17. und 19. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Telefunkensiedlung, Heinrich-Laehr-Park, vier Kirchen, zwei Schulen, zwei Friedhöfe, viele Tiere, Freizeitstätte Süd, Stadtgrenze, zwei Begleiterinnen und zu Gast im Radio

„Aus meiner tiefsten Seele zieht | Mit Nasenflügelbeben | Ein ungeheurer Appetit | Nach Frühstück und nach Leben.“ (Joachim Ringelnatz) – Kalenderspruch des Tages

Liebe Leser, machen Sie es sich bequem für die nächsten Stunden oder besser – nehmen Sie einen Tag Urlaub, um diesem Bericht in Ruhe lesen zu können! Er wird nämlich sehr lang, noch länger als sonst, sozusagen ein Doppel-Blogpost, weil ich für diese Tour zwei Tage gebraucht habe. Wie man der Überschrift schon entnehmen kann, war dieses Mal alles ein bisschen anders – mit Folgen!

Was war passiert? Schon lange war ich für den 17. März verabredet mit zwei jungen Frauen aus meiner Schreibwerkstatt, die ich 15 Jahre lang bis Ende 2025 geleitet habe. Jeder weiß, wie schwierig es ist, zu zweit und erst recht zu dritt einen Termin zu vereinbaren und ich war froh, dass wir diesen Tag gefunden hatten. Für den Nachmittag waren wir zudem in der Freizeitstätte Süd zum Kaffee eingeladen. Nun kam aber ein Interview mit dem Moderator Ingo Hoppe bei Radio 88,8 hinzu, was ich natürlich auch gerne wahrnehmen wollte. „Ach was“, dachte einfältig, „nichts spricht dagegen! Erst wandern wir bis nachmittags und anschließend fahre ich in die Masurenallee. Kein Problem!“ Oh doch, musste ich mir dann eingestehen, denn die Strecke für den Tag war einfach nicht in fünf Stunden zu schaffen, auch nicht in sechs, plus Pausen. Das hatte zur Folge, dass ich den Rest der Strecke (immerhin 15 km) am 19. März gelaufen bin und nun entsprechend meines Planes einen Tag im Verzug bin. Alles nicht so schlimm, niemand hetzt oder zwingt mich, aber ich habe für die Folgewochen schon etliche Mitwanderer, an deren Verabredungen mit mir ich nur ungern etwas ändern würde. Hinzu kommt, dass nur noch zwei Touren fehlen, um den Ortsteil Zehlendorf abzuschließen, was ich gerne tun würde, bevor ich mich nach Dahlem begebe. Letztendlich habe ich es nun irgendwie geschafft, mein Planungssystem wieder auf feste Füße zu stellen, beschreibe heute die in zwei Etappen gelaufene Tour von insgesamt 36 km, laufe ausnahmsweise morgen durch das Viertel nordwestlich des S-Bhf. Zehlendorf und erkunde am Dienstag die Gartenstadt Zehlendorf südlich der Berlepschstraße. Danach gehts auf nach Dahlem!

Gemeinsam mit den Schwestern Johanna und Juliane (auch Hanni und Nanni genannt), beginne ich an der J.-F.-Kennedy-Schule, um das Haus Reil in Augenschein zu nehmen, das einzig verbliebene von den Bauten der Laehr-Klinik, die dem Schulneubau in den 60er Jahren weichen mussten. Im vorherigen Bericht hatte ich schon Heinrich Laehr und sein revolutionäres Konzept und Vorläufer der heutigen offenen Psychiatrie erwähnt. In dem Buch „Zehlendorf in der Kaiserzeit“ von Kurt Trumpa sind Abbildungen von einigen Pavillions zu sehen, in denen die Patientinnen jeweils zu viert oder sechst untergebracht waren, darunter auch das Haus Reil:

Wie schön es dort wohl mal gewesen sein muss, inklusive der drei Parks mit 20 km Wegenetz! Zu gerne würde ich dieses letzte Zeugnis einer vergangenen Epoche sehen. Auf dem Weg zum Eingang lesen wir, dass sich Besucher zwingend beim Wachschutz melden sollen. Das Pförtnerhäuschen ist nicht zu übersehen und wir umrunden es auf der Suche nach einem Security-Menschen. Vergeblich. Doch kaum haben wir einen Schritt weiter gewagt, geht die Luke auf und wir werden zurückgepfiffen. Brav, wie wir sind, gehen wir zurück und ich erkläre dem jungen Mann, der sich noch schnell über seine gegelten Haare fährt, unser Begehr. Er findet es ziemlich einfältig, dass es für uns offensichtlich im Rahmen des Möglichen liegt, einfach so durchgelassen zu werden. Von welchem Stern kommen wir denn? Das ginge nur, wenn wir uns vorher schriftlich an die Schulleitung wenden und um eine Besuchserlaubnis bitten würden, belehrt er uns. Dann erhielten wir einen Passierschein. Da müssten wir schon nochmal wiederkommen. Er könne uns auf keinen Fall die Genehmigung erteilen. Wir fügen uns, was bleibt uns auch übrig. Er hat eben seine Vorschriften und jede Diskussion oder Bitte wäre Zeitverschwendung, das ist deutlich zu spüren. Trotzdem frage ich verwegen, ob ich wenigstens von meiner Position aus Fotos machen dürfe. Die Antwort überrascht nicht – keinesfalls!!! Meine Sympathiepunkte habe ich damit anscheinend restlos verbraucht, die Stimmung gefriert und wir trollen uns von dannen. Als wir vor dem Zaun stehen, drehe ich mich aber trotzig um und mache von hier aus Fotos, denn solange man ein Grundstück nicht betritt, darf man das. Aber hier habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Reglement geht weiter. Der Wachschutz kommt genervt auf mich zu: „Haben Sie gerade Fotos gemacht?!“ Ich bejahe und berufe mich auf mein Recht, werde aber darauf hingewiesen, dass wir uns immer noch auf dem Schulgelände befänden und er mir doch gerade eben verboten hätte, zu fotografieren. Ich will keinen Streit, also biete ich an, die Bilder zu löschen. „Ja bitte! Ich möchte das sehen!“ Mit den Worten: „Dann verlinke ich zur Webseite der Schule, dort sieht man ja auch Fotos vom Gelände.“ verabschiede ich mich freundlich, gehe auf die andere Straßenseite und mache von dort aus eine Aufnahme. Ätsch!

Gegenüber haben wir es wesentlich leichter, hier befindet sich die Evangelische Hochschule, deren Campus nicht bewacht und eingezäunt ist. Hier kann man u.a. Religionspädagogik, Hebammenwissenschaft, Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik studieren.

Die Religion begleitet uns weiter durch die Leo-Baeck-Straße bis zur Neuapostolischen Kirche mit dem Fingerzeig Gottes aufs Gebäude, dessen Inneres wir nur durch die Scheibe erahnen können.

Als hätten wir heute noch nicht genug Straßen vor uns, jage ich die Mädels zusätzlich durch die Johannesstraße, weil ich diese nämlich beim letzten Mal übersehen hatte. Das muss sein, denn sonst stimmt mein Spruch „Ich laufe durch alle Straßen Berlins“ nicht mehr. Allerdings ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Kartenausschnitt für die Besonderheiten dieses Tages einfach mal viel zu groß ist.

Jule und Johanna stört das auch gar nicht, sie folgen mir widerspruchslos und verlieren sich in ihren Fantasien, wie sie die Zimmer der Häuser unter sich aufteilen würden. Esszimmer, Arbeitszimmer, Bibliothek, gemeinsames Wohnzimmer – sie würden die Räume schon zu füllen wissen! Allerdings nicht mit Kindern, vielleicht deswegen, wenn man genau hinschaut?

Die Eilertstraße bietet zwei sehr gegensätzliche Anblicke. Bei dem Wohnblock möchte man sofort den Pinsel in die Hand nehmen, während das Haus rechts signalisiert: Nicht anfassen!

Auch die Adolfstraße und Claszeile halten Abwechslung bereit in Baustil, Farbe und Zweck:

Letzteres – das Haus Kinderschutz – hat eine interessante Geschichte. Es entstand aus dem Berliner Verein „Kinderschutz“, einer frühen Initiative, die sich schon um 1900 dem Schutz gefährdeter und vernachlässigter Kinder widmete – zu einer Zeit, in der staatliche Jugendhilfe erst in Ansätzen existierte. Das Gebäude diente als Zufluchtsstätte für Mädchen, die aus schwierigen familiären Situationen kamen, oft nach Intervention der Polizei oder der Vormundschaftsbehörden. Es war kein Waisenhaus, sondern ein Ort des Übergangs, an dem Kinder zur Ruhe kommen sollten, bevor über ihre weitere Zukunft entschieden wurde. Die Pädagogik war für damalige Verhältnisse bemerkenswert modern: Schutz statt Strafe, Fürsorge statt Disziplinierung, ein Alltag, der Stabilität geben sollte. Während der NS-Zeit wurde auch diese Einrichtung gleichgeschaltet, blieb aber im Kern ein Mädchenheim, nun unter staatlicher Kontrolle. Nach 1945 setzte sich die Nutzung als Kinderheim fort, später wandelte sich das Haus im Zuge der Neuordnung der Berliner Jugendhilfe, und verschiedene soziale Träger übernahmen die Räume. Heute wird das Haus zu Unterrichtszwecken genutzt. Direkt gegenüber steht die Süd-Grundschule, wieder so ein ausladendes Gebäude, wie ich es schon bei vielen anderen Schulen im Stadtbezirk festgestellt habe. Die Süd‑Schule in Zehlendorf trägt eine Geschichte in sich, die weit über den Alltag einer gewöhnlichen Grundschule hinausreicht. Als sie 1914 eröffnet wurde, war sie zunächst die 2. Gemeindeschule des jungen, wachsenden Vorortes – ein repräsentativer Bau, der zeigen sollte, dass Bildung ein zentraler Bestandteil des neuen Zehlendorfer Selbstverständnisses war. Sie war zweigeteilt in die Mädchen- und Knabenschule, wie man immer noch am Portal lesen kann. Im Ersten Weltkrieg wurde das Gebäude für militärische Zwecke beschlagnahmt. Eine Schule, die noch gar nicht richtig begonnen hatte, wurde zur Kaserne. Erst nach dem Krieg kehrte der Unterricht zurück. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Gebäude zeitweise als Lazarett und Luftschutzraum, und viele Kinder wurden im Rahmen der Kinderlandverschickung aus Berlin herausgebracht. Nach 1945 begann ein mühsamer Neuanfang: Unterricht in Schichten, kalte Klassenräume, Lehrermangel – und doch auch ein Gefühl von Aufbruch. 1950 erhielt die Schule ihren heutigen Namen, Süd‑Schule.

Über den Türksteinweg gönnen wir uns zwischendurch ein paar Meter durch den Laehrpark. Der Rasen vor einem Haus ist so strahlend grün, dass sich zwischen uns eine kleine Fachsimpelei entspinnt, ob er echt ist. Ich plädiere für Rollrasen! Der Frühling springt uns überall an, sei es mit dem geschäftigen Treiben der Bienen an den Weidenkätzchen oder verschiedenfarbigen Frühblühern:

Heute ist der Teltower Damm die magische Straße, auf der wir immer wieder landen und auch zweimal am ehemaligen Evangelischen Krankenhaus Schönow entlanglaufen. Es wurde zwischen 1898 und 1912 als evangelische Klinik für mittellose Nervenkranke errichtet und von Max Laehr, dem Sohn Heinrich Laehrs, geleitet. Die Anlage folgt dem damals modernen Pavillonsystem, das offene, lockere Baugruppen mit viel Grün vorsah und damit das therapeutische Konzept der Laehr‑Kliniken unterstützte: Ruhe, Natur und Regeneration statt Verwahrung. Viele Gebäude sind bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten, ergänzt durch zwei Neubauten der 1950er‑Jahre. Seit 1955 wird die Klinik als geriatrische Einrichtung der Inneren Mission betrieben. Sehr gerne hätte ich mir die Gebäude aus der Nähe angeschaut, aber Zäune und Schranken haben mich irgendwie davon abgehalten. Deswegen nur ein Foto von außen:

Der Name Schönow wird nun noch öfter auftauchen, denn wir nähern uns dem Gebiet des früheren kleinen Angerdorfs, verstreut zwischen Feldern und Wiesen. Wohlhabende Berliner ließen hier ab dem späten 19. Jahrhundert ihre Landhäuser errichten. Als die Laehr‑Familie ihre Heilanstalten gründete, bekam Schönow einen besonderen Akzent: medizinische Reformideen und ein Verständnis von Heilung, das Natur und Ruhe einschloss. Diese Einrichtungen prägten das Bild des Ortes über Jahrzehnte. Mit der Entwicklung Zehlendorfs verschmolz Schönow langsam mit den städtischen Bauten. Die alten Dorfstrukturen verschwanden, doch die Namen – Schönower Park, Schönower Straße, Schönower Heide, Friedhof Schönow erinnern an diesen Ort und Sticker daran, dass ich hier war.

Die Religion hat uns heute fest im Griff, evangelische Hochschule, Krankenhaus, Freikirche und nun in der Straße „Heimat“ die katholische St.-Otto-Kirche aus den 1950er Jahren, erbaut im Stil der Heimatschutz-Architektur.

Sie ist dem heiligen Otto von Bamberg gewidmet. Die Orgel auf der Empore wurde von der Firma Klais gefertigt. Meistens drohen katholische Kirchen den Besucher mit ihrem Pomp fast zu erschlagen, was man hier gar nicht sagen kann. Ich finde sie ausgesprochen schön – die Decke, die vielen Fenster, die Lampen. Bevor wir weitergehen, zünde ich für meine Eltern noch eine Kerze an. Vielleicht können sie es sehen.

Gleich um die Ecke entdecken wir das einheitlich gestaltete Ensemble einer Reihenhaussiedlung, wie man sie oft vorfindet. Schmuckelemente sind hier die Haustüren und die Kassettenfenster (meine Wortschöpfung in Ermangelung von Fachwissen). Die kleinen Vorgärten vervollkommnen die Idylle.

Bei diesem auffälligen Haus in der Leuchtenburgstraße schwanke ich zwischen „Stilbruch!“ und „Wie wunderbar muss es sich dort oben wohnen!“

In dieser Straße stand auch das Wohn- und Atelierhaus des Künstlers Arminius Hasemann (1888 – 1979). Er ist der Schöpfer eines Fauns, der mich magisch anzieht. Vielleicht, weil Faune für Lebensfreude, Naturverbundenheit und Kreativität stehen? Aber sie sollen angeblich auch Menschen in die Irre führen und Grenzen überschreiten. Der Faun ist weder gut noch böse, er ist frei, wild und verkörpert die Natur in all ihrer Schönheit und Unberechenbarkeit. Die Recherchedatenbank Bildhauerei hält viele weitere Details zur Figur und dem Künstler bereit.

Wir sind uns einig, dass eine kleine Toilettenpause ganz schön wäre, was in Siedlungsgebieten immer ein zunächst kleines, aber stetig wachsendes Problem darstellen kann. In der Hoffnung, ein Café zu finden, laufen wir zunächst weiter wie geplant, vorbei an diesem doch sehr farbenfrohen Haus in der Gutzmannstraße…

…atmen im Nieritzweg kurz durch, um uns von dem Schock zu erholen…

…und landen in der etwas breiteren Sachtlebenstraße…

…wo uns in der Ferne eine Coktailbar Erlösung verspricht und zu unserer Erleichterung sogar geöffnet hat. Wir suchen uns einen Sonnenplatz im Garten.

Die Bedienung ist erstaunt, dass wir uns draußen platziert haben, aber eine nette ältere Dame nicht, die am Zaun vorbeigeht und uns zuruft: „Hallo, die Damen! Wünsche einen schönen Tag!“ So lässt sichs aushalten! Nun noch einen (alkoholfreien) Cocktail und das Glück ist perfekt. Doch dieser Zahn wird uns schnell gezogen, denn die Kellnerin sagt uns klipp und klar: „Also Cocktails kann ich nicht. Entweder ihr wartet, bis mein Kollege da ist, oder ihr müsst was anderes bestellen!“ Hm, was soll man dazu sagen? Am besten nichts. Letztendlich ist das ja auch nicht der Hauptgrund, weswegen wir hier eingekehrt sind. Ich nutze die Pause und streiche auf meiner analogen Karte die Straßen ab, die wir gelaufen sind und stelle fest, dass wir den Ribeckweg ignoriert haben. Es nutzt alles nichts, wir müssen nochmal zurück! Vor lauter Aufregung vergessen wir dabei aber, dass direkt neben der Cocktailbar noch eine kleine Straße zu laufen gewesen wäre. Wo sind wir bloß mit unseren Gedanken? Diese Frage lässt sich allerdings eindeutig beantworten: Bei einer Katze. Johanna hat nämlich im Vorbeigehen einen kleinen, dürren Kater mit Wunde am Hals gewittert, obwohl der sich hinter einer Hecke sonnt und gar nicht zu sehen ist.

Und da stehen wir nun. Johanna ist schockverliebt und im Katzenretterinnen-Modus. Nur mit Mühe können wir sie davon abhalten, den Kater mitzunehmen, wie auch immer das gehen soll. Ab in den Rucksack? Ich gebe zu bedenken, dass er ja vielleicht jemandem gehört und Jule, dass immerhin schon drei Katzen zu ihrem Schwesternhaushalt gehören. „Aber der ist völlig unterernährt! Ich klingele jetzt und frage, ob er hierher gehört!“ Schließlich können wir sie erst einmal weglocken bis zur Cocktailbar, aber die ganze Zeit geistert ihr das Tierchen durch Kopf und Gefühle. Wir bügeln indessen unsere Fehler aus, laufen zurück und dann wieder zur Cocktailbar, allerdings ohne abermals einzukehren, sondern um den kleinen, geschwungenen Siepesteig abhaken zu können, vorbei an Garagen, von denen ich dachte, das sei etwas typisch Ostdeutsches:

Nun wird es höchste Zeit, dass wir uns in Richtung Freizeitstätte Süd am Teltower Damm bewegen, denn dort sind wir heute auf einen Kaffee eingeladen. Die Leiterin Nicole Stahl hatte mich auf Instagram kontaktiert und mir angeboten, ihre Wirkungsstätte zu zeigen. Wir laufen auf der Sachtlebenstraße nach Süden, vorbei an Sportanlagen und der Kleingartenanlage „Sachtleben“, was ich irgendwie total schön finde. Sacht leben kann bestimmt ab und zu ganz nett sein.

Weiter gehts durch ein Wohngebiet mit Blockbebauung, die nicht spektakulär ist, aber durch Farbgebung und Schmuckelemente trotzdem freundlich wirkt. Wie überall in Zehlendorf wurde auch hier den Bäumen Raum gegeben und zwischen den Häuserzeilen viel Platz gelassen.

Gegen 14 Uhr sind wir am südlichen Abschnitt des Teltower Damms, nicht weit von der Stadtgrenze entfernt…

…und nach wenigen Minuten am Ziel, wo uns gleich am Eingang folgender Spruch ein Lächeln ins Gesicht zaubert:

Wir werden ganz herzlich begrüßt und beköstigt von Nicole Stahl und ihrem Team. Es gibt sogar Zupfkuchen zum Kaffee.

Während wir es uns gut gehen lassen, erfahren wir viele interessante Details zu diesem Freizeittreff und dass monatlich bis zu 2000 Besucher die vielfältigen Angebote nutzen wie z.B. Yoga, Doppelkopf, Englisch lernen, Tischtennis, Smartphone-Training, Gedächtnistraining, Sturzprävention, Tai-Chi, Tanzen, Schach, Pilates, Töpfern, Literaturkreis, Zumba, Kreatives Schreiben oder Gymnastik. Gerade ist nebenan der Trampolinkurs zu Ende und gleich gehts weiter mit dem nächsten Bewegungsangebot. Zusätzlich finden aber auch noch Lesungen statt, Theater, Konzerte und andere Veranstaltungen. Unglaublich, was das zudem noch ehrenamtliche Team dort auf die Beine stellt! Wir sind schwer beeindruckt. Direkt hinter dem Haus legt die Elfie-Wiese. Nicole Stahl erzählt uns, dass sich dort früher eine Art Freiluftkino befunden haben soll. Die Fläche – eine kleine Anhöhe – wird gerade wieder hergestellt und ist noch umzäunt.

Zum Abschied gibts noch ein paar Fotos und einen weiteren Motivationsspruch auf der Rückseite der Tafel:

Nun wird es für Jule und Johanna Zeit, sich von mir zu verabschieden, denn sie haben noch Verpflichtungen, denen sie nachgehen müssen. Ich bleibe, in der Hoffnung, den noch offenen Teil der heutigen Tour zu schaffen, bevor ich den Termin beim Radio habe. Aber es ist illusorisch, das muss ich bald einsehen. Doch ein bisschen Zeit habe ich noch. Ich beschließe, den Teltower Damm bis zur Stadtgrenze zu laufen. Ich habe das Gefühl, dass es immer lauter und voller wird auf der Straße, die vielen Baustellen machen es nicht besser. Langsam staut sich der Feierabendverkehr, die meisten wollen raus aus Berlin. Ich bin zu Fuß deutlich schneller als die Blechlawine neben mir. Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel rechterhand uralte Grabkreuze und wäre beinahe daran vorbei gelaufen! Es handelt sich um den alten Schönower Friedhof, der seinem Schicksal überlassen wurde, obwohl auf dem Schild etwas anderes behauptet wird:

Ich stürze mich wieder ins Gewühl und erreiche nach kurzer Zeit die Knesebeckbrücke, die mich über den Teltow-Kanal führt und hinein nach Brandenburg. Schnell kehre ich wieder um, bloß keinen Schritt im „Ausland“ vergeuden!

Nun könnte ich links den schönen Weg am Wasser gehen, immer an der Stadtgrenze entlang, aber das ist keine Straße, weswegen ich mich für den parallelen Kleinmachnower Weg entscheide. Um dorthin zu gelangen, muss ich ein kurzes Stück auf dem Teltower Damm zurück und bemerke links eine Art Kinder- bzw. Jugend-Bauernhof namens Sonnenhaus, was geradezu nach einem inhaltlich stimmigen Foto schreit!

Da am Tor „Offen“ steht, spaziere ich hinein und stehe direkt einem freundlichen Schwein gegenüber, das Lilly heißt, wie ich gleich erfahren werde. Auch Hühner und Ziegen wuseln um mich herum, die ebenfalls alle einen Namen haben. Überall wird gewerkelt, geschraubt, gepflanzt, gekocht und ich treffe auf eine junge Mitarbeiterin, die mich bereitwillig übers Grundstück führt, mir alles zeigt und erklärt. Sie kennt jedes Huhn mit Namen, schwärmt von der sanftmütigen Lilly und warnt mich vor deren etwas draufgängerischem Artgenossen. Eine Ziege macht Männchen auf ihr Zeichen hin, die andere hat dazu keine Lust. Es berührt mich, wie sehr sie die Tiere ins Herz geschlossen hat und selbst von den Hühnern jede Eigenart zu kennen scheint, was mich aber nicht davon abhält, mit der Einfühlsamkeit einer Axt im Walde die Frage nach dem Lebensabend der Tiere zu stellen. Die ausbleibende Antwort spricht Bände und macht mich verlegen, zu recht. Außer sich mit den Tieren zu beschäftigen, kann man dort auch im Garten arbeiten, in der Holzwerkstatt z.B. lernen, wie man ein Baumhaus baut und andere Dinge. Ein tolles, alternatives Projekt, das von Freiwilligen, Honorarkräften und jungen Menschen im Freiwilligen Ökologischen Jahr betreut wird.

Ich berichte der jungen Frau, wer ich bin und sie sagt: „Mein Vater hat mir davon erzählt, er hat das in der Abendschau gesehen.“ Begeistert will ich ihr meine Visitenkarte in die Hand drücken, ernte aber nur einen – naja – sagen wir mal irritierten Blick. Plötzlich ist mir das unsäglich peinlich. Welcher Teufel hat mich geritten, einer schätzungsweise 16-18-Jährigen so ein altertümliches Utensil aus dem 20. Jh. aufzudrängeln? Sie nimmt sie dann aber doch, vermutlich aus Mitleid oder für ihren Papa. Ich bedanke mich herzlich für die Führung und setze meinen Weg fort nach Alt-Schönow, das allerdings auch für Fußgänger in einer Sackgasse endet. Doch ein paar schmucke Häuser finde ich trotzdem.

Nun endlich bin ich im Kleinmachnower Weg, der zu Beginn mit einem stattlichen Haus aufwartet (vermutlich eine ehemalige Schule) und gegenüber ein paar Meter weiter mit einer sehr originellen und vermutlich wertvollen Wanduhr von Nicolai Canetti aus der „Art Time“ – Kollektion. Danach folgen einige Firmen, schließlich nur noch Gärten der Dauerkleingartenkolonie Alt-Schönow e.V., einer davon mit einem lebensgroßen Plastik-Elefanten, der den Garten gut ausfüllt.

Eigentlich müsste ich es schaffen, diese Straße bis zur Stadtgrenze im Westen weiterzugehen, die hier im rechten Winkel abknickt. Aber ich kann nicht riskieren, zu spät zu kommen. Wenn die Sendung um 18 Uhr beginnt, muss ich vor Ort sein! Deswegen breche ich die Tour hier ab, um sie am Donnerstag fortzusetzen. Nun heißt es: Auf zur Masurenallee zum Haus des Rundfunks!

Dort angekommen, melde ich mich wie verabredet beim Pförtner, erhalte eine Einlassmarke und warte auf Thomas Weber, der mich mit seinem Hund im Foyer abholt und ins Studio begleitet.

Auf verschlungenen Pfaden, durch verschiedene Treppenhäuser und endlose Gänge gelangen wir in das Sendestudio, das zu drei Seiten durch Glasscheiben mit den angrenzenden Räumen verbunden ist. Die vierte Seite hat Fenster zur Straße. Der Moderator Ingo Hoppe hat schon eine Stunde Sendezeit hinter sich und in der zweiten darf ich ihm Gesellschaft leisten. Er begrüßt mich freundlich und tiefenentspannt. Ich werde gefragt, ob ich stehen oder sitzen will, bekomme einen Platz am Mikro zugewiesen und dann gehts auch schon los. War ich anfangs noch ein bisschen aufgeregt, ist davon nach zwei Minuten nichts mehr zu spüren. Ich habe das Gefühl, mein Leben lang nichts anderes gemacht zu haben als mit Ingo Hoppe zu plaudern. Im Nu ist die Stunde rum, von der ich gefühlt zehn Minuten auf Sendung war. Aber auch dazwischen ging uns der Gesprächsstoff nicht aus. Nicht umsonst hat Ingo Hoppe einen Ratgeber mit dem bezeichnenden Titel geschrieben: „Wie Sie mit jedem ins Gespräch kommen und neue Freunde finden“. Er beherrscht diese Kunst wie kein zweiter. Wir verabreden uns auf eine Wiederholung in einem halben Jahr, womit ich mehr als einverstanden bin.

Am 19. März mache ich mich auf den Weg, die Tour zu vervollständigen. Zum Startpunkt fahre ich ein Stück mit dem Bus X10. An der Haltestelle wartend, beobachte ich, wie ein Vater, eilig einen breiten Buggy vor sich herschiebend, einen ebenfalls wartenden jungen Ausländer über die Füße fährt. Er stand einfach mal im Weg. Pech gehabt! Natürlich regt er sich darüber auf, was den Vater zu der wütenden Erwiderung veranlasst: „Du hast mich doch gesehen! Soll ich mit dem Kinderwagen auf den Radweg ausweichen, nur weil du nicht Platz machst?!“ Er fühlt sich offenbar total im Recht. Alle gucken, keiner ergreift Partei, ich auch nicht. Auch das ist Berlin.

Zunächst laufe ich ab Heinrich-Laehr-Park den Teltower Damm komplett, um fast am Ende links in den Beeskowdamm abzubiegen. Wieder fällt mir auf, wie laut es hier ist und wie sehr mich das ganz normale Berlin mit all seinen Baustellen hier einholt, fast am Ende der Stadt. Ein paar Impressionen vom Wegesrand:

Der Beeskowdamm ist relativ kurz und geht über in die Goerzallee, die dann aber schon zu Lichterfelde gehört und deswegen vorerst von mir ignoriert wird. Rechts und links haben sich Firmen angesiedelt, bei deren Anblick man zunächst denkt: Augen zu und durch! Aber das wäre ein Fehler! Ich finde so einiges, merke aber auch, dass Passanten bzw. Firmenangehörige sich insgeheim wundern, wieso ich hier so neugierig rumschleiche und fotografiere. Was macht die hier? Von welcher Prüfkommission oder gar Presse wurde sie in die Spur geschickt? Es scheint sich um eine sehr reinliche Straße zu handeln, immer wieder weisen Werbebanner darauf hin:

Und wäre ich nicht in die kleine Gustav-Krone-Straße abgebogen, hätte ich diese beiden Gestalten verpasst, die offenbar alles im Blick haben und sich ihre Erkenntnisse zurufen. Sie sitzen auf den Simsen des Gebäudes der Firma JBW Interiors, einer Tischlerei und Design-Werkstatt für hochwertige Inneneinrichtungen.

Hiermit kann ich nicht so richtig was anfangen, finde diese Skulptur aber trotzdem originell. Die KI meint, sie wäre einem Kampfflugzeug nachempfunden. Warum sie dort steht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Die Wupperstraße führt mich links zur Rückseite des Laehrparks, vorbei an einer Dauerkleingartenanlage zu einer Siedlung am Laehr´schen Jagdweg. Heinrich Laehr und später sein Sohn Max betrieben hier nicht nur ihre Heilanstalten, sondern besaßen auch große Wald‑ und Wiesenflächen zwischen Schönow, Düppel und dem heutigen Nikolassee. Auf diesen Flächen wurde tatsächlich gejagt, nämlich Rehwild, Hasen, Fasane, Rebhühner und gelegentlich Wildschweine. Der Weg diente als Zugang zu den Jagdrevieren, die sich südlich und westlich der Klinikareale erstreckten.

Die Siedlung entstand in den 1950er- und 1960er‑Jahren auf Flächen, die zuvor zu den weitläufigen Besitzungen der Familie Laehr gehörten – Wiesen, Waldstücke, Funktionswege, die zu den Heilanstalten führten oder eben hinaus in die Jagdreviere. Als das Gelände nach dem Krieg parzelliert und für den Wohnungsbau freigegeben wurde, blieb etwas von dieser offenen, parkartigen Struktur erhalten. Die Häuser stehen nicht dicht gedrängt, sondern mit großzügigen Abständen. Zwischen ihnen liegen Rasenflächen, alte Bäume, kleine Pfade. Es ist kein spektakulärer Ort, aber einer, der die Geschichte des Geländes nicht völlig überbaut hat. An der Stelle, wo sie in den Teltower Damm mündet, rücken die Häuser etwas enger zusammen, wie ein Tor. Dadurch wird der Lärmpegel der Straße unglaublich reduziert, so dass hier himmlische Ruhe herrscht mit einem sanften Hintergrundrauschen.

Ich arbeite mich vorwärts durch die kleinen Straßen am Laehrpark und auch durch denselben, der meinen Eindruck bestätigt, dass Zehlendorfer Parks doch eher kleine Wälder sind als klassische Parkanlagen.

Zeit für eine Pause, entscheide ich und nehme auf einer der wenigen Sitzgelegenheiten Platz. Eine junge Frau lässt sich auf eine Bank fallen, aufgeregt wiederholt in ihr Handy schreiend: „Ich WAR da! Das wusste ich ja nicht!“, um kurz darauf aufzuspringen und schimpfend weiterzulaufen. Ein Slow-Motion-Jogger dreht kleine Runden und schleicht ein paarmal in Zeitlupe vorüber. Ein älterer Mann in Funktionskleidung kreuz mehrmals den Weg, einen Hund im Schlepptau. Erst, als ich mich auf den Vierbeiner konzentriere, merke ich, dass es jedes Mal ein anderer ist und somit wohl auch ein anderer Mann. Einer sieht aus wie der andere, nur durch die Hunde kann man sie auseinanderhalten.  

Nun arbeite ich mich vor ins Innere meines Stadtplanausschnittes mit Straßen wie Ramsteinweg, Pfarrlandstraße, Breitensteinweg, Lupsteiner Weg, Windsteiner Weg. Wusstet ihr eigentlich, dass Gartenzwerge versteinerte Wichtel sind? Wenn Wichtel von Menschen gesehen werden, wars das für sie. Den Rest ihres Lebens müssen sie unbeweglich als Gartendeko verbringen. Diese traurige Tatsache hat mir meine Großnichte erklärt.

In einiger Entfernung sehe ich eine riesige Glasfront und denke zunächst, dass es sich dabei um ein Gewächshaus handelt. Weit gefehlt, bemerke ich, als ich direkt vor dem Gebäude der Evangelischen Kirchengemeinde Schönow-Buschgraben stehe. Schon von außen kann man erkennen, dass das Kirchenschiff lichtdurchflutet sein muss. Natürlich würde ich mir das gerne anschauen. Die Haupt-Eingangstür ist abgeschlossen, aber eine Nebentür erlaubt mir, einzutreten. Vorsichtig schaue ich mich um, entdecke eine kleine, sorgfältig sortierte Bibliothek, Toiletten (Juchhu!) und zwei Räume, aus denen Stimmen zu hören sind. Im ersten findet eine Art Seminar teil, aber niemand nimmt Notiz von mir. Also weiter zum zweiten – hier spielen Erwachsene Triomino und haben großen Spaß. Es dauert ein Weilchen, bis jemand kurz den Blick hebt. Diese Gelegenheit nutze ich für meinen Vorstellungsspruch: „Vielleicht haben Sie ja schon davon gehört…“ Aber ich störe, das merke ich. Trotzdem wendet sich ein freundlicher Herr aus der Runde an mich: „Wir spielen gerade so schön. Haben Sie ein bisschen Zeit? Dann kann ich Ihnen die Kirche zeigen.“ Wunderbar. Ich nutze die Gelegenheit, die Toilette und die Bibliothek zu inspizieren und dann geht’s auch schon los mit der Führung. Ich bin überwältigt, als ich den Saal betrete. Welch schöner Raum mit so viel Licht und Grün! Ich erfahre, dass die Architekten Ewald Bubner und Frei Otto diesen Bau entworfen haben. Sehr besonders sind die Afrikanische Madonna und die Klop-Orgel mit Holz-Pfeifen. Altar, Kanzel und Taufstein bestehen aus rötlichem Sandstein und wurden jeweils aus einem Block gehauen. Die Kirche steht seit 1995 unter Denkmalschutz. Dass über dem Altar ein Kreuz aufgehängt wurde, stand nicht im Konzept der Architekten und wurde von diesen auch kritisiert. Das Kreuz wäre schließlich schon im Fenster eingelassen. Das stimmt, wenn man es weiß, dann sieht man es auch. Alles in allem eine sehr schöne Kirche mit regem Gemeindeleben. Ich bedanke mich bei Ulrich Conrad, der als ehrenamtlich tätiges Gemeindemitglied hier z.B. die Spielerunde ermöglicht und werde von ihm noch mit dem Hinweis ausgerüstet, dass ich mir den Wohnhof am Windsteiner Weg genauer anschauen sollte. Für solche Tipps bin ich jedes Mal sehr dankbar.

Am Lupsteiner Weg und auch in den umliegenden Straßen scheinen Wildschweine unterwegs zu sein, so würde ich diese Erdbewegungen jedenfalls deuten:

Schon bald habe ich den „Innercircle“ von heute erreicht – die sogenannte Telefunkensiedlung am Windsteiner Weg, Breitensteinweg, Ebersteinweg, Hocksteinweg und Ramsteinweg. Beim näheren Hinschauen verstehe ich auch, warum mich Ulrich Conrad explizit darauf hingewiesen hat. Die Wohnsiedlung wurde von der Heimat AG für die Beschäftigten des an der Goerzallee gelegenen Telefunkenwerkes errichtet. Besonders macht sie u.a., dass sie trotz des generellen Bauverbotes im Jahr 1940 errichtet wurde. Die neugeschaffenen Straßen entlang der Blockrandbebauung erhielten die Namen elsässischer Burgen, die gerade im Frankreichfeldzug erobert worden waren. Eigentlich ein Anlass, sie umzubenennen? Auf beiden Seiten des Windsteiner Wegs stehen zwei aufeinander ausgerichtete U-förmige Blöcke mit einer rechteckigen Grünanlage in ihrer Mitte. Durch wechselnde Stellung der Bauten zum Straßenverlauf ändert sich das Straßenbild trotz gleichbleibender Formen immer wieder. Bei den U-förmigen Blocks sind sogar Balkonerker vor die Wand gesetzt und über dem Bogendurchgang wurde ein Uhrentürmchen angebracht – unter den zeitgenössischen Baubestimmungen eigentlich nicht mehr zulässig, wie ich gelesen habe. Im Krieg wurden einige Häuser stark beschädigt und ab Mitte der fünfziger Jahre wieder aufgebaut und das Gebiet um die Werkssiedlung großräumig mit weiteren Mietwohnblöcken bebaut. Eine schöne, ruhige Wohnlage. Wenn hier eine Wohnung freiwerden würde…

Eine alte Dame, ganz in Weiß gekleidet, kommt mir mit ihren zwei Hunden entgegen und strahlt mich an: „Sie sehen so schön aus!“ Das geht natürlich runter wie Öl. Ich bleibe stehen und wir halten ein kleines Schwätzchen über Gott und die Welt. Sie erzählt mir, dass sie 94 Jahre als ist, vorher in einem Pflegeheim war und jetzt seit einigen Jahren hier eine Wohnung mit Balkon hat und sehr zufrieden ist. Jeden Morgen kommt ein Arzt und schaut nach ihr, dann noch eine Pflegerin. Die Hunde sind ihre Kinder, mit ihnen muss sie jeden Tag raus und bleibt in Bewegung. Das Geld ist zwar knapp, aber sie kommt über die Runden. Ich schwärme von meiner Entdeckung der Seniorenresidenz Rosenhof. „Ja“, winkt sie ab, „Das können sich nur die Reichen leisten.“ Wir freuen uns, dass wir uns getroffen haben und verabschieden uns.

Es kommt der Moment, wo ich die Tour langsam abschließen kann. Dazu gehört noch ein Stück auf dem Kleinmachnower Weg bis zur Stadtgrenze, wo mich ein Areal erwartet, aus dem ich nicht so richtig schlau werde. Am Zaun hängt ein Schild „Kloft Marine Service Hafen- und Gebäudemanagement“. Aber alles sieht so traurig und verlassen aus, dass ich mir nicht sicher bin, ob das Gelände nicht stillgelegt ist. Auf jeden Fall hat es schon mal bessere Zeiten gesehen:

Nun gönne ich mir zur Belohnung den Weg zurück direkt am Teltowkanal:

Mit dem Bus geht’s dann Richtung S-Bahnhof Zehlendorf. Unterwegs fällt mir ein, dass mir in meiner Kirchensammlung noch die Alte Dorfkirche Zehlendorf im sogenannten historischen Winkel fehlt, der dortige Friedhof und der Probst-Süßmilch-Weg, den ich noch nicht beschritten habe. Diese Sehenswürdigkeit setze ich nun meinem Bericht noch als i-Tüpfelchen obendrauf. An der Kirche angekommen, lese ich erst einmal die Informationstafel durch. Mit diesem Wissen ausgestattet, wende ich mich dem Friedhof zu, doch leider ist die Tür abgeschlossen. Schade, so bleibt mir nur, über die Mauer zu lugen. Im Gazette Verbrauchermagazin, das ich übrigens wegen seines hohen Informationsgehaltes sehr schätze, findet sich ein guter Artikel über den historischen Winkel mit Achteck-Kirche, Friedhof, Eiche und Schulhaus (jetzt Heimatmuseum).

Ich umrunde das Areal und kann somit auch den Probst-Süßmilch-Weg abhaken, der sich an das Kirchengelände anschmiegt und entdecke dort eine Buchhandlung! Juchhu!

Auf dem Rückweg traue ich meinen Augen nicht – das Friedhofstor und die Kirchentür stehen weit offen! Wenn das mal keine Einladung ist! Schwups, bin ich drin und frage in der Kirche, ob ich mich mal umschauen darf. Ich habe großes Glück, denn am Abend findet ein Konzert statt und die Kirche ist nur offen, weil die Organistin vorher proben will. So wird mir ein Blick in das schlichte Innere der Kirche gewährt und auch auf dem Friedhof darf ich mich in aller Ruhe umschauen.

Als ich die Namen auf den Grabkreuzen lese, habe ich das Gefühl, alle zu kennen. Die Namen Dubrow, Kühne, Zinnow, Bathe, Busse, Schäde sind so vertraut, weil ich schon viel von ihnen und ihren Verdiensten gelesen habe und durch Straßen gelaufen bin, die nach ihnen benannt wurden. Aber auch die knorrigen, uralten Maulbeerbäume sind Zeugen einer vergangenen Zeit.

Voller Freude, das alles noch sehen zu dürfen, schlage ich auf dem Nachhauseweg noch einen Bogen, vorbei an der beeindruckenden Paulus-Kirche…

…weiteren stattlichen Gebäuden, die u.a. durch Musik- und Volkshochschule genutzt werden…

hin zum Nentershäuser Platz, denn dort befindet sich eine der drei Steglitz-Zehlendorfer Bibliotheken – die Gottfried-Benn-Bibliothek.

Sie die erste, die mir seit Beginn meiner Straßenwanderung begegnet. Ich will die Gelegenheit nutzen, mich ein bisschen umzuschauen und nach Literatur über Dahlem zu suchen. Mit drei Büchern unterm Arm gehe ich zu den diensthabenden jungen Kolleginnen, stelle mich vor und drücke ihnen meine Visitenkarte in die Hand. Gleich am nächsten Tag bekomme ich eine sehr herzliche Mail von Christina Bertram mit einer Einladung zur Social-Media-Zusammenarbeit und zur Berliner Seniorenwoche in der Bibliothek einen Vortrag über meine Erlebnisse zu halten. Eine neue Herausforderung!   

3 Gedanken zu „17. und 19. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Telefunkensiedlung, Heinrich-Laehr-Park, vier Kirchen, zwei Schulen, zwei Friedhöfe, viele Tiere, Freizeitstätte Süd, Stadtgrenze, zwei Begleiterinnen und zu Gast im Radio

  1. Joachim Hentschke

    Es ist immer wieder ein Vergnügen ihre Berichte zu lesen. Die Details die Sie heraus arbeiten, gepaart mit den Bildern, lassen einen denken man sei dabei gewesen. Ihre Art zu schreiben fesselt mich. Ulrich Conrad kenne ich persönlich und er hat ein großes Wissen, dass er gerne teilt.

    Antworten
    1. Renate Zimmermann Beitragsautor

      Herzlichen Dank für Ihren freundlichen Kommentar! Solche Rückmeldungen ermutigen mich, dass ich auf dem richtigen Weg bin und spornen an. Ich bin auch sehr froh, dass mich der Zufall mit Herrn Conrad zusammengeführt hat, der mir schon viele wertvolle Hinweise gegeben hat und mit dem ich auch schon eine gemeinsame Wanderung durch Dahlem geplant habe.

      Antworten
    2. Ulrich Conrad

      Lieber Joachim, es freut mich, dass du so viel von meinem Wissen hältst. So etwas lese ich gerne. Vielen Dank. 🙂

      Antworten

Kommentar verfassen