„Was du zu müssen glaubst, ist das, was du willst.“ (Marie von Ebner-Eschenbach) – Kalenderspruch des Tages
Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:
Es ist kurz vor 10 Uhr und angenehm warm, ich stehe am S-Bahnhof Lichterfelde-Süd und warte auf meine heutige Mitwanderin Inés Beutel. Wir kennen uns aus der Bibliothek, sie hat dort viele Angebote wahrgenommen, u.a. die von mir organisierten Busreisen ab Marzahn zur Leipziger Buchmesse. Mein Blick schweift über das Bahnhofsgebäude, dem ich im Gegensatz zu allen anderen bisher kennengelernten im Stadtbezirk nichts Bemerkenswertes abgewinnen kann. Dabei hat er eine wilde Geschichte hinter sich. Er wurde 1893 als Haltepunkt eingerichtet, um das geplante Villenviertel in Giesensdorf zu erschließen, blieb jedoch zunächst auf wenige Fernzüge beschränkt, da der Vorortverkehr nicht bis hierher verlängert wurde. Nach der Eingemeindung in Groß‑Lichterfelde erhielt er den Namen Groß‑Lichterfelde Süd, während der ältere Bahnhof in Groß‑Lichterfelde Ost umbenannt wurde. Die elektrische Vorortbahn fuhr auch nur bis dorthin. Lichterfelde Ost war weiterhin auch tariflich als Fernbahnhof eingestuft und daher nur zu deutlich höheren Fahrpreisen erreichbar.
Im Zuge der Germania‑Planungen wurde der Bahnhof 1942/43 für den S‑Bahn‑Betrieb umgebaut und erhielt zwei Mittelbahnsteige, während Fernzüge fortan ohne Halt durchfuhren. Seit Juli 1951 wechselten die Züge hinter dem Bahnhof auf die Fernbahntrasse und führten dann eingleisig ins Umland. Mit dem Mauerbau 1961 endete dieser Abschnitt abrupt, Lichterfelde Süd wurde wieder Endstation. Der anschließende S‑Bahn‑Boykott führte zu stark sinkenden Fahrgastzahlen und kuriosen Provisorien. Weil das Personal stetig reduziert wurde, gab es am Bahnhof schließlich kein Personal mehr für den Fahrkartenverkauf. Dieser erfolgte per Korb vom Stellwerksturm.
1984 stellte die BVG den Betrieb ein, die Anlagen verfielen, und nur das Aufsichtsgebäude wurde zeitweise als Tanzlokal genutzt. Nach der Wiedervereinigung begann der Wiederaufbau der Anhalter Bahn, und 1998 wurde der Bahnhof wieder in Betrieb genommen. 2005 folgte die erneute Verlängerung nach Teltow Stadt über die ursprünglich für die Friedhofsbahn vorgesehene Trasse. Ein Hin und Her mit jeweils großen Konsequenzen für die Bewohner.
Inés Beutel und ich begeben uns auf kleinen Umwegen zu unserer Verabredung mit Dirk Lausch, Pressesprecher des Wohnungsunternehmens Märkische Scholle eG am Mietertreff im Wormbacher Weg.
Er hatte mich auf ein Gespräch eingeladen, wenn ich in einem der vielen genossenschaftlichen Bestände unterwegs bin, um über mein Projekt in der Mieterzeitschrift berichten zu können. Ich kenne Dirk noch aus meiner Zeit als Veranstaltungsorganisatorin in der Bibliothek. Dorthin hatte ich ihn mehrmals eingeladen mit dem Theater ohne Probe, in dem er als Stimmspieler und Schausprecher im Format „Lesung trifft Impro“ mitwirkt. Das Publikum ist aufgefordert, Artikel, Briefe, Krimis, Einladungen, Gebrauchsanweisungen, Lyrik, Programmzettel, Einkaufslisten o.ä. mitzubringen, von Dirk vorlesen zu lassen, die dann spontan von ToP-Improviserer Thomas Jäkel weitergesponnen werden. Ein Vergnügen, das man sich unbedingt immer wieder mal gönnen sollte! Heute aber improvisieren wir nicht, sondern widmen uns den Tatsachen des Wohnungsbaus und der Geschichte Lichterfelde-Süds, gefüttert mit unzähligen Erinnerungen von Gisela und Bernd Meyer, zwei Ur-Lichterfelder und Mieter bei der Märkischen Scholle.
Im Gespräch mit den dreien erfahren wir ganz viele Details über den Grund und Boden, wo wir uns gerade befinden. Gisela kann sich noch an die Kornfelder erinnern, die hier vor 1958 bestellt wurden und Trampelpfade hindurch, die sie verbotenerweise gegangen ist. Wir befinden uns hier auf dem Gebiet des einstigen Giesensdorf, das 1878 eingemeindet wurde in Groß-Lichterfelde und 1920 mit diesem in Groß-Berlin, jetzt Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Die Ortsbezeichnung Giesensdorf kam außer Gebrauch, lebt aber noch im Namen der evangelischen Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf weiter, der Giesensdorfer Grundschule, an der ich auch schon vorbeigelaufen bin und der Giesensdorfer Straße weiter. Wie schon vorausgesagt, begegnet mir auch hier der Unternehmer Carstenn wieder, der 1865 mit Lichterfelde auch die Güter Giesensdorfs erwarb. Da es wenig Kriegsschäden gab, sind noch viele der um die Wende des 19./20. Jahrhunderts errichteten Landhäuser erhalten geblieben und prägen die kleinen verwunschenen Straßen, durch die wir heute noch kommen werden. Hier aber wurde nach dem Krieg auf den Feldern neu gebaut durch die Märkischen Scholle und traditionelle Wohnanlagen erweitert. 1919 als „Märkische Scholle, Landsiedlungsgenossenschaft vom Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen e.G.m.b.H.“ gegründet, hieß es in der Satzung: „Das Ziel ist die Schaffung von Landsiedlungen und die Errichtung von Eigenheimen für die Mitglieder, ferner der Einkauf von Waren für den eigenen Bedarf und der Vertrieb eigener Erzeugnisse.“ Trotz allem ging es hier sehr ländlich zu und die Kinder sind damals entsprechend unbesorgt aufgewachsen. Es gibt viele Aufzeichnungen und Erinnerungen von Einheimischen, um deren Dokumentation sich Gisela und Bernd Meyer kümmern und auch Vorträge darüber halten. Ich erfahre, dass wir uns auf einem Berg befinden, weil das Gelände am Ostpreußendamm spürbar ansteigt, vor allem, wenn man mit dem Rad fährt. Über das Leben auf dem Berg gibt es einen Bericht von Ursula Jaensch-Fischer, die im Februar 1945 als Flüchtlingskind aus dem Warthegau mit ihrer Mutter in der Bergstraße von ihrer Tante aufgenommen wurde. Es existieren Aufzeichnungen zum Arbeitslager am Ostpreußendamm, an das Leben in der Schwatlostraße, der Feldstraße, über die Erinnerungen an den Mauerbau und -fall und viele Fotos von Giesensdorf im Wandel der Zeit. All diese Informationen, auch zu den beiden Kirchen, bekomme ich gesammelt überreicht und bin dafür sehr dankbar. Mit diesem Wissen entwickelt sich ein ganz anderes Gespür für diesen Teil Berlins. Wer mehr darüber wissen möchte, dem empfehle ich unbedingt, die liebevoll gepflegte Webseite Lichterfelde-Süd – Geschichte in Bildern zu durchstöbern. Dort erfährt man auch, dass Coca-Cola nicht erst durch die GIs nach Berlin kam, sondern schon in den 1930er Jahren in Lichterfelde Süd abgefüllt wurde.
Und falls jemand denkt, dass Burger Knäckebrot schon immer aus Burg kommt (so wie ich), wird von den Meyers eines besseren belehrt. Es hat seine Wurzeln nämlich in Berlin‑Lichterfelde, wo 1929 die erste Produktionsstätte entstand und der Grundstein für das spätere Traditionsunternehmen gelegt wurde, nachzulesen auf deren Webseite. Von hier aus entwickelte sich die kleine Berliner Bäckerei zu einer Marke, die heute deutschlandweit bekannt ist – ein Stück unbekannte Lichterfelder Industriegeschichte.

Dieses Foto habe ich gemacht, weil man hier die Grenze Berlin – Teltow sieht. Der Ostpreußendamm endet an dieser Stelle und wird zur Lichterfelder Allee. Völlig unspektakulär. Dass er von 1961 – 1989 eine Sackgasse war, weil dahinter an der Mauer die Welt zu Ende war, wird mir erst durch die Erzählungen der Meyers und von Dirk bewusst. Man konnte ja nicht so mir nichts, dir nichts von Westberlin in die DDR, zu der ja nun Teltow gehörte. Vor dem Mauerbau fuhren viele Teltower nach Berlin zur Arbeit, meist mit der Straßenbahnlinie 96, die von der Machnower Schleuse über Stahnsdorf, Teltow, Lichterfelde nach Tempelhof fuhr. Frau Meyer erzählt, dass sogar viele Lichterfelder Haushalte eine Putzfrau aus Teltow hatten. Normalerweise hätten sie sich eine solche gar nicht leisten können, aber diese waren bezahlbar. Doch nach dem Mauerbau wurde es ziemlich trostlos hier. Die Bahn fuhr nicht mehr, Kinos und Geschäfte schlossen. Hier war Berlin wirklich zu Ende und zufällig verirrte sich kaum einer in diese Gegend.
Doch nun ist das alles Geschichte und man ahnt nichts mehr von ihr, wenn man hier durch die Straßen läuft. Viele schöne Wohnanlagen sind entstanden, allein die Märkische Scholle hat 400 Wohnungen saniert und 177 sind neu entstanden. Allerdings war dafür der Abriss von 122 Wohnungen erforderlich, was natürlich nicht immer Freude bei den Mietern ausgelöst hat. Doch es wird viel getan, so blüht direkt vor unserer Nase eine Wiese, finanziert von der Wohnungsgenossenschaft und der Stiftung für Mensch und Umwelt.
Bevor es hier im Text weitergeht auf unserer Tour, muss ich unbedingt noch das Thema „Rolltücher“ erwähnen. Sie sind total aus der Mode und in Vergessenheit geraten, doch Gisela Meyer hat eine Sammlung zusammengetragen, die an diesen Alltagsgegenstand erinnert, der in Preußen zwingend zu jeder Aussteuer gehörte. Es handelt sich dabei um lange, etwa zwei Meter große Leinentücher, die früher beim Mangeln als schützende und fixierende Lage zwischen Wäsche und Walzen dienten. Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich gerne per Mail an Gisela Meyer wenden: rolltuch@web.de
So, aber jetzt wird es Zeit zum Weitergehen. Wir verabschieden uns herzlich und erkunden nun die Straßen, in denen das Ehepaar Meyer großgeworden ist.

Dieser Wohnkomplex steht in der Dorstener Straße, die bis Ender der 50er Jahre von der seitdem verschwundenen Bergstraße tangiert wurde. An der Lippstädter Straße erreichen wir die Louise-Schroeder-Schule, das Oberstufenzentrum für Bürowirtschaft und Verwaltung.

Hier erhalten u.a. die Bibliotheks-Azubis ihre theoretische Ausbildung. Die meisten haben keine gute Erinnerung an diese Zeit, sie waren und sind lieber zur praktischen Ausbildung vor Ort in den Bibliotheken. Wenn der Name der Schule fällt, erfolgt oft kollektives Aufstöhnen. Aber vielleicht liegt es auch einfach an dem weiten Weg von Marzahn bis hierher. Sie haben Lichterfelde Ost als nicht sehenswert abgespeichert und können sich gar nicht vorstellen, dass es hier auch schöne Dinge zu entdecken gibt, wie ich schnell feststellen kann. Wir nähern uns über den Ostpreußendamm einem Geflecht von kleinen Straßen, die ebenfalls zu Giesensdorf gehörten und nach Carstenns Anweisungen bebaut wurden. Außer ein paar Baustellen ist das die pure Idylle eines verwunschenen Ortes, an den sich – dem Straßenpflaster nach zu urteilen, nur wenige Autos heranwagen. Sehr auffällig ist die Häufung der Häuser mit Ziegelfassade, weißem Putz und Schmuckelementen, die überwiegend in die Denkmaldatenbank eingetragen sind. Mich beschäftigt der Gedanke, ob alle von einem Architekten entworfen wurden oder eine zweckgebundene Gemeinschaft bildeten? Auf der Donnerstagswanderung wird mir das gleiche Phänomen begegnen, so dass meine Fotosammlung um eine Vielzahl an Aufnahmen angewachsen ist. Die folgende Fotogalerie lässt vielleicht erahnen, wie lohnenswert ein Rundgang durch Lichterfelde Süd sein kann:
Diese Art zu bauen gefällt mir ausgesprochen gut und ich merke, wie mein Blick von diesen Gebäuden magisch angezogen wird. Auch die Gärten sind sehr ungewöhnlich gestaltet. Von lebensgroßen Puppen bis hin zu Zwergenhäusern ist alles dabei. Oftmals wird in die Vegetation weder vor noch hinter dem Zaun eingegriffen, was zu dieser Jahreszeit ein Meer aus Blüten zur Folge hat. Augenblicklich bin ich verliebt in diesen Kietz, dessen Bewohner das Lebensmotto der Gelassenheit verinnerlicht zu haben scheinen. Vielerorts wird Honig aus eigener Produktion angeboten, ausrangierte Bücher und andere Dinge warten auf dem Gehweg auf neue Besitzer.
Nun packen uns langsam der Hunger, Durst und andere dringende Bedürfnisse. Das nächste Lokal ist unseres, sind wir uns einig, als wir an einer Turmvilla von der Feldstraße auf den Ostpreußendamm abbiegen.

Ein markanter Bau des Backsteinexpressionismus mit dunkler Klinkerfassade und dem Firmenschild Minhoff weckt meine Neugierde und mein schon heißgelaufenes Handy bekommt die Aufgabe, danach zu suchen. Die Minhoff GmbH war 1978 der erste Importeur für Apple-Computer in Deutschland. Heute rüstet das Unternehmen Schulen mit moderner Unterrichtstechnik aus.

Ab 1929 war hier eine Forschungsstation des Deutschen Kalisyndikats untergebracht, in der Boden- und Düngemittelversuche durchgeführt wurden, z.B. die Untersuchung der Keimgeschwindigkeit von Getreide. Der sachliche Klinkerbau steht seit 1979 unter Denkmalschutz, und auf dem ehemaligen Versuchsfeld befand sich zudem ein kleiner unterirdischer Raum, den Zeitzeugen als „Bunker“ beschrieben und der vermutlich als Lager- oder Schutzraum diente. Mit dem Bau des dahinter liegenden Oberstufenzentrums wurde er eingeebnet.
An der Ecke Lindenstraße winken uns die Sonnenschirme eines Eiscafés freundlich zu und wir nutzen die Gelegenheit für eine kleine Pause. Während wir auf die Bestellung warten, breite ich meine Schätze aus, die mir Gisela Meyer mitgegeben hat. Der Inhaber des Cafés tritt neugierig näher: „Was ist das Schönes?“ „Informationen zur Geschichte der Gegend hier“, erwidere ich, „wir laufen gerade die Straßen ab und interessieren uns für deren Geschichte.“ Sofort springt der Funke über und er fängt an zu erzählen. „Das kenne ich auch alles! Hier fuhr früher eine Straßenbahn! Das war ein großer Fehler, sie stillzulegen. Aber der Westen hat ja gedacht, die Kommunisten im Osten sind dumm und haben alles abgeschafft, was von dort kam. Aber die waren nicht dumm! Es war nicht alles schlecht! Dann kamen ja die Amis, da war es hier auszuhalten. Dort drüben“, er zeigt auf die andere Straßenseite, „war ein Pub und gegenüber die Ami-Disco. Aber trotzdem – die haben Berlin kaputt gemacht. Und jetzt Europa! Das ist nicht gut, so ganz ohne Kontrollen. Ich bin gegen Europa. Jedes Land soll für sich entscheiden. Wenn die jetzt noch das Bargeld abschaffen, wirds ganz schlimm. Dann gibts keine Reserven mehr! Die Schweizer sind da klüger. Die haben ihren Franken behalten und jetzt sogar neue Scheine eingeführt. Sehen richtig schick aus. Mein Vater hat 45 Jahre gearbeitet und bekommt 300 €! Das ist doch nicht normal. 300 €!!“ Es sprudelt nur so aus ihm heraus und erst, als wir unser Essen auf dem Tisch haben, lässt er von uns ab. Zum Schluss verabschieden wir uns und ich verkünde die Prognose: „In sieben Jahren kenne ich ganz Berlin!“ „Nicht ganz“, erwidert er, „es gibt zwei Berlin. Eins oben und eins unten. Das unten wollen Sie nicht kennenlernen, glauben Sie mir!“ Da hat er allerdings recht.
Gestärkt und erfrischt, bewegen wir uns weiter in Richtung Osdorfer Straße auf den ehemaligen Giesensdorfer Ortskern zu. Natürlich finde ich auch hier Häuser mit Charakter und Ausstrahlung:
Kurz darauf haben wir die Giesensdorfer Dorfkirche mit Friedhof an der Ecke Osdorfer Straße erreicht. Ihre Geschichte geht auf das 13. Jahrhundert zurück: Der östliche Teil entstand um 1250 aus sorgfältig behauenen Feldsteinen, der westliche folgte im 14. Jahrhundert in einfacherer Ausführung. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg schwer beschädigt und brannte im April 1945 vollständig aus; der Wiederaufbau von 1955/56 orientierte sich am mittelalterlichen Zustand, jedoch ohne den früheren großen Dachturm, der 1957 abgetragen wurde. Leider ist sie abgeschlossen, ein Blick ins Innere bleibt uns verwehrt. Aber wir drehen eine Runde über den Friedhof. Ich entdecke, dass an einigen historischen Gräbern kleine Schilder mit QR-Codes stehen. Scannt man diese ein, bekommt man viele interessante Details zu dem jeweiligen Grab vorgelesen. Eine schöne Sache, denn oft weiß man ja gar nicht, welche Persönlichkeiten sich hinter den Namen verbergen., wie z.B. Ulrich Muhs, Pfarrer, Heimatforscher und Verfasser des Buches „Lichterfelde einst und jetzt“, das man sogar in der Mark-Twain-Bibliothek ausleihen kann.
Tritt man wieder auf die Straße, kann man direkt auf das Pfarrhaus blicken mit seinem sogar über den Ostpreußendamm hinweg imposant wirkenden Eingang. Hier gibt es eine Kuriosität zu sehen. Am 23. August 1813 besiegten die Preußen die Franzosen bei Großbeeren. An die dortige Schlacht erinnert eine Kanonenkugel, die der Giesensdorfer Pfarrer Mulzer in die Fassade des Pfarrhauses einmauern ließ, gleich links neben dem Eingang.
Biegt man von der lauten Straße in den Waltroper Weg ein, empfängt den Besucher eine völlig andere Welt. Wie aus der Zeit gefallen, strahlen die Blöcke der Wohnsiedlung eine große Gelassenheit und Ruhe aus.
Es sind Mehrfamilienhäuser, die teilweise aus den 1930er Jahren stammen und in den 1960er Jahren erweitert wurden, eingebettet in viel Grün und ohne Durchgangsverkehr. Fast eine kleine Oase! Mittlerweile habe ich schon so viele attraktive Wohngegenden jenseits von Villen und Landhäusern gesehen, dass ich mich – sofern ich überhaupt die Möglichkeit hätte – nicht klar für eine entscheiden könnte.
Mittlerweile ist es schon nach 15 Uhr und Inés verabschiedet sich von mir am S-Bahnhof Osdorfer Straße. Ein Blick auf meinen Plan sagt mir, dass ein paar Straßen noch zu erlaufen sind, auf denen ich mich langsam Richtung Lichterfelde Ost vorarbeite.
Dort bleibt noch ein letztes Detail zu erkunden – das kleine Denkmal zur Erinnerung an die erste elektrische Straßenbahn der Welt. Sie startete 1881 in Lichterfelde und verband den Bahnhof Lichterfelde Ost mit der Preußischen Hauptkadettenanstalt – ein technisches Experiment von Siemens & Halske, das weltweit Maßstäbe setzte. An diese Pionierleistung erinnert heute ein Denkmal in der Morgensternstraße, dort, wo die historische Strecke verlief und wo sich die Anfänge des elektrischen Stadtverkehrs bis heute im Straßenraum ablesen lassen. Es ist wie eine Haltestelle eingerichtet mit Wartebank, Fahrplan und Schienen, will aber entdeckt werden.
Damit endet meine Tour für heute, die am Donnerstag jenseits der Bahnlinie fortgesetzt wird. Wieder habe ich so viel Schönes entdeckt, was mir ohne mein Laufprojekt niemals aufgefallen wäre.
Ab sofort werden die Tourenberichte in einem Podcast in drei Minuten zusammengefasst. Das verschafft die Möglichkeit, kurz reinzuhören und dann zu entscheiden, ob man den Bericht lesen möchte oder auch nicht, was ich natürlich sehr bedauern würde 😉
https://www.spreaker.com/podcast/bibliothekarin-lauft-durch-berlin–7118102
- 10. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Tiefwerder, Freiheitswiesen, Klein-Venedig, Kirchen und Pagode
- 07. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Siedlung am Weinmeisterhornweg, Amalienhof, Laurentiuskirche und Rieselfelder
- 03. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Pichelsdorf, Pichelswerder, Tiefwerder Wiesen, Stößenseebrücke und Guitar Lounge
- 31.08.2026 | Spandau (Kladow) | Groß Glienicker See, Schwerbeschädigtensiedlung, Schilfdachkapelle, Wochenendsiedlung West und Kaffee an der Bushaltestelle
- 27. August 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Weinmeisterhorn, Scharfe Lanke, Bocksfeldsiedlung























































































