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12. Mai 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lichterfelde) | Schweizer Viertel und Parkfriedhof Lichterfelde

„Schön ist´s, wenn durch sonnige Fluren Schatten schweben | In des Maies wonnige Glänze Schauer weben.“ (Friedrich Rückert) – Kalenderspruch des Tages

Berlin benannte neue Siedlungen oft nach geografischen oder kulturellen Themen: Ostpreußisches Viertel, Komponistenviertel, Dichterviertel, Fliegerviertel, Botanisches Viertel oder Rheingauviertel. Heute wandere ich durch das Schweizer Viertel. Für das neue Wohngebiet südlich der Finckensteinallee suchte man ein einheitliches Straßennamen‑System – und entschied sich für Schweizer Kantone und Städte. Wie viele Berliner „Themenviertel“ sollte auch dieses Quartier durch ein prägnantes Namensschema zusammengehalten werden. So entstand ein Wohngebiet, dessen Straßen von Basel bis Zürich reichen, ohne Berlin zu verlassen. Ich treffe mich heute mit Danuta Schmidt, einer Berliner Journalistin, Autorin und Moderatorin mit Wurzeln in der DDR‑Medienlandschaft. Sie verbindet journalistische Erfahrung mit architektonischem Fachwissen und schreibt seit vielen Jahren über Baukultur, besondere Orte, DDR‑Moderne und gesellschaftliche Themen. Bekannt wurde sie auch als langjährige Gastgeberin der „SonntagsLese“. Wir haben uns vor einigen Jahren über die Mark-Twain-Bibliothek kennengelernt, wo sie schon viele Veranstaltungen mit prominenten Gästen moderiert hat und das auch immer noch tut. Die Tour startet an einer Wohnhausanlage aus der Zeit zwischen 1908 und 1912 nach Entwürfen der Architekten Bender, Endert und Ismer, die in der Denkmaldatenbank eingetragen ist. Sie zieht sich im Carré um die Finckensteinallee, Berner und Baseler Straße. Der dadurch gewonnene große Innenhof wird für Kleingärten genutzt, was man auf Google Maps sehr deutlich sehen kann. Die roten Kastanien in der Berner Straße haben für uns Flaneure einen duftenden Blütenteppich ausgebreitet, über den wir ehrfürchtig schreiten.

Der Wechsel aus Sonne und Regen hat in den letzten Tagen die Vegetation explodieren lassen. Für Häuser‑Paparazzi wie mich bedeutet das: Die grünen Vorhänge werden dichter, die Motive seltener. Manche igeln sich zusätzlich durch hohe Zäune ein. Trotzdem bleibt uns die stilistische Gegensätzlichkeit nicht verborgen und stört auch nicht. Im Gegenteil – wir fühlen uns wie Architekturstudentinnen, die verschiedenste Baustile auf kurzer Strecke präsentiert bekommen:

Die Farbenpracht der Natur verhilft dabei auch der kleinste „Hütte“ zu Glanz und Gloria und manche Häuser wirken durch ihren Komplettbewuchs mit Efeu oder wildem Wein so lebendig und verwunschen wie grüne Wesen, die uns aus fenstergroßen Augen hinterherschauen.

An einer Hauswand in der Carstennstraße entdecken wir eine Skulptur, die ein steinähnliches Gebilde auf dem Kopf trägt und unter seiner Last gebeugt geht. Da sie nicht im öffentlichen Raum steht, ist es schwierig, etwas über den Urheber herauszufinden. Die KI meint, es handele sich um ein Werk von Karl-Henning Seemann und wäre ein hervorragendes Beispiel für Kunst im privaten bzw. halböffentlichen Raum der Villenkolonie Lichterfelde. Beweisen kann sie es aber nicht, weswegen ich diese Information nur unter Vorbehalt zur Kenntnis nehme. Interessant ist die Figur auf jeden Fall und vermutlich hat jeder schon mal eine Situation erlebt, in der er sich so gefühlt hat wie diese bedauernswerte Gestalt.

In der Züricher / Ecke Baseler Straße beeindruckt uns ein Wohnquartier, das so viele unterschiedliche Bauelemente und Fassaden aufweist, dass es über mehrere Phasen hinweg zu dem entwickelt wurde, was wir nun sehen. Und trotzdem passt alles irgendwie. Besonders dominant sind die nachträglich angebauten halbrunden Balkone, die viel Platz bieten und einen Blick in den grünen, ruhigen Innenhof ermöglichen. Ich hätte gerne den Balkon ganz oben!

Das nächste Highlight ist das Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes e.V., das bis 1995 ein Krankenhaus war.

Es sieht aus wie ein Schloss und hat eine sehr interessante Geschichte vorzuweisen. Das sogenannte Rittberg‑Krankenhaus wurde 1904 als erstes homöopathisches Krankenhaus im Berliner Raum eröffnet – finanziert durch die Wieseke‑Stiftung und initiiert vom Berliner Verein homöopathischer Ärzte. Da Berlin selbst kein Interesse an einem homöopathischen Krankenhaus zeigte, entstand der Bau außerhalb der Stadtgrenzen im damals noch eigenständigen Groß‑Lichterfelde. Der Architekt Theodor Thöns entwarf eine repräsentative Anlage mit neubarocken und Jugendstil-Elementen. Zwei symbolische Reliefs am Eingang – Äskulapstab und Homöopathie‑Schlange – unterstreichen den Anspruch, Schulmedizin und Homöopathie zu verbinden. In den 1920er Jahren wurde das Krankenhaus erweitert, darunter ein sachlicher Anbau von 1927 sowie eine Kinderklinik. Während des Ersten Weltkriegs diente es zeitweise als Rot‑Kreuz‑Lazarett und wurde später nach der Gründerin des Schwesternvereins in Rittberg‑Krankenhaus umbenannt.

Nach der Schließung 1995 stand der Komplex einige Jahre leer, bis das Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes 1999 einzog und das Gebäudeensemble umfassend umbauen ließ. Erhalten blieben das historische Haupthaus und der Anbau von 1927 – beide heute denkmalgeschützt. Auf dem Gelände befindet sich zudem ein Gemeinschaftsgrab vom April 1945, in dem mindestens 40 Menschen bestattet wurden – darunter Kriegsopfer, Zivilisten und Kinder aus der damaligen Klinik. Die Anlage besitzt Dauerruherecht und zählt zu den Berliner Kriegsgräberstätten. In dem von mir sehr geschätzten Gazette Verbrauchermagazin gibt es einen informativen Beitrag über das Leben der Namensgeberin Gräfin Hedwig von Rittberg, den zu lesen ich sehr empfehle!

Danuta ist nach einer gerade überstandenen Krankheit noch ein bisschen angeschlagen und verabschiedet sich nach einer gemeinsamen Kaffeepause von mir, während ich forschen Schrittes in die Kornmesserstraße einbiege und von der beeindruckenden katholischen Kirche Heilige Familie der Pfarrei Johannes Bosco – Berliner Südwesten sofort wieder ausgebremst werde. Welch einer Pracht und Erhabenheit stehe ich hier gegenüber! Nicht nur die Kirche, auch die angrenzenden Gebäude auf dem umzäunten Gelände inklusive kleiner Parkanlage wirken absolut perfekt. Das Gartentor ist einladend geöffnet, ich fühle mich willkommen und schaue mich staunend um.

Über der Tür zum Pfarrhaus ist die lateinische Inschrift „Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta“ zu lesen. Das ist die Hälfte des ersten Verses aus Psalm 43 und bedeutet übersetzt: „Schaffe mir Recht, o Gott, und führe meine Sache wider das treulose Volk“ und endet in der Bibel mit „und errette mich von den falschen und bösen Leuten!“ Leider habe ich das Pfarrhaus nicht umrundet, denn es zeigt zur Rückseite hin eine vollkommene Ergänzung durch Fachwerk. Das kann man aber sehr schön HIER sehen inklusive Einblick ins Innere des Gebäudes.

Dann trete ich durch einen offenen Nebeneingang in das Haus Gottes und fühle mich sofort klein wie eine Stecknadel. Ganz leichtes Unbehagen macht sich breit, wieso, kann ich gar nicht so genau sagen. Die hohen Gewölbe signalisieren deutlich, dass ich nicht von Bedeutung bin. Vielleicht liegt es auch an den dunklen Nischen – ich weiß es nicht. Dabei ist die Kirche auch im Inneren sehr stilsicher und geradezu perfektionistisch gestaltet.

Kein Wunder, denn 2024 wurden umfangreiche Restaurierungen durchgeführt: Freilegung und Sicherung eines lange übermalten Marienfreskos, Reinigung und Reparatur der Fenster, Vergoldungsarbeiten, Sanierung der Altäre und Restaurierung einer Ikone von 1910. Ende April 2024 war die Kirche fertiggestellt und konnte wieder genutzt werden. Das Ergebnis wird als harmonisch und historisch stimmig beschrieben, was ich absolut bestätigen kann. 2025 beteiligte sich die Kirche sogar erstmals nach der umfassenden Innenrenovierung am Tag des offenen Denkmals. Es gibt nichts, wirklich gar nichts auszusetzen, und trotzdem atme ich auf, als ich wieder draußen stehe.

Die Bedeutung des Straßennamens Kornmesser wird mir klar, als ich, durch auffällig gestaltete Treppenhaustürme einer Mehrfamilienhaussiedlung angelockt, die Beschriftung „Bürgermeister Kornmesser Siedlung – erbaut 1959-61 Architekt BDA Felix Halbach“ lese. Felix Halbach wurde in den 30er Jahren mit einem beachtlichen Wohnhaus an Charlottenburgs Heerstraße und zwei Konradshöher Bauprojekten bekannt. Später nach dem Krieg war er unter anderem am Wiederaufbau einer Weddinger Friedhofskapelle beteiligt. Joachim Friedrich Kornmesser hingegen ist ein bisschen älter. Geboren 1641, machte er zunächst als Chirurg Karriere und arbeitete am brandenburgischen Hof, wo er über viele Jahre als Kammerdiener und medizinischer Begleiter tätig war. Im Laufe der Zeit wurde er zu einer wichtigen Figur im kommunalen Gefüge: Er wirkte in mehreren Ratsgremien, war an der Organisation städtischer Finanzen beteiligt und engagierte sich in wirtschaftlichen Unternehmungen. 1709, nach der Vereinigung von Berlin und Cölln, gehörte Kornmesser zu den vier Männern, die das neue Bürgermeisteramt der Doppelstadt übernahmen. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1715 eine prägende Persönlichkeit des städtischen Lebens. Warum die Siedlung ausgerechnet nach ihm benannt wurde? Sein Vermögen floss in eine Stiftung, die im Bereich Jugend-, Alten- und Familienhilfe, Wohlfahrtswesen immer noch existiert. Eventuell war sie am Bau der Siedlung finanziell mit beteiligt, aber das ist nur eine Vermutung meinerseits.

Und noch eine Stiftung gerät in mein Blickfeld, benannt nach Franz Daniel Friedrich Wadzeck. In der Drakestraße befindet sich der Hauptsitz der 1819 gegründeten Wadzeck-Stiftung, eine Einrichtung der Jugendhilfe. Ursprünglich wurde sie als erstes evangelisches Waisenhaus Berlins ins Leben gerufen. Franz Daniel Friedrich Wadzeck (1762–1823) war ein Berliner Theologe, Prediger und später Professor am Kadettenkorps. Er gründete mehrere Zeitungen und nutzte sie, um gegen liberale Strömungen seiner Zeit zu polemisieren, besonders gegen Friedrich Ludwig Jahn und die Turnerbewegung, die er merkwürdigerweise als gefährlich für die Jugend ansah. Vielleicht gemäß dem Motto „Sport ist Mord“?

Direkt daneben schließt sich die Drake-Grundschule an.

Auf der anderen Straßenseite patroulliert die Polizei auf und ab und weckt meine Neugier. Wen mag sie wohl beschützen? Rübergehen und fragen wäre eine Option, doch ich wähle den Weg des geringsten Widerstandes, konsultiere Google Maps und erfahre, dass dort das Iranische Fremdenverkehrsamt seinen Sitz hat. Wenn man sich dessen Webseite anschaut, würde man am liebsten gleich den nächsten Flug in dieses Land buchen.

Die Theklastraße und auch die Altdorfer Straße führen mich von einer anderen Seite an die ehemalige Kadettenanstalt und das jetzige Bundesarchiv heran und ermöglichen mir einen Blick auf das Aparion Apartment Hotel, das bei 147 € / Nacht beginnt und mit seiner zentralen Lage im Grünen wirbt.

Bevor ich mich nun südlich der Altdorfer Straße in das große, ca. 25 Jahre bestehende Siedlungsgebiet stürze, arbeite ich die letzten, noch fehlenden Meter der Baseler Straße ab, die sich schnurgerade vom S-Bhf. Lichterfelde West bis zum Parkfriedhof Lichterfelde hindurchzieht und ihren architektonischen Charakter – im Norden mit Villen beginnend – auf diesem Weg sehr verändert, wie man hier im südlichen Teil gut sehen kann:

So, nun wirds anstrengend. Mir stehen jetzt etliche Straßen bevor, die so eng aneinanderkleben, dass selbst auf dem Stadtplan Platznot herrscht. Ich muss mich sehr konzentrieren, um keine zu übersehen. An den Häusern kann ich mich dabei kaum orientieren, weil sie sich sehr ähnlich sehen, aber die Quartiersplaner haben sich erkennbar große Mühe gegeben, etwas Individualität zu etablieren. Was mir sofort auffällt: Alle Straßen tragen Namen von Frauen, angepasst an das Schweizer Viertel auch mit Bezug zur Schweiz. Hier erst einmal ein Blick von oben:

Man kann sehr gut den diagonal verlaufenden Grünzug sehen, der sich passenderweise „Grüne Ader“ nennt und die Symmetrie und Eintönigkeit tatsächlich wohltuend aufbricht:

Auch mit Farbgebung, kleinen Verbindungswegen und Skulpturen hat man versucht, etwas Abwechslung ins Spiel zu bringen.

Zur besseren Orientierung sind alle Straßen in regelmäßigen Abständen in Anger unterteilt, die eigentlich nur einen Hof darstellen.

Auch an die Nahversorgung ist gedacht worden mit allen üblichen Handelsketten:

Ganz bestimmt wohnt man hier sehr gut in seinen eigenen vier Wänden, aber es wirkt eben alles ziemlich standardisiert, wie in vielen anderen Einfamilienhaussiedlungen, die in den letzten Jahren überall entstanden sind. Ich bin jedenfalls froh, als ich durch bin und erarbeite mir noch die letzten Straßen bis zum Parkfriedhof, die wieder etwas mehr Gefälligkeit vorzuweisen haben.

Dabei entdecke ich am Thuner Platz einen freistehenden Glockenturm der Evangelischen Johann-Sebastian-Bach-Kirchengemeinde und muss die dazugehörige Kirche erst ein bisschen suchen, so klein ist sie. Die Johann‑Sebastian‑Bach‑Gemeinde begann Ende der 1960er Jahre mit einer einfachen hölzernen Notkirche, die von der Daniel‑Gemeinde übernommen und am Thuner Platz wiederaufgebaut wurde. Nach langen Verzögerungen entstand das Gebäude im Winter 1967/68 und wurde am 11. Februar 1968 als erstes Gemeindezentrum eingeweiht. Die „Baracke“ blieb über Jahrzehnte Mittelpunkt der jungen Gemeinde, bis später Kirche, Gemeinderäume und Kita auf dem heutigen Grundstück errichtet wurden. Die Kirche sieht irgendwie fröhlich aus, vielleicht wegen der türkisen Farbgebung. Da auch hier das Tor weit geöffnet ist, trete ich näher und höre von innen Stimmengemurmel. Zwei junge Mädchen sitzen dort, unterhalten sich angeregt und lassen sich durch mich nicht stören. Am liebsten würde ich mich dazusetzen und die heitere Stimmung noch ein bisschen genießen. Auf jeden Fall ein Wohlfühlort!

Als Abschluss des Tages habe ich den Besuch des Parkfriedhofs Lichterfelde eingeplant und freue mich schon richtig darauf, mich ziellos treiben zu lassen und alte Grabsteine zu entziffern. Eine lange Allee lässt in der Ferne eine Art Tempel erahnen, doch mich zieht es schon kurz hinter der Kapelle hinein ins mystische Labyrinth abseits der Hauptwege. Passend dazu verdunkelt sich der Himmel und es fängt an zu donnern, so dass ich die einzige Besucherin bin, die in den Friedhof hineinläuft, statt wie die anderen zum Ausgang zu eilen. Bald bin ich umzingelt von uralten Grabstätten und grob behauenen, verwitterten Steinkreuzen, die überall aus dem Gebüsch herauslugen. Ein wirklich magischer Ort! Ziemlich weit hinten befindet sich ein beeindruckendes Ehrengrab für die schon erwähnte Gründerin der Schwesternschaft Gräfin Hedwig Rittberg und weitere verstorbene Ordensschwestern. Auch Drafi Deutscher hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden. Von allen Friedhöfen, die ich in Steglitz-Zehlendorf besucht habe, hat dieser in meinem Herzen sofort Platz Nr. 1 erobert.

Ein langer Wandertag geht damit zu Ende und der nächste naht mit großen Schritten. Am Donnerstag werde ich an das heutige Gebiet anschließen. Besonders gespannt bin ich auf den Platz des 4. Juli, über den ich schon viel gelesen habe. Begleiten wird mich Winfried Hawran. Er ist ebenfalls gerne zu Fuß unterwegs und war in den 1980er Jahren im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) im Sudan und in Simbabwe als Entwicklungshelfer tätig.