„Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünkt – Mit den Augen zu sehn, was vor den Augen dir liegt.“ (Johann Wolfgang Goethe) – Kalenderspruch des Tages
Dass heute ein außergewöhnlicher Tag bevorsteht, liegt nicht nur am Wetter, das erstmals Handschuhe überflüssig macht, sondern auch an meiner Begleitung. Sönke Matschurek, der sich neulich schon von mir Marzahn-Hellersdorf zeigen ließ, wird nun einen Wandertag durch Zehlendorf an meiner Seite verbringen. Wir sind um 10 Uhr am S-Bahnhof Mexikoplatz verabredet.

Hier gibt es nichts, was nicht beeindruckend ist. Häuser, Grünanlagen, Straßenführung und das Bahnhofsgebäude selbst reichen aus, um den Besucher in Verzückung zu versetzen.

Wir befinden uns hier in Zehlendorf-West, das Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist. 1904 gründete sich eine Terrain AG, deren Hauptaktionär der Großindustrielle Guido Henckel von Donnersmarck war, der damals reichste Mann Deutschlands (geschätztes Vermögen: 250 Mill. Mark). „Beständiger als Bauten sind Wege und Plätze“, habe ich gelesen. So bildet auch der Mexikoplatz das Zentrum der Villen- und Landhauskolonie, seinen Namen trägt er aber erst seit 1959. Zehn Straßen zweigen von dort strahlenförmig in alle Himmelsrichtungen ab. Wir folgen zunächst der Hauptader Argentinischen Allee in Richtung Onkel-Tom-Straße. Sönke bereitet mich darauf vor, dass er viele Fotos und kleine Videos von mir machen wird, denn auch die Social-Media-Kanäle des Tagesspiegels brauchen Futter, um den geplanten Artikel in der Zeitung zu begleiten. Mittlerweile bin ich ja schon medienerprobt und hoffe, nicht allzu stocksteif durch Bild zu marschieren. Es dauert nicht lange, bis das erste Relief in mein Blickfeld gerät, das man beim besten Willen nicht übersehen kann. Der komplette Giebel ist damit ausgefüllt und erzählt eine Geschichte, die jeder für sich interpretieren mag:
Es folgen das verlassen wirkende Haus der Jugend Zehlendorf und das Haus am Waldsee. Sehr gerne hätte ich da mal reingeschaut, aber es öffnet erst um 11 Uhr. Ich empfehle sehr einen kurzen Ausflug in die spannende Geschichte dieser Kunstinstitution! Beide sind Villen im Landhausstil mit direktem Zugang zum dahinter gelegenen Waldsee. Das 1910 erbaute Haus der Jugend hat auch eine interessante Nutzungsgeschichte. So wurde es in den 1960er Jahren als „rote Kaderschmiede“ bezeichnet – ein Ausdruck, der suggerieren sollte, hier würden junge Menschen im Sinne der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins politisch geprägt. Hintergrund waren Aktivitäten der FDJ‑West, die im Umfeld des Hauses auftraten.
Auf dem Erdmann-Graeser-Weg gelangt man bis zu einer Brücke, die über den Waldsee führt und einen Blick darauf möglich macht. Der Weg ist momentan der einzige Zugang zum Wasser. Alle anderen Wege sind wegen Bauarbeiten gesperrt.
Ein Stück weiter leuchtet uns das Hertha-Müller-Haus in einer bemerkenswerten Fassaden-Farbe entgegen. Nicht zu übersehen! Ich kann dem Drang, reinzugehen, nicht widerstehen, denn es interessiert mich schon, was die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Hertha Müller mit dem Haus verbindet. Am Eingang befindet sich eine Infotafel, die sie als Zehlendorferin ausweist, was mich noch neugieriger macht. Stammt sie nicht ursprünglich aus Rumänien? Und außerdem – sie lebt doch noch? Die Automatiktür öffnet sich und schon sind wir drin.
Die ausliegende Infobroschüre berichtet, dass das Haus vorher einfach Freizeitstätte Nord hieß, die 1965 hier in die Räume der Stadtbibliothek Zehlendorf eingezogen ist. Meine Neugier wächst. Durch eine zweite Glastür beobachten wir eine kleine Gruppe, die sich offensichtlich im fröhlichen Verabschiedungsmodus befindet. Meine Überlegung, ob ich mich outend dazwischendrängeln sollte, kommentiert Sönke mit: „Ich hätte ja schon Hemmungen gehabt, überhaupt das Haus zu betreten!“ Ich gebe mir einen Ruck, stelle mich vor und tatsächlich kann sich eine an den Abendschau-Beitrag erinnern. Über den Bezug zu Hertha Müller kann mir niemand etwas sagen, aber wir kommen ins Schwatzen und meine Einladung zum Mitwandern wird wohlwollend entgegengenommen.

Später lese ich auf der Webseite der Einrichtung: „Wenn hier von Hertha Müller die Rede ist, ist damit weder eine Literaturnobelpreisträgerin gleichen Namens, noch ein Berliner Traditionsverein gemeint. Hertha Müller war eine vermögende ältere Dame aus der Nachbarschaft, die sich häufig und regelmäßig in der vormaligen Freizeitstätte Nord aufgehalten hat, um dort Kaffee zu trinken und Karten zu spielen. Mangels Nachkommen beschloss sie, ihr Vermögen sinnstiftend anzulegen. Ergebnis ihres segensreichen Erbes war eine umfangreiche und grundlegende Sanierung der Freizeitstätte.“
Kurze Zeit später haben wir die Onkel-Tom-Straße erreicht und die Architektur verändert sich deutlich. Würden wir die Richtung nicht wechseln, kämen wir in die Großsiedlung, auch „Neues Zehlendorf“ genannt, die zwischen 1920 und 1932 nach Entwürfen von von Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg entstand.

Die Zehlendorfer Bevölkerung und auch das Bezirksamt waren darüber „not amused“ und Baugenehmigungen wurden nicht erteilt. „Wenn hier gebaut wird, dann Villen!“ Man hatte Angst vor dem Pöbel, der hier Fuß fassen würde. Aber der damalige Stadtbaurat Martin Wagner und Verfechter des Neuen Bauens sprach ein Machtwort. Doch das wird Thema einer der nächsten Touren sein. Wir biegen ab in die Wilskistraße, überqueren die Gleise der U-Bahn…
…und stehen vor der evangelischen Emmaus-Kirche, die bis 2022 Ernst-Moritz-Arndt-Kirche hieß. Auch Steglitz-Zehlendorf muss sich mit diskutierten und teils auch durchgesetzten Umbenennungen auseinandersetzen. Es gab tatsächlich eine Initiative, Onkel Toms Hütte durch einen anderen Namen zu ersetzen, weil er an den sehr kritisch betrachteten Roman von Harriet Beecher Stowe erinnert, dem Stereotype gegen Black People vorgeworfen werden. Da aber dem Namen der Siedlung eine ganz andere Geschichte zugrunde liegt (dazu komme ich in einem der nächsten Beiträge), wurde davon Abstand genommen. Im Falle Ernst Moritz Arndt sind auch andere Institutionen betroffen, wie z.B. die Universität Greifswald, die ebenfalls dessen Namen abgelegt hat. Doch zurück zur Kirche.
Sie wurde 1935 nach Plänen des Architekten Diez Brandi eingeweiht und fügt sich mit ihren klaren Formen, den unverputzten Ziegeln und den hölzernen Emporen harmonisch in die waldreiche Umgebung an der Ecke Onkel‑Tom‑ und Wilskistraße ein. Im Inneren prägt vor allem die bemalte flache Holzdecke mit Motiven der Erlösungsgeschichte den Raum, ein Werk des Künstlers Walter Kohler, der auch das inzwischen wiederentdeckte Emmaus‑Wandgemälde im Turmvorraum geschaffen hat. Die Kirche bietet Platz für rund 400 Menschen und steht heute unter Denkmalschutz. Auffällig ist zudem die Turmspitze mit Stern, Adler und Kreuz, was immer wieder Anlass zu Diskussionen gab. Noch auffälliger finde ich den siebenarmigen Leuchter, der mir sofort beim Betreten der Eingangshalle ins Auge sticht. Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass ein jüdisches Symbol in einer Kirche präsentiert wird. In Ermangelung von Erläuterungen dazu auf der Webseite der Kirche habe ich die KI gefragt. Ihre Antwort klingt zumindest glaubhaft: „Die Menora gehört dort zur symbolischen Ausstattung, die der Architekt Diez Brandi und der Künstler Walter Kohler für den Innenraum entwickelten. Kohler gestaltete die bemalte Holzdecke und mehrere Wandmotive; die Menora fügt sich in dieses Programm ein, das biblische Bildsprache und alttestamentliche Bezüge stark betont. In der protestantischen Liturgie ist eine Menora nicht üblich – ihre Präsenz verweist daher bewusst auf die jüdischen Wurzeln des Christentums.“
Danach stehen wir staunend vor der Zinnowwald-Grundschule, die mir in ihren Dimensionen sehr ungewöhnlich erscheint. An der Fassade ist diffus noch das Rote Kreuz zu erkennen, was auf eine Nutzung als Lazarett im Krieg schließen lässt.
Bei der Besiedelung Zehlendorfs wurde das denkmalgeschützte Gebäude um 1930 in einem Waldgebiet erbaut. Das Logo kombiniert den Baum als Symbol des Waldes mit dem schnittig verfremdeten Zinnow-Z. Auch ihr Bau folgt einer Zickzack‑Grundform.
Ab hier laufen auch wir im Zickzack nach einem von mir ausgeklügeltem Schema, um möglichst wenige Straßen doppelt laufen zu müssen. Nach wie vor bin ich bewaffnet mit analoger Navigation in Form eines ausgedruckten Kartenausschnittes und einem handschriftlichen Wegeleitsystem auf Karteikarten. Das klappt auch sehr gut, bis zu dem Moment, wo ich statt „rechts“ „links“ notiert hatte und wir kurz die Orientierung verlieren. Doch der doppelte Boden von Google Maps rettet die Situation. Aber noch sind wir auf dem rechten Weg und gelangen in ein Siedlungsgeflecht jenseits allen Straßenlärms. Die Sonne wärmt uns, die von Sönke immer wieder bestaunte Vielzahl und Vielfalt an Nadelbäumen zwischen den beschaulichen Häuschen duften harzig und aromatisch. Hier und da werden Fenster geputzt, in Vorgärten gebuddelt und wir fragen uns, ob hier alle zuhause sind statt auf Arbeit? Es fühlt sich an, als würden wir durch eine friedliche, entspannte Scheinwelt flanieren, in der alle Sorgen und das Elend dieser Welt von uns abfallen.
Sönke sagt: „Die Leute sehen hier schon anders aus!“, und ja – das stimmt. Hier wird man niemanden in Jogginghosen finden, mit pink-, blau- oder grüngefärbten Haaren oder ganzkörpertätowiert. Jeder Pflasterstein atmet gutsituierte Bürgerlichkeit und beschauliches Wohlbehagen. Doch immer wieder erreicht uns der spannende Kontrast zur Moderne, die ein Gefühl von Luft und irgendwie Erleichterung in uns auslöst.
Am Sven-Hedin-Platz bieten bunte Reihenhäuser den perfekten Hintergrund für eine Foto- und Videostrecke und ich flaniere vor der Kamera hin und her.

Viele Hundebesitzer sind unterwegs und ich werde Zeuge, wie sich Sönke und ein schwarzes, verspieltes Fellknäuel ineinander schockverlieben. Sein Herrchen bietet an, in einer Stunde seinen Hund wieder abzuholen. Schweren Herzens lösen sich die beiden voneinander und weiter gehts mit unserer Wanderung. Wir reden über vieles, was uns beschäftigt und über teils auch altersbedingt unterschiedliche Betrachtungsweisen, was ich als ausgesprochen bereichernd empfinde. Ich bin z.B. der Meinung, dass der menschliche Körper für die Fortbewegung zu Fuß gemacht ist und das Auge nur in Schrittgeschwindigkeit alles wirklich gut erfassen kann. Sönke stimmt mir zu, gibt aber zu bedenken, dass das Gehirn wiederum gnadenlos die gewonnenen Eindrücke aussortiert und relativiert, weil man sonst verrückt werden würde. Zwei Gedenktafeln veranlassen mich zu der Überlegung, dass wir von vielen Menschen gar nicht wissen, was sie geleistet und damit Einfluss genommen haben auf unseren heutigen Alltag. Ohne solche Tafeln wären sie vergessen, was mich gleich weiterpolemisieren lässt, dass der Geschichtsunterricht in Berlin kaum zur Identitätsstiftung der Jugendlichen beiträgt.


Sönke verweist zu Recht darauf, dass Wissensaneignung heutzutage eher über das Smartphone stattfindet und das Defizit eher in der Medienkompetenz liegt. Völlig richtig. Das Problem sehe ich aber darin, dass die Basics fehlen. Man muss schließlich erst einmal auf geschichtliche Hintergründe neugierig gemacht werden, um danach im Internet zu suchen. Wie auf Bestellung habe ich in der Broschüre „Kleine Baugeschichte Zehlendorfs“, 1970 (!) herausgegeben von der Abteilung Volksbildung (!) des Bezirksamtes, folgenden Passus gefunden:
Zehlendorfern und seinen Besuchern soll gleichsam ein Schlüssel zur Pforte der Erkenntnis in die Hand gegeben werden. Tagtäglich gehen oder fahren wir an Dingen vorbei, sehen sie, ohne sie wahrzunehmen, oder, wenn wir sie wahrnehmen, können wir sie nicht einordnen, weil uns die Daten fehlen, wir beziehungslos sind. Kein Gemeinwesen kann existieren ohne Bezug auf das Vorhandene, eine Weiterentwicklung ist undenkbar, wenn das Vorhandene nicht gewusst wird.
Zwischendurch stellt Sönke Fragen, die ich mir selbst so noch nie gestellt habe und deren Beantwortung mir nicht immer sofort auf der Zunge liegt. Ich habe das Gefühl, dass er mich bald besser kennt als ich selbst, auf jeden Fall aber ein sehr gutes Gespür für die Psyche und Mentalität seines Gegenübers besitzt. Was werde ich wohl alles über mich erfahren in dem Artikel? „Du bist eine Spezialistin darin, das Schöne in dem zu finden, was du vor dir hast“, sagt er, worin ich mich sehr gut wiedererkenne.

Der Sven-Hedin-Straße folgen wir in einem Stück und bekommen natürlich einiges geboten. Auch hier wohnten Täter und Opfer in unmittelbarer Nachbarschaft. So z.B. der Journalist Walther Funk, von 1933 bis Ende 1937 Pressechef der Reichsregierung, Adolf Hitlers privater Pressesprecher und Staatssekretär in Goebbels Propagandaministerium. Später war er Reichswirtschaftsminister, Präsident der Reichsbank und verantwortlich für die Kriegswirtschaft.
Schon wieder fast am Mexikoplatz entdecken wir den „Kohlenkeller“, eine private Eventlocation mit einem interessanten Konzept. Allerdings lassen der Schaukasten und auch die Webseite eine Stagnation vermuten, durch Corona verursacht.
Das Haus Sven-Hedin-Str. 17 muss hier ebenfalls hervorgehoben werden. Es gehört zu den charakteristischen frühen Landhäusern der Zehlendorfer Kolonie und erzählt viel über die Entwicklung des Viertels und seine Bewohner.

Errichtet wurde es 1913 für die Kauffrau Louise Blech, die als Bauherrin ein repräsentatives, aber bewusst naturnahes Wohnhaus wünschte. Der Architekt Schilling entwarf dafür ein Gebäude, das sich an der Formensprache eines Forsthauses orientiert: zwei übereinanderliegende Fensterreihen, ein weit auskragendes Dach mit hölzernen Unterzügen und grüne Fensterläden. Diese Mischung aus rustikaler Obergeschossgestaltung und städtischerem Erdgeschoss – mit größeren Fenstern und einem Balkonerker – verleiht dem Haus bis heute seinen besonderen Reiz. Wer sich für die Geschichte der Familie interessiert, dem empfehle ich HIER nachzulesen oder einen Artikel im Zehlendorfer Jahrbuch von 2022.
Nach einer Pause in einem Café am Mexikoplatz gehts weiter mit der Beerenstraße. Man merkt schon – wir pendeln immer zwischen den Tangenten Argentinische Allee, Onkel-Tom-Straße und Potsdamer Straße mit dem Knotenpunkt Mexikoplatz. Auch hier wieder auffällige Reliefs und Skulpturen an prächtigen Häusern, die Geschichte ausstrahlen.
Die Beerenstraße setzt dem heutigen Tag architektonisch die Krone auf. Ich bin ja schon einiges gewöhnt von meinen Wanderungen durch die Villenkolonien in Wannsee, Schlachtensee und vor allem Nikolassee. Aber heute ist mein Handy im Dauereinsatz im sogenannten Generalsviertel.

In der Nr. 49b – einem der Häuser im hanseatischen Stil, wohnte Dr. jur. Walter Bloem (1868-1951), Schriftsteller und Rechtsanwalt und einer der erfolgreichsten Autoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seine national gesinnten Romane machten ihn zu einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Seine Bücher erreichten Millionenauflagen. Bloem gab seine juristische Laufbahn auf, zog nach Berlin in die Beerenstraße und arbeitete dort als freier Schriftsteller und Dramaturg. Er gehörte zu den 88 deutschen Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten und ist, wie ich finde, zu recht seiner früheren Bedeutsamkeit völlig enthoben.

Dieses Haus bewohnten u.a. Dr. med. Gottfried Frey, Direktor der Medizinabteilung im Reichsgesundheitsamt, der sich unter dem Pseudonym Ernst Wolfhart als Schriftsteller versuchte und der Architekt Gustav Erdmann.

Zu diesem Haus ist hinterlegt, dass darin der Landschaftsarchitekt Max Dietrich wohnte. Er gestaltete den Fischtalpark (dessen Erkundung steht noch aus), den Paul-Ernst-Park in Schlachtensee, den Laehr-Park und den Waldfriedhof Zehlendorf.
Ich könnte noch endlos mit vielen Villen so weiterverfahren, beschränke mich aber in der Folge auf die Fotos, alle in der Beerenstraße aufgenommen:
Dazwischen nimmt sich dieses „Häuschen“ geradezu niedlich aus:

Aber auch diesen Baustil aus den 60er Jahren findet man dazwischen und Sönke meint, dass er ihm durchaus etwas abgewinnen kann. Man erkennt die Intention des Architekten. Zur Straßenseite schlicht, aber durchdacht, befinden sich gartenseitig ein Park, Springbrunnen und Gemeinschaftsraum.

Hin und wieder haben sich edel wirkende Einfamilienhäuer in typisierter Bauweise dazwischen geschmuggelt. Sönke prägt dazu den wunderbaren Begriff: „Gebotoxtes Haus“ – steril, weiß, aalglatt und unpersönlich. Sie verbindet nichts mit ihrem Standort, sie haben keine Seele. Ich fühle genau, was er meint und würde wie er um nichts in der Welt so ein Haus mein eigen nennen wollen. Die Straße mündet in das Gemeindewäldchen, ein geradezu liebevoller Name für den „Tiergarten“ von Zehlendorf.

Einem Artikel des Zehlendorfer Jahrbuchs von 2022 habe ich entnommen, wie schön es früher dort gewesen sein muss. Am Rondell z.B. dienten Pergolen als Tore in die verschiedene Richtungen, von denen heute leider nichts mehr zu sehen ist. Wir haben nicht so viel Zeit und tangieren das Wäldchen nur, aber vielleicht verbinde ich Onkel Toms Hütte mit einem Besuch desselben.
Da wir oft Haken schlagen und in die Seitenstraßen abbiegen, gibt es auch dort immer wieder überraschende Momente in all der Pracht:
Unbedingt zu erwähnen ist die Forststraße 22. Hier wohnte von 1940-43 Ernst Freiherr von Weizsäcker. Sein Sohn Richard dürfte vielen noch bekannt sein, der 1984 der sechste Bundespräsident wurde.

Ernst von Weizsäcker trat 1938 der NSDAP bei und wurde im selben Jahr Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter Joachim von Ribbentrop. Gleichzeitig wurde er Mitglied der SS. In dieser Position war er einer der wichtigsten Beamten der deutschen Außenpolitik während des Zweiten Weltkriegs. Er war an der Umsetzung der NS‑Politik gegenüber den besetzten Ländern beteiligt und spielte eine Rolle bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz, wofür er später juristisch zur Verantwortung gezogen wurde. Weizsäcker verstand sich selbst als konservativer Berufsdiplomat, der versuchte, die radikalsten Auswüchse der NS‑Politik abzumildern. Historisch ist jedoch klar, dass er die Politik des Regimes nicht verhinderte, sondern mittrug.
Nicht zu vergessen ist das Haus in der Bülowstraße 33. Der Berliner Regierende Bürgermeister Ernst Reuter wohnte hier von 1948 bis zu seinem Tod am 29.09.1953.

Staunend bleiben wir in der Rondellstraße 6 vor einem etwas verwahrlost wirkenden Haus stehen. Am Klingelschild ist zu lesen: Jagdcorps Masovia, Masuren-Haus Norbert Vorberg e.V. Das weckt natürlich meinen Forschergeist, was mag sich dahinter verbergen? Es klingt schon ziemlich militaristisch und ist, was nicht schwer zu erraten war, eine studentische Verbindung, die Jagen und Studieren verbindet, natürlich nur für Männer. Ich fühle mich diskriminiert! Was mich echt mal interessieren würde: Wie gehen solche Vereinigungen mit Diversität um?
Und noch ein Bauwerk beeindruckt uns durch seine enorme Größe und sein Portal – das Haus des Evangelischen Diakonievereins Berlin-Zehlendorf. Gegründet wurde er 1894 vom Theologen Friedrich Zimmer, der sowohl den Mangel an gut ausgebildeten Pflegekräften als auch die prekäre Lage vieler Töchter aus bürgerlichen Familien sah. Schon 1899 erhielt der Verein in Berlin ein eigenes „Heimathaus“, das 1928 durch einen größeren Neubau ersetzt wurde, nämlich dieses Gebäude, das bis heute das Zentrum des Diakonievereins bildet.
Unsere zu Beginn schon angedeutete Irreführung durch mein fehlerhaftes, analoges Navigationssystem sorgt zum Ende hin für einige Verwirrung, die in meinem Kopf deutlich größer ist als bei Sönke. Mit einem Blick hat er die Situation erfasst und nordet uns wieder ein. Die Roonstraße wartet mit einem kupfergedeckten Haus auf, das mit großen Glasfronten besticht und über einen gläsernen Gang mit dem Nachbarhaus verbunden ist. Es muss ein Traum sein, dort in tageslichtgefluteten Räumen zu leben und im Homeoffice zu arbeiten.

Die blitzenden Scheiben erinnern mich gnadenlos an die Patina auf meinen Fenstern zu Hause, aber der Gedanke ist schnell beiseite geschoben. Für Sönke wird es nach fast sechs Stunden Zeit, sich zu verabschieden und auf den Rückweg zu begeben. Ich bin unglaublich gespannt, was er nun mit den ganzen Informationen anfängt, die er mir entlockt hat! Ich laufe weiter, denn der Tagesplan ist noch nicht abgearbeitet.

Über die Karl-Hofer-Straße gehts parallel zur Argentinischen Allee bis zur Fischerhüttenstraße. Dort gilt es den Rauweilersteig zu finden, der sich aber nicht vor mir verstecken kann und meine Suche mit dem Anblick dieses Häuschen honoriert:

Und noch zwei Belohnungen stehen mir bevor in Form von zwei Buchhandlungen, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Zunächst kehre ich ein in den Südwestlichen Diwan und frage nach dem Berlin-Regal. Ich finde die üblichen Reiseführer und auch ein kleines Büchlein über Dahlem, das mir demnächst nützlich sein kann. Die Buchhändlerin ist nicht unfreundlich, aber auch nicht offen zugewandt. Trotzdem erzähle ich ihr von meinem Vorhaben, wodurch sich dann doch noch ein freundliches Gespräch entwickelt. Neugierig steuere ich danach die Buchhandlung Braun & Hassenpflug an. Das Berlin-Regal überrascht, man merkt, hier ist alles mit Bedacht ausgewählt. Sogar ein Buch über den Palast der Republik finde ich und ein mir bisher unbekanntes über Bruno Taut, das ich in Anbetracht der in Kürze bevorstehenden Erkundung der Siedlung Onkel Toms Hütte natürlich kaufen MUSS! Hier komme ich schneller in den Dialog und bekomme sogar ein schönes Notizbuch mit auf den Weg.


Nun gehts in den Endspurt, eigentlich muss ich nur noch der Fischerhüttenstraße bis zum S-Bahnhof Zehlendorf folgen. Doch ein auffälliger Wegweiser macht mich neugierig:

Zinnowweg? Sind wir den nicht zu Beginn schon gelaufen? Aber dieser Anblick ist mir völlig unbekannt. Ich schaue auf Google Maps nach und sehe, dass es sich um eine geschlossene Siedlung handelt, die ich nun auf jeden Fall noch anschauen möchte, wenn ich schon mal hier bin. Die Zinnowwaldsiedlung wurde 1927-28 von der Gemeinnützigen Wohnungsfürsorgegesellschaft für die Provinz Brandenburg geplant und gebaut.

Sie befindet sich auf einem dreieckigen Grundstück zwischen Sven-Hedin-Straße und Fischerhüttenstraße und zu beiden Seiten des Hartmannsweilerweges und der Zinnowweg erschließt als Privatstraße die Blöcke im Innenbereich des Grundstücks. In der ohnehin schon ruhigen Gegend hat man hier das Gefühl, auf keinen Fall in Berlin zu sein.
Einmal im Dreieck gelaufen, setze ich meinen Weg wie geplant fort, mache noch eine Pause auf dem Städtischen Friedhof Onkel Toms Hütte, um im Licht der Abendsonne mein Butterbrot zu verzehren und schleppe mich den letzten Kilometer zum Bahnhof. Mein Fersensporn-Wächter meint, es wäre genug für heute nach 22 Kilometern. Er hat ja recht. Einen Stopp muss ich aber noch einlegen an einem nicht zu übersehenden Gebäude mit einem Turm, der schon aus der Ferne auf sich aufmerksam macht. Es handelt sich um die ehemalige Feuerwache, die 1907 gebaut wurde. „Mit diesem als Wohngebäude formulierten Zweckbau galt es, die Leistungsfähigkeit und die Stärke der Zehlendorfer Feuerwehr vorzuführen. Dazu verwendete der Architekt, der Gemeindebaurat Krug, renaissancistische Stilformen wie rustizierte Sockelzone, Erker und Fachwerkaufbauten sowie den hohen, massigen Turm. Der Einfluss der Heimatschutzbewegung ist unübersehbar. Neben seiner unmittelbaren Aufgabe als Beobachtungsstand besitzt der Turm auch eine für das Ortsbild Zehlendorfs wichtige Funktion: Stets legte die Kommune Wert auf markante Orientierungspunkte, weshalb an Kirchen, Schulen und eben bei der Feuerwache großes Gewicht auf die Turmbauten gelegt wurde.“ (Quelle: Landesdenkmaldatenbank) Heute befindet sich darin die Volkshochschule.
Nun bin ich aber doch froh, den Heimweg antreten zu können. Ein Bild muss aber noch sein von einer Tafel, die ich zum Abschluss an einem Hauseingang entdecke und deren Spruch gut zum Kontext der Diskussion um kürzere Arbeitszeiten passt und zeigt: Die Gesellschaft ist immer im Wandel!

Am Dienstag bin ich in der Waldsiedlung Zehlendorf, Onkel-Tom-Straße nach Norden bis zur Bezirksgrenze und auf Hüttenweg zurück bis Waldfriedhof Dahlem unterwegs.
























































































Der „Spaziergang“ hat grossen Spaß gemacht und nostalgische Erinnerungen geweckt. Eine Tante meines Mannes wohnte als Erwachsene 50 Jahre am Hartmannsweiler Weg in der Zinnowsiedlung. Wir haben sie oft besucht und in der Ecke Spaziergänge zum Fischtal etc. gemacht. Sie erzählte oft vom Gemeindewäldchen aus ihrer Kindheit. Wie schön es dort war. Sie war in der Ecke aufgewachsen.
Liebe Frau Bernsmann-Reblin, vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich kann mir das richtig gut vorstellen, was Sie beschreiben. Das Gemeindewäldchen war früher noch viel schöner, mit Pergolen als Tore für die Wege in verschiedene Richtungen. Und der Fischtalpark ist eine Oase! Die Zinnowsiedlung hat mir ausgesprochen gut gefallen. Dort wohnt es sich bestimmt immer noch gut.
Guten Morgen,
Das Gemeindewäldchen war vor dem Krieg ein beliebtes Ausflugsziel für Familien. Die Tante wurde in den 20zigern geboren und ist jetzt schon seit 15 Jahren tot. Die Wohnungen in der Zinnowaldsiedlung sind sehr gut geschnitten. Ein Teil der Räume geht immer nach hinten zu der parkähnlichen Rückseite.
Beste Grüße