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5. Mai 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lichterfelde) | Campus Benjamin Franklin, Schlosspark Lichterfelde, Hygieneinstitut + Mäusebunker, zwei Journalistinnen, Paul und Karl

„Fliegt der erste Morgenstrahl | Durch das stille Nebeltal | Rauscht erwachend Wald und Hügel | Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!“ (Joseph von Eichendorff) – Kalenderspruch des Tages

Bevor ich mich der heutigen Tour zuwende, möchte ich mich nochmal bei Pauline Held bedanken, die mich letzte Woche im Auftrag der Zeitung „Augsburger Allgemeine“ auf einer Wanderung begleitet und darüber geschrieben hat. Am 5. Mai ist der Artikel erschienen und wer möchte, kann ihn entweder HIER lesen oder die Fotogalerie dafür nutzen.

Obwohl ich ja nun schon viel Aufmerksamkeit von den Medien erhalten habe (rbb-Fernsehen, radioeins, 88,8, Berliner Rundfunk, Berliner Morgenpost, Berliner Woche, Tagesspiegel, Augsburger Allgemeine, Super Illu, Wohnungsgenossenschaften), überrascht es mich immer wieder, wenn ich diesbezügliche Anfragen bekomme. Natürlich freue ich mich darüber, denn dadurch ist mein Laufprojekt nun tatsächlich relativ bekannt geworden. Oft werde ich unterwegs angesprochen, wenn ich mit neugierigem Blick durch die Straßen pendle: „Entschuldigung, sind Sie nicht die Frau, die alle Straßen ablaufen will?“ Wenn ich selbst aktiv auf Personen zugehe, kommt es kaum noch vor, dass diese noch nie davon gehört haben. Schön finde ich auch, dass so viele Anteil daran nehmen, mich anspornen und sich mit mir freuen, im Geiste oder real mitwandern oder durch mich zu eigenen Erkundungsgängen inspiriert werden. Es finden Gleichgesinnte zusammen, die sich sonst nie kennengelernt hätten und ich habe bisher nur freundliche Menschen getroffen! Das stärkt mich in meiner Überzeugung, dass die Mehrheit der Bevölkerung genau wie ich ein wertschätzendes Miteinander bevorzugt und auf eine nette Ansprache oder ein Lächeln positiv reagiert. Und ich habe das Gefühl, mit meinen bescheidenen Möglichkeiten etwas Gutes zu tun, zu mobilisieren, Interesse zu wecken, zu verbinden und Freude in die Welt zu tragen.

Nun geht es weiter mit der medialen Präsenz, denn heute habe ich gleich zwei „Pressetermine“.

Am Vormittag treffe ich mich mit Marlen Rothenburg am S-Bahnhof Rathaus Steglitz. Sie schreibt für das Nachrichtenportal TAG24 und wird mich eine Stunde mit Mikro und Kamera begleiten. Sie hat viele Fragen vorbereitet, die sie mir während unseres Spaziergangs stellt und interessiert sich vor allem für meine Inspiration, unterwegs gesammelte Erfahrungen und die Reaktion der Menschen. „Haben Sie sich dadurch verändert? Haben Sie Überraschungen erlebt?“ waren ebenfalls Punkte, die zur Sprache kamen. Zum Glück wird nicht live gesendet, denn manchmal muss ich schon ein bisschen überlegen, bevor ich antworte. Vertieft in unser Gespräch, verpasse ich den geplanten Einstieg in die heutige Tour, was natürlich eine Kettenreaktion zur Folge hat.

Das ist aber nicht schlimm, denn dank der Tracking-App sehe ich ja, welche Straßen ich ausgelassen und noch nachzuholen habe. Gleich am Bahnhof und noch gar nicht im heutigen Planungsbereich stehe ich einer Informationstafel gegenüber, die auf ein Filmatelier in der Berlinickestraße 11 erinnert. Drei Filmgesellschaften arbeiteten hier bis in die 1930er Jahre – die B.-B.-Film von Heinrich Bolten, die Ufa und Sirius-Farbenfilm. Heinrich Bolten z.B. schrieb die Texte für die Operette „Frau Luna“, inszenierte den Film „Der Hauptmann von Köpenick“ oder „Der rasende Roland“. Ein paar Meter weiter unterbreche ich schon wieder das Gespräch mit Frau Rothenburg, weil ich einen Stolperstein zum Gedenken an Eva Johanna Cohn entdecke. Sie wurde 1886 in Berlin geboren und arbeitete als Korrespondentin. Seit Mitte der 1920er‑Jahre lebte sie in der Berlinickestraße 10, später musste sie ihre Wohnung räumen und zog 1940 in die Düppelstraße 32 um, wo sie als Hilfsarbeiterin tätig war. Am 17. November 1941 wurde sie gemeinsam mit anderen jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern zum Bahnhof Grunewald gebracht und nach Kowno deportiert, wo alle Ankommenden am 25. November 1941 im Fort IX ermordet wurden.

Bemüht, den Fragen der Journalistin konzentriert zu antworten, schweift mein Blick aber trotzdem an den Häuserfronten entlang und immer wieder entdecke ich wunderschöne Reliefs, Stuckarbeiten und skulpturale Verzierungen, als wir vom Wolfensteindamm in die Gélieu-, Undine- und Haydnstraße einbiegen.

Wir passieren die Grundschule und Kita an der Bäke, die beide auf den Rückseiten der Gebäude einen sehr schönen, parkähnlichen Garten nutzen können. Ich erzähle Marlen Rothenburg von den eindrucksvollen Schulgebäuden, die ich bisher kennengelernt habe und dass mich angesichts dieser Frontseite fast heimatliche Gefühle ereilen, denn die meisten Schulen in Marzahn-Hellersdorf sind ebensolche Neubauten:

Nun erreichen wir den Bäkepark, durch den ein kleines, namensgebendes Rinnsal fließt. Die Bäke – früher Telte genannt – war einst rund 23 Kilometer lang. Sie zeigt sich in Steglitz heute nur noch in einem kurzen offenen Abschnitt – genau hier, wo sie bei der Haydnstraße wieder ans Tageslicht tritt. Zwischen Wohnhäusern, Spielplatz und alten Bäumen öffnet sich ein kleines, aber sehr idyllisches grünes Band, ein stiller Rest des einst breiten Feucht­tals, das sich vom Fichtenberg bis nach Kleinmachnow zog. Hier lässt sich noch erahnen, wie der Bach früher durch Wiesen mäanderte, bevor der Bau des Teltowkanals ihn fast vollständig verschluckte und er kanalisiert wurde. Wer dem Weg entlang des Wassers folgt, wie ich es gleich tun werde, gelangt mit ihm zum Teltowkanal und bewegt sich durch ein Stück Steglitzer Landschaftsgeschichte.

Doch bevor ich mich ins üppige Grün stürze, verabschiedet sich Marlen Rothenburg von mir, denn im Gegensatz zu mir hat sie noch eine Menge Arbeit vor sich, um den Beitrag rechtzeitig abliefern zu können. Aber auch ich habe Termine, denn um 11 Uhr bin ich mit Paul Richter verabredet. Er ist Mitglied der von mir gegründeten Schreibwerkstatt in der Mark-Twain-Bibliothek und wir kennen uns schon ziemlich lange. Von 2018 bis 2021 hat er eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik absolviert und war in den drei Jahren seiner Ausbildungszeit im Logistikzentrum der Charité in Spandau sowie an den drei Hauptstandorten der Charité im Einsatz, darunter auch im Krankenhaus Benjamin Franklin. Auch 2026 hat er dort drei Monate gearbeitet. Mittlerweile absolviert er ein Lehramt-Studium (Mathematik und Physik), aber wir treffen uns heute trotzdem an seinem ehemaligen Wirkungsort.

Auf dem Weg zum Eingang West des Charité-Geländes am Hindenburgdamm mache ich noch so manche Entdeckung. Ich sehe Dreckecken, die bisher so selten waren, dass sie für mich einer kleinen Sensation gleichen:

Ich finde eine total süßes Werbezettelchen an einem Verkehrsschild, mit dem ein Kind auf den Film „Pferd am Stiel“ aufmerksam macht und eine Warnung des Vereins Aktion Freiheit statt Angst vor dem Problem „Das Handy hört mit“:

In der Klingsorstraße wundere ich mich über die enorme Taxipräsenz, aber nur kurz, denn auch von hier aus gelangt man zum Krankenhaus. Natürlich stehen auch wieder bemerkenswerte Häuser am Wegesrand:

Die letzten beiden Fotos zeigen das Geburtshaus von Peter Huchel und die Gedenktafel am Hindenburgdamm 32. Ein Anlass, mich näher mit dem Leben des Schriftstellers zu befassen. Allein schon der Wikipedia-Artikel führt mir vor Augen, dass es nicht schaden könnte, diese Wissenslücke zu schließen. Natürlich kenne ich den Namen Peter Huchel und weiß auch, dass er Lyriker war, aber dann hört es auch schon auf. So war mir nicht bewusst, dass er Chefredakteur der von mir sehr geschätzten Zeitschrift Sinn und Form war und in zweiter Ehe verheiratet mit der Mutter von Roger Melis, dem bekannten Reportage- und Modefotografen. Wie es der Zufall will, kann man im aktuellen Sinn-und-Form-Heft einen erstmals veröffentlichten Bericht von Siegfried Unseld lesen, in dem er eine Reise schildert, die er mit Peter Huchel zu Rilkes Château de Muzot unternimmt. Es war mir bisher auch nicht bekannt, dass der Autor in der DDR zunehmend unter politischen Druck geriet, der 1962 zu seinem Rücktritt führte. In den folgenden Jahren durfte er weder reisen noch publizieren, bis ihm 1971 nach internationalen Interventionen die Ausreise in den Westen gestattet wurde. Ich liebe diese Horizonterweiterungen!

Doch nun wird es Zeit, zum vereinbarten Treffpunkt mit Paul zu kommen. Vorbei am DRK-Blutspendezentrum und dem Fröbel-Kindergarten muss ich eine lange Park-Allee durchlaufen, bis ich den Eingang West des Charité Campus Benjamin Franklin erreiche. Dort wartet Paul schon auf mich.

Ohne seine Einladung wäre ich vermutlich dort vorbeimarschiert, deswegen freue ich mich, dass er mich aufs Gelände „gelockt“ hat. Wir freuen uns beide über unser Wiedersehen und Paul gibt mir zu verstehen, dass er eine Weile überlegen musste, was er mir denn zeigen könne. Dabei ist ihm zum Glück als erstes die Patientenbibliothek eingefallen.

Der Krankenhausflur zieht sich, so dass man das Ende nur erahnen kann, doch schon nach kurzer Zeit haben wir unser Ziel erreicht. Die Bibliothekstür ist einladend geöffnet und wir betreten einen gemütlichen Raum, der auch gleichzeitig Büro der beiden Mitarbeiterinnen ist. Neugierig schaue ich mir die Regalreihen an und bin erstaunt über die Vielfalt des Angebotes. Es könnte auch eine kleine Stadtteilbibliothek sein, sieht man mal von der Systematik ab, aber wen interessieren schon solche Details wie SfB (Systematik für Bibliotheken) oder KAB (Klassifikation für Allgemeinbibliotheken)? Wir fachsimpeln ein bisschen herum und schwelgen in alten Zeiten, als in den Büchern noch Fristzettel klebten und Buchkarten steckten und erklären Paul, was es mit den Zettelkatalogen und Lochkartensystem auf sich hatte. Als ich mich als die Stadtwanderin oute, wird die Freude über meinen Besuch noch größer und die Bibliotheksleiterin jubelt, dass ich ihre Arbeitsstelle mit meiner Anwesenheit quasi geadelt hätte. Weil ich aber heute noch einen dritten Termin habe, verabschieden wir uns und verschwinden gleich gegenüber in der kleinen Kirche.

Stille umfängt uns in dem farbenfrohen Andachtsraum und ich kann mir gut vorstellen, dass man als Patient hier sehr gut zur Ruhe kommen kann.

Nun umrunden wir das Gelände. Paul kann mir sehr gut erklären, auf welcher Etage sich welche Abteilung befindet, denn er hat Fachkraft für Lagerlogistik die Aufgabe gehabt, angelieferte Medikamente, Wäsche und Gerätschaften an den Ort zu bringen, wo sie zur Anwendung benötigt wurden. Während er mir die Abläufe erklärt, wird mir deutlich bewusst, wie viele Zahnräder in einem solch großen Krankenhaus ineinandergreifen und wie wichtig jeder Einzelne an seinem Platz ist. Letztendlich funktioniert so ein Betrieb wie eine Stadt. Es gibt eine Küche mit Kantine, eine Gärtnerei, Tischlerei, Schlosserei, Lager, Reinigungskräfte, Buchhaltung, Personalabteilung u.v.m., nicht nur Ärzte, Pflegekräfte und Patienten. Natürlich ist das nichts Neues, aber man denkt doch selten bis zur letzten Konsequenz darüber nach, z.B. was mit amputierten Gliedmaßen passiert. Die Architektur des Gebäudes überrascht mich ebenfalls, es kommen aber keine positiven Gefühle auf, wenn ich so nach oben schaue.

1968 wurde das Krankenhaus als „Klinikum Steglitz“ eröffnet, um die medizinische Unterversorgung im Westteil Berlins zu verbessern. Mit damals 3.500 Mitarbeitern unter einem Dach war es die modernste und größte Klinik ihrer Zeit in Europa. Der markante Bau nach dem amerikanischen Department‑System vereinte Kliniken, Hörsäle und Institute in einem Gebäude und wurde vom Architekturbüro Curtis & Davis aus New Orleans geplant. Besonders prägend ist die 10.000 m² große Screen‑Fassade, deren Struktur an eine Wirbelsäule erinnert und die Temperatur reguliert; sie war ein Grund dafür, dass das Areal 2012 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Nach der Fusion mit der Charité im Jahr 2003 wurde der Campus in größere wissenschaftliche und medizinische Strukturen eingebettet. Angesichts der furchteinflößenden Größe des Gebäudes hat Paul meine volle Bewunderung, dass er sich hier zurechtgefunden hat und ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir das alles gezeigt hat.

Nun eile ich der Verabredung mit Sandra Löhr entgegen. Sie ist Journalistin beim Deutschlandfunk und wird mich für die Samstag-Sendung „Echtzeit“ durch die nächsten Straßen begleiten. Wir treffen uns an der alten Dorfkirche Lichterfelde und weil es gerade anfängt zu regnen, statten wir dem gegenüberliegenden Gutshaus Lichterfelde oder auch Carstenn-Schlösschen genannt, einen Besuch ab.

Das Schlösschen wurde 1780 bis 1799  durch L. v. Quast erbaut und steht auf Fundamenten eines 1631 abgebrannten Vorgängerbaus. Die seitlichen Gebäudeteile ließ 1865 Johann Anton Wilhelm von Carstenn errichten, dessen Name hier in meinen Beschreibungen schon oft genannt wurde und bis heute mit dem Gutshaus verbunden ist. Seit 1924 befindet sich das Haus im Besitz der Stadt Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg verhinderte der Verein Nachbarschaftsheim Steglitz den geplanten Abriss und setzte sich für die Restaurierung ein, die 1953 erfolgte. Heute ist das knapp 200 Jahre alte Gebäude ein geschütztes Baudenkmal, eingebettet in den Schlosspark Lichterfelde. 1999 übernahm das heutige Stadtteilzentrum Steglitz e.V. die Verantwortung für das Gutshaus und die dazugehörige Kita. Seither dient das Haus mit Kursen, Beratungen, Gruppenangeboten und Vermietungen als Ort generationsübergreifenden Nachbarschaftsarbeit. Herzstück ist das Nachbarschaftscafé, das von Ehrenamtlichen betrieben wird und in das wir uns auf einen Kaffee zurückziehen. Sandra Löhr nutzt die Gelegenheit, um mir zunächst ein paar grundsätzliche Fragen zu meiner Person und meinen Lauf-Beweggründen zu stellen, ob ich mich dadurch verändert habe oder mein Blick auf die Dinge und ob ich vielleicht auch vor etwas davonlaufe? Interessante Denkanstöße!

Nach dieser Bewegungspause starten wir durch und erfreuen uns an der frischgewaschenen Luft und dem herrlichen Gutspark. Ich tagträume ein bisschen, wie ich als Schlossherrin die Treppen hinabschreite und im Park lustwandle, doch vermutlich würde mir dabei ganz schnell furchtbar langweilig werden.

In der Krahmerstraße erwartet uns dazu das absolute Kontrastprogramm. Hier stehen das Institut für Hygiene und Umweltmedizin – Charité Campus Benjamin Franklin und direkt gegenüber der Mäusebunker, eine ehemalige Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin. Während man ersterem noch eine gewisse optische Gefälligkeit abgewinnen kann, ist der einem bedrohlichen Schlachtschiff gleichende Mäusebunker selbst für Frohnaturen schwere Kost. Ich hatte mich im Vorfeld schon ausgiebig über beide Gebäude informiert und das Buch „Mäusebunker und Hygieneinstitut“, herausgegeben von Ludwig Heimbach ausgiebig studiert. Darin erfährt man viel über die Architekten, deren Entwürfe, den Bau und die Fertigstellung mit Hindernissen sowie die Debatten über zukünftige Nutzungsmöglichkeiten inklusive zahlreicher Innen- und Außenaufnahmen. Dadurch bin ich schon ein bisschen gewappnet und vorgewarnt, aber der direkte Anblick verschlägt mir die Sprache. Noch nie habe ich ein solch hässliches, Fluchtreflexe auslösendes Gebilde gesehen!

Obwohl ich viel darüber gelesen habe, kann ich keinen vernünftigen Satz ins Mikrofon sprechen und stammle wie eine Schülerin, die den Text für ihre mündlichen Prüfung komplett vergessen hat. Noch nicht einmal die Namen der Architekten fallen mir ein. Ich bin auch nicht in der Lage, meinen Eindruck in passende Worte zu fassen. Es ist mir schleierhaft, wie man hier in direkter Nachbarschaft ruhig wohnen kann! Beide Gebäude stehen unter Denkmalschutz und sind mit einem unterirdischen Tunnel verbunden. Im Inneren des Mäusebunkers gibt es keine Fenster, die Luftzirkulation erfolgte über die wie Kanonen aussehenden Rohre. Den ganzen Tag lief ein Radiosender, hörbar für die hier arbeitenden Menschen und die Tiere. Zu diesen gehörten außer Mäusen und anderen Kleintieren auch Hunde, Katzen, Schafe und Affen (!). Ich möchte hier nicht über das Für und Wider von Tierexperimenten philosophieren und bin mir durchaus bewusst, dass wir uns ohne Tierversuche nicht auf dem medizinischen Forschungsstand von heute befinden würden. Perfiderweise profitiert ja die Medizin auch heute noch von den Experimenten, die im Nationalsozialismus mit Menschen durchgeführt wurden. Aber trotzdem haftet diesem Thema ein ungutes Gefühl an, man möchte einfach die Augen davor verschließen. Wenn das Ganze dann auch noch in so einem dystopischen Klotz stattgefunden hat, ist der Gedanke daran unerträglich. Nun ist die Frage: Was soll daraus werden? Das Hygieneinstitut wird genutzt, aber was passiert mit dem Mäusebunker? Konzepte gibt es viele, der Galerist Johann König wollte ihn sogar kaufen, um dort einen Kulturort zu etablieren. Seit 2020 ist er ein Lost Place, der in seiner Verlassenheit noch bedrückender wirkt. Ein Artikel der Berliner Morgenpost fasst das Dilemma sehr gut zusammen.

Aufatmend laufen wir durch einen grünen Blättertunnel auf der Krahmerstraße weiter zum Teltowkanal, dessen vorgegaukelter Idylle wir uns gerne hingeben, auch auf dem Uferweg, der zur Bäkestraße führt. In einem Vorgarten bestaunen wir einen Runenstein, dessen Inschrift wir leider nicht entziffern können.

Wieder auf dem Hindenburgdamm, folgen wir diesem, der später in die Goerzallee übergeht, bis zur Wismarer Straße. Wir kommen an der sehr einladend wirkenden Villa Kult vorbei, einer ehemaligen Offiziersvilla von 1887, die heute als offenes Kulturhaus genutzt wird. Das Gebäude verbindet Wohnen, Kunst und Weiterbildung unter einem Dach und wird von Renate und Nillo Roginas betrieben, die ihre Erfahrungen aus Film‑ und Fernsehproduktion sowie Gastronomie in das Konzept eingebracht haben. Die Villa bietet kreative Arbeits‑ und Wohnräume, Workshops, Konferenzen und Programme zur Förderung junger Talente. Gleichzeitig ist sie ein Ort für Ausstellungen, Lesungen und vielfältige kulturelle Veranstaltungen, die regelmäßig stattfinden.

Gleich danach erreichen wir den nächsten Lost Place, das Schwimmbad „Spucki“, ein traditionsreiches Freibad, das bereits 1907 als Flussbad entstand und später um Sauna‑ und Wellnessbereiche erweitert wurde. Nach mehreren Betreiberwechseln und technischen Problemen – zuletzt einem schweren Rohrbruch 2019 – musste der Betrieb immer wieder unterbrochen werden. 2022 lief der Pachtvertrag aus, und die Berliner Bäder‑Betriebe übernahmen das stark sanierungsbedürftige Gelände zurück. Seitdem ist das Spucki geschlossen, und eine Wiedereröffnung ist derzeit nicht absehbar, was viele Lichterfelder sehr bedauern.

Die nächste Attraktion folgt auf dem Fuße, nämlich der Verein der Bayern in Berlin e.V. Erst kürzlich habe ich darüber einen Beitrag auf rbb gesehen und freue mich, nun direkt davor zu stehen. Die Idee finde ich total sympathisch und überlege, ob es wohl auch einen Verein der Thüringer in Berlin gibt? Sandra Löhr ist davon überzeugt: „Bestimmt! In Berlin ist doch alles möglich!“ Sie hat recht, es gibt ihn tatsächlich! Allerdings scheinen die Mitglieder längst nicht so aktiv zu sein wie die Bayern, denn auf der Webseite ist unter „Aktuelles“ ein Beitrag von 2019 zu finden.

Ein Portal im Art-Déco-Stil finde ich sehr besonders. Die beiden kräftigen, gerillten Säulen verleihen dem Haus etwas Monumentales und der Türsturz mit dem Blattfries bildet dazu einen schönen Kontrast, ebenso die beiden Materialien Stein und Holz. Man spürt, dass hier jemand bewusst etwas Repräsentatives schaffen wollte.

Am Ende bzw. den Beginn des Hindenburgdamms steht das ehemalige Postamt Lichterfelde. Es wurde zwischen 1925 und 1929 erbaut nach Plänen von Postbaurat Robert Gaedicke und steht unter Denkmalschutz. Seit 2019 erfolgte die Umgestaltung zu einem Wohn- und Gewerbeensemble namens „Am Postufer“. Besonders markant ist der Adler, der von einem Ecksims aus das Geschehen im Blick hat.

Ab hier heißt die Straße Goerzallee, die ebenfalls mit unterschiedlichsten Eindrücken aufwartet:  

Nun wird es auch für Sandra Löhr Zeit, sich von mir zu verabschieden, denn sie muss das ganze Material noch schneiden, so dass daraus hoffentlich brauchbare Sequenzen für die Samstagssendung übrig bleiben. Ich biege ab in die Wismarer Straße und stehe kurz vor der Eugen-Kleine-Brücke vor einem Mahnmal „Säule der Gefangenen“ für das KZ-Außenlager Lichterfelde. Eine Bodenplatte und eine Informationstafel geben Auskunft über das Geschehen an diesem Ort direkt am Teltowkanal.

Errichtet wurde das Lager ab Dezember 1941 von Häftlingen, die täglich aus dem Hauptlager Sachsenhausen nach Berlin gebracht wurden. Der reguläre Lagerbetrieb begann am 23. Juni 1942 und endete am 21. April 1945. Ausschlaggebend für den Standort war die Verlegung der Bauleitung Groß‑Berlin der Waffen‑SS und Polizei in die Wismarer Straße, die dort Bauprojekte koordinierte und zerstörte Gebäude nach Luftangriffen wiederaufbauen ließ.

Im Lager standen vier Wohnbaracken, vorgesehen für etwa 800 bis 1.500 männliche Häftlinge, sowie Gebäude für Lagerleitung, Wachmannschaften, Werkstätten, Garagen und ein großes Materiallager. Das Gelände war mit elektrisch geladenem Stacheldraht, sechs Wachtürmen und Patrouillen mit Hunden gesichert; bewacht wurde es vom 7. SS‑Totenkopf‑Wachbataillon.

Die Gefangenen stammten aus Deutschland, Polen, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Griechenland, Luxemburg, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Sie wurden als Zwangsarbeiter in über 40 SS‑Dienststellen, Ministerien, Werkstätten, Bauhöfen und sogar in Privathäusern von NS‑Funktionären eingesetzt. Ihre Aufgaben reichten von Reinigungs‑ und Renovierungsarbeiten über Bauarbeiten bis hin zum Trümmerbeseitigen nach Bombenangriffen. Die Arbeitstage dauerten meist 12 bis 15 Stunden, samstags halbtags. Trotz der extremen Bedingungen gab es dokumentierte Fluchtversuche, von denen mindestens fünf erfolgreich waren.

Eigentlich wollte ich mich nun am Uferweg wieder Richtung Norden bewegen, aber leider ist er auf einem großen Abschnitt wegen Bauarbeiten gesperrt. Deswegen muss ich zunächst wieder zurück und schlängle mich auf den sowieso abzulaufenden Parallelstraßen zur Goerzallee entlang zwischen Kleingartenkolonien mit dem Heizkraftwerk Lichterfelde als Blickfang, neuen Einfamilienhaussiedlungen, Baustellen, einem Bücherschrank und deutlich älteren Mehrfamilienhäusern.

Wegen des gesperrten Uferweges bleibt mir nichts anderes übrig, als auf dem Weg zum S-Bahnhof Steglitz zum wiederholten Mal auf den Hindenburgdamm auszuweichen. Manchmal ist das aber durchaus von Vorteil, denn erst jetzt bemerke ich vier Stolpersteine. Am Straßenrand steht eine Familie am Auto, die mich natürlich irritiert anschaut, als ich direkt neben ihnen stehenbleibe, als gehörte ich dazu. Entschuldigend „Bin gleich wieder weg!“ murmelnd, gehe ich mit meinem Handy in die Hocke und mache ein Foto. „Kein Problem“, erwidert der Vater, „wir haben uns die Steine auch schon angeschaut.“

Auf der Seite Stolpersteine in Berlin findet man ausführliche Informationen zu den Mitgliedern der Familie Simon.

Es gibt ein paar Straßen, die ich aus Zeitgründen heute Vormittag ausgelassen hatte und nun noch absolviere, man könnte sie auch als Musikerviertel bezeichnen. Viele tragen Namen berühmter Komponisten wie Haydn oder Brahms bzw. Figuren des Musiktheaters. Dabei beziehe ich den nun wieder begehbaren Uferweg am Teltowkanal ein, den Schloßpark und später den Bäkepark mit Bäketeich. Es ist einfach herrlich, durch das dichte und frische Grün zu wandern und durchaus als separater Wanderweg zu empfehlen. Vor allem im Kreutzerweg ist es so unglaublich ruhig, dass ich nur Vogelgezwitscher, das Summen der Bienen und meine eigenen Schritte höre. Alles duftet so verschwenderisch und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als möge diese Jahreszeit nie vorübergehen.  

Es ist auch faszinierend, wie gravierend sich benachbarte Straßen voneinander unterscheiden. War ich eben noch in einer Einfamilienhausidylle unterwegs, zeigt sich die Marschner- und Undinestraße von einer ganz anderen Seite – mondäner, gediegener, städtischer.  

In der Marschnerstraße treffe ich Karl Baß. Er begutachtet gerade liebevoll seine kleinen Vorgartenbeete und Gartenzwerge. Alles ist mit so viel Liebe und sichtlichem Humor angelegt, dass ich ihn einfach ansprechen muss. Ich teile ihm meine Begeisterung mit, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, denen diese bunte Pracht kein Lächeln ins Gesicht zaubert. Karl hat aber leider schon andere Erfahrungen gemacht. Manche machen wohl sehr deutlich, dass sie dieses Kleingärtnern stört. Aber er lässt sich davon nicht beeindrucken und kann zu jeder Pflanze eine Geschichte erzählen.

Er zeigt mir die noch winzigen Blätter der Kapuzinerkresse und freut sich schon auf die Blüten, die er an umliegende Restaurants zum Garnieren verschenkt. Manchmal wird er sogar zum Essen eingeladen, was er aber bisher immer abgelehnt hat. Ich erfahre, wo er gearbeitet hat und dass seine ehemalige Chefin nach Australien gezogen ist. Zum Geburtstag und zu Weihnachten schickt sie ihm immer kleine Päckchen als Wertschätzung für seine Zuverlässigkeit. Als ich ihm offenbare, wer ich bin, leuchten seine Augen. „Ich habe davon im Fernsehen erfahren! Da waren Sie gerade in Zehlendorf unterwegs!“ Nun ist er überhaupt nicht mehr zu bremsen und verrät viele Details über Persönlichkeiten, die hier und in Wannsee gewohnt haben und berichtet von einer Stammbaumbank, die eine ihm bekannte Radfahrergruppe an der Havel zwischen dem Flensburger Löwen und der Pfaueninsel errichtet hat. Darauf finden mindestens zwanzig Personen Platz. „Haben Sie noch einen Moment Zeit?“ Mit diesen Worten verschwindet er im Haus und kommt mit einem kopierten Zeitungsartikel für mich zurück, in dem es um diese Bank geht. Ich glaube sie sogar gesehen zu haben, als ich im Januar bei Glatteis dort entlanggeschlittert bin. Dann muss ich weiter, freue mich aber so sehr über diese Begegnung, dass ich vermutlich bis zur Schloßstraße vor mich hin grinse.

Dort vergeht mir allerdings das Lachen angesichts der brutal und lebensfeindlich anmutenden Kreuzung Wolfensteinstraße / Schloßstraße / A 113. Was für ein Lärm! Die Ampelschaltung lässt Fußgängern nur wenig Zeit, denn der Verkehr muss rollen. Im Hintergrund der Steglitzer Kreisel, der den Gesamteindruck auch nicht verbessert. Ich versuche, so schnell wie möglich zum S-Bahnhof zu kommen, ohne mir von der Trostlosigkeit auf den letzten Metern die Laune verderben zu lassen. Es war ein ereignisreicher und kommunikativer Tag!