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28. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Steglitz) | Wohnquartiere, Stadtvillen, Industrie, Kleingärten, zwei Kirchen, ein Friedhof, vier Schulen, ein übersehener Turm und eine berührende Begegnung

„Wer sucht, findet nicht, wer nicht sucht, wird gefunden.“ (Franz Kafka) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:

Das einträchtige Nebeneinander von alt und neu, nichtssagend und beeindruckend, laut und leise, belebt und verschlafen, groß und klein, monumental und liebenswert, sauber und dreckig ist vermutlich nicht allein in Steglitz zu finden und wahrscheinlich auch in anderen Städten außer Berlin, aber es kommt einem so vor. Meine heutige Begleiterin Liane Fischer war beruflich viel in Berlin unterwegs und bekennt, dass sie genau diese Abwechslung an Berlin so liebt, die geprägt ist von der Akzeptanz der ewig währenden Unvollkommenheit dieser Stadt. Schon 1910 schrieb Karl Scheffler in seinem provokanten und damals geschmähten Buch „Berlin – ein Stadtschicksal“, Berlin sei dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein. Das Gebiet, das wir heute erobern, spiegelt genau das wider, sorgt für Abwechslung, Begeisterung und Befremden. Gleich zu Beginn erleben wir, wie einschneidend im wahrsten Sinn des Wortes Autobahnen sein können. Vom S-Bhf. Feuerbachstraße kommend, wollen wir von der Düppelstraße aus über die Joachim-Tiburtius-Brücke zur Körnerstraße wechseln, was bedeutet, die Autobahn zu überqueren. Gäbe es diese riesige Schneise nicht, die dafür geschlagen wurde, wäre das schnell erledigt, doch wir haben Pech. Die Strecke über den tosenden Verkehrsfluss wäre kein Vergnügen gewesen, ist aber momentan für Fußgänger gesperrt. Wir versuchen ganz schlau, über ein Parkhaus, das mit der Brücke verbunden ist, hinaufzukommen, doch auch das klappt natürlich nicht und wir müssen ein Stück weiter bis zur nächsten Möglichkeit. Ich bin keine Verkehrsplanerin, würde aber behaupten, dass es besser wäre, Autobahnen und Schnellstraßen an den Rand einer Stadt zu legen. Bestimmt gibt es aber viele Gegenargumente.

Wir beginnen also den Plan ab Bergstraße und stehen sofort der ersten imposanten Sehenswürdigkeit gegenüber – dem alten, ehrwürdigen Steglitzer Postamt.

Es wurde 1907–1909 nach Plänen des Reichspost‑Baubeamten Wilhelm Walter errichtet und verbindet Elemente der Neorenaissance und des Neobarock. Der viergeschossige Bau besitzt zwei Eckflügel und einen 32 Meter hohen Turm. Die reich verzierte Fassade entsprach dem damaligen Repräsentationsbedürfnis.

Steglitz erhielt seine Post zunächst durch einen Berliner Briefträger, der mehrere Orte gleichzeitig bedienen musste wie z.B. Tempelhof, Mariendorf, Lankwitz, Schmargendorf und Wilmersdorf. Wie er das geschafft hat, ist mir schleierhaft. 1864 entstand das erste Postamt in einem Bauernhaus an der Ecke Albrechtstraße/Heesestraße. 1876 folgte ein größeres Bahnhofspostamt an der Albrechtstraße, das bald zu klein wurde. Die Reichspost erwarb schließlich ein neues Grundstück für 200.000 Mark, um ein modernes Postdienstgebäude zu errichten. 1929 erhielt das Gebäude einen Anbau für die Vermittlungsstelle, geplant von Postbaurat Robert Gaedicke. Zur Olympiade 1936 wurde sogar eine Fernsehstube für 50 Personen eingerichtet, um Sportveranstaltungen und die neue Fernsehtechnik zu zeigen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Postamt stark beschädigt. Ab Mai 1945 lief ein Notbetrieb, die vollständige Wiedereröffnung erfolgte 1952. Der Postbetrieb endete schon 2001 aus Kostengründen, seitdem wird der Komplex anderweitig genutzt und beherbergt heute ein Reha‑Zentrum, aber wir sehen auch Autos der Telekom im Hof und das Postlogo an der Fassade. Wahrscheinlich wurde vergessen, es zu entfernen.

Da ich ja eher nach oben schaue als geradeaus, fallen mir sehr oft die skulpturalen und reliefartigen Verzierungen an den Fassaden auf, an denen ich mich nicht sattsehen kann und versuche, sie zu deuten. Meistens aber verbirgt sich dahinter gar kein tieferer Sinn, es ist einfach nur Schmuck, wie z.B. an diesem Haus in der Bergstraße:

Kurze Zeit später erreichen wir die Filandastraße, deren Name wie auch die Heese- und Plantagenstraße an die frühere Seidenproduktion in diesem Gebiet erinnert. Filanda ist ein italienisches Wort für eine Anlage zum Abhaspeln und Verarbeiten von Seidenkokons, also einer Seidenspinnerei. Johann Adolph Heese war Seidenhändler und Fabrikant, der in Steglitz eine große Maulbeerplantage und Seidenproduktion aufbaute.

Ich freue mich richtig, als ich am Rundgiebel einer sehr gepflegten Wohnanlage den Schriftzug „Charlottenburger Baugenossenschaft“ entdecke, denn ich durfte die „Charlotte 1907“ im Februar kennenlernen, als ich eingeladen wurde, eine Straße in ihrem Bestand abzulaufen. Damals entschied ich mich für den Heckerdamm in Charlottenburg und war sehr angetan von dem dortigen Quartier. Jetzt geht es mir nicht anders – die Häuser inklusive Eingänge sind ein Augenschmaus, wie ich finde.

Schon hier zeigt sich, was ich eingangs beschrieben hatte. In ein- und derselben Straße gibt es so viele verschiedene Architekturen, die jede auf ihre Weise etwas Besonderes ist:

An der Filanda- / Ecke Südendstraße strahlt uns in einem hellen Gelb die Evangelisch-Lutherische Dreieinigkeitskirche an, die sehr modern wirkt. Sie wurde 1928 nach Plänen des bekannten Architekten Rudolf Otto Salvisberg gebaut, im Krieg zerstört und danach wieder aufgebaut. Die Gemeinde gehört zur Selbständigen Evangelisch‑Lutherischen Kirche (SELK) und unterscheidet sich von den großen evangelischen Landeskirchen vor allem dadurch, dass sie nicht aus der Union von lutherischer und reformierter Kirche hervorgegangen ist. Diese Union wurde im 19. Jahrhundert von vielen streng konfessionellen lutherischen Christen abgelehnt. 1972 schlossen sich diese freien lutherischen Kirchen zur SELK zusammen; sie ist bis heute unabhängig vom Staat und finanziert sich durch freiwillige Beiträge statt durch Kirchensteuern. In der kirchlichen Landschaft betont die SELK eine klare, schriftgemäße Verkündigung und wendet sich gegen jede Verwässerung oder politische Instrumentalisierung des Glaubens. Interessant ist auch, dass die meisten Gemeindemitglieder dieser Kirche farsi- und darisprachige Christen sind, eine kleine Gruppe sind Ukrainer und noch weniger sind Deutsche. Deswegen finden die meisten Gottesdienste auf Farsi statt.

Die Feuerwache Steglitz in der Südend- /Plantagenstraße ist ebenfalls ein ungewöhnliches Bauwerk und nicht sofort in seiner Funktion erkennbar. Der hohe, sich nach oben verdickende Schlauchturm und die Schmuckelemente an der Fassade und über den Türen sind Blickfänger und machen mich neugierig. Das Gebäude wurde von Fritz Freymüller im expressionistischen Stil entworfen und 1924-26 errichtet. Schon während der Bauzeit stellten sich Mängel heraus. Außerdem war es von Anfang an zu klein. Seit den 1960er Jahren gab es Bemühungen um Sanierung, Neubau oder Erweiterung, doch erst 1999 wurde mit der Renovierung begonnen. Die Feuerwache bildet zusammen mit den benachbarten Wohnhäusern an der Plantagenstraße und der Südendstraße ein denkmalgeschütztes Gebäudeensemble.

Das Gebäude war ursprünglich für eine kleine Mannschaft ausgelegt und bot nur rund zwanzig Feuerwehrleuten Platz. Heute arbeiten dort etwa 63 Einsatzkräfte. Der Standort ist mit einem Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeug, einer Drehleiter sowie zwei Rettungswagen ausgestattet. Im Laufe ihrer Geschichte war die Wache an mehreren außergewöhnlichen Einsätzen beteiligt. Besonders im Gedächtnis geblieben ist der schwere Unfall in der Lepsiusstraße 57: Nach einer Gasexplosion stürzte 1998 ein Wohnhaus ein, mehrere Menschen kamen dabei ums Leben.

Wie auf allen meinen Touren durch den Stadtbezirk begegnen mir auch heute majestätische Schulen am Wegesrand, eine davon ist die Grundschule an der Plantagenstraße.

Das Hauptgebäude wurde 1888 im Auftrag der Gemeinde Steglitz errichtet. Damals waren die gelben Klinker sehr beliebt, kontrastiert von den roten Backsteinbändern. Bereits 1895 reichte der Platz nicht mehr aus, die Schule wurde umgebaut und erweitert. In den ersten Jahrzehnten war sie Gemeindeschule, dann wurde sie zur Schmidt-Ott-Oberschule, eine Integrierte Sekundarschule. 2018 zog nach einer gründlichen Sanierung die Grundschule ein. Da ich nach der Schmidt-Ott-Straße nun den Namen zum zweiten Mal höre, habe ich doch gleich mal nachgeschaut, wer das eigentlich war. Friedrich Schmidt‑Ott (1860–1956) war ein preußischer Kulturpolitiker und einer der wichtigsten Organisatoren der deutschen Wissenschaft im frühen 20. Jahrhundert. Er wirkte kurz als preußischer Kultusminister und wurde später erster Präsident der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“, aus der die heutige Deutsche Forschungsgemeinschaft hervorging. Schmidt‑Ott war zudem an der Gründung der Kaiser‑Wilhelm‑Gesellschaft beteiligt, dem Vorläufer der Max‑Planck‑Gesellschaft, und prägte den Ausbau von Museen, Bibliotheken, Hochschulen und Forschungsinstituten in Preußen.

In der Heesestraße wartet das Gymnasium Steglitz auf uns.

Es gehört zu den traditionsreichen höheren Schulen im Berliner Südwesten. Seine Wurzeln reichen in die Zeit des starken Bevölkerungswachstums im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zurück, als Steglitz sich vom Dorf zur bürgerlichen Vorstadt entwickelte und neue Bildungsinstitutionen dringend benötigt wurden. Das repräsentative Schulgebäude entsprach den Ansprüchen einer modernen höheren Lehranstalt: großzügige Klassenräume, Fachräume für Naturwissenschaften und eine beeindruckende Architektur, die sich in das entstehende Behörden‑ und Bildungsquartier rund um Bergstraße, Plantagenstraße und Südendstraße perfekt einfügte, wo auch Postamt, Feuerwache und weitere öffentliche Einrichtungen entstanden.

Die Schule überstand politische Umbrüche, Kriegsjahre und Wiederaufbauphasen und passte sich immer wieder neuen pädagogischen Anforderungen an. Sie etablierte sich als Ort, an dem klassische gymnasiale Bildung mit modernen Unterrichtsformen verbunden wurde. Viele bekannte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und öffentlichem Leben gingen aus diesem Gymnasium hervor, so z.B. Hans Modrow, Götz George, Ulrich Matthes und Christian Neureuther und Karl Fischer, der Begründer der Wandervogelbewegung. Ich hatte schon von ihm berichtet im Zusammenhang mit dem Gedenkstein im Goebenpark. Da er hier Schüler war, wurde auf dem Schulgelände eine Informationstafel zum Thema „Der Wandervogel“ aufgestellt. Aus unerfindlichen Gründen wurde dieser Standort gewählt, denn zwei unüberwindliche Zäune trennen potentiell Interessierte von diesem Schild und rücken es in unleserliche Ferne.

Nicht weit davon entfernt bleibt uns der Mund offen stehen angesichts eines Hauses mit so reich verzierter Fassade, dass man das Gefühl hat, mehr geht nicht bzw. da hat sich aber jemand künstlerisch ausgetobt!

Und so muss es auch gewesen sein. Es wurde 1895/96 von Maurermeister Carl Böttcher entworfen und gebaut, doch die Bemalung stammt vermutlich von Karl Heinz Gambke, dessen Name mit dem Zusatz „Ausführung baulicher Malerarbeiten“ an der Fassade steht, vor Verwitterung geschützt durch Plexiglasscheiben. Vielleicht war das so eine Art Musterhaus für seine Fertigkeiten.

Eine Geigenwerkstatt hat zum Glück geschlossen, denn ich habe mich sofort dermaßen in diese Minigeige im Schaufenster verliebt, dass ich sie gekauft hätte. Geld spielt keine Rolle!

In straffem Tempo gehts weiter, mit Handy und Augen die Umgebung taxierend. Wieder ist der Kreisel ein zuverlässiger Fixpunkt, mit dem wir die Richtung fest im Blick haben. Im letzten Beitrag hatte ich die Frage in den Raum gestellt, warum dieser kantige Turm wohl Kreisel heiß wie das trudelnde Spielzeug aus Kindertagen. Mieke Rambow, die mich auf der nächsten Tour begleiten wird, hat des Rätsels Lösung recherchiert:

„Ursprünglich war der Bereich als großer, kreisförmiger Verkehrsknotenpunkt (eine Art Kreisverkehr beziehungsweise eine verkehrsregelnde Platzgestaltung) für die „autogerechte Stadt“ der späten 1960er Jahre am Hermann-Ehlers-Platz / Schloßstraße geplant. Der Name wurde von den Investoren und der Avalon-Bau GmbH & Co. KG als prägnanter Begriff im Zuge der Vermarktung und des Bauantrags ab 1966/1970 etabliert. Der Sockelbau sollte in seiner ursprünglichen städtebaulichen Anordnung eine fließende, runde Verkehrs- und Erschließungsfunktion für Busse, Autos (Parkhaus) und Fußgänger um den 120-Meter-Turm herum bilden.“ (Google)

Auf dem dritten Bild ist eine Markierung zu sehen, die eine große Bedeutung für Busfahrer hat. Ulrich Conrad schrieb mir dazu:

„An der Ausfahrt des Busbahnhofs ist für Busse, die nach links abbiegen müssen, extra eine blaue Linie auf die Fahrbahn gezeichnet, an der sich die Busfahrer orientieren müssen, um die extrem enge Kurve bewältigen zu können. Gelegentlich müssen dort dennoch Busse zurücksetzen, was ich schon mehrfach erlebt habe. Deshalb dürfen auf den betreffenden Linien auch keine Gelenkbusse eingesetzt werden.“

Aber es gibt auch andere Fotomotive, die uns innehalten lassen und zeigen, dass es sich lohnt, aufmerksam hinzuschauen:

Der Name Althoff begegnet uns heute immer wieder als Straßenname, Platzbezeichnung und sogar als Denkmal. Grund genug, nachzuschauen, wer das eigentlich war – Friedrich Theodor Althoff. Es stellt sich heraus, dass er ein sehr ungewöhnlicher Mensch gewesen war, der als preußischer Jurist und Staatsbeamter zwischen 1882 und 1907 die Hochschul‑ und Wissenschaftspolitik Preußens sowie das Bibliothekswesen maßgeblich reformierte, wenn auch mit ungewöhnlichen Mitteln. Als Leiter des Universitätsreferats im Kultusministerium und später als Ministerialdirektor entwickelte er das sogenannte „System Althoff“, ein Netzwerk aus persönlichen Kontakten, informellen Entscheidungswegen und strategischer Einflussnahme, das die preußischen Universitäten tiefgreifend veränderte. Seine Herkunft aus einer Beamten‑ und Pastorenfamilie sowie seine Ausbildung in Berlin und Bonn bildeten die Grundlage für seine spätere Karriere. In Straßburg war Althoff nach 1871 an der Gründung der Reichs‑Universität beteiligt und zeigte bereits dort jene Arbeitsweise, die später sein System kennzeichnen sollte: unbürokratisches Vorgehen, das Überschreiten formaler Zuständigkeiten und der Aufbau eines weitreichenden Vertrauensnetzwerks. 1882 wechselte er nach Berlin. Obwohl er nie Kultusminister war, galt er als „heimlicher Kultusminister“ und wurde wegen seiner Durchsetzungskraft als „Bismarck des deutschen Universitätswesens“ bezeichnet. Er brachte auch wesentlich die große Reform des Mädchenschulwesens im Jahr 1908 voran.

Althoff griff aktiv in Berufungsverfahren ein, reiste inkognito zu Vorlesungen, ignorierte Fakultätsvorschläge und setzte Kandidaten durch, die er für geeignet hielt. Er galt als aufrichtig, uneigennützig und unermüdlich, war aber berüchtigt für seine notorische Unpünktlichkeit und seinen großzügigen Umgang mit der Zeit auch anderer Personen. Sein Ziel war die Förderung wissenschaftlicher Exzellenz und die Bekämpfung von Klüngel. Unter seiner Leitung entstanden neue Universitäten, Akademien und Forschungsinstitute, darunter Einrichtungen für Robert Koch, Emil von Behring und Paul Ehrlich. Die Berliner Universität wuchs von 38 auf 81 Institute, und die preußischen Hochschulen erlebten eine Blütezeit, die ihren internationalen Ruf begründete.

Althoff starb 1908 in Steglitz und wurde im Botanischen Garten in Dahlem beigesetzt. Zahlreiche Ehrungen erinnern an ihn, darunter Denkmäler, Straßen‑ und Schulnamen sowie die Benennung des Friedrich‑Althoff‑Konsortiums, das wissenschaftliche Bibliotheken in Berlin und Brandenburg vernetzt.

Eine spannende Persönlichkeit mit großen Verdiensten! Mir wird jetzt erst bewusst, dass ich bei meinem Besuch im Botanischen Garten auch vor seinem Grab stand.

Wir biegen ein in die Südendstraße, erneut vorbei an der Feuerwache und finden uns wieder vor einer sehr ansprechend gestalteten Häuserzeile, die mit dem Stil der Feuerwache korrespondiert. Der Gebäudekomplex wurde in den Jahren 1924-1925 errichtet nach Entwürfen des schon öfter erwähnten Architekten Fritz Freymüller und steht in direktem baulichen Zusammenhang mit der Feuerwache. Er wurde vom Hochbauamt Steglitz für Dienstwohnungen konzipiert und bildet mit der Wache eine denkmalgeschützte Gesamtanlage.

Wir studieren eingehend die eingelassenen Symbole im Mauerwerk. Ich glaube eine Mauerkelle und Blitze zu erkennen, Liane sieht sofort das Jahr 1924 an der Haustür Nr. 17, die KI behauptet, die Mondsichel wäre ein Symbol der in der Nähe gegründeten Wandervogelbewegung. Eine Fassade und Eingangsgestaltung, die viel Raum für Spekulationen lässt, wie wir gleich erfahren werden, als uns ein näherkommender älterer Herr lachend zuruft: „Suchen Sie mich?“, womit gleich ein ungezwungenes Gespräch in Gang kommt zwischen uns. Er weiß zu berichten, dass der einzige und sehr auffällige Balkon über uns zur Wohnung des Hausbesitzers gehört hatte. „Wohnen Sie hier?“, wollen wir wissen. „Nein nein, ich wohne in Wilmersdorf und komme gerade vom Arzt hier um die Ecke. Ich laufe dann immer gerne ein Stück.“ Die perfekte Überleitung für mich, um ihm von meinen Beweggründen für meinen Aufenthalt hier zu erzählen, was ihn wiederum dazu veranlasst, seine Kenntnisse der Stadt mit uns zu teilen. Axel Stopp, so heißt der freundliche Mann, breitet sehr offen sein Leben vor uns aus, erzählt, dass er Landschaftsgärtner, im Winter Taxifahrer und auch Polizist war und vor drei Jahren bei ihm Demenz diagnostiziert wurde. „Bis jetzt merke ich noch nicht so viel, ich vergesse nur ab und zu mal Namen. Wichtig ist, dass man in Bewegung bleibt und Kontakt zu anderen Menschen hat“, sagt er geradezu fröhlich und gelassen. Dieses freimütige Bekenntnis bewegt uns sehr und macht ihn uns noch sympathischer. Wir verabreden uns schon mal unverbindlich für eine meiner Wilmersdorfer Touren, fotografieren uns gegenseitig und verabschieden uns, als er mir hinterherruft: „Haben Sie eigentlich meine Nummer?“ „Stimmt“, gebe ich ihm recht, „das wäre gut, dann kann ich Sie anrufen“, zücke mein Notizbuch und frage auch gleich nach der Straße, in der er wohnt. Sie fällt ihm nicht ein. „Sehen Sie“, sagt er verlegen, „so ist das dann.“ Liane überbrückt die Situation geschickt: „Erst mal die Nummer, die ist ja viel wichtiger.“ Und die weiß er. Dann trennen wir uns und es bleibt eine Mischung aus Freude, Mitleid und Traurigkeit und Hoffnung zurück. So ein liebenswerter Mensch!

Auf dem Weg zur nördlichen Grenze des Tages – der Kniephofstraße – laufen wir über den Friedrichsruher Platz, der von der etwas unheimlich wirkenden Lukas-Kirche dominiert wird. Das liegt vielleicht an dem dunklen Gemäuer, das in dieser Größenordnung eine ziemlich einschüchternde Ausstrahlung hat. Kirchen wurden früher auch nicht als Wohlfühlort gebaut, sondern sollten durchaus dem Einzelnen vor Augen führen, wie klein und unbedeutend er sich vor dem Allmächtigen zu fühlen hat.

Wenn man dann mit diesem minderwertigen Selbstgefühl das Kircheninnere betritt, stellt sich die Ehrfurcht von ganz alleine ein. Uns bleibt das erspart, denn alle Türen sind abgeschlossen. Die Kirche wurde erst zwischen 1914 und 1919 nach Plänen des Baurats Walter Kern erbaut. Während des Zweiten Weltkriegs blieb das Gebäude weitgehend unbeschädigt. Der Baukomplex besteht aus einer dreischiffigen Hallenkirche sowie Pfarr‑ und Gemeindehaus und wurde im neuromanischen Stil aus Findlingsgranit errichtet, was ihm dieses burgartige Erscheinungsbild verleiht. Der Stil steht bewusst im Kontrast zu zeitgleich entstandenen Reformkirchen wie z.B. der benachbarten Markuskirche und folgt der Inschrift: „Eine feste Burg ist unser Gott…“ Ein markantes Element ist der 56 Meter hohe Rundturm mit Kegeldach, der sich an mittelalterlichen Befestigungstürmen orientiert; dazu kommt ein niedrigerer rechteckiger Turm.

Im Innenraum, den wir ja nicht anschauen können, ist heute nur noch wenig von der ursprünglichen farbigen Ausgestaltung erhalten. Die einst reich dekorierten Gewölbe und Wandornamente sind verschwunden, doch der Triumphbogen der Apsis wurde nach dem Krieg rekonstruiert und vermittelt einen Eindruck der früheren Pracht. Die Apsis ist heute vollständig mit Mosaiksteinen gestaltet, während sie ursprünglich nur teilweise mit Mosaik versehen war. Die Orgel geht auf ein Instrument von 1919 zurück, gebaut von Furtwängler & Hammer. Es überstand den Krieg fast unversehrt, wurde jedoch 1964–65 durch ein neues Instrument ersetzt, das Teile der alten Orgel weiterverwendete.

Was dabei nicht unerwähnt bleiben darf: Die Lukas-Kirche bot der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Verfolgung getaufter Juden einsetzte, im Turmzimmer einen Versammlungsraum, wo auch deren Mitgliederkartei erfolgreich vor den Nazis verborgen wurde.

Da wir ja ständig die Richtung wechseln von Süd nach Nord, West nach Ost und umgekehrt, ist es für Außenstehende vermutlich nicht so richtig nachvollziehbar, dass das nächste Highlight das Hermann-Ehlers-Gymnasium in der Elisenstraße ist.

Die Schule befand sich ursprünglich in der Florastraße, wurde aber zu klein und zog im Oktober 1905 in den Neubau an der Elisenstraße. Die Grundsteinlegung fand im Juni statt, was bedeutet, dass innerhalb von vier Monaten alles bezugsfertig war. Unglaublich! Während der NS‑Zeit ist über den Schulalltag nur wenig bekannt, doch ab 1938 trug die Schule den Namen Wrangelschule und wurde stärker politisch beeinflusst, etwa durch Liedgut und Appelle an Feiertagen. In der Bombennacht vom 23./24. August 1943 brannte das Gebäude fast vollständig aus, der Unterricht begann erst im Juli 1945 wieder und ab 1949 wurden auch Mädchen aufgenommen. 1954 erhielt die Schule ihren heutigen Namen zu Ehren ihres ehemaligen Schülers Hermann Ehlers, der kurz zuvor als Bundestagspräsident verstorben war. Momentan finden Bauarbeiten statt, weswegen wir nicht die komplette Schönheit bewundern konnten. Dafür um so mehr die danebenstehende Direktorenvilla. Dort wurden die Räume für die Schüler hergerichtet und projektartig gestaltet und die in der Villa befindlichen Musikräume mit einem neuen Fußboden, Anstrich und einer neuen
Beleuchtung ausgestattet.

Mit Sicherheit habe ich auf meinen Touren viele Stolpersteine übersehen, aber wenn ich welche entdecke, finden sie auf jeden Fall den Weg in meine Berichte. So „stolpern“ wir in der Althoffstraße 4 über die Schicksale von Sally und Johanna Cohn:

Sally Cohn war Kaufmann in der Damenkonfektion und lebte mit seiner Frau Johanna zuletzt in der Althoffstraße. Von hier aus wurden sie beide 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet, er 66 Jahre alt und sie 59.

Irmgard Meyer wurde am 30. März 1905 in Berlin geboren und wuchs gemeinsam mit zwei Geschwistern auf. Ihr Vater stammte aus einer jüdischen Familie, während die Mutter evangelisch war. Die Bindung zu ihrer Schwester Gerda war besonders eng. Am 5. Juni 1933 nahm sich Irmgard Meyer das Leben, ohne dass ein klarer Anlass erkennbar war. Sie wurde nur 28 Jahre alt. Gerda überlebte.

Werner Rabinowicz wurde am 4. Juli 1910 geboren und wuchs in einer jüdischen Familie auf. 1938 musste er sein Studium an der Humboldt‑Universität abbrechen, weil ihm als Jude der weitere Besuch verwehrt wurde. Danach arbeitete er im Straßenbau, was ihm als Diabetiker sehr schwer fiel. Er hatte keinen festen Wohnsitz, kam bei Freunden unter und entging mehrmals mit viel Glück der Deportation. Am 16. November 1941 lernte Werner Gerda Meyer kennen, mit der er trotz aller äußeren Bedrohungen eine enge und glückliche Beziehung führte. Doch Anfang 1943 sah er keinen Ausweg mehr: Die Gefahr der Deportation war allgegenwärtig, und er konnte keine Medikamente gegen seine Diabeteserkrankung mehr erhalten. Er starb am 6. März 1943 in den Armen von Gerda und wurde nur 32 Jahre alt.

Ich kann nur allen raten, bei Entdeckung eines Stolpersteins auf der Seite Stolpersteine in Berlin nachzuschauen, welche Lebensgeschichte sich dahinter verbirgt. Sofern es möglich war, sind dort sehr ausführliche biografische Details zusammengetragen worden und geben den Menschen dahinter ein Gesicht.

Auf jeder Tour nehme ich mir vor, nicht wieder so viele Fotos zu machen, aber ich schaffe das einfach nicht! Ständig sehe ich Details, die ich für mitteilenswert halte, meist natürlich die Häuser am Wegesrand betreffend – besondere Balkone, Fassadenschmuck, merkwürdige Farben, Gebäude, die sich hinter Efeu verstecken, harmonisch gestaltete Wohnzeilen, unterschiedlichste Gärten, kleine, liebenswerte Details, besondere Materialien, Höfe usw. Manchmal atme ich im Stillen auf, wenn sich eine Straße von einer sehr langweiligen Seite zeigt, weil ich dann einfach nur durchlaufen kann. So sind auch heute wieder unzählige Aufnahmen von solchen Motiven entstanden. Nichts, was extra kommentiert werden müsste, aber den Charakter dieser Gegend einfängt:

Zum Ende der Wanderung laufen wir auf die Rauhen Berge zu, die aber gar keine mehr sind, also keine nennenswerte Erhebung mehr zeigen. Die Rauhen Berge waren ursprünglich eine bewachsene Hügelkette, wie sie in der Mark Brandenburg häufig vorkam. Erst als im 19. Jahrhundert Sand für Bauzwecke entnommen wurde, zeigte sich der charakteristische helle, feine Sand des Geländes. 1874 entstand am Rand des Hügels der neue Steglitzer Kirchhof, der später mehrfach erweitert wurde und große Teile des Geländes veränderte. In den späten 1870er‑Jahren begann die erste großflächige Abtragung im Bereich der späteren Berliner Straße, jetzt Munsterdamm, wo anschließend die Villenkolonie Südende entstand. Weitere Eingriffe folgten, besonders durch den ehemaligen Steglitzer Stationsvorsteher Buchmann, der den feinen Sand als wertvollen Baustoff erkannte. Er kaufte das Gelände und erschloss es über einen Fahrweg von der Mariendorfer Chaussee aus, wodurch die große Sandgrube entstand, deren Umrisse bis ins 20. Jahrhundert sichtbar blieben. Die Grube war von den verbliebenen Höhenzügen der Rauhen Berge, dem Friedhofsgelände und einem markanten Kamm begrenzt, der später einen Verbindungsweg und die Laubenkolonie Heimgarten aufnahm. 1903 führte eine erneute Erweiterung des Friedhofs dazu, dass weitere Teile des Hügels verschwanden.

Im selben Jahr pachtete eine Filmgesellschaft das verbliebene Gelände und errichtete dort eine große ägyptische Filmstadt. Für Ernst Lubitschs Film Das Weib des Pharao entstanden monumentale Kulissen wie eine 29 Meter hohe Sphinx und ein Palast von 78 Metern Höhe. Die Produktion nutzte erstmals in Deutschland extrem starke Scheinwerfer und amerikanische Kameratechnik, um nächtliche Massenszenen zu drehen, die für damalige Verhältnisse spektakulär waren. Die Filmstadt wurde später wieder abgebaut, und das Gelände ging vollständig im erweiterten Friedhof Bergstraße auf. Heute erinnern nur historische Berichte an die Rauhen Berge und ihre kurze Zeit als bedeutendes Berliner Außenstudio. Nichts deutet heute noch darauf hin. Wir sehen einen parkähnlichen Parallelweg zum Munsterdamm, Kleingärten und den Friedhof.

Dass wir eine wichtige Attraktion verpassen, wird mir erst später bewusst, nämlich einen 42 Meter hohen Wasserturm, der über den Friedhof zu erreichen ist, vorbei an einem weiteren Gedenkstein für Karl Fischer, dem Begründer des Wandervogels. Ich werde das am 4. August auf meiner letzten Tour durch Steglitz-Zehlendorf nachholen. Denn dieser Wasserturm wurde die wenigste Zeit seit seiner Errichtung zwischen 1915 bis 1919 als solcher genutzt, da umliegende Gemeinden ihre Leitungen nicht freigaben und bereits verlegte Rohre wieder entfernten. Erst 1928 wurde der Turm erstmals befüllt und versorgte Steglitz sowie Teile Schönebergs mit Wasser.

Der Bau ist ein repräsentatives Beispiel des Backsteinexpressionismus mit roten Ziegeln, Rautenmustern und großen Rundbögen. Während der NS‑Zeit erhielt der Turm eine Ehrenhalle, die 1941 bei einem Luftangriff ausbrannte; 1943 wurde der Wasserbehälter zerstört. Nach dem Krieg wurde der Turm bis 1950 repariert und diente noch bis Anfang der 1960er‑Jahre zur Deckung von Spitzenlasten, bevor er endgültig stillgelegt wurde. Ein letztes Mal wurde das Wasser aus dem Tank gelassen und der Turm fiel in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. 1999/2000 erfolgte eine umfassende Restaurierung, finanziert gemeinsam vom Bezirk und einem medizinischen Fachverlag, der seit 2000 den Turm als Büro‑ und Verlagsgebäude nutzt. Auf dessen Webseite sind sehr viele und sehr schöne Fotos dieses Wasserturms zu betrachten. Wer diesem Link folgt, wird verstehen, dass ich den Besuch unbedingt nachholen muss. Und wie sich so oft der Kreis auf unerwartete Weise schließt: Erst neulich habe ich in der Buchhandlung „Die Buchfinken“ das Buch „Das Stadtparkviertel in Steglitz – Vom Birkbusch zum Stadtpark“ gekauft, das in diesem Verlag erschienen ist.

Auch die Feuer- und Rauchlose Siedlung, die neulich schon zum Teil auf dem Programm stand, begegnet uns wieder. Die Häuserzeilen sehen recht unspektakulär aus, aber irgendwie mag ich sie trotzdem in ihrer Regelmäßigkeit und Unaufgeregtheit. Ich hatte sie mit der jetzt zum UNESCO-Welterbe erhobenen Waldsiedlung Zehlendorf verglichen und bleibe dabei. Würde man ihnen eine markante Farbgebung verpassen, wären sie ebenbürtig, denn immerhin war diese Siedlung damals revolutionär mit Zentralheizung und Strom statt Gas. Zwischen den Blöcken ist viel Platz mit inzwischen stattlichen Bäumen und grünen Verbindungswegen. Mir gefällt es hier sehr gut!

Bevor wir in den Bus steigen, passieren wir am Immenweg die Wilhelm-Ostwald-Schule – Oberstufenzentrum für Gestaltung: Berufsschule, Berufsfachschule, Fachoberschule, Berufliches Gymnasium und Fachschule.

Wilhelm Ostwald war ein deutsch-baltischer Chemiker und Physiker, geboren 1853 in Riga. Er lehrte ab 1887 in Leipzig und erhielt 1909 den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten zur Katalyse und chemischen Gleichgewichten. Außerdem entwickelte er eine einflussreiche Farbtheorie, darunter den Ostwaldschen Doppelkegel, der Farbmischungen und Wahrnehmung systematisch darstellt. Die Schule bietet ein breites Spektrum an gestalterischen und handwerklichen Bildungsgängen – von der Berufsvorbereitung über Ausbildungen bis hin zu Fachschule, Technikerabschluss und Abitur. Farben und Gestaltung stehen im Mittelpunkt des Schulprofils.

Bepackt mit sehr vielen Eindrücken treten wir nun die Heimreise an und ich nähere mich mit großen Schritten dem Abschluss des Stadtbezirkes, fast mit ein bisschen Wehmut!