„Gleich wenn der Winter-Schnee auftauet und man den bloßen Leib der Erde zum ersten Mal wieder sieht, fängt diese Viel-Schönheit an…“ (Matthias Claudius) – Kalenderspruch des Tages
Viel-Schönheit – was für ein wunderbares Wort! Es fasst perfekt zusammen, weswegen das Laufen durch Berlin so einen Spaß macht. Auch auf den ersten, flüchtigen Blick „Nicht-so-Schönes“ entpuppt sich später oft als bedeutend, siehe die Panzerkreuzer-Häuser im Jungfernheideweg in meinem letzten Bericht. Heute aber ist alles schön – das Wetter, die Landschaft, die Häuser und mein Aufstieg zum Fernseh-Star dank Arndt Breitfeld.
Da ich mich wegen der Übersichtlichkeit an Ortsteilgrenzen orientiere und zuletzt in Schlachtensee unterwegs war, habe ich das Dichterviertel bisher nur zur Hälfte gesehen, denn der andere Teil gehört zu Zehlendorf, das nun in den nächsten Wochen mein Betätigungsfeld sein wird. Aus diesem Grund vollende ich heute das Gebiet zwischen Argentinischer Allee und Fischerhüttenstraße. Goethe, Schiller, Kleist und Klopstock wären vermutlich genauso begeistert wie ich von den prächtigen Villen, die sich rechts und links der kopfsteingepflasterten Straßen dem Betrachter würdevoll präsentieren.
Auch hier ist mir die bewundernswerte Häuserdokumentation von Henning Schröder eine große Hilfe. Ich kann allen, die auf Villen – Entdeckungstour gehen wollen, seine Bücher empfehlen, in diesem Fall „Zehlendorf-West: Häuser und Bewohner der Villenkolonie“. Um einen Eindruck zu vermitteln, was man dort alles erfährt, habe ich die Bilder teils untertitelt. Über zwei der hier abgebildeten Häuser erfährt man überdies folgende Zusatzinformationen:
Goethestraße 37: Gustav Winkler entwickelte 1920 ein Einspurauto. Der Waffenhersteller Mauser-Werke AG übernahm die Konstruktion, entwickelte sie weiter und brachte sie 1921 als „Mauser-Einspurauto 2/6 PS“ auf den Markt. Es war ein Auto auf zwei Rädern, eins vorne, eins hinten, sowie zwei seitlichen Stützrädern, die während der Fahrt hochgeklappt wurden. Der Motor war unter dem Rücksitz angeordnet und trieb über eine Kette das Hinterrad an. Das Fahrzeug bot zwei Personen hintereinander Platz. Als Mauser 1926/27 die Produktion einstellte, erwarb Gustav Winkler den Restbestand an Teilen, entwickelte das Fahrzeug weiter und vermarktete es als „Winkler Einspurauto“. 1929 endete die Produktion.
Kleiststraße 4:

An diesem Beispiel zeigt sich, dass auch schöne Häuser eine dunkle Vergangenheit haben können. Ich musste erst einmal googeln, was sich hinter der Gutehoffnungshütte verbirgt. In der Person Martin Blanks bestätigt sich die traurige Tatsache, dass die Industrie die Macht des Nationalsozialismus erst möglich machte und viele der Drahtzieher nach 1945 unbeschadet weiter mitmischten in der Politik.
Bei diesem Haus fällt mir nur ein: Mut zur Farbe!

Hier spricht Mies van der Rohe zu uns:


Wieder auf der Fischerhüttenstraße, nutze ich die Gelegenheit, ihr bis zum U-Bhf. Krumme Lanke zu folgen und entlang des Krankenhausgeländes „Waldfriede“ zurückzulaufen zum Quermatenweg.
Auch hier wohnt es sich bestimmt schön:

Noch vertieft in diese Überlegungen, meldet sich Arndt Breitfeld vom rbb bei mir mit der Bitte, ihm meinen Standort zu schicken. Dass es heute tatsächlich klappt, habe ich am Morgen erfahren und freue mich auf einen weiteren Dreh mit ihm. Schon zum dritten Mal werde ich in der Abendschau zu sehen sein! So viel mediale Zugewandtheit überrascht mich, denn auch im Tagesspiegel wird demnächst ein Artikel erscheinen. Aber natürlich bin ich sehr dankbar dafür, weil auf diese Weise viele Menschen von meinem Fußmarsch erfahren und eventuell meine Erlebnisse genauso interessant finden wie ich. Oder, neugierig geworden, sich selbst auf den Weg machen. Mit der Erweiterung des räumlichen Horizontes wächst auch der geistige und die Toleranz gegenüber anderen Lebenswelten, davon bin ich überzeugt.
Es dauert nicht lange, bis mich der Kameramann und Arndt Breitfeld aufspüren. Unsere Sympathie füreinander und die trotz eisiger Kälte große Vorfreude auf die nächste Stunde ist unschwer zu erkennen:
Passanten beäugen uns neugierig und überlegen, was an mir wohl so interessant sein könnte, dass der rbb mich wortwörtlich auf Schritt und Tritt mit der Kamera verfolgt. Manche weichen unsicher aus oder bleiben stehen, um nicht ins Bild zu geraten. Aber Arndt Breitfeld winkt alle freundlich durch. Die Straße gehört mir schließlich nicht alleine! Nachdem ich verkabelt bin, gehts los und ich bemühe mich, den Anweisungen scheinbar unaufgeregt Folge zu leisten, schließlich bin ich mittlerweile Profi! Immer wieder werde ich sanft ermahnt, nicht so schnell zu laufen, langsam zu fotografieren, meinen Blick länger auf den kleinen Entdeckungen am Rande oder dem Stadtplan in meiner Hand ruhen zu lassen.
„Das Fernsehen ist langsam!“, witzelt der freundliche Kameramann. Auch ein Batteriewechsel gehört dazu:

Arndt läuft auf Höhe seines Kollegen, stellt mir Fragen oder bittet mich, ihm dieses und jenes zu erzählen. Meine Antworten gebe ich anfangs leider immer wieder der Kamera statt ihm, dann müssen wir das Ganze wiederholen. Aber ich bin ja lernfähig. „Sie machen das super, Frau Zimmermann!“, motiviert er mich, während ich mich bemühe, betont entspannt zu schlendern, obwohl ich das Gefühl habe, gleich tiefgefroren zu sein. Aber nur äußerlich, denn die lockere Art der beiden lässt mich auftauen und ich wäre jetzt bereit, in Spielfilmlänge weiterzuplaudern. Langsam nähern wir uns der Stelle Quermatenweg / Ithweg, wo 1975 der CDU-Politiker Peter Lorenz von der Terrororganisation Bewegung 2. Juni entführt wurde. Eine Gedenktafel weist darauf hin, was damals an dieser Stelle passiert ist und dass die Bundesregierung unter Helmut Schmidt auf die Forderung, inhaftierte Terroristen auszufliegen, eingegangen war.

Eine Frau kommt uns entgegen und ruft: „Ich will aber nicht in die Abendschau!“ Doch Arndt Breitfeld schafft es, sie in ein freundliches Gespräch zu verwickeln, in dem es auch um Peter Lorenz geht: „Können Sie sich daran erinnern?“ „Natürlich!“, ruft sie. „Wir waren damals im Urlaub und durften nicht zurückfliegen. Uns wurde ein Hotelzimmer zur Verfügung gestellt. So hatten wir einen Tag länger Urlaub. Das war schön!“ Tja, für die einen wars schön, für die anderen der Horror. „Aber meinen Namen sagen Sie da nicht!“, befiehlt sie resolut, verrät ihn dann aber doch mit einem Augenzwinkern.

Wir verabschieden uns von ihr, und auch die Dreharbeiten neigen sich dem Ende entgegen. Ich widme mich weiter der Siedlung am Quermatenweg, während die beiden zum Auto zurückgehen, um die Aufnahmen rechtzeitig für die Abendschau zum Sender zu bringen. Da muss ja noch eine Menge rausgeschnitten und bearbeitet werden. Nur ein paar Schritte weiter werde ich auf eine Berliner Gedenktafel für Ingeborg Drewitz aufmerksam, Schriftstellerin und Namensgeberin der Bezirkszentralbibliothek von Steglitz-Zehlendorf:


Übrigens bin ich bisher an keiner einzigen Bibliothek vorbeigekommen. Nur in Nikolassee fiel mir eine Haltestelle für den Bücherbus auf, der vermutlich auch Wannsee und Schlachtensee bedient.
Ganz in der Nähe, in den 20er Jahren von der GAGFAH angelegt, befindet sich das Gebirgsviertel. Hier sind die Häuser zweigeschossig und wirken nicht so verspielt wie die der Waldsiedlung, die ich danach besuche. Die Straßenzüge verlaufen parallel und sind deswegen einfach zu überschauen, trotzdem sehe ich im Nachhinein mit Schrecken, dass ich zwar lange am Ithweg stand mit dem Fernsehteam, ihn aber nicht abgelaufen bin. Die Frage „Was nun?“ erübrigt sich. Ich muss statt nachsitzen nachlaufen, denn sonst kann ich am Ende nicht behaupten, ALLE Straßen mit den Füßen erobert zu haben.
Die Verlängerung der Straßenführung über den Eschershauser Weg hinweg führt in eine völlig andere Welt. Man spürt, dass hier eine klare Linie gezogen wurde als Übergang zur Onkel-Tom-Siedlung:
Auch für mich bedeutet das für heute in diese Richtung: STOPP!
Nun gehts weiter zur Waldsiedlung an der Krummen Lanke. Sie wirkt heute wie ein stilles, beinahe idyllisches Wohnquartier – doch ihre Entstehung ist untrennbar mit der Geschichte des Nationalsozialismus verbunden. Zwischen 1937 und 1940 ließ die GAGFAH die Siedlung als SS‑Kameradschaftssiedlung errichten, gedacht als geschlossene Wohnanlage für Angehörige der in Berlin ansässigen SS‑Hauptämter. Die Lage am Wald, die kleinteilige Architektur und die bewusst dörflich wirkende Struktur sollten ein idealisiertes Gemeinschaftsbild vermitteln, das der Ideologie des Regimes entsprach. Viele der ersten Bewohner gehörten zur Führungsebene der SS oder waren Angestellte der Reichsversicherungsanstalt. Ich durchstreife die kleinen Straßen und schwanke zwischen „Ist das hier friedlich und schön!“ und der Vorstellung, wie der Alltag der Erstbewohner wohl abgelaufen ist, wie morgens die Männer in Uniform und als Schreibtischtäter in ihre Autos gestiegen sind, über Leben und Tod tausender Menschen verfügt haben und abends als liebevolle Väter in ihr kleines, familiäres Paradies zurückgekehrt sind. Die Lage ist ideal, es gibt waldähnliche Parkanlagen und ein kleines Gewässer namens Vierling, die Krumme Lanke und der Schlachtensee sind fußläufig erreichbar. Mitten in der Waldsiedlung, verborgen zwischen den geschwungenen Wegen und den zurückhaltenden Reihenhäusern, liegt ein Ort, der heute kaum mehr als eine unscheinbare Lichtung ist. Heinrich Himmler hatte vor, dort einen sogenannten Thingplatz anzulegen, einen gemeinschaftsstiftenden Ort, der an die vermeintlich germanische Tradition der Volksversammlungen anknüpfen sollte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandelte sich das Bild der Siedlung grundlegend. In die Häuser zogen Geflüchtete, Verfolgte des NS‑Regimes und Menschen, die in Berlin ein neues Zuhause suchten. Die nationalsozialistischen Straßennamen wurden in der Nachkriegszeit systematisch ersetzt. Das gesamte Ensemble – Gebäude, Grünflächen, Wege und Straßen – steht seit 1992 unter Denkmalschutz. Die vielen, sehr kleinen Straßen haben nach 1945 fast alle neue Namen bekommen. Sie hießen vorher Treuepfad, Mütterstraße, Ahnenzeile, Führerplatz usw. Nur Himmelsteig und Im Kinderland wurden nicht verändert. Es sind so viele, dass sie nur schwer lesbar sind auf dem Plan, weswegen ich mich treiben lasse, bis ich das Gefühl habe, alle abgelaufen zu sein. Die Siedlung reicht bis an die Argentinische Allee. Als ich dort aus dem Bullerbü des Dritten Reiches trete, fühlt es sich an wie das Ende einer Zeitreise.
Das städtische Leben hat mich kurz zurück, ich widerstehe den Verlockungen eines Cafés, entdecke das Wohnhaus des Gründers der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz Gerhard Schoenberner und verkrümele mich gleich wieder am Selmaplatz durch eine Unterführung in die Siedlung dahinter, denn auch die Argentinische Allee braucht zusammen mit der Onkel-Tom-Siedlung einen extra Tag. Ein paar Straßen fehlen noch, u.a. der Wasserkäfersteig mit dem Gebäude des ehemaligen Berlin Document Centers (1945-1994), das in das Bundesarchiv übergegangen ist. In der Hermannstraße lohnt sich ein Blick auf das Haus Perls, ein frühes Wohnhaus von Ludwig Mies van der Rohe.

Aber auch andere Schmuckstücke lenken die Aufmerksamkeit mühelos auf sich:
Nun kommt zum Abschluss die Belohnung, die Kür. Eine Runde um die Krumme Lanke bei idealem Winterwetter. Ein Blick auf mein Handy sagt mir, dass es sich wohl in Kürze verabschieden wird, wenn ihm weiterhin die Stromzufuhr verweigert wird. Es hängt zwar an der Powerbank, doch das Kabel hat einen Wackelkontakt und ist nur in einer bestimmten Position willig, seinen Dienst zu leisten. Da ich unbedingt die Umrundung des Sees auf der Tracking-App dargestellt sehen will, setze ich mich auf eine Bank, suche mit vor Kälte erstarrten Fingern den Winkel, der das Aufladen möglich macht und bewege mich minutenlang nicht mehr. 9% sind geschafft. Das muss reichen, ich darf bloß nicht trödeln! So angetrieben, erreiche ich meine persönliche Geschwindigkeits-Bestmarke: 6,43 km/h. Man muss nur wollen! Das Handy hält durch, sogar für ein paar Fotos reicht die Energie:
Ich schaffe es gerade noch, alles zu speichern, dann ist es tot. Egal, denn ich will ja nun schleunigst nach Hause, um die Abendschau nicht zu verpassen. Arndt Breitfeld hatte mir zwischendurch noch eine Nachricht geschickt, dass der Beitrag gesendet wird und dank mir wunderschön geworden wäre. Gespannt wie ein Flitzebogen sitze ich punkt 19:30 Uhr vorm Fernseher und fiebere dem Moment entgegen:
Es ist wirklich ein gelungener Beitrag, aber in der Hauptsache ist das dem Kameramann und Arndt Breitfeld zu verdanken. Kaum hat sich mein Glückstaumel gelegt, fängt mein Handy an zu glühen. Freundschaftsanfragen auf Facebook, ca. 50 neue Follower auf Instagram, 35 neue Abonnenten meines Blogs und etliche Mails zeigen, dass offenbar großes Interesse an meinem Vorhaben besteht. Ich freue mich so sehr und möchte mich bei allen bedanken, die mich dadurch unterstützen.
Wie ich schon angedeutet habe, geht es bald nahtlos weiter mit dem Tagesspiegel. Der Journalist Sönke Matschurek wird mich am 26.02.2026 durch Steglitz Zehlendorf begleiten und hatte mich gefragt, ob ich ihm auch meinen Heimatstadtbezirk Marzahn-Hellersdorf zeigen würde. Nichts lieber als das! Also habe ich eine Tagestour zusammengestellt mit dem Besuch meiner Lieblingsorte und mit Sönke am 20.02. eine lange Wanderung unternommen. Wir waren in der Heinrich-von-Kleist-Bibliothek, dem Bürgerpark, dem Hochzeitspark, exemplarisch in einem parkähnlichen Hof, im Papiertheater, bei meinen Lieblingsfriseurinnen „Mädels ohne Abitur – Aber Haare könnse!“, in der Mark-Twain-Bibliothek, im Dorf Marzahn mit Windmühle, haben das Café Engel besucht, sind durch die Marzahner Promenade flaniert, haben den Ahrensfelder Berg bestiegen und die Aussicht genossen, das prunkvolle Theater „Grüne Bühne“ bestaunt und haben den Tag bei einer Tasse Kaffee in meinem Zuhause abgerundet. Viele Gespräche, Antworten auf spannende und tiefgründige Fragen bilden nun die Basis für den zweiten Wandertag. Vermutlich kennt mich Sönke Matschurek danach besser als ich selbst!
Dazwischen liegt aber noch der Dienstag, an dem mir Dirk Jordan sehenswerte Details rund um den Mexikoplatz zeigen wird. Ich freue mich darauf!




























































