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14. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Steglitz) | Südende, Haustürgalerie, Rauchlose Siedlung, Paresü und andere Verluste

„Nach dem zweiten Frühstück soll man sich, ohne viel Zeit verstreichen zu lassen, an einem schattigen oder kühlen, windgeschützten Platz zur Ruhe niederlegen.“ (Diokles von Karistos) – Kalenderspruch des Tages

Audio-Zusammenfassung mittels KI:

Selbst, wenn ich den Ratschlag des griechischen Arztes aus der Antike befolgen wollte – es wäre mir heute kaum möglich, denn mit dem Verlassen der S-Bahn in Südende fängt es an zu regnen. und zwar ordentlich. Aber ich bin natürlich gewappnet und hülle mich und meinen Rucksack noch auf den Bahnsteig in Regenkleidung, die aber nicht lange nötig sein wird. Dass das Bahnhofsgebäude einmal ganz anders und prächtiger aussah als der jetzige Zweckbau, erzählt ein Gemälde in der Vorhalle:

Grund dafür ist die besagte Bombennacht im August 1943, die Lankwitz fast komplett zerstört und auch in Südende erhebliche, noch heute spürbare Schäden hinterlassen hat.

Das Areal von Südende gehörte früher zu Mariendorf und war im Besitz zweier Bauern, die ihr Land an den Fürsten von Schönburg verkauften. Dieser veräußerte den Grund und Boden 1872 für 800.000 Taler an die Terrain-AG „Südende“, die eine Landhauskolonie errichten wollte. Es entstanden rund 400 Parzellen, eine Vielzahl an Ausflugsgaststätten, eine Badeanstalt und nach 1900 etliche mehrgeschossige Mietshäuser. Einige Gebiete wurden erst in den 1930er Jahren bebaut. Viele Wohlhabende ließen sich hier nieder, aber auch Menschen aus anderen Bevölkerungsschichten. Mitten hindurch zieht sich der Steglitzer Damm, der bis 1957 Mariendorfer Straße hieß. Informiert man sich über Südende und seine Geschichte, stößt man früher oder später auf eine auffällig lange Liste ausführlich und detailreich beschriebener Ausflugs- und Vergnügungslokale, die es alle nicht mehr gibt. Sie müssen sehr prägend gewesen sein und haben viel Publikum angelockt, allen voran das Paresü (Parkrestaurant dende). Allein der Name macht irgendwie gute Laune. Ich lasse ihn mir mehrmals auf der Zunge zergehen, über die er leichtfüßig hinwegflutscht – Paresü. Ich spreche ihn laut aus und kann mir gut vorstellen, wie schön es war, sich dort zu verabreden: „Treffen wir uns im Paresü?“ oder „Kommst du am Samstag mit ins Paresü?“ oder mit einem Hauch von Wehmut: „Ich war am Wochenende im Paresü – ach, war das wieder schön!“ Nach allem, was ich gelesen habe, bedauere ich zutiefst, dass davon nichts mehr übrig ist. Es stand direkt gegenüber von Bahnhof Südende an der Stelle, wo sich Lidl befindet. Dort, wo jetzt Kunden ihre Einkäufe in den Kofferräumen ihrer PKWs verstauen, saßen vor hundert Jahren bis zu 1200 Gäste im Biergarten des Paresü und vergnügten sich. Es gab mehrere Kegelbahnen, einen großen Saal (im Ersten Weltkrieg Reservelazarett mit 300 Betten), einen zehn Morgen (25.000 m²) großen Naturgarten, Gondelfahrten auf dem Teich, eine Badeanstalt, Militärkonzerte, Tanzveranstaltungen und Feuerwerke. Es muss ein Naturparadies gewesen sein mit Nutzung des Hambuttenpfuhls und des Karutschenpfuhls. Diese beiden Seen führen heute ein trauriges und verstecktes Dasein als Tümpel, die ich gleich zu Beginn meiner Tour zwischen Grabertstraße und Karl-Fischer-Weg nur erahnen kann. Hinter einem Zaun geht es steil bergab und ich kann unten schemenhaft Wasser schimmern sehen. Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass das mal Gondel- und Badeteiche waren und wundere mich nur, wieso das hier alles so geheimnisvoll eingezäunt ist. Auf dem dritten Bild kann man bei genauerem Hinschauen eine verrottete Brunnenabdeckung erkennen. Vielleicht war das mal ein Springbrunnen.

1939 musste das Paresü geschlossen werden, weil es mit den umliegenden Straßen der Erweiterung der Bahnanlagen weichen sollte. Dazu kam es zwar nicht mehr, aber durch den Bombenangriff 1943 blieb von dem Idyll nur noch das Gebäude an der Straße stehen. Nach dem Krieg wurde es zwar noch lange genutzt, jedoch 2003 zugunsten von Lidl abgerissen.

Auch andere Lokale müssen Südende wohl maßgeblich geprägt haben, so z.B. Sperlingslust, die Restaurants „Zur Esche“ und „Zum grünen Hain“ und „Südende“. Nichts davon steht mehr. Die Begeisterung der Südender für Hitler (41% stimmten 1932 für die NSDAP) konnte sie vor dem Desaster der Bombennacht nicht schützen. Es gibt nicht mehr viele Häuser, die den Angriff überstanden haben. Eins steht in der Grabertstraße 4. Es ist das älteste noch erhaltene Haus von Südende und wurde 1872/1873 für den Bankier Eduard Mamroth im spätklassizistischen Stil, der sogenannten „Berliner Schule“ erbaut. 1961 erwarb das Land Berlin das Anwesen und richtete dort die Leo-Borchard-Musikschule ein. Jetzt befindet sich dort das Haus der Musik.

Geometrie ist im Straßennetz nicht zu erkennen, sie schlingern und winden sich und ich mich mit ihnen, so dass ich nach einer Stunde wieder am Ausgangspunkt stehe. Einigermaßen konsequent zieht sich die Sembritzkistraße hindurch. Ein Teil ihres heutigen Verlaufs war ursprünglich ein Abschnitt des Priesterweges, der früher von Pfarrern als Verbindungsweg zwischen Schöneberg und der Filialkirche in Lankwitz genutzt wurde. 1574 bestimmte der brandenburgische Kurfürst, dass Lankwitz kirchlich zu Schöneberg gehört. Über mehrere Jahrhunderte bestand dieser enge Bezug, so dass sich der Weg im Volksmund dauerhaft seinen Namen sichern konnte. Ich lasse mir Zeit und versuche, die Biegungen der Straßen in mein biologisches Navigationssystem einzuschreiben, was mir nur mäßig gelingt. Immer wieder wundere ich mich an Wegkreuzungen, wo ich denn jetzt nun wieder gelandet bin oder denke: „Hier war ich doch schon dreimal?“ Aber es herrscht eine ganz besondere Stimmung – es ist sehr ruhig, fast gemütlich, dschungelgrün mit etlichen Höhen und Tiefen wie in einer Mittelgebirgsstadt. Trotzdem empfinde ich eine Atmosphäre der sozialen Kontrolle, ich fühle mich beobachtet durch Menschen am Fenster, in parkenden Autos sitzend, in Einfahrten stehend, mit dem Hund Gassi gehend. Natürlich ist das Quatsch, aber ich nehme das so wahr und finde kurz darauf wie zur Bestätigung diesen Hinweis am Gartentor:

Auf dem Grundstück der Katholischen Pfarrei Maria Rosenkranzkönigin in der Sembritzkistraße hat man sich früher im Restaurant „Zum grünen Hain“ ebenfalls lautstark vergnügt. 1928 kaufte die Familie des Textilfabrikanten Leineweber das Lokal, allerdings nicht mit der Absicht, es weiter zu betreiben, sondern um Ruhe zu haben, indem sie das Grundstück der katholischen Gemeinde schenkte. Ein cleverer Schachzug! Jetzt steht dort ein sehr spartanisch wirkendes Gotteshaus, das mir leider den Blick in sein Inneres verwehrt.

Es folgt eine sehr gepflegte Wohnanlage, die nicht durch Extravaganz, aber Gediegenheit auffällt:

Immer noch treibe ich mich in den Anfängen der Tour herum nördlich des Steglitzer Damms und ermahne mich, ein bisschen auf die Tube zu drücken. Es gibt viel zu tun! Deswegen schaue ich mir noch schnell die Grundschule Am Insulaner an, die eine bunte Plastik von Gabriele Rosskamp und Serge Petit ihr eigen nennen kann: „Zwei Musiker und ein Hut“. Schön finde ich die Baumpatenaktion und die Initiative „Zu Fuß zur Schule“.

Nun will ich auf dem Karl-Fischer-Weg nach Norden laufen und komme an einem Hochhaus vorbei, in dessen direkter Nachbarschaft sich Einfamilienhäuser ducken. Genau an der Stelle planschten zu Paresü-Zeiten im damals noch größeren Karutschenpfuhl viele Badelustige. Kaum vorstellbar aus heutiger Perspektive.

Wie in vielen Straßen des Stadtbezirks stehen auch hier Linden, die ihre Blütenblätter abgeworfen haben und eine herbstliche Stimmung verbreiten. Es sind so viele, dass ihnen die Stadtreinigung zu Leibe rücken muss. Rechts der Bahndamm, links ein paar Häuser und Querstraßen, Kopfsteinpflaster, Kleingärten und Lindenblütenberge versetzen die Gegend in eine ländliche und friedliche Stimmung, in der ich mich sehr wohl fühle.

Der Oehlertring touchiert zweimal die Sembritzkistraße. Der Oehlertplatz, momentan eine Baustelle, war früher der Standort des Bergschlösschens und wurde 1872 als Restaurations- und Logierhaus geführt, daneben konnte man von einem Aussichtsturm den Ausblick genießen. In unmittelbarer Nähe begann ab den 1880er Jahren in den Rauhen Bergen im großen Stil der Sandabbau, heute westlich des Munsterdamms. Das Bergschlösschen stand direkt auf dem Kamm des Sandberges, der deswegen erhalten blieb, aber die Hügel im Bereich Oehlertring und Sembritzkistraße wurden abgetragen, was das Gefälle erklärt, von dem ich schon gesprochen habe.

Zu gerne würde ich eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert machen und mich von Lokal zu Lokal vorarbeiten und die Stimmung genießen. Am liebsten mit Wilhelm Conrad, dem Gründer Villenkolonie Alsen in Wannsee, mit Adolf Groth, dem ersten Bewohner an der Rehwiese in Nikolassee, Bruno Taut, einem der Architekten der Zehlendorfer Waldsiedlung, Johann Anton Wilhelm von Carstenn, der Stadtplaner von Lichterfelde, Gustav und Otto Lilienthal und die vielen anderen Visionäre, die den Berliner Südwesten geprägt haben. Alle an einem Tisch, würden sie sich austauschen über das, was ihnen wichtig war und was daraus geworden ist. Wie würden sie staunen, wenn sie eine Reise in die Zukunft ihrer Wirkungsstätten machen könnten, aber vielleicht auch den Kopf schütteln und erschrecken, wie das jetzt alles aussieht.

Mit solchen Gedanken beschäftigt, freue ich mich auf die Gurlittstraße. Hier wohnt die Bibliothekarin Andrea, die ich über Instagram kennengelernt habe. Sie wollte mich eigentlich heute durch Südende begleiten, doch verschiedene Termine haben ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Bevor ich mich heute morgen auf den Weg gemacht habe, ploppte auf meinem Handy eine Nachricht von Andrea auf mit dem Foto einer am Zaun hängenden Tüte und der Aufschrift „Für Renate Zi.“ Dazu folgender Text: „…Ich hoffe, das Anhängsel hängt noch, wenn du vorbeikommst. Halt dich wacker, bis bald GLG!“ Nun nähere ich mich besagter Stelle voller Neugierde und tatsächlich – die Tüte hängt noch. Bis zu ihrem Inneren scheint der Regen nicht vorgedrungen zu sein, denn alles ist gut lesbar:

Ich bin sehr gerührt, denn so etwas erlebt man ja auch nicht alle Tage. In meiner Mittagspause packe ich die Wundertüte voller Spannung aus und freue mich riesig über deren Inhalt, denn nun bin ich bestens versorgt mit Stärkungsmitteln, die für mehrere Touren reichen werden. Eine Grußkarte hat das Geschenk perfekt abgerundet und ich sitze glücklich grinsend auf der Bank, baumle mit den Beinen und genieße diese praktische Zuwendung.

Frisch gestärkt, wende ich mich dem Munsterdamm zu und muss sofort an die Waldsiedlung Zehlendorf in der Argentinischen Allee denken. Man denke sich die Häuser ein bisschen bunter und schon wären sich die Straßenzüge zum Verwechseln ähnlich! Wie die Waldsiedlung hat auch diese moderne Bauweise damals Schlagzeilen gemacht.

Die sogenannte Feuer- und Rauchlose Siedlung entstand Anfang der 1930er‑Jahre als eines der fortschrittlichsten Wohnungsbauprojekte der Weimarer Zeit. Rund tausend Wohnungen entlang des Steglitzer Damms und des Munsterdamms sollten zeigen, wie modernes, hygienisches und technisch zeitgemäßes Wohnen aussehen kann. Die Siedlung gilt als Beispiel des Neuen Bauens, geprägt durch normierte Grundrisse, standardisierte Ausstattung und die klare Zeilenbauweise. Geplant wurde sie von Paul Mebes, Paul Emmerich und Heinrich Straumer, gebaut von der Gemeinnützigen Bau- und Siedlungs‑AG „Heimat“. Trotz des modernen Anspruchs entstand ein Großteil der Anlage mangels Maschinen in Handarbeit und mit Pferdefuhrwerken. Die Gebäude verteilen sich auf mehrere Straßen im Umfeld des Steglitzer Damms, darunter Munsterdamm, Immenweg und Kottesteig.

Die Wohnungen waren preiswert, meist zwei bis zweieinhalb Zimmer groß und etwa sechzig Quadratmeter groß. Sie verfügten über separate Küchen, kleine Bäder und waren vollständig elektrifiziert. Besonders innovativ war die Ausstattung mit Elektroherden und die Versorgung mit Fernwärme – zu einer Zeit, als nur wenige Berliner Haushalte überhaupt elektrische Kochgeräte besaßen. Die Siedlung sollte ein gesundes, sauberes und rauchfreies Wohnen ermöglichen und wurde von zeitgenössischen Architekten als revolutionär beschrieben. Um monotone Fassaden zu vermeiden, variierten Haustüren, Balkongrößen und Fassadenlängen. Manche können diesem Baustil nichts abgewinnen, aber ich mag dieses ästhetische Zusammenspiel aus Klarheit, Rhythmus, Ruhe und Sachlichkeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Siedlung stark überbelegt, da viele Flüchtlinge und Vertriebene dort unterkamen. Heute steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz, die Wohnungen gehören teils Privatpersonen, teils der Deutsche Wohnen. Es soll sogar eine Museumswohnung geben mit der ursprünglichen Ausstattung, ähnlich der in Hellersdorf. Vielleicht finde ich sie noch.

In der Broschüre „Südende“ von Christian Simon lese ich, dass es am Steglitzer Damm 115 von 1901-1908 eine von Prof. Hottinger gegründete Bibliothekarinnen-Schule gegeben hat. Leider steht das Haus auch nicht mehr. Ich überquere den Steglitzer Damm, wo der Munsterdamm zur Halskestraße wird, die mich mit den Straßen der näheren Umgebung fast in den fotografischen Wahnsinn treibt. Noch nie habe ich so viele umwerfend schöne Hauseingänge gesehen, man kann sagen – am laufenden Band! Ich komme nur schleichend vorwärts, weil ich ständig die Straßenseite wechseln muss, um sie richtig im Bild zu haben. Natürlich sind die dazugehörigen drei- bis vierstöckigen Häuser nicht minder interessant, aber ich kann doch nicht alles knipsen. Was soll ich nur tun? Was weglassen? Diese Entscheidung muss ich zudem ständig neu treffen, vor jedem Haus! Ich ahne es schon – das wird ein langer Tag.

Die Besonderheiten zwischen diesen steinernen Kunstwerken will ich extra hervorheben. So wusste ich nicht, dass Efeu bis in den 18. Stock hochklettern kann, finde einen Garten direkt vor einer Eingangstür, nasse Bücher zum Mitnehmen, eine Imkerei, Löcher im Asphalt wie früher in der DDR, Gargoyle – den Wahnsinnigen und eine merkwürdige Wärmepumpe.

Die Brandenburgische Straße hält eine weitere Überraschung parat: die Schlesien-Bibliothek mit einer – nun ja – sehr eigenwilligen Fenstergestaltung:

Verschiedene Institutionen haben hier ihren Sitz, ich habe mir exemplarisch mal den Arbeitskreis der AG Ostmitteleuropa e.V. herausgegriffen und einen Rundbrief vom Anfang 2026 entdeckt, der mir fast die Schuhe ausgezogen hat. Es geht um die Geschichte der Maria-Magdalenenkirche in Breslau mit Überleitung zur heutigen Politik und Kunst in Deutschland. Es ist die Rede vom staatlich geförderten Kunstbanausentum, Meinungsfreiheit auf dem Rückzug, queeren Gaga-Workshops, von inittiierter Masseneinwanderung, von Vermischung und Verdrängung der hier Lebenden durch Migranten, von Gutmenschenproblem und Scheindemokratie. Problematisch sind auch die politisch aufgeladenen Vorträge, die moderne gesellschaftliche Entwicklungen als „Re‑Edukation“ oder „Umerziehung“ deuten. Insgesamt entsteht das Bild einer Institution, die sich als Bewahrerin einer verlorenen Welt versteht, aber kaum Anschluss an heutige gesellschaftliche, historische oder kulturelle Debatten sucht.

Die Landesarbeitsgemeinschaft für Ostkunde im Unterricht scheint es in allen westdeutschen Bundesländern zu geben oder gegeben zu haben. Laut des Beitrags „Ostkunde“ -Geschichte eines politisch umstrittenen Unterrichtsanliegens in APuZ 46/1974 | bpb.de entstand die Ostkunde in den 1950er‑Jahren als vertriebenenpolitisches Projekt: Sie sollte das Bild des „deutschen Ostens“ wachhalten, Heimatverlust verarbeiten und antikommunistische Haltung stärken. Obwohl nie als eigenes Schulfach etabliert, wurde sie durch Kultusministerien unterstützt und in viele Unterrichtsfächer hineingetragen. Mit der Zeit zeigte sich jedoch, dass die Ostkunde stark von nostalgischen, nationalgeschichtlichen und ideologisch gefärbten Perspektiven geprägt war. Reformversuche – etwa durch Eugen Lemberg – scheiterten an den alten Netzwerken der Vertriebenenverbände. Die Ostpolitik der 1960er/70er Jahre brachte das Konzept zusätzlich in die Krise. Schließlich wurde die Ostkunde als überholt betrachtet: Die Kultusministerkonferenz hob 1974 die alten Empfehlungen faktisch auf und empfahl stattdessen eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Osteuropakunde, was sich aber offensichtlich nicht durchgesetzt hat.

Eine merkwürdiger Zusammenschluss von ewig Gestrigen – so kommt mir das vor, was durch die Schaufenstergestaltung unfreiwillig verstärkt wird. Schnell weg hier!

Über die Steglitzer-Damm-Brücke gehts nun in das Viertel zwischen den S-Bahnhöfen Südende und Attilastraße, im Süden begrenzt vom Teltowkanal. Hier ist ebenfalls deutlich ein Höhenunterschied in der Topografie spürbar. Während die Attilastraße auf ca. 51 Metern liegt, senkt sich das Gelände zum Maulbronner Ufer hin ab auf ungefähr 40 Höhenmeter. Die Bebauung erfolgte hier überwiegend in den 1930er Jahren, teilweise sogar erst um 1990 herum oder im Tuttlinger / Schünemannweg 2013, wofür unter Protest etliche Kleingärten weichen mussten. Diese wäre im übrigen auch mal eine nähere Betrachtung wert. Es gibt momentan ungefähr 870 Kleingartenanlagen in Berlin. Das klingt viel und schon oft bin ich an solchen individuellen Paradiesen vorbeigekommen, aber es waren früher deutlich mehr. Seit den 1990er Jahren gingen tausende Parzellen durch Wohnungsbau, Infrastrukturprojekte und Umwidmungen verloren. Allein seit 2014 wurden über 2.500 Parzellen bebaut und damit dauerhaft aufgegeben. Aber Am 21. März 2026 ist das Kleingartenflächensicherungsgesetz in Kraft getreten. Über 56.000 Kleingärten auf landeseigenem Grund, rund 80 Prozent aller Berliner Parzellen, dürfen künftig nur noch in sehr engen Ausnahmefällen umgewidmet werden, etwa für den Bau von bezahlbarem Wohnraum, Schulen oder Kitas. Und selbst dann muss das Abgeordnetenhaus zustimmen. Für mich gibt es dabei ebenfalls wichtige Veränderungen: Wege in Kleingartenanlagen auf landeseigenen Flächen sollen ganzjährig für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Das wäre manchmal sehr hilfreich, um doppelte Wege zu vermeiden, aber noch hat sich diese Regelung nicht durchgesetzt.

Es dauert ein Weilchen, bis ich alles abgegrast habe, wobei der Doldenweg wohl die kürzeste Straße ist, die ich bisher gelaufen bin, schätzungsweise 50 Meter.

Er ist eine Seitenstraße des Kelchweges, der – läuft man ihn konsequent bis zum Ende – eine Offenbarung bereithält. Völlig unvorbereitet stehe ich einem versteckten Industrie-Gebäudekomplex gegenüber, der kaum schöner und geschichtsträchtiger sein kann und seit 1974 im Besitz der FU ist, Fachbereich Pharmazie. Es handelt sich um einen Fabrikneubau für die Firma Scherk nach einem Entwurf von Fritz Höger.

Die Fassade hat Augen, die mich mit hochgezogenen Brauen anzuschauen scheinen. Fasziniert tänzele ich um das Gebäude herum und finde es einfach wunderschön. Ludwig Scherk gründete das Berliner Kosmetikunternehmen Anfang des 20. Jahrhunderts und baute es mit hochwertigen Parfüms und Pudern zu einer international tätigen Marke mit über 50 Filialen aus. In Südende entstand 1926 dieses markantes Fabrikgebäude, weltweit entstanden 53 Zweigniederlassungen. Allein in Berlin beschäftigte das Unternehmen über 400 Mitarbeiter. 1938 wurde das Unternehmen im Zuge der Arisierung an Schering verkauft, die Produktion später unter dem Namen Tarsia weitergeführt und in der Fabrik ein Zwangsarbeiterlager eingerichtet hatte. Ludwig Scherk starb 1946 in London, wohin er vor den Nazis geflüchtet war. Nach dem Krieg kehrte Sohn Fritz Scherk zurück, übernahm die Firma und nahm die Produktion wieder auf. In den 1960er Jahren wurde Scherk an Alberto‑Culver verkauft, die Markenrechte wechselten mehrfach, und Anfang der 1980er verschwand das Unternehmen aus dem Handelsregister. Wenn ich könnte, würde ich mich jetzt sofort mit der Scherk-Produktpalette eindecken, denn ich möchte so gerne wissen, wie sie geduftet haben! Anschauen kann man sie sich noch: Scherk » Parfums, Infos und Rezensionen

Ironischerweise muss man zunächst am Jobcenter vorbei, um diese Architekturperle zu finden.

Nun bleibt mir für heute nur noch ein Besuch der Evangelischen Trinitas-Gemeinde Südende in der Ellwanger Straße, die Besucher einlädt, das Südender Labyrinth hinter der Kirche zu besuchen mit sieben Umgängen, zehn Metern Durchmesser und 120 Metern Weg. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und werde dabei von einem Mädchen beobachtet, das mit einer Wasserpistole Gesichter an eine Schuppentür zeichnet. Es ist ein schöner Ort, schattig, einladend und mit Sitzplätzen in der Labyrinth-Mitte lockend.

Ich schummle auch nicht, sondern schreite die Wege ganz brav ab, bis ich im Inneren angekommen bin. Eine schöne Idee! Überhaupt macht die Kirche einen sehr unkonventionellen Eindruck. Vor dem Haupteingang tummelt sich eine Horde spielender Kinder, deren Spur sich sichtbar bis ins Kircheninnere zieht. Hier tobt das Leben, im wahrsten Sinn des Wortes. Die Kirche wurde in die Ruinen der im Krieg zerstörten Vorgängerkirche hineingebaut. Laut Programm liegt der Schwerpunkt der Gemeindearbeit auf Musik und Theater: Der Kantor organisiert intensive Chorarbeit und regelmäßige Kammermusikkonzerte, die Theatergruppe Spotlight bringt seit Jahrzehnten jährlich ein großes Stück auf die Bühne. Für Kinder gibt es zahlreiche Gruppen, Projekttage und eine große Kita mit 130 Plätzen, die eng mit der Gemeinde verbunden ist. Ältere Menschen treffen sich zu Gymnastik, Spielen, Geburtstagskaffees und Ausflügen. Also eine lebendige, generationenübergreifende Gemeinde, wie das nicht überall der Fall ist.

Eine erkenntnisreiche Wanderung, die mir Südende als einen besuchenswerten Ort mit einer ereignisreichen Vergangenheit nähergebracht hat.