Ein Wochenende in Wieck

Nun sind schon wieder drei Jahre vergangen seit unserem Schreibwerkstatt-Ausflug nach Ahlbeck und der Wunsch nach einer Wiederholung wurde immer wieder geäußert. Also hatte ich die Organisation eines zweiten Ausfluges in Angriff genommen und meine Wahl fiel auf Wieck, einem beschaulichen Örtchen nahe Greifswald im gleichnamigen Bodden. Nach einigem Hin und Her, Zu- und Absagen waren es schließlich 9 Teilnehmer, mit mir 10 Personen, die sich auf die Reise begeben wollten. Wer unsere Erlebnisse teilen möchte, ist herzlich eingeladen, dieses Reisetagebuch zu lesen.

Freitag, 18. August 2017

Berlin-Hauptbahnhof, 9:45 Uhr. Ich bin entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten früher als zum verabredeten Zeitpunkt am Bahnsteig und sehe, dass der Zug schon bereitsteht. Ich nutze die Chance und okkupiere gleich mal 10 Plätze im oberen Abteil des Doppelstock-Zuges, indem ich auf jeden Platz eine der bösen Plastikflaschen lege, die ich für die Flaschenpost gekauft hatte. Deswegen bin ich im Vorfeld schon heftigst kritisiert worden: „Du wirst doch keine Plastikflaschen ins Meer werfen!“ Natürlich ist der Einwand berechtigt, aber sie haben nun mal den unschlagbaren Vorteil, dass sie leicht und absolut dicht sind! Na ja, jedenfalls noch schnell eine WhatsApp an alle, wo sie mich finden und dann dauert es auch nicht lange, bis meine Lieblinge alle so eintrudeln. Nur eine fehlt. Ich unternehme mehrere Versuche, sie oder ihre Mutter zu erreichen, vergeblich. Dann kommt eine SMS: „Hallo Renate, ich habe gerade gesehen, dass du versucht hast, mich anzurufen. Was wolltest du?“ Hm, da bin ich nun doch ein bisschen sprachlos. Doch einige Minuten später fällt es ihr wohl ein und sie schiebt hinterher: „Entschuldigung, ich habe gerade gesehen, dass die Fahrt heute losgeht. Wir sind gestern erst aus dem Urlaub zurück und dachten, wir würden erst nächste Woche fahren. Es tut mir leid, dass ihr auf mich gewartet habt.“ Was soll ich dazu sagen? Mir tut es leid, dass sie die Reise umsonst bezahlt hat. Denn Geld gibt es vermutlich so kurzfristig nicht zurück. Also sind wir nur noch neun, die sich nun abenteuerlustig ins Wochenende stürzen. Drei Stunden Zugfahrt müssen nun überbrückt werden, doch das ist kein Problem. Es wird gelesen, geschwatzt, gelacht, gemalt, getrunken (natürlich ganz brav kein Alkohol), gegessen, genascht, geknabbert und geschlafen, so dass Langeweile noch nicht mal im Ansatz eine Chance hat, von uns Besitz zu ergreifen.

In Greifswald angekommen, finden wir problemlos den richtigen Bus nach Wieck. Das Fahrkartenkaufsgespräch mit dem etwas spröden Busfahrer gestaltet sich  klärungsbedürftiger als erwartet, er zieht alle Eventualitäten in Betracht und bietet mir aber letztendlich einen super Schnäppchentarif an. Währenddessen nimmt meine Gefolgschaft schon ihre Sitzplätze ein. Die anderen Fahrgäste scheinen mich entweder nicht wahrzunehmen oder denken, ich stehe dort nur so rum. Anstatt sich hinter mir anzustellen, unterbrechen sie unbeirrt den armen Busfahrer ständig bei seinen Berechnungen für unsere Fahrkarte, drängeln sich an mir vorbei, schubsen mich in die Ecke, kaufen oder zeigen ihre Fahrausweise vor, so dass er ständig von Neuem anfangen muss und seinen Missmut auch laut äußert. Verständlich.  Nun tuckern wir durch die Stadt, dann Plattenbaugebiet mit merkwürdigen Namen wie Ostseeviertel I und II und An den Wurthen, deren Ansage von einigen verstanden und bekichert wird als „An den Gurken“.

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Währenddessen habe ich damit zu tun, mir meinen voluminösen Sitznachbarn vom Leib zu halten. Er scheint ein ständig wachsendes Platzbedürfnis zu haben und sitzt schon fast auf meinem Schoß, als er endlich aussteigen muss. Schließlich sind auch wir am Ziel und marschieren mit ratternden Koffern zielstrebig unserer Unterkunft, dem Maritimen Jugenddorf Wieck – kurz: MAJUWI – entgegen. Wir werden schon erwartet und erfahren, dass wir an dem Wochenende so ziemlich die einzigen Gäste sind.  Ein sehr netter junger Mann wickelt mit mir die umfangreichen, aber erforderlichen Formalitäten ab. Kaution zahlen, Formulare ausfüllen, Organisatorisches besprechen wie z.B. das Grillen am Abend, Bettwäsche, Zimmerübergabe. Er kontrolliert die Funktionstüchtigkeit der Lampen und den Zustand der Zimmer, das Vorhandensein von Putzutensilien und fordert uns auf, jeden vorgefundenen Schaden sofort zu melden, denn was dann bei Abreise-Kontrolle entdeckt wird, geht auf unsere, sprich meine Kappe (Geldbeutel). Sofort inspizieren alle gründlich die Örtlichkeiten und entdecken auch solche Feinheiten wie abgerissene Fensterdichtungen und undichte Waschbecken, aber nicht gründlich genug, wie sich am Sonntag herausstellen wird. Noch schnell die Betten beziehen mit absolut makellos gebügelten und gestärkten Bezügen und aus der Mode gekommenen spannfreien Laken, die beim Aufziehen manchen Probleme bereiten. Ich studiere währenddessen die Mappe mit den ganzen Anweisungen für alle Eventualitäten, Richtlinien und Reglements. Viel Zeit bleibt uns nicht, wir sind um 16 Uhr  für eine Stadtführung in Greifswald angemeldet. Das heißt, zurück zur Bushaltestelle und Fahrt retour. Die meisten sind auch für den  bevorstehenden Regen gut gerüstet.

Pünktlich 16 Uhr sind alle am vereinbarten Treffpunkt: wir, der Stadtführer und der Regen. Eine Stunde lang bleiben wir ein unfreiwilliges Team, jedenfalls von unserer Seite aus! Mal meldet sich der ungebetene Gast leise, aber unaufhörlich, mal auch heftiger, so dass Elise ohne Regenjacke und Schirm völlig durchnässt vor sich hin tropft, die anderen aber auch durchweicht sind. Trotzdem sind alle bewundernswert aufmerksam.

Oliver hält den Redefluss des nicht mehr ganz jungen Stadtführers mit merkwürdigen Fragen am Laufen, während ich im Stillen hoffe, dass ihm keine mehr einfallen. Ich habe das Gefühl, dass mir Schwimmhäute zwischen den Fingern und den Fußzehen wachsen, so aufgeweicht ist alles. Meine geliebten Uralt-Sandalen lösen sich quitsch-quatschend an meinen Füßen in ihre Bestandteile auf und seufzen wasserspuckend bei jedem Schritt. Der kurzzeitigen Trauer darüber weicht aber schnell aufgeregte Freude, denn nun kann, ach was – muss ich mir neue Schuhe kaufen! Auf dem Rückweg lotse ich meine nun stadtgeschichtlich gebildete Gruppe durch die Fußgängerzone und entdecke (ganz zufällig!) einen Schuhladen. Ich parke die Meute davor, steuere im Ladeninneren das Regal mit meiner Schuhgröße an, schnappe mir eine Sandale, marschiere zur Kasse und bitte um Vervollständigung zu einem Paar, was die Verkäuferin aber zum minutenlangen Kramen im Lager zwingt. Endlich kann ich bezahlen und lobe draußen die Mädels und Jungs, dass sie so brav gewartet haben.

Zum dritten Mal fahren wir heute mit dem Bus und freuen uns nun sehr aufs Grillen. Kaum im MAJUWI angekommen, schüttet es wie aus Eimern. Mit Hilfe des sehr hilfsbereiten Studenten Marvin bereiten wir draußen im Hof unter einem Carport alles vor fürs Essen. Lara und Oliver kümmern sich um den Grill, Vic baut unter dem Tisch Staudämme in der Pfütze vom Ausmaß eines Sees, damit wir unsere Füße auf trockenen Boden stellen können, ich steuere zur Eindämmung der beginnenden Hungersnot Knabberzeug bei, Justine pendelt zwischen Marvin und uns als Kurier durch den Regen, denn uns fällt immer noch was ein, was fehlt. Grillanzünder, Zeitung zum Wedeln, Eistee, Salz und Pfeffer.

Auch Tim, der in Greifswald studiert, kommt vorbei und bringt Gemüse zum Grillen mit für Elise, die eigentlich Veganerin ist und dadurch doch ziemlich eingeschränkt ist. Schließlich aber kann es losgehen mit dem Futtern und es schmeckt alles ausgezeichnet, bis auf die vegetarischen Bratwürste. Die will selbst die Katze nicht fressen, die sich sehr selbstbewusst zu uns gesellt und keinen Zweifel daran lässt, dass sich ihr Sitzplatz auf dem Tisch befindet.

Als alle satt sind, wechseln wir in den Aufenthaltsraum mit den sehr gemütlichen Sofas, auf denen man ausschließlich Liegeposition einnehmen kann, auch wenn man sich noch so angestrengt um eine aufrechte Sitzhaltung bemüht.

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Justine, die mittlerweile eine innige Beziehung zu Marvin aufgebaut hat, leiert diesem gegen Ausweispfand Billardkugeln aus dem Kreuz und Tim packt das „Munchkin“-Spiel aus. Ein Teil der Truppe spielt also Billard, der andere Munchkin. Da ich weder das eine noch das andere kann, aber eher meinen geistigen als meinen motorischen Fähigkeiten vertraue, entscheide ich mich für das Kartenspiel.

Ich bin mir nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung ist. Trotz mehrmaliger Erklärung der Regeln habe ich keine Ahnung, was ich da spiele. Weder Ziel, Handlung noch Strategie erschließen sich mir und ich versuche zu verstehen, worüber meine Mitspieler diskutieren und lachen. Meine Spielfortschritte erkaufe ich mir ausschließlich und wundere mich, wieso alle so viele Karten vor sich anhäufen. Trotzdem gibt es während des vierstündigen Spiels einen Moment, in dem ich fast gewonnen hätte. Keinen Durchblick, aber gewinnen! Doch Tim kann das abwenden. Erst zum Ende hin bekomme ich  eine Vorstellung, worum es überhaupt geht. Es ist fast 1 Uhr nachts, als Tim dem Spuk durch seinen Sieg ein Ende bereitet. Wir räumen noch auf und wanken in unsere Zimmer. Tim radelt durch die regennasse Nacht zurück nach Greifswald.

Samstag, 19. August 2017

Bis 9 Uhr gibt es Frühstück. Das ist zumindest für mich eine große Herausforderung, die ich aber mit Bravour meistere. Ich bin immerhin nicht die Letzte am Tisch! Das Büffet ist sehr ansprechend und für jeden Geschmack ist gesorgt. Allerdings steht die Küchenfee dahinter wie ein Zinnsoldat und beobachtet jede unserer Handlungen. Selbst mein überschwängliches Lob betreffs der Auswahl und Präsentation bewirkt nur eine minimale Bewegung der Mundwinkel nach oben. Vermutlich will die gute Frau einfach nur nach Hause und wartet mit versteinerter Miene darauf, dass wir endlich das Terrain räumen.

Als alle anwesend sind, besprechen wir den Tagesplan. Oberste Priorität hat die Fertigstellung der Flaschenpost, die wir heute verschicken wollen. Ich schlage weiterhin einen Rundgang durch Wieck vor, der ja nicht allzu lange dauern kann in Anbetracht der Winzigkeit des Ortes. Aber ich bin der Meinung, wenn wir schon mal hier sind, müssen wir unsere Umgebung auch auskundschaften. Die Nachmittagsgestaltung machen wir vom Wetter abhängig.

Also erst einmal Treffpunkt Freizeitbereich, um die Briefe für die Flaschenpost zu schreiben. Manche legen sofort los, andere stöhnen und haben absolut keinenPlan, was man da schreiben könnte. Aber wie das eben so ist – einfach anfangen, dann kommen schon die Ideen. Und siehe da – plötzlich sind alle ganz vertieft. Solche Momente lassen mein Herz natürlich höher schlagen und müssen festgehalten werden:

Ich habe meinen guten Wünschen an den potentiellen Empfänger noch einen Glücksbringer beigefügt und hoffe wie alle anderen natürlich auch, dass jemand die Flasche nicht als schwimmenden Müll, sondern als Botschaft erkennt und aus dem Wasser fischt.

Danach machen sich alle startklar zur kleinen Wanderung durch den Ort. Erst einmal überqueren wir die legendäre Zugbrücke, die mehrmals am Tag hochgeschoben (ja – geschoben) wird, um die Boote durchzulassen, deren Höhe die der Brücke übersteigt. Am Ende dieses Berichtes findet ihr einen Link zum Wieck-Fotoalbum mit kurzen Videos dazu.

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Nun befinden wir uns am gegenüberliegenden Ufer des MAJUWI und bummeln Richtung Dänische Wiek. Auf Wikipedia steht:

„Die Dänische Wiek ist eine Bucht im Süden des Greifswalder Boddens an der Mündung des Flusses Ryck unweit der Stadt Greifswald. Sie ist etwa 2½ Kilometer breit, 3 Kilometer lang und ihre Küstenlinie hat eine Länge von etwa 4½ Kilometern.“

Es ist alles sehr beschaulich. Klein, aber fein. Vermutlich jedoch eher für Rentner attraktiv als für junge Menschen. Trotzdem bieten sich interessante Fotomotive:

Das Gefühl von Ostsee stellt sich ein, obwohl es bis dorthin noch ein Stückchen hin ist. Andreas und Louise können es nicht abwarten und werfen hier schon ihre Flaschenpost ins Wasser, obwohl die Chance, aus dem Wiek rauszukommen nicht allzu groß ist. Aber vielleicht haben sie ja Glück.

Gestern zur Stadtführung wurden uns wärmstens die Fischbrötchen in der gelben Serviette empfohlen, die einige von uns auf dem Rückweg mal probieren wollen. Aber leider hat der Imbiss noch nicht geöffnet. Dann eben später. Ich würde ja nun gerne noch einen Abstecher in den Ort Wieck machen, bin mir aber nicht sicher, ob sich mein Fußvolk nicht schrecklich langweilt, wenn es hinter mir hertrotten soll. Deswegen darf jeder selbst entscheiden, ob er mir folgen oder lieber zur Eisbude schlendern will. Ein paar kommen mit und machen sensationelle naturwissenschaftliche Funde:

Oliver ist hin und weg. Gestern schon durfte er eine Katze sehen und streicheln und nun noch eine Schnecke!

Nach kurzer Zeit landen wir an der Kirche. Erstaunlicherweise wollen auch alle mit rein, der Weg führt über den Friedhof. Oh je, denke ich. Wenn dann gefragt wird: „Na, was hast du alles erlebt in Wieck?“, müssen die Ärmsten antworten: „Wir waren auf dem Friedhof.“ Sie fangen tatsächlich an, die Inschriften der Grabsteine zu entziffern! Ich kürze das ab, indem ich schnurstracks der Kirchentür entgegensteuere. Innen herrscht wohltuende Ruhe und der typische Geruch nach Weihrauch. Es gibt einen Büchertisch, Andreas findet und kauft dort den Klassiker „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. Darin findet er einen Test, mit dem man seine männlichen und weiblichen Seiten ausloten kann. Den werden wir morgen noch absolvieren mit überraschenden Ergebnissen.

Ich lotse alle wieder zurück über die Brücke zum MAJUWI, wo die anderen an der Rezeption gerade die Möglichkeiten auskundschaften, wie wir nach Lubmin gelangen können. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre das möglich, würde uns aber in ein enges Zeitkorsett zwängen. Deswegen folgen wir dem Vorschlag, dorthin zu radeln. Es sind nicht alle begeistert, aber bis auf Elise leihen wir uns jeder ein Rad aus.20170819_121703

Uns stehen nun zunächst 14 km Hinfahrt bevor, teils auf einem bequemen Radweg, teils auf der Landstraße. Schon nach kurzer Zeit schmerzen Po und Beine, Andreas leuchtet wie ein Feuermelder, aber alle treten tapfer in die Pedale und bleiben auch auf der vielbefahrenen Landstraße diszipliniert in Reih und Glied. Wohlbehalten kommen wir in Lubmin an und genießen die wunderschöne Landschaft.

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An einer Fischgaststätte schmeiße ich eine Runde, meine Lieben sollen doch wieder Kraft schöpfen! Die Bestellung des armen Andreas wurde allerdings von der Bedienung vergessen. Wir sind schon mit Verdauen beschäftigt und er rutscht völlig entkräftet fast von der Bank, als wir mal vorsichtig nachfragen. Da den Betreibern dieses Versäumnis sehr peinlich ist, geht die Portion Pommes aufs Haus. Auch gut.

Und nun folgt der schönste Teil des Tages. Erst einmal gilt es, die peinlichen Plastikflaschen unbeobachtet ins Wasser zu befördern. Wir haben Glück, als wir auf der langen Seebrücke endlich vorne angekommen sind, setzen die Leute dort gerade zum Gehen an. Hinter uns folgt niemand. Also denn mal los!

Neugierig beobachten wir, auf welchen Wege unsere Flaschen davon schwimmen. Die einen Richtung Ostsee – Rügen, die anderen Richtung Strand von Lubmin und Usedom. Wir sind sooo gespannt, ob wir Antwort bekommen!

Und nun ab an den Strand! Leider gibt es momentan unglaublich viele Quallen, so dass uns die Lust zum Baden irgendwie abhanden kommt. Aber wenigstens mit den Füßen stapfen wir im Wasser rum, während Andreas sich begeistert hauchzarte Sandmassagen verpasst. Drei der Mädels wagen sich weiter raus und halten dort lautstark Kaffeeklatsch, ich sammle Steine und Muscheln. Die Natur ist eine große Künstlerin. So ist jeder auf seine Art glücklich und entspannt.

So könnte das noch Stunden weitergehen, aber wir müssen ja wieder zurück nach Wieck! Wir entscheiden uns für den längeren Rückweg von schätzungsweise 20 km entlang des Boddens und ohne Landstraße, der dann aber doch nicht so beschaffen ist wie erhofft und einige an ihre Grenzen bringt.

Ich versuche, während der Fahrt im MAJUWI anzurufen, denn wir werden es keinesfalls bis 18 Uhr schaffen. Für diese Zeit sind beim Italiener in Wieck Plätze reserviert. Grund dafür ist, dass wir fast die einzigen Gäste sind und es sich nicht lohnt, für uns zu kochen. Deswegen wurde uns ein 10 € – Gutschein pro Person angeboten. Wir einigen uns auf 19 Uhr. Auch Tim muss informiert werden, denn er will mit uns zusammen essen gehen. Irgendwie gelingt es mir, schwankend und gegen den Wind kämpfend, meine Telefonate zu führen bzw. sogar eine WhatsApp zu schreiben. Noch mal ein kurzer Halt bei NORMA, auf den letzten Metern einen verlorenen Fahrradschlüssel aufsammeln, der dort ganz brav gewartet hat, Fahrräder zurückbringen, umziehen und schon sitzen wir pünktlich 19 Uhr an dem für uns reservierten Tisch. Alle haben sich ein leckeres Essen verdient, auch wenn die 10 € bei einigen nicht reichen werden.

Ein junger Kellner serviert dann das Essen, er ist schon am Abdrehen, als sein Kopf plötzlich wie von einem Magneten gesteuert zurückschnellt und sein staunender Blick auf Lara und Justine verweilt. Man sieht förmlich, welchen Konflikt er mit seinem dienstlichen Pflichtgefühl austrägt, aber er kann sich nicht dagegen wehren, der Arme. Wie ferngesteuert zieht es ihn immer wieder an unseren Tisch. Sehr interessant zu beobachten!

Mit prall gefüllten Bäuchen halten wir alle einen Verdauungsspaziergang für notwendig und lassen uns von Tim einen Schleichweg zeigen, der einen kostenlosen Zugang zum Schwimmbad ermöglicht. Wir absolvieren einen Schleimschnecken-Hindernislauf und gelangen in der Dämmerung an den Badestrand, der allerdings aussieht wie die Nordsee bei Ebbe.

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Das Ganze wieder retour, Verabschiedung von Tim, der doch tatsächlich was Besseres vorhat als den Abend noch einmal mit uns zu verbringen und zurück ins MAJUWI. Unterwegs überlegen wir noch, wer heute was spielt und wo wir uns aufhalten wollen, doch als wir angekommen sind, schlägt auf einmal die Müdigkeit und Erschöpfung mit voller Härte zu und alle wollen nur noch ins Bett. Ich genieße die Abendstimmung von meinem Fenster aus, will eigentlich noch ein paar Zeilen schreiben, werde dann aber wach, kurz bevor ich vom Stuhl kippe. Na dann – Gute Nacht!

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Sonntag, 20. August 2017

Wieder sitzen um 8:30 Uhr die üblichen Verdächtigen am Frühstückstisch. Heute hat eine viel freundlichere Dame Küchendienst. Auch das Büffet sieht anders aus und es gibt sogar Sonntags-Frühstücks-Eier. Müde, stumme Gesichter blicken mir entgegen, aber so nach und nach kommt Bewegung in die Truppe. Nun heißt es: packen, Betten abziehen, saubermachen, Zimmerkontrolle.

Bei der Anreise hatten wir ja die Räumlichkeiten schon sehr gründlich auf Missstände untersucht, dass wir uns aber auch die Lattenroste hätten ansehen sollen – auf die Idee ist keiner gekommen. Nun fällt uns das auf die Füße. Im Mädchenzimmer ist ein solcher beschädigt. Was ist passiert? Haben sie Trampolinspringen geübt oder anderweitig randaliert? Etwas unschlüssig stehen wir uns gegenüber, der Mitarbeiter des MAJUWI und wir. Wenn er die Regeln gnadenlos durchboxen würde, müsste ich jetzt einen neuen Lattenrost finanzieren. Aber schließlich glaubt er uns und ich bekommen meine Kaution vollständig zurück. Lara ist so nett, unser aller Müll zum Container zu bringen und auch die Bettwäsche wandert komplett in den dafür vorgesehenen Behälter. Noch die Formalitäten erledigen, Voucher unterschreiben und abgeben sowie die gestrige Fahrradnutzung bezahlen. Fertig!

Da wir nun noch bis zum Nachmittag Zeit haben und das Wetter einigermaßen gut ist, leisten wir uns noch einen Besuch des Strandbades und dürfen unser Gepäck bis zur Abreise im MAJUWI lassen. Immer noch ermattet vom gestrigen Tag, schlendert die Meute Richtung Schwimmbad, während ich noch mal zum Italiener muss, um die gestern vergessene Quittung fürs Abendessen ausstellen zu lassen. Ich bin nämlich in Vorkasse gegangen und bekommen mein Geld nur wieder, wenn ich den Beleg vorweisen kann. Logisch. Die Kellnerin hat erst in einer halben Stunde Dienstbeginn, also bestelle ich mir einen Kaffee, mache es mir am Ryck gemütlich, lese ein bisschen und beobachte Schiffe und Menschen.

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Ausgerüstet mit der Quittung, düse ich zurück ins MAJUWI, nehme die 100 € in Empfang und begebe mich zu meinen Schützlingen. Zunächst bin ich beeindruckt von der riesigen Parkanlage, die man durchqueren muss, bevor man zum eigentlichen Badestrand kommt.

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Aber mein positiver Eindruck relativiert sich umgehend mit Überquerung der Düne am Horizont. So ein trostloses Ambiente! Kaum Wasser zu sehen, alle Lokalitäten geschlossen, wenig Besucher außer meinen tapferen, durch nichts zu erschütternden Lieblingen, keine Sonnenschirme, Strandkörbe verrammelt, keine Umkleidekabinen und Autobahn-Toiletten von fragwürdiger Sauberkeit. Da die Sonne noch kräftig scheint, haben sich die meisten unter ihren Regenschirmen verkrochen.

Eigentlich habe ich ja wie immer keine Lust zum Baden, da ich aber in diesem Jahr noch nicht einmal angebadet habe, gebe ich meinem Herzen einen Stoß und beschließe, die Sache langsam anzugehen. Erst mal umziehen. Hm, da gehts schon los. Keine Umkleidekabinen. Das will ich dem Jungvolk nun doch nicht antun, mich vor ihren Augen zu entblättern. Was bleibt mir übrig – ich suche die örtliche Toilette auf, stoppe aber angewidert gleich im Vorraum. Nun gut. Sichtschutz besteht dort allemal, also rein in den Badeanzug und ab auf mein Handtuch. Jetzt die Lage checken. Kein Mensch weit und breit im Wasser. Soll ich? Oder lieber doch nicht? Ich könnte ja auch erst mal reimen, einer muss schließlich den Liedtext für die Storytauschlesung dichten. Es wird gerade entspannt gemütlich in der Sonne, als dicke Wolken aufziehen und die Vorstellung, jetzt mit nassem Badeanzug hier rumsitzen zu müssen, mich nicht gerade bestärkt in meinem Vorhaben. Aber was solls. Jetzt oder nie. Ich wate zwischen den Quallen hindurch ins tiefere Wasser. Einmal untertauchen. Reicht! Danach die ganze Prozedur rückwärts, während es dann auch noch leicht zu pieseln anfängt. Alle packen zusammen und die Hälfte beschließt, nun aber endlich die berühmten Fischbrötchen zu probieren, während der anderen Hälfte eher nach Eis zumute ist. Die Fischbude ist voll die Hightech-Einrichtung. Wir bekommen einen Transponder in die Hand gedrückt. Wenn dieser piepst, leuchtet und auch noch vibriert, ist unser Essen fertig. Wahnsinn. Es ist tatsächlich extrem lecker und wir lassen es uns genüsslich schmecken.

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Auch die Eisfraktion ist zufrieden. So, nun laufen wir ein letztes Mal zum MAJUWI, holen unser Gepäck, verabschieden uns artig und fahren mit dem Bus nach Greifswald. Dort ist noch viel Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Wir könnten also auch nochmal in die Innenstadt, aber die Radtour steckt vielen wohl immer noch in den Knochen.

Also begleite ich Vic zur Touristinfo, wo sie noch ein Mitbringsel kaufen will. Wir laufen durch einen sehr schönen Park und finden uns ziemlich schnell zurecht anhand des Wiedererkennungseffektes von der Stadtführung. Leider ist hier so richtig spürbar Sonntag. Alles ist verrammelt, auch die Info. Nur der Lila Bäcker hat geöffnet und eine Ausstellung über Caspar David Friedrich, an dessen Geburtshaus bzw. dessen Standort wir auch vorbeikommen. Dort kaufe ich eine niedliche Seifenschale.

Zurück am Bahnhof, sehen wir, dass der Rest inzwischen den türkischen Imbiss geplündert hat.

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Ach Kinder, denkt doch an die nächste Radtour! Andreas testet unsere weibliche bzw. eher männliche Denkstruktur mit den Testfragen aus dem oben erwähnten Buch und ist erstaunt. Louise und ich ticken eher männlich, er selbst eher weiblich. So ist das eben.

Dicke und ziemlich schwarze Wolken treiben uns in die trockene Sicherheit des Bahnsteigs.

Dort erst bekommen wir mit, dass der Zug nur bis Bernau fährt und von dort nach Zepernick Schienenersatzverkehr besteht. Sofort werden Handys gezückt und nach Alternativen recherchiert bzw. zu Hause angerufen. So ergibt es sich, dass die meisten in Bernau abgeholt werden können. Wunderbar. Ich beginne im Zug endlich dieses Tagebuch, komme aber irgendwie nicht so richtig voran.

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Doch nun ist es fast fertig. Es sei nur noch erwähnt, dass Oliver einer verzweifelten Asiatin ohne Deutschkenntnisse sehr behilflich war, trotz dieses ganzen Durcheinanders zum Berliner  Hauptbahnhof zu finden.

Louise und ich werden von Laras Vater mitgenommen, so dass wir sogar eher zu Hause sind als geplant. An dieser Stelle nochmal herzlichen Dank dafür. So nach und nach melden sich alle über WhatsApp, dass sie gut angekommen sind. So bin ich beruhigt und freue mich auf die nächste Reise der Schreibwerkstatt!

…und hier das Fotoalbum mit Videos