„Wir müssen überzeugt sein, dass das Wahre die Natur hat, durchzudringen.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel) – Kalenderspruch des Tages
In Anbetracht der einen Straße, die heute auf dem Programm steht, war ich im Vorfeld der Meinung, dass es ein sehr kurzer Beitrag werden wird. Aber angesichts der vielen Orte, die ich wider Erwarten an diesem Tag kennengelernt habe, wird es wohl doch mehr zu berichten geben. Bevor ich loslege, noch ein paar Worte zu einer Neuerung. Mich erreichten Rückmeldungen mit der nachvollziehbaren Bitte, den Berichten eine Karte mit der zurückgelegten Strecke hinzuzufügen. Ab sofort wird also das Titelbild meinen Weg darstellen.
Heute gehe ich sozusagen fremd, verlasse für einen Tag Steglitz-Zehlendorf und folge einer Einladung der Charlottenburger Baugenossenschaft eG, mit Herrn Krebs aus der Abteilung Marketing / Öffentlichkeitsarbeit und Herrn Lehmann aus der Buchhaltung auf Wanderschaft zu gehen. Dafür durfte ich mir eine Straße aus der Bestandsliste aussuchen mit dem Hintergrund, gemeinsam Besonderheiten zu entdecken. Im Mitgliederjournal der Genossenschaft gibt es seit einiger Zeit eine Serie, in der die Straßen genauer unter die Lupe genommen werden, und unsere heute gewonnenen Eindrücke über den Heckerdamm finden sich dann im nächsten Magazin wieder. Da mir eine Straße zu wenig ist, bette ich unseren Termin in mein Tagesprogramm ein. Am U-Bahnhof Siemensdamm steige ich aus und stehe schon vor der ersten Merkwürdigkeit:
Schnell ist das geklärt, es handelt sich um einen von drei Luftfiltertürmen des Bahnhofs und eines Schutzraumes, der 1980 über der U-Bahnstation errichtet und im Kalten Krieg als Atombunker für ca. 4500 Zivilisten konzipiert wurde. Sie hätten sich im Ernstfall dort 14 Tage aufhalten können. Das monumentale Gebäude im Hintergrund ist Sitz der Charlottenburger Baugenossenschaft, ich habe also zufälligerweise eine Straße ganz in der Nähe der Verwaltung ausgesucht. Auf dem Jungfernheideweg nähere ich mich unseren Treffpunkt, habe aber noch viel Zeit bis zur vereinbarten Uhrzeit und schaue mich interessiert um. Zunächst bieten sich nur trostlose Anblicke, allerdings handelt es sich hier um Bauwerke von Hans Scharoun namens „Panzerkreuzer“ und dem Architekturdenkmal Siemensstadt zugehörig:
Eine Wohnanlage in der auch teils zu Spandau gehörigen Goebelstraße / Schuckertdamm begeistert mich da schon mehr:
Sie gehört auch zur Großsiedlung Siemensstadt („Ringsiedlung“) und wurde zwischen 1929 und 1931 unter der Gesamtplanung ebenfalls von Hans Scharoun errichtet. Damit werde ich mich intensiver beschäftigen, wenn ich hier direkt unterwegs bin. „Nicht heute“, muss ich mich wieder bremsen, „das ist nicht Thema des Tages!“ Brav kehre ich zurück auf den Jungfernheideweg, der übrigens seinen Namen nach den „Jungfern“ des 1239 gegründeten Spandauer Benediktiner-Nonnenklosters erhielt (Heide der Jungfern). Nun werde ich fast geblendet von den strahlend weißen Fassaden rechts und links der Straße:
Bald erreiche ich den Volkspark Jungfernheide. Schlagartig wechselt das Ambiente. Eben noch von Wohnblöcken unterschiedlichen Baustils, Epochen und Zustands umzingelt, finde ich mich, von Hunden und deren Frauchen/Herrchen mal abgesehen, fast allein im Wald wieder. In regelmäßigen Abständen laden identische Portale zum Betreten des Volksparks ein.
Ich schwenke nach links von der Straße ab und wandere durch einen idyllischen Winterwald. Sogar ein kleiner Berg lockt mich, ihn zu erklimmen (ich muss ja schließlich Höhenmeter trainieren).
Der Straße weiter folgend, komme ich an einer schicken Sporthalle vorbei und lande auf der Mäckeritzbrücke, die über den zugefrorenen Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal führt und Charlottenburg mit Tegel verbindet.
Das ist für mich das imaginäre Stoppschild, denn auch Tegel steht heute nicht auf dem Programm. Also kehre ich um und knöpfe mir den Volkspark Jungfernheide vor, soweit die Zeit noch reicht. Die waldartige Parkanlage entstand in den 1920er‑Jahren als Teil der Berliner Volksparkbewegung, die städtische Erholung für alle Bevölkerungsschichten ermöglichen wollte. Maßgeblich geprägt wurde der Park von den Visionen des Gartendirektors Erwin Barth, der in Berlin zahlreiche Grünanlagen gestaltete und für seine naturnahen, zugleich klar strukturierten Entwürfe bekannt ist. Unter seiner Leitung wurde die Jungfernheide zu einem weitläufigen Volkspark mit Wiesen, Waldflächen, Wasserbereichen und Erholungsangeboten ausgebaut. Mit 146 Hektar ist er der zweitgrößte Park Berlins und feierte 2023 sein 100‑jähriges Bestehen. Sehr angenehm und gut für die Orientierung sind die klaren Wegeführungen, offene Wiesenräume und Blickachsen.

Es gibt auch Freizeitangebote wie das Schwimmbad im Jungfernheideteich, Spiel- und Sportflächen, ein Wildtiergehege, den Waldhochseilgarten und gastronomische Einrichtungen. Eine davon ist der Kulturbiergarten, der sich auf dem Areal des ehemaligen Naturtheaters befindet. Ein virtuell unterstützter Erlebnispfad Stadtnatur macht den Rundgang noch interessanter und lehrreicher. An markanten Stellen sind Infotafeln aufgestellt, die auffälligerweise nicht besprüht sind:

Begeistert folge ich der Symmetrie und habe immer im Hinterkopf, wie weit ich gerade vom Treffpunkt entfernt bin (der Heckerdamm begrenzt südlich den Park) und wie weit ich mich noch vorarbeiten kann, um pünktlich an Ort und Stelle zu sein. Es gibt so viel zu entdecken und trotz winterlich sparsamer Farbgebung ist es ein Genuss für Augen, Ohren und Lunge, hier zu lustwandeln. Vielleicht gerade deswegen, denn im Sommer wird hier von Einsamkeit und Ruhe nicht mehr so viel zu spüren sein.
Die Hälfte des Parks habe ich erkundet, als es Zeit wird für mein Date. Ich bin noch im Park, als ich von der anderen Straßenseite Herrn Krebs winken sehe. Durch viele Mails im Vorfeld beide schon vertraut mit dem heutigen Vorhaben, sprechen wir noch kleine Details ab, ich übe mich wieder in der Kunst, ein taugliches Fotomodel abzugeben unter dem Straßenschild „Heckerdamm“ und dann gehts auch schon los. Linkerhand die Jungfernheide, richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf die Wohnzeilen auf der rechten Straßenseite. Meine Recherche führt mich auf die Webseite von Tina Hoffmann, die den Rundgang durch das Weltkulturerbe Siemensstadt schon absolviert und unterhaltsam beschrieben hat. Die Bebauung des Heckerdamms gehört teilweise mit dazu. Da ich keine architektonische Grundbildung vorzuweisen habe, lasse ich mich notgedrungen, aber dadurch vielleicht auch unvoreingenommen von meinem Empfinden leiten. Danach fragen mich auch Herr Krebs und Herr Lehmann: „Was sind Ihre Kriterien, wenn Sie durch die Straßen laufen? Was weckt Ihre Aufmerksamkeit oder Anerkennung?“ Ich zeige auf Blocks, auch Zeilen genannt, vor denen wir gerade stehen und deren ungewöhnlichen Balkone. „So was“, antworte ich. „Irgendwie habe ich im Gefühl, dass es sich hier um etwas Besonderes handelt, aber begründen könnte ich es nicht.“

Die Farbgebung, die Schmuckreliefs über den Fenstern des Treppenhauses – das alles hebt sich ab von den „gewöhnlichen“ Wohnzeilen:
Bestätigt werde ich durch eine von 10 Infostelen, die über die Viertel von Siemensstadt verteilt sind. Es wird genau beschrieben, dass hier der Architekt Paul Rudolf Henning tätig war. Es ist unbedingt ratsam, sich diese Texte durchzulesen, denn nun erfahre ich, dass die Anzahl der Geschosse zur tieferliegenden Jungfernheide auf zwei verringert wurde, um einen sanften Übergang in den Park zu gewährleisten. Das wäre mir niemals aufgefallen, aber ich finde, das ist ein spannendes Detail! Auch die Abstimmung bezüglich Material und Tongebung zu den Bauten anderer Architekten in der Nachbarschaft ist interessant. Wie schon erwähnt, muss ich mir für die Siemensstadt eine extra Tour reservieren und noch sehr viel Wissen aneignen. Ich sehe das heute als Einstieg in ein sehr komplexes und tiefgründiges Thema.
Wir bewundern einen Zugang mit einem Miniwald und liebevoll drapierten Details…
… und kommen an einem raumgreifenden Eckgebäude am Heinickeweg vorbei, dessen ursprüngliche Nutzung uns Rätsel aufgibt. Vielleicht eine Schule? Oder eine Behörde? Wenn Google Lens recht hat, ist es aber einfach ein denkmalgeschütztes Wohngebäude.

Nun kommt der Moment, wo wir uns einem neuen Haus der Charlottenburger Baugenossenschaft nähern. Es hat natürlich in der alteingesessenen Nachbarschaft zunächst Unmut ausgelöst. Wer freut sich schon, wenn vor dem eigenen Balkon auf einer Freifläche ein Wohnhaus hingezaubert wird und die Sicht verstellt? Es wurde aber ein guter Kompromiss gefunden, denn das Haus hat eine auch von den Nachbarn nutzbare Dachterrasse mit Aufenthaltsraum. Und dort gehen wir jetzt hin.
Die Beete werden von den Mietern gepflegt und ich kann mir gut vorstellen, wie schön es sein muss, hier oben an einem lauen Sommerabend die Aussicht und den Feierabend zu genießen. Gegenüber hat übrigens bis zu seinem Tod Reichstagspräsident und späterer Alterspräsident des Deutschen Bundestages Paul Löbe gewohnt.
Wir stärken uns mit einer Tasse CharlotTEE und setzen unseren Erkundungsgang auf dem Heckerdamm fort.

Wir sind alle drei noch nie zu Fuß durch diese Straße gelaufen und staunen, als wir den Pfad der Erinnerung entdecken. In der Fortsetzung des Weges erschließt sich das Konzept dahinter und auch die beiden Kirchen, die ich im Vorfeld recherchiert hatte, fügen sich dort augenöffnend ein. Der Pfad führt durch die Region Charlottenburg‑Nord und verbindet Orte, die an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur erinnern. Ausgangspunkt ist die Gedenkstätte Plötzensee, wo während des NS‑Regimes mehr als 2.800 Menschen hingerichtet wurden. Von hier aus erschließt der Pfad überwiegend entlang des Heckerdamms ein Netzwerk aus Straßen, Brücken und Gebäuden, die nach Widerstandskämpfern benannt sind. Die Route verläuft durch Straßen und Kleingartenkolonien, bindet die kirchlichen Gedenkzentren mit ein und folgt damit den alltäglichen Wegen heutiger Bewohner. Entlang des Erinnerungspfades erläutern Informationsstelen die Biografien der gewürdigten Menschen.
Bevor wir die beiden zugehörigen Kirchen erreichen, überqueren wir auf der Weltlingerbrücke den Autobahnzubringer und befinden uns mitten in der Paul-Hertz-Siedlung. Die Siedlung wurde im November 1962 nach dem ehemaligen Wirtschaftssenator Paul Hertz benannt. Gab es hier bis 1961 überwiegend Kleingartenanlagen, wurde eine Siedlung für 6000 Bewohner geplant. Der Bau der Siedlung sollte 1961 beginnen, aber die Kleingärtner und Dauernutzer leisteten gegen die Räumung des Areals erbitterten Widerstand. Vergeblich. Bis 1964 wurden daraufhin in drei Bauabschnitten 2616 Wohnungen fertiggestellt. Es sollten sogar Zwölfgeschosser werden, aber wegen des nahen Flughafens Tegel wurde daraus außer ein paar Punkthochhäusern nichts. Heute gilt das Viertel als unsicher. Meine Begleiter erzählen mir, dass manche solche Angst haben, dass sie nicht mehr allein dort langlaufen.
Wir aber stürzen uns todesmutig ins Abenteuer und wagen den Übertritt in angeblich gefährliche Gefilde. Es ist wie mit Marzahn. Der schlechte Ruf hält sich hartnäckig, positive Ereignisse gehen unter und schlechte Nachrichten bleiben hängen in der Wahrnehmung. Auch in der Baugeschichte gibt es viele Ähnlichkeiten: Fernwärme, Verwendung industriell vorgefertigter Bauelemente, zentrale Hausmüllentsorgung, allerdings damals durch Verbrennung.
Bald haben wir die katholische Kirche Maria Regina Martyrum erreicht. Herr Krebs verabschiedet sich an dieser Stelle. Er wird aus unseren „Forschungsergebnissen“ für das Mietermagazin ein Porträt des Heckerdamms verfassen, worauf ich mich schon sehr freue! Herr Lehmann hat sich von meiner Neugierde auf die sehr besonderen Kirchen anstecken lassen und kommt noch mit. Ungläubig (Haha, welch ein Wort in diesem Zusammenhang!) starren wir auf den Eingang eines Klosterladens und fühlen uns sofort wie in Bayern, wo man solchen Einkaufsmöglichkeiten für christliche Devotionalien öfter begegnet. Aber hier in dieser Gegend, wo es mit Sicherheit außer uns noch viele weitere Ungläubige gibt? Natürlich gehen wir hinein und finden uns in einer warmen, freundlichen und kaufrauschfördernden Umgebung wieder:

Ich entscheide mich für zwei Infoheftchen über die Kirchen, Männerseife und Altaicher Klosterbitter, letzteren eigentlich nur wegen des Spruchs „Immer nur einen, aber einen immer“. Er ist übrigens geschmacklich sehr unserem Boonekamp ähnlich. Auch den Kauf einer Altarkerze ziehe ich in Erwägung, verwerfe jedoch den Gedanken schnell nach dem Blick auf das Preisschild. Die sympathische Verkäuferin erzählt uns, dass im Kloster Nonnen wohnen und einige Dinge, die hier angeboten werden, selber herstellen. Sie gibt uns Tipps zur Besichtigung der dazugehörigen katholische Gedenkkirche und bietet uns den Schlüssel für die wenige Meter entfernte Kirche des Evangelischen Gemeindezentrums an. Solch ökumenische Eintracht hat man selten zwischen den beiden christlichen Gemeinschaften, aber hier wird auch im Sinne des Pfades der Erinnerung an einem Strang gezogen. Gegen einen Pfand lasse ich mir den Schlüssel aushändigen. Zunächst versuchen wir, die Inschrift außen an der Mauer zu entziffern und beäugen den merkwürdigen Glockenturm.
Dann treten wir ein in einen riesigen Hof – begrenzt durch mannshohe Betonmauern, der zu dem auf Stelzen stehenden Kirchengebäude führt. Daneben befindet sich unter einer Überdachung ein Freiluftaltar, weil ursprünglich auch Gottesdienste im Freien stattfinden sollten. An der rechten Seite der Mauer ist Kreuzweg dargestellt, den man aber als Laie nur schwer als solchen erkennt. Das alles hat eine dermaßen deprimierende Wirkung auf uns, dass Herr Lehmann erschüttert flüstert: „Ich fühle mich hier extrem unwohl.“ Und genau das ist die beabsichtige Wirkung gewesen, als 1960 Kardinal Döpfner den Grundstein legte. Der Hof soll an einen KZ-Appellplatz erinnern und der Glockenturm an den Wachturm. Das Ensemble dient dem Gedenken und der Sühne, denn auch im Namen der Kirche wurden im 3. Reich viele Verbrechen begangen.
Wir betreten das Gebäude und stehen einer breiten Treppe gegenüber, die hochführt zum Kirchenraum.
Die Beleuchtung zu beiden Seiten des Altargemäldes von Georg Meistermann ist indirekt und schafft eine gedämpfte, gleichmäßige Helligkeit. Jesus am Kreuz sucht man vergeblich, rechts steht eine Madonna mit Kind. Das farbenfrohe Gemälde versöhnt mich ein bisschen mit der bedrückten Stimmung, aber es ist kein Ort zum Innehalten und zur Ruhe kommen. Ich empfehle allen Interessierten den Besuch der Webseite der Gedenk-Kirche, dort erfährt man auch Details zum benachbarten Kloster der Karmelitinnen.
Wir atmen tief durch, laufen ca. 100 Meter den Heckerdamm hinunter und sehen ein großes, weißes Kreuz im Hof eines Kindergartens des Evangelischen Gemeindezentrums.

Ratlos begutachten wir das Gelände, wo soll denn hier eine Kirche sein? Es bleiben nur der Aufgang über die Rampe oder Treppe und siehe da – der Schlüssel passt! In einem Vorraum liegen ein paar Flyer, ein kleiner Durchgang gibt den Blick auf diese Tür frei:

Auch hier passt der Schlüssel. Vorsichtig treten wir ein ins Dunkel des dahinter liegenden Raumes, schon vorgewarnt von der Verkäuferin des Klosterladens, dass sich irgendwo ein Lichtschalter befinden soll. Wir brauchen ein bisschen, aber schließlich erstrahlt das Innere der sehr ungewöhnlichen Kirche im warmen Kugellicht:
Das Besondere ist, dass sich der Altar in der Mitte der Bestuhlung befindet. Schon eher ein Ort zum Wohlfühlen, wären da nicht die 3,50 m hohen Bilder „Plötzenseer Totentanz“ des Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka. Diese Tafeln sollen an die Schrecken von Willkür- und Gewaltherrschaft erinnern. Daneben finden sich biografische Daten der Pfarrer, die in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben und ermordet wurden.
Man muss in der richtigen Stimmung sein, um sich auf so viel Tod und Elend einzulassen, aber ich finde es wirklich bemerkenswert, dass – auch geschuldet durch die Nähe zur Gedenkstätte Plötzensee – die Kirchen sich dem Geschehenen stellen und diejenigen, die den Mut hatten, ihr Leben für die Gerechtigkeit aufs Spiel zu setzen, zu ehren. Auf jeden Fall schwere Kost, die man als Besucher serviert bekommt.
Nun muss sich auch Herr Lehmann verabschieden und ich bringe den Schlüssel zurück in den Klosterladen. Die Verkäuferin fragt, ob wir auch in der Krypta waren. „Krypta?“, echoe ich irritiert. „Wo denn?“ Ich erfahre, dass wir uns in der katholischen Kirche von der Treppe nach oben so ablenken ließen, dass wir die Türen darunter zur Krypta völlig übersehen hatten. Das muss ich natürlich noch nachholen und begebe mich ein zweites Mal über den trostlosen Hof ins Gebäude. Die sogenannte Unterkirche ist eine Kapelle mit zwei Raumteilen. Die Wände bestehen aus schwarzen Basaltkieselplatten, die Beleuchtung ist gedämpft. Vor der Mutter Gottes im Vorraum mit ihrem toten Sohn im Arm brennen Kerzen. Im hinteren Raum wird auf einem Bildteppich die Kreuzigung dargestellt.
Auch hier wird der Besucher auf Schritt und Tritt an eine schreckliche Zeit erinnert:
Trotzdem bin ich froh, noch einmal zurückgegangen zu sein. Beim Verlassen des Gebäudes entdecke ich auch erst jetzt an den Glasscheiben die mahnenden Worte von Widerständlern:
Froh, mir jetzt vom frischen Wind die trüben Gedanken wegpusten lassen zu können, wende ich mich dem letzten, recht unspektakulären Stück des Heckerdamms zu, an das sich überwiegend Kleingartenkolonien anschmiegen mit sehr abwechslungsreichen Namen wie Kolonie Zukunft, Kolonie Olympia, Kolonie Gemütlichkeit, Juliusruh, Weidenbaum, Heidefreiheit, Bienenluch, Hinkeldey usw. So wird es etwas weiter westlich auch ausgesehen haben, bevor dort die Hertz-Siedlung aus dem Boden gestampft wurde.
Ich beschließe, im großen Bogen einen Kreis bzw. ein Rechteck zu laufen und an der Kreuzung Kurt-Schumacher-Damm / Heckerdamm die andere Hälfte des Volksparks Jungfernheide anzuschauen. Es wird kein schöner Weg, aber egal. Würde ich am Ende des Heckerdamms rechts abbiegen, käme ich direkt zur JVA Plötzensee. Von trübsinnigen Orten habe ich heute genug und biege links ab in ein Gewerbegebiet, vorbei an einem Gebäude mit einer besonderen Fassade. Es nennt sich Tuchfabrik, weil es früher eine solche war. Jetzt ist es ein Bürogebäude, aber die Fassade sieht aus wie mehrere Lagen Tücher in verschiedenen Farben. Die Architekten Tchoban Voss haben weltweit sehr stylische Objekte konzipiert. Ich empfehle unbedingt einen Blick auf deren Webseite!

Nun folgt ein Stück Saatwinkler Damm am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, links grüßen die Stadtaffen, vorne rauscht die querende Autobahn. Bis dorthin laufe ich und schließe das Rechteck, indem ich mit voll aufgedrehtem Hörbuch im Ohr so schnell wie möglich vor zum Heckerdamm düse, denn der Geräuschpegel ist heftig. Die Kleingartenbesitzer linkerhand müssen schon sehr lärmresistent oder gehörlos sein, um sich hier erholen zu können.
Als ich den Tag heute vorbereitet habe, stieß ich auf die dramatische Geschichte von Carl Ludwig Friedrich von Hinkeldey. 1848 wurde er Polizeipräsident in Berlin und erwarb sich Verdienste bei der Entwicklung Berlins zur Großstadt. Die Schaffung einer militärisch organisierten Polizeitruppe, die Aufstellung der Berufsfeuerwehr, die Überwachung der Lebensmittelversorgung der Berliner Bevölkerung, die Einrichtung von Volksbade- und Waschanstalten und Volksküchen waren sein Verdienst. Bei einer vom König angewiesenen Polizeiaktion gegen einen Hazard-Spielklub des Hochadels ließ er sich provozieren und wurde bei einem anschließenden Duell in der Jungfernheide erschossen. Ein Gedenkkreuz steht am Rand der Jungfernheide direkt an der Autobahn und zu Fuß kommt man dort unmöglich hin, aber ich habe es von der anderen Seite rangezoomt:

Der Abschluss des Tages im Park ist dann nochmal ein Fest der Gartenkunst. Zwei steinerne Bären stehen Spalier, als ich wie eine Königin die Allee zum majestätischen Wasserturm durchschreite, ihn umrunde und über eine große, verschneite Wiese zurücklaufe.
Am Donnerstag werde ich das Gebiet Krumme Lanke erforschen und vielleicht sogar ein Stück von Arndt Breitfeld für die rbb-Abendschau begleitet. Es bleibt spannend!










































































































