Volles Haus

Unser September-Treffen zeichnete sich erfreulicherweise durch ungewöhnlich viele Schreibinteressierte aus. 17 junge Menschen saßen in großer Runde und gebührendem Abstand in der Artothek zusammen. Neu hinzugekommen unser 10jähriges Küken Julia und eine 15jährige und zu meiner großen Freude auch mehrere der „alten Garde“, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Viele studieren mittlerweile und Tim ist jetzt Azubi und somit quasi Kollege in einem anderen Stadtbezirk, nachdem leider seine Bewerbung bei uns von der Auswahlkommission nicht realisiert wurde.

Nach einer Vorstellungsrunde haben wir zunächst kommende Termine und Themen besprochen:

  • 17.09.2021 U18-Wahl in der Bibliothek
  • 18.09.2021 um 15 Uhr Lesefest „Spätlese“ im Bürgerpark Marzahn
  • 14.-17.10.2021 Schreibreise nach Prora
  • 26.10.2021 um 16 Uhr Märchenfest im Freizeitforum mit der Möglichkeit, eigene 5min-Märchen vorzutragen
  • 27.11.2021 um 17 Uhr Storytauschlesung mit Franziska Hauser
  • 11.12.2021 um 17 Uhr Lesung mit Iny Lorentz, Storytauschautoren von 2020
  • Angebot zur Teilnahme an dem Projekt „Urban Sound Marzahn“ – Wie klingt Marzahn? In kleinen Teams werden Musikstücke für ein Klang-Porträt der Lieblingsorte in Marzahn entwickelt.
  • Ausblick auf den Storytauschautor 2022 – Hoffentlich Vincent Kliesch, aber es steht noch nicht 100%ig fest.

Ihr seht – bei uns ist immer was los! Jetzt ist gerade das neue Storytauschbuch in Arbeit. Es gibt noch viel zu tun: Korrektur lesen, Satz und Layout und Isabel Dangus aus unserer Schreibwerkstatt illustriert wieder. Dieses Mal in Öl. Sie hat Kostproben mitgebracht und alle staunen über die Professionalität der Bilder.

Natürlich wurden auch die Geburtstagskinder des letzten Monats gewürdigt. Dann gings endlich los mit Schreiben. Zum Aufwärmen schrieb jeder drei Sätze, von denen einer gelogen war. Die anderen mussten herausfinden, welcher. Gar nicht so einfach. Danach sahen wir uns einen Kurzfilm an, zunächst ohne Ton. Die Aufgabe bestand darin, den Darstellern Worte in den Mund zu legen. Ein nochmaliges Abspielen – dieses Mal mit Ton – brachte die tatsächlichen Dialoge zutage.

Tim hatte auch eine interessante Schreibanregung mitgebracht. Alle sollten sich vorstellen, dass die Wahl schon vorbei ist und ein Szenario entwerfen, wie es in Deutschland in den Monaten danach zugehen wird. Zum nächsten Treffen im Oktober wollen wir uns dann unsere Visionen vorlesen und können dann überprüfen, was davon tatsächlich eingetroffen ist.

Als letzte Aufgabe mussten alle den Namen einer prominenten Person auf einen Zettel schreiben. Diese wurden eingesammelt und neu verteilt. Nun galt es, aus Sicht dieses Promis einen Fanbrief an sich selbst zu schreiben. Also Fanpost mal umgekehrt. Als Beispiel habe ich leider nur den von mir verfassten Brief verfügbar. Bzw. den Brief von Heidi Klum an mich:

„Liebe Renate, du glaubst gar nicht, wie viel es mir bedeutet, dass du immer für mich da warst, mir bis heute ein treuer Fan geblieben bist und stets zu mir gehalten hast. Es ist gar nicht so einfach, den kritischen Blicken der anderen immer standzuhalten. Manchmal habe ich nämlich auch meine schwachen Momente. Dann, in solchen Augenblicken, hilft es mir und baut mich auf, dich an meiner Seite zu wissen. Du bist ein Mensch, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann. Selbst Tom schätzt dich sehr. Manchmal, ehrlich gesagt, ein bisschen zu viel für meinen Geschmack. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht von dir redet, so dass sich bei mir der Verdacht regt, er hätte mich nur geheiratet, um an dich ranzukommen. Aber im selben Moment schäme ich mich für solche Gedanken, sorry. Ich habe mich immer an dir orientiert, vor allem, was das Äußere betrifft. Intelligenzmäßig werde ich dein Niveau wohl nie erreichen, das ist mir bewusst und das akzeptiere ich auch. Muss ich ja. Bitte verlasse mich nicht, du hältst mich aufrecht, ohne dich wäre ich nie zu der geworden, die ich bin. Deine Heidi“

Nach einer obligatorischen Runde Werwolf und viele leere Eistee-Flaschen später geht ein anregender Nachmittag zu Ende. Noch ein bisschen aufräumen, Kuchenkrümel zusammenkehren und Vorbereitung der Artothek für die Klassenführung am frühen Montagmorgen habe auch ich Feierabend und freue mich schon aufs nächste Treffen.

Als wäre nichts gewesen

Welch eine Freude: Schreibwerkstatt in der Bibliothek! Wie lange haben wir darauf gewartet. Seit Oktober schien die Aussicht auf ein ein reales Treffen uneinholbar vor uns herzurennen. Letzten Monat war dann schon die Möglichkeit, dass wir uns im Freien treffen und heute – endlich – versammelte sich die Gruppe wieder in der Artothek. Das allein wäre schon Grund genug zum Glücklichsein gewesen, doch es gab noch einen weiteren Lichtblick: Wir hatten unsere diesjährige Storytauschautorin Franziska Hauser zu Gast. Bisher haben sich die Beteiligten am Storytausch nur online gesehen. Heute konnten sich alle davon überzeugen, dass es uns wirklich gibt.

Nach einer Vorstellungsrunde sprachen wir über unser gemeinsames Schreibprojekt. Ende Juni war eigentlich Abgabetermin für die Texte. Viele sind fertig, einige fehlen noch. Jeder bekommt von Franziska ein Feedback und eventuell Anregungen zur Feinarbeit am Text und die Gelegenheit war günstig, mit ihr darüber zu sprechen.

Sie brachte auch eine Schreibanregung mit. Jeder nannte eine seiner Kernkompetenzen, die anschließend gemischt und neu verteilt wurden. Daraus war dann ein Text zu verfassen. Es war gar nicht so einfach, über eine Fähigkeit zu schreiben, die einem eigentlich ziemlich fremd ist. Hat aber Spaß gemacht. Ich habe noch ein Umknick-Schreibspiel angeleitet, das sehr witzige Ergebnisse zur Folge hatte. Einige hatten Texte zum Vorlesen und Diskutieren dabei. Und zum Abschluss spielten wir nach langer Abstinenz Werwolf. Leider war ich dieses Mal keiner. Das ist nämlich die einzige Rolle, die ich überzeugend darstellen kann.

Das alles wurde in gewohnter Weise von vielen Leckereien begleitet. Von Obst über Actimel bis hin zu selbstgebackenem Kuchen war alles dabei. Es war ein sehr lustiger Nachmittag!

Schreiben im Garten

Wiederbelebt!

Nach siebenmonatiger Pause durfte sich unsere Schreibgruppe wieder in der realen Welt treffen. Mein Versuch, mittels Zoom die Schreibwerkstatt während ihrer rein digitalen Existenz am Leben zu erhalten, gelang mehr schlecht als recht und ich hatte deswegen in pessimistischen Momenten die traurige Vision, dass wir nie wieder zu dem fröhlichen Treiben wie vor der Pandemie zurückfinden würden. Aber wie es aussieht, gibt es für ein solch düsteres Szenario keinen Grund. Elf junge Menschen fanden sich am Treffpunkt Umweltbildungszentrum im Kienbergpark ein und man hatte kurz das Gefühl, Corona hätte es nie gegeben. Fröhlich plaudernd und lachend begrüßten sich alle. Meinem Plan, den langen Tisch am Weg hinter dem ehemaligen Weltacker in Beschlag zu nehmen, waren die pralle Sonne und vor allem Brennesseln zuvor gekommen.

Zum Glück bot Paul uns eine noch viel bessere Alternative an – den Garten seiner Eltern. Gesagt – getan, wir wanderten auf einem wunderschönen Weg dorthin, entlang einer Apfelbaumsorten-Ausstellung. Allerdings schien nur ich diese zu bemerken, der Rest war beschäftigt mit angeregter Konversation.

Im Garten angekommen, hatten wir viele Optionen des Zeitvertreibs: Unkraut jäten, Trampolin aufbauen, Planschbecken aufblasen, schattige Sitzecke einrichten. Wir entschieden uns für letzteres. Der große Tisch war in Sekundenschnelle zur gewohnten Nasch- und Futterinsel umfunktioniert, so dass sich spätestens jetzt echtes Schreibwerkstatt-Feeling einstellte.

Erste Amtshandlung: den Geburtstagskindern der letzten sieben Monate ihre Geschenke überreichen. Danach erzählten wir einander und dem Diktiergerät meines Handys, wie wir die Zeit des 3. Lockdowns verbracht haben, wie es uns ergangen ist und warfen einen vorsichtigen Blick in die Zukunft. Daraus werde ich eine Folge für den Bibliothekspodcast gestalten. Hier schon mal exklusiv vorab:

Danach probierten wir die Geschichtenbox aus. Jeder wählte eine Themenkarte und eine Karte mit Hinweisen zur Schreibtechnik. Die Ergebnisse konnten sich sehen (hören) lassen.

Es ist für mich jedes Mal wieder ein Rätsel, wie man pausenlos quatschen und trotzdem nebenbei tolle Geschichten schreiben kann!

In der zweiten Aufgabe notierten wir reihum ein Wort, das sich auf die Natur bezieht, einen Gegenstand, den wir täglich benutzen und ein Lieblingswort. Mit diesem Wortmaterial musste der Sitznachbar einen Satz formulieren:

Zum Schluss las Cassy ein Gedicht vor, das alle sehr beeindruckte und den Bogen schlug zu unserer Gesprächsrunde am Anfang. Hier der O-Ton:

Werwolf musste ausfallen, da sich erstens kein Spielleiter fand, zweitens ich das Spiel nicht im Gepäck hatte und drittens es schon fast 18 Uhr war. Das holen wir beim nächsten Mal nach – dann bestimmt in der Bibliothek. Ich freue mich drauf!

The last Zoom?

Von Monat zu Monat schleifen wir die Hoffnung auf ein reelles Wiedersehen hinter uns her. Auch das Mai-Treffen musste wieder online stattfinden. Doch nun sehen wir Licht am Ende des Tunnels. Es besteht die begründete Hoffnung auf eine offline-Schreibwerkstatt! Wenn schon nicht in der Bibliothek, dann zumindest unter freiem Himmel. Doch werfen wir vorher noch einen Blick zurück auf die Ergebnisse vom 8. Mai.

Erste Schreibaufgabe

Zur Inspiration wurde folgendes Bild gezeigt:

Davon ausgehend, sollten sich alle Gedanken machen, was dieser Situation vorausgegangen sein könnte und wie es nun weitergeht. Die Story wurde auf Etherpad gemeinsam entwickelt und ist hier nachzulesen:

Zweite Schreibaufgabe

In einer Fortbildung, veranstaltet vom literarischen Colloquium Berlin, lernte ich die Webseite „Echt absolut“ kennen. Dort geht es um das literarische Übersetzen mit Jugendlichen, das nicht zwingend Kenntnisse in der zu übersetzenden Sprache voraussetzt. Aus der umfangreichen Materialsammlung suchte ich mir ein Spiel raus, das sich „Geschummelte Übersetzung“ nennt. Ausgangspunkt war ein schwedisches Gedicht, das nach Gehör ins Deutsche übertragen werden sollte und erstaunlich glaubhafte Ergebnisse zutage förderte:

Original – Ausgangstext aus dem Schwedischen von Lars Gustafsson (2012)

Flickan

En dag står livet

milt leende som en flicka

plötsligt på den andra sidan utav bäcken

och frågar

(på sitt förargliga sätt)

Men hur hamnade Du där?

(https://www.lyrikline.org/de/gedichte/flickan-1550)

Profiübersetzung von Verena Reichel: Lyrik-Übersetzerin mit Sprachkenntnissen der Ausgangssprache

Das Mädchen

Eines Tages steht das Leben

sanft lächelnd wie ein Mädchen

plötzlich auf der anderen Seite des Baches

und fragt

(auf seine spöttische Art)

Aber wie bist du da gelandet?

Schummelübersetzung von Henriette

Ohne Titel 

Ein Hund starrt lebhaft,

mir leiht er einen Blick.

Plötzlich für den anderen, Sie dann unter Schrecken 

Oh der Duft! 

(Für seither furchterregend er saß)

Meines Herzen Heimat du dich traust 

Schummelübersetzung von Louise

Funkeln

Ein Tag in dem die Sterne leben/

mild funkelt die Sonne ins Land/

plötzlich auf der anderen Seite ist ein Bach/

ohh Verlässlicher/

(Im Sitzen die Saat des Frühlings betrachtend)

Mensch was für Freunden bringst du mir dar?

Schummelübersetzung von Cassy

Schummelübersetzung von Klaudia

Dritte Schreibaufgabe

Grundlage für die letzte Übung war diese Webseite: Versteckte Verse

In Originaltexten werden Wörter markiert und alle anderen anschließend geschwärzt. So kristallisierten sich aus dem Grundgesetz, den „Leiden des jungen Werther“, „Hänsel und Gretel“ und anderen Textvorlagen sehr interessante, neue Zusammenhänge heraus. Eine Wortspielerei, die großen Spaß machte:

Und nun freuen wir uns auf den 5. Juni. Drückt uns die Daumen, dass unser Traum vom Wiedersehen in der realen Welt Wirklichkeit wird!

Heute spielen wir

Unter diesem Motto trafen wir uns heute zum regulären Schreibwerkstatt-Samstag auf Zoom, um endlich mal wieder Werwölfe jagen zu können. Das letzte Mal war das vor gefühlt einem Jahr der Fall und somit einfach mal wieder nötig! Nachdem das Februar-Treffen von Corona-Müdigkeit geprägt war, weckte die Aussicht auf unser Lieblingsspiel doch ein paar Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr an den Laptop. Henriette brillierte als souveräne Spielleiterin und gab uns das Gefühl, direkt in der Bibliothek zu sitzen, es war wie in alten Zeiten. Amor, die Seherin, der Obdachlose und andere Dorfbewohner traten gegen die Werwölfe an, die wie immer bis zum Schluss versuchten, die anderen von ihrer Unbescholtenheit zu überzeugen und heimlich des Nachts ein Opfer zu verspeisen. Wir hatten viel Spaß und schafften sogar drei Runden.

Danach gings weiter mit Among Us. Einige verabschiedeten sich aus der Runde, andere kamen dazu – je nach Spielvorlieben. Zugegebenermaßen bin ich dieses Spiel betreffend an Ahnungs- und Kenntnislosigkeit nicht zu überbieten und somit war meine Figur auch gleich nach wenigen Augenblicken tot.

Das war aber nicht weiter schlimm, vermutlich funktionierte der Ablauf danach sogar besser! Ich habe mich jedenfalls gefreut, dass sich der harte Kern mal wieder getroffen hat und ich hoffe inständig, dass in Aussicht stehende wärmere Temperaturen demnächst eine Offline-Vor-Ort-Schreibwerkstatt im Freien möglich machen.

Digitale Ermüdungserscheinungen

Erster Samstag im Monat – Schreibwerkstatt! Das ist seit 10 Jahren eine durch nichts zu erschütternde Tatsache. Weder durch Feiertage, Ferien, schlechtes oder zu gutes Wetter, BVG-Streik, Familienfeiern, bevorstehende Prüfungen noch irgendwelche anderen Hindernisse. Nichts konnte bisher wichtiger sein als das Treffen mit Gleichgesinnten in der Mark-Twain-Bibliothek. Doch Corona hat es geschafft, diese eingeschworene Gemeinschaft in Einzelpersonen zu zerlegen, die sich mehr oder eher weniger gut mit der digitalen Notlösung anfreunden können. Schon seit November – also heute zum vierten Mal – können wir uns nur im virtuellen Raum zusammenfinden. Das wäre ja vielleicht sogar eine gute Alternative, wenn da nicht auch das Homeschooling wäre. Alle, die Schule einigermaßen ernst nehmen (und da zähle ich meine „Schreiberlinge“ dazu), sitzen sowieso schon Stunde um Stunde am PC, um dort den Unterricht der anderen Art zu absolvieren. Und dann auch noch virtuelle Schreibwerkstatt? Ohne die räumliche Nähe in der Bibliothek, ohne gelegentliche Umarmungen, ohne die spür- und sichtbare Verbundenheit und ja – auch ohne Eistee und Knabbereien fehlt einfach die Motivation. Das verstehe ich sehr gut.

So waren wir heute auch nur zu fünft: die zuverlässige Franziska Hauser – unsere Storytauschautorin, drei Teilnehmerinnen und ich. Erst machte sich bei mir ein bisschen Enttäuschung breit, aber letztendlich verstehe ich es. Und wenn man hört, wie es den Jugendlichen momentan so geht und wie sehr ihnen die Bibliothek fehlt, kann man das erst recht nachvollziehen:

Ich hoffe nur, dass wir in Nachcornonazeiten wieder zueinander finden, bin aber zuversichtlich. Wir werden es feiern! Mit einer großen Party!

Trotzdem war unser Treffen letztendlich sehr schön. Wir haben ein bisschen gequatscht, mittels eines Schreibspiels Titel für Netflix-Serien entwickelt und alltägliche Straßenszenen reißerisch kommentiert. Franziska empfahl und noch ein Buch, das sie gerade liest: „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve.

Ob wir uns wohl im März wieder leibhaftig begegnen können?

Wir zoomen uns zusammen

Nie wurde es deutlicher als jetzt im Lockdown – der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen einander, den Austausch, gemeinsame Erlebnisse, Körperkontakt. Ja, man kann vieles kompensieren, sich virtuell treffen, sich sehen, miteinander reden. Man sollte meinen, dass die Rolle von Social Media wichtiger denn je ist und von vielen verstärkt genutzt wird, um die fehlenden Begegnungen zu ersetzen. Aber so ist es nicht. Jedenfalls nicht in der Schreibwerkstatt. Sie lebt von den Treffen in der Bibliothek, der monatlichen Wiedersehensfreude, dem Lachen, den Streitgesprächen, dem gemeinsamen Schreiben. Live. In echt. Zum Anfassen. Momentan dümpeln wir so dahin. Wir treffen uns auf Zoom. Wir besprechen mit Franziska Hauser den Storytausch. Wir schreiben zusammen. Aber es fehlt was. Lebendigkeit, Energie, Geborgenheit, Fröhlichkeit. Wir halten den Laden am Laufen, wie man so schön sagt, aber die Gesichter zeigen deutliche Ermüdungserscheinungen. Alle sehnen sich nach einem Wiedersehen, ohne dafür auf den Bildschirm starren zu müssen. Aber wir machen weiter und lassen uns nicht unterkriegen.

Heute haben wir uns mit Franziska auf Zoom getroffen und sind mit ihren Tipps wieder ein Stück weitergekommen, um unseren gemeinsamen Storytausch zu strukturieren. Sie hatte auch eine schöne Schreibaufgabe im Gepäck. Jeder konnte sich aus inspirierenden Bildern eins auswählen und dazu eine kleine Geschichte oder ein Gedicht schreiben und danach vorlesen. Die Texte waren unglaublich beeindruckend, genau wie ihre Schöpfer. Während sich die Treffen in der Bibliothek meistens über fünf Stunden hinziehen, hält man das am Computer nicht so lange durch. Nach zwei Stunden ist die Luft raus. Aber wir haben uns mal wieder gesehen und gehört. Danke an alle, die teilgenommen haben!

Der Startschuss ist gefallen!

Unser Storytauschprojekt wird 11 Jahre alt! Zum elften Mal schreiben wir gemeinsam mit einem Autor / einer Autorin eine Geschichte, die zum Ende des Jahres mit einer Buchpräsentation vorgestellt wird. In den vergangenen Jahren haben wir mit Jochen Till, Martina Dierks, Thomas Fuchs, Boris Koch, Jenny-Mai Nuyen, Micha Ebeling, Alf Ator, Dietmar Wischmeyer, Thomas Brussig und Iny Lorentz zusammengearbeitet. Für 2021 konnten wir die Autorin und Fotografin Franziska Hauser gewinnen. Coronabedingt haben sich die Teilnehmer bisher nur auf Zoom kennenlernen können.

Heute legten sie in dem Meeting unter Anleitung von Franzi fest, worum es in den Beiträgen gehen wird: Liebe unter Zwang, verbotene Liebe… (nicht zwingend Partnerliebe, sondern Beziehungen jeder Art)

Es wurde noch ein Schwierigkeitsgrad eingebaut. Jeder soll in einer Perspektive und Zeitform schreiben, die er normalerweise nicht verwendet. Und damit kann es dann auch schon losgehen mit allen Freiheiten fürs Fabulieren und Fantasieren. Wer möchte, kann sich noch anschließen. Einfach eine PN schicken.

Wir sehen uns das nächste Mal am 09.01.2021 um 14 Uhr auf Zoom:Zoom-Meeting beitreten https://us02web.zoom.us/j/85359403109?pwd=NG1ZbHMwMjUzeDhyUEZrVGJCQ3lvdz09 Meeting-ID: 853 5940 3109 Kenncode: 794103

Geburtstagsfrühstück

Ausnahmsweise trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schreibwerkstatt an diesem historischen Feiertag schon um 10 Uhr in der geschlossenen Mark-Twain-Bibliothek. Ich hatte zum Frühstück eingeladen, weil ich spätestens 15 Uhr Richtung Franken in Bayern abdüsen wollte. Um den Aspekt des Schreibens während des Essens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hatte jeder die Aufgabe, mit allen Sinnen und Wörtern von A-Z die Atmosphäre einzufangen. Aus der Wortsammlung des Sitznachbarn sollte danach jeder einen Frühstückstext verfassen.

Hier ein paar Beispiele:

Kristina: Zum Geburtstag früh aufstehen, obwohl ich gar nicht so früh aufgestanden bin und ich auch gar nicht Geburtstag habe.
Vielleicht kann gesagt werden, dass der Staat Geburtstag hat, auch wenn das ja nicht ganz richtig ist. Anlass zum Feiern kann immer gefunden werden.
Mit Gegenwind zum Frühstück; es gibt Kuchen mit Blaubeeren und Büchern aus Zucker.
Renate sitzt freudestrahlend wie ein Geburtstagskind am Tisch mit Blumenstrauß und Sektflaschen neben dem Kaffeebecher. Tischgespräche wechseln zwischen Weisheitszähnen, afrikanischen Stämmen und Grundrissen von Wohnungen. Diskussionen über gestern, morgen, heute und dass Trump jetzt Corona hat. Wir fragen uns, wann dieser Wahnsinn ein Ende hat. Ich esse Sojajoghurt, weil es in Gesines Wortliste steht, Dinoschnitzel gibt es nicht. Ich esse mehr Weintrauben während wir philosophischen Fragen nachgehen, und es gibt kein zu früh dafür, wenn es um die Wichtigen Dinge geht. Genauso wie Kaffee und Gesellschaft.  Das absichtliche Klirren von Tassen wird bald unsere Aufmerksamkeit abstumpfen, weil unsere Aufmerksamkeit zu häufig gefragt wurde, aber das wird schon irgendwie.

Paul: Der Ruderclub dreht eine Schleife über den Müggelsee. Das ist Training für den öffentlichen Wettbewerb am Wochenende. Aber erstmal gibt es ein Frühstück auf der Dachterrasse. Alle quatschen durcheinander und es gibt einen Pott mit Müsli neben dem ungewaschenen Essen. Zu trinken gibt es Kaffee. Das Wetter ist schön.

Andreas: Tja, es gab Essen. Was soll ich schreiben. Frühstückskuchen, wie Zuhause. Brownies und ein bisschen Apfelschorle, mehr braucht der Körper nicht. Nebenbei Switch spielen und Lilly davon abhalten, alles zu zerstören und alle umzubringen. Kuchen war lecker. Reste bleiben auf dem Teller. Und nun immer noch der Versuch, etwas zu schreiben. Ich kann noch ein paar Dinge aufzählen, die ich nicht gegessen und getrunken habe: Müsli, Orangensaft, Salami, Paul. Nein, so geht das nicht. Vielleicht wahllos Worte nebeneinander reihen: Chai, Homies, Zimt. Ach, was solls. Das wird heute doch nichts mehr. Besser Schluss machen und nicht weiter Undertale spielen. Hey, ich habe jetzt alle Wörter verbraucht.

Sophie: Bei einem gemeinsamen Frühstück geht es bei uns immer rege zu. Neben essen wird viel geredet. Es gibt Brötchen und Kakao zum trinken. Voraussetzung ist natürlich gut Laune. Während viele quatschen, widmen sich einige Stift und Papier. Schreibspiele stehen immer an der Tagesordnung. Viele Menschen würden dies als komisch empfinden, für uns ist es unser Lebenselixier.

Überraschung

In jeder Schreibwerkstatt werden die Geburtstagskinder des vergangenen Monats geehrt und bekommen von mir ein Geschenk. Dieses Mal wurde von meinen Schreiberlingen der Spieß umgedreht, denn ich gehöre zu den September-Geborenen. Eine kleine Ahnung hatte ich ja schon und ich denke noch mit großer Freude an die Feier im letzten Jahr. Aber was sich meine Lieben in diesem Jahr ausgedacht hatten, übertraf alle meine Erwartungen und Vorstellungskraft. Zunächst war da diese Wahnsinnstorte von Jule und Johanna:

Geplant als doppelstöckige Geburtstagstorte, ging wohl irgendwas schief, wie mir beide betrübt offerierten, aber das tat meiner Freude und Hochachtung vor ihrem konditorreifen Können keinen Abbruch und dem Geschmack sowieso nicht. War die lecker! Gefüllt mit Heidelbeeren – ein Traum! Danach wurde mir von Vic ein Gemeinschaftswerk überreicht: ein immerwährender, sehr individuell und überaus liebevoll gestalteter Kalender. Zwölf junge Leute bestückten zwölf Monate mit zwölf verschiedenen Motiven und Texten. Ein Unikat und Kunstwerk, das mich den Rest meines Lebens begleiten wird.

Doch damit nicht genug, Vic sorgte mit einem Schreibspiel für eine weitere Überraschung. Sie hatte dickes, schon zugeschnittenes und vorgefaltetes Papier mitgebracht. Das verteilte sie an alle Anwesenden, die darauf einen Brief an mich schreiben sollten. Auch ich musste dabei mitmachen. Also schrieb ich einen Brief an mich selbst. Anschließend wurden alle 24 Papierbögen zu unterschiedlich großen Schachteln gefaltet. In die kleinste wanderten ganz viele Wünsche an mich in Form von klitzekleinen Zettelchen. Danach wurden die Schachteln nach dem Matrjoschka-Prinzip ineinandergesteckt und mir überreicht.

Schon allein von der Idee war ich begeistert, aber natürlich war ich nun total neugierig, was mich in den 23 Briefen erwartete. Kaum in Bad Staffelstein angekommen, war nach einem kurzen Rundgang durch das beschauliche Geburtsstädtchen von Rechenmeister Adam Riese

meine erste Amtshandlung, mich in die Lektüre der Briefe zu vertiefen: lachend, weinend, seufzend, glücklich. Danach schrieb ich allen:

„Ihr Lieben, ich bin zutiefst berührt, beglückt, beeindruckt, bewegt, erstaunt und motiviert von euren Briefen, euren tollen Handschriften, Ideen, Zeichnungen und überhaupt von euch allen! Ich bin so froh, euch alle kennenlernen zu dürfen. Ihr seid unglaublich liebenswerte Persönlichkeiten, jeder anders, aber alle bereichernd für mich und so voller erstaunlicher Lebensweisheit! Ihr habt euch in den Briefen mir gegenüber teilweise mehr geöffnet als im direkten Gespräch und auch das hat mich sehr berührt. So bleibt ihr mir noch lange erhalten, auch wenn sich unsere Wege mal trennen sollten. Ich danke euch von ganzem Herzen!“

Es war vor allem natürlich für mich ein wundervoller Vor- und Nachmittag, der mir wieder mal vor Augen geführt hat, welch wunderbare jungen Menschen ich da um mich geschart habe. Beim Lesen der Briefe fiel mir auf, dass die Schreibwerkstatt sehr häufig als Zufluchtsort vor der Realität bezeichnet wurde, als sicherer Hafen, als Treffpunkt von Gleichgesinnten und mir dafür viele dankten. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht und mich darin bestärkt, dass es wichtig ist, weiterzumachen!

Und wieder keinen Werwolf gesichtet!

Während am Freizeitforum täglich Veränderungen zu entdecken sind, bewahrt sich die Schreibwerkstatt die Kontinuität des monatlichen Samstag-Treffens. Daran halten viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unbeirrt fest, dieser Termin hat für sie oberste Priorität!

So trafen sich am 05. September 15 junge Leute, um gemeinsam zu schreiben und Spaß zu haben. Die erste Aufgabe war dem Ausdruck oder der Unterdrückung von Emotionen gewidmet. Jeder sollte sich eine gefühlsbeladene oder -neutrale Situation ausdenken und diese im gegenteiligen Duktus beschreiben. So wurde das Ausfüllen eines Formulars zum hochdramatischen Vorgang und der Tod eines Angehörigen zur Nebensächlichkeit. Sehr interessante Texte wurden anschließend zum besten gegeben.

Die zweite Schreibübung bestand darin, ein Bild, das vorher in der Kunstabteilung auszuwählen war, so zu beschreiben, dass der Nachbar – ohne das Bild gesehen zu haben, dieses mit Hilfe des Textes möglichst nahe am Original zu skizzieren. Keine leichte Aufgabe! Hier vier Beispiele:

Danach war irgendwie die Luft raus und für die Werwölfe brachen gute Zeiten an, denn kaum einer wollte welche jagen. Da auch schon in den letzten Schreibzirkel nichts gegen sie unternommen wurde, haben sie sich bestimmt schon stark vermehrt! Aber zwei Teilnehmerinnen stellten noch ihre Texte zur Diskussion und bekamen ein hilfreiches Feedback aus der Runde.

Wie fast immer blieb nach der offiziellen Verabschiedung noch ein Trüppchen stehen und diskutierte ausgiebig über das Thema „Feminismus“ in all seinen Schattierungen in Geschichte und Gegenwart, seinen Interpretationen und Ausmaßen, Berechtigungen und auch Auswüchsen. Eine Teilnehmerin verabschiedete sich dann mit den Worten:

Ich liebe die Gespräche nach der Schreibwerkstatt!

Das sind die Glücksmomente, die mich optimistisch in die Zukunft schauen lassen!