Archiv des Autors: Renate Zimmermann

Über Renate Zimmermann

Leidenschaftliche Fußgängerin, Bibliothekarin, Leiterin der Schreibwerkstatt Marzahn und Organisatorin von Reisen und Projekten, hier dokumentiert.

Reich beschenkt

Mein Geburtstag liegt schon wieder einen Monat in der Vergangenheit, verdrängt von neuen Aufgaben und Projekten, aber meine „Schreiberlinge“ haben ihn nicht vergessen. 23 junge Leute hatten sich eingefunden, um mir zu gratulieren, und das unter Aufbietung aller Ressourcen, die ihnen zur Verfügung standen. Angefangen vom Bandoneon über Waldhorn bis Klavier sowie die Stimme als Instrument gab es vielfach und wiederholt Geburtstagsständchen für mich mit der Überreichung eines wunderschönen Blumengebindes.

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Das war aber nur der Anfang. Denn nun folgte Teil 2 der Überraschung mit einer direkt und nur für mich aufwändig gestalteten Torte, die mit so viel Liebe zum Detail gebacken und verziert wurde, dass mir auch jetzt noch die passenden Worte fehlen. Meine Wanderleidenschaft wurde darauf in Marzipan verewigt, von den Schuhen über den Rucksack bis hin zur Picknickdecke mit Buch, angeknabbertem Sandwich, Obst und Gemüse, aber auch Steinen und einem Wegweiser. Ich habe mich sooo sehr darüber gefreut! Die Torte haben wir dann gleich gemeinschaftlich aufgefuttert, auch geschmacklich ein Fest. Aber die Verzierung schmückt nun seit gestern meine Wohnung.

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Und noch immer war das nicht alles. Teil 3 der Geschenke-Orgie übernahm Oliver. Er hielt eine kleine Ansprache, in der er zum Ausdruck brachte, dass alle so gerne und schon so lange zur Schreibwerkstatt kommen, weil ich viel im Hintergrund erledige und dadurch allen den Rücken frei halte. Ich würde für ein harmonisches Klima sorgen, immer da sein und mich trotzdem nicht aufdrängen. Ich war zutiefst gerührt, auch von der Idee mit den vier Themen-Gläsern, gefüllt mit gemeinschaftlich zusammengetragenen Sprüchen und Wünschen. Ich darf nun jeden zweiten Tag einen Zettel entfalten.

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Doch damit nicht genug, bekam ich auch noch eine Dussmann-Gutscheinkarte im Wert von 50 €, einen Gutschein für ein Eis-Fondue bei Häagen-Dasz, poetische Bleistifte, edle Schokolade, einen liebevoll gebastelten Perlenblumenstrauß und eine stilvolle Glückwunschkarte.

Das ist nicht mehr zu toppen! Ich habe gemerkt, dass alles von Herzen kam und mir wurde mal wieder klar, wie wichtig diese Gruppe auch für mich ist. Nicht wegen der Geschenke, sondern wegen dieser tollen jungen Menschen mit ihren klugen Gedanken, die mir so viel zurückgeben, schon allein den Glauben an die nachfolgende Generation. Wenn immer so düstere Prognosen verbreitet werden, dass keiner mehr liest, alle verblöden und die Menschheit keine Zukunft mehr hat, kann ich mit vollster Überzeugung widersprechen.

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Tatsächlich haben wir dann auch noch geschrieben. Thema war: „Welches Buch hat dich nachhaltig beeindruckt, beeinflusst und geprägt?“ Die Texte sind eine Art Auftragsarbeit und werden später auf der Seite https://www.password-online.de/  veröffentlicht und vielleicht danach in einem Buch.

Auch organisatorische Dinge wurden besprochen, denn bei uns ist immer was los:

Da wir in der letzten Schreibwerkstatt das Debattieren für uns entdeckt haben, wurde wieder eine Karte gezogen und zur Diskussion gestellt:

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Sofort kam ein reges Gespräch in Gang, das wir schließlich aus Zeitgründen und zugunsten von Werwolf mit einem Cut beenden mussten.

Ich möchte mich hiermit nochmal bei allen Beteiligten aufs Herzlichste bedanken und freue mich auf weitere spannende Augenblicke und Projekte mit euch!

Typisch deutsche Titel

Seit dem 20. August sind sie bekannt – die 20 Titel der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019. Junge Leute gehören nicht unbedingt zu der sich dafür interessierenden Lesergruppe bzw. wissen gar nicht, dass es diesen Preis gibt. Ein guter Grund, sich mal auf andere Weise diesen Büchern zu nähern. Die Coverbilder wurden vor der Schreibgruppe ausgebreitet und jeder sollte sich einen Titel raussuchen mit dem Auftrag, ihn als Überschrift für eine Geschichte zu verwenden. Ziemlich ratlos wurden die Bildchen hin und her geschoben, es gab kein Buch, das sofort Anklang fand. „Das sind irgendwie so typisch deutsche Titel…“, sagte eine Teilnehmerin und meinte damit „langweilig“. So machte man aus der Not eine Tugend und wählte die Überschriften aus, die man vielleicht doch irgendwie verwenden konnte.

Und das sind die Geschichten dazu:

20190901_160138 Nicht wie ihr 

20190901_160151 Eine untalentierte Lügnerin

20190901_160203 Gelenke des Lichts (Variante 1)

              Gelenke des Lichts (Variante 2)

20190901_160217 wird nachgereicht

20190901_160230 Die Leben der Elena Silber

Danach machten wir eine faszinierende Entdeckung, als wir das Spiel „Table Talk“ ausprobierten. Es beinhaltet viele, sehr originelle philosophische Fragen rund um das Leben.

Eine Frage („Nur durch Erfahrung wird man klug. Inwieweit stimmst du diesem Gedanken zu?“) genügte, eine sehr anregende Diskussion auszulösen und wir merkten, dass uns das sehr gut tut und es offenbar genau das ist, was wir momentan brauchen – vielleicht als Ablösung des Werwolf-Spiels? Auf jeden Fall wird „Table Talk“ bei den nächsten Workshops immer bereit stehen!

Beelitz-Heilstätten

Am 17.08.2019 fuhren wir mit der Regionalbahn nach Beelitz-Heilstätten. Auf das Gelände wurden wir aufmerksam, weil dieser Ort immer wieder in Zusammenhang mit Euthanasie erwähnt wird. Allerdings erfuhren wir während des Rundganges von unserem Guide, dass es dafür keinerlei Nachweise gäbe. Im Gegenteil – die Heilstätten wurden Ende des 19. Jahrhunderts für lungenkranke Berliner aus prekären Verhältnissen erbaut.  Die Landesversicherungsanstalt Berlin finanzierte aufgrund der sauberen Landluft im Beelitzer Wald einen gigantischen Krankenhauskomplex; mit Sanatorien, Chirurgie und Lungenheilstätten, inklusive riesiger Liegehallen (zur Behandlung von Tuberkulose gehörte damals eine sog. „Liegekur“, also das stille Herumliegen an der frischen Luft). Im 1. Weltkrieg wurden die Heilstätten zum Lazarett umfunktioniert. Später zwischen 1933 und 1945 sollen dann allerdings medizinische Versuche an Menschen durchgeführt worden sein. Danach nutzten es die Russen als Militärhospital und sperrten weite Teile ab, bis sie nach der Wende 1994 das Gelände verließen. Ab diesem Zeitpunkt begann der Verfall. Vandalismus kam noch hinzu. Nun gibt es ein Nutzungskonzept für Wohnungen und Gewerbe, mit dem teilweise schon begonnen wurde. Aber auch viele Touristen werden angelockt durch den Baumkronenpfad und den Barfußpfad. Wir haben alles ausprobiert und waren begeistert. Zuerst bei der Führung viel erfahren zur Geschichte des Geländes, dann zwischen Baumwipfeln und über den Ruinen lustwandeln und danach 3,5 km barfuß durch den Wald wandern. Ein ausgefüllter, erlebnisreicher Tag!

Anagramme und Fontane

Nach einem Besuch der Neuruppiner Leitausstellung zum 200. Geburtstag Fontanes bin ich infiziert und missioniere seitdem alle, die mir über den Weg laufen in der Hoffnung, auch bei anderen Begeisterung für diesen Meister der Wortakrobatik zu wecken. Bekannt für seine ungewöhnlichen, amüsanten und auch manchmal bissigen Wortkombinationen, hat seine Geburtsstadt genau diese Wörter, genannt „Klexchen“ zum dominierenden Teil der Ausstellung gemacht und damit deren Besuch zu einem großartigen Vergnügen, bei dem man so ganz nebenbei Fontane und auch das idyllische Städtchen Neuruppin kennenlernt. Große Empfehlung!

Es gibt eine Liste dieser 500 Klexchen, die ich für meine Schreiberlinge zum Mitnehmen und zur Inspiration ausgedruckt habe:500 Wörter

Eine weitere Entdeckung inspirierte mich zu einer Schreibaufgabe für die Gruppe. Ein Termin in Charlottenburg führte mich zum S-Bahnhof Messe Nord. Dessen Empfangsgebäude ist mit Anagrammen zu Charlottenburger Ortsteilen gefliest. Hier ein Beispiel:

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Ich dachte mir – das können wir auch! Also grübelten wir, was man aus den Buchstaben der Wörter Kienberg, Kaulsdorf, Wuhletal usw. neu erschaffen kann.

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Gar nicht so einfach! Mit Hilfe von einzelnen Buchstaben, die wir auf dem Tisch hin und her schieben konnten, gabs dann doch einige interessante Ergebnisse:

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Weiter gings mit zwei beliebten Umknickspielen, die große Kreativität erfordern und Heiterkeit im Anschluss garantieren:

Erzählspiel als Umknickspiel

Umknickspiel mit Wörtern als Satzopener

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Wieder ein schöner Nachmittag, abgerundet durch das obligatorische, dieses Mal sehr schnell abgeschlossene Werwolf-Spiel.

 

Mörder gesucht – Krimidinner zur Schreibnacht

Dass die Nacht in der Bibliothek ziemlich schlaflos verlaufen wird, war eigentlich von Anfang an klar. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben sich zu einer Art Gesetzmäßigkeit entwickelt, die auch niemand auch nur ansatzweise ändern möchte. Aber in diesem Jahr gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den vorherigen Schreibnächten:

Statt zu schreiben, wird gemeinsam gekocht und zwischen den drei Gängen ein Mörder gesucht, was sich als eine sehr langwierige Angelegenheit herausstellt.

Aber nach sechs Stunden sind alle Hinweise entschlüsselt, alle Briefumschläge gefunden und das Rätsel gelöst. Am besten gefällt mir die dabei gewonnene Erkenntnis einer Teilnehmerin: „Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt.“ Nun hängen alle ein bisschen in den Seilen, aber während ich zum dritten Mal die Spülmaschine in Gang setze, toben alle völlig entfesselt durch die Bibliothek und spielen Verstecken.

Es ist faszinierend zu beobachten, wieviel Spaß dem Kindesalter längst entwachsene und teilweise auch erwachsene Jugendliche an diesem Spiel haben. Manche haben sich auch abgeseilt, diskutieren, philosophieren, lesen oder – SCHREIBEN! Mittlerweile ist es 3.30 Uhr, Müdigkeitsattacken werden tapfer ignoriert.

Isomatten und Schlafsack tendieren immer mehr zur Atrappe und scheinen die Nacht vergeblich auf ihre Nutzer zu warten, denn was wäre ein Treffen der Schreibwerkstatt ohne Werwolfspiel? Das muss einfach sein, obwohl es draußen schon wieder hell wird, wie alle erstaunt bemerken, ohne allerdings in Erwägung zu ziehen, sich schlafen zu legen. Es gibt doch noch so viel zu besprechen und Schlaf wird einfach überbewertet.

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Um 4.52 Uhr siegt bei der Mehrzahl die Vernunft oder auch die Übermacht der Müdigkeit. Kurze Zeit später hört man zarte bis heftige Schnarchgeräusche aus allen Ecken der Bibliothek.

Manche allerdings laufen in den frühen Morgenstunden zur Höchstform auf und schmettern Kanons und andere fröhliche Weisen. Junge Leute, die sich noch nie vorher gesehen haben, verschmelzen zu einer faszinierenden Interessengemeinschaft, die den Anschein einer innigen, langjährigen Freundschaftsbeziehung hinterlässt. Es wächst zusammen, was zusammengehört, so ist der Eindruck des Betrachters. Und genau so soll es sein. Wunderbar!

Drei Stunden später. Die Heinzelmännchen haben nach einer halben Stunde erholsamen Schlaf und einer kalten Dusche das Frühstück angerichtet. Ein willkommener Anlass, Nana Mouskouri genüsslich ihr „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen, Sonnenschein“ per Smartphone durch die Sprechanlage schmettern zu lassen. Diesem Weckruf kann niemand entkommen und ganz langsam füllt sich die zum Speisesaal umfunktionierte Artothek mit schweigsamen Untoten, an denen jedes an sie gerichtete, aufmunternde Wort abperlt wie Wasser von Gummistiefeln und widerstandslos im Raum verebbt. Unter Aufbietung der letzten Kraftreserven nehmen die meisten in Zeitlupe ein recht fadenscheiniges Frühstück zu sich.

Tatsächlich kommen dann doch noch Gespräche in Gang beziehungsweise werden nahtlos fortgesetzt. Das Krimidinner wird hochgelobt, es hat allen Spaß gemacht und war sehr realitätsnah, wie viele sagen. Die Diskussion gipfelt in der Aussage: „Nächstes Jahr wünschen wir uns einen toten Cellisten, aber der darf nicht schnarchen!“ Auch die Idee einer monatlichen Schreibnacht wird favorisiert.

Fazit: Eine sehr anstrengende, weil schlaflose Nacht, aber die Freude, der Zusammenhalt und die gegenseitige Bereicherung überwiegen deutlich. Gerne wieder, Ihr Lieben!

Wer mag, kann sich HIER alle Fotos der Nacht anschauen.

Blackout-Poems

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In der gestrigen Schreibwerkstatt ließen wir uns von einer kleinen Notiz in der ZEIT über die Vorher / Nachher – Lyrik-Werkstatt einer 10. Klasse inspirieren. Wir selektierten in Zeitungsartikeln und makulierten Büchern Wörter, die uns ansprachen und schwärzten den Rest. Danach wurden die ausgewählten Worte wie ein Gedicht vorgetragen. Bei manchen klang das etwas dadaistisch, doch einige Beispiele dieses Textexperimentes waren verblüffend sinn- und eindrucksvoll.

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In einer weiteren Schreibübung beschäftigten wir uns mit der Wechselwirkung von Wohnungstyp / Wohnverhältnissen und Charakter des Menschen. Kam zunächst der Schreibfluss nur stockend in Gang, musste er wegen der fortgeschrittenen Zeit leider gewaltsam gestoppt werden. Es entstanden sehr spannende Geschichten, die auf ihre Vollendung warten, wie sich beim anschließenden Vorlesen herausstellte. Vielleicht zur Schreibnacht? Diese findet vom 27. bis 28.07.2019 in der Mark-Twain-Bibliothek statt.

Detailinformationen zur Schreibnacht

Von Worten und Klängen – Schreibwerkstatt in den Gärten der Welt

Schon vor Monaten erhielten wir von der Projektleiterin der artecom Veranstaltungs-GmbH & Co. KG die Anfrage, ob wir zu Pfingsten in den Gärten der Welt einen kleinen Schreibworkshop mit kurzen Wortbeiträgen der Besucher gestalten könnten. Für diesen Pfingstsonntag war die Veranstaltung „Rendezvous im Garten“ geplant unter dem Motto „Tiere im Garten“.  Wir hatten schon zum IGA-Schreibwettbewerb zusammengearbeitet und die Projektleiterin erinnerte sich nun an uns. Natürlich haben wir sofort zugesagt und uns mit einen kleinen Vorrat an Schreibaufgaben zum Thema Tiere zugelegt.

Bei schönstem Wetter nahmen wir gut vorbereitet die uns zur Verfügung gestellten Tische, Bänke und Zelt in Beschlag und breiteten uns dort neben dem Bücherbus des Stadtbezirks Mitte flächendeckend aus mit Werbematerial, Wortschatzkiste, einer Satzproduktionswerkstatt, Schreibanregungen und -spielen, Plakaten, Papier und Stiften.

Am Wegesrand standen sogenannte Kundenstopper, auf denen auch wir als Programmpunkt angekündigt waren.

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Wie geplant legten wir gegen 14 Uhr los und hatten sogleich die ersten „Kunden“ – eine Großfamilie, bestehend aus Oma, Opa, Mama, Papa, Tante und zwei Kindern, die gemeinsam Achrostichons zu ihren beiden Katzen Cosima und Flora verfassten.

Währenddessen boten wir an einem anderen Tisch an, gegen Abgabe eines Wortes dieses in einem Satz oder Gedicht zu poetisieren und dann dem Wortspender zu schenken. Natürlich schön verpackt. Dabei sind wunderschöne Zeilen entstanden:

Leider gestaltete sich diese Geschenkaktion schwieriger als gedacht.  Viele Menschen lehnten die Annahme ab. Vielleicht hatten sie Angst, dass sich dahinter eine Falle verbirgt und sie eine Gegenleistung bringen müssen. Aber wir konnten auch in viele Gesichter ein Lächeln zaubern.

Auf einer Endlosrolle konnte – wer wollte – am längsten Wort mitarbeiten, was großen Anklang fand. Das Ergebnis lautet folgendermaßen:

Blumenbeetgartenkunsttheaterstückdarstellungsauszeichnungs
bühnenfestzeltabendshowunterhaltungsentertainmentaktionsangebots
versuchsreihenfolgeberührungsmomentaufnahmenpsychologiestudiums
bewerbungstestaufgabenlösungswortfindungsaktionsblumenwiesen
experimentsdurchführungsstudienreise

Auch das Faulenzergedicht von Josef Reding wurde mit Hilfe der Gäste um etliche Zeilen erweitert:

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FAULENZEN
von Josef Reding

Manchmal möchte man faulenzen
Wie ein Gulli im Sonnenschein,
wie ein Rasenmäher im Winter,
wie eine Nachttischlampe am Tag.

Wie eine Uhr ohne Batterie,
wie ein Baum im Winter,
wie eine Katze in der Sonne,
wie ein Faultier im Herbst,
wie ein Schüler in der Schule,
wie ein Bär im Winter,
wie eine Schildkröte im Zoo,
wie eine Mohnblume im Schatten eines Baumes,
wie ein Stein, der von Wellen berührt wird,
wie eine sich kraulenlassende Katze,
wie eine Mimose im nichtstrahlenden Sonnenschein,
wie eine Schäfchenwolke im Wind,
wie satte Schafe in der Sonne.

Auch andere Texte zum Thema „Tiere“ entstanden. Hier ein paar Beispiele:

Manche versuchten sich – angelehnt an das „Avenidas“-Gedicht von Eugen Gomringer an der damit verbundenen „Konkreten Poesie“. In diesem Fall braucht man zunächst drei Wörter, die man in verschiedenen Kombinationen miteinander verbindet und denen zum Schluss durch ein viertes Wort besonderes Gewicht oder auch eine Wendung verliehen wird. Eine Methode, mit der auch Schreibmuffel die poetische Ader in sich entdecken:

Schnell waren die geplanten zweieinhalb Stunden um. Während wir überlegten, was wir in welcher Reihenfolge auf der Bühne des Blumentheaters nebenan vortragen wollten, war dort durch die Techniker schon alles abgeräumt worden. Die Mikros, Lautsprecher und Sonnenschirme. Für das Publikum musste das aussehen wie Feierabend – hier findet heute nichts mehr statt. Für uns war das sehr ungünstig, denn ohne Mikro konnten wir natürlich nur die auf uns aufmerksam machen, die zufällig gerade dort vorbeiliefen. Versucht haben wir es, aber letztendlich hatten wir außer uns selbst nur zwei Zuhörer.

Auch der Aufsteller mit dem Programmablauf wurde entfernt und wir standen etwas verloren rum, weswegen wir die Sache abkürzten und uns der Aufbruchstimmung anschlossen. Das war aber auch der einzige Wermutstropfen. Der Spaß an diesem kreativen Nachmittag überwog. Bedanken möchten wir uns bei David, der uns fast bis zum Schluss mit vielen guten Ideen Gesellschaft leistete. Ein Blick in sein Blog lohnt sich übrigens jederzeit. Beschwingt verabschiedeten wir uns voneinander und freuen uns nun auf die nächste Schreibwerkstatt in der Bibliothek.

Schreibwerkstatt in Bewegung

Es ist der erste Juni – Kindertag und erster Samstag des Monats. Das heißt: Schreibzirkel! Obwohl die Bibliothek einen Brücken – sprich Schließtag eingelegt hat, lassen wir uns nicht von unserem monatlichen Treffen abhalten.

Heute widmen wir uns dem Thema „Gefühle“. Wir schreiben kurze Texte, in denen entweder das Gefühl spricht oder man beschreibt eine Situation, die das Gefühl darstellt.

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Danach sammeln wir gemeinsam ganz viele Wörter zum Thema Winter, um anschließend einen Text über den Winter zu verfassen, in dem alle diese Wörter nicht vorkommen dürfen. Eine Herausforderung, die alle mit Bravour meistern.
Um Körper und Geist zu lockern, werden Bewegungsspiele eingebaut. Eins macht besonders viel Spaß:  Wir bilden Paare, einer der beiden führt den anderen mit seiner Hand dicht an dessen Augen. Der Abstand von Hand zu Gesicht soll derselbe bleiben. Er kann den anderen buchstäblich wie ein Tanzbär an der Nase herumführen.

Wir wären keine Schreibwerkstatt, wenn wir dieses Erlebnis und unsere Befindlichkeiten dabei nicht schreibend verarbeitet hätten. Ganz nach Poetry Slam-Art tragen die Teilnehmenden ihre Texte stehend vor und werden mit reichlich Applaus ermutigt und belohnt.

Zu Ehren des Kindertages gibt’s im Anschluss ein Eis bei Hausbäcker Engel und der Nachmittag endet mit zwei Runden Werwolf.

Nun freuen wir uns auf Pfingstsonntag. An diesem Tag findet in den Gärten der Welt ein Lesefest mit dem Titel „Von Worten und Klängen“ statt (14:00 Uhr bis 18:30 Uhr). Ort des Geschehens ist konkret die Wiese vor dem Irrgarten und das Blumentheater. Dort wird z.B. der Bücherbus aus Mitte stehen und die Schreibwerkstatt vertritt die Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf. Wir werden in einem Partyzelt von 14-16 Uhr mit den Besuchern kleine, lustige Schreibspiele machen zum Thema „Tiere im Garten“, während nebenan im Blumentheater die musikalische Lesung „Der gefundene Garten“ von und mit Peggy Langhans zusammen mit der Sängerin Maria Mané und dem Pianisten Manuel Bethe stattfindet. Ab 16 Uhr übernehmen wir die Bühne und die Besucher, die bei uns teilgenommen haben, können dort ihre Texte zum Besten geben, wenn sie wollen.

Schreibwerkstatt im Amtsgericht Tiergarten

In Vorbereitung auf unsere nächste Aufgabe im Storytausch mit Thomas Brussig – das Schreiben einer Gerichtsreportage –  besuchen wir eine Gerichtsverhandlung im beeindruckenden Gerichtsgebäude an der Turmstraße 91. Was wir dort erlebt haben, ist in dieser Reportage nachzulesen:

Besuch einer Verhandlung im Amtsgericht Tiergarten am 31.05.2019:

Schon auf den letzten Metern zum Eingang, spätestens aber beim Betreten des imposanten Treppenhauses flößt das riesige Gebäude dem Besucher großen Respekt ein. Er bekommt eine Ahnung von den Ausmaßen des größten Kriminalgerichts Europas.

„1906 erbaut, war es das erste elektrisch beleuchtete Gebäude Berlins. Es besaß bei seiner Fertigstellung ein eigenes Kraftwerk, Lasten- und Personenaufzüge, Zentralheizung, eine eigene Telefonanlage und eigene Wasserversorgung mit Wasserturm und 21 Gerichtssälen. Hervorzuheben ist auch das einmalige Gänge- und Lüftungssystem, das es ermöglicht, die Angeklagten nichtöffentlich zu den Gerichtssälen zu führen. In dem einst für 900 Beschäftigte errichteten Gebäudekomplex arbeiten heute rund 2000 Personen, darunter gut 340 Richter, 80 Rechtspfleger und 360 Staatsanwälte. Es sind rund 1300 Untersuchungshäftlinge aus 80 Nationen untergebracht.“ (Quelle: Wikipedia)

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Vor dem Besuchereingang zum Saal 537 warten schon ein paar Menschen vor der noch verschlossenen Tür, um dem Prozess gegen den Angeklagten Sch. beizuwohnen, darunter vier alkoholisierte, sich merkwürdig benehmende Männer. Sie wirken verkleidet, so offensichtlich unwohl fühlen sie sich in ihren schlechtsitzenden, weißen Hemden. Nur einer trägt mit großem Selbstbewusstsein einen Cowboyhut, den er erst nach Aufforderung durch den Richter abnimmt.

Verhandelt wird ein Totschlag, der sich im Dezember in der Friedrichstraße ereignet hat.

https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/pressemitteilung.764012.php

Mit etwas Verspätung eröffnet der Richter, in eine traditionelle Robe gekleidet, die Verhandlung. Anwesend sind weiterhin zwei Beisitzer, ebenfalls in schwarzem Überwurf, zwei Schöffinnen, Staatsanwalt, Rechtsanwalt der Nebenklägerin, Gutachter, ein auffällig junger Verteidiger und natürlich der Angeklagte sowie zwei Justizbeamte in Uniform.  Die Besucher müssen hinter einer Absperrung auf harten Holzbänken Platz nehmen. Noch füllen sie die zwei dafür vorgesehenen Reihen, einige schwängern die Luft mit Alkoholdunst und demonstrieren offen ihren mangelnden Respekt vor diesem Ort. Dazu gehört eine große Portion Ignoranz, denn selbst die Sonne wagt nur zögerlich, ihre Präsenz auch innen zu zeigen. Der holzgetäfelte Raum mit geschnitzten und gedrechselten Verzierungen der Wände, Türen und Geländer strahlt eine düstere, ehrwürdige Erhabenheit aus, unterstrichen durch den unterkühlten Tonfall der Justizbeamten. Wie viele Urteile mögen in diesem Saal schon gefällt worden sein? Schon beim Betreten ist man dankbar, dass man diesen Raum später unbehelligt wieder verlassen darf.

Die Verhandlung beginnt mit der Überprüfung der Personalien des Angeklagten – Name, vormalige Adresse und Geburtsdatum. Der 1,65 m kleine, schlanke Mann mit kurzgeschorenem Haar und Nickelbrille antwortet im ruhigen, sachlichen Tonfall und macht nicht den Eindruck, als wäre von ihm jemals irgendwelche Gefahr ausgegangen. Fast wirkt er wie ein Intellektueller. Nach Verlesung der Anklage durch den Staatsanwalt und Klärung der Übernahme der Prozesskosten für die Nebenklägerin wird Herr Sch. gefragt, ob er aussagen oder von seinem Recht auf Schweigen Gebrauch machen möchte.  Wie zu erwarten, entscheidet er sich für Letzteres und wird dem weiteren Prozessverlauf scheinbar teilnahmslos mit gesenktem Blick folgen, als ginge ihn das alles gar nichts an.

Nun beginnt die Beweisaufnahme. Mehrere Zeugen sind geladen, die am Tatort im Einsatz waren, mit dem mutmaßlichen Täter und der Nebenklägerin Kontakt hatten und ihre Erlebnisse wahrheitsgetreu schildern sollen. Grundsätzlich ergibt sich dadurch ein klares Muster, aber interessanterweise treten bei den Details so viele Versionen wie Zeugen zutage. Jeder hat etwas anderes bemerkt oder auch nicht und seine Aufmerksamkeit unterschiedlichen Dingen gewidmet.

Als erster Zeuge wird der ca. 50 Jahre alte, uniformierte Polizeibeamte H. nach vorne gerufen und gebeten, im Zeugenstand Platz zu nehmen und über den Einsatz am 06.12.2018 in der Friedrichstraße zu berichten.  Ausgelöst wurde dieser durch den Notruf einer Frau K. (der Nebenklägerin), ihr Freund sei erschlagen worden. In ruhigem, stark versachlichten Tonfall bringt er zu Protokoll:

„Wir verschafften uns Zutritt zu der Wohnung, sicherten alle Räume und fanden im Wohnzimmer zwei Personen vor. Eine davon auf dem Boden liegend, sichtlich tot, erste Leichenflecken waren deutlich zu erkennen. Die zweite Person, Herr Sch., lag schlafend auf dem Sofa. Wir legten ihm Handschellen an, weckten ihn anschließend und führten ihn ins Treppenhaus, wo er von zwei Kollegen beaufsichtigt wurde. Zum Geschehen und dem Toten befragt, antwortete er nur, dass es ihm egal sei. Ich ging zurück zu dem Toten. Die Hose war teilweise heruntergezogen. Über dem Genitalbereich lag eine Decke. Der Oberkörper war frei, auf der rechten Bauchseite fehlte ein großes Stück Haut. Die gesamte Oberbekleidung war über Gesicht und Arme gezogen. Der Mund war frei, aber auch verletzt. Ich schnitt die Kleidung durch, um das Gesicht freizulegen, auch dort waren viele Verletzungen zu erkennen. Danach rief ich den Notarzt, der die Person offiziell für tot erklärte. Ich machte Fotos vom Tatort und des Toten und begab mich zurück zur Dienststelle, wo ich meinen Bericht schrieb. Zwischenzeitlich hatte ich auch mit Frau K. telefoniert, die weinend erzählte, dass sie vom Täter eingesperrt wurde und er ihr das Handy weggenommen hatte. Erst als Herr Sch. schlief, konnte sie aus der Wohnung fliehen. Wir fanden die Wohnung in einem verwüsteten Zustand vor. Es roch muffig und alt, ein Schrank war umgekippt, überall lag Blumenerde.“ Auf Nachfrage gab  H. zu Protokoll, Sch. hätte auf ihn keinen alkoholisierten, aber extrem ruhigen und desinteressierten Eindruck gemacht. Er hätte nicht gelallt und konnte normal laufen.

Nachdem der Richter keine Fragen mehr hat, folgen weitere seitens der Beisitzer, des Anwalts und des Verteidigers, die sich mit unerklärlicher Akribie an Kleinigkeiten und Details festbeißen und Hesse in Unsicherheiten stürzen, als wäre er der Verdächtige.

Der durchtrainierte, deutlich jüngere Polizeibeamte K. bestätigt stark berlinernd in seiner Schilderung die Aussage seines Kollegen H., ergänzt aber, dass der Notarzt im Fahrstuhl steckengeblieben sei, was bei Richter und Beisitzern ungewollt Heiterkeit auslöst, aber auch Verwunderung, dass H. diese Mitteilung unerwähnt ließ. K. hielt sich am Einsatzort allerdings auch überwiegend im Treppenhaus bei dem Beschuldigten auf. „Sch. meinte gleichgültig, er hätte gedacht, der Tote würde schlafen und hätte sich dann auch hingelegt. Nach dieser Aussage setzte er sich auf die Treppe und schlief weiter. Die Atemalkoholmessung ergab einen Wert von 2,9 Promille.“

Der dritte Zeuge – Polizeibeamter R. mit auffällig breitem Kreuz – hatte hingegen wahrgenommen, dass der Angeklagte stark nach Alkohol gerochen hatte. Die Wohnung wäre einer Höhle ähnlich gewesen.

Während der Zeugenvernehmungen blickt der Angeklagte zu keiner Zeit auf, nur jeweils die Frage des Richters, ob er noch Nachfragen an den Zeugen stellen wolle, veranlassen ihn, den Kopf zu heben und mit „Nein.“ zu antworten, um sogleich wieder zu Boden zu blicken.

Der vierte Zeuge befindet sich gerade im Urlaub, während der fünfte, der Auszubildende Herr P., unentschuldigt fehlt. Herr H. stellt eine Telefonverbindung zwischen ihm und dem Richter her, welcher den Anwesenden danach lakonisch mitteilt, dass Herr P. sich zuhause in Marzahn von seiner anstrengenden Ausbildung erholt.

Der sechste Zeuge ist noch nicht eingetroffen, so dass der Richter im allseitigen Einvernehmen die Mittagspause verkündet. Eine gute Gelegenheit, die Kantine im fünften Stock des Gebäudes aufzusuchen. Keine leichte Aufgabe, in diesem Labyrinth mit 17 Treppenhäusern den Weg dorthin zu finden, aber dieses kleine Abenteuer verdichtet die massive und einschüchternde Präsenz des Gerichts.

Die lichtdurchflutete Kantine wirbt zu Recht mit einer eigenen Webseite als Café Vielfalt mit ihrem breitgefächerten, schmackhaften Angebot. Die Aussicht trägt zusätzlich zum räumlichen Begreifen des komplexen Gebäudes bei. Der Richter und Kollegen sitzen am Nachbartisch, nun leger in Jeans, Turnschuhe und Freizeitjacke gekleidet. Die Vorstellung, dass die Hüter des Gesetzes in diesem Outfit die Verhandlung fortsetzen würden, verdeutlicht nachdrücklich den Sinn der Amtsroben und des Sprichwortes „Kleider machen Leute“.

Der Prozess wird fortgeführt mit nunmehr deutlich reduziertem Publikum und der langatmigen Verlesung mehrerer Protokolle, darunter die Verschriftlichung des Notrufes, der am 06.12.2018 um 1:16 Uhr in der Leitstelle der Polizei einging. Irgendetwas scheint dabei die Aufmerksamkeit des Angeklagten erregt zu haben. Es ist einer der wenigen Momente, in denen er nach vorne schaut. Es folgen diverse Laborberichte von medizinischen Untersuchungen des mutmaßlichen Täters zu unterschiedlichen Zeiten, die dem monotonen Tonfall nach zu urteilen selbst den verlesenden Richter zu langweilen scheinen. Die Quintessenz ist, dass Sch. durchaus zur Tatzeit alkoholisiert war und außerdem Rückstände von Extasy, Chrystal Meth, Cannabis, Amphetaminen und Medikamenten nachgewiesen werden konnten. Entgegen der Wahrnehmung des Zeugen H. wird sein Gang durch den Arzt als unsicher beschrieben. Die Sprache sei teils deutlich, teils verwaschen, die Erinnerung an den Vorfall unklar, das Urteilsvermögen kritiklos und die Stimmung gereizt, der Verdächtige kaum kooperativ. Die Ergebnisse weichen auch hier voneinander ab und erschweren eindeutige Rückschlüsse.

Nun nimmt der Prozess neue Fahrt auf, es werden die Zeugen vernommen, die Kontakt mit Frau K. hatten, der Nebenklägerin und Bekannten des Opfers.

Der Kriminalbeamte H. berichtet, dass er zum Aufenthaltsort Frau K.s in die Wohnung ihres Ex-Freundes in den Wedding gefahren war, wohin sie aus der Friedrichstraße geflüchtet war. Dort traf er die Frau in ziemlich verwahrlostem Zustand an. Die Haare seien entweder fettig oder nass gewesen, sichtbar mit Blumenerde verschmutzt. Sie saß mit Bierflasche in der Hand auf dem Sofa und wollte keine Angaben zu eventuellen Verletzungen machen, obwohl sie zeitweise einen schmerzgeplagten Eindruck machte. Herr H. mutmaßt, dass es sich dabei um Unterleibsbeschwerden handelte und sie eventuell deswegen nichts sagen wollte. Sie berichtete auf seine Nachfrage hin, dass Herr Sch. bei dem Opfer zu Gast war. Herr Sch. hätte persönliche Sachen im Keller gelagert, die nun weg waren, weswegen der Streit ausgebrochen sei. Sie hätte geschlafen, aber Herrn H. blutend am Boden liegen sehen, als sie wieder wach wurde. Der Angeklagte Sch. hätte ihr das Handy weggenommen und zerstört. Sie wäre schon im Laufe des Tages von H. geschlagen worden und habe sich dann Sch. gefügt, der sie erniedrigt hätte. Nach dem Verlassen der Wohnung hätte sie vom Spätkauf den Notruf getätigt und sich dort Schnaps gekauft, bevor sie die Wohnung ihres Ex-Freundes aufsuchte.

Der Kriminalbeamte H. weist darauf hin, dass Frau K. einen Atemalkoholwert von 2,4 Promille hatte und nicht in der Lage war, das Geschehen chronologisch wiederzugeben. Sie wurde zur Vernehmung in die Dienststelle gebracht. Ihr Gang wäre dabei auffällig schleifend gewesen.

Dem Besucher des Prozesses entgeht nicht, dass die Protokollantin der Verhandlung ununterbrochen und mit großer Hingabe kaut und er fragt sich: Darf sie das? Ist Essen während der Sitzung erlaubt? Das Erscheinen des nächsten Zeugen, des Kriminalbeamten J., reißt ihn aus seinen Überlegungen. J. schildert, dass er von den Polizeibeamten zum Tatort gerufen wurde, diesen sicherte und den Zustand der Wohnung „einfror“. Bis zum Eintreffen der Mordkommission sprach er mit dem Bereitschaftsarzt, der als Todesursache massive Gewalteinwirkung gegen den Schädel nannte. J. schildert das Gespräch mit dem Beschuldigten als schwierig. Er hätte apathisch gewirkt, emotional unbeteiligt und wäre dann abtransportiert worden.

Die letzte Zeugin dieses Verhandlungstages ist Frau G.. Die junge Kriminalbeamtin mit lockigem, zum Pferdeschwanz gebundenen Haar soll beschreiben, in welchem Zustand sie Frau K. in der Wohnung des Exfreundes angetroffen hat. Sie beschreibt sie als mitgenommen, aufgeregt, erschöpft, deutlich gezeichnet und alkoholisiert. In ihrer Erinnerung steht die Flasche Bier auf dem Tisch, aber auch ihr fällt die ablehnende Reaktion auf die Nachfrage nach dem gesundheitlichen Zustand ein und dass es Frau K. nicht möglich war, die Abläufe chronologisch darzustellen. An Dreck in den Haaren oder deren nassen bzw. fettigen Zustand sowie an ein schmerzverzerrtes Gesicht kann sie sich nicht erinnern, auch nicht an Anzeichen von Aggression. Merkwürdig erscheint an dieser Zeugin, dass sie zwar am längsten mit Frau K. zusammen war, ihr aber offensichtlich vieles entgangen war.

Sichtlich zufrieden mit dem Verhandlungsverlauf erklärt der vorsitzende Richter diesen ersten Prozesstag gegen 15:00 Uhr für beendet. Am 05.06.2019 um 9:30 Uhr wird in der Strafsache weiterermittelt, Folgetermine sind schon festgelegt.

Der Besucher bleibt mit vielen Fragen zurück.

Vielleicht war Sch. gar nicht der Täter?

Wurde Frau K. eventuell vergewaltigt? Was für ein Mensch verbirgt sich hinter dieser Frau? Wird sie auch noch aussagen müssen?

Wieso spielten weder in den Aussagen noch in den gestellten Fragen die Verbrühungen und das Sofa aus der Pressemeldung eine Rolle? Nur einmal wurde im Prozess nach dem Vorhandensein eines Wasserkochers gefragt.

Bekennt sich der Angeklagte schuldig?

Wie wird das Urteil ausfallen?

 

Fontane contra Werwolf

 

Nach dem Warmschreiben mit einem Text, der durch sogenannte Störsätze immer wieder neu ausgerichtet werden muss, kommt die Idee auf, einen Klassiker in die heutige Alltagssprache zu „übersetzen“. Die Wahl fällt anlässlich des Jubiläumsjahres auf Fontane. Schnell sind seine vielen Erzählungen und Romane aus dem Regal geholt und jeder wählt ein Buch aus. Angedacht ist, die erste Seite genauer unter die Lupe zu nehmen. Schnell macht sich Ratlosigkeit breit – so viele fremde Wörter, so lange Schachtelsätze, endlose Beschreibungen von Schauplätzen. Stilles Blättern, Stirnrunzeln, leises Stöhnen. Nach unbekannten Begriffen googeln. Aber dann schreiben plötzlich alle, erst zögerlich, dann immer flüssiger und am Ende bereit, den neuen mit dem alten Fontane zum Vergleich vorzulesen.

Andreas – Theodor Fontanes Cécile

Renate – Theodor Fontanes Effi Briest

Johanna – Theodor Fontanes Grete Minde

weitere Texte folgen…

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Das Werwolf-Spiel wurde auf das nächste Treffen verschoben.