„Wenn der Winter, Hausgenosse des Alters, Bauch des ganzen Jahres und grimmiger Verzehrer der reichen Früchte der Arbeit, bei Ankunft des Frühlings in die tiefsten Gründe der Erde vertrieben ist…“ (Walahfrid Strabo) – Kalenderspruch des Tages
Die Weisheit „Aus Erfahrung wird man klug“ scheint auf mich nicht zuzutreffen. Der Sonne vertrauend, gehe ich wie immer um 8 Uhr aus dem Haus und werde sofort von einer kalten Windböe um die Ecke geweht. Ich könnte ja nochmal hochgehen, überlege ich. Aber ich wohne in der sechsten Etage. Ohne Aufzug. Außerdem wird es bestimmt bei meiner Ankunft in Zehlendorf schon ein bisschen wärmer sein. Die Faulheit siegt und ich mache mich auf den Weg. Leider sind es 1,5 Stunden später immer noch acht Grad, so dass ich mir einrede, einen triftigen Grund zu haben, jetzt mal schnell shoppen gehen zu MÜSSEN! So schlendere ich suchend den Teltower Damm entlang, bis mich ein Damenmoden-Geschäft in seinen Bann zieht. Eine versierte Verkäuferin wittert angesichts meiner Notlage den Umsatz des Tages und legt mir ihr gesamtes Jacken- und Mäntel-Repertoire zur Ansicht und Anprobe vor. Doch sie hat es wirklich schwer mit mir. An allem habe ich was rumzumäkeln – zu lang, zu kurz, zu weiß, zu bunt, zu elegant. Braun – wie schrecklich! Wolle – geht gar nicht! Goldene Knöpfe – wie hässlich! Schließlich stehe ich mit einer schwarzen Jacke vorm Spiegel, tailliert mit Gummizug! Den könnte man ja durchschneiden, versuche ich mir meinen absurden Aufzug schönzureden und frage nach dem Preis. „109 €, aber ich würde sie Ihnen für 100 € verkaufen“, säuselt die geschäftstüchtige Frau, ganz euphorisch schwärmend, wie toll ich darin aussähe. Aber mein Rausch hat das Interesse an mir verloren und fliegt durch die Ladentür mit dem Wind davon. Ernüchtert ergreift die Vernunft wieder Besitz von mir und ich bedanke mich bei der Verkäuferin herzlich für die viele, vergebliche Mühe, denn sie tut mir jetzt schon auch ein bisschen leid. Rückblickend habe ich alles richtig gemacht, denn die 26 km heute haben mich ziemlich aufgeheizt!
Mein heutiges Erkundungsgebiet wird begrenzt durch die Machnower Straße / Teltower Damm, Potsdamer-, Berlepsch- und Neuruppiner Straße. Noch frisch auf den Füßen (ach übrigens – mein Fersensporn scheint, wenn auch langsam aufzugeben) und sehr neugierig auf die Gartenstadt Zehlendorf, nähere ich mich dieser über die Berlepschstraße. Direkt im Winkel zur Machnower Straße steht dieses Prachtstück:

Momentan beherbergt es eine Osteopathie- und Krankengymnastik-Praxis sowie eine Steuerberaterkanzlei.
Der Frühling ist nun nicht mehr aufzuhalten, man sieht es an dem weithin sichtbaren Strahlen der Forsythie in sattem Gelb und auch die von mir sehr geliebten Magnolienblüten stehen kurz vorm Aufplatzen.
Kurze Zeit später bin ich mittendrin in der Gartenstadt, die unschwer an ihren Reihenhäusern zu erkennen ist.

Sie ist in vier Bauabschnitten entstanden in der Zeit zwischen 1913 und 1930. Maßgeblich beteiligt waren die Architekten Paul Mebes, Paul Emmerich und Franz Tonndorf. Das vorher landwirtschaftlich genutzte Ackerland gehörte dem Landwirt Julius Zinnow. 1912 erwarb der Beamten-Wohnungs-Verein das sieben Hektar große Grundstück zu einem Preis von 450.000 Mark, was sich auch für damalige Verhältnisse lächerlich gering anhört. Unter dem Begriff Gartenstadt sollten Alternativen zu den Mietskasernen in den Ballungszentren geschaffen werden, beeinflusst von der englischen arts and craft Bewegung und auch den naturalistischen Literaten, Philosophen, Weltverbesserer und Lebenskünstler. Hier kommen wieder die „Neue Gemeinschaft“ ins Spiel mit den Brüdern Heinrich und Julius Hart (siehe Schlachtensee) und der Friedrichshagener Dichterkreis. Ausschussmitglieder der 1902 gegründeten Deutschen Gartengesellschaft kamen aus dieser Bewegung und ebneten den Architekten Mewes und Emmerich den Weg für die erste Gartenstadt in Berlin. Die ursprüngliche Idee von freistehenden Einfamilienhäusern wurde schon bald zugunsten der Reihenhäuser verworfen, weil die Zielgruppe der Beamten die hohen Grundstückspreise nicht hätte zahlen können.
Im August 1912 lagen die Entwürfe für den ersten Bauabschnitt vor, am 1. April 1913 waren die ersten 52 Wohnungen am Rotherstieg, der Camphausen- und Berlepschstraße bezugsfertig. Unglaublich! Es wurden viele Gestaltungsmittel eingesetzt wie Gesimsbänder, Erkeranbauten und Schmuckformen wie Rosetten, Girlanden und Medaillons. Zu jedem Haus gehören 130 – 200 m² große Nutzgärten. Manche Häuser wurden an das Ende des Grundstückes gesetzt, so dass der Garten vor dem Haus lag.
Im zweiten Bauabschnitt 1919 – 1921 (Dallwitz-, Thür-, Radtkestraße) gab es starke Vereinfachungen, auch an den Haustüren. Die Fassaden sind nahezu schmucklos, Nur die Eckbauten heben sich hervor. Aber nun gewinnt die farbliche Gestaltung an Bedeutung, nicht flächig, sondern als Umrandung der Fenster oder umlaufende Farbrahmen.
Die Häuser des dritten Bauabschnittes (Grenzpfad, Camphausenstraße, Am Weißen Steg) waren für die Beamten aus den verlorenen afrikanischen Kolonien vorgesehen. Sie stehen nicht in durchgehenden Wohnstraßen, sondern in Sackgassen und sind zweigeschossig, teils auch Wohnblocks mit 2 bis 5 ½ Zimmern, Kellern und Trockenböden. Durch die Straßenführung entstehen statt Gärten Wohnhöfe.
Franz Tonndorf legte den Entwurf für den vierten Bauabschnitt vor (Thürstraße, Radtkestraße). Die Wohnungen hatten alle den gleichen Grundriss und waren für kinderreiche Familien gedacht. Schlicht und praktisch mit Keller und Dachboden. Die Küche lag nach hinten zum Garten. Tonndorf war übrigens auch am Bau der Waldbühne mit beteiligt.
Es kann sein, dass ich einige Fotos dem falschen Bauabschnitt zugeordnet habe, aber sie vermitteln vielleicht einen Gesamteindruck der Gartenstadt. Zur Vertiefung empfehle ich das Heft 11/99 des Heimatvereins Zehlendorf „Die Gartenstadt Zehlendorf 1913-1930)“ aus der Reihe Zehlendorfer Chronik, erhältlich im Heimatmuseum. Wenn erst in den Gärten das Leben erwacht, wird es ein noch größerer Genuss sein, durch die Straßen zu wandern, auch jetzt schon, wo alles österlich geschmückt ist.
Doch auch solch eine Häuserzeile in der Camphausenstraße hat sich in diese Idylle geschmuggelt:

Noch in Gedanken versunken über die vielfältigen Siedlungen allein in diesem Stadtbezirk, die man als Gesamtbild wahrnimmt und nicht Haus für Haus, verlangen mir die Gertraud-, Albertinen- und Bismarckstraße einiges an Flexibilität ab. Ich habe den Eindruck, dass die Bauherren sich wohl damals gegenseitig zu übertrumpfen suchten oder hier eine Art Klein-Nikolassee errichten wollten. Ich komme nur schleppend voran, versinke vor fast jedem Haus in Bewunderung und Staunen:
… oder in der Befürchtung, dass von diesem sich optisch so gar nicht einfügendem Haus die Balkonbrüstungen jeden Moment abfallen werden. An dieser Stelle hält direkt neben mir ein Auto und ein junger Mann springt mit einem Päckchen in der Hand heraus. Mit ihm entweicht dem Auto eine durchdringende Cannabis-Wolke, unter deren Einfluss mir das Haus vielleicht bald gefallen könnte.

Doch ich laufe weiter und genieße lieber die kleinen Details am Wegesrand, die in ihrer Freundlichkeit auch berauschen können:
Nun komme ich zum Buschgrabenweg, der zu einem kleinen Park am – wen überrascht es – Buschgraben hinführt, wo ich eine kleine Pause einlege. Der Wassergraben ist mir erstmals in einem Industriegebiet jenseits der Bahnlinie begegnet und zieht sich über die Ludwigsfelder und Neuruppiner Straße bis nach Brandenburg hinein, ähnlich des Wuhlewanderweges von Köpenick bis Ahrensfelde und gehört zur Nr. 17 der zwanzig grünen Hauptwege durch Berlin. Eine Infotafel am dortigen Ökogarten Buschgraben direkt neben der Evangelischen Grundschule informiert darüber, dass 2019 eine Kirche der Grundschule weichen musste. Pfarrer war Gerhard Borné, er gründete 1981 den Ökogarten. Man kann hier ein Interview mit ihm nachlesen, das sehr spannend ist. Gerhard Borné war zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU, hat bei Helmut Gollwitzer promoviert. Mit einem Kollegen übernahm er dann die Kirchengemeinde Am Buschgraben. Die Kirche wurde 1965 von Architekt Ewald Bubner gebaut. Grund waren viele Zuzügler, die in die neuen Häuser in der Postsiedlung zogen, die ich heute auch noch anschauen will. 2000 fusionierte die Gemeinde mit der von Schönow (ich erinnere an die lichtdurchflutete Kirche und Ulrich Conrad, den ich dort traf) und die Kirche stand leer. Und nun wirds spannend: Es zogen orthodoxe Christen aus dem Libanon, Syrien und dem Nahen Osten ein, schmückten den Kirchensaal mit Heiligenbildern und einer Ikonostase. Später kamen auch Geflüchtete dazu, es wurde gemeinsam gekocht, gespielt, gegärtnert, gebetet. Nun steht dort seit 2023 die Grundschule – der Ökogarten aber ist geblieben. Direkt über den Graben hinweg gibt es noch eine Grundschule, die den Namen Am Buschgraben trägt.
Jetzt kommt mit dem Ernst-Lemmer-Ring ein ganz harter Schnitt. Zunächst empfinde ich den Anblick, der sich mir bietet, als sehr bedrückend. Grauer, schmutziger Beton schlägt mir mit einer Wucht entgegen, die in Bedauern all der armen Menschen umschlägt, die hier wohnen müssen. Wie traurig und öde es doch sein muss, in diesen Bunkern zu leben! Selbst der Frühling hat es schwer, Frohsinn zu verbreiten.
Doch je gründlicher ich mich umschaue, um so besser gefällt es mir hier. Baumbewachsene, terrassierte Balkone, Grünflächen, kleine Gärten, ein Park, Tische für Schachspieler am Wegesrand belehren mich eines Besseren und ich schäme mich ein bisschen vor mir selbst wegen meines schnell verhängten Urteils, wohne ich doch selbst in einer grauen Platte. Eigentlich ist es nur der grauschwarze Beton, auf den man so abwehrend reagiert. Ein bisschen Farbe würde Wunder tun.
Nördlich dieser Nachkriegssiedlung im Stile des Brutalismus habe ich noch ein paar Straßen zu absolvieren, die mich wieder in die 30er Jahre zurück katapultieren. Die Stolpersteine vor dem Haus Loebellstraße 6 machen das grausames Schicksal zweier jüdischer Familien unvergessen. Die Kinder der Familie Schaefer waren gerade mal drei bzw. ein Jahr alt, als sie deportiert und ermordet wurden. Auf der Webseite Stolpersteine Berlin findet man zu allen Personen ausführliche Informationen, bezüglich dieser Familie steht dort, dass Richard Schaefer Jurist war, von Stettin nach Berlin zog, dort die verwitwete Annemarie Charlotte Ilse Sternberg heiratete. Deren vier Kinder aus ihrer ersten Ehe konnten im Sommer 1939 mit Kindertransporten nach England entkommen. Nach der Ankunft in Auschwitz wurde er von seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern getrennt, die einige Tage später in der Gaskammer ermordet wurden, er selbst 1944.
In Berlin gibt es aktuell über 116.000 Stolpersteine, die an das Ausmaß dieses Völkermordes erinnern.
Nun wende ich mich dem letzten Zipfel zu im Süden Zehlendorfs, der mit der Neuruppiner Straße die Grenze zu Brandenburg bildet. Sie wurde von den Alteingesessenen Postsiedlung genannt, Quellen habe ich dafür nicht gefunden. Die KI weiß dazu folgendes, was tatsächlich auch gar nicht so falsch klingt:
„Die Postsiedlung an der Neuruppiner Straße in Zehlendorf gehört zu den stillen, fast überhörten Wohninseln des Berliner Südwestens. Sie entstand in den 1950er‑ und 1960er‑Jahren als Wohnanlage für Beschäftigte der Deutschen Bundespost und trägt bis heute die Handschrift dieser Zeit: kleinteilige Architektur, viel Grün zwischen den Häusern, großzügige Abstände und eine ruhige, beinahe dörfliche Atmosphäre. Die Siedlung liegt zwischen Ludwigsfelder Straße, Machnower Straße und dem Buschgraben‑Grünzug, also in einem Übergangsraum zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow, der schon früh als besonders wohnfreundlich galt.
Die Bebauung besteht aus Reihenhäusern und kleinen Mehrfamilienhäusern mit zwei bis drei Geschossen, meist mit Satteldächern und schlichten Putzfassaden. Die Wege sind verkehrsarm, die Vorgärten gepflegt, und zwischen den Häusern öffnen sich immer wieder Grünflächen, die den Charakter einer aufgelockerten Stadtlandschaft prägen. Diese Form des Wohnens war typisch für den West‑Berliner Wiederaufbau: funktional, bezahlbar, aber mit einem deutlichen Anspruch an Licht, Luft und Nähe zur Natur.
Sozial war die Postsiedlung lange ein klassisches Arbeitnehmerquartier mit stabilen Mietverhältnissen und einer ausgeprägten Nachbarschaftskultur. Auch heute wirkt sie freundlich, familiär und erstaunlich ruhig. Die Nähe zum Buschgraben, zu Schulen, Kitas und kleinen Versorgungszentren macht sie zu einem unaufgeregten, aber sehr angenehmen Wohnort. Wer hier entlanggeht, spürt die Geschichte eines West‑Berliner Alltags, der nicht spektakulär, aber sehr charakteristisch ist: eine Siedlung, die man leicht übersieht – und die gerade deshalb viel über die Wohnkultur der Nachkriegszeit erzählt.“
Im Grunde ist es ziemlich langweilig, hier durchzumarschieren, gleichzeitig aber auch sehr witzig, denn die Siedlung wird flankiert von der Berlepschstraße und Neuruppiner Straße, die aufeinander zulaufen und sich am Ende beide auf der Benschallee treffen. Dadurch werden die Querstraßen immer kürzer, so dass sie zum Schluss nur noch zwei Häuser lang sind. Fast alle sind Sackgassen, aber für Fußgänger durch Stichwege mit einem Mittelweg verbunden. Dadurch komme ich gut voran, weil ich nichts doppelt laufen muss.
Am Treffpunkt der drei Straßen wird man in vielfältiger Form an die Mauertoten erinnert, die hier ihr Leben lassen mussten beim Versuch, aus Kleinmachnow nach Westberlin zu gelangen. Zunächst weist ein Holzkreuz darauf hin, dass Karl-Heinz Kube hier im Alter von 17 Jahren erschossen wurde. Ein paar Schritte weiter folgt ein Gedenkstein mit der Aufschrift „Den Opfern der Teilung Deutschlands 1949 – 1989“. Daneben werden die Namen von vier Personen, deren Geburts- und Sterbedatum sowie die Umstände des Todes genannt. Geht man über die Straße, steht man vor einem Mauersegment und einer Infotafel mit Fotos.
Meinem Plan folgend, muss ich nun die ca. 2,5 km lange Berlepschstraße zurücklaufen und noch ein paar Schlenker durch nicht begangene Straßen rechterhand machen, um mich danach dem Gebiet rund um die Königstraße zu widmen. Wenn ich das geschafft habe, bin ich durch mit Zehlendorf. Also dann – auf gehts, obwohl ich jetzt eigentlich gerne Feierabend machen würde. Es wird nicht geschwächelt, motiviere ich mich, immerhin will ich zur nächsten Tour mit Dahlem beginnen.
Eisenbahn-Nerds werde ich nichts Neues erzählen, dass die Berlepschstraße, die zu Beginn noch sehr ruhig und nur einseitig bebaut ist, parallel der ehemaligen S-Bahnhöfe Düppel und Zehlendorf Süd verläuft. Die Gleise kann man noch gut erkennen:
Ein Blick auf mein Handy sagt mir, dass es nach Strom dürstet, aber auch die Powerbank gibt keinen Mucks mehr von sich. So ein Mist! Schlecht vorbereitet, Renate! Jetzt muss ich damit rechnen, dass die Aufzeichnung meines Weges unterbrochen wird. Missmutig stapfe ich zurück zum S-Bahnhof. Was mache ich nun? Ich brauche mein Handy, denn die bevorstehenden Straßen werden auf jeden Fall fotointensiv! Kurzerhand gönne ich mir in einem italienischen Café eine Kaffee- und meinem Handy eine Aufladpause, worum ich die schlechtgelaunte Kellnerin höflichst bitte. Einen Stecker habe ich nicht dabei, nur das Kabel, deswegen drücke ich ihr Telefon und Kabel in die Hand und sie verschwindet damit. Kaum geschehen, geht das Kopfkino los. Welcher Teufel hat mich da gerade geritten? Ich überreiche einer wildfremden Italienerin mein kostbarstes Gut! Einfach so! Was kann man damit jetzt alles anstellen? Käufe tätigen, Geld transferieren, Daten klauen? Mein Glaube an das Gute im Menschen versucht mich zu beruhigen: Wird schon alles gut gehen! Mein Misstrauen maßregelt mich: Wirst schon sehen, wohin dich deine Gutgläubigkeit führt! Wie kann man nur so dämlich sein! Nach einer halben Stunde erhalte ich natürlich alles zurück, aber wer weiß? Man sieht es dem Gerät ja nicht sofort an, ob es manipuliert wurde! Es ist wieder betriebsbereit, aber ich gebe zu, dass ich es misstrauisch durchchecke, bevor ich weiterziehe.
Nun wirds nochmal opulent und majestätisch auf den letzten Kilometern. Besonders neugierig bin ich auf die denkmalgeschützte Hochzeitsvilla am Teltower Damm 10. Sie wurde 1892 für die damalige Gutsherrin Sidonie Scharfe errichtet und dient heute als majestätischer Ort für Eheschließungen. „Das Dach ist im französischen Stil gehalten, der Giebelaufbau hat barocke Elemente und der Eingang erinnert an eine italienische Loggia.“ (Quelle: BA Steglitz-Zehlendorf) Davor hockt eine etwas unglücklich wirkende Skulptur im Gras. Ob sie vom Bräutigam versetzt wurde?
Das Gemeindehaus der Paulusgemeinde ist ebenfalls ein beeindruckendes Gebäude. Es wurde 1929-1930 nach Entwürfen des Architekten Curt Steinberg erbaut. Ein Stolperstein und eine Berliner Gedenktafel erinnern an Menschen, die hier gelebt und gewirkt haben:
Ein opulentes Gebäude an der Potsdamer Straße 47 weckt mein Interesse vor allem wegen der Köpfe, die am Giebel zu sehen sind. Jeder ist anders, einer sieht aus wie Bismarck, ein anderer wie Cäsar, aber das muss nicht stimmen. Vielleicht weiß jemand mehr? Das Haus wird von so vielen Verbänden genutzt, dass ich kurzerhand ein Foto mache, um niemanden zu vergessen.
Gegenüber liegt das Gemeindewäldchen, an dem ich vor ein paar Wochen auf der Rückseite entlanggelaufen war und dort unbedingt nochmal hin wollte. Jetzt ist also die Gelegenheit! Wie der Name sagt, ist es ein Wald, wie viele der anderen Parks in Zehlendorf. In einer Broschüre hatte ich ein Foto entdeckt von einem Rondell, das früher mit einer rosenbewachsenen Pergola verziert war und von dem alle Waldwege abzweigten. Das Rondell gibt es noch, aber leider ohne Pergola:

Aber auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße mache ich folgende Entdeckung:

Es handelt sich um die Kopie einer 1849 errichteten Säule, die ursprünglich Entfernungen entlang der Poststraßen markierte, quasi das Navi der Postkutschen. Von hier aus sind es noch zwei Meilen bis zum Obelisken am Dönhoffplatz.
Nun mäandere ich durch diesen Kartenabschnitt rechts und links der Königstraße und lerne Straßen und Häuser kennen, die mich begeistern und erstaunen.

Besonders seien hier zwei Schulen hervorgehoben, die sich einreihen in die Auflistung der bisher schon bewunderten, schloss- und burgenartigen Lehrgebäude in Steglitz-Zehlendorf. Noch nie habe ich so eine Anhäufung derartig bombastischer, fast einschüchternder Gymnasien und Grundschulen gesehen. Hier sei zuerst die ehemalige Beucke-Realschule genannt, die trotz ihrer Größe nun noch einen Erweiterungsbau erhält. Mittlerweile gehört das Gebäude als Haus B zum Schadow-Gymnasium, das in der zweiten Bilderfolge zu sehen ist und sich ebenfalls in der Beuckestraße befindet.
Ob schon einmal untersucht wurde, inwiefern die Architektur einer Schule Einfluss hat auf das Lernverhalten und die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen? Wenn wie in diesem Fall täglich beim Betreten des Hauses Luther, Goethe und Bismarck auf die Schüler hinab blicken? Ich bin mir sicher, dass es da einen Zusammenhang gibt.
Mit meinem Stadtplan-Zettel und Textmarker in der Hand strolche ich nun durch alle Gassen und Straßen, die mir noch zur Vollendung Zehlendorfs fehlen. Mein Eindruck ist, dass es hier viele in die Jahre gekommenen Villen gibt mit viel Charme und Zuwendungsbedürftigkeit, alternde Zeitzeugen mit einer großen Seele.
Während ich versonnen die steinernen Zeugen betrachte, kommt mir auf dem Fahrrad eine Mutter mit zwei Kindern vor sich im Wagen und einem dritten, größeren Jungen entgegen, der schon selbstständig Rad fährt. Sie ruft ihm zu, er möchte bitte mal kurz warten und hält neben mir an. „Ich muss Sie jetzt einfach mal ansprechen“, sagt sie. „Vielleicht kennen Sie mich noch, ich arbeite beim Bündnis für Demokratie und Toleranz in Marzahn und wir hatten einige Male miteinander zu tun, als Sie noch in der Bibliothek waren. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Sie jetzt gerade hier in Zehlendorf unterwegs sind, und jetzt treffe ich Sie hier wirklich!“ Wir freuen uns beide über das Wiedersehen und könnten noch ein bisschen weiter quatschen, aber die Kinder sehen das gar nicht ein und wollen nach Hause. Verstehe ich, geht mir genauso. Also verabschieden wir uns und ich freue mich über diese schöne Begegnung.
Die Anhaltiner Straße liegt direkt an der Bahnlinie und erfahrungsgemäß sieht es dort immer nicht so schick aus, egal, in welcher Stadt man sich befindet. Eigentlich ist das merkwürdig, denn für Bahnreisende ist das schließlich der erste Eindruck, den sie von der Stadt aus dem Zugfenster bekommen. S-Bahn-Fahrenden bietet sich, wenn auch von der anderen Seite, dieser Anblick:
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße siehts da schon ganz anders aus:
In der Düppelstraße gleich um die Ecke wird nichts dem Zufall überlassen und das Wesentliche bedacht:
Die Beuckestraße wurde mit der Firma Knick zur Blauzone. „Unter dem Motto „The Art of Measuring“ versteht Knick, dass Messen mehr ist als nur ein Wert. Es geht darum, technische Komplexität in zuverlässige und qualitativ hochwertige Geräte zu integrieren. Um dies zu gewährleisten und Ihnen die passende Lösung für Ihre Messaufgabe zu bieten, stehen wir in ständigem Dialog mit Ihnen – unseren Kunden.“ – So heißt es auf deren Webseite. Alles verstanden?
Über die Potsdamer Straße wandere ich zurück zur S-Bahn, vorbei an einem der Wirkungsorte von Lyonel Feininger und an einer Tierklinik, die direkt am Paul-Mebes-Park liegt.
Neugierig durchstreife ich den Park nach einem Denkmal für den großen Architekten Paul Mebes, dem Steglitz-Zehlendorf so viel zu verdanken hat. Er ist nach allen Seiten gut einsehbar und erst im letzten Moment entdecke ich den Gedenkstein, der für meinen Geschmack und angesichts der Verdienste dieses Mannes doch recht spärliche Informationen preisgibt. Falls sich überhaupt jemand fragt, warum der Park so heißt und wer das eigentlich war, wird er dadurch keinen großartigen Erkenntniszuwachs mit nach Hause nehmen. Schade!
Auf zum Endspurt, der den Mebes-Kreis schließt mit einem von ihm entworfenen Backsteingebäude – ein Wohnhaus für den damaligen Direktor der Schadow-Schule.

Macht man dort eine Kehrtwendung, entdeckt man die Garagen der Bücherbusse neben der Gottfried-Benn-Bibliothek:

Fast direkt am Bahnhof kann man das ehemalige Kaiserliche Postamt bestaunen oder dort zum Zahnarzt gehen, ein Büro oder eine Wohnung mieten. Nur keine Briefmarken mehr kaufen.

Bevor ich mich von Zehlendorf verabschiede, werfe ich noch einen Blick auf das Ensemble um den ehemaligen Fürstenhof, heute Blockhouse, früher beliebtes Gartenlokal. Auf einer kleinen Verkehrsinsel gelegen, ist das ein Dokument des dörflichen Zehlendorf um 1850 und sieht vor allem abends sehr romantisch aus.
Mein nächster Wandertag ist wegen anderer Termine der Freitag und die erste Tour in Dahlem.






































































































































































