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23. April 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Dahlem) | Botschaften, Architekten, Dahlem-Palais, FU-, HU- und TU-Institute, St. Petrus Kirche und ein Aufstand wider den Papst, Museum Europäischer Kulturen, verpasste Straßen und die Augsburger Allgemeine

„Auf / auf / ihr kleinen Bienen / Der Winter ist fürbei: Schon gaffen jetzt / und gienen / Die Blümlein allerlei.“ (Friedrich Spee) – Kalenderspruch des Tages

Obwohl ich schon seit ein paar Tagen Lichterfelde unsicher mache, muss (will) ich in Dahlem noch eine kleine Ecke absolvieren, die mir zur Vervollständigung dieses Ortsteiles fehlt. Außerdem sind noch vier Straßen nachzuarbeiten, die sich bisher meiner Aufmerksamkeit erfolgreich entzogen haben. Da das Museum der Europäischen Kulturen und die Philologische Bibliothek auf dem Weg liegen und auch der Erinnerungsort Ihnestraße, plane ich den Besuch derselben in das Tagesprogramm mit ein. Heute bin ich mit Pauline Held verabredet. Sie ist Volontärin und schreibt für die Hauptstadtredaktion der Augsburger Allgemeinen und ihrer Partnerzeitungen. „Ich selbst bin noch recht neu in Berlin und arbeite erst seit ein paar Wochen hier in unserem Hauptstadtbüro nahe des Bundestags. Daher will ich fragen, ob ich Sie in dieser Woche für einen Artikel in der Augsburger Allgemeinen einen Vormittag beim Laufen begleiten darf? Ich denke, das wäre eine schöne Möglichkeit, Sie und Ihr Ziel einmal genauer vorzustellen. Und vielleicht auch eine Möglichkeit für mich, die Stadt ein kleines Stück besser kennenzulernen“, schrieb sie mir in einer Mail. Diese sympathische Anfrage konnte ich ja gar nicht ablehnen! Übrigens bin ich jetzt tatsächlich bis Mitte Juni ausgebucht.

Pauline und ich treffen uns am U-Bahnhof Dahlem Dorf und steuern den Franz-Grothe-Weg an, der parallel zur U-Bahn-Linie zum Bahnhof Podbielskiallee führt. Ich hatte ihn damals großzügig übersehen, weil es eigentlich nur ein Radweg ist, aber er ist im Straßenverzeichnis aufgeführt und somit auch zu laufen! Er führt durchs Grüne, nichts lenkt meinen Blick und Aufmerksamkeit ab, so dass Pauline und ich uns voll und ganz auf unser Kennenlerngespräch konzentrieren können. Mit Block und Stift bewaffnet, macht sie sich nebenbei Notizen von meinen Antworten, die sich vor allem auf meine berufliche Laufbahn beziehen und meine Motivation zum Laufen im Allgemeinen.

Das Bahnhofsgebäude Podbielskiallee passiere ich nicht zum ersten Mal, doch nun gehts dort erst einmal weiter durch den schönen Fliederhain, der sich mittig auf der Schorlemerallee bis zum nächsten U-Bahnhof Breitenbachplatz erstreckt. Als ich meinen Plan zücke, um mit Pauline die weiteren Schritte zu besprechen, bleibt ein älterer Herr neben uns stehen: „Na, wo solls denn hingehen?“ Schnell sind wir dabei, uns über Wegeführungen durch Dahlem auszutauschen. Er kennt sich hier sehr gut aus und natürlich erzähle ich ihm von meinem Beweggrund, durch die Straßen zu wandern. Ungläubig hört er mir zu, kann aber absolut nicht verstehen, wieso ich mir das antue. „Ich laufe ja auch jeden Tag meine Strecke, aber ich muss! Spaß macht mir das nicht!“, zwinkert er mir zu.

So ist das eben, nicht jeder läuft gerne zu Fuß und das ist ja auch völlig in Ordnung. Am Tennisplatz biegen wir links ab auf die Schweinfurthstraße, wo wir von einem ziemlich echt aussehenden Tiger misstrauisch beäugt werden:

Es scheint sehr beliebt zu sein, sich lebensgroße Tiere in den Garten zu stellen. Ich habe schon Kühe, Elefanten, Einhörner, Pferde und Schafe gesehen, ausreichend, um einen Zoo zu eröffnen.

In der Lentzeallee erfreuen wir uns beide an dem idyllischen Anblick der Lentze-Siedlung, die geografisch schon zum Stadtbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gehört und sich über die Zoppoter Straße dort hinzieht. Wir wagen die Grenzüberschreitung und schauen uns die rückseitigen, dazugehörigen Gärten an und sind uns einig: Hier könnten wir uns auch vorstellen, zu wohnen. Jeder Haushalt hat seinen eigenen, durch Bäume und Sträucher abgeschirmten Bereich, ohne dass die Nachbarn die Erdbeeren auf der Torte zählen können. Die Siedlung wurde 1920/21 im Auftrag der Gemeinnützigen Dahlemer Kleinhaussiedlung GmbH von Heinrich Schweitzer für die Mitarbeiter der Preußischen Oberfinanzdirektion unter Anlehnung an den Heimatstil erbaut. Die eingeschossigen Küchentrakte auf der rückwärtigen Hausseite öffnen sich direkt zu den Gärten, die den Bewohnerinnen und Bewohnern – der Erste Weltkrieg mit seiner Hungersnot lag noch nicht lange zurück – zur eigenen Versorgung dienten. Auch die Farbgebung der Fassaden und Fensterläden ist harmonisch aufeinander abgestimmt.

Auf der gegenüberliegenden Seite erstrecken sich seit den 1920er Jahren die Versuchsfelder der ehemaligen Landwirtschaftlichen Hochschule mit ihren weithin sichtbaren Backsteinbauten. Sie werden heute von agrar- und gartenbauwissenschaftlichen Instituten der Humboldt-Universität, der Technischen Universität und der Freien Universität Berlin genutzt. Es ist eine ziemlich große Fläche zwischen Lentzeallee, Schorlemerallee und Schweinfurthstraße, durchschnitten vom Albrecht-Thaer-Weg, die fast dörflichen Charakter hat, sieht man mal von den stattlichen Institutsgebäuden ab. Abgeschirmt vom Straßenverkehr, werden hier Forschungen betrieben zu Fachgebieten wie „Intensive Planet Food Systems“, „Lehr- und Pflanzenernährung“, „Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung“. Es gibt eine Lehr- und Forschungsstation Bereich Freiland oder Bereich Tiere und viele andere, die eigentlich auch ein lebhaftes Begängnis durch Studierende vermuten lassen könnten, aber außer mir scheint sich kaum jemand hierher zu verirren.

Die Anlage geht auf einen Wettbewerb von 1920 zurück, den der Architekt Heinrich Straumer gewann. Er setzte statt monumentaler Einzelbauten auf ein campusartiges Ensemble aus Institutsgebäuden und Direktorenhäusern entlang des neu angelegten Albrecht‑Thaer‑Wegs. Straumer wählte einen schlichten, ländlich geprägten Backsteinbau mit Satteldächern, Giebeln und Sprossenfenstern – beeinflusst von norddeutschen und holländischen Formen. Die Eingänge an Schorlemerallee und Lentzeallee sind unterschiedlich gestaltet: im Süden eher dörflich, im Norden repräsentativer. Mit der Einrichtung eines Instituts für Gartengestaltung entstand 1929 der erste universitäre gartenbauliche Studiengang in Deutschland. Seit 2009 wurden einzelne Gebäude denkmalgerecht instand gesetzt unter Beachtung der ursprünglichen Dachdeckung.

Für Pauline ist es gar nicht so einfach, ihre Fragen loszuwerden, weil ich immer wieder abgelenkt werde durch neue Entdeckungen rechts und links und die Straßenseiten wechsle wie eine Betrunkene. In vollständigen Sätzen zu antworten, fällt mir schwer angesichts der permanenten Highlights am Wegesrand, denn schon schließt sich eine weitere, sehr beeindruckende Mehrfamilienhaussiedlung an, die sich trapezförmig durch die Lentzeallee, Gregor-Mendel-, Spil- und Milowstraße schlängelt und Dahlem-Palais genannt wird.

Die Anlage entstand 1922/23 nach Plänen des Regierungsbaumeisters Heinz Tietze auf einem früheren Domänengelände im Stil des Expressiven Realismus. Für Beamte wurden hier 108 großzügige Mietwohnungen mit zugehörigen Mietergärten im weitläufigen Innenhof errichtet. Die dreigeschossigen Häuser haben Walmdächer, die Fassaden sind durch hochrechteckige Sprossenfenster und wenig Dekor gegliedert. Charakteristisch sind die abschnittsweisen Zurücksetzungen, wodurch kleine Vorplätze erschaffen wurden. Über jedem Eingang erhebt sich ein Dreiecksgiebel. Zur Gartenseite befinden sich die Balkone, die wir leider nicht sehen können, denn die Hofzugänge sind verschlossen. Aber der Blick durch den Zaun lässt ein gar nicht so kleines, grünes Paradies erahnen.

Vorbei an der Außenstelle des Landesamts für Mess- und Eichwesen und dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung nähern wir uns dem U-Bahnhof Breitenbachplatz. Pauline muss zurück in die Redaktion und verabschiedet sich von mir, aber mein Plan hat noch einiges vor mit mir.

Der Breitenbachplatz ist ziemlich ernüchternd. Von 1892 bis 1913 hieß er Rastatter Platz. Seinen heutigen Namen verlieh man ihm zur Eröffnung der U‑Bahn‑Linie nach Dahlem. Namensgeber war Paul von Breitenbach, der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten, der bei der Einweihung anwesend war und maßgeblich zum Bau der Strecke beigetragen hatte. Interessantes Detail: 2016 wurde dort eine von 17 Berliner automatischen Radzählstellen installiert. Ansonsten kann ich nicht viel dazu sagen, es ist mir noch nicht einmal in den Sinn gekommen, ein Foto zu machen. Aber in unmittelbarer Nachbarschaft steht die St. Petrus-Kirche, deren Monats- und Mitteilungsblatt mich dann doch einigermaßen erschüttert hat.

St. Petrus ist eine Prioratskirche der Priesterbruderschaft St. Pius X., einer Vereinigung katholischer Traditionalisten, die u.a. die Ökumene und die Religionsfreiheit als modernistisch ablehnen und andere Religionen nicht akzeptieren. Der Gründer Lefevbre hatte ohne die Erlaubnis des Papstes 1988 Bischofsweihen vorgenommen, was zum Bruch mit dem Vatikan führte. Da die Piusbruderschaft keinen staatlich anerkannten Status hat, erhält sie keine Einnahmen aus Kirchensteuern und finanziert sich ausschließlich durch Spenden und Kredite der Gläubigen. Nachdem die Priesterbruderschaft in der Nähe des Breitenbachplatzes ein Baugrundstück erwerben konnte, begann der Kirchbau 2002 unter der Leitung des Architekten Hermann Feller und wurde 2005 von dem Architekten Michael Kaune vollendet. Nachdem die Schulden getilgt waren, wurde die Kirche vom Generaloberen der Piusbruderschaft 2013 geweiht. (Wikipedia)

Das zu lesen, mutet schon sehr merkwürdig an. Doch beim Blättern im Mitteilungsblatt von April 2026 finde ich folgende Passage:

Seit 60 Jahren verbreitet der Heilige Stuhl verwirrende, zweideutige und manchmal sogar falsche Lehren, die im radikalen Widerspruch zu dem stehen, was die Kirche seit jeher gelehrt hat. Wenn wir den Glauben und den Gnadenstand bewahren wollen, um in den Himmel zu kommen, sind wir daher verpflichtet, diesen Autoritäten zu widerstehen und ihnen nicht zu folgen, wenn sie uns vom Wahren und Guten abbringen. Hier sind einige Beispiele für Lehren aus Rom, die wir ablehnen müssen, um katholisch zu bleiben:

  • Nicht-katholische christliche Gemeinschaften können Mittel zum Heil sein.
  • Christus darf nicht öffentlich in der Gesellschaft herrschen.
  • Ein wiederverheirateter Geschiedenen hat das Recht, die Kommunion zu empfangen.
  • Ein gleichgeschlechtliches Paar kann von einem Priester gesegnet werden.
  • Das Alte Testament ist immer noch in Kraft und wurde nicht aufgehoben.
  • Der Klimaschutz und der Schutz des Planeten haben für die Kirche Priorität.
  • Der interreligiöse Dialog ist wohltuend und fruchtbar.
  • Die traditionelle Messe ist veraltet, überholt, abgeschafft, altmodisch, überlebt. Sie entspricht nicht mehr den Erwartungen der Christen des 21. Jahrhunderts.

Das alles wird als falsch bezeichnet und klingt nach meinem Dafürhalten letztendlich wie eine Revolte gegen den Vatikan. Ich dachte ja bisher, dass man diesen als erzkonservativ einordnen kann, aber offensichtlich denken die Anhänger dieser Bruderschaft darüber ganz anders und halten die Erlasse aus Rom salopp formuliert für neumodische Verirrungen. Was es nicht alles gibt! Selbst innerhalb der Kirche probt man den Aufstand.

Kopfschüttelnd widme ich mich nun wieder den profanen Dingen des Lebens und wende mich der Englerallee zu, die wie zuvor die Lentzeallee die Grenze zu Charlottenburg-Wilmersdorf darstellt. Ein breiter grüner Mittelstreifen sorgt für viel Abstand zwischen beiden Straßenseiten. Mir fällt auf, dass zwischen diesem und der eigentlichen Fahrbahn nochmal ein schmaler Absatz angelegt wurde, siehe zweites Foto. Bloß wofür? Vielleicht weiß das jemand von den Lesern? Ein Radweg kann es nicht sein, dafür ist er viel zu schmal. Gehweg macht auch keinen Sinn. Aber einen Zweck wird er bestimmt einmal gehabt haben:

Auffällig viele Architekten-Büros oder -Niederlassungen sind hier zu finden neben anderen noblen Villen, die eine gewisse Distinguiertheit ausstrahlen, eine vornehme Zurückgezogenheit. Moderne Wohnanlagen lockern das Bild auf.

Die Podbielskiallee ist wesentlich belebter und wirkt vielleicht deswegen nicht ganz so zurückhaltend, schon allein wegen der Königin-Luise-Stiftung. Sie vereint eine Grundschule, Integrierte Sekundarschule und ein Gymnasium, alle privat. Auf deren Webseite steht:

Die Königin-Luise-Stiftung zählt zu den ältesten privaten Bildungseinrichtungen in Deutschland und wurde 2011 zweihundert Jahre alt. Aus Bürgergeist und Spenden gegründet, förderte sie im ersten Jahrhundert vor allem Mädchen und junge Frauen – oft mit dem Ziel, Lehrerinnen oder Erzieherinnen zu werden. Entstanden im Gedenken an Königin Luise, die ihren eigenen Mangel an Bildung beklagte und Verbesserungen für kommende Generationen forderte. Heute steht die Stiftung für hochwertige Bildung für alle.

Auch die Botschaften von Irak, Iran und Libyen haben in der Gegend Residenzen und Vertretungen, natürlich streng von der Polizei bewacht. An der vom Iran komme ich zweimal vorbei und habe das Gefühl, misstrauisch mit Blicken verfolgt zu werden. Die war doch eben schon mal am Zaun? Was schleicht die mit Stift und Zettel hier rum? Aber meine Wandererehre lässt keine Ausnahme zu! Stoisch stiefele ich vorbei und blicke so uninteressiert wie möglich, aber in Wahrheit würde ich zu gerne wissen, was eine kleine Männergruppe im Schilde führt, die wenige Meter weiter eine Fahne gehisst hat. Auf einem Tisch stehen Süßigkeiten und Getränke, Musik läuft und es wird angeregt diskutiert. Auch von diesen werde ich beobachtet, als ich an ihnen vorbeimarschiere. Ca. 50 Meter weiter drehe ich mich um und will die Lage checken, ob ein heimliches Foto möglich wäre, aber keine Chance. Ich bin im Visier. Ein Versuch aus weiter Ferne gelingt schließlich und ich kann meine Aufmerksamkeit wieder den Häusern widmen.

Die Schorlemerallee und Spilstraße hält diesbezüglich eine Überraschung bereit mit Bauten, die mich irgendwie an Bruno Taut oder Bauhaus erinnern, völlig untypisch für diese Gegend. Beinahe hätte ich das Hinweisschild übersehen, das sich ziemlich unauffällig auf dem Mittelstreifen zwischen den Fliederbüschen versteckt und genau erklärt, welches Haus von wem gebaut und bewohnt wurde. Es handelt sich um experimentelle Wohnungsbauten der Architekten Hans und Wassili Luckhardt und Alfons Anker zwischen 1924 – 1936. Sie wurden nicht im Auftrag eines Bauherrn, sondern als selbstfinanzierte Experimente der Architekten errichtet – ein seltenes Beispiel für architektonische Avantgarde, die sich selbst verwirklicht. Die wichtigsten Merkmale (alle belegt durch die Denkmaldatenbank und die Gedenktafel): übereck gestellte Fenster, rote Ziegelbänder, helle Putzflächen, kubische Baukörper, gestaffelt entlang der Straße, Flachdächer, Stahlskelett- und Stahlbetonbauweise (für die Zeit extrem innovativ), vorgefertigte Bauteile, Glasbausteinwände und teils nur Zementputz. Auf einem Plan kann man die Häuser zuordnen.

Die Siedlung gilt heute als Schlüsselwerk der Berliner Moderne. Sie zeigt den Übergang vom expressionistischen Frühwerk der Luckhardts hin zur Neuen Sachlichkeit – und dokumentiert, wie weit die Architekten bereit waren zu gehen, wenn sie ohne Bauherrenvorgaben arbeiten konnten. Sie steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz.

Nun sind die Verbindungsstraßen dazwischen abzulaufen (Rohlfsstraße, Am Erlenbusch) einschließlich des Erlenbusch-Parks. Gediegene Schönheiten warten auf mich mit ungewöhnlichen Schmuckelementen, aber auch wieder Botschaftsresidenzen und Polizei. Ich flaniere hin und her, vor und zurück und bestaune den Einfallsreichtum der damaligen Architekten:

Am Eingang zum Park lockt mich ein kribbelbuntes Graffiti an mit einem bekannten Sinnspruch, der seine Gültigkeit niemals verlieren wird.

Nun ist der für heute geplante Abschnitt erlaufen, so dass ich mich am Nachmittag den versehentlich ausgelassenen Straßen widmen kann. Zwei davon befinden sich nahe des Museums Europäischer Kulturen, dessen Besuch ebenfalls noch aussteht. Eine gute Gelegenheit, beides miteinander zu verbinden. Davor stand ich schon einmal, nun freue ich mich auf die Ausstellungen.

Über ein paar Stufen erreiche ich den Eingang und stehe direkt in einem Veranstaltungssaal. Vor mir mehrere Stuhlreihen, vorn eine Bühne, zu beiden Seiten gehen Treppen hoch. Hm, bin ich hier überhaupt richtig? Etwas ratlos sehe ich mich um. Nirgendwo ist ein Mensch zu sehen, es herrscht Grabesstille. Wo ist die Kasse, wo der Museumsshop? Verstohlen luge ich links um die Ecke, wo ich die Kasse mit einem gelangweilten Mitarbeiter hinter dem Tresen entdecke. Ein Flyerregal mit ca. zehn frontal präsentierten Büchern entpuppt sich als der Museumsshop. Irgendwie alles ziemlich traurig. Ich kaufe meine Eintrittskarte, umrunde die Stuhlreihen und finde rechts unter der Treppe eine Tür, die zur Dauerausstellung führt. Unter den Blicken des Sicherheitspersonals, das zahlreicher ist als die aus einer Person bestehenden Besucher (ich), nehme ich mir viel Zeit und schaue mir alles genau an. Eine wirklich sehr gute Präsentation von Ausstellungsstücken zum Leben in Europa und momentan zusätzlich Frauentrachten verschiedener Regionen.

Besonders beeindruckt hat mich der Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge. Er ist in einem gesonderten Raum hinter Glas aufgebaut und ungefähr 16 Meter lang und 2,2 Meter hoch. Man kann 328 farbig gefasste Figuren bestaunen. Es handelt sich um eine große, detailreich gestaltete Landschaftskrippe, die die enge Verbindung von Bergbau, Volksfrömmigkeit und handwerklicher Tradition dieser Region sichtbar macht. Solche Weihnachtsberge entstanden vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Bergarbeiterfamilien, die in den langen Wintermonaten kunstvolle Szenerien aus Holz schufen. Sie vereinen biblische Darstellungen der Weihnachtsgeschichte mit Szenen aus dem erzgebirgischen Alltag und dem Bergwerksleben. 139 Figuren sind mechanisch bewegt, sodass sich Räder drehen, Bergleute arbeiten oder kleine Prozessionen in Gang gesetzt werden. Das Exemplar im Museum Europäischer Kulturen gehört zu den bedeutendsten seiner Art außerhalb des Erzgebirges. In diesem Video bekommt man einen Eindruck von diesem Meisterwerk, besser ist es natürlich live zu erleben!

Nun wende ich mich der Sonderausstellung im 1. OG zu, die sich mit dem Thema „Flechten“ beschäftigt, also Flechten als Handwerk. Auch hier werde ich von keinem zweiten Museumsbesucher gestört und kann in Ruhe die geflochtenen Meisterwerke unterschiedlichster Art, Epochen, Größe und Material bestaunen. Viele interaktive Stationen laden dazu ein, sich selbst zu betätigen. Am meisten freue ich mich über den Teppichklopfer, der früher in keinem Haushalt gefehlt hat und heute vermutlich bei Kindern Rätselraten auslöst, würde man sie nach dem Verwendungszweck fragen. Leider finde ich das dazugehörige Foto nicht mehr, aber die meisten werden ja wissen, wie er aussieht.

Ich würde gerne wissen, ob es purer Zufall war, dass ich das ganze Museum für mich hatte oder die Besucherzahlen generell zu wünschen übrig lassen. Vorstellen könnte ich es mir. Früher war Dahlem ein zentraler Museumsstandort. Hier befanden sich das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst, das Museum für Islamische Kunst sowie das Museum für Deutsche Volkskunde. Zeitweise waren auch Teile der Gemäldegalerie, der Skulpturensammlung und des Kupferstichkabinetts in Dahlem untergebracht. Dann zogen die meisten Sammlungen auf die Museumsinsel, ins Humboldt Forum oder ins Kulturforum um. Heute ist in Dahlem also nur noch das Museum Europäischer Kulturen verblieben und deshalb nicht mehr so verlockend als Ausflugsziel, denke ich. Vielleicht liege ich aber auch ganz falsch, was ja wünschenswert wäre.

Ein weiteres Gebäude steht auf meinem Plan, das zu besuchen ich mir seit der Eröffnung vor zwanzig Jahren vorgenommen habe – die Philologische Bibliothek. Es gab immer einen Grund oder eine Ausrede, die Besichtigung aufzuschieben, doch heute ist es soweit – ich betrete die heiligen Hallen:

Die zentrale Fachbibliothek für Sprach‑ und Literaturwissenschaften vereint seit 2005 die zuvor verstreuten Institutsbibliotheken des Fachbereichs. Sie beherbergt rund 750.000 Bände und zahlreiche Zeitschriften, darunter besonders umfangreiche Bestände in Germanistik, Romanistik, Anglistik, Niederlandistik und weiteren Philologien. Die Bibliothek ist als Präsenzbibliothek organisiert, bietet über 650 Leseplätze, frei zugängliche Bestände und eine moderne digitale Infrastruktur. Da ich innen nicht fotografieren durfte, empfehle ich diesen virtuellen Rundgang. Auch das Äußere der Bibliothek ist sehr beeindruckend und unverwechselbar. Ich habe so schöne Fotos gemacht, aber leider sind auch diese auf wundersame Weise verschwunden.

Der markante Neubau in Dahlem wurde von Norman Foster entworfen und 2005 eröffnet. Er ist als freistehender, kuppelartiger Einzelbau in die bestehende Rost‑ und Silberlaube integriert und gilt als Beispiel der sogenannten Blob‑Architektur. Die doppelschalige Hülle aus Aluminium‑ und Glaspaneelen umspannt einen mehrgeschossigen Innenbau, dessen geschwungene Ebenen an die Form eines Gehirns erinnern – daher der Spitzname „Berlin Brain“. Trotz architektonischer Anerkennung bereitete die Außenhülle lange Zeit Probleme durch Undichtigkeiten. Die Bibliothek erhielt mehrere Architekturpreise und war 2006 Teil der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“.

Nun bleiben noch zwei Straßen, die nachzuholen sind. Auf dem Weg dorthin komme ich am Erinnerungsort Ihnestraße 22/24 vorbei, der mich schon in einem meiner vorherigen Berichte beschäftigt hat. Das Gebäude wurde 1927 als Hauptgebäude des Kaiser‑Wilhelm‑Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik errichtet. Der Komplex umfasste Büros, Labore, Sammlungsräume, einen kleinen Tierstall und die benachbarte Direktorenvilla. Das Institut sollte Fragen der menschlichen Vererbung erforschen und war Teil eines größeren Forschungsareals der Kaiser‑Wilhelm‑Gesellschaft auf dem Gelände der früheren Domäne Dahlem. Nach 1945 wurde das Institut nicht weitergeführt; 1948 übernahm die neu gegründete Freie Universität Berlin das Gebäude, zunächst für ihre Rechts‑ und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, während einzelne ehemalige Institutsmitarbeiter in Nebengebäuden weiterarbeiteten. Heute nutzt das Otto‑Suhr‑Institut für Politikwissenschaft die Ihnestraße 22 vollständig. Als Erinnerungsort erfolgt hier in einer Ausstellung die Auseinandersetzung mit der Rolle des Instituts in der Zeit des Nationalsozialismus. 1987 brachte eine studentische Projektgruppe zunächst eine inoffizielle Gedenktafel an, die 1988 durch eine offizielle Tafel der Freien Universität ersetzt wurde. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere Initiativen: 2013 zeigte eine Studierendengruppe die Ausstellung „Manufacturing Race“ zu den kolonialen Verflechtungen des Instituts, 2016 folgte eine begleitende Website. 2017 setzte eine studentische Arbeitsgruppe durch, dass eine Postdoc‑Stelle zur Erforschung der Instituts‑ und Gebäudegeschichte eingerichtet wurde. Aus dieser Arbeit entwickelte sich ab 2019 das Projekt „Geschichte der Ihnestraße 22“, das von wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Beiräten begleitet wurde. 2024 eröffnete schließlich der Erinnerungsort am historischen Standort und erzählt erstmals auch die Geschichten der Opfer und Betroffenen der damaligen Forschung. Die Ausstellung ist auf mehrere Stationen in den Fluren aller Etagen des Hauses verteilt. Dadurch hat man als Besucher immer das Gefühl zu stören, weil man zwischen den Büros hin- und herpendelt. Vermutlich ließ sich das räumlich nicht anders lösen, aber ideal ist diese Anordnung nicht. Doch besser so als gar keine Aufarbeitung.

Ein abwechslungsreicher Tag mit vielen Innenansichten. Nun fehlen noch das Jagdschloss Grunewald, das Brücke-Museum und das Kunsthaus Dahlem, um diesen Ortsteil endgültig abzuschließen. Vorher bin ich aber noch rund um und im Botanischen Garten unterwegs und auch die Tour mit dem Mäusebunker, Carstenn-Schlösschen und Schlosspark Lichterfelde steht noch aus.

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