03. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Schlachtensee) | Seeschlag, Schlachtensee-Ost und fünf Begegnungen

„Alles, was die Heilmittel nicht heilen, heilt das Eisen; alles, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer; was aber das Feuer nicht heilt, das muss als unheilbar gelten.“ (Hippokrates) – Kalenderspruch des Tages

Wie in den letzten Tagen auch, versuchen Unwetterwarnungen mich von der Einhaltung meines Plans und vor allem meiner Verabredung mit Oskar Paul, Bezirksreporter in Marzahn-Hellersdorf für die Berliner Woche und Berliner Morgenpost abzuhalten. Doch genau wie die inzwischen verstummten, wohlmeinenden Stimmen aus meinem Freundeskreis zeigen diese Bemühungen eher gegenteilige Wirkung, schließlich habe ich Verpflichtungen! In mehrere Schichten gehüllt und – wie wir feststellen – beide mit Wärmepads unter den Fußsohlen, treffen wir uns vor dem S-Bhf. Schlachtensee und sind gespannt auf die nächsten zwei Stunden. Schnell noch ein paar Vorbereitungen treffen, Tracking-App an, Notizblock raus, Kamera startklar machen, Ton läuft. Nun kanns losgehen.

Der erste Gang gilt Willy Brandt bzw. der Straße Am Marinesteig, die ich neulich vergessen hatte. An seinem Wohnhaus ist eine der Berliner Gedenktafeln installiert:

Da wir nun wieder zurück müssen, nehmen wir den weitaus schöneren, wenn auch rutschigeren Weg direkt am Schlachtensee, vorbei am S-Bahnhof in Richtung Alte Fischerhütte. Immer wieder bleibt Oskar Paul stehen, blickt versonnen über den zugefrorenen See und seufzt glücklich: „Was habe ich doch für einen schönen Beruf!“

Als gelernter Sozialarbeiter besuchte er nach dem Studium die Deutsche Journalistenschule in München und als Austauschstudent die University of Georgia. Seit 2024 ist er für die Zeitungen in Marzahn-Hellersdorf unterwegs und schreibt „über alles, was im Bezirk los ist, egal ob Büffel im Businesspark, Bordsteine oder Bundestagswahl“ oder eben eine Verrückte, die durch Berlin laufen will. Wie ich beeindruckt feststelle, muss er sich vorher in meinem Blog gründlich umgeschaut haben, denn seine Fragen sind sehr zielgerichtet und gehen in die Tiefe, so dass ich stellenweise nicht gleich eine passende Antwort parat habe. Doch ein paar Denkpausen stören nicht. Ab und zu prüft Oskar Paul meine Eignung als Fotomodel. Ich bin überzeugt, Heidi Klum hätte mich mit Schimpf und Schande davongejagt, aber er hält mich bei Laune mit solchen Sätzen wie „Das machen Sie sehr gut!“, „Gleich geschafft!“, „Es gibt keine schlechten Models, nur schlechte Fotografen!“ Ich strahle hypnotisiert in die Tiefe des Objektivs, lasse meine Augen auch mal versonnen in die Ferne schweifen oder übe den 1000-Meter (oder km?)-Blick. Dabei muss ich so tun, als würde ich am Horizont eine sensationelle Entdeckung machen. Spannend!

Es macht Spaß, die vielen Fragen zu beantworten und ganz nebenbei kommen wir gut voran. An der Fischerhütte gehts wieder hoch auf die Straßen des früher so genannten Seeschlags. Man sagt wohl auch Dichterviertel dazu, denn die Namen Klopstock, Goethe und Schiller sind hier auf den Straßenschildern zu lesen, sofern das durch die grüne Patina darauf möglich ist. Wir betrachten die unterschiedlichsten Haustypen und Architekturstile, manchmal hilft zur Erklärung derselben ein Blick in eines meiner schon so vielfach gepriesenen Lieblingsbücher „Schlachtensee – Häuser und Bewohner der Villenkolonien“, das ich griffbereit in der Hand halte. Bei der Gelegenheit zeige ich Herrn Paul meinen per Hand geschriebenen analogen Wegweiser auf Karteikarten und den Ausdruck des Stadtplanes, mit deren Hilfe ich mich orientiere. Für Digital Natives mag das ziemlich skurril aussehen und auch ich selbst belächle mich ein bisschen dafür, trotzdem schwöre ich auf diese Art der Navigation. Es ist viel komfortabler, als ständig mit frostigen Fingern auf dem Handy rumzuwischen.

Wir passieren ein Wohnhaus in der Bogotastraße 2, an dem ebenfalls eine Berliner Gedenktafel zu finden ist:

Hans Dominik war einer der bedeutendsten Pioniere der Science-Fiction-Literatur in Deutschland. Er wurde als „Prophet der Technik“ und „deutscher Jules Verne“ bezeichnet. Seine Bücher wurden in hohen Auflagen gedruckt und werden bis heute immer wieder neu aufgelegt. Neben Science-Fiction hat Dominik unzählige Erzählungen, Märchen, Sachbücher und Artikel mit technisch-wissenschaftlichem Inhalt geschrieben. Ich muss zugeben, noch nie von ihm gehört zu haben und bin eben nur mit Mühe der Gefahr entronnen, mich in seine Biografie zu vertiefen und Bücher von ihm zu kaufen (im Warenkorb liegen sie allerdings noch). Aber es hat sich wieder eine Wissenslücke geschlossen.

Wenig später stellen wir erstaunt fest, dass wir uns am Mexiko-Platz befinden, wo mein geschultes Auge sofort eine Buchhandlung erblickt, deren Besuch obligatorisch ist und uns außerdem viel Wärme spendet:

Auf meine Frage nach Regionalliteratur zeigt mir die Buchhändlerin mit Bedauern ein einziges Buch, nämlich das von Dirk Jordan, was sich ja schon in meinem Besitz befindet. Übrigens habe ich mein Vorhaben, den Autor zu kontaktieren, verwirklicht. Er wird mich voraussichtlich am 24.02. begleiten. Dass Schlachtensee sich seit 2020 wieder als eigenständiger Ortsteil von Steglitz-Zehlendorf bezeichnen darf, ist zum großen Teil sein Verdienst. Auf seiner Webseite hat er einen umfangreichen Wissensschatz über Schlachtensee zusammengetragen. Für meine heutige Tour hat er mir interessante Materialien zukommen lassen, doch dazu später mehr. Wir schlendern weiter, reden über dieses und jenes bis hin zum Thema Gendern, laufen an diesem niedlichen Gefährt vorbei…

… und weiten das Fotoshooting mitten auf eine Straße aus, was einige der wenigen Passanten neugierig beobachten. Ich komme mir sehr bedeutend vor, denn das denken die Leute bestimmt (hoffentlich). Zum Schluss muss ich noch für Instagram zwei Fragen vor der Kamera beantworten, dann verabschiedet sich Oskar Paul von mir und auch ich gehe meiner noch abzuschreitenden Wege.

Vorher lege ich eine Pause ein in der Alten Fischerhütte und trinke dort eine heiße Schokolade, die geschmacklich gar nicht, preislich schon eher umwerfend, aber immerhin wärmend ist. Der Kellner beäugt neugierig mein Buch „Schlachtensee“ und erzählt mir, dass er zwar schon lange hier wohnt, aber nur den Weg bis zur S-Bahn kennt.

Ich empfehle ihm eine Erweiterung des Radius, plane meine nächsten Schritte und rutsche durch die Wolfsschlucht hoch auf die Straße.

Mit fällt auf, dass die Weihnachtszeit hier offenbar sehr beliebt ist, denn an gefühlt jedem dritten Hausgiebel hängt ein Herrnhuter Stern, viele Bäume sind noch geschmückt oder Weihnachtsmänner grüßen die Passanten:

Aber auch politische Botschaften sind zu finden:

Besonders neugierig bin ich auf die Terrassenstraße, denn hier hat Götz George gewohnt…

…das Elternhaus von Jürgen Kuczynski steht hier…

…und viele weitere schmucke Stadtvillen. Die Straße heißt nicht umsonst so, denn die Häuser stehen auf einer Terrasse hoch über dem Schlachtensee. Auf diesem Foto kann man das ziemlich gut erkennen:

Wieder muss ich eine Wissenslücke einräumen, denn ich wusste bisher nicht, dass die Schwester von Jürgen Kuczynski (er ist bestimmt vielen noch bekannt durch sein Buch „Dialog mit meinem Urenkel“) unter dem Pseudonym Ruth Werner später eine der bekanntesten Agentinnen des sowjetischen Geheimdienstes wurde. Ruth Werner selbst kenne ich natürlich, vor allem durch ihr Buch „Sonjas Rapport“. Aber die familiäre Bindung ist für mich eine völlig neue Information.

Beim Überqueren der Straße sehe ich weit hinten eine Frau mit Kinderwagen und höre, wie sie sich mir im Laufschritt nähert. Während ich noch darüber nachdenke, wie man bei dieser Glätte ein solches Tempo unfallfrei vorlegen kann, überreicht sie mir mein Blatt mit dem Stadtplanausschnitt mit den Worten: „Das haben Sie verloren! Ich dachte, Sie brauchen das, um sich nicht zu verlaufen!“ Überglücklich nehme ich es entgegen, denn ich hätte es sicher bald vermisst. Natürlich habe ich noch Alternativpläne in der Tasche, aber nicht so stark vergrößert. Wir kommen ins Plaudern, ich berichte ihr natürlich, was mich so umtreibt und nötige ihr meine Visitenkarte auf. Sie findet meine Idee richtig gut und erzählt, dass sie vielleicht später als Rentnerin Kunst studieren wird. Sie ist von Weißensee hierher gezogen und immer noch sehr angetan von der Freundlichkeit der Menschen, der Sauberkeit, der Ruhe. Ihre Worte entsprechen genau meinen Beobachtungen und wir tauschen uns aus über die Vielschichtigkeit Berlins, dass auch Marzahn eine Reise wert ist und es eben spürbare Unterschiede gibt zwischen den Wohnvierteln. Es reicht schon eine Hauptverkehrsstraße wie z.B. die Potsdamer Chaussee, um auf der anderen Seite einen ganz anderen Menschenschlag anzutreffen. Mir kommt der Gedanke, dass ich ja auch so eine Art Vermittlerin zwischen den verschiedenen Lebenswelten werden könnte.

Ich freue mich, so eine nette Gesprächspartnerin getroffen zu haben und wandere weiter, um mich näher mit dem Paul-Ernst-Park zu beschäftigen. Er stellt eine Halbinsel dar, die wie eine Kaugummiblase in den Schlachtensee hineinragt. Und eigentlich ist es auch kein Park, sondern ein Wald. Ein schmaler Weg zwischen zwei Häusern führt hinein auf das Gelände. Mit mir betritt ein ziemlich bulliger Typ in Tarnkleidung mit passendem Hund den Park. Obwohl der Mann einen Arm in einer Schiene trägt, ist er mit seinem Begleiter gerade einem Auto entstiegen und ich frage mich, wie man einarmig ein Fahrzeug steuern kann. Ein gutes Stück des Weges gehen wir fast nebeneinander, aber unsere Konversation beschränkt sich auf ein gemurmeltes „Hallo“. Nach ein paar Schritten entdecke ich einen Gedenkstein:

Darauf steht: „„Die Welt kann nicht bestehen, wenn die Menschen selbstsüchtig sind, es muß Menschen geben, welche sich opfern.“

Dass der Park nach Paul Ernst benannt wurde, hat eventuell damit zu tun, dass man die Sprache seiner Romane als naturalistisch und asketisch bezeichnet, denn auf diesem Gelände lebten Anfang des 20. Jh. Mitglieder der Neuen Gemeinschaft. Darauf machte mich Dirk Jordan aufmerksam, wie ich vorhin schon angedeutet hatte. Wo sich jetzt der Flachsweg befindet, stand vor mehr als 100 Jahren das „Vegetarierhaus“. Die Neue Gemeinschaft war ein Teil der Berliner Lebensreformbewegung. Getragen von den Brüdern Julius und Heinrich Hart entstand eine Künstler‑ und Lebenskommune. Aus dem zerstrittenen Friedrichshagener Dichterkreis hervorgegangen, suchten die Beteiligten einen Ort jenseits des großstädtischen Lärms, wo ein freies, alternatives Leben möglich sein sollte. Gustav Landauer, Martin Buber, Else Lasker‑Schüler, Peter Hille, Erich Mühsam und viele andere prägten dieses Experiment mit. In dem Haus mit ca. 30 Zimmern gab es intensive Begegnungen, Diskussionen und die berühmten „Weihefeste“, die kultische, manchmal ekstatische Züge annahmen. Von den Nachbarn wurden sie wohl weitgehend ignoriert. Aber Konflikte und finanzielle Schwierigkeiten führten schließlich zum Zerfall der Gemeinschaft. Mich erinnert das an den Propheten vom Arendsee – Gustav Nagel. Er war eine Erscheinung wie Jesus und hatte sich dort einen Paradiesgarten mit großer Familie angelegt. Solche Lebenskonzepte sind bisher leider meistens an internen Streitigkeiten gescheitert. Heutzutage erinnert nichts mehr an dieses Haus. Das Gelände wurde später anderweitig bebaut:

Am Hang zum Schlachtensee befand sich eine Freilichtbühne und Botaniker haben dort viele für unsere Gefilde untypische Bäume entdeckt, die ca. 100 Jahre alt sind. Das deutet darauf hin, dass sie von der Neuen Gemeinschaft dort angepflanzt wurden. Auch Bäume können Geschichte(n) erzählen!

Nun bin ich wieder am S-Bahnhof und begebe mich auf die andere Seite der Gleise, wo ich am Donnerstag schon in Schlachtensee-West unterwegs war und setze meine Erkundungsgänge östlich davon fort. Mir fällt auf, dass überall ein kunterbuntes Nebeneinander von stattlichen, ehrwürdigen Villen, Landhäusern und modernen Gebäuden herrscht. Letztere können auch ihren Reiz haben, aber wenn ich eine Fassade auf mich wirken lasse, wecken letztendlich nur ältere Bauten meine Neugier. Sie haben eine Seele, erzählen Geschichten. Es gibt so viel daran zu entdecken: Reliefs, Türmchen, Skulpturen, detailreiche Haustüren, Angabe des Baujahres im Giebel, selbst die Zäune sind kunstvoll gestaltet. Neubauten wirken so aalglatt, meist weiß, viel Glas und Stahl und sie lassen mich kalt. Damit will ich keine Abfälligkeit äußern, denn hier liegt das Augenmerk vermutlich auf der Inneneinrichtung und es ist schließlich total egal, ob mir ein Haus gefällt oder nicht. Hier folgt ein Querschnitt meiner Eindrücke:

Sehr liebenswert und aufmerksam finde ich diese Widmung an einer Bank:

Ob der Postbote dieses Angebot annimmt? Oder fährt er vorbei, um schneller Feierabend zu haben? Ich frage mich, ob es solche Bänke auch in anderen Teilen Berlins gibt, aber das werde ich vielleicht in ein paar Jahren besser beantworten können.

Natürlich darf die beeindruckende evangelische Johanneskirche am Heinrich-Albertz-Platz nicht unerwähnt bleiben, die aber leider verschlossen war:

Die Kirche entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die neue Villenkolonie rasch wuchs und ein eigenes geistliches Zentrum benötigte. Sie beherbergt übrigens die älteste Glocke Berlins, die vorher in der Alten Dorfkirche Zehlendorf hing. Der Platz davor trägt den Namen des einstigen niedersächsischen Sozial‑ und Flüchtlingsminister, der später Chef der Berliner Senatskanzlei und schließlich 1966-1967 Regierender Bürgermeister von Berlin wurde. Heinrich Albertz war politisch verantwortlich, als Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei der Demonstration gegen den Schah von Persien von einem Polizisten erschossen wurde. Später war er Pfarrer in dieser Kirche.

Eine Botschaft liegt auch wieder auf meinem Weg und es wundert mich mittlerweile überhaupt nicht mehr, dass die offizielle Adresse eine ganz andere ist: Klingelhöferstr. 7. Vielleicht kann ich das Botschafts-Mysterium irgendwann auflösen, oder hat jemand meiner Leser eine Idee?

Mein Tag neigt sich dem Ende zu, ich lande wieder am Mexikoplatz, der vermutlich für sich einen ganzen Wandertag füllen würde. Er ist der Verteiler für acht Straßen und wird von der S-Bahn halbiert. Aus der Dubrowstraße kommend, laufe ich an einem Grundstück entlang, das an der Spitze zum Mexikoplatz seinen Eingang hat und sich im spitzen Winkel in der Matterhornstraße fortsetzt. Es beeindruckt durch insgesamt sechs Skulpturen auf den drei Toren im Zaun:

Zwei Besonderheiten muss ich noch erwähnen. Heute habe ich keinen einzigen Hertha-Aufkleber gesehen, dafür erstmals einen herrenlosen E-Roller:

Die nächste Tour wird mich u.a. durch das Wonnegauviertel führen und Nikolassee (bis auf die Havelchaussee und Kronprinzessinnenweg) abschließen. Diesen beiden sehr langen Straßen widme ich einen anderen Tag.

2 Gedanken zu „03. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Schlachtensee) | Seeschlag, Schlachtensee-Ost und fünf Begegnungen

  1. Thaten

    Liebe Frau Zimmermann-wieder ein sehr gelungener Blogeintrag -und ich hoffe, daß bald noch mehr Berliner von Ihren interessanten Touren in der Zeitung zu lesen bekommen!
    Zu den Botschaften habe ich die Vermutung, daß es sich hierbei um die privaten Wohnsitze der Botschafter (gehobene Wohnviertel) handelt, während die offiziellen Botschaften ja doch eher zentral in der Stadt liegen-wie gesagt Vermutung!
    Viel Glück auf allen Wegen, E. Thaten

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    1. Renate Zimmermann Beitragsautor

      Liebe Frau Thaten, vielen Dank für Ihre freundliche Rückmeldung! Es wird so sein, wie Sie vermuten, auch andere haben sich in dieser Richtung geäußert. Es ist auch total einleuchtend. Vielleicht sind es auch manchmal Gästehäuser der Botschaften. Aber so lernt man immer etwas dazu! Viele Grüße sendet Ihnen Renate Zimmermann

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