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02. April 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Dahlem) | FU-Gelände, Einstein, Harnack, Haber, Dahlem II, Dreipfuhlsiedlung und der rbb

„Es war Frühling in den Straßen, es zwitscherten übermütige Vögel, die Straßenbahnen klingelten, die Luft war blau, die Frauen trugen leichte Kleider.“ (Joseph Roth) – Kalenderspruch des Tages

Immer wieder gerate ich bei meinen Berichten über die Dahlemer Straßen an meine Grenzen. Mittlerweile habe ich viel gelesen über die Geschichte dieses Ortsteils, der Domäne, des Dorfes, der wissenschaftlichen Einrichtungen und Forschungsinstitute, über die Kaiser Wilhelm Gesellschaft bis hin zur Freien Universität, dass in meinem Kopf ein heilloses Durcheinander an Informationen herrscht. Das wäre alles nicht so schlimm, denn schließlich will ich die schon akribisch aufbereiteten Daten nicht zu einem neuen Geschichtsbuch zusammenfassen, aber fast jede Straße und deren Gebäude stehen im engen Zusammenhang mit der Entwicklung Dahlems zum Wissenschaftsstandort. Ich komme einfach an den historischen Fakten nicht vorbei! Diese Tatsache brachte mich auf die Idee, ein Literatur- und Linkverzeichnis der von mit verwendeten Informationsquellen anzulegen.

Dahlem entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Wissenschaftsstandorte Deutschlands. Den entscheidenden Impuls setzte die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), die ab 1911 mehrere Forschungsinstitute in dem damals noch locker bebauten Gebiet errichtete. Die Wahl fiel bewusst auf Dahlem: Die Nähe zur Stadt, die großzügigen Grundstücke und die Möglichkeit, moderne Labor- und Institutsbauten zu errichten, boten ideale Voraussetzungen für eine neue Form außeruniversitärer Spitzenforschung. In den folgenden Jahrzehnten entstand ein dichtes Netz spezialisierter Institute, darunter Einrichtungen für Chemie, Physik, Biologie und Anthropologie. Forschende wie Fritz Haber, Otto Hahn, Lise Meitner oder Albert Einstein prägten die wissenschaftliche Arbeit in Dahlem und machten den Standort international sichtbar. Gleichzeitig war die Forschung in Teilen eng mit politischen Entwicklungen verknüpft. Während der Zeit des Nationalsozialismus kam es zu personellen Entlassungen, ideologischer Einflussnahme und perfiden Verstrickungen der Wissenschaft.

Nach 1945 stand Dahlem vor einem strukturellen Neuanfang. Die KWG wurde aufgelöst, und die Max-Planck-Gesellschaft übernahm als Nachfolgeorganisation einen Teil der Institute. Parallel dazu entstand 1948 die Freie Universität Berlin, die in Dahlem geeignete Gebäude und Infrastruktur vorfand. Viele ehemalige KWG-Bauten wurden zu Universitätsinstituten umgewidmet, andere blieben Teil der außeruniversitären Forschung. Dadurch entwickelte sich ein enges Nebeneinander universitärer und außeruniversitärer Einrichtungen, das den Standort bis heute prägt.

Wenn man durch Dahlem läuft, bemerkt man schnell den Unterschied zu den anderen Ortsteilen von Steglitz-Zehlendorf. Die Freie Universität ist absolut präsent, auch, weil sie sehr dezentral angelegt ist und ehemalige für Wohnzwecke gebauten Villen und Landhäuser für die Unterbringung der verschiedensten Institute nutzt. Doch wieso ist es zu dieser Streuung gekommen? (Im Sommer erscheint ein Buch über die Geschichte der FU, das zu lesen sich bestimmt auch lohnt.) Diese Mischung aus Wohnen, Studieren, Forschung und Museen ist einzigartig und wird immer wieder mit Oxford verglichen. Beide Orte bilden Campuslandschaften, eine Mischung aus historischer Architektur und Forschungsbauten. Schon bevor ich den „Wandertag“ beginne, ist mir klar, dass ich an vielen Gebäuden vorbeikommen werde, denen man eigentlich einen kompletten Tag widmen müsste. Ich halte deswegen nicht nur den Plan für heute in der Hand, sondern einen Notizzettel mit allen Adressen, die von besonderer Bedeutung sind. Und noch zwei Umstände werden den Tag prägen: Erstens bin ich mittags im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft von Univ.-Prof. Dr. Dr. Andreas Löffler auf einen Kaffee eingeladen mit dem Angebot eines kleinen Spaziergangs übers Gelände und zweitens wird mich Arndt Breitfeld und Team abends von 18:00 Uhr – 19:30 Uhr für die Sendung „Der Tag“ live beim Wandern durch die Dreipfuhlsiedlung begleiten. Ich teile mir also meine Tour entsprechend auf und beginne am U-Bahnhof Freie Universität (Thielplatz). Wie alle Bahnhöfe auf der Strecke ist auch dieser eine architektonische Kostbarkeit:

Beim Entwurf des Bahnhofsgebäudes orientierte sich der Architekt Straumer am Haus Freudenberg in Nikolassee. Die expressionistisch gehaltene Eingangshalle ist innen mit rot-brauner Keramik gefliest, unterbrochen durch von Richard Kuöhl geschaffene schwarze Platten mit Tier- und Pflanzendarstellungen. Auffällig ist die schöne, große Uhr über dem Eingang. Interessant ist auch die Tatsache, dass beim Bau des Bahnhofs der größte Findling Berlins mit einer Masse von 50 Tonnen und einem Umfang von zehn Metern gefunden wurde. Es dauerte 14 Tage, ihn mit Seilwinden aus der Baugrube an einen Platz im Thielpark rund 40 m nordwestlich der U-Bahn-Trasse zu bringen, wo er noch heute liegt. (Quelle: Wikipedia)

Man kommt aus dem U-Bahnhof raus und fällt fast hinein in besagten Park mit vier Teichen, in dem ich bei meinen Streifzügen in den nächsten Stunden immer wieder lande. Er gilt als eine der am stärksten frequentierten Parkanlagen Steglitz-Zehlendorfs und ist nach Hugo Thiel benannt, einem Politiker und Vorsitzenden der Kommission zur Aufteilung der Domäne Dahlem. Wegen des hügeligen Geländes galt diese Fläche als schwer veräußerbar für Villengrundstücke und wurde daher als Park konzipiert.

Gegenüber der Philologischen Bibliothek, deren Besuch noch aussteht, biege ich ein in die Hittorfstraße und stehe kurz danach vor der Ruine der Künste.

Es dauert nicht lange, bis ich das erste von der FU genutzte Gebäude entdecke – das Institut für Japanologie. Früher war hier die Gerichtsmedizin untergebracht, dann das Topoi-Haus.

Schon von weitem gut sichtbar, stehe ich nach wenigen Metern vor der evangelischen Jesus-Christus-Kirche, deren Turm hoch hinaufragt in den blauen Himmel. Sie sieht aus wie die Zwillingsschwester der katholischen St. Bernhard-Kirche in der Königin-Luise-Straße, zumal auch hier eine Figur ihre Arme segnend über den zu ihr aufblickenden kleinen Erdling ausbreitet, in diesem Fall Jesus.

Unter dem Wandelgang befinden sich viele Türen, an jeder ein Zettel mit Hinweispfeil zum Eingang, der sich ganz links hinter einer unscheinbaren Tür verbirgt. Er führt nicht direkt ins Kirchenschiff, sondern in eine Art Flur und dann in einen Vorraum. Ich höre einen Chor singen, schleiche mich neugierig an und erhasche durch die Glasflügeltür einen Blick auf die Gruppe. Sie sind so vertieft in ihre Musik, dass ich nicht stören will und mich wie ein Einbrecher wieder hinausschleiche. Im Internet findet man folgende Beschreibung: „Charakteristisch sind der schlichte Saalraum, die Klinkerfassade und der markante Turm, der als Orientierungspunkt im Dahlemer Straßenbild wirkt. Im Inneren dominiert eine funktionale, auf die Gemeinde ausgerichtete Gestaltung, die später mehrfach behutsam modernisiert wurde. Die Kirche ist zudem eng mit der Geschichte der Bekennenden Kirche verbunden, die in Dahlem während der NS‑Zeit eine wichtige Rolle spielte. Heute dient die Jesus‑Christus‑Kirche als Gottesdienst‑ und Konzertort.“ Sie muss wohl eine selbst für Kirchen außerordentlich hervorragende Akustik besitzen.

Der nächste Haltepunkt lässt mich lange nicht los und beschäftigt mich immer noch. Ich stehe vor der Villa von Clara und Fritz Haber. Clara Helene Immerwahr (1870–1915) war Chemikerin und die erste Frau, die an der Universität Breslau im Fach Chemie promovierte. Sie stammte aus einer wohlhabenden, liberalen jüdischen Familie in Schlesien und erhielt eine für die Zeit außergewöhnlich umfassende Ausbildung. Nach dem Besuch eines Lehrerinnenseminars und dem Erwerb der Hochschulreife begann sie 1897 als Gasthörerin Chemie zu studieren – ein Weg, der Frauen damals nur unter Sonderbedingungen offenstand. Unterstützt von ihrem Doktorvater Richard Abegg, arbeitete sie im neuen Feld der physikalischen Chemie und veröffentlichte bereits während des Studiums erste wissenschaftliche Arbeiten. 1900 promovierte sie „magna cum laude“ und wurde damit zu einer Pionierin des Frauenstudiums in Deutschland.

1901 heiratete sie den Chemiker Fritz Haber. Die Ehe erwies sich als konfliktreich: Clara musste ihre wissenschaftliche Tätigkeit weitgehend aufgeben, übernahm Haushalt und Kindererziehung und litt zunehmend unter der Diskrepanz zwischen ihren eigenen wissenschaftlichen Ambitionen und den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Professorengattin. Sie hielt zwar weiterhin populärwissenschaftliche Vorträge, konnte aber nicht an ihre frühere Forschung anknüpfen. Die Beziehung verschlechterte sich, verstärkt durch Habers Arbeitsbelastung und seine Dominanz. Während des Ersten Weltkriegs engagierte sich Fritz Haber maßgeblich in der Entwicklung chemischer Waffen und leitete deren Einsatz an der Front an. Clara Immerwahr, die im Institut einen Kindergarten für Kinder von Frontsoldaten einrichtete, war mit der Kriegssituation und der Rolle ihres Mannes stark belastet. Am 2. Mai 1915 nahm sie sich im Garten ihrer Villa das Leben. Grund dafür war vermutlich das Zusammenspiel aus persönlicher Überforderung, ehelichen Konflikten, dem Tod enger Freunde und der Kriegssituation. Ihr Leben wurde in Biografien, Theaterstücken und Filmen vielfach aufgegriffen. Zahlreiche Straßen, Plätze und Preise tragen heute ihren Namen, und vor ihrem Haus sowie im Garten erinnern Gedenkzeichen an sie. Eine Frau, deren Schicksal mich sehr beeindruckt.

Der Garten wurde zu einer öffentlich begehbaren Grünfläche mit vielen lauschigen, hinter Hecken verborgenen Sitzgruppen gestaltet. Leider ist die Inschrift (In Erinnerung an Clara Immerwahr) auf dem Gedenkstein kaum noch zu erkennen. Als ich ganz in der Nähe an einem Lüftungsschacht die Gravur „Kriek dem Kriek – Frieden den Hütten“ entdecke, empfinde ich das wie einen roten Faden zu Claras Geschichte.

Nun bin ich mittendrin im Campus-Herz der FU und staune über die Großzügigkeit der Freiflächen, an deren Rändern sich die verschiedenen Institute in nach Van´t-Hoff, Ihne, Harnack, Boltzmann, Gary benannten Straßen oder am Faradayweg etabliert haben. Die Gebäude stammen teilweise noch aus der Wirkzeit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, teils aus den 1960er und 1970er Jahren oder sind noch neuer. Einträchtig dazwischen stehend finden sich aber auch Gebäude, die als Wohnhaus genutzt werden.

Im Hahn-Meitner-Bau wurde die Uran-Spaltung entdeckt, im Fritz-Haber-Institut werden Grundlagen chemischer Reaktionen untersucht. Ich habe mich ehrlich gesagt etwas gewundert, wieso Fritz Haber trotz seines aktiven Einsatzes im Giftgaskrieg des 1. WK mit der Namensgebung solch eine Ehrung zuteil wurde. Aber seine wissenschaftlichen Leistungen werden von seiner historischen Verantwortung getrennt betrachtet, weil seine Erfindungen moderne Düngemittel und dadurch die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung möglich machten. Haber war Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie. Zu seinen Ehren wurde nach seinem Tod 1934 das Institut nach ihm benannt, lange vor der heutigen kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte chemischer Waffen. Ausstellungen und Gedenktafeln dienen der Aufarbeitung dieses Konflikts.

Sehr merkwürdig finde ich auch die Bronzeskulptur „Perspektiven“ von Volker Bartsch, die dem ungehinderten Blick auf den repräsentativen Henry-Ford-Bau im Wege steht. Was wollte uns der Künstler damit sagen? Es heißt: „Bartsch schafft damit einen fiktiven Raum, der Enge, Öffnung und Perspektivwechsel zugleich ausdrückt.“ Das Kunstwerk soll angeblich einen Gedenkort für zehn Studierende der Freien Universität sein, die Anfang der 1950er Jahre von sowjetischen Behörden verhaftet, nach Moskau verschleppt und dort hingerichtet wurden. Ich schreibe hier im Konjunktiv, weil sie eigentlich am Checkpoint Charlie aufgestellt werden sollte und die Gedenkort-Perspektive erst mit dem Standort FU ins Spiel kam.

An der Hüningerstraße treffe ich auf Bauten, die zur Thielecksiedlung gehören und mir total bekannt vorkommen. Es dauert eine Weile, bis der Aha-Effekt einsetzt: Ich hatte mich vor ein paar Wochen dieser Gegend schon einmal von der Schützallee genähert und die an den Eisenhüttenstädter Wohnkomplex I erinnernden Siedlungshäuser bewundert. Nun umrunde ich den Komplex in Gänze und erfreue mich an den warmen Farben, die so wunderbar zum Frühling passen:

Um zu meiner Kaffee-Verabredung in der Thielallee pünktlich zu sein, habe ich meinen Bewegungsradius nicht bis in entfernte Ecken ausgedehnt, sondern bin möglichst in der Nähe und somit auch überwiegend auf dem Campusgelände geblieben. Der detaillierten Wegbeschreibung zum Gebäude der Wirtschaftswissenschaftler folgend, pirsche ich mich langsam über die Garystraße heran, beäugt von einem Komplex im Stil des Brutalismus (hier waren Labore der Charité untergebracht) bis hin zu meinem wesentlich gefälliger anzuschauenden Zielort.

Prof. Dr. Dr. Andreas Löffler ist Betriebswirt und forscht zur Unternehmensbewertung. Er erwartet mich schon in der offenen Tür zu seinem Büro, wenig später gesellt sich sein Kollege und Freund Prof. Dr. Frank Hechtner mit Kaffee für alle dazu, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre. Eine geballte Ladung Zahlenkunde, die mir da gegenübersitzt! Immer wieder habe ich von meinen ehemaligen Kolleginnen den Satz gehört: „Ich war noch nie gut in Mathe, deswegen bin ich ja Bibliothekarin geworden!“ Damit konnte ich mich zwar nie identifizieren, denn Mathematik, Physik und Chemie gehörten zu meinen Lieblingsfächern in der Schule, aber ich kann nicht behaupten, davon heute noch zu profitieren. Ich nutze die Gelegenheit, mir den Begriff „Diskrete Geometrie“ mit einfachen Worten erklären zu lassen und habe tatsächlich kurz das Gefühl des Begreifens. Man darf das Wort „diskret“ nur nicht im herkömmlichen Sinn denken. So gibt es noch viele andere, merkwürdige Fachtermini, mit denen Mathematiker arbeiten, die für Laien wie mich schwer zu erfassen sind. So philosophieren wir noch ein bisschen über die Schönheit der Mathematik und darüber, dass auch Steuern ihren Reiz haben können, solange es sich nicht um die leidige jährliche Steuererklärung handelt. Alles Themen, über die zu reden erstaunlich viel Spaß machen kann! Doch wir alle haben noch einiges vor an diesem Nachmittag, weswegen wir die anregende Gesprächsrunde auflösen. Wir bleiben aber zunächst im Gebäude und Herr Löffler führt mich in eine Art Bibliothek im Keller, die er in dem einzigen Raum eingerichtet hat, der bei der Sanierung des Hauses im Originalzustand belassen wurde und als Besprechungsraum dient. Die Bücher hat er aus makulierten Bibliotheksbeständen mühselig zusammengetragen und dort dekorativ in den Regalen verteilt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

Danach laufen wir über das Campus-Gelände zum Henry-Ford-Bau gegenüber und dank meines Begleiters darf ich sogar einen Blick in das Max Kade Auditorium werden:

Damit nicht genug, führt mich Andreas Löffler in die Boltzmannstraße 20. Das ehemalige Kaiser‑Wilhelm‑Institut (KWI) für Physik gehört zu den bedeutendsten Forschungsbauten der 1930er‑Jahre in Dahlem. Die Anlage, die zwischen 1935 und 1937 nach Plänen des Architekten Carl Sattler entstand, umfasst das Labor‑ und Werkstattgebäude, den markanten Hochspannungsturm, das Kältelaboratorium sowie die Direktorenvilla und dokumentiert eine Phase intensiver Entwicklung in der deutschen Kern‑ und Atomphysik. Unter der Leitung von Wissenschaftlern wie Peter Debye, Max von Laue und Werner Heisenberg entwickelte sich das Institut zu einem Zentrum physikalischer Spitzenforschung. Geplant war, ihm den Namen „Albert-Einstein“ zu verleihen, aber unter Hitler war das nicht mehr möglich. Deswegen einigte man sich auf den Namen „Max-Planck-Institut“. Die Architektur war den Anforderungen der neuen experimentellen Arbeitsfelder angepasst: große elektrische Spannungen, tiefe Temperaturen und Röntgenuntersuchungen erforderten spezialisierte, voneinander getrennte Gebäudeteile. Besonders prägnant ist der fensterlose, 20 Meter hohe Hochspannungsturm, der eine der leistungsfähigsten deutschen Anlagen zur Untersuchung von Atomumwandlungsprozessen beherbergte und wegen der sichtbaren Entladungen den Beinamen „Turm der Blitze“ erhielt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Institut dem Heereswaffenamt unterstellt und in das deutsche Uranprojekt eingebunden. Es war eng mit der Entwicklung eines Kernreaktors verbunden. Aber 1941 gab es die Order, die Arbeiten wieder aus dem Heereswaffenamt herauszunehmen und als reine Forschungstätigkeit minderer Priorität an das KWI zurückzugeben. Die Hintergründe beschreibt Albert Speer in seinen Erinnerungen mit den Worten, dass Hitler davon überzeugt war, die Kernphysik sei „jüdische Physik“, beeinflusst von dem Physiker Philipp Lenards. Dieser hatte Hitler klar gemacht, dass alles suspekt sei, was mit Einstein zusammenhänge, vor allem dessen Relativitätstheorie und die Quantentheorie. Speer entschied allerdings, dass das Projekt reduziert weitergeführt werden sollte. Das KWI beauftragte damit Werner Heisenberg. Nach Kriegsende demontierten sowjetische Truppen die technischen Anlagen, und ab 1949 nutzte die Freie Universität die Gebäude, die heute unter anderem das Archiv der FU und das Archiv zur Geschichte der Max‑Planck‑Gesellschaft beherbergen.

Um den Turm rankte sich immer ein großes Geheimnis, erzählt Andreas Löffler und dass er bis heute nicht weiß, was sich darin befindet. Niemand durfte jemals dort rein und man munkelte, dass er radioaktiv verseucht sei. Um eine günstige Position für ein Foto zu finden, nähern wir uns dem Turm und sehen, dass er doch tatsächlich wegen Bauarbeiten offen steht! Natürlich treibt uns die Neugierde hinein und wir sehen, dass er als Magazin eingerichtet ist. Herr Löffler kann es nicht fassen, dass sich nun das Rätsel ganz plötzlich in Luft aufgelöst hat und der Turm jetzt entzaubert ist. Im Gebäudeinneren darf ich noch einen Blick in das Kaminzimmer und auf eine riesige Schalttafel werfen. Ich bin beglückt – ohne diese Einladung zum Kaffee hätte ich das alles nicht zu Gesicht bekommen. Nun trennen sich unserer Wege wieder, Herr Löffler muss arbeiten und ich weiterlaufen, denn bis zum Treffen mit dem rbb habe ich noch einige Straßen zu erledigen.

An der Ecke Thielallee / „Unter den Eichen“ streckt sich ein stolzes Haus in die Höhe, dem allerdings viel Gewalt angetan wurde. Trotzdem erahnt man noch die frühere Schönheit:

Es ist mir ein Rätsel, wieso solche Veränderungen zugelassen werden. Gegenüber grüßt das riesige Gelände der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung:

Ebenfalls unter den Eichen finden an historischer Stelle, dem sogenannten Dahlemer Dreieck rege Bauarbeiten statt – ein Ersatzneubau eines Labor- und Verwaltungsgebäudes für das Umweltbundesamt und die Sanierung des Komplexes, der sich in den 1930er Jahren „Rassehygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle“ nannte, eine 1936 gegründete Abteilung des Reichsgesundheitsamts. Unter der Leitung des Jugendpsychiaters Robert Ritter und seiner engsten Mitarbeiterin Eva Justin diente sie der systematischen Erfassung, Klassifizierung und Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Die Menschen wurden genealogisch befragt, anthropologisch vermessen und oft unter Zwang untersucht. Ziel war es, den angeblichen „Mischlingsgrad“ zu bestimmen und daraus rassenideologische Bewertungen abzuleiten. Diese Gutachten bildeten die Grundlage für Zwangssterilisationen, Internierungen und Deportationen. Bis 1944 wurden rund 24.000 Gutachten erstellt. Viele der untersuchten Kinder wurden später nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nach 1945 wurden weder Ritter noch Justin strafrechtlich belangt; beide setzten ihre Karrieren im Gesundheitswesen fort. Das Perfide ist, dass Teile der angelegten Akten in der Bundesrepublik weiter von Polizeibehörden genutzt wurden und zur fortgesetzten Diskriminierung von Sinti und Roma beitrugen.

Zum Baugeschehen findet man auf der Webseite des Umweltbundesamtes viele Informationen einschließlich Modell und u.a. folgende Textauszüge:

„Das am Standort Corrensplatz genutzte Haupthaus wurde in den 1910er Jahren als Forschungsgebäude erbaut und steht unter Denkmalschutz. Es wurde wiederholt an die aktuellen Anforderungen angepasst und ist schon länger grundsanierungsbedürftig. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Standort Corrensplatz liegt die bundeseigene Liegenschaft Thielallee 88-92, das sogenannte Dahlemer Dreieck, eine Liegenschaft, die bis 2012 vom Bundesinstitut für Risikobewertung als Forschungs- und Verwaltungs­standort genutzt wurde. Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz.“

Mit Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass ich nun einen Zahn zulegen sollte, denn ich muss 17:30 Uhr am U-Bhf. Freie Universität sein, wo ich mit Arndt Breitfeld und seinem Team von „Der Tag“ verabredet bin. Die Straßen rund um den Dreipfuhlpark sind dafür reserviert, aber ich habe noch so einige am entgegengesetzten Ende offen. Also arbeite ich jetzt das Dreieck zwischen Thielallee, Habelschwerdter Allee und Unter den Eichen ab, immer wieder flankiert von einem im Schritttempo fahrenden Polizeiauto. Manchmal gelingt es mir, es hakenschlagend abzuschütteln, doch an der nächsten Ecke steht es dann wieder und ich überlege ernsthaft, wenn auch nur kurz, ob die Präsenz wirklich mir gilt. Habe ich mich verdächtig benommen und besorgte Anwohner baten um Polizeischutz? Wer weiß, denn es mutet bestimmt merkwürdig an, wenn immer wieder dieselbe Person fotografierend und sich Notizen machend umherschleicht. Aber diese kurze paranoide Episode ist schnell überwunden.

Der Thielpark geht über die Thielallee in den Triestpark über, wo ich kurz pausiere. Am Corrensplatz dominiert das Dienstsitzgebäude des Umweltbundesamtes, und kurz darauf erwartet mich der wunderschöne Siedlungskomplex des Beamten-Wohnungs-Vereins zu Berlin eG. Hier stimmt alles – der Baustil, die Farben, die Anordnung der Häuser, die Grünanlagen und Mietergärten. Ich bin schockverliebt, wenn mir auch klar ist, dass es hier erstens keine Wohnungen geben wird und zweitens ich diese niemals bezahlen könnte. Ein Straßengeviert umrundet die aufgelockerte Wohnanlage Dahlem II:

Die Anlage wurde zwischen 1904 und 1906 nach Plänen des Architekten Erich Köhn errichtet. Sie besteht aus zwölf Einzel- und Doppelhäusern, die im englischen Landhausstil gestaltet sind mit Walmdächern, Erkern, Treppentürmen, Fachwerk und grünen Fensterläden. Die Häuser stehen in großzügigen Abständen zueinander und sind in weitläufige Gartenanlagen eingebettet. Aufgrund ihrer architektonischen, künstlerischen und geschichtlichen Bedeutung steht die Wohnanlage unter Denkmalschutz und zählt insgesamt zu den bevorzugtesten Wohngegenden Berlins. Kann ich gut verstehen!

Auf meinen weiteren Streifzügen durch die Kaiserswerther und Habelschwerdter Straße, Thielallee und Goßlerstraße passiere ich weitere bemerkenswerte Häuser, Gedenktafeln und historische Stätten, die ich in der folgenden Diashow kurz vorstelle:

Ein Gebäude will ich aber gesondert vorstellen, nämlich das Mariannenhaus. Nicht das in Kreuzberg, sondern in der Goßlerstraße. Es wurde 1903 als Erziehungsheim für „gefährdete Mädchen“ errichtet und lag damals noch weit außerhalb der Stadtgrenzen, in der jungen Colonie Dahlem. Der zweigeteilte Zweckbau mit seinen Klinkerfassaden erinnert an märkische Klosterarchitektur, war bewusst schlicht gehalten und von einem großen Nutzgarten umgeben, der der Selbstversorgung diente. Getragen wurde das Heim von der Stiftung Mariannenhaus, deren evangelische Diakonissinnen den Alltag leiteten und deren Arbeit durch die Jugendämter der Berliner Bezirke unterstützt wurde. In den 1920er‑Jahren wurde das Gebäude erweitert, das Dachgeschoss ausgebaut und der Betrieb um eine landwirtschaftliche Privatschule ergänzt; später wandelte sich der Schwerpunkt zu einer Haushaltsschule. Während der letzten Kriegstage 1945 blieb das Haus weiterhin Zufluchtsort für die verbliebenen Mädchen und für Schwestern aus anderen Regionen. Der Jahresbericht der Diakonie schildert die dramatische Situation nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen, in der es zu Übergriffen kam und die Oberin schließlich erfolgreich Schutz bei der Militärkommandantur erbat. Über die Nachkriegszeit ist wenig überliefert. In den 1960er‑Jahren verhinderten Anwohner eine geplante Tankstelle auf dem Grundstück, und 1968 übernahm das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk das Haus. Seit 1970 wird es von der Freien Universität genutzt, z.B. als Konfuzius-Institut.

Mein Stadtplanauszug hat noch einige weiße Felder, das sind Straßen, in die ich bisher keinen Fuß gesetzt habe, vor allem das Gebiet um die Gary-, Ihne- und Harnackstraße. Ein paar muss ich ja übrig lassen für die Wanderung mit Arndt Breitfeld, aber ein bisschen Eile ist dennoch geboten. Ich lege den Turbogang ein und marschiere im Stechschritt los, die Uhrzeit im Blick behaltend. Bloß nicht zu spät kommen! Aber das schmälert nicht meine Aufmerksamkeit. Auf zwei Stationen bin ich besonders gespannt: das Harnack-Haus und das Gebäude in der Ihnestraße 22.

Das Harnack‑Haus erzählt wie kaum ein anderer Ort die Geschichte der deutschen Wissenschaft im 20. Jahrhundert. 1929 als Gäste‑ und Tagungshaus der Kaiser‑Wilhelm‑Gesellschaft eröffnet, war es von Beginn an mehr als ein Konferenzzentrum: Es wurde zu einem internationalen Salon der Forschung, einem Ort, an dem sich wissenschaftliche Neugier, gesellschaftliche Debatten und persönliche Begegnungen verdichteten. Schon in den frühen Jahren trafen hier Forscherinnen und Forscher aus aller Welt aufeinander, diskutierten bis spät in die Nacht und prägten das geistige Klima eines Viertels, das man nicht zufällig das „deutsche Oxford“ nannte.

Der Journalist Michael Kröher hat diese besondere Atmosphäre in seinem Buch „Der Club der Nobelpreisträger“ eindrucksvoll rekonstruiert. Er zeigt, wie das Harnack‑Haus zu einem Knotenpunkt wurde, an dem sich wissenschaftliche Spitzenleistungen und politische Entwicklungen spiegelten. Hier vernetzten sich Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Max Planck, Otto Warburg, Robert Millikan, Werner Heisenberg oder Fritz Haber – insgesamt waren im Laufe der Jahre 35 Nobelpreisträger zu Gast. Kröher beschreibt das Haus als lebendiges Dialogforum, in dem nicht nur Fachleute, sondern auch interessierte Laien teilnahmen, wo Vorträge, Diskussionen und gesellige Abende ein Klima gegenseitigen Vertrauens entstehen ließen. Doch es gab auch Brüche: Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich das Klima spürbar. Die Kaiser‑Wilhelm‑Gesellschaft wurde gleichgeschaltet, antisemitische Säuberungen griffen um sich, und im Harnack‑Haus mischten sich nun NS‑Funktionäre unter die Gäste. Gleichzeitig liefen hier weiterhin wissenschaftliche Gespräche, Kooperationen und Entscheidungen, die – wie im Fall der Flucht Lise Meitners – über Leben und Tod entscheiden konnten. Wissenschaft, Macht und gesellschaftliche Verantwortung waren eng miteinander verwoben. Heute ist das Harnack‑Haus die Berliner Tagungsstätte der Max‑Planck‑Gesellschaft – modernisiert, aber mit spürbarer historischer Tiefe. Genau diese Spannung macht das Harnack‑Haus bis heute zu einem der faszinierendsten Orte im Dahlemer Wissenschaftsviertel.

Dem Erinnerungsort Ihnestraße 22 wird in dem Buch „Dahlemer Erinnerungsorte“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Mittlerweile ist er ein zentraler Gedenk‑ und Lernort zur Geschichte des Kaiser‑Wilhelm‑Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI‑A), das von 1927 bis 1945 dort untergebracht war. Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Forschung entstand eine gängige Praxis , die von Rassismus, Entgrenzung und Entmenschlichung geprägt war. Menschen wurden hier systematisch vermessen, klassifiziert und bewertet – oft gegen ihren Willen. Die Forschung zielte darauf ab, vermeintliche „erbbiologische“ Unterschiede festzuschreiben und daraus politische Maßnahmen abzuleiten. Diese pseudowissenschaftlichen Konzepte lieferten die Legitimation für Zwangssterilisationen, Entrechtung, Verfolgung und letztlich den Massenmord an als „minderwertig“ definierten Gruppen. Besonders betroffen waren Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, Jüdinnen und Juden sowie andere Minderheiten.

Die Ausstellung zeigt auf vier Etagen und im Außengelände sowohl die Perspektiven der damaligen Wissenschaftler als auch die Stimmen und Schicksale der Betroffenen. Gleichzeitig sieht man, wie die Institution nach 1945 weitergenutzt wurde und wie lange es dauerte, bis die Verbrechen wissenschaftlich und gesellschaftlich aufgearbeitet wurden. 1948 übernahm die neu gegründete FU das Gebäude. Zunächst hatte hier die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ihren Sitz. In den Nebengebäuden führten zu dieser Zeit ehemalige Institutsmitarbeiter wie Hans Nachtsheim und Hermann Muckermann ihre Forschungen fort. Heute befinden sich hier verschiedene Arbeitsbereiche des Politikinstituts. Im Erdgeschoss gibt es einen Hörsaal für Vorlesungen und Seminare, der noch aus der Zeit des Kaiser-Wilhelm-Instituts stammt. Im Untergeschoss befinden sich mehrere Seminarräume sowie das studentische „Rote Café“.

Für einen Besuch der Ausstellung reicht die Zeit heute nicht, aber das hole ich auf jeden Fall noch nach. Jetzt eile ich dem U-Bahnhof Freie Universität entgegen in einer Gefühlsmischung aus „Wird schon!“ und „Ich bin so aufgeregt!“ Welche Fragen wird mir Arndt Breitfeld stellen? Wie peinlich wäre es, keine vernünftige Antwort parat zu haben, statt Hirn Vakuum im Kopf zu haben oder Unsinn zu reden? Es ist eine Live-Sendung – jedes Wort findet gnadenlos Gehör. Ich habe mir einen siebenseitigen Spickzettel im A4-Format angelegt mit Stichpunkten zu besonderen Erlebnissen und Begegnungen, die ich bis jetzt hatte, Empfehlungen, Sehenswertem und außergewöhnlichen Kommentaren auf Social Media, aber natürlich ist die Verwendung desselben völlig indiskutabel. Also versuche ich in den fünf Minuten, die mir noch bleiben, alles auswendig zu lernen – sinn- und ergebnislos, was ich logischerweise schon vorher wusste.

Die sechsköpfige Crew von „Der Tag“ wuselt schon schwer beschäftigt im und um den Transporter herum, als ich ankomme und staunend zur Kenntnis nehme, wie viele Männer heute Abend mit mir wandern gehen werden und was an Technik nötig ist, um alles so normal aussehen zu lassen, wie es tatsächlich dann auch ist. Kameras natürlich, ein wie eine Malerrolle aussehendes Mikrofon, Licht, Stative usw. Alles wird startklar gemacht inklusive Verkabelung, die Standleitung zum rbb-Studio steht, in dem ab 18 Uhr Bettina Tietjen zu Gast sein wird. Kurze Instruktionen werden erteilt, letzte Absprachen getätigt, spontane Entscheidungen getroffen, und das alles trotzdem entspannt, routiniert, freundlich und erwartungsvoll.

Jemand zählt die Minuten bis zum Start runter, dann positionieren Arndt und ich uns an der verabredeten Stelle, alle wünschen sich (angelehnt an den Brauch des „Toi, Toi, Toi!“ und dreimal über die Schulterspucken) einen erfolgreichen Dreh und dann gehts auch schon los. In der ersten Sequenz werde ich kurz vorgestellt. Wir sprechen über den Plan für heute und spekulieren, ob unterwegs jemand mit uns reden will oder nicht. Ich sage „Ja“, Arndt sagt „Nein“. Nach drei Minuten ist der Anfang gemacht und alle sind total happy, wie toll das gelaufen ist. Das macht mir Mut für die nächste Übertragungssequenz, und bis es soweit ist, wandern wir natürlich im Pulk weiter mitsamt der ganzen Technik.

Ich biete Arndt Breitfeld das „Du“ an, denn das macht die Kommunikation viel einfacher, unkomplizierter und lockerer, bin mir aber nicht sicher, ob das so mitten in einer Sendung auch nach außen hin möglich ist, doch Arndt ist begeistert und teilt seine Freude gleich beim nächsten Dreh mit dem Publikum. Bald fühlt sich unser Spaziergang so normal an, dass die Kameras völlig aus meiner Wahrnehmung verschwinden. Nur zweimal trete ich ins sprachliche Fettnäpfchen und bin mir dessen sofort bewusst, nachdem die Wörter aus mir rausgepurzelt sind: Ich rede von amerikanischen „Besatzern“ und bezeichne die Einfamilienhaus-Siedlungen in Marzahn-Hellersdorf im Vergleich zu denen in Steglitz-Zehlendorf als schlicht. Doch Arndt – geübt im Umgang mit solchen Fauxpas – rettet die Situation jeweils sehr charmant, indem er mir die besseren Formulierungen lächelnd zuspielt. In einer Pause ist ein Batteriewechsel nötig und irgendetwas klappt nicht wie gewohnt. Währenddessen rückt aber die nächste Live-Schaltung gnadenlos näher. Ich bewundere die Männer, wie ruhig sie trotzdem bleiben und im letzten Moment dann startklar sind. Natürlich gibt es für alles einen Plan B, aber trotzdem klettert der Adrenalinspiegel in einer solchen Situation nach oben zumal der Rest drum herumsteht und gespannt die noch verbleibenden Minuten beobachtet.

 Arndt versichert immer wieder, dass ich einfach mein Ding durchziehen kann, ohne Rücksicht auf meine Begleiter. Sie würden mir ohne Murren überall hin folgen. Denn schließlich habe ich noch ein paar Straßen offen und eine davon muss doppelt begangen werden, also hin und zurück. Klaglos hören alle auf mein Kommando, sechs Männer – schwer bepackt mit allerlei technischem Equipment pilgern eine Straße hoch und runter und tanzen nach meiner Pfeife! Wann kann man das schon mal erleben? Wir kommen an sehr merkwürdigen Häusern vorbei, die ich fotografieren möchte. Kein Problem. Wenn ich stoppe, halten alle anderen auch an. Zumindest ich habe meinen Spaß, aber ich denke, die anderen auch.

So nähern wir uns dem idyllischen Dreipfuhlpark und der gleichnamigen Siedlung, die auf den ersten Blick an ein Bungalowdorf erinnert.

Die Siedlung stammt aus der Zeit der amerikanischen Präsenz im Berliner Südwesten – ein Stück „Klein‑Amerika“, das sich bis heute deutlich vom umliegenden Villenviertel abhebt. Entstanden ist sie 1956/57, als die USA nach Beginn des Kalten Krieges von einer kurzfristigen Besatzung zu einer langfristigen Stationierung übergingen. Während einfache Soldaten in mehrstöckigen Wohnblöcken am Hüttenweg oder in Düppel untergebracht wurden, entstand am Dreipfuhl eine gehobene Wohnanlage, die ausschließlich höheren Dienstgraden vorbehalten war. Die eingeschossigen Bungalows entlang des Dreipfuhls dienten Generälen und hohen Offizieren, während die zweigeschossigen Duplex‑Häuser in der Ripleystraße für Stabsoffiziere vorgesehen waren. Finanziert wurde der Bau – wie alle alliierten Wohnanlagen – aus dem Etat der Besatzungskosten, den die Bundesrepublik tragen musste. Nach dem Abzug der amerikanischen Bewohner im Jahr 1994 gingen die Häuser deshalb in Bundesbesitz über und wurden bevorzugt an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bundesbehörden vergeben.

Städtebaulich folgt die Siedlung dem Leitbild amerikanischer Vororte der 1950er‑Jahre: breite Einfahrten, offene Vorgärten, fließende Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Raum und eine klare, funktionale Architektur, die sich bewusst vom traditionellen Dahlemer Villenstil absetzt. Die hufeisenförmige Straßenführung orientiert sich an einer natürlichen, bis zu sieben Meter tiefen eiszeitlichen Senke, die 1928 als Regenrückhaltebecken zum heutigen Dreipfuhl umgestaltet wurde.

Während wir durch die Siedlung laufen, ist für ein paar Minuten auch die Kamera am Start und die Zuschauer von „Der Tag“ können uns live am Bildschirm begleiten. Genau in dieser Situation kommt uns auf der anderen Straßenseite ein junges Mädchen entgegen und Arndt ruft hinüber: „Entschuldigung, sind Sie minderjährig?“, was im Sendestudio wohl für große Erheiterung sorgt, denn eigentlich hätte er nach der Volljährigkeit fragen müssen. Aber das finde ich auch heute noch überhaupt nicht schlimm. Wichtig ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dass Minderjährige nicht ohne die Zustimmung der Eltern befragt werden dürfen, was ja auch total in Ordnung ist. Jedenfalls antwortet das Mädchen leider mit „Ja!“, so dass sie als Gesprächspartnerin ausfällt. Aber zum Glück kommt uns Karl noch während der Aufnahme entgegengeradelt. Er ist Amerikaner, wohnt hier und seine Kinder gehen auf die J.-F.-Kennedy-Schule, erzählt er uns. So ist es nun doch noch gelungen, wenigstens einen Anwohner in die Sendung einzubeziehen. High Five auf diese Aufnahme!

Nun fehlt mir noch eine kleine Straße. Arndt läuft sie mit mir ab, vorbei an einem wunderschönen Birkenwäldchen bis hin zu einem sehr alt wirkenden Feldsteinbau. Die anderen pausieren derweil entspannt.

Wieder zurück, bedanken sich alle für diese unkomplizierten 1,5 Stunden und auch ich bin sehr glücklich, dass alles so gut gelaufen ist. Hier sieht man das Ergebnis:

Nach diesem ereignisreichen Tag verabschieden wir uns voneinander mit dem unbedingten Versprechen, die letzte Tour dann wieder gemeinsam zu absolvieren. Auf Instagram wurde kommentiert:

  • Ich hatte so viel Spaß gestern, den Beitrag zu schauen. Die Kombi aus Renate Zimmermann und Arndt Breitfeld ist einfach entzückend.
  • Es läuft bei Renate! Schöne Sache. Keine Scheu! Sag ruhig „Besatzer“, das ist der richtige Ausdruck. Bis zum Abzug in den 1990ern wurde die oberste Regierungsmacht Westberlins von den Besatzungsmächten ausgeübt. Das war halt so, hat die Stadt geprägt und ihr nicht geschadet. Heute klingt „Besatzer“ manchmal komisch und der Begriff wird auch missbraucht, um diejenigen zu diskreditieren, die Deutschland von den Nazis befreit und Berlin 45 Jahre beschützt haben… Die Wortwahl „Besatzer“ oder „Alliierte“ ist wertfrei und historisch beschreibend. Nicht verunsichern lassen!…
  • Danke, liebe Renate Zimmermann, die Dreipfuhlsiedlung, von der ich nie zuvor gehört habe, steht jetzt auf meiner Berlin-Entdeckungs-Wunschliste!
  • Sehr sympathischer Spaziergang, geht ihr in Serie? So einmal pro Bezirk?

Über den letzten Punkt denken wir jetzt nach!

Die nächste Wanderung findet erst am 14. April statt.

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17. und 19. März 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Telefunkensiedlung, Heinrich-Laehr-Park, vier Kirchen, zwei Schulen, zwei Friedhöfe, viele Tiere, Freizeitstätte Süd, Stadtgrenze, zwei Begleiterinnen und zu Gast im Radio
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19. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Zehlendorf) | Dichterviertel, Krumme Lanke (See), Waldsiedlung Krumme Lanke und der rbb
Erkundung des Dichterviertels, Überquerung der Fischerhüttenstraße, Filmaufnahmen im Quermatenweg, SS-Kameradschaftssiedlung und Umrundung der Krummen Lanke
17. Februar 2026 | Charlottenburg-Wilmersdorf | Jungfernheide, Heckerdamm mit Ausblick, Pfad der Erinnerung, ein Kloster und viele Gegensätze
Ein Tag rund um den Heckerdamm in Begleitung der Charlottenburger Baugenossenschaft eG
12. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Nikolassee) | Havelchaussee, Lindwerder, Grunewaldturm, Kronprinzessinnenweg, eine Kurve, viel Wald und zu viel Wasser
"Willst du geliebt werden, so musst du liebenswürdig sein; ein schönes Gesicht allein tut´s nicht." (Ovid) – Kalenderspruch des Tages Heute muss ich mit meinem Bericht ausnahmsweise schon bei der …
10.02.2026 | Steglitz-Zehlendorf (Nikolassee) | Grenzkontrollpunkt Dreilinden, nochmal Waldfriedhof Zehlendorf, Yehudi-Menuhin-Park, Gartenstadt Düppel, Museumsdorf Düppel, FU-Gelände und eine Reporterin
Das Tauwetter erleichtert das Vorwärtskommen. Die heutige Tour ist sehr abwechslungsreich. Wald, Siedlungen, Wohnblocks, Parks, Pferdekoppeln und -klinik, FU-Gelände und JVA.
05. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Nikolassee) | Wonnegauviertel, Waldfriedhof Zehlendorf, Viertel westlich davon
Bei diesigem Wetter unterwegs durch das Wonnegauviertel entlang etlicher Siedlungen, einer katholischen Kirche, einer gruseligen Grundschule, dem ehemaligen Düppel Center über den Waldfriedhof Zehlendorf bis zum Mauerweg.
03. Februar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Schlachtensee, Seeschlag, Schlachtensee-Ost und fünf Begegnungen
In Begleitung des Morgenpost-Reporters genieße ich den Blick über den vereisten Schlachtensee und setzt meine Straßenwanderung durch Schlachtensee fort.
29. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Nikolassee, Hohenzollernplatz bis Rehwiese, Schlachtensee-West und drei Gespräche
Erstmals komme ich unterwegs mit mehreren Menschen ins Gespräch und lerne wieder viel dazu über Nikolassee und Schlachtensee.
27. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Villenkolonie Wannsee | Strandbad Wannsee | Schwanenwerder | Spinnerbrücke
"Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache." (Franz Kafka) – Kalenderspruch des Tages Gäbe es nicht die mir selbst auferlegte Verpflichtung, …
22. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf | Forst Düppel | Revierförsterei | Alte Stammbahn | Nibelungenviertel
Wanderung durch den Düppelner Forst bis Dreilinden, dann durch das Nibelungenviertel in Nikolassee bis zur Autobahn und am Seeufer zurück zum S-Bhf. Wannsee.
19. Januar 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Wannsee) | Schäferberg mit Funkturm, Volkspark Klein-Glienicke, Schloss und Jagdschloss Glienicke, Böttcherberg, Glienicker Brücke, Königstraße
Tagesetappe Königstraße, Schäferberg mit Funkturm, Glienicker Brücke, Schloss Glienicke, Volkspark Klein-Glienicke, Jagdschloss Glienicke, Böttcherberg