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18. April 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lichterfelde) | Villen-Schönheitswettbewerb, blumige Plätze, Bibelland, Bundesarchiv, eingemauerte Wächter, Rother Stift, Gustav Lilienthal und zwei Hausbesuche

Wie der Südwind pfeift | In den Dornbusch greift | Der vor unserm Fenster sprießt. Wie der Regen stürzt | Und den Garten würzt | Und den ersten Frühling gießt. (Detlev von Liliencron) – Kalenderspruch des Tages

In meinem letzten Beitrag hatte ich die Vermutung geäußert, dass mich der Gründer der Villenkolonie Lichterfelde Wilhelm von Carstenn noch länger beschäftigen wird. An ihm kommt man nicht vorbei, denn ohne seinen leidenschaftlichen Unternehmergeist, seinen Einsatz für einen Berliner Vorort auf gehobenem Niveau und seinen Wagemut wäre Lichterfelde heute vermutlich ein Wohngebiet wie jedes andere. Ich habe mich ein bisschen belesen über ihn und denke, dass man in unserer Zeit solche Visionäre nicht mehr findet. Nachdem er in Hamburg schon Erfahrungen gesammelt hatte als Stadtentwickler, fing er hier quasi bei Null an. Lichterfelde und Giesensdorf waren bedeutungslose Dörfer abseits vom Schuss mit maroden Straßen und ruinierten Rittergütern. Die Berlin-Potsdamer und Anhalter Eisenbahn fuhr ohne Halt an ihnen vorbei. Was bewegt einen Menschen zu so einer verrückten Idee, hier sein Geld zu investieren? In vielen Dingen konnte er sich nicht sicher sein, dass sein Plan funktionierte. Wieso sollten Käufer sich für das von ihm erworbene und parzellierte Land in der „Pampa“ interessieren? Um sie anzulocken, musste er zunächst die Verkehrsverbindungen attraktiver machen. Nur unter großem Zureden und Zugeständnissen konnte er die Bahn zur Einrichtung eines probeweisen Haltepunktes überreden. Gemeinsam mit dem Architekten Johannes Otzen erstellte er Pläne für die Villenkolonie. Anfangs verschenkte er sogar Grund und Boden, allerdings unter der Bedingung, dass der neue Eigentümer ein Wohnhaus mit max. zwei Stockwerken darauf baut und dort einzieht. In der Gestaltung der Häuser und Fassaden hatten die Bauherren hingegen absolut freie Hand. Schon fertige Villen verkaufte von Carstenn zu ganz niedrigen Anzahlungen. Er beschaffte für 126.000 Mark Pflanzen und Bäume und machte aus dem kahlen Land ein grünes Viertel. Wer mit der Bahn anreiste, fand am Bahnhof kleine Ponywagen zur unentgeltlichen Beförderung vor. So lockte er nach und nach zahlungskräftiges Publikum des gehobenen Mittelstandes an. Den Bau von Fabriken und Gewerben untersagte er, denn der vornehme Charakter der Villenkolonie sollte nicht gestört werden. Viele Künstler, Politiker, Verleger, Bankiers und Kaufleute siedelten sich an, u.a. Karl Liebknecht, Sebastian Haffner, Otto und Gustav Lilienthal, Arthur Hobrecht, Walter de Gruyter.

Ich merke, dass ich wieder ins „schwafeln“ gerate, aber ich leiste mir mal diesen theoretischen Ausflug ins 19./20. Jahrhundert. Paul Lüders schrieb in seinem Buch „Liebling Lichterfelde“ von 1893:

Wessen Sinn aber danach steht, nach der aufreibenden Arbeit des Tages den hirnverwirrenden Drangsalen des großstädtischen Lebens zu entfliehen, um Ruhe und Frieden um sich her zu schaffen, wer im Genuß der freien Gottesnatur das innere Gleichgewicht im Denken und im Fühlen wiederherstellen, sich auf sich selbst besinnen und in der ruhigen Betrachtung des Außenlebens zur frischen und kräftigen Ursprünglichkeit menschlichen Empfindens zurückkehren will, den gewißlich wird es nimmer gereuen, in Lichterfelde Hütten (!) gebaut zu haben…

Und noch eins: das stolze Gefühl des Eigentumsrechtes, das die meisten Bewohner Lichterfeldes genießen, auf eigener Scholle ein eigenes Haus zu haben und darin nach freiem Belieben wie ein König schalten und walten zu können: das Gefühl der Unangreifbarkeit, des unbeschränkten Herrenrechtes ist es, welches ein gar eigenartigen und gewaltigen Zauber ausübt.

Nun aber zur Illustration des Ganzen ein paar Fotos, die man mit diesem Hintergrundwissen vielleicht mit anderen Augen betrachtet, zeigen sie doch, wie sich Bauherren und Architekten ihren künstlerischen Ideen voll hingegeben haben:

Der Architekt Julius Posener (1904 – 1996) schrieb in seinem Buch „Heimliche Erinnerungen“: „Ich lebte in Deutschland, dem besten Land, das es gab, in Lichterfelde, dem besten Villenvorort seiner Hauptstadt, im besten Haus mit dem schönsten Garten weit und breit… Wenn ich mir das abends vor dem Schlafengehen vorsagte, war ich zufrieden mit der Welt und dem lieben Gott sehr dankbar.“ Liebevoll spöttisch prägte er damals den Begriff „Lichterfeldertum“. Hermann Muthesius sprach wegen der Vielzahl an Dekoelementen an den Villen von einem Maskenball: „Giebelchen, Erkerchen, Türmchen drängen und schieben sich förmlich.“ Man findet kein Haus, das dem anderen gleicht, obwohl oft mit Fachwerk und auffallend häufig mit Ziegelstein gearbeitet wurde, was vermutlich auf den großen Einfluss von Johannes Otzen zurückzuführen ist.

Nun wird es aber endlich Zeit zu erwähnen, dass ich diese Entdeckungen heute nicht alleine mache, sondern gemeinsam mit meiner Mitwanderin Mieke Rambow, die das Morgenpost-Video über mich gesehen und daraufhin Kontakt mit mir aufgenommen hatte. Das Besondere an Mieke ist, dass sie nämlich schon viel länger, sehr akribisch und mit der gleichen Intention wie ich zu Fuß auf den Straßen Berlins unterwegs ist. Zitat: „Während ich den Großteil zu Fuß zurücklege, greife ich bei Autobahnen oder sehr langen Verbindungsstücken wie der Heerstraße gelegentlich auf das Auto oder das Fahrrad zurück, um die Vollständigkeit des Netzes zu gewährleisten.“ Graffiti, Stolpersteine, Gedenktafeln, Mahnmale und schöne Haustüren wecken dabei nochmal besonders ihre Aufmerksamkeit. Sie hat auch einen Patenhund als Begleiter, dem sich allerdings die Freude an langen Strecken noch nicht offenbart hat. Man kann sich denken, dass wir uns als Zwillinge im Geiste auf Anhieb gut verstehen und ergänzen und man merkt, dass sie wesentlich mehr Erfahrung darin hat, die Wege so effektiv wie möglich zu gehen, um unnötige Dopplungen zu vermeiden. Und sie ist viel disziplinierter! Während ich manchmal die letzten Meter einer Sackgasse großzügig ignoriere, kommt in ihrer Begleitung so ein Schlendrian gar nicht auf.

Jedenfalls sind wir beide überwältigt in Anbetracht dieses architektonischen Schönheitswettbewerbes, wovon wir uns bei Marion Paulsen, meiner Begleiterin vom letzten Mal erholen dürfen. Sie wohnt in dem heute abzulaufenden Gebiet und hat uns auf eine Erfrischung zu sich nach Hause eingeladen, wenn wir durch ihre Straße laufen. Ich finde das wunderbar – drei Frauen, die bis vor kurzem nichts voneinander wussten, liegen total auf einer Wellenlänge, interessieren sich füreinander, tauschen sich aus und freuen sich über ihr Kennenlernen. So soll es sein und so kann es bleiben auf meinen künftigen Wanderungen!

Unbedingt zu erwähnen ist das Rother Stift, das Mieke und ich etwas genauer unter die Lupe nehmen. Zunächst beeindruckt es durch seine Größe und ungewöhnliche Anordnung des Grundrisses:

Das denkmalgeschütztes Wohnstift wurde 1840 vom preußischen Minister Christian Rother gegründet. Die Stiftung sollte unverheirateten Töchtern von Offizieren und Beamten eine Unterkunft bieten. Für Frauen der Oberschicht war eine Berufstätigkeit kaum denkbar, weswegen ihnen nach dem Tod des Vaters oft eine unsichere Zukunft drohte. Ursprünglich war es am Halleschen Tor angesiedelt, aber die Stiftung konnte in den 1890er Jahren durch den Verkauf des alten Grundstücks ein großes Areal in Groß‑Lichterfelde erwerben. Dort entstand von 1896 bis 1898 ein repräsentativer Backstein‑Neugotik‑Bau, entworfen von Alfred Kärner (inspiriert vom Kloster Chorin) und ausgeführt von Reimarus & Hetzel. Das Gebäude wurde 1898 eingeweiht und bot rund 40 Bewohnerinnen Platz. Nach finanziellen Schwierigkeiten wurde das Stift 2007 an den Beamten‑Wohnungs‑Verein verkauft. Heute umfasst das Gelände den historischen Altbau mit 48 Wohneinheiten sowie zwei Neubauten von 1997 mit weiteren 38 Wohnungen.

In dem kostenlosen Gazette Verbrauchermagazin, was ich übrigens als Quellenfundort sehr schätze, ist 2025 ein Beitrag darüber erschienen mit einem beeindruckenden historischen Foto.

Gleich um die Ecke in der Köhlerstraße stehen vier baugleiche Häuser für Eisenbahnangestellte (auch hier wieder Backstein), die 1873 für 32 Mietparteien errichtet worden sind und zu den ältesten Gebäuden der Villenkolonie gehören. Die viergeschossige Bauweise ist sehr ungewöhnlich und erinnert ein bisschen an die Mietskasernen in Berlin. Die Bahnbeamten sollten kurze Wege haben zwischen Arbeitsort und Wohnung. Die Fläche zwischen den Häusern wurde genutzt für Toilettenanlagen, Ställe und Gemüsebeete, die Wasserversorgung erfolgte über Pumpen auf dem Hof. Das Gelände war so groß, dass auch noch reichlich Ackerland vorhanden war. 1903 erhielt jede Wohnung ein eigenes WC im Treppenhaus, nach dem Krieg wurden Bad und WC innerhalb der Wohnungen eingerichtet. Später wurde das Gelände geteilt, neue Wohnungen und die Athene-Grundschule entstanden auf der Ackerfläche. Noch mehr Details gibts in den StadtrandNachrichten.

Sehr typisch für Lichterfelde West sind die vielen Plätze, Knotenpunkte und Wegkreuzungen mit Abzweigungen in mehrere Richtungen. Am Karlplatz treffen sich fünf Straßen, ebenso am Johanneskirchplatz. Weiterhin gibt es noch den Paulinenplatz, Pestalozziplatz und auch welche ohne Namen. Allen ist gemein, dass sie von Anwohnern bepflanzt und gepflegt werden und gerade jetzt im Frühling eine Augenweide sind. Teilweise sind sie sich so ähnlich, dass wir das Gefühl haben, im Kreis zu laufen. „Hier waren wir doch vorhin schon mal?“ Aber bei genauerer Betrachtung fallen uns dann natürlich die Unterschiede auf. Am Johanneskirchplatz hat die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik Kleingehölze und krautige Pflanzen in vier verschiedene Böden gepflanzt und beobachtet. Am Paulinenplatz, dem in den 1930er Jahren der Name genommen wurde, gab es eine besondere Anwohnerinitiative zur Neugestaltung desselben unter Beibehaltung des Kadettensteins. 2022 erhielt der neugestaltete Platz in einer Festveranstaltung seinen Namen zurück. Der Stein wurde tatsächlich erst 1980 von den letzten lebenden Absolventen der Königlich-Preußischen Kadettenanstalt errichtet, die als „Pflanzstätte christlicher Zucht und vaterländischer Tugend“ für den Offiziersnachwuchs dienen sollte. Schon merkwürdig, heute solche Worte zu lesen.

Auch die Johannes-Kirche beschert uns mehrere Déjà-vu-Erlebnisse, weil wir aufgrund ihrer zentralen Lage immer wieder auf sie zulaufen, allerdings aus verschiedenen Straßen. Sie ist durch ihre dominante Erscheinung der absolute Mittelpunkt des Kiezes. Wieder kommt uns der Zufall zu Hilfe, denn als wir das erste Mal auf sie zusteuern, steht eine Frau davor, die auf eine Organistin wartet und uns mit hineinnimmt in die heiligen Hallen.

Ich habe nun schon viele, sehr besondere Kirchen gesehen, aber diese übertrifft die meisten um Längen. Beim Betreten hat man das Gefühl, im Foyer eines Theaters zu stehen. Im Erdgeschoss befindet sich der Gemeindesaal. Will man aber am Gottesdienst im Kuppelraum teilnehmen, muss man im Treppenhaus in die erste Etage steigen und in die zweite, um zur Empore und zur Orgel zu gelangen. Die evangelische Rundkirche wurde von Otto Kuhlmann entworfen und 1913–1914 erbaut. Der Eingang wird von Figuren Luthers und Melanchthons flankiert, über dem Portal sieht man den Kopf des Evangelisten Johannes und das Bibelzitat „Gott ist die Liebe“. 1964 erhielt die Kirche eine Schuke-Orgel, deren Klängen wir ganz kurz lauschen können.

Aber nicht nur Kirchen gibt es in Lichterfelde, sondern auch Schulen. Zwei liegen heute auf unserem Weg. Zunächst die Brentano-Grundschule (Backstein!) in der Kommandantenstraße. Sie wurde 1899 mit zwei Häusern eröffnet für 318 Schülerinnen und Schüler. 1968 wurde auf der freien Fläche zwischen Haus I und Haus II ein Neubau errichtet. Im Tagesspiegel wurde er bei einer Wegbeschreibung durch die Sehenswürdigkeiten des Bezirks als der „hässlichste Bau“ von Lichterfelde West bezeichnet. Das Goethe-Gymnasium in der Drakestraße fällt allein schon durch seine Farbe auf. Es geht auf die 1872 gegründete „Krahmersche höhere Mädchenschule“ zurück. Die Schule trug im Laufe ihrer Geschichte verschiedene Namen, darunter „Lyzeum der Gemeinde Berlin‑Lichterfelde“, „Goethe‑Oberschule“ und während der NS‑Zeit „Karin‑Göring‑Oberschule“. Heute ist die Schule ein anerkanntes Gymnasium mit Musikprofil.

Und nun kommt die Sprache wieder auf Wilhelm von Carstenn. Sein finanzieller Erfolgskurs steuerte in dem Moment auf ein trauriges Ende zu, als er die Idee hatte, den anfangs schleppenden Verkauf der Villen voranzutreiben, indem er dem Preußischen Staat 1871 rund 21 Hektar  Land in Lichterfelde-West zum Bau einer neuen Kadettenanstalt SCHENKTE! Er erhoffte sich durch die staatliche Eliteeinrichtung mehr Ansehen für den jungen Stadtteil, den Zuzug zahlungskräftiger Familien und damit eine größere Nachfrage nach seinen Parzellen. Die Kadettenanstalt fungierte als Motor für Infrastruktur, Verkehr und öffentliche Aufmerksamkeit – all das steigerte den Wert seiner Grundstücke und beschleunigte deren Verkauf. Doch trotz des großzügigen Angebotes tat sich Preußen schwer damit. Lichterfelde galt als ungeeignet, zu weit weg von Berlin, die militärische Infrastruktur fehlte. Auch wenn das Grundstück kostenlos war, hätte der Staat Straßen und Anbindung finanzieren müssen. Das erschien zunächst zu teuer. Die Kadettenanstalt war seit Jahrzehnten am Neuen Markt in Berlin verankert. Ein Umzug in ein „Dorf“ wie Lichterfelde wirkte unnötig riskant und organisatorisch aufwendig. Es kostete viel Überzeugungskraft und weitere Zugeständnisse seitens Carstenns (Erschließung des Geländes, Finanzierung des Verkehrsanschlusses), bis am 1. September 1873 in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. an der damaligen Zehlendorfer Straße (seit Juni 1933 Finckensteinallee) der Grundstein zur neuen Hauptkadettenanstalt gelegt werden konnte.  

Ab 1873 entstand dann ein weitläufiger Neubaukomplex für die Hauptkadettenanstalt, geplant von August Ferdinand Fleischinger und Gustav Voigtel. Bis 1878 wurden Unterrichts‑ und Dienstgebäude, zwei Kirchen (darunter der „Kadettendom“), der Feldmarschallsaal, Ställe, Lazarett und zahlreiche Wohngebäude fertiggestellt. Die Anstalt zog 1878 aus der Berliner Innenstadt nach Lichterfelde um und entwickelte sich rasch zur zentralen Eliteausbildungsstätte des preußischen und später deutschen Offizierskorps. Der Begriff „Lichterfelder“ wurde zum Synonym für militärische Spitzenkarrieren. Mit dem Versailler Vertrag wurde die Anstalt 1920 aufgelöst. Das Gelände wurde in eine Staatliche Bildungsanstalt (Stabila) umgewandelt, die jedoch aufgrund interner Konflikte und sinkender Schülerzahlen nur bis 1934 bestand. Ab 1933 erfolgte die Remilitarisierung: SS‑Formationen, die Landespolizeigruppe Wecke und später die Leibstandarte Adolf Hitler nutzten das Gelände. Im Sommer 1934 war die Kaserne Schauplatz mehrerer Massenerschießungen im Zuge des sogenannten Röhm‑Putsches. In den späten 1930er Jahren entstanden neue Tor‑ und Wirtschaftsgebäude sowie eine große Schwimmhalle, die heute noch in Betrieb ist.

Nach 1945 übernahm die US Army das Areal und nutzte es als Andrews Barracks. Viele historische Gebäude waren zerstört oder wurden abgerissen; erhalten blieben u. a. die Schwimmhalle und Teile des Eingangshofes. Die Amerikaner errichteten zusätzliche Neubauten, darunter 1953 eine Kirche. Seit dem Abzug der Alliierten 1994 nutzt das Bundesarchiv das Gelände. Dort befinden sich heute die zentralen Bestände des Deutschen Reichs, der Weimarer Republik, der NS‑Zeit und der DDR. 2010 wurde ein großes neues Magazin‑Gebäude eröffnet.

Regelrecht gruselig finde ich den Gedanken, dass hinter dem Betonmantel der Pfosten am Eingangstor immer noch zwei steinerne SS-Rottenführer heimlich ihren Dienst tun.

Bleibt zu hoffen, dass keine Zeiten über uns hereinbrechen, wo sie wieder freigelassen werden!

Es fällt uns leicht, diese bedrückenden Gedanken abzustreifen, je näher wir der Paulinenstraße kommen. Denn hier warten Sonning Augstin und seine Frau Anneliese auf uns. Anne kenne ich noch aus der Zeit, als ich den Literaturstammtisch in der Mark-Twain-Bibliothek ins Leben gerufen hatte. Sie ist Mahlsdorferin und kam gerne zum monatlichen Treffen. Irgendwann kreuzten sich die Wege von ihr und Sonning, der in der Paulinenstraße in einem vom Gustav Lilienthal erbauten Haus wohnt. Als sie von meinen Wanderungen erfuhr, schrieb sie mir eine Mail mit der Einladung, bei ihnen eine Pause einzulegen, wenn mich mein Weg durch die Paulinenstraße führt. Es grenzt immer wieder fast an ein Wunder, wie sich in so einer großen Stadt die Fäden spinnen und Beziehungen knüpfen. Niemals hätte ich gedacht, Anne dort anzutreffen und dadurch auch noch einen Blick in ein Haus mit der unverwechselbaren „Handschrift“ des Bruders von Otto Lilienthal werfen zu dürfen. Über 30 burgartige Häuser hat Gustav Lilienthal an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert in Lichterfelde West gebaut. 22 davon sind bis heute erhalten, viele in der Paulinenstraße. Manche Eingänge sind über eine Art Zugbrücke zu erreichen. Der darunter befindliche Graben diente der Luft- und Lichtzufuhr für die Zimmer im Souterrain. 

Gustav Lilienthal, 1849 in Anklam geboren und jüngerer Bruder des Flugpioniers Otto Lilienthal, war weit mehr als nur ein Begleiter der frühen Flugforschung. Zwar unterstützte er seinen Bruder intensiv – etwa durch gemeinsame Auftriebsmessungen, Übersetzungen aeronautischer Fachtexte und eigene Beobachtungen des Vogelflugs –, doch sein eigentliches Lebenswerk lag in Architektur, Technik und sozialer Reform. Nach einer Maurerlehre und einem abgebrochenen Studium an der Berliner Bauakademie entwickelte er zunächst pädagogisches Spielzeug, darunter frühe Varianten des später berühmten Anker‑Steinbaukastens. Da der wirtschaftliche Erfolg ausblieb, verkaufte er das Patent an den Thüringer Unternehmer Adolf Richter, bei dem die Erfindung als Richters Anker Baukasten ein Verkaufsschlager wurde. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Australien kehrte er nach Berlin zurück und schuf zwischen 1892 und 1900 diese fantasievollen Villen im neogotischen Tudor‑Stil. Er experimentierte auch mit Hohlblocksteinen, Fertigdecken und zerlegbaren Häusern, die er in verschiedenen Siedlungs‑ und Sozialprojekten einsetzte, etwa in Lobetal, Eden oder der von ihm mitgegründeten Genossenschaft „Freie Scholle“. Er starb 1933 in Berlin und wurde auf dem Parkfriedhof Lichterfelde beigesetzt.

Sonning hat viel erlebt und zu erzählen, kennt jeden Zentimeter seines Hauses, die Geschichte jedes Baumes und anderer Gewächse im Garten, von Lichterfelde, Steglitz, der Bundesrepublik und der Wiedervereinigung. Seine Mutter war Buchhändlerin und nach Geschäftsaufgabe hat er gefühlt 10.000 Bücher von ihr übernommen. Ich komme gar nicht hinterher mit der Informationsverarbeitung. Wir sitzen auf der gemütlichen Terrasse unter einer Pergola, die eine monströse Kiwipflanze in Schach zu halten versucht. Letztes Jahr trug sie so viele Früchte, dass Sonning mit der Marmelade gefühlt ganz Lichterfelde hätte versorgen können. Anne hat uns zu Ehren Käsekuchen gebacken, dazu gibt es richtige Schlagsahne, frische Erdbeeren und Heidelbeeren. Mit Sonnings legendärem Milchkaffee kombiniert, fühle ich mich wie im Paradies. Die Sonne scheint, die Obstbäume blühen, die Vögel zwitschern und am liebsten würde ich jetzt einfach sitzenbleiben und weiter den Geschichten lauschen.    

 

Aber die Zeit schreitet voran und wir haben noch ein paar Straßen vor uns. Deswegen erhalten wir nun exklusiv eine Führung durchs Haus. Das Treppenhaus ist zentral gelegen und wunderschön hergerichtet. Es gibt einen Keller, Parterre, Hochparterre und Obergeschoss und wenn ich mich richtig erinnere, kommt man von einem Zimmer ins andere. Gefühlt sind wir jedenfalls im Kreis gelaufen und aus dem Staunen nicht rausgekommen. Ein sehr schönes, aber aufwendiges Zuhause, das die beiden vielleicht irgendwann zugunsten einer Wohnung in einer Seniorenresidenz verlassen wollen. Doch wie trennt man sich von diesem wichtigen Teil des Lebens? Es gehört viel Mut dazu, wie ich finde und ich habe großen Respekt vor diesem Entschluss.  

 Vielen Dank, liebe Anne und lieber Sonning Augstin, dass wir bei euch zu Gast sein durften! 

Bleibt mir jetzt nur noch, kuriose Entdeckungen des Tages zu zeigen und Fotos von weiteren Häusern, die mir aufgefallen sind. Mieke, es hat mir großen Spaß gemacht, mit dir zu laufen und ich wünsche dir weiterhin viel Freude, Berlin auf diese uns so bereichernde Weise kennenzulernen! Vielleicht gehen wir ja doch nochmal zusammen die Backsteine zählen, die in Lichterfelde West verbaut wurden!

Am 21. April bin ich mit Ulrich Conrad östlich der Drakestraße unterwegs.

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17. und 19. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Telefunkensiedlung, Heinrich-Laehr-Park, vier Kirchen, zwei Schulen, zwei Friedhöfe, viele Tiere, Freizeitstätte Süd, Stadtgrenze, zwei Begleiterinnen und zu Gast im Radio
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14. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Unterwegs südlich S-Bahnhof Zehlendorf bis zur Grenze nach Lichterfelde
Auch der Süden von Zehlendorf bietet viel fürs Auge und hält Überraschungen bereit. Jede Straße hat Geschichten zu erzählen.
10. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Siedlung Am Mühlenberg, Rosenhof, Igel und Hans Rosenthal
Entlang mehrerer Siedlungs-Bautypen und riesiger Villen erfahre ich einiges über Igel, Architektur und Hans Rosenthal.
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03. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf und Dahlem) | Onkel Toms Hütte, Riemeisterfenn, Grunewald, sehr bunte und sehr weiße Häuser, Amerika und ein Kommissar
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Eine Führung mit Dirk Jordan zu wichtigen Erinnerungsorten in Schlachtensee. Schöne Häuser, etwas Natur und Industrie.
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03. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Schlachtensee, Seeschlag, Schlachtensee-Ost und fünf Begegnungen
In Begleitung des Morgenpost-Reporters genieße ich den Blick über den vereisten Schlachtensee und setzt meine Straßenwanderung durch Schlachtensee fort.
29. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Nikolassee, Hohenzollernplatz bis Rehwiese, Schlachtensee-West und drei Gespräche
Erstmals komme ich unterwegs mit mehreren Menschen ins Gespräch und lerne wieder viel dazu über Nikolassee und Schlachtensee.