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23. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Steglitz) | Antiquariat Morgenstern, Buchhandlung Auerbach, Blinden- und andere Schulen, Matthäuskirche, Kino Adria, Fichtenberg, Kreisel und Autobahn

„Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ (Johann Wolfgang Goethe) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Wie schon beschrieben, lässt mich Steglitz daran zweifeln, ob mein Orientierungssinn wirklich so gut ist, wie ich bisher immer behauptet hatte. Oder ob er überhaupt existiert. Das Hauptproblem ist, dass ich von meinem jeweiligen Standort nicht die Himmelsrichtung der zentralen Punkte bestimmen kann. Stehe ich z.B. in der Klingsorstraße, ist es mir unmöglich zu sagen, in welcher Richtung sich das Rathaus Steglitz befindet. Mit digitalen Hilfsmitteln funktioniert es natürlich, aber normalerweise kann ich im Kopf meine Position im Stadtplan bestimmen, quasi eine Stecknadel setzen. Ich vermute, dass mich das Straßengeflecht Albrecht- und Schloßstraße / Wolfenstein- und Steglitzer Damm plus Autobahn aus der Spur wirft. Genau dort muss ich mich aber heute bewegen. Ich bin nicht allein unterwegs, sondern mich begleitet zum zweiten Mal Marita Rollke, eine ehemalige Kollegin und Freundin. Vielleicht wundern sich manche – Kollegin UND Freundin? Heutzutage ist das kaum noch üblich, aber diesbezüglich muss ich den Slogan „Früher war alles besser“ tatsächlich auch mal bemühen. Ob das so ein typisches DDR-Phänomen ist, weiß ich nicht, aber es kam sehr oft vor, dass man sich mit einigen durch die Arbeit und die gemeinsam verbrachte Zeit angefreundet hat, private Dinge miteinander teilte, sich gegenseitig einlud, zusammen ins Kino / Theater ging oder sogar verreiste. Diese Freundschaften nimmt man natürlich mit in den Ruhestand und ich finde das wunderbar!

Vom S-Bhf. Rathaus Steglitz nehmen wir uns zunächst die östliche Seite der Gleise und Autobahn vor und werden in der Schützenstraße gleich in mehrerer Hinsicht fündig. An einer Hauswand erinnert der Schriftzug „Erich Schultz“ an den Inhaber eines Baugeschäftes, das sich eventuell hier befand. Nur der Name ist übriggeblieben von einem Leben voller Arbeit. Auch, wenn ihn keiner mehr kennt, erinnert sein Name an vergangene Zeiten und wie schnell man in Vergessenheit gerät.

An der Ecke Albrecht- /Schützenstraße legen wir unsere Köpfe in den Nacken und studieren voller Bewunderung die vielen Details, Reliefs, Türmchen, Gesichter, Blumenornamente der Mehrfamilienhäuser aus der Gründerzeit.

Als wir unsere Blicke wieder senken, entdecken wir das Antiquariat und Café Morgenstern, von dem ich schon so viel gelesen habe und das ich natürlich jetzt am liebsten komplett durchstöbern würde, wären wir am Ende unserer Tour. Aber wir sind gerade mal zwei Straßen weit gekommen! Trotzdem – die magische Anziehungskraft stößt auf keine Gegenwehr und schon sind wir drin.

Ich lasse mir die Berlin-Abteilung zeigen, mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein. Marita sammelt überall etwas ein – Kinderbücher, Sprachführer, Spiele. Doch wohin nun mit unseren Schätzen? Wir vereinbaren mit der Inhaberin, die zwar nicht Morgenstern heißt, aber in der Morgensternstraße wohnt, dass wir alles bezahlen und am Nachmittag, wenn wir alles abgelaufen haben, abholen. Erst ist sie nicht so einverstanden mit diesem Vorschlag, weil es wohl schon etliche Kunden gab, die nicht wiedergekommen sind. Aber wenn alles bezahlt ist, entsteht ihr ja kein Nachteil. Wir verbleiben so, natürlich nicht ohne den Hinweis auf mein Laufprojekt und sie wünscht uns eine angenehme Wanderung ohne Regen, was dann leider nicht so klappt. Aber zunächst gehts für uns trockenen Fußes weiter, und zwar durch die Mittelstraße. Wieder finde ich einen Hinweis auf eine Handwerksfirma, dieses Mal bietet Tischlermeister Walter Leitze Holzbearbeitung an. Die Firma ist sogar im Internet noch zu finden, allerdings als dauerhaft geschlossen, aber mit guten Bewertungen und einen Nachfolger suchend, was wohl nicht funktioniert hat.

Die Straße ist eigentlich ein Weg und sieht aus, als würde sie hier enden, öffnet sich aber kurz darauf und gibt den Blick auf ein schulähnliches Backsteingebäude frei mit einer Baustelle auf dem Nachbargrundstück. Laut meinem Plan müsste das die „Kirche der Himmelfahrt des Herrn zu Berlin“ sein, aber wir sind uns nicht sicher. Vor dem Gebäude sitzt ein älterer Mann als aufmerksamer Beobachter. „Guten Tag, dürfen wir hier mal reinschauen?“, frage ich ihn und merke, dass er nicht deutsch spricht. Ich versuche es mit Zeichensprache und er winkt uns hinein. An der Tür gibt ein Schild Aufschluss darüber, dass hier die Hellenischen Gemeinde zu Berlin e.V. ihren Sitz hat mit dem Griechischen Kulturzentrum. Das Gebäude nebenan ist die Griechisch-Orthodoxe Himmelfahrts-Kirche, die gerade saniert wird. Wir gehen also hinein, treffen auf eine junge Frau, die uns aber genauso wenig versteht. Zum Glück fallen mir die modernen digitalen Hilfsmittel ein, die dann eine kleine Unterhaltung ermöglichen. Ich würde gerne wissen, wer ursprünglich dieses Gebäude genutzt hat. Sie gibt die Frage weiter an eine Kollegin, die meint, das wäre ein griechisches Kulturdenkmal, was natürlich nicht so ganz stimmen kann. Zu Hause schaue ich nach: Bauherr war die Evangelische Kirchengemeinde Steglitz (heute Ev. Matthäus-Kirchengemeinde Berlin-Steglitz). In den Jahren 1905-1907 wurde das Haus von Johann Sinnig als Gemeindehaus geplant und gebaut. Seit 1992 nutzt die Hellenische Gemeinde den Ort als Treffpunkt und Integrationsort für Familien und Vereine.

Es gibt sogar eine Bibliothek und eine Zusammenarbeit mit der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek für Vorlesestunden.

Während ich mich um Konversation bemühe, stöbert Marita in den Auslagen und hält plötzlich das Journal 55plus für Steglitz-Zehlendorf in den Händen, aufgeschlagen auf einer Seite mit einem Bericht über mich! Es ist gerade von Berlin-Broschüren druckfrisch ausgeliefert worden, weswegen mich die Infomail des Verlags noch nicht erreicht hatte und ich von Maritas Fund überrascht, aber hocherfreut war. Das Kuriose an der Sache ist, dass im selben Heft zwei Seiten weiter ein Artikel über das Griechische Kulturzentrum zu finden ist. So ein Zufall! An dieser Stelle möchte ich Birgit Nößler meinen Dank aussprechen für den Beitrag, der auch im Heft für Charlottenburg-Wilmersdorf erschienen ist.

Die Parallelstraße Leydenallee lässt uns auch nicht so richtig vorwärtskommen. Nachdem wir in der Breiten Straße an einem Haus mit gefährlich instabil wirkendem Zaun abgebogen sind, kommen wir nur schleppend vorwärts angesichts des sehr unterschiedlichen, aber charaktervollen Aussehens vieler Bauten:

So wandern wir gemächlich durch das Viertel, schauen hier und schauen da, ich immer mit gezücktem Textmarker, um auf dem Papierplan den Stand der Dinge zu dokumentieren.

Ein Haus in der Schützenstraße 19 sticht aus all dem heraus, besonders durch die pompöse Freitreppe und den Schriftzug über der Toreinfahrt „Trommer & Co“. Zu meiner Freude habe ich dazu einen spannenden Artikel in dem Heft „Steglitzer Heimat“ von 2012 gefunden, in dem es um das Haus geht, aber auch um das Wirken von Ulrich Trommer. So sind z.B. die Stuckarbeiten, die wir zu Beginn unserer Wanderung bewundert haben, von seiner Firma ausgeführt worden.

Das Haus wurde 1873 vom Ziegelmeister Jaetzschmann errichtet und steht leicht zurückgesetzt hinter der Grundstücksgrenze, mit einer hohen Freitreppe und einem repräsentativen Eingang, über dem eine Pallas‑Athene‑Figur aus der früheren Stuck‑ und Cementgießerei erhalten blieb. Die Fassade ist schlicht, das Souterrain wurde wegen der großen Fenster an Gewerbetreibende vermietet. Im Hof zeigt sich die historische Nutzung besonders deutlich: eine eingeschossige Remise, ein dreigeschossiges Gartenhaus und ein unterkellerter Flachbau mit Werkstatträumen. Bei Aufräumarbeiten in den 1980er‑Jahren wurden Relikte wie eine Gussform für Steinkugeln und eine Büste des Bildhauers Johannes Götz gefunden. Das Anwesen ging später in den Besitz eines Tischlermeisters über und gehört heute einer Eigentümergemeinschaft.

In der Barsekowstraße habe ich – wie bestimmt viele andere auch – sofort die Assoziation „Gustav Lilienthal“ im Kopf. Das Gebäude trägt so eindeutig seine Handschrift, dass erst gar keine Zweifel aufkommen.

Das Gebäude wurde nach Entwürfen Gustav Lilienthals zwischen 1896 und 1898 im Tudorstil errichtet für die Dampfwäscherei Germania. Besitzer war George Werner, Betreiber Julius Mayer. Heute befinden sich dort Architekturbüros und eine Tanzschule.

Wir streifen die Kolonie Bäketal und merken, dass wir dem Kreisel-Monstrum nicht entrinnen können. Hier möchte ich mal die Frage aufwerfen: Wieso Kreisel? Nichts daran hat die Form eines Kreisels, dann schon eher der Bierpinsel. Der Steglitzer Kreisel ist eines der markantesten Bauwerke an der Schloßstraße – ein Hochhaus, das wie kaum ein anderes die Ambitionen und Brüche der West‑Berliner Stadtplanung zeigt. Ende der 1960er‑Jahre begann der Bau nach Plänen der Architektin Sigrid Kressmann‑Zschach. Gedacht war ein modernes Verkehrsdrehkreuz mit U‑Bahn‑Anschluss, Busbahnhof, Hotel, Parkhaus und einem Büroturm, wofür die letzten kläglichen Reste des alten Dorfes Steglitz weichen mussten. Doch das Projekt geriet früh ins Schlingern: Die Kosten explodierten, die Finanzierung brach zusammen, und der Rohbau stand jahrelang als Bauruine im Zentrum von Steglitz. Erst 1980 wurde der Komplex fertiggestellt, genutzt wurde er jedoch kaum – schließlich zog das Bezirksamt Steglitz ein, weil sich keine anderen Mieter fanden. Nach dem Auszug der Verwaltung 2007 stand der Turm erneut leer und wurde zum Problemfall. Seit 2015 lief der Umbau zum Wohnhochhaus „ÜBerlin“, der sich durch technische Schwierigkeiten und Eigentümerwechsel immer wieder verzögerte und momentan stillsteht.

Ich empfehle diesen Artikel zum Thema zu lesen, auch und besonders die Kommentare. Optisch ist der Turm auf jeden Fall ein Ärgernis und wurde unfreiwillig zum Wahrzeichen von Steglitz, das doch so viele attraktivere Sehenswürdigkeiten zu bieten hat.

Zum Beispiel die Gartenarbeitsschule Steglitz, die zwischen Birkbuschstraße und Bäkepark ein großes Gelände ihr eigen nennt. Zuerst sind wir unschlüssig, ob das Betreten erlaubt ist, aber das Tor ist geöffnet und wir beschließen, hier eine Pause einzulegen. Voller Begeisterung erleben wir eine Art Bauerngarten mit vielen Beeten, alle möglichen Gemüsesorten, Obstbäume, Wiesen, Wildbienen-Lehrpfad, einen Teich, Sitzgelegenheiten, ein Holz-Klassenzimmer und eine Veranda. Kinder können hier forschen, gärtnern, Samenkugeln und Kräutersalz herstellen und vieles mehr. Ein wichtiges und offensichtlich gut genutztes Angebot, um Kindern und Jugendlichen die Natur näher zu bringen.

Nun müssen wir uns in Richtung B1 bewegen, hinweg über die schreckliche Kreuzung Wolfensteindamm, Autobahnzufahrt und Schloßstraße, um auf die andere Seite und zur zweiten Etappe der heutigen Tour zu gelangen. Vorher aber finden wir noch ein paar Dinge, die nicht ungezeigt bleiben sollen:

Geschafft! Wir sind mit Hilfe vieler Ampeln und einen großen Bogen schlagend auf der Schloßstraße angekommen. Sofort fallen mir am Hindenburgdamm die Hinterlassenschaften der Hertha-Fans auf – selbst in solch schwindelerregender Höhe gibts keinen Halt, für die Mannschaft zu werben. Dass an jedem, wirklich jedem Straßenmast Hertha-Aufkleber zu finden sind, nötigt mir fast ein bisschen Respekt ab. Welch eine Fleißarbeit! Aber wer solche Wegweiser in fünf Metern Höhe bestückt bei laufendem Verkehr, spielt mit seinem Leben. Das hat nichts mehr mit Spaß zu tun.

An der Schloßstraße leuchten uns Bauten in fröhlichen Farben entgegen, doch beim Näherkommen merken wir, dass deren vergangene Nutzung allem anderen als fröhlichen Zwecken diente. Hier befand sich das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt.

Ab 1942 war es eine der zentralen Schaltstellen des Systems. Geleitet von Oswald Pohl, bündelte es die zuvor getrennten Verwaltungs‑ und Wirtschaftsabteilungen der SS und übernahm die vollständige Kontrolle über das Konzentrationslagerwesen. Das Amt organisierte die Verwaltung der Lager, die wirtschaftliche Nutzung der Häftlinge und den Aufbau eines weit verzweigten Firmenimperiums, das von Steinbrüchen über Textilbetriebe bis zu Lebensmittelproduktion reichte. Die Amtsgruppe D unter Richard Glücks war für die KZ‑Inspektion zuständig und damit für den Betrieb der Lager direkt verantwortlich. Verwaltung, Wirtschaft und Gewalt trafen hier zusammen und machten die Verbrechen mit perfider Gründlichkeit erst möglich.

Wir biegen ab, um das Gebiet hinter der Schloßstraße bis zur Grunewaldstraße zu erkunden. Und schon stehen wir wieder vor sogar vier beeindruckenden, altehrwürdigen Schulgebäuden. Die Fichtenberg‑Oberschule ist eines der traditionsreichsten Gymnasien in Steglitz‑Zehlendorf. Ihre Wurzeln reichen bis 1904 zurück, als die erste höhere Mädchenschule gegründet wurde. 1912 zog das damalige Kaiserin‑Auguste‑Viktoria‑Lyzeum in das heutige Schulgebäude ein. Seit 1956 trägt die Schule den Namen Fichtenberg‑Oberschule, 1964 wurde sie für Jungen geöffnet. Besonders prägend ist die inklusive Ausrichtung: Seit 1979 werden blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit allen anderen unterrichtet und bis zum Abitur geführt – ein berlinweit einzigartiges Profil. Heute lernen rund 775 Jugendliche an der Schule, unterrichtet von etwa 80 Lehrkräften.

Die Rothenburg-Grundschule war früher ein Verwaltungsgebäude und der Sitz der Steuerveranlagungs-Kommission, vielleicht so eine Art Finanzamt. Seit 2013 wird das Gebäude von der Grundschule genutzt.

Ebenfalls in der Rothenburgstraße befinden sich die Johann-August-Zeune-Schule für Blinde und Berufsfachschule Dr. Silex – Förderzentrum „Sehen“. Die Zeune-Schule ist eine der ältesten und bedeutendsten Bildungseinrichtungen für blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland. Sie wurde 1806 von Johann August Zeune gegründet und begann als kleine Bildungsanstalt in seinen Privaträumen – ein Pionierprojekt, das sich an den frühen europäischen Blindenschulen orientierte und mitten in die politischen Umbrüche der napoleonischen Zeit fiel. In den ersten Jahrzehnten wechselte die Schule mehrfach den Standort, bevor sie 1838 durch eine große Stiftung des Rittmeisters von Rothenburg ein eigenes Haus erwerben konnte. 1877 zog die Schule nach Steglitz, wo für sie ein neues, großzügiges Backsteingebäude im Stil der Neorenaissance errichtet wurde. Das parkähnliche Gelände am Hang zwischen Rothenburgstraße und Fichtenberg prägt den Ort bis heute. Die Schule bietet Frühförderung, Grund‑ und Mittelschule, inklusive Angebote, ein Gymnasium (in Kooperation mit der Fichtenberg‑Oberschule) sowie mehrere berufsvorbereitende und berufliche Bildungsgänge – von Büroberufen über Gesundheitsberufe bis zu handwerklichen Ausbildungen. Auf dem Gelände befinden sich außerdem die Blindenwerkstatt und das Deutsche Blinden‑Museum.

Sonne und Wolken wechseln sich ab und leichter Wind kommt auf, doch wir lassen uns nicht beirren und arbeiten uns diszipliniert durch die Straßen des Kiezes westlich der Schloßstraße:

Die Rothenburgstraße hält viele besondere Gebäude bereit, so auch dieses, das momentan von der Technischen Universität Berlin genutzt wird mit den Instituten für Pflanzenökologie, Klimatologie und Tierökologie:

Man sieht dem Gebäude an, dass es ursprünglich eine Villa war. Sie wurde 1909 von dem Architekten Paul O.A. Baumgarten (einem Schüler von Alfred Messel) errichtet. Von ihm stammt auch der Entwurf für die Liebermann-Villa. Auftraggeberin war die Ehefrau des Bankiers Henoch. Die weiträumige Parkanlage hinter der Villa wurde von dem Gartenarchitekten und Lenné-Schüler Gustav Meyer gestaltet. Im Jahr 1922 erwarb die Deutsche Erdöl-AG das Grundstück und Generaldirektor Middendorf nutzte es als Wohnsitz. Er wurde 1934 von den Nazis enteignet und die SS nutzte das Gelände. Ab 1945 fiel es unter die Verwaltung der Alliierten und schließlich dem Land Berlin übertragen. Eine wechselvolle Geschichte, die als Romanvorlage dienen könnte.

Jetzt würden wir gerne irgendwo einen Kaffee trinken und laufen deswegen zur Schloßstraße, aber hier ist es überall durch den tosenden Verkehr sehr laut, wenn man draußen sitzt. Meine Hoffnung ist, dass vielleicht im Schlossparktheater oder Wrangelschlösschen eine Möglichkeit besteht, etwas abseits der Hauptstraße zu sitzen, doch durch Zufall stolpern wir ins Foyer des Kinos Adria, das mittlerweile zu Cineplex gehört.

Davor ist ein kleiner Garten mit Tischen und Stühlen, wo wir uns niederlassen. Doch nicht lange, denn nun öffnet der Himmel seine Schleusen und wir flüchten ins Kinofoyer. Als ich die Tür zur Toilette öffne, ruft eine Frau: „Ich hatte noch nie einen Orgasmus!“ „Lauter“, befielt eine andere, „du musst das lauter sagen!“, was dann auch passiert. Zunächst etwas überrascht von diesem lautstarken Bekenntnis, sehe ich, dass im Spiegel über den Waschbecken ein kleiner Bildschirm eingelassen ist, auf dem der Trailer für den aktuellen Kinofilm läuft. Amüsiert muss ich das natürlich draußen gleich Marita erzählen und wir überlegen, ob wir uns so einen Film anschauen würden. Eher nicht. Deswegen müssen wir dann auch weiterziehen, hinaus in die nasse Welt.

Unser nächstes Ziel ist das Theater, das Gutshaus Steglitz oder auch Beyme Schlösschen, genannt Wrangel-Schlösschen und die Wrangelstraße selbst.

Nun widmen wir uns der sehr präsenten Matthäuskirche, die über zwei Seiten zu erreichen ist – von der Schloßstraße aus über den Durchgang des Gemeindehauses und von der Rothenburgstraße aus über eine Allee. Wir wählen letztere Variante und lesen als erstes die Information: „Offene Kirche“. Das freut mich, denn in letzter Zeit ist das leider nicht mehr allzu oft der Fall. Man läuft über die Allee auf die Rückseite der Kirche zu, überall sind nummerierte Infostelen, mit deren Hilfe man sich ein umfangreiches Wissen erarbeiten kann über Geschichte und Architektur der Kirche, über Martin Luther, aber auch über die Künstler, die an der Kirche mitwirkten. So z.B. der Bildhauer Rhades, der auch das Eingangsportal der Markuskirche gestaltet hat und die Statue der „Mutter Heimat“ beim sowjetischen Ehrenmal in Treptow. Ein spannendes Detail, wie ich finde. Der bekannte und auch umstrittene Dr. Otto Dibelius (der spätere Bischof von Berlin-Brandenburg) hielt am 20. Mai 1945 in der Matthäuskirche eine Predigt vor 3000 (!) Gottesdienstbesuchern, die innen und außen standen. Mit knapp 1200 möglichen Sitzplätzen gehört sie zu den Großkirchen Berlins.

Leider erfüllt sich das Versprechen der Offenen Kirche nicht. Wir rütteln vergeblich an allen Türen der Kirche. Obwohl viele Leute anzutreffen sind, die hier arbeiten, kann uns niemand weiterhelfen. Schade. Trotzdem hat sich der Besuch gelohnt, denn wir stehen hier auf dem ältesten erhaltenen Teil des ursprünglichen Dorfkerns von Steglitz, dem alten Kirchhof. Steglitz fing am Gutshaus (Wrangel-Schlösschen) an und reichte auf beiden Seiten der Schloßstraße bis zur Kreuzung Grunewald- und Albrechtstraße. Vermutlich wurde es im 13. Jahrhundert gegründet. Die alte Dorfkirche stand zwischen dem alten Gemeindehaus von 1930 und der Schloßstraße. Sie war schon Mitte des 19. Jh. viel zu klein und außerdem baufällig, weswegen die Matthäuskirche gebaut und die Dorfkirche 1881 abgerissen wurde. Der Kirchhof wurde mit dem Bau des neuen Gemeindehauses eingeebnet. Leider sind wir nicht zur Schloßstraße weitergegangen, weswegen wir das Denkmal „Leid an der Mauer“ nicht gesehen haben. Aber das hole ich nach inklusive Begängnis der Kuhligkshofstraße, die wir ebenfalls vergessen haben.

Wieder in der Rothenburgstraße, gehts dort weiter mit dem Geschichtsunterricht. Diese Villa wurde 1903/04 errichtet. Für die Pläne und Bauausführung war der Architekt, Baumeister und Bauunternehmer Robert Poseck zuständig, den Auftrag dazu gab der Bauherr und Direktor Helmut Roempler. Später nutzte die Matthäus-Kirchengemeinde das Gebäude. Heute steht es unter Denkmalschutz.

Auch die Villa daneben, in der heute Nachhilfeunterricht stattfindet, wurde von der Matthäusgemeinde genutzt und sogar in Auftrag gegeben, denn es sollte als Pfarrhaus genutzt werden.

Durch den Charkiw-Park machen wir uns nun auf den Weg zu den letzten vier Straßen im Revier: der Lepsiusstraße, Carl-Heinrich-Becker-Weg, Arno-Holz-Straße und Schmidt-Ott-Straße.

Die Straßen sind in vielerlei Hinsicht sehr interessant, gehören sie doch zum Fichtenberg, der höchsten Erhebung in Steglitz und zugleich einer der geschichtsträchtigsten Orte des Berliner Südwestens. Der 68 Meter hohe Hügel war schon in der Altsteinzeit besiedelt. Auch ein eisenzeitliches Dorf wurde am Hang nachgewiesen. Im Mittelalter entstand am Fuß des Berges das Dorf Stegelitze. Die Lage am trockenen Hügel über dem sumpfigen Bäketal machte den Ort attraktiv für Siedler und später für wohlhabende Berliner. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich der Fichtenberg zu einem begehrten Villenviertel, in dem Bankiers, Professoren, Künstler und Unternehmer lebten – darunter Filmproduzent Erich Pommer.

Der markante Wasserturm von 1886 bildet das Wahrzeichen des Berges. Heute nutzt ihn das Institut für Meteorologie der FU Berlin als Wetterstation. Innen entstanden Büros, Messräume und ein Fahrstuhl; außen blieb der Turm ein Beispiel spätwilhelminischer Zweckarchitektur. Er ist 40 Meter hoch und wurde nach Plänen von Otto Techow errichtet, der sich direkt daneben die „Villa Anna“ baute als Eigenheim, benannt nach seiner Frau Anna von Maltitz. Unterhalb des Gipfels entspringt die Bäke, von der schon die Rede war.

Auch die jüngere Geschichte ist präsent: Unter der Grünanlage (Ruth-Andreas-Friedrich-Park) am Carl‑Heinrich‑Becker‑Weg befindet sich ein ehemaliger SS‑Bunker, gebaut von Zwangsarbeitern des KZ‑Außenlagers Lichterfelde. In diesem Park war ich am 28. April schon unterwegs.

Heute ist der Fichtenberg ein ruhiges, grünes Wohngebiet mit parkähnlichen Anlagen, steilen Straßen und historischen Gebäuden. Trotz seiner zentralen Lage ist er derart eingebaut, dass er schwer wahrzunehmen ist. Erst, wenn man in die Schmidt-Ott-Straße einbiegt, geht es – für Berliner Verhältnisse – schnell „steil“ bergan und nach dem „Gipfel“ ebenso steil wieder hinunter in die Rothenburgstraße.

Außer den Wasserturm nutzt das Institut für Meteorologie der FU ein modernes Gebäude am Carl-Heinrich-Becker-Weg, das in den Jahren 1974 – 1975 von der Firma Hochtief in Betonfertigteilbauweise errichtet wurde nach Plänen der Architekten Fehling + Gogel. Es ergänzt den Turm durch einen klaren, funktionalen Baukörper, ähnlich der weißen Moderne Le Corbusiers und verfügt über einen 30 Meter hohen Stahlturm für Wetterbeobachtungen – ein bewusst technisches Gegenstück zur historischen Architektur des Wasserturms:

Bleiben wir doch gleich im Carl-Heinrich-Becker-Weg mit einer Villa, in der der Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot seinen Sitz hat. Er ist spezialisiert auf Fachliteratur zu den Themen Rechts- und Staatswissenschaften, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Geschichte, Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Philosophie. Das Haus steht unter Denkmalschutz. Es wurde 1878 im Auftrag des Baumeisters Georg Toebelmann errichtet als Einfamilienhaus.

Wenn jemand auf der Suche nach einer Immobilie ist, dem kann ich diese Villa aus dem Jahr 1955 in der Schmidt-Ott-Straße empfehlen. Sie verfügt über 227 m² Wohnfläche und ist für 1.660.500 € zu haben, muss aber noch saniert werden.

Kehren wir nun zur Wissenschaft zurück, denn in der Arno-Holz-Straße 14 befindet sich das Alexander-von-Humboldt-Haus. Es diente früher als Sitz der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, dem zweitältesten geografischen Verein der Welt:

Um nun aber meinen Bericht nicht noch mehr ausufern zu lassen, folgen die weiteren Entdeckungen rund um den Fichtenberg in einer Diashow:

Nun fängt es wieder an zu regnen, aber wir lassen uns nicht beirren und schließen den heutigen Kreis, indem wir der Grunewaldstraße bis zum S-Bhf. Steglitz folgen, nicht ohne der Schwartzschen Villa noch einen Besuch abzustatten. Sie wurde 1895–1898 als elegante Sommerresidenz des Bankiers Carl Schwartz errichtet – ein spätklassizistischer Bau, eingebettet in einen großzügigen Park mit Gewächshäusern, Stallungen und Remise. Entworfen wurde das Haus vom renommierten Architekten Christian Heidecke, der auch Villen für Berliner Großbürger wie Max Liebermann plante. Nach Schwartz’ Tod 1915 bewohnten seine Töchter die Villa und nahmen zahlreiche Umbauten vor: Wintergarten entfernt, Küchen ergänzt, Dach ausgebaut, neue Treppen und Trennwände eingezogen. In den letzten Kriegswochen starb Gabriele Schwartz bei einem Bombenangriff, das Haus stand danach leer. Zwischen 1945 und 1961 folgten wechselnde Nutzungen – Waisenheim, Lager der Firma Butter‑Beck –, bevor das Land Berlin das Grundstück kaufte. Geplant waren zunächst Rathaus‑Erweiterungen oder ein Hallenbad, doch Bürgerinitiativen setzten sich für den Erhalt als Kulturort ein. 1983 wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt und ein Trägerverein gegründet, der ein bis heute funktionierendes Nutzungskonzept entwickelte.

Gleich daneben steht ein denkmalgeschützter Pavillon, der früher von VW genutzt wurde und heute von BackWerk.

Und weil die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek im Einkaufszentrum „Schloss“ nicht weit ist, statten wir den Kolleginnen dort zum Abschluss noch einen Besuch ab:

Bevor wir die Heimreise antreten, holen wir im Antiquariat unsere Einkaufstüten ab, trinken Bio-Bier und berichten der Inhaberin von unseren Erlebnissen.

Nachtrag: In unmittelbarer Nähe, gleich um die Ecke in der Albrechtstraße befindet sich die Buchhandlung Auerbach. Da wir nun schon so bepackt sind, gehen wir nicht mehr hinein, aber ich bin zufällig am nächsten Tag wieder in der Gegend und hole das natürlich nach. Die Inhaberin erzählt uns, dass sie händeringend jemanden sucht, der dieses Bücherparadies mit Liebe und Leidenschaft fortführt, denn sie würde gerne in den Ruhestand gehen. Aber vorher wird gefeiert, denn der Laden existiert schon seit 144 Jahren! Die Regale sind fast ebenso alt, aber genau das macht den Charme der Buchhandlung neben der freundlichen Beratung aus. Man tritt ein und möchte bleiben, vielleicht sogar mit einem Glas Wein in der Hand, den man dort aus einem erlesenen Sortiment auswählen kann.