Geburtstagsfrühstück

Ausnahmsweise trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schreibwerkstatt an diesem historischen Feiertag schon um 10 Uhr in der geschlossenen Mark-Twain-Bibliothek. Ich hatte zum Frühstück eingeladen, weil ich spätestens 15 Uhr Richtung Franken in Bayern abdüsen wollte. Um den Aspekt des Schreibens während des Essens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hatte jeder die Aufgabe, mit allen Sinnen und Wörtern von A-Z die Atmosphäre einzufangen. Aus der Wortsammlung des Sitznachbarn sollte danach jeder einen Frühstückstext verfassen.

Hier ein paar Beispiele:

Kristina: Zum Geburtstag früh aufstehen, obwohl ich gar nicht so früh aufgestanden bin und ich auch gar nicht Geburtstag habe.
Vielleicht kann gesagt werden, dass der Staat Geburtstag hat, auch wenn das ja nicht ganz richtig ist. Anlass zum Feiern kann immer gefunden werden.
Mit Gegenwind zum Frühstück; es gibt Kuchen mit Blaubeeren und Büchern aus Zucker.
Renate sitzt freudestrahlend wie ein Geburtstagskind am Tisch mit Blumenstrauß und Sektflaschen neben dem Kaffeebecher. Tischgespräche wechseln zwischen Weisheitszähnen, afrikanischen Stämmen und Grundrissen von Wohnungen. Diskussionen über gestern, morgen, heute und dass Trump jetzt Corona hat. Wir fragen uns, wann dieser Wahnsinn ein Ende hat. Ich esse Sojajoghurt, weil es in Gesines Wortliste steht, Dinoschnitzel gibt es nicht. Ich esse mehr Weintrauben während wir philosophischen Fragen nachgehen, und es gibt kein zu früh dafür, wenn es um die Wichtigen Dinge geht. Genauso wie Kaffee und Gesellschaft.  Das absichtliche Klirren von Tassen wird bald unsere Aufmerksamkeit abstumpfen, weil unsere Aufmerksamkeit zu häufig gefragt wurde, aber das wird schon irgendwie.

Paul: Der Ruderclub dreht eine Schleife über den Müggelsee. Das ist Training für den öffentlichen Wettbewerb am Wochenende. Aber erstmal gibt es ein Frühstück auf der Dachterrasse. Alle quatschen durcheinander und es gibt einen Pott mit Müsli neben dem ungewaschenen Essen. Zu trinken gibt es Kaffee. Das Wetter ist schön.

Andreas: Tja, es gab Essen. Was soll ich schreiben. Frühstückskuchen, wie Zuhause. Brownies und ein bisschen Apfelschorle, mehr braucht der Körper nicht. Nebenbei Switch spielen und Lilly davon abhalten, alles zu zerstören und alle umzubringen. Kuchen war lecker. Reste bleiben auf dem Teller. Und nun immer noch der Versuch, etwas zu schreiben. Ich kann noch ein paar Dinge aufzählen, die ich nicht gegessen und getrunken habe: Müsli, Orangensaft, Salami, Paul. Nein, so geht das nicht. Vielleicht wahllos Worte nebeneinander reihen: Chai, Homies, Zimt. Ach, was solls. Das wird heute doch nichts mehr. Besser Schluss machen und nicht weiter Undertale spielen. Hey, ich habe jetzt alle Wörter verbraucht.

Sophie: Bei einem gemeinsamen Frühstück geht es bei uns immer rege zu. Neben essen wird viel geredet. Es gibt Brötchen und Kakao zum trinken. Voraussetzung ist natürlich gut Laune. Während viele quatschen, widmen sich einige Stift und Papier. Schreibspiele stehen immer an der Tagesordnung. Viele Menschen würden dies als komisch empfinden, für uns ist es unser Lebenselixier.

Überraschung

In jeder Schreibwerkstatt werden die Geburtstagskinder des vergangenen Monats geehrt und bekommen von mir ein Geschenk. Dieses Mal wurde von meinen Schreiberlingen der Spieß umgedreht, denn ich gehöre zu den September-Geborenen. Eine kleine Ahnung hatte ich ja schon und ich denke noch mit großer Freude an die Feier im letzten Jahr. Aber was sich meine Lieben in diesem Jahr ausgedacht hatten, übertraf alle meine Erwartungen und Vorstellungskraft. Zunächst war da diese Wahnsinnstorte von Jule und Johanna:

Geplant als doppelstöckige Geburtstagstorte, ging wohl irgendwas schief, wie mir beide betrübt offerierten, aber das tat meiner Freude und Hochachtung vor ihrem konditorreifen Können keinen Abbruch und dem Geschmack sowieso nicht. War die lecker! Gefüllt mit Heidelbeeren – ein Traum! Danach wurde mir von Vic ein Gemeinschaftswerk überreicht: ein immerwährender, sehr individuell und überaus liebevoll gestalteter Kalender. Zwölf junge Leute bestückten zwölf Monate mit zwölf verschiedenen Motiven und Texten. Ein Unikat und Kunstwerk, das mich den Rest meines Lebens begleiten wird.

Doch damit nicht genug, Vic sorgte mit einem Schreibspiel für eine weitere Überraschung. Sie hatte dickes, schon zugeschnittenes und vorgefaltetes Papier mitgebracht. Das verteilte sie an alle Anwesenden, die darauf einen Brief an mich schreiben sollten. Auch ich musste dabei mitmachen. Also schrieb ich einen Brief an mich selbst. Anschließend wurden alle 24 Papierbögen zu unterschiedlich großen Schachteln gefaltet. In die kleinste wanderten ganz viele Wünsche an mich in Form von klitzekleinen Zettelchen. Danach wurden die Schachteln nach dem Matrjoschka-Prinzip ineinandergesteckt und mir überreicht.

Schon allein von der Idee war ich begeistert, aber natürlich war ich nun total neugierig, was mich in den 23 Briefen erwartete. Kaum in Bad Staffelstein angekommen, war nach einem kurzen Rundgang durch das beschauliche Geburtsstädtchen von Rechenmeister Adam Riese

meine erste Amtshandlung, mich in die Lektüre der Briefe zu vertiefen: lachend, weinend, seufzend, glücklich. Danach schrieb ich allen:

„Ihr Lieben, ich bin zutiefst berührt, beglückt, beeindruckt, bewegt, erstaunt und motiviert von euren Briefen, euren tollen Handschriften, Ideen, Zeichnungen und überhaupt von euch allen! Ich bin so froh, euch alle kennenlernen zu dürfen. Ihr seid unglaublich liebenswerte Persönlichkeiten, jeder anders, aber alle bereichernd für mich und so voller erstaunlicher Lebensweisheit! Ihr habt euch in den Briefen mir gegenüber teilweise mehr geöffnet als im direkten Gespräch und auch das hat mich sehr berührt. So bleibt ihr mir noch lange erhalten, auch wenn sich unsere Wege mal trennen sollten. Ich danke euch von ganzem Herzen!“

Es war vor allem natürlich für mich ein wundervoller Vor- und Nachmittag, der mir wieder mal vor Augen geführt hat, welch wunderbare jungen Menschen ich da um mich geschart habe. Beim Lesen der Briefe fiel mir auf, dass die Schreibwerkstatt sehr häufig als Zufluchtsort vor der Realität bezeichnet wurde, als sicherer Hafen, als Treffpunkt von Gleichgesinnten und mir dafür viele dankten. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht und mich darin bestärkt, dass es wichtig ist, weiterzumachen!

Und wieder keinen Werwolf gesichtet!

Während am Freizeitforum täglich Veränderungen zu entdecken sind, bewahrt sich die Schreibwerkstatt die Kontinuität des monatlichen Samstag-Treffens. Daran halten viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unbeirrt fest, dieser Termin hat für sie oberste Priorität!

So trafen sich am 05. September 15 junge Leute, um gemeinsam zu schreiben und Spaß zu haben. Die erste Aufgabe war dem Ausdruck oder der Unterdrückung von Emotionen gewidmet. Jeder sollte sich eine gefühlsbeladene oder -neutrale Situation ausdenken und diese im gegenteiligen Duktus beschreiben. So wurde das Ausfüllen eines Formulars zum hochdramatischen Vorgang und der Tod eines Angehörigen zur Nebensächlichkeit. Sehr interessante Texte wurden anschließend zum besten gegeben.

Die zweite Schreibübung bestand darin, ein Bild, das vorher in der Kunstabteilung auszuwählen war, so zu beschreiben, dass der Nachbar – ohne das Bild gesehen zu haben, dieses mit Hilfe des Textes möglichst nahe am Original zu skizzieren. Keine leichte Aufgabe! Hier vier Beispiele:

Danach war irgendwie die Luft raus und für die Werwölfe brachen gute Zeiten an, denn kaum einer wollte welche jagen. Da auch schon in den letzten Schreibzirkel nichts gegen sie unternommen wurde, haben sie sich bestimmt schon stark vermehrt! Aber zwei Teilnehmerinnen stellten noch ihre Texte zur Diskussion und bekamen ein hilfreiches Feedback aus der Runde.

Wie fast immer blieb nach der offiziellen Verabschiedung noch ein Trüppchen stehen und diskutierte ausgiebig über das Thema „Feminismus“ in all seinen Schattierungen in Geschichte und Gegenwart, seinen Interpretationen und Ausmaßen, Berechtigungen und auch Auswüchsen. Eine Teilnehmerin verabschiedete sich dann mit den Worten:

Ich liebe die Gespräche nach der Schreibwerkstatt!

Das sind die Glücksmomente, die mich optimistisch in die Zukunft schauen lassen!

Die Parallel-Werkstatt

Zehn Jahre gibt es nun schon die Schreibwerkstatt. Das muss gewürdigt werden! Wie kann man das besser tun als mit einem Imagevideo, dachten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es bildete sich ein Filmteam, das finanziell unterstützt wird mit Projektmitteln und inhaltlich durch den Landesverband Kinder- und Jugendfilm. In unserem Projekt-Tagebuch findet man dazu alle Details. Der Ablauf der heutigen Schreibwerkstatt war geprägt von den Dreharbeiten, in denen authentische Momente eines typischen Schreibnachmittages eingefangen wurden und einzelne Teilnehmern für den Film interviewt wurden.

Parallel dazu tagte aber ganz normal die Schreibwerkstatt. In großer Runde im doppelten Sinn (zahl- und abstandmäßig) saßen wir in der Artothek-Sauna still vor uns hinschwitzend zusammen und schrieben in erster Runde einen Text, in dem wir Außerirdische an einem Ort auf der Erde landen ließen, der im Anschluss zu erraten war. Aus der Sicht der oder des Außerirdischen sollte dieser Ort beschrieben werden. Dafür mussten möglichst neue Begriffe und Umschreibungen benutzt werden, denn woher soll ein Außerirdischer wissen, dass eine Blume „Blume“ heißt? Während einige nach 20 Minuten fertig waren, befanden sich bei anderen die Außerirdischen noch im Anflug. Landeplätze waren – wie sich später beim Vorlesen herausstellte – unter Wasser, eine Salatschüssel, eine Schule, ein Friedhof u.a.

Danach sollten sich alle ungewöhnliche, nicht unbedingt erstrebenswerte Berufe ausdenken und auf einen Zettel schreiben. Diese wurden eingesammelt und jeder zog sich anschließend wieder einen aus dem Korb. Nun galt es, ein Bewerbungsschreiben zu verfassen, in dem zum Ausdruck kam, dass dieser Beruf schon immer der Lebenstraum desjenigen war und um damit dann in einem Bewerbungsgespräch gegenüber der Runde seine Motivation glaubhaft zu verteidigen. Dabei wurde für Tätigkeiten wie Klobürsten-, Ohrloch-, Gestank-, Anspitzer- und Kondomtester, Partyprinzessin, Alibiverschafferin, Fundbüro-Mitarbeiterin der Kanalisation, Tigermasseur, Pfandflaschenfarbenbestimmer und Kaugummiabkratzerin gekämpft. In den meisten Fällen sehr erfolgreich und vor allem auch sehr unterhaltsam:

Leider war dann schon wieder keine Zeit mehr für Werwolf, weil Renate um 18 Uhr den Nachmittag wegen eines privaten Termins knallhart beendete. Das darf nicht nochmal passieren!

Mit Abstand die wunderbarste Schreibwerkstatt

Man muss fast sagen: „Ein Glück, dass nicht mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 4. Juli zur Schreibwerkstatt kamen!“, da die gegenwärtig geltende Abstandsregelung zum Schutz vor Corona  zur Begrenzung der Personenzahl zwingt. Aber die Anwesenden hatten genug Platz und durften sitzend ihren Mund- / Nasenschutz ablegen. So konnte dann doch ein Stück Normalität Einzug halten. Es gab mal wieder viel zu besprechen, angefangen beim aktuellen Stand zum Storytausch bis hin zu unserem derzeitigen, sehr ambitionierten Filmprojekt mit dem schönen Motto „Jeder kann schreiben“. Wir hatten uns für Mittel aus dem Jugenddemokratiefonds beworben und diese auch bekommen, um einen Imagefilm zum 10jährigen Bestehen der Schreibwerkstatt zu drehen. Zunächst gab es einen Überblick über das Projekt für alle, die nicht direkt daran mitarbeiten. Die nächste Schreibwerkstatt wird zum großen Teil aus Dreharbeiten bestehen. In Vorbereitung darauf waren nun alle aufgefordert, zehn Fragen zur Schreibwerkstatt zu beantworten.

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Wir überlegten auch, wie wir den Erlös aus dem Verkauf der Broschüre mit unseren Texten zum Projekt „Unwertes Leben“ sinnvoll einsetzen können und entschieden uns, das Geld für die Aktion „Mein liebes Kind“ im Museum Reinickendorf zu spenden.

Eine Mitarbeiterin der Bibliothek erzählte mir vor kurzem, sie schreibe auch und hätte unzählige Textanfänge, die sie nie zu Ende gebracht hat. Einen davon ließ sie mir zukommen und jeder in der Runde verfasste eine eigene Version davon, wie die Geschichte weitergehen könnte. Diese gehen zurück an meine Kollegin und sie kann nun aus dem Vollen schöpfen! Wir sind gespannt, welche Variante ihr am meisten zusagt.

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Zum Schluss probierten wir mit großem Vergnügen den Vorschlag einer Teilnehmerin aus, auf eigentlich schöne Dinge wie z.B. Urlaub, Freunde, Blumen, Freizeit Hassreden zu halten. Das müssen wir wiederholen, dann vielleicht mit einer Lobeshymne auf grundsätzlich Unangenehmes oder Widerliches.

Leider reichte zum Werwolf die Zeit nicht mehr, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung

Nach zwei Monaten Abstinenz konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schreibwerkstatt am 06.06.2020 erstmals wieder treffen. Geplant war ein Nachmittag im Kienbergpark. Dort gibt es in der Nähe des Umweltbildungszentrums einen sehr, sehr langen Tisch, an dem wir auch mit Abstand auf jeden Fall alle Platz gefunden hätten. Doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Planung und wir versammelten uns also wie gewohnt in der Artothek der Mark-Twain-Bibliothek.

Jeder hatte für sich einen Tisch zur Verfügung, so dass trotz 17 Teilnehmern alle ein bisschen verloren wirkten in dem großen Raum. Es gab auch nicht wie sonst Kekse und Obst in Selbstbedienung, sondern jeder hatte in Kleingrößen verpackte Kekse auf seinem Tisch liegen und Capri-Sonne, die die Jugendlichen in nostalgischen Erinnerungen schwelgen ließ. Irgendwie süß. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es gab großen Redebedarf nach so langer Zeit, aber wir haben auch geschrieben, nämlich über das Thema Freiheit. Was bedeutet sie uns, was verstehen wir darunter? Es gibt eine innere und äußere Freiheit und entsprechend unterschiedlich waren die Texte, die anschließend vorgelesen wurden. Sie werden zum Herbstkonzert der Musikschule in der Mark-Twain-Bibliothek  noch eine Rolle spielen. Es wird diesem Thema gewidmet sein anlässlich des Jubiläums 30 Jahre deutsche Einheit.

In einer zweiten Schreibaufgabe sollten die Anwesenden ein Ereignis der letzten sieben Tage schildern. Die Texte wurden eingesammelt, gemischt und vorgelesen. Die anderen mussten erraten, wem was passiert war. Spannende Angelegenheit und nicht immer einfach zu lösen.

Natürlich wurde am Ende noch Werwolf gespielt oder wahlweise Schach:

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Ein schöner Nachmittag in vertrauter Runde, der ein kleines Stück Normalität in das Leben im Ausnahmezustand brachte.

 

Produktiv – Kreativ – Kommunikativ mit Yo-Pa

Yo, Passt“! So könnte man den heutigen Nachmittag mit dem Poetry-Slam-Master Yo-Pa Neumann von den Kiezpoeten kurz und knapp beschreiben.

24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops lernten auf ganz lockere Art, worauf es ankommt, wenn man einen Text für dieses „Live-Literatur“-Format Slam Poetry verfassen möchte, dass es gewisse Gesetzmäßigkeiten gibt, dass man sein Anliegen in einen Satz packen kann, das Gegenteil dazu beschreibt und diese beiden Gegenpole narrativ verbindet. Die Texte sind zwar an einen zeitlichen Vortragsrahmen gebunden, unterliegen aber ansonsten keinen Stilvorgaben. Sie greifen banale Alltagsgegebenheiten auf, aber auch gesellschaftliche oder existentielle Probleme. Es dauerte nicht lange, bis jeder sein Thema gefunden hatte und die Stifte übers Papier kratzten. Jeder entwickelte dafür seine eigene Strategie:

Die vorgetragenen Ergebnisse beeindruckten in jeder Hinsicht, was sich in der sehr ehrlichen und aufgeschlossenen Feedback-Runde widerspiegelte.

Yo-Pa gab noch viele nützliche Tipps und schlug vor, diesen Schnupperkurs mit weiteren Aufbaukursen fortzusetzen, die man mit einem öffentlichen Poetry Slam abschließen könnte.

Eine wunderbare Idee! Poetry Slam in Marzahn – ein für unseren Stadtbezirk noch sehr ungewöhnliches Veranstaltungsformat. Wir freuen uns darauf!

Die Wunderkammer der Mark-Twain-Bibliothek

Es ist ein Phänomen und immer wieder beglückend, beeindruckend und motivierend, dass sich am ersten Samstag jeden Monats so viele junge schreibinteressierte Menschen um den großen Tisch in der Artothek der Mark-Twain-Bibliothek versammeln, dass die Plätze fast nicht ausreichen. Wer also an der heutigen Jugend zu verzweifeln droht, kann gerne mal vorbeischauen und Hoffnung tanken!  11-35jährige Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßen sich wie bei einem großen Familientreffen und haben sich wie immer viel zu erzählen. Bis die letzten Nachzügler eingetrudelt sind, unterhalte ich mich mit der Autorin Marianne Zückler, die uns am 27.01.2020 zur Gedenkveranstaltung im Kleisthaus erlebt hat und von den Texten „Unwertes Leben“ so beeindruckt war, dass sie uns unbedingt näher kennenlernen wollte. Die dort entstandenen Fotos (© Behindertenbeauftrager / Christian Marquardt) vermitteln wunderbar die feierliche Atmosphäre der Veranstaltung:

Frau Zückler spricht allen nochmal ihre Anerkennung aus und ermutigt zu weiteren Lesungen. Danach überreiche ich den Beteiligten im Auftrag des Abgeordnetenhauses Urkunden und Gutscheine für Englischsprachkurse und gebe einen Ausblick auf kommende Ereignisse und Termine:

  • Freikarten zum Handballspiel der „Füchse“ am 13.02.2020 in der Max-Schmeling-Halle
  • neues Projekt „Singende Worte“ mit Fee Brembeck und Jana Heinicke
  • Fahrt zur Leipziger Buchmesse am 15.03.2020 (fast 100 Reisende!)
  • März-Werkstatt am 07.03.2020: Poetry Slam-Workshop mit Yo-Pa
  • Storytausch mit Iny Lorentz

Und dann kommt ganz besonderer Besuch: Joni, 1/4 Jahr alt mit Mama Jana und Papa Moritz. Letzterer trägt einen riesigen Karton vor sich her, in dem sich viele, viele Exemplare des Buches befinden, das während des von Jana durchgeführten Projektes „Schreib was du willst – aber schreib!“ entstanden ist. Manche Texte wurden im Tonstudio aufgenommen und sind über einen QR-Code nachzuhören.

9783963113253_wDas Buch ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen und hat auch eine ISBN, ist also im Buchhandel erhältlich und kostet 10 €. Auf das Ergebnis können alle sehr stolz sein! Eine Sammlung beeindruckender Texte von nicht minder beeindruckenden Autorinnen und Autoren. Merkwürdigerweise lässt der erwartete Jubel auf sich warten, eine Verhaltensweise im wahrsten Sinne des Wortes – eine verhaltene Weise, Freude zum Ausdruck zu bringen. Überschwänglich ist anders, aber ich denke schon, dass sie es zu schätzen wissen. Geplant ist nun eine Release-Party bzw. Lesung in der Bibliothek, denn die Texte sind so gut, dass sie keinesfalls in der Schublade verschwinden dürfen.

Jana stellt anschließend das neue Projekt von Fee vor, die heute leider nicht mitkommen konnte und es gibt auch schon einen ersten Termin – 20.02.2020 um 15:30 Uhr in der Bibliothek. Leider bleibt ihr nicht viel Zeit mit uns, denn Joni hat Hunger und tut das sehr deutlich hörbar kund. Nach der Verabschiedung der kleinen Familie widmen wir uns dem Schreiben und beginnen mit einer Übung, in der zuerst Wörter gesammelt werden, davon drei verworfen und drei favorisiert werden. Daraus muss eine 5-Minuten-Geschichte konstruiert werden. Die eingescannten Texte sind hier nachzulesen:

5-Minuten-Geschichten

plus ein Nachtrag von Johanna:

5-Minuten-Geschichten Johanna

Sehr hilfreich war dabei für mich mein Lieblingsbuch „Die Wunderkammer der Deutschen Sprache“:

Danach diskutieren wir über das große Thema „Freiheit“. Geplant ist eine gemeinsame Veranstaltung mit der Musikschule Marzahn-Hellersdorf, die im Herbst anlässlich des 30. Jahrestages der deutschen Einheit stattfinden soll. Alle sollen einen kurzen, aber inhaltlich verdichteten Text darüber schreiben, was sie unter Freiheit verstehen und was sie ihnen bedeutet. Diese werden dann zwischen den Musikstücken vorgetragen.

Den Abschluss bildet natürlich eine Runde „Werwolf“, die heute ungewöhnlich kompliziert und lange dauert, aber alle in sehr gelöster Stimmung nach Hause entlässt. Ein ausgefüllter, ereignisreicher Nachmittag. Danke an alle!

Große Resonanz

Wir wurden vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen Jürgen Dusel eingeladen, mit einigen ausgewählten Texten des Projektes „Unwertes Leben“ im Kleisthaus aufzutreten zur dortigen jährlichen Gedenkfeier am 27. Januar 2020: T4_Gedenkveranstaltung_Einleger

Es war uns eine Ehre, diesen Abend mit dem inklusiven A-Capella-Chor Thonkunst aus Leipzig mitgestalten zu dürfen.

Außerdem nahmen wir vom 18. – 28.01.2020 im Abgeordnetenhaus Berlin im Rahmen von denk!mal 2020 an einer Ausstellung teil, die nun in der Mark-Twain-Bibliothek zu besichtigen ist.

Unsere Texte wurden gedruckt und sind nun als Broschüre für 1 € in der Mark-Twain-Bibliothek erhältlich.

 

 

Jugendforum denk!mal 2020

Am 17.01.2020 wurde im Abgeordnetenhaus die Ausstellung zum diesjährigen Jugendforum denk!mal 2020 aufgebaut. Auch unsere Schreibwerkstatt ist dort mit den Texten des Projektes „Unwertes Leben“ vertreten. Keiner unserer bisherigen Publikationen wurde jemals solche Aufmerksamkeit zuteil, viele sehr emotionale Rückmeldungen haben uns gezeigt, dass wir mit den Geschichten und Gedichten die Herzen der Leser erreicht haben. Wir wünschen uns und natürlich auch den vielen anderen, sehr beeindruckenden Ausstellungsbeiträgen viele interessierte Besucher. Bis zum 28.01.2020 kann man diese noch sehen.

Wir wurden weiterhin vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen eingeladen, mit einigen ausgewählten Texten im Kleisthaus aufzutreten zur dortigen jährlichen, öffentlichen Gedenkfeier am 27. Januar 2020 um 19:00 Uhr. Das macht uns sehr stolz und wir freuen uns schon sehr darauf, dort mit einem inklusiven Orchester gemeinsam das Programm zu gestalten. 

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Krimidinner

Szenario: Vor einigen Tagen erhielten die Ehemaligen der Klasse 12 b von der Mark-Twain-Oberschule eine vielversprechende Einladung zum 10-jährigen Klassentreffen. Auch Herr Grünbaum, der damalige Klassenlehrer wurde darin als Gast angekündigt. Die Teilnehmer wurden gebeten, etwas zum Buffet beizusteuern. Fast alle folgten begeistert der Einladung und nach und nach füllte sich die Schulbibliothek, die dafür gemietet wurde. Plötzlich ertönte eine Etage tiefer ein gellender Schrei und alle rannten aufgeregt dorthin, um nachzuschauen, was passiert war. Eine der Organisatorinnen hatte sich kurz vorher auf die Suche nach Herrn Grünbaum begeben und ihn tot aufgefunden. Man kann sich vorstellen, welche Aufregung danach herrschte! Die Schule wurde sofort abgesperrt und niemand durfte das Gebäude mehr verlassen.

Nun begann das große Rätselraten. Wer war der Mörder? In Dreiergruppen begaben sich die ehemaligen Schülerinnen und Schüler auf die Suche nach Hinweisen, Botschaften, Indizien oder gar Beweisen. Es wurden Umschläge mit Geheimschrift gefunden, ein Liebesbrief, ein Kalender mit dem Ultraschallbild eines Embryos darin, Zeitungsausschnitte. Man verdächtigte sich gegenseitig und es wurde allen immer klarer, dass wohl jeder so seine Geheimnisse mit sich rumtrug und nichts so war, wie es schien. Kaum jemand konnte das Bild aufrechterhalten, das die anderen bis zu diesem denkwürdigen Tag von ihm hatten und teilweise taten sich menschliche Abgründe auf. Schließlich einigte man sich darauf, erst mal etwas zu essen, denn die ganzen mitgebrachten Köstlichkeiten standen immer noch unberührt auf dem Buffet und es wäre doch schade gewesen, das alles wegzuwerfen. Herr Grünbaum wäre davon auch nicht wieder lebendig geworden. 

Da alle am Tisch versammelt waren, nutzten sie die Gelegenheit, die zusammengetragenen Fundstücke zu besprechen und sich auch gegenseitig zu befragen. Dabei ging es teilweise hochemotional zu und es stellte sich heraus, dass irgendwie alle auf unterschiedliche Weise in Machenschaften mit dem toten Lehrer verstrickt waren.

Doch wer war nun der Mörder? Oder die Mörderin? Besonders verdächtig war seine Frau, denn sie hatte von der jahrelangen Affäre ihres Mannes mit der nun hochschwangeren Mary erfahren und – wie sie endlich der Klasse gestand – kurz vor dem Treffen noch mit ihm gestritten. Er hätte ihr da auch gesagt, dass er die Scheidung eingereicht habe und ausziehen würde. Frau Grünbaum hatte ihren Mann daraufhin zwar nicht vorsätzlich ermordet, sich aber durch Totschlag im Affekt schuldig gemacht. Nun war zwar die Täterin gefunden, aber Erleichterung wollte sich nicht einstellen, eher Ernüchterung. So hatte sich wohl niemand diesen Abend ausgemalt. Ob es wohl jemals noch ein nächstes Klassentreffen geben wird?

Wir hatten alle einen sehr unterhaltsamen Nachmittag und möchten dem Organisationsteam Jule und Johanna ganz herzlich danken für das Skript und die perfekte Vorbereitung! Mit Musik (Mr. Pianoman Thomas Krüger am Klavier) und Gesang fand das Krimidinner einen gelösten und stimmungsvollen Ausklang.