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7. Mai 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Dahlem) | Brücke-Museum, Kunsthaus Dahlem, Jagdschloss Grunewald und Alliierten-Museum

„Das Haupt in Sonnenstrahlen, der Fuß in ’schlechtem Wetter‘!“ (Wilhelm Raabe) – Kalenderspruch des Tages

Ein Kollege sagte neulich zu mir, dass er mittlerweile beim Lesen meiner Blogbeiträge schon leicht die Augen verdrehe angesichts der Villenlastigkeit: noch eine Villa und noch eine Villa… Ich kann das absolut nachvollziehen, geht es mir doch beim Schreiben und sogar schon beim Laufen ähnlich. Ich hatte das an einer Stelle mal als Villenüberdruss bezeichnet. So viel Schönheit am laufenden Band kann man gar nicht angemessen verarbeiten oder man gewöhnt sich daran. Deswegen ist es vielleicht gut, wenn zwischendurch auch mal ein Mäusebunker, Müllecken, ein Heizkraftwerk oder eine ganz normale Schule ins Bild rücken, um die visuelle Wahrnehmung wieder zu erden. Was wir bemerken, sagt viel über uns selbst. Der Blick bleibt an dem hängen, was uns ästhetisch, historisch oder atmosphärisch anspricht. Deswegen kann es nur von Vorteil sein, dass heute nicht die Straßen im Mittelpunkt stehen, sondern der Besuch von vier Museen. Begleitet werde ich wieder von Ulrich Conrad, dem Barfußläufer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er heute Schuhe tragen wird, denn die Temperaturen bewegen sich morgens um die sechs Grad herum. Unser Treffpunkt ist das Brücke-Museum, das man gut von der Clayallee kommend erreichen kann. An der Bushaltestelle weist ein nicht zu übersehendes Kunstwerk namens „Solarica-X“ von Bernhard Heiliger auf weitere dieser Art im Kunsthaus Dahlem hin, das sich direkt neben dem Brücke-Museum befindet. Ansonsten ist dieser Abschnitt der Clayallee einfach nur grün und dient als Einstieg in das großflächige, die Bezirksgrenzen überschreitendes Gebiet des Grunewalds, der in Charlottenburg-Wilmersdorf sogar einen eigenen Ortsteil darstellt.

Die Clayallee hat mich in den letzten Wochen schon oft ertragen müssen, aber diesen Teil der knapp fünf Kilometer langen Straße habe ich noch nicht mit Füßen getreten, weswegen ich zunächst so tue, als ginge mich das Brücke-Museum nichts an. Ich laufe am Abzweig dorthin vorbei und erfreue mich an einem stilvollen weißen Haus mit Turm und einem Vorgarten, der in seiner Wirkung auf die Form und Farbe der Bäume und Sträucher setzt.

Damit endet meine Abtrünnigkeit auch schon und ich biege ein in die Pücklerstraße mit der Residenz des Botschafters der Republik Irak, erstaunlicherweise ohne jegliche Polizeipräsenz.

Keine fünf Schritte weiter fällt mir ein Wohnhaus durch seine merkwürdige Asymmetrie auf, als hätte man ein Haus wie einen Baustein auf ein anderes gesetzt und wäre dabei zu weit nach rechts gerutscht. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, dass es sich hier um ein ganz besonderes Gebäude handelt.

Der ehemalige Bungalow aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs diente ursprünglich als einfache Militärunterkunft. Der eingeschossige Bau mit vielen kleinen Zimmern wurde von einer Familie rund fünfzehn Jahre lang bewohnt, bevor er grundlegend durch O’Sullivan Skoufoglou Architects umgestaltet wurde. Das alte Walmdach wurde entfernt und durch einen zweigeschossigen Aufbau in nachhaltiger Holzbauweise ersetzt, der weitgehend vorgefertigt war und innerhalb weniger Wochen montiert werden konnte. Das Erdgeschoss blieb in seiner Grundstruktur erhalten, wurde jedoch räumlich geöffnet, sodass ein großzügiger, heller Wohnbereich entstand. Energetisch nutzt das Haus ausschließlich Erdwärme und Solarenergie.

Auch die Gebäude auf den nächsten beiden Fotos bestechen durch wohltuende Klarheit:

Pünktlich erreiche ich den Bussardsteig 9, wo mich Herr Conrad schon erwartet. Mein erster Blick gilt seinen Füßen – sie stecken nicht in Schuhen! Für mich unvorstellbar und keine Option, aber für ihn so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Es sind noch ein paar Minuten, bevor das Brücke-Museum öffnet, die wir uns mit dem Betrachten des Gartens vertreiben und dabei den üppigen Maiglöckchen-Teppich bewundern.

Ich freue mich, als wir endlich eintreten können, denn es ist mit elf Grad immer noch ziemlich kalt und ungemütlich draußen. Wir kaufen eine Kombikarte, mit der wir im Anschluss auch das Kunsthaus besuchen können. Momentan dominiert hier die Sonderausstellung „Kunst Hand Werk Brücke“, der vorübergehend viele Gemälde der Brücke-Künstler aus Platzgründen weichen mussten. Sie zeigt, wie stark die Künstler der Brücke‑Bewegung mit handwerklichen Techniken verbunden waren. Neben Gemälden treten Holzschnitte, Skulpturen, Druckstöcke, textile Arbeiten und gestaltete Alltagsobjekte hervor, die sonst selten im Mittelpunkt stehen. Die Schau macht sichtbar, dass Kirchner, Heckel, Schmidt‑Rottluff und Pechstein Kunst nicht als abgeschlossenen Museumsraum verstanden, sondern als etwas, das in den Alltag hineinwirken sollte. Ihre Nähe zu Volkskunst, Ornamentik und traditionellen Materialien wird dabei sehr deutlich. Die Ausstellung ist nach den verwendeten Materialien sortiert in die Abschnitte Holz, Metall und Textil. Die einzelnen Objekte sind nur nummeriert, weswegen wir an der Kasse eine Art Zeitung ausgehändigt bekommen, in der man nähere Erläuterungen zu den Künstlern, Namen der Objekte, zum Herstellungsjahr und zum Material finden kann. Wir haben den Eindruck, dass die Nummerierung nach dem Zufallsprinzip gestreut wurde, denn es gibt keine erkennbar sinnvolle Reihenfolge. Trotzdem gefällt es mir hier sehr gut, besonders der Holz-Raum mit dem sehr ungewöhnlichen Bett in der Mitte. Ein Besuch des Museums ist durchaus empfehlenswert!

Es gibt nur ein kleines Problem – Herr Conrad muss Schuhe anziehen. Da er offensichtlich nur höchst widerwillig eine Schicht zwischen Fußsohlen und Boden erträgt, verlangt er nach einer Begründung und erhält nach kurzer Bedenkzeit sogar zwei. Erstens könnte er den Teppich vollbluten, sollte er eine Fußverletzung haben, zweitens käme es auch manchmal vor, dass Scherben am Boden lägen und dann wäre das Museum für die Verletzung haftbar. Nun ja, das klingt beides ein bisschen weit hergeholt, aber die zähneknirschend erfolgte Fußbedeckung ist dann doch die bessere und friedlichere Lösung als eine Grundsatzdiskussion. Nach Beendigung unseres Aufenthaltes reißt sich Ulrich Conrad aufatmend die Sandalen von den Füßen und weiter gehts nach nebenan ins Kunsthaus Dahlem.

Schon von außen fallen die überdimensionierten Türen und Fenster auf. Dieses Gebäude diente im Dritten Reich als Staatsatelier von Hitlers Lieblings-Bildhauer Arno Breker. Es wurde zwischen 1939 und 1942 nach Entwürfen des Architekten Hans Freese errichtet. Der Bau entstand auf einem Grundstück am Rand des Grunewalds, das die Stadt Berlin „auf Wunsch des Führers“ zur Verfügung gestellt hatte. Vorgesehen waren große Arbeitsräume für Gips- und Steinbearbeitung, ein Schauraum mit Platz für mehrere Mitarbeiter sowie ein privates Atelier für Breker selbst. Das Gebäude war unter anderem mit Kran, Hebebühne und Lastenaufzug zum Keller ausgestattet und diente vor allem der Repräsentation. Die Flügeltüren sind so hoch und unhandlich, dass extra noch eine kleine in die große Tür eingebaut wurde. Die Fenster erreichen teilweise eine Höhe von 9,30 Meter!

Breker empfing hier prominente Gäste, und es entstanden Filmaufnahmen für die Wochenschau. Allerdings nutzte er die Räume nur kurze Zeit. Bereits 1943 erschwerten Bombenschäden die Arbeit erheblich und er wich immer öfter in sein Atelier im Oderbruch aus, das ihm Hitler zum 40. Geburtstag geschenkt hatte.

Nach 1945 besetzten sowjetischen Einheiten das Haus und anschließend nutzte es die US‑Armee als Lagerraum. 1946 ging das Gebäude an die Berliner Verwaltung über und diente der Steinmetzinnung als Arbeitsort. Ab 1949 wurde es bedeutenden Bildhauern zur Verfügung gestellt, darunter Bernhard Heiliger, der in den Ostflügel einzog und zu einer prägenden Figur der westdeutschen Nachkriegsmoderne wurde. Nach weiteren Nutzungen durch internationale Künstler wurde das Gebäude 2014–2015 umgebaut und im Sommer 2015 als Kunsthaus Dahlem eröffnet.

Wir treten ein und finden uns in einem Café wieder, das früher als einer von zwei kleineren Atelierräumen diente. Dessen Tresen ist auch gleichzeitig der Kassenbereich und gespannt warte ich auf die Worte: „Sie können hier aber nicht barfuß durchlaufen!“ Doch nichts dergleichen geschieht, hier scheint es keine Scherben zu geben oder Angst vor blutigen Füßen. Unbehelligt kann Ulrich Conrad das Atelier zusätzlich mit dem Tastsinn erobern, während ich mich ausschließlich auf meinen Sehsinn verlasse. Momentan läuft hier die Ausstellung „Ästhetik als politische Strategie 1945 – 1960“ mit Werken aus dem Nationalmuseum für Moderne Kunst Zagreb. Bis auf Stalin und Tito sind mir die abgebildeten Persönlichkeiten alle unbekannt, aber die Platzierung in dem turnhallengroßen Atelier empfinde ich als sehr gelungen.

Nach der Innenansicht wenden wir uns dem Skulpturengarten zu, in dem rund zwanzig Metallarbeiten Bernhard Heiligers zu sehen sind. Es handelt sich zum größten Teil um geometrische Figuren, die ich mir auch in den Garten stellen würde, obwohl mir eine Interpretation schwerfällt. Letztendlich finde ich das aber gar nicht so wichtig, ich schaue mir die Kombinationen aus Kugeln, Scheiben und Ringen einfach gerne an, ohne auf eine Benennung angewiesen zu sein und könnte sie mir in ihrer Form – natürlich deutlich minimiert – als Halskette vorstellen. Wäre das nicht eine Anregung für den Museumsshop? Ich wäre die beste Kundin!

Leider ist es immer noch sehr kühl, meine Betriebstemperatur verlangt nach einem höheren Tempo und verleidet mir ein längeres Verweilen vor den Kunstwerken. Anlass genug, das Jagdschloss Grunewald anzupeilen. Dazu müssen wir etwa einen Kilometer durch den Wald laufen, den gut versteckten Teich am Käuzchensteig passierend und ein JETpak EcoLodge Hostel. Die Bewertungen von Gästen, die dort übernachtet haben, sind durchweg positiv, vor allem, weil es mitten im Grünen liegt. Auf der Webseite kann man ein paar Innenaufnahmen anschauen, die auf Jugendherbergs-Flair schließen lassen. Den Pücklerteich wissen wir ganz in der Nähe, aber unser Weg führt uns nicht in Sichtweite daran vorbei.

Nach kurzer Zeit haben wir das Jagdschloss schon erreicht, dessen Torhaus und das Jagdzeugmagazin eingerüstet sind, aber das Hauptgebäude und das Café sind frei zugänglich. Der gepflasterte Hof ist eine Buckelpiste und verleiht dem Ensemble eine liebenswerte Authentizität. So wird es schon vor 500 Jahren ausgesehen haben, als das Schloss gebaut wurde, stelle ich mir vor. Später zur Führung wird man mich eines Besseren belehren, denn nicht Steine, sondern das Wasser des Grunewaldsees mit damals höherem Wasserspiegel umrundete das Schloss, das nur über eine Brücke zu erreichen war.

Es steht noch auf Dahlemer Boden, aber gleich dahinter erstreckt sich der Grunewaldsee, der schon zum Stadtbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gehört und deshalb von mir zu einem späteren Zeitpunkt umrundet werden wird. Wir können nur über einen abgeschlossenen Zaun einen Blick auf den Obstgarten und die Seeterrasse erhaschen.

Im Café erfahren wir, dass das Museum nur mit Führung zu besichtigen ist, die allerdings erst in einer Stunde stattfindet. Das soll nicht das Problem sein, denn es gibt verführerisch gut aussehenden Kuchen, der zwar sündhaft teuer ist (5,90 € das Stück), aber so gut schmeckt, dass ich beim Essen Stoßgebete zum Himmel schicke: „Möge er nie alle werden!“ Doch der liebe Gott erhört mich nicht und beendet die Schlemmerei ohne Erbarmen.

Pünktlich um 14 Uhr werden wir als einzige Gäste von der Schlossführerin in Empfang genommen. Die Barfüßigkeit meines Begleiters fällt ihr zwar sofort verwundert auf, aber sie erhebt keine Einwände, was mich wegen der dadurch ausbleibenden Grundsatzdiskussion innerlich aufatmen lässt. Nun kanns losgehen mit dem Befüllen meines Wissensspeichers, der bezüglich brandenburgisch-preußischer Geschichte einen ziemlich niedrigen Pegelstand hat.

Das Jagdschloss Grunewald ist der älteste noch erhaltene Schlossbau Berlins. Ursprünglich ließ Kurfürst Joachim II. Hector das Wasserschloss 1542/43 errichten. Im frühen 18. Jahrhundert wurde das Schloss unter Friedrich I. umfassend umgestaltet, Dachzone und Aufstockung erhielten barocke Formen. Seit diesen Arbeiten zeigt sich das äußere Erscheinungsbild weitgehend unverändert. Im 19. Jahrhundert verlor das Haus phasenweise an Bedeutung, erlebte aber mit der Wiederbelebung höfischer Parforcejagden eine neue Nutzung als Schauplatz repräsentativer Jagdveranstaltungen. Seit 1932 wird das Jagdschloss museal genutzt; es beherbergt eine bedeutende Gemäldesammlung, darunter zahlreiche Werke von Lucas Cranach dem Älteren, und bietet als einziger Berliner Saal noch heute einen Eindruck der Renaissancearchitektur. Das benachbarte frühere Jagdzeugmagazin wurde 1977 zum Jagdmuseum umgewidmet.

Im Zusammenhang mit Joachim II. darf Anna von Sydow nicht unerwähnt bleiben. Sie war die bekannte Mätresse des brandenburgischen Kurfürsten, die lange im Jagdschloss Grunewald lebte und zwei Kinder von ihm hatte. Zeitgenössische Quellen berichten, dass Joachim sie und die Kinder offen präsentierte, was in der Bevölkerung und am Hof Unmut hervorrief, der Kurfürst sich davon aber wenig beeindrucken ließ. Nach seinem Tod änderte sich Annas Lage dramatisch: obwohl der Erbfolge‑ und Hofkontext Schutzversprechen enthielt, wurde Anna 1569/1571 in der Zitadelle Spandau inhaftiert und dort bis zu ihrem Tod 1575 festgehalten. Ihr Schicksal wurde später Teil der höfischen und volkstümlichen Überlieferung: Anna von Sydow gilt als eines der Urbilder der „Weißen Frau“, des Hausgespensts der Hohenzollern, das in verschiedenen Residenzen als Vorbote von Tod oder Unglück auftauchen soll. Es gibt viele, die an solchen Spuk glauben!

Im Erdgeschoss erfahren wir die geschichtlichen Hintergründe zum Schloss und seinen Bewohnern, in der ersten Etage werden wir mit der ca. 30 Werke umfassenden Cranach-Sammlung bekannt gemacht. Die Gemälde stammen von Lucas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren und sehen so frisch, lebensecht und farbenfroh aus, als wären sie gerade fertiggestellt worden. Die Werke wurden behutsam restauriert und kehrten 2011 nach einer fünfjährigen Abwesenheit an ihren Platz zurück. Die Porträts von Joachim II. gehören zu den Schlüsselwerken der Sammlung: Ein frühes Bildnis als Kurprinz (um 1520) und ein späteres als Kurfürst (um 1570) zeigen nicht nur die persönliche Selbstdarstellung des Bauherrn des Jagdschlosses, sondern dokumentieren auch die Entwicklung höfischer Repräsentation in Brandenburg.

Der Passionszyklus, ursprünglich für die Cöllner Stiftskirche geschaffen, ist ein weiterer Schwerpunkt: Die Tafelbilder zur Leidensgeschichte Christi demonstrieren Cranachs Fähigkeit, religiöse Erzählung mit klarer Bildsprache und eindringlicher Figurenführung zu verbinden.

Die sogenannten Exemplum‑Tafeln oder Herrschertugenden sind repräsentative Bildserien, die moralische und politische Ideale visualisieren. In ihnen wird die Verbindung von Herrscherethos und Bildpropaganda deutlich: Die Tafeln dienten als Vorbild‑ und Legitimationsbilder für die Hohenzollern.

Zu den weiteren wichtigen Stücken zählt der Cadolzburger Altar sowie ausgewählte Werke der altdeutschen und altniederländischen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts, die den Cranach‑Bestand kunsthistorisch einbetten.

Die Führung ist so kurzweilig und interessant, dass ich sehr froh bin, die Stunde gewartet zu haben, nicht nur wegen des hervorragenden Kuchens. Ich muss gestehen, dass ich mich, wenn ich die Wahl habe, immer für den selbstständigen Rundgang durch ein Museum entscheide. In diesem Fall wäre das ein Verlust gewesen, denn wir haben sehr viel Hintergrundwissen vermittelt bekommen, das die Bilder erst erlebbar macht und auf eine Ebene zur eigenen Lebensrealität stellt. Leider wird ab 2027 diese Möglichkeit nicht mehr angeboten, weil zu wenig Besucher kommen. Deswegen appelliere ich an alle, die diesen Beitrag lesen: Nutzt die Gelegenheit, solange sie sich noch bietet!

Beschwingt wandern wir nun durch den Wald Richtung Pücklerstraße, vorbei an der Residenz der Schwedischen Botschaft, in der sich am 8. Mai 1966 der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, und der sowjetische Botschafter in der DDR, Pjotr Abrassimov zu einem Gespräch trafen, das den Beginn einer neuen Ostpolitik einläutete.

Gegenüber fällt uns ein moderner Villenkomplex ins Auge, der uns in trügerisch unschuldigem Reinweiß anstrahlt. Ich mache erst mal ein Foto und stelle später fest, dass ich da ein höchst brisantes Gebäude erwischt habe.

Der „Stern“ titelte dazu im Dezember 2020: „Wie eine der reichsten Familien Russlands ihr Vermögen in Deutschland parkt“. Es geht um den Putin-Jugendfreund Arkady Rotenburg, der seit 2014 auf einer Liste von Personen steht, mit denen laut EU-Verordnung Geschäfte nicht mehr zulässig sind. Ihm gehörte dieses Gebäude. Trotz der Sanktionen gelang es ihm, 2016 die Immobilie für über 2,5 Millionen Euro zu verkaufen.

Schnell weg von hier, denn wir haben noch eine letzte Station auf dem Programm stehen – das AlliiertenMuseum in der Clayallee. Ende März hatte ich mich hier schon mal mit meiner Freundin Sarah rumgetrieben, ohne allerdings der Ausstellung große Aufmerksamkeit zu schenken, sondern um einen Regenguss abzuwarten. Nun möchte ich endlich etwas genauer hinschauen. Der Eintritt ist frei, wenn man aber einen Blick in den Rosinenbomber, den französischen Militärzug oder ins Innere des Checkpoint Charlie werfen möchte, muss man sich für 1 € ein Ticket kaufen. Das ist sehr originell gestaltet und als Boarding Pass, Billet de Train und Eintrittskarte ins Wachhäuschen dreifach verwendbar. Wie früher wird das Ticket von einem Kontrolleur per Lochzange entwertet.

Zunächst besteigen wir die Hastings TG 503, das größte Transportflugzeug der Royal Air Force, mit dem während der Berliner Luftbrücke 1948/49 vor allem Kohle in die blockierte Stadt gebracht wurde. Bis zu 12400 Flüge wurden verzeichnet.

Die „Zugfahrt“ finde ich fast noch interessanter, denn es gibt so viele Ähnlichkeiten mit den Personenzügen der deutschen Reichsbahn meiner Kindheit und Jugend, dass ich mich in meiner Begeisterung kaum bremsen kann. Damals hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass ich 50 Jahre später beim Anblick eines solchen Zuges in einen Freudentaumel gerate. Im Gegenteil – was waren wir immer angewidert von dem Schmutz und den muffigen Abteilen! Als Kind störten mich die dreckigen Fensterscheiben so sehr, dass sich hier mein erster Berufswunsch formte. Ich war mir ganz sicher: Ich werde später Fensterputzer bei der deutschen Reichsbahn! Aber heute fahre ich mit den Händen und einem seligen Grinsen im Gesicht liebevoll über die Sprelacart-Oberflächen, als wäre es italienischer Marmor. Am anderen Ende des Waggons wartet unser Kontrolleur geduldig und denkt sich seinen Teil – ich sehe es ihm an!

Ticket Nr. 3 verschafft uns Zugang zum Checkpoint-Charlie-Wachhäuschen, das von 1986-1990 seinen Dienst tat. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges hatten das Recht, sich ungehindert in allen vier Sektoren von Berlin bewegen zu können. Mit dem Bau der Mauer blieb den Westmächten nur die Friedrichstraße als Übergang in den Ostsektor. Das betraf Patrouillen und außerhalb des Dienstes unternommene Fahrten, die von einem Sonderkommando der amerikanischen Militärpolizei abgesichert wurden, das schon bald zu einer militärischen Dienststelle wurde. Militär- und Zivilangehörige wurden über die Regeln des Übergangs aufgeklärt und erhielten Verhaltens- und Vorsichtsmaßregeln für Ost-Berlin. Die Bauweise des Kontrollhäuschens sollte seinen provisorischen Charakter ausdrücken. Ich persönlich habe den Checkpoint Charlie erst nach dem Mauerfall als Sehenswürdigkeit kennengelernt.

Nun gehts ins eigentliche Museum, das im Gebäude der ehemaligem Maj.-Arthur-D.-Nicholson-Jr.-Gedenkbibliothek untergebracht ist. Die Namensgebung erfolgte zu Ehren des Offiziers der US-Militärverbindungsmission, der bei einem Einsatz in der DDR erschossen wurde. Es war die Zentralbibliothek der Berliner US-Militär-Community. Sie wurde 1979 mit etwa 50.000 Büchern eröffnet und umfasste viele Interessengebiete für alt und jung, in Englisch und anderen Sprachen. Man hatte in der Zeitungsabteilung eine große Auswahl, auf Mikrofiches standen Telefonbücher amerikanischer Städte sowie Informationen über Colleges und Universitäten in den USA zur Verfügung. Es gab Audio- und Videokassetten, CDs und sogar eine Artothek mit ausleihbaren Kunstdrucken. Die Bibliothek schloss 1994 mit dem Abzug der Westmächte und wurde für die Nutzung als AlliiertenMuseum leergeräumt. Mich würde ja interessieren, wo die 50.000 Bücher geblieben sind, aber ich konnte dazu nichts finden.

Im Erdgeschoss befinden sich die offenen Ausstellungsflächen, im Obergeschoss das Depot für die Sammlungsbestände. Zuerst arbeiten wir uns durch die Dauerausstellung „Wie aus Feinden Freunde wurden“, die sehr interaktiv gestaltet ist. Man kann an vielen Stellen Knöpfchen drücken, Kopfhörer nutzen, um kleine Videos anschauen zu können und man hat die Möglichkeit, mittels QR-Codes an den Stationen selbstständig einer Audio-Führung zu folgen, die aber auch von zu Hause aus durchaus sinnvoll nutzbar ist: SupraPWA App Einfach mal ausprobieren! Die Ausstellung ist als zeitlich geordnete Erzählung angelegt: Beginnend mit der Besatzungszeit 1945 zeigt sie Stationen der Zusammenarbeit und der Konfrontation zwischen den Westmächten und der Sowjetunion, die Blockade und Luftbrücke, den Alltag der Garnisonen und schließlich die Rolle der Alliierten beim Weg zur deutschen Einheit. Zentrale Themen sind Besatzungspolitik, Militäralltag, Propaganda und kultureller Austausch sowie die politischen Krisen des Kalten Krieges.

Wie in vielen Museen ist auch hier eine temporäre Sonderausstellung aufgebaut. Sie trägt den Titel „ColdWarGames – Alles nur ein Spiel“, entstand in Zusammenarbeit mit dem Computerspielemuseum und ist noch bis zum 30.06.2026 zu sehen. Man könnte fast annehmen, ich hätte einen Deal mit den heute besuchten Museen abgeschlossen, denn auch hier möchte ich am liebsten laut rufen: Schaut euch das an! Besonders das Kinderzimmer der 90er Jahre hat es mir angetan. Es fühlt sich für mich wie eine Zeitreise in das eigene Zuhause an. Genauso hat es in den Zimmern meiner Söhne ausgesehen! Überall liegt was rum, der CD-Player läuft, die Spielekonsole wartet auf ihren Einsatz, der Computer flimmert, Bravo-Poster hängen krumm und schief an der Wand.

Aber auch das Wohnzimmer legt nostalgische Erinnerungen in mir frei und beamt mich in die Zeit der Fernsehabende mit meinen Eltern, als ich für Willi Schwabes Rumpelkammer oder den Kessel Buntes länger aufbleiben durfte.

Man kann ein Klassenzimmer besuchen mit Polylux und ersten Computerarbeitsplätzen und lächelt milde über die damals hochmoderne Technik oder Spieleautomaten, die längst aus der Mode gekommen sind.

Aber auch das Zimmer einer Antifa-Kommune sieht täuschend echt aus. Alles steht unter dem Motto der Brett- und Computerspielewelt der 1960er- und 1970er-Jahre, die vom Kalten Krieg geprägt waren.

Ein langer Museumstag geht zu Ende. Zum Abschied bekomme ich von Ulrich Conrad wieder ein Buch geschenkt, das er zusammen mit Karl Rodenberg geschrieben hat: „Begrenzt beglückt – und grenzenlos genervt: grenzübergreifende Erzählungen und Erinnerungen“. Sie haben darin ihre Erinnerungen und Erlebnisse aus Westberliner Sicht festgehalten, die die Teilung Deutschlands mit sich brachte. Thematisch passt das nach dem Besuch des AlliiertenMuseums perfekt als Abschluss des Tages und ich bin schon sehr gespannt darauf.

Fazit des Tages: Alle heute besuchten Orte kann ich durchweg weiterempfehlen. Jeder hat auf seine Weise viel zu bieten und erweitert den Horizont. Natürlich kann man sich nicht alles merken, aber ein bisschen bleibt immer hängen.

Zum Schluss möchte ich noch die Beiträge der beiden Journalistinnen erwähnen, die mich am 5. Mai begleitet haben. Marlen Rothenburg von TAG24 hat über der Begegnung mit mir folgenden Artikel geschrieben: Zu Fuß durch ganz Berlin: Diese 66-Jährige will 11.500 Straßen ablaufen

Sandra Löhr von Deutschlandfunk Kultur entwickelte aus den umfangreichen Audioaufnahmen ein Radio-Feature, das man hier nachhören kann: Gehen als Arbeit – Renate Zimmermann will alle Berliner Straßen ablaufen

Am Dienstag begleitet mich die Journalistin und Moderatorin Danuta Schmidt, mit der ich in der Bibliothek viele Veranstaltungen gemeinsam auf die Beine gestellt habe. Wir werden den Bereich zwischen Carstennstraße, Finkensteinallee, Goerzallee und Parkfriedhof Lichterfelde erkunden.

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