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14. April 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lichterfelde) | Villenkolonie, ein Haus aus Kupfer, Strom für die S-Bahn, gediegene Wohnanlagen, BeBra-Verlag, eine Kaserne und das Steglitz-Museum

„Denk ich, so bin ich! Wohl! Doch wer wird immer auch denken? Oft schon war ich, und hab wirklich an gar nichts gedacht!“ (Friedrich Schiller) – Kalenderspruch des Tages

Wie immer gehe ich gegen 8 Uhr aus dem Haus und fahre mit dem Bus zum S-Bhf. Mahlsdorf. Mir gegenüber sitzt eine Frau, die mich beim Aussteigen anspricht: „Und? Welche Straße ist heute an der Reihe?“ Ich bin baff, freue mich aber auch, dass gefühlt überall in Berlin die Menschen mein Vorhaben mit Wohlwollen und Interesse verfolgen. Obwohl in Dahlem noch nicht alle Straßen abgehakt sind und auch noch einige Museen auf meinen Besuch warten, setze ich heute meine Füße erstmals auf das Pflaster von Lichterfelde. Dazu treffe ich mich mit Marion Paulsen, die seit einigen Jahren hier wohnt und von deren lokalgeschichtlichem Wissen und Vernetzung in der Community ich auf jeden Fall profitieren werde.

Wie alle Bahnhöfe in Steglitz-Zehlendorf ist auch der von Lichterfelde West ein Schmuckstück. Der Gründer der hiesigen Villenkolonie Johann Anton Wilhelm Carstenn sorgte dafür, dass 1868 der Bahnhof Lichterfelde Ost und 1872 der Haltepunkt Lichterfelde West eingerichtet wurde. Er ließ das Gebäude mit Türmchen im Stil einer Villa errichten, um es im Falle der Schließung der Station als Wohnhaus nutzen zu können.

Carstenn war ein prägender Immobilienunternehmer und Stadtentwickler, der die Idee der Villenkolonie aus England nach Deutschland brachte. Nach ersten Projekten in Marienthal bei Hamburg entwickelte er ab den 1860er Jahren die großen Berliner Villenkolonien Lichterfelde, Wilmersdorf und Friedenau. Sein Konzept bestand darin, die Villen mit der Frontseite nahe an der Straße zu errichten mit weitläufigen Gärten dahinter, so dass die Bewohner ins Grüne und nicht auf das Haus ihrer Nachbarn schauten. 1871 schenkte er dem preußischen Staat Land für die Hauptkadettenanstalt, wofür er geadelt wurde. Finanzielle Verpflichtungen und der Börsenkrach von 1873 führten jedoch zu seinem Ruin. Carstenn starb 1896 in Schöneberg; sein Gutshaus, das Carstenn-Schlösschen, und die weitgehend erhaltene Kolonie Lichterfelde West erinnern bis heute an sein Wirken. Mich würde interessieren, ob er mit dem gleichaltrigen Initiator der Villenkolonie Wannsee – Wilhelm Conrad – bekannt war, denn sie waren schließlich zeitgleich tätig mit ähnlichen Projekten. Zumindest müssen sie voneinander gewusst haben. Carstenns Name wird mir auf meinen Wanderungen durch Lichterfelde wohl noch öfter begegnen.

Schon in der Curtiusstraße bekomme ich eine Ahnung davon, was mir Kenner dieses Stadtteils prophezeihten: „Wenn du erst mal in Lichterfelde bist, da wirst du staunen!“ Und genau das tue ich, als ich das Emisch-Haus erblicke. Mittlerweile habe ich schon so viele prächtige Villen gesehen und dachte bis zu diesem Moment, dass mich nichts mehr erschüttern kann, aber dieses Haus toppt alles bisher Gesehene:

Zwischen 1892 und 1895 ließ der Architekt Wilhelm Sander die reich verzierte Turmvilla errichten, deren Fassadenmalereien, Fachwerkpartien und Schieferdächer bis heute den eklektizistischen Charakter des Hauses prägen. Nachdem Sander kurz nach der Fertigstellung in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und ins heutige Namibia auswanderte, übernahm 1900 der Bankier Paul Emisch das Gebäude und gab ihm seinen Namen. Die farbigen Wandmalereien wurden ergänzt und restauriert, darunter biblische (Arche Noah) und literarische Motive, Wappen und Sinnsprüche, die dem Haus eine große Außenwirkung verleihen. Bis heute blieb die Villa im Besitz der Emisch‑Nachfahren, die sie seit den 1970er‑Jahren behutsam instand setzten. Monika Schnoor, die Ur-Enkelin von Paul Emisch, hat die Geschichte des Hauses aufgeschrieben. Man sieht das Familienwappen, die Sonne, Greifvögel, Engel und den in einer Nische stehenden Schutzpatron, den heiligen Paulus. Über dem Eingang, der jetzt zu einem Optiker-Geschäft führt, steht der Spruch: Hic rideo ego (Hier lache ich). Ich finde, das sollte der Leitspruch aller Wohnhäuser sein. Was uns aber vor ein großes Rätsel stellt, sind die Buchstaben unterhalb des Erkers. Haben sie eine Bedeutung? Meine Recherche führt zu keinem Ziel, aber dank Marions intensiver Nachforschungen und Nachfragen bei den Besitzern konnte auch das geklärt werden: P E M I S C H – Seit 1900. Wenn man es weiß, ist es so simpel! Eine Kuriosität gibt es aber auch noch zu berichten: Auf dem Dach des Hauses befanden sich Stallungen für Kaninchen und eine Ziege, die Paul Emischs Tochter Bärbel gehörten.

Hat schon einmal jemand etwas vom Lichterfelder Bilderbogen gehört? Auch das wäre mir ohne Marion Paulsen entgangen. Auf dem Blatt Nr. 16 ist die Villa Holzhüter abgebildet, vor der wir nun voller Bewunderung stehen.

Bauherr des schönen Hauses in der Curtiusstraße 10 war Theodor Holzhüter. Er war Kaufmann, aber auch Hersteller von Majolika – farbig glasierter Keramik, die zum Teil mit Mustern oder den unterschiedlichsten Motiven verziert war. Die Villa, die mittlerweile unter Denkmalschutz steht, war eines der ersten Wohngebäude in der von Johann Wilhelm Carstenn in den 1860er-Jahren gegründeten Kolonie.

Wie überall in Berlin, wechseln auch in Lichterfelde einige Restaurants ihre Betreiber sehr häufig. Ein Relikt aus der Zeit eines mexikanischen Restaurants steht dort noch vor der Tür und ich hoffe sehr, dass diese kunstvolle Schnitzerei nicht entsorgt wird!

An der nächsten Station wäre ich auf jeden Fall vorbeigelaufen, ohne sie bemerkt zu haben – der Plattform für die US-Versorgungszüge. Was jetzt wie verlassenes Bahngelände aussieht, hat eine sehr interessante Geschichte aus der Zeit der amerikanischen Alliierten in Berlin.

Von 1947 bis 1994 fuhren täglich Versorgungszüge nach West‑Berlin , die zwischen dem Rhein‑Main‑Gebiet und Bremerhaven verkehrten und nicht nur Güter, sondern auch ein Stück amerikanischen Alltags nach Berlin brachten – von Musik und Kino bis zu Elvis‑Platten. 2025 wurde eine neue Infotafel zur Geschichte der US‑amerikanischen „Duty Trains“ eingeweiht.

Die Athene-Grundschule ist eine Europaschule mit Spezialisierung auf Griechisch und fügt sich ein in mein Bild eines Stadtbezirks mit auffällig vielen Bildungseinrichtungen. Sie ist sehr modern und sogar das Dach wird genutzt. Darauf befindet sich ein mit Netzen gesicherter Fußballplatz, eine Weitsprunganlage, eine 100-Meter-Laufbahn sowie ein weiteres Deck. Das Dach liegt nicht direkt auf dem Gebäude auf, sondern wird von V-Stützen getragen. Außerdem gibt es dort auch einen Verkehrsübungsplatz. Gegenüber kommen wir am Domicil-Seniorenpflegeheim vorbei und stehen kurz darauf vor dem U.S. Embassy Office Berlin, wo sich u.a. die Visa-Abteilung befindet. Auch hier gelten strenge Sicherheitsvorkehrungen.

Wir laufen die Curtiusstraße zu Ende, bis sie in den Dahlemer Weg mündet. Unterwegs begegnen wir weiteren bemerkenswerten Häusern und einer Reihenhaussiedlung:

Zwei Bauwerke verdienen dabei eine besondere Erwähnung. Zunächst das Kupferhaus:

Es ist ein zweigeschossiges Fertighaus aus dem Jahr 1933, das im Auftrag des Reichsbahnrats Wilhelm Weber innerhalb eines Tages errichtet wurde. Die Außenwände bestehen aus Kupferblech, die Innenwände aus kunstvoll geprägtem Weißblech – ein Material, das damals als „abwaschbare Tapete“ galt. Das Haus gehört zu den frühen industriell gefertigten Fertighäusern, die in der Zwischenkriegszeit als Antwort auf die Wohnungsnot entwickelt wurden. Produziert wurden sie von den Hirsch Kupfer- und Messingwerken. Die Bauteile waren vorgefertigt, leicht transportierbar und sollten – laut Werbung – von sechs Arbeitern innerhalb von 24 Stunden montiert werden können. Das Lichterfelder Haus entspricht dem Typ O „Favorit“, dem größten Modell dieser Reihe, und wirkt fast villenartig – passend zur Umgebung von Lichterfelde West. Technisch wurde es von Walter Gropius verfeinert. Die Kupferhäuser waren technisch ihrer Zeit voraus: Die mehrschichtige Konstruktion erfüllte bereits damals hohe Anforderungen an die Wärmedämmung. In den 1930er‑Jahren wurden einige dieser Häuser sogar nach Palästina exportiert, verpackt in 34 transportfähige Pakete. Mit Beginn der NS‑Zeit endete die Produktion jedoch rasch, da Kupfer zum kriegswichtigen Rohstoff wurde. Viele Besitzer strichen ihre Fassaden später weiß, um das Metall vor Beschlagnahmung zu schützen. In Berlin gibt es nur noch etwa 15 dieser Architektür-Schätze.

Beim Abbiegen in die Schubertstraße, einer Sackgasse, führt mich Marion zu einem Haus, das sie immer als Jugendclub wahrgenommen hat, vielleicht wegen der Graffiti-Verzierungen.

Aber wir haben Glück, weil sich dort gerade Bahn-Mitarbeiter aufhalten. Marion nutzt die Gelegenheit, den Zweck des Hauses in Erfahrung zu bringen. Nach anfänglichem kurzen Misstrauen („Darf ich fragen, wer Sie sind?“) erhalten wir sehr kompetente Auskunft zum Gebäude. Es handelt sich um ein Gleichrichter-Unterwerk und dient der Stromversorgung der S-Bahn. Es wurde 1932-1933 von Architekt Richard Brademann erbaut zur Verstärkung der bereits vorhandenen Gleichrichterwerke Ebersstraße und Nikolassee und arbeitete von Beginn an ohne Personal – ferngesteuert aus der Ebersstraße. Normalerweise verschwendet man ja kaum einen Gedanken an diese technischen Details, Hauptsache, die S-Bahn fährt! Deswegen ist es gut, auch mal die Hintergründe kennenzulernen.

Der Dahlemer Weg ist mir auf meinen Touren schon öfter unter die Füße gekommen, heute laufe ich das letzte Stück, bevor er in die Thielallee übergeht. Auffällig ist die Abgrenzung des Radweges. Sie sieht ein bisschen komisch aus, aber als Radfahrer fühlt man sich bestimmt so viel sicherer. Wir überqueren die S-Bahn-Gleise und sehen von da aus schon das große Gelände der Bundesanstalt für Materialforschung. Die Mörchinger Straße führt als Sackgasse zum Eingang, der von mehrfachem Wachpersonal beschützt wird. Wir wollen ja auch gar nicht rein, aber in ca. 50 Metern Entfernung lockt eine futuristische Skulptur zur näheren Betrachtung. Wir fragen, ob wir die paar Meter aufs Gelände dürfen, immerhin wären wir vom Eingang aus noch unter Beobachtung. Doch es müssen erst Anrufe getätigt werden, weil der Wachschutz das offensichtlich nicht entscheiden darf. Wir warten und warten und sind schon am Überlegen, ob uns dieses Kunstwerk wirklich so brennend interessiert, als wir Begleitschutz bekommen bis dorthin. Die Suche nach einem Schild mit dem Namen des Künstlers bleibt erfolglos und ich hoffe, mit einem Foto der Bedeutung und dem Urheber auf die Spur zu kommen. Doch dieses Ansinnen würde eine neuerliche telefonische Absprache mit wem auch immer nach sich ziehen, so dass ich darauf verzichte. Schade, aber es gibt Schlimmeres. Von der Straße Unter den Eichen gelingt mir noch ein Foto durch den Zaun. Es zeigt ein historisches Gebäude, das aus der Zeit des Staatlichen Materialprüfungsamtes bis 1945 stammt.

Schräg gegenüber auf dem Gelände des ehemaligen Kreiskrankenhauses Lichterfelde befindet sich ebenfalls eine Abteilung der BAM:

Bald erreichen wir in der Drakestraße die gemütliche Buchhandlung Winkler, der ich natürlich einen Besuch abstatten muss. Es werden heute noch weitere folgen und ich bin überwältigt von der großen Buchhandelsdichte in Steglitz-Zehlendorf. In Marzahn-Hellersdorf gibt es nur noch eine, nämlich Thalia im Eastgate. Wir werden sehr freundlich empfangen, zumal die Buchhändlerin neben der Kenntnis von meinem Wanderprojekt auch Marion wiedererkennt als treue Kundin. Ich bekomme als Anregung mit auf den Weg, unbedingt beim BeBra-Verlag vorbeizuschauen, der ebenfalls hier in der Nähe am Asternplatz seinen Sitz hat. Sehr gute Idee, zumal ich den Geschäftsführer Dirk Palm noch aus Bibliothekszeiten kenne.

Und schon gehts weiter, vorbei an schmuckvollen Portalen, Klingelschildern und Fassaden in der Margaretenstraße bis zu einer Wohnanlage, die Dahlem II ähnelt. Die warme Farbgebung, die Gärten dazwischen und die Ruhe laden ein zum Verweilen. Über den Haustüren findet man Tiermotive, die mich ein bisschen an die Plattenbausiedlungen in Marzahn erinnern. Auch dort wurden die Eingänge mit Bildern geschmückt, um den Kindern den Weg nach Hause zu erleichtern.

Die evangelische Martin-Luther-Kirche hält ihre Tore fest geschlossen, als wir dort ankommen. Davor ist eine kleine Grünanlage, in der spielende Kinder offenbar nicht gerne gesehen sind, was sich aber auf dem Verbotsschild durch die Entfernung eines Buchstabens in eine Einladung verwandeln lässt. Im dazugehörigen Pfarrhaus befand sich im Jahr 1936 die von Heinrich Grüber gegründete „Hilfsstelle für evangelische Rasseverfolgte“, woran eine Gedenktafel erinnert.

Die Hortensien- und Tulpenstraße bilden um die Kirche einen Halbkreis mit einer Wohnanlage, die zwischen 1927 und 1929 nach Entwürfen des Architekten Eberhardt Postlack für Reichsangehörige der Marine gebaut wurde. Sie macht insgesamt einen recht düsteren Eindruck, aber das ist vielleicht der trostlosen Fassadenfarbe geschuldet, während die gegenüberliegende Straßenseite wesentlich freundlicher auf den Betrachter wirkt. Zwei Gedenktafeln sind ebenfalls hier zu finden. In der Hortensienstraße 12 für den Senator für Volksbildung Joachim Tiburtius und in Nr. 50 für Peter Graf York von Wartenberg, wo sich auch der Kreisauer Kreis traf.

Und schon haben wir den Asternplatz erreicht, dessen beide Eckhäuser und auch der Sitz des BeBra-Verlages unter Denkmalschutz stehen. Wieder haben wir großes Glück, denn als wir dort ankommen, betritt gerade eine Verlagsmitarbeiterin das Gebäude und nimmt uns mit nach oben. Schon das Treppenhaus ist beeindruckend. Auf mit Kokosläufern ausgelegten, knarzenden Stufen arbeiten wir uns vor bis in die dritte Etage, in der in einer ehemaligen, herrschaftlichen Wohnung die Verlagsräume untergebracht sind. Obwohl wir als eine Art Überfallkommando aufschlagen, empfängt uns Dirk Palm sehr herzlich und widmet uns ein paar Minuten seiner Zeit. Ich mache ihm augenzwinkernd das Angebot, aus meinen Aufzeichnungen eine zwölfbändige Enzyklopädie zu produzieren, natürlich im Pappschuber. Pro Stadtbezirk ein Band. Ich bezweifle aber, dass er von meinem Vorschlag genauso begeistert ist wie ich! 😉 Schnell noch ein Foto, und dann gehts weiter auf blumigen Wegen.

Wir nähern uns dem Gelände zwischen Bahngleisen und Botanischem Garten, immer noch auf der Hortensienstraße. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die von Johann Anton Wilhelm von Carstenn gegründete Villenkolonie Groß‑Lichterfelde weitgehend bebaut, während nördlich der Bahngleise in der Nähe des neuen Botanischen Gartens noch ungenutzte Flächen lagen. Zwar waren die nach Blumen benannten Straßen bereits angelegt, doch verhinderten Krieg und Inflation eine rasche Bebauung. Erst nach der Währungsreform von 1924 konnte der dringend benötigte Wohnungsbau wieder aufgenommen werden – in einer Zeit, in der Berlin rund eine Million Wohnungen fehlten. Das Gelände zwischen Bahntrasse und Botanischem Garten gehörte dem Bauunternehmer Adolf Sommerfeld, der selbst in einer von Walter Gropius entworfenen Villa in der Nachbarschaft lebte und den Berliner Südwesten gemeinsam mit Architekten des Neuen Bauens erschloss. Für das Areal am Botanischen Garten gewann er den Schweizer Architekten Otto Rudolf Salvisberg, der bereits an den Gartenstädten Piesteritz und Staaken mitgewirkt hatte und später mit der Waldsiedlung Zehlendorf und der Weißen Stadt bedeutende Beiträge zur Berliner Moderne schuf.

Salvisberg plante 1924 eine Reihenhauszeile entlang der Hortensienstraße sowie drei Wohnblöcke zwischen Hortensien‑ und Geranienstraße. Realisiert wurden jedoch nur zwei Blöcke: der Freimieteblock an Geranien‑ und Nelkenstraße sowie der Postblock zwischen Nelkenstraße und Hortensienplatz. Die viergeschossigen Gebäude boten großzügige Wohnungen für den gehobenen Mittelstand und zeichneten sich durch abwechslungsreiche Fassaden, markante Ecklösungen und expressionistisch gestaltete Eingänge aus. Besonders eindrucksvoll ist die zum Hortensienplatz gerichtete Fassade des Postblocks, deren spitzwinklige Erker, turmartige Vorbauten und farbig gebänderte Putzflächen dem Platz ein besonderes Profil verleihen. (Quelle: Salvisberg-Siedlung am Botanischen Garten | StadtrandNachrichten)

Über die Geranienstraße – vorbei am Autohaus Riller & Schnauck – nähern wir uns der Ortsteilgrenze zu Steglitz, bestehend aus Schloßstraße, Hindenburg- und Wolfensteindamm. Im Jahr 2004 baute hier die Firma Riller & Schnauck einen historischen und unter Denkmalschutz stehenden BVG-Betriebshof von 1913 zu ihrem Hauptsitz um. Auf 24.000 Quadratmetern entstand eine spektakuläre Auto- und Servicewelt, die man zumindest aus der Werbung kennt. Allein für BMW und MINI stellt das Autohaus 4.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zur Verfügung und stellt damit einen Berliner Rekord auf.

Nun steht uns noch das Gebiet südlich der S-Bahn bevor. Wir gehen durch die Resedenstraße entlang einer Kleingartenanlage zurück zum S-Bhf. Botanischer Garten, dessen restauriertes Empfangsgebäude eine Augenweide ist.

Am Sockel entdecke ich eine handschriftliche Nummer, deren Bedeutung ich leider nicht klären konnte. Die KI sagt dazu folgendes, und vielleicht hat sie auch recht:

Das Foto spricht am ehesten für eine alte Baunummer oder Fassadenmarke am historischen Mauerwerk des Bahnhofs, nicht für eine moderne technische Kennzeichnung. Der S-Bahnhof Botanischer Garten stammt aus den Jahren 1908/1909, ist denkmalgeschützt und hat ein Wohn- und Empfangsgebäude im Jugendstil; genau in solchen Gebäuden tauchen manchmal solche handgesetzten Zahlen auf, etwa als Bau-, Vermessungs- oder Instandsetzungsmarken.

Warum ich das so einordne:

  • Die Zahl ist direkt auf den Naturstein gemalt, nicht als Schild oder Plakette ausgeführt.
  • Form und Farbe wirken wie eine ältere, nachträgliche Markierung, nicht wie eine offizielle Beschilderung.
  • Der Bahnhof ist eine Gesamtanlage mit historischem Mauerwerk, bei der solche Spuren von Umbau, Reparatur oder Dokumentation erhalten bleiben können.

Am wahrscheinlichsten ist daher: eine interne Markierung aus Bau-, Sanierungs- oder Vermessungsarbeiten, die im Laufe der Nutzung am Sockelstein stehen geblieben ist. Eine eindeutig belegte öffentliche Erklärung genau dieser Zahlenfolge habe ich nicht gefunden. Auffällig ist auch, dass die Zahl mit einem Komma geschrieben ist; das kann bei handschriftlichen Baunotizen auf einen Mess- oder Höhenwert hindeuten, ist hier aber ohne weitere Quellen nur eine vorsichtige Deutung.

Nun gehts auf dem Neuchateller Weg zum Hindenburgdamm und dort den Gardeschützenweg zurück zum S-Bhf. Lichterfelde. Am Haus Nr. 8 finden wir eine Gedenktafel für Herbert von Bose, der beim Röhm-Putsch ermordet wurde:

Jetzt folgt das absolute Highlight des Tages: der Lost Place von Lichterfelde! Die Berliner Morgenpost titelte im Januar 2023: „Geisterhaus Hindenburgdamm: Stadtrat will Stillstand beenden und in einem Pilotprojekt das Haus stufenweise in den Wohnungsmarkt zurückführen.“ Auch andere Zeitungen nahmen immer wieder das Thema auf, doch bislang hat sich offensichtlich nichts getan.

Der Besitzer und ehemalige Chefarzt Santosh A. lässt die Immobilie seit nunmehr fast 25 Jahren in sich zusammenfallen und stand deswegen sogar schon vor Gericht. 15.000 € Bußgeld musste er zahlen, doch weiter ist nichts passiert. Während des Prozesses erklärte der Besitzer, er habe die Häuser (es sind noch mehr) geerbt und das sei doch Familienbesitz, weswegen er sie nicht verkaufen könne. Mit Baufirmen hätte er viel Pech gehabt. Sein Anwalt sprach von Überforderung, böse Absichten hätte sein Mandant nicht. Aber man fragt sich schon angesichts des Zustandes, in dem sich das Haus befindet, wie das wohl weitergehen soll? Irgendwann wird es wohl einstürzen, wenn nicht schnell etwas unternommen wird.

Wir kommen zur katholischen St.-Annen-Kirche, die mit dem Pfarrhaus daneben eine ansprechende Einheit bildet. Sie wurde zwischen 1932 und 1936 im Stil der Heimatschutzarchitektur erbaut, im 2. Weltkrieg schwer beschädigt und 1946 wieder eingeweiht. Gerade noch sehen wir eine Frau mit Yogamatte durch eine kleine Tür huschen und folgen ihr unauffällig. Sie verschwindet über einen Garten ins Hinterhaus, während wir uns im Kirchenschiff umschauen, das mir in seiner ungewohnten Schlichtheit ausgesprochen gut gefällt. Das Mosaik hinter dem Altar besteht aus 1,6 Millionen Steinchen. Zwei Jahre hat die Fertigstellung gedauert. Ich zünde drei Kerzen an für meine Eltern und meine Schwester und nehme mir einen Moment Zeit, um an sie zu denken.

Unbedingt erwähnt werden muss das ehemalige BND-Gelände im Gardeschützenweg. Die frühere Gardeschützenkaserne wurde zwischen 1881 und 1884 errichtet und war Teil von Johann Anton Wilhelm von Carstenns Strategie, seine neue Villenkolonie durch staatliche Einrichtungen aufzuwerten. Auf dem rund 60.000 m² großen Gelände entstanden eine große Mannschaftskaserne, Offizierswohnhäuser, Werkstätten, ein Lazarett und ein Exerzierhaus. Nach dem Ersten Weltkrieg nutzte zunächst die Reichswehr die Anlage, später wurde sie zur Heeresfeuerwerkerschule, die in den 1930er‑Jahren erheblich erweitert wurde. Die Gebäude überstanden den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt. Ab 1950 diente die Anlage als Roosevelt Barracks den US‑Streitkräften. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Umbauten, und der zentrale Exerzierplatz wurde zu Parkflächen umgestaltet. Nach dem Abzug der US‑Armee nutzten verschiedene Behörden das Gelände, darunter zeitweise das THW und eine Abschiebehaftanstalt, in der es 1983/84 zu einer tödlichen Brandkatastrophe kam. Seit 2003 war die ehemalige Kaserne ein wichtiger Standort des Bundesnachrichtendienstes, der die denkmalgeschützte Anlage umfassend modernisieren ließ.

Es ist ein riesiges Gelände, das sich bis zum Augustaplatz ausdehnt. Durch den Zaun erspähen wir ein Feuerwehrdenkmal, eine Nachschöpfung von 1957. Ursprünglich wurde das Denkmal 1925 an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte errichtet.

Jetzt sind wir eigentlich am Ende unserer Tour, aber heute ist Dienstag und das Heimatmuseum Steglitz, das nur dienstags geöffnet hat, befindet sich nicht weit weg in der Drakestraße. Schnell sind wir uns einig – nichts wie hin! Schon bald stehen wir vor dem stattlichen Haus und klingeln.

Es dauert ein bisschen, aber schließlich öffnet uns die Mitarbeiterin Bärbel Jochum-Mann, eine ehemalige Lehrerin, die sich sehr freut über unseren Besuch. Da es schon spät ist, schafft sie es, uns innerhalb kürzester Zeit die Museumsräume zu zeigen, die Geschichte von Steglitz, Lankwitz, Lichterfelde und Giesensdorf zu erklären und das Konzept des aktiven Museums und die Archivarbeit näherzubringen. Es gibt ein Museums-Café und man kann die Räume für Versammlungen, Vorträge und sogar private Belange nutzen, lernen und arbeiten, Konzerte, Vorträge, Lesungen, Theater, Kurse und Workshops besuchen.

Parallel dazu stöbere ich im Museumsshop nach Literatur, die mich auf meinen weiteren Wegen begleiten kann und finde mehr als genug. Ich empfehle unbedingt einen Blick auf die Webseite des Museums, denn gleich auf der Startseite gibt es einen virtuellen Rundgang durch die Räume. Hier war ich bestimmt nicht zum letzten Mal!

Die nächste Wanderung findet ausnahmsweise am Samstag, den 18. April statt. Dabei werde ich begleitet von Mieke Rambow.

02. April 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Dahlem) | FU-Gelände, Einstein, Harnack, Haber, Dahlem II, Dreipfuhlsiedlung und der rbb
Ein Tag mit vielen Begegnungen, Erinnerungsorten, dem FU-Gelände, dem Traumort Dahlem II und der Dreipfuhlsiedlung mit dem rbb-Team von "Der Tag". Sehr aufregend!
31. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Dahlem) | Freie Universität, Thielpark, Metropolitan Gardens, nochmal Rudolf Steiner, eine freundliche alte Dame und Sarah, meine Begleiterin
Der Streifzug hat verdeutlicht, wie stark die Entwicklung Dahlems von Forschung, Villenkultur und städtebaulichen Experimenten geprägt ist.
27. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Dahlem) | St.-Annen-Kirche, Domäne, Villen, Botschafter-Residenzen, Burschenschaften, Freimaurer, Rudolf Steiner und Mormonen
Meine erste Tour durch Dahlem zeigt deutlich, wie sehr sich dieser Ortsteil von den anderen in Steglitz-Zehlendorf unterscheidet. Hier geht es vorwiegend ums Residieren, aber auch um Forschung und Studium. …
24. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Gartenstadt Zehlendorf | rund um die Königstraße | Paul-Mebes-Park
Ein weiteres architektonisches Kleinod ist die Gartenstadt Zehlendorf. Entdeckungen entlang der Berlepschstraße und prachtvolle Villen rechts und links der Königstraße.
17. und 19. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Telefunkensiedlung, Heinrich-Laehr-Park, vier Kirchen, zwei Schulen, zwei Friedhöfe, viele Tiere, Freizeitstätte Süd, Stadtgrenze, zwei Begleiterinnen und zu Gast im Radio
Eine lange Tour durch den Süden Zehlendorfs mit Heinrich-Laehr-Park, der Telefunkensiedlung, einer bemerkenswerten Kirche, der Stadtgrenze und dem Teltowkanal.
14. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Unterwegs südlich S-Bahnhof Zehlendorf bis zur Grenze nach Lichterfelde
Auch der Süden von Zehlendorf bietet viel fürs Auge und hält Überraschungen bereit. Jede Straße hat Geschichten zu erzählen.
10. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Siedlung Am Mühlenberg, Rosenhof, Igel und Hans Rosenthal
Entlang mehrerer Siedlungs-Bautypen und riesiger Villen erfahre ich einiges über Igel, Architektur und Hans Rosenthal.
07. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | 100 Jahre alte Siedlung der Moderne, stilistisches Potpourri, Fischtalpark und eine Statikerin
Unterwegs durch die Waldsiedlung Zehlendorf und den Fischtalpark nach Süden zur B1 mit den Augen einer Statikerin.
03. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf und Dahlem) | Onkel Toms Hütte, Riemeisterfenn, Grunewald, sehr bunte und sehr weiße Häuser, Amerika und ein Kommissar
Die Waldsiedlung Zehlendorf in Onkel Toms Hütte sollte man unbedingt gesehen haben. Ein Feuerwerk der Farben inmitten von Natur am Rande des Grundwalds.
26. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Generalsviertel, Zinnowwaldsiedlung, mondäne Villen, viele Bäume und ein Reporter
Ein Wandertag in Begleitung des Tagesspiegels. Wieder viele vornehme Villen und Landhäuser, Siedlungen, viele Bäume, Wald und freie Flächen sowie eine ungewöhnliche Buchhandelsdichte.
24. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Schlachtensee) | Ortsteilführung mit Dirk Jordan, Heidehof, Studentendorf, Industrie und freundliche Menschen
Eine Führung mit Dirk Jordan zu wichtigen Erinnerungsorten in Schlachtensee. Schöne Häuser, etwas Natur und Industrie.
19. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Dichterviertel, Krumme Lanke (See), Waldsiedlung Krumme Lanke und der rbb
Erkundung des Dichterviertels, Überquerung der Fischerhüttenstraße, Filmaufnahmen im Quermatenweg, SS-Kameradschaftssiedlung und Umrundung der Krummen Lanke
17. Februar 2026 | Charlottenburg-Wilmersdorf | Jungfernheide, Heckerdamm mit Ausblick, Pfad der Erinnerung, ein Kloster und viele Gegensätze
Ein Tag rund um den Heckerdamm in Begleitung der Charlottenburger Baugenossenschaft eG
12. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Nikolassee) | Havelchaussee, Lindwerder, Grunewaldturm, Kronprinzessinnenweg, eine Kurve, viel Wald und zu viel Wasser
"Willst du geliebt werden, so musst du liebenswürdig sein; ein schönes Gesicht allein tut´s nicht." (Ovid) – Kalenderspruch des Tages Heute muss ich mit meinem Bericht ausnahmsweise schon bei der …
10.02.2026 | Steglitz-Zehlendorf (Nikolassee) | Grenzkontrollpunkt Dreilinden, nochmal Waldfriedhof Zehlendorf, Yehudi-Menuhin-Park, Gartenstadt Düppel, Museumsdorf Düppel, FU-Gelände und eine Reporterin
Das Tauwetter erleichtert das Vorwärtskommen. Die heutige Tour ist sehr abwechslungsreich. Wald, Siedlungen, Wohnblocks, Parks, Pferdekoppeln und -klinik, FU-Gelände und JVA.
05. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Nikolassee) | Wonnegauviertel, Waldfriedhof Zehlendorf, Viertel westlich davon
Bei diesigem Wetter unterwegs durch das Wonnegauviertel entlang etlicher Siedlungen, einer katholischen Kirche, einer gruseligen Grundschule, dem ehemaligen Düppel Center über den Waldfriedhof Zehlendorf bis zum Mauerweg.
03. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Schlachtensee, Seeschlag, Schlachtensee-Ost und fünf Begegnungen
In Begleitung des Morgenpost-Reporters genieße ich den Blick über den vereisten Schlachtensee und setzt meine Straßenwanderung durch Schlachtensee fort.
29. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Nikolassee, Hohenzollernplatz bis Rehwiese, Schlachtensee-West und drei Gespräche
Erstmals komme ich unterwegs mit mehreren Menschen ins Gespräch und lerne wieder viel dazu über Nikolassee und Schlachtensee.
27. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Villenkolonie Wannsee | Strandbad Wannsee | Schwanenwerder | Spinnerbrücke
"Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache." (Franz Kafka) – Kalenderspruch des Tages Gäbe es nicht die mir selbst auferlegte Verpflichtung, …
22. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Forst Düppel | Revierförsterei | Alte Stammbahn | Nibelungenviertel
Wanderung durch den Düppelner Forst bis Dreilinden, dann durch das Nibelungenviertel in Nikolassee bis zur Autobahn und am Seeufer zurück zum S-Bhf. Wannsee.