„Meiner Seel, ´’s is a fürcherlichs G’fühl, wenn man selber nicht weiß, was man will!“ (Johann Nestroy)
Aus: Tag für Tag. Weltliteratur zum Abreißen 2026 von Reclam
Lange habe ich nur davon geredet – nun ist es soweit. Mein Mammut-Projekt beginnt. Merkwürdigerweise schien ich sehr aufgeregt zu sein, denn die Nacht vorher war sehr unruhig und um 6 Uhr zu Ende. Als hätte ich eine Weltreise vor mir! Stattdessen bewege ich mich ja nicht einmal aus Berlin heraus. Wie geplant, verlasse ich um 8 Uhr meine Wohnung und komme auf den ersten Metern schon ins Schlittern. Vorsichtig tapse ich übers Eis auf dem Gehweg und reguliere mein Tagesziel von 15 km gleich mal auf 10 runter. Nun bleibt zu hoffen, dass mich die BVG wie geplant ans Ziel bringt. Zunächst ist am Ostbahnhof Schluss, von dort sollte sich nahtlos ein Regio bis Wannsee anschließen. Das klappt schon mal nicht „aufgrund fehlender Bereitstellung eines Zuges“, wie ich erfahre. Die Wartezeit nutze ich für einen Abstecher zu SANIFAIR, denn ich traue meiner Blase zu, mich unterwegs in arge Schwierigkeiten zu bringen. Eigentlich müsste man einen € ausgezahlt bekommen als Belohnung, dass man den bestialischen Gestank dort ausgehalten hat. In Wannsee mit dem nächsten, im Schritttempo fahrenden RE1 angekommen, sehe ich den 118er Bus vorfahren, dessen Fahrer allerdings keinen Wert auf mich als Fahrgast legt und losfährt, als ich angehechelt komme. Egal. Ich beäuge den Fahrplan, als mir eine Dame mitteilt, dass der Bus gerade weg ist und der nächste in 20 min. kommt. Gleich darauf entschuldigt sie sich mehrmals, dass sie ungefragt Auskunft gegeben hat und ist nicht zu besänftigen. „Immer mische ich mich ein! Ich bin einfach permanent im Auskunftsmodus!“ Während meiner Beteuerungen, dass mich das nicht gestört hätte, kommt schon der nächste 118er und ich steige erfreut, aber auch verwundert ein, denn es sind höchstens 3 min. vergangen. Ich fahre und fahre, erfreue mich an der Winterlandschaft und merke erst ziemlich spät, dass dieser Bus zwar zunächst an der gleichen Haltestelle und in die gleiche Richtung gefahren ist wie der vorherige, nun aber das Endziel Krumme Lanke hat. Da stimmt doch was nicht? Ich steige aus, verstehe nicht, was ich falsch gemacht habe, fahre zurück und beginne nochmal von vorne. Dieses Mal klappt es und so komme ich mit einer Stunde Verspätung um 11 Uhr in Steinstücken an. Nach wenigen Metern stehe ich schon an der Landesgrenze und hinterlasse dort einen der kleinen, süßen Aufkleber, die mir von meiner Schreibwerkstatt zum Spuren legen mit auf den Weg gegeben wurden:
Natürlich habe ich mir das alles ganz anders vorgestellt, irgendwie dörflicher, ruhiger, überschaubarer. Stattdessen ist die Bernhard-Beyer-Straße vielbefahren und eine Durchgangsstraße nach Potsdam. Was ich auch nicht bedacht habe – die Grenzen zwischen Berlin und Potsdam sind fließend, so dass ich diese ständig überschreite und kostbare Schritte an Brandenburg „verschwende“. So befindet sich z.B. das Oberlinhaus in Potsdam:

In meiner Einfalt dachte ich, dass ich intuitiv die paar wenigen Straßen von Steinstücken abhaken kann, doch ich muss ständig die Karte rausziehen und auch das Handy, um meinen Standort zu ermitteln. Das nervt ein bisschen. Handschuhe aus, Handschuhe an, Karte raus aus der Tasche und wieder rein. Ich werde die nächsten Abschnitte optimieren, also eine genaue Marschroute festlegen. Zufälligerweise beginnt meine Berlinerkundung genau in dem Gebiet, das von dem schlimmen Anschlag auf das Stromnetz betroffen ist. Überall brummen die Stromaggregate, einige schippen Schnee und streuen, bauen und hämmern. Das THW, Polizei und der medizinische Rettungsdienst sind sehr präsent. In einigen Gebieten gibt es schon wieder Strom, in anderen nicht. Ich sehe einen jungen Mann, der mit einem großen Karton voller Thermoskannen unterwegs ist.
Ich entdecke interessante Häuser wie z.B. das Landhaus Bejach. Es wurde 1927-1928 vom Architekten Erich Mendelsohn für den jüdischen Arzt Dr. Curt Bejach im Stil des Neuen Bauens errichtet und gilt in seiner kubischen Form und horizontalen Fassadengliederung als Bauwerk der Neuen Sachlichkeit. 1936 wurde Dr. Bejach zum Zwangsverkauf des Hauses genötigt. Für die Inschrift auf dem anderen Foto (Toreinfahrt eines anderen Hauses) konnte ich keine Erklärung finden.
Dann biege ich in die Straße „Am Landeplatz“ ein, die in einen Spielplatz mündet und dann auch schon wieder zu Ende ist. Hier befindet sich ein Denkmal mit folgender, leider schon stark verwitterten Inschrift:
Am 3. Oktober 1990 wurde die Freiheit Steinstückens durch die deutsche Vereinigung sichergestellt. Zum Gedenken landete hier am 29. September 1990 ein letzter US-Hubschrauberflug über deutschem Luftraum. Dieses Denkmal bleibt als Zeugnis für den Willen, die Freiheit zu bewahren.
Oft gerate ich in Sackgassen und muss dann natürlich wieder zurücklaufen, wie z.B. im Malergarten. Dort befindet sich auch der Heimatverein. Dadurch komme ich manchmal zweimal an Bewohnern vorbei, die mich natürlich merkwürdig beäugen und bestimmt denken, ich bin eine der sensationslüsternen Gaffer, die sich an dem Elend der frierenden Menschen ergötzen.
Nun stehe ich schon an dem Zaun, der die Straße von der Bahnlinie abschirmt, die Steinstücken in zwei Teile trennt. Über eine Brücke erreicht man die andere Hälfte, die schnell abgearbeitet ist. Wieder zurück über die Brücke, müsste ich nun die Bernhard-Beyer-Str., die später in die Königstraße übergeht, in Richtung Wannsee laufen. Das ist die Verbindungsstraße, deren Fläche die DDR an Westberlin verkauft hatte, denn Steinstücken war eine Exklave, die von DDR-Gebiet „umzingelt“ war und demzufolge schwer zu erreichen. Ich laufe aber parallel zur Straße einen winterlichen Waldweg, der zur Parforce-Heide gehört und komme mir vor wie in Oberhof, weil auch Skilangläufer unterwegs sind.
Der Weg zieht sich, ist aber auch sehr schön und verleitet mich zu einer kleinen Pause mit Tee und Butterbrot. Schließlich erreiche ich Albrechts Teerofen mit Campingplatz, alten, urigen Häusern und einer Straße, die sich dann auch als Sackgasse entpuppt. Der Name dieser kleinen, historisch sehr alten Ortslage im Süden von Wannsee geht auf eine Teer- und Pechbrennerei aus dem 18. Jahrhundert zurück. Die Siedlung liegt isoliert zwischen Teltowkanal, Parforceheide und der brandenburgischen Grenze.
Mir begegnet ein Mann vom THW, der mich sehr misstrauisch beäugt. Ich tue so, als gäbe es nichts Gewöhnlicheres, als Häuser-fotografierend hier durch die Gegend zu schlendern. Entlang des Teltowkanals führt mich die Straße namens Kremnitzufer nach Kohlhasenbrück, vorbei am Landgut Eule, auch ein historischer Ort.

Es gehört zu den ältesten erhaltenen Forst- und Siedlungsstandorten im Südwesten der Stadt. Seine Geschichte beginnt im Jahr 1725, als König Friedrich Wilhelm I. hier ein Forstgut errichten ließ, das den Wild- und Zaunwärtern der Potsdamer Parforceheide als Unterkunft diente. Mit dem nachlassenden Interesse an der Parforcejagd unter Friedrich dem Großen wurde das Areal in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in eine Kolonistenstelle umgewandelt. Im Jahr 1850 ging das Anwesen in den Besitz eines Berliner Tischlermeisters über, der Zimmer an Sommergäste vermietete und damit eine frühe Form touristischer Nutzung einführte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die Funktion des Geländes erneut: Der preußische Staat richtete hier eine „Centrale für wissenschaftlich-technische Untersuchungen“ ein, in der unter anderem mit Sprengstoffen gearbeitet wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft das Areal und nutzte es für metallkundliche Forschung. Ab 1933 betrieb die Technische Universität Berlin auf dem Gelände das Hochspannungsinstitut Neubabelsberg, in dem Hochspannungs- und Blitzversuche durchgeführt wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlief die Sektorengrenze mitten durch das Gelände. Der größere südliche Teil lag in der sowjetischen Besatzungszone und wurde gesprengt, während der nördliche Teil – der heutige Standort des Landguts Eule – in West-Berlin verblieb und der TU Berlin zugeordnet wurde. Ab den 1960er-Jahren wurde das Gebäude von der Familie General bewohnt, die über Jahrzehnte Instandhaltungsarbeiten übernahm. 1994 ging die Verwaltung an die GSW über, doch ein langjähriger Rechtsstreit verhinderte notwendige Sanierungen, sodass das Gebäude zunehmend verfiel. Schließlich wurde es unter Denkmalschutz gestellt.
Heute ist das Landgut Eule das letzte erhaltene Gebäude des ursprünglichen Forstguts. Es wird für Wohnzwecke, Gästeunterkünfte und kleinere Veranstaltungen genutzt und bildet mit seiner Lage am Teltowkanal und seiner historischen Bausubstanz ein besonderes Ensemble im Berliner Südwesten.
Entlang der Straße kann man sich mittels Infotafeln weiterbilden zur Nutzung des Teltowkanals:
Ein alter Bahntunnel bildet das Einfallstor nach Kohlhasenbrück, in dem folgende Inschrift gerade noch so zu erkennen ist: „Dieser Jahresstein entstammt dem gewölbten Bauwerk für die erste preußische Eisenbahnlinie, das i.J. 1926 umgebaut wurde.“

Kohlhasenbrück ist sehr überschaubar und ich bin schnell durch:
Entlang der Kreisstraße und später Kohlhasenbrücker Straße überquere ich den Teltowkanal, rechts und links der Düppelner Forst. Ich nähere mich dem Stölpchensee, der vom Stölpchenweg umrundet wird. Das ist eine Gegend, an die ich mich erinnere, hier war ich schon einmal zu einem Betriebsausflug der Firma Bendzko Immobilien, wo ich eine Zeit lang in einem Nebenjob gearbeitet hatte. Hier beginnt sozusagen der eigentliche Ort Wannsee mit Rathaus, Kirche usw. Das wird mein Wandergebiet am Donnerstag, also das Gebiet südlich der B1. Ich arbeite schon mal ein bisschen vor, weil mein Bus, der mich wieder zum S-Bahnhof Wannsee zurückbringt, erst in 45 min. kommt. Dabei entdecke ich noch das Helmholtz-Forschungszentrum Berlin. Es betreibt eine einzigartige Protonentherapieanlage, die speziell zur Behandlung von Augentumoren ausgelegt ist. Das Gebiet geht über in den Wannsee-Forst mit einem riesigen Golfplatz.

Nun habe ich ca. 10 km zurückgelegt und freue mich auf weitere Entdeckungen.























Gratulation zum gelungenem Auftakt
Wow, es ist echt beeindruckend, was du so erlebt hast und wie toll du das mit Worten wiedergeben kannst. Sehr schön sowas zu lesen. Ich freu mich dann auch schon auf Donnerstag. Was ist dazu schönes Wetter Berichtsheft und man erfährt echt interessante Sachen die Berlin und die umgehenden Städte betrifft.
Martina
Vielen Dank, liebe Martina! Ich freue mich schon auf morgen.
Sehr spannend – und Respekt, bei dem Wetter und den Widrigkeiten des ÖPNV loszulaufen… Viele schöne Erlebnisse weiterhin!
Birgit N.
Liebe Renate,
Gratulation. Ich finde es sehr beeindruckend, dass du tatsächlich mit deinem Projekt „Street-walking Berlin“ begonnen hast und ausgerechnet in dem Stadtbezirk, wo es den großen Stromausfall gegeben hat.
Du bist so tapfer und ich finde es super.
Bin schon neugierig auf deinen nächsten Bericht am Donnerstag.
Viele Grüße Anette
Klingt nach einem sehr interessanten Spaziergang. Danke, dass wir teilhaben konnten. Aber leider irgitt werden in der Mail-Fassung die Zeilen von den Bildern überlagert. Kann man den Beitrag noch anderswo lesen? Mit freundlichen Grüßen, Birgitt Eltzel.
Wow!
Wie gehst du das an, machst du dir zwischendurch (Audio-)Notizen oder erinnerst du dich erst beim Schreiben?
Ich würde mich gar nicht in Sackgassen trauen, aus Angst, komisch beim Umkehren angeguckt zu werden. Respekt, dass du das aushältst. Hoffe du wirst jetzt nicht in THW-Interna als Mitglied der Vulkan-Gruppe geführt.
Bitte nie wieder Schritte in Brandenburg verschwenden!
Ganz liebe Grüße
Lieber Daniel,
danke für deinen humorvollen Kommentar! Habe sehr gelacht! Ja, ich brabble ab und zu mal was in mein Handy. Es sind die Details, die man schnell wieder vergisst. Schriftliche Notizen habe ich auch gemacht, aber das ist immer so kalt an den Fingern! Das mit den Sackgassen entbehrt nicht einer gewissen Komik. Einmal wollte ich mich freundlich an einem schneeschippenden Hausbesitzer vorbeidrücken, der mir dann aber mitteilte, dass es da nicht weitergeht. War wohl sein Grundstück, sah aber aus wie ein Weg. Beim Aufschreiben wundere ich mich immer, wieviel Text ich für die Beschreibung von 4 Stunden brauche. Aber es macht auch Spaß. Ich bin gespannt, ob ich das in einem Monat auch noch sage. Jetzt schreibe ich mir für morgen noch die genaue Navigation auf, so in der Art: Müllerstraße bis Schmidtstraße, dort rechts, dann links in Meiergasse usw. Ich glaube, das ist am besten. Ich bin ja noch in der Lernphase. Liebe Grüße von Renate
Sehr informativ und spannend, danke für diesen gemeinsamen Wanderausflug! Hals- und Beinbruch für die nächsten Ausflüge!
Vielen Dank! Ich freue mich, dass meine Aufzeichnungen so gut ankommen!
Liebe Renate, welch eine tolle Idee wieder einmal! So sollte der unRuhestand beginnen.
In Gedanken -und vlt später einmal in persona- mit dir
Marie-Luise und Conrad Feininger
Ich freue mich darauf!