen, mit einigen ausgewählten Texten des Projektes „Unwertes Leben“ im Kleisthaus aufzutreten zur dortigen jährlichen Gedenkfeier am 27. Januar 2020: T4_Gedenkveranstaltung_Einleger

Es war uns eine Ehre, diesen Abend mit dem inklusiven A-Capella-Chor Thonkunst aus Leipzig mitgestalten zu dürfen.

Außerdem nahmen wir vom 18. – 28.01.2020 im Abgeordnetenhaus Berlin im Rahmen von denk!mal 2020 an einer Ausstellung teil, die nun in der Mark-Twain-Bibliothek zu besichtigen ist.

Unsere Texte wurden gedruckt und sind nun als Broschüre für 1 € in der Mark-Twain-Bibliothek erhältlich.

 

 

Jugendforum denk!mal 2020

Am 17.01.2020 wurde im Abgeordnetenhaus die Ausstellung zum diesjährigen Jugendforum denk!mal 2020 aufgebaut. Auch unsere Schreibwerkstatt ist dort mit den Texten des Projektes „Unwertes Leben“ vertreten. Keiner unserer bisherigen Publikationen wurde jemals solche Aufmerksamkeit zuteil, viele sehr emotionale Rückmeldungen haben uns gezeigt, dass wir mit den Geschichten und Gedichten die Herzen der Leser erreicht haben. Wir wünschen uns und natürlich auch den vielen anderen, sehr beeindruckenden Ausstellungsbeiträgen viele interessierte Besucher. Bis zum 28.01.2020 kann man diese noch sehen.

Wir wurden weiterhin vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen eingeladen, mit einigen ausgewählten Texten im Kleisthaus aufzutreten zur dortigen jährlichen, öffentlichen Gedenkfeier am 27. Januar 2020 um 19:00 Uhr. Das macht uns sehr stolz und wir freuen uns schon sehr darauf, dort mit einem inklusiven Orchester gemeinsam das Programm zu gestalten. 

T4_Gedenkveranstaltung_Einleger

 

Krimidinner

Szenario: Vor einigen Tagen erhielten die Ehemaligen der Klasse 12 b von der Mark-Twain-Oberschule eine vielversprechende Einladung zum 10-jährigen Klassentreffen. Auch Herr Grünbaum, der damalige Klassenlehrer wurde darin als Gast angekündigt. Die Teilnehmer wurden gebeten, etwas zum Buffet beizusteuern. Fast alle folgten begeistert der Einladung und nach und nach füllte sich die Schulbibliothek, die dafür gemietet wurde. Plötzlich ertönte eine Etage tiefer ein gellender Schrei und alle rannten aufgeregt dorthin, um nachzuschauen, was passiert war. Eine der Organisatorinnen hatte sich kurz vorher auf die Suche nach Herrn Grünbaum begeben und ihn tot aufgefunden. Man kann sich vorstellen, welche Aufregung danach herrschte! Die Schule wurde sofort abgesperrt und niemand durfte das Gebäude mehr verlassen.

Nun begann das große Rätselraten. Wer war der Mörder? In Dreiergruppen begaben sich die ehemaligen Schülerinnen und Schüler auf die Suche nach Hinweisen, Botschaften, Indizien oder gar Beweisen. Es wurden Umschläge mit Geheimschrift gefunden, ein Liebesbrief, ein Kalender mit dem Ultraschallbild eines Embryos darin, Zeitungsausschnitte. Man verdächtigte sich gegenseitig und es wurde allen immer klarer, dass wohl jeder so seine Geheimnisse mit sich rumtrug und nichts so war, wie es schien. Kaum jemand konnte das Bild aufrechterhalten, das die anderen bis zu diesem denkwürdigen Tag von ihm hatten und teilweise taten sich menschliche Abgründe auf. Schließlich einigte man sich darauf, erst mal etwas zu essen, denn die ganzen mitgebrachten Köstlichkeiten standen immer noch unberührt auf dem Buffet und es wäre doch schade gewesen, das alles wegzuwerfen. Herr Grünbaum wäre davon auch nicht wieder lebendig geworden. 

Da alle am Tisch versammelt waren, nutzten sie die Gelegenheit, die zusammengetragenen Fundstücke zu besprechen und sich auch gegenseitig zu befragen. Dabei ging es teilweise hochemotional zu und es stellte sich heraus, dass irgendwie alle auf unterschiedliche Weise in Machenschaften mit dem toten Lehrer verstrickt waren.

Doch wer war nun der Mörder? Oder die Mörderin? Besonders verdächtig war seine Frau, denn sie hatte von der jahrelangen Affäre ihres Mannes mit der nun hochschwangeren Mary erfahren und – wie sie endlich der Klasse gestand – kurz vor dem Treffen noch mit ihm gestritten. Er hätte ihr da auch gesagt, dass er die Scheidung eingereicht habe und ausziehen würde. Frau Grünbaum hatte ihren Mann daraufhin zwar nicht vorsätzlich ermordet, sich aber durch Totschlag im Affekt schuldig gemacht. Nun war zwar die Täterin gefunden, aber Erleichterung wollte sich nicht einstellen, eher Ernüchterung. So hatte sich wohl niemand diesen Abend ausgemalt. Ob es wohl jemals noch ein nächstes Klassentreffen geben wird?

Wir hatten alle einen sehr unterhaltsamen Nachmittag und möchten dem Organisationsteam Jule und Johanna ganz herzlich danken für das Skript und die perfekte Vorbereitung! Mit Musik (Mr. Pianoman Thomas Krüger am Klavier) und Gesang fand das Krimidinner einen gelösten und stimmungsvollen Ausklang.

Des Kaisers neue Kleider

Vor einiger Zeit fiel mir Jorge Bucays Buch „Was Märchen über dich erzählen“ in die Hände. Darin stellt er fest, dass das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ kein klassisches Ende besitzt im Sinne von „… und wenn sie nicht gestorben sind…“ Anreiz genug, in unserer letzten Schreibwerkstatt des Jahres zu versuchen, ein passendes Ende für dieses besondere Märchen zu finden. Wer wissen möchte, welche Konsequenzen der Kaiser aus der Erkenntnis gezogen haben könnte, betrogen worden zu sein, kann das hier nachlesen:

Des Kaisers neue Kleider

Nach drei Runden „Stadt, Land, Fluss“ redeten wir über eine sehr interessante Aktion im Brecht-Haus. Dort kann man einen Text in Auftrag geben gegen eine Spende an PRO ASYL. Wir entschieden uns für die Teilnahme, jeder spendete 1 € und ich rundete auf 30 € auf. Als Textsorte wählten wir ein Horoskop und trugen ein paar Stichwörter zusammen wie z.B.

Mitglieder / Wahnsinn / Autoren / Zukunft / Marzahn / Gay / Neongrün / Stifte / Erfolgreich / Schreibfeder / Untergang / Schreibblockade / Klappentext / Eistee / Mandarine

Nun sind wir total gespannt, wie unser Horoskop ausfallen wird!

Zum Schluss zogen wir eine Fragekarte für unsere monatliche Debattierrunde:

Ein Thema, dass viele Betrachtungsweisen zulässt. Immer wieder spannend und beeindruckend, wie tiefgründig die Diskussionen geführt werden.