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09. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Lankwitz) | argwöhnische Menschen, Alt-Lankwitz, eine große und viele kleine Baustellen, eine Bibliothek und eine Käseglocke

„Alle Tannen sind ganz neu ergrünt und ein dünner gelber Falter sich erkühnt, sich auf eine sonnentrunk´ne Bank niederzulassen.“ (Selma Meerbaum-Eisinger) – Kalenderspruch des Tages

Audiozusammenfassung mittels KI:

Eine Karte von Lankwitz, Bezirk Steglitz-Zehlendorf, mit Straßen und Sehenswürdigkeiten. Im unteren linken Bereich eine Luftaufnahme eines Wohngebiets.

Mit dem Ende des heutigen Wandertages will ich Lankwitz abschließen, um mich ab nächster Woche dem Ortsteil Steglitz zu widmen. Ich bin sehr gespannt, was mich heute erwartet, denn Namen wie Alt-Lankwitz, Dorfaue, In den neuen Gärten lassen ein beschauliches Ambiente vermuten. Die Vorstellung eines romantischen Dorfes, die sich durch die Lektüre einer Werbebroschüre namens „Gartenstadt Lankwitz“ von 1914 in meinem Kopf fest verankert hat, treibt Blüten, obwohl ich weiß, dass nichts mehr so ist, wie es damals war. Trotzdem – es gibt bestimmt ein gemütliches Café am Dorfanger, vielleicht auch einen kleinen Laden und etwas Beschaulichkeit. Darauf freue ich mich schon, hebe mir das Vergnügen aber auf für später, um dort eine Pause einzulegen. Jetzt muss ich zunächst eine einsame Straße namens „In den Leonorengärten“ aufsuchen, die kurz vor der Siemensbrücke rechts abzweigt und im Niemandsland endet. Um sie zu erreichen, gibt es nur eine Möglichkeit – die schon begangene Leonorenstraße ein zweites Mal beehren. In unmittelbarer Nachbarschaft dieser völlig neuen Siedlung ragt das große Pflegewohnheim Haus Leonore empor.

Mindestens bis 2012 standen hier Gebäude der Landeslehranstalt für technische Assistenten in der Medizin. Ende der 1960er Jahre hieß sie noch Medizinisch-Technische Lehranstalt und vor 1962 war hier einfach nur Acker. Jetzt gibt es nur noch diese einsame Straße zwischen Pflegeheim, Eisstadion und Stadtbad Lankwitz mit modernen Stadtvillen, deren Bewohner absolut unter sich sind, sich kennen, keinen Durchgangsverkehr, Partylärm oder Passanten auf dem Weg von A nach B zu befürchten haben.

Nun komme ich ins Spiel. Mich kennt man nicht. Was mag wohl so eine wie ich hier verloren haben? Oder im Schilde führen? Statt gezielt auf einen Hauseingang zuzusteuern, benehme ich mich äußerst verdächtig. Ich bleibe stehen, mache Fotos, vielleicht sogar Notizen, laufe hin und wieder zurück, betrachte die Häuser, schaue auf meinen Zettel in der Hand und ins Handy. Eine Postbotin wuselt geschäftig von einem Haus zum anderen und nimmt mich aus dem Augenwinkel natürlich wahr. Sie steigt auf ihr motorisiertes Fahrrad mit den großen gelben Taschen, doch statt zügig die nächste Straße anzupeilen, lässt sie sich viel Zeit mit dem Vorwärtskommen. Sie rollt langsam an mir vorbei, hält sogar an, fährt weiter in einem Tempo, als hätte sie alle Zeit der Welt. Aber damit nicht genug, sie kehrt sogar wieder um. Vielleicht hat sie etwas vergessen, überlege ich, denn verwundert bin ich schon. Postboten haben es doch immer eilig! Doch das soll nicht mein Problem sein, ich bin noch mit der Hoffnung beschäftigt, dass am Ende der Straße eventuell eine kleine Verbindung für Fußgänger den Edenkobener Weg auf direktem Weg erreichbar macht, denn dort soll es weitergehen. Leider erfüllt sich dieser Wunsch nicht, die Straße endet an einem Zaun, so dass ich zurück zur Leonorenstraße muss. Seufzend mache ich kehrt, als mir von links eine scharfe Männerstimme ins Ohr schneidet: „Junge Frau, kann ich Ihnen helfen?!!!“ Ich wende mich dem Fragesteller (oder eher Verhörenden) zu und blicke in zwei Gesichter, die mich triumphierend ins Visier nehmen – das des Fragenden und das der Postbotin. Sie muss meine Anwesenheit und mein Verhalten dermaßen alarmierend gefunden haben, dass sie zurückgefahren ist und einem der Bewohner ihre Beobachtungen mitgeteilt hat. Irgendwie verstehe ich das natürlich, man hört immer öfter von Scharlatanen, die Wohngegenden nach Schlupflöchern für Einbrüche ausspionieren – also die Vorarbeit für Diebe leisten. Und man sagt auch immer: Lieber einmal zuviel hingeschaut, als verdächtiges Verhalten ignorieren. Trotzdem bin ich empört, vor allem über diese Unfreundlichkeit. „Nein“, rufe ich zurück. „Alles gut! Ich laufe bloß alle Straßen von Berlin ab.“ „WEIL???!!!“, schallt es zurück. „Weil ich Lust dazu habe“, rufe ich und gehe einfach weiter. Viele werden das kennen – hinterher fallen einem die perfekten Widerworte ein. Am meisten ärgere mich nämlich über mich selbst. Ich hätte hingehen und erstaunt fragen sollen: „Sagen Sie bloß, Sie haben noch nie von mir gehört? Schauen Sie kein Fernsehen? Lesen Sie keine Zeitung?“ Dann hätte ich beiden mitleidig meine Visitenkarte überreicht mit den Worten: „Informieren Sie sich am besten erst, bevor Sie unbescholtene Bürger verdächtigen“, auf der verheilten Ferse schwungvoll kehrt gemacht und wäre hocherhobenen Hauptes davonmarschiert. Tja – hätte, wenn und aber – mein Abgang war leider nicht so grandios. Häkchen dahinter!

Da ich nur im großen Bogen zum Edenkobener Weg am Teltowkanal komme und auf Lankwitzer Seite ein eventuell vorhandener Uferweg durch einen Bauzaun abgesperrt ist, muss ich auf Steglitzer Seite am Kanal entlang und über den Edenkobener Steg zurück nach Lankwitz. Auf diesem Umweg bemerke ich an einem großen Gebäude direkt an der Kreuzung Siemens- / Leonorenstraße eine Gedenktafel für James Fraenkel.

Gedenktafel für James Fraenkel, Sanitätsrat Dr. med., 1859-1935, die 1890 gegründete Heil- und Pflegeanstalt Berolinum und Mitbegründer der modernen Psychotherapie.

Um sie aus der Nähe fotografieren zu können, muss ich mich aufgrund hoher Hecken zwischen ein Bus-Wartehäuschen und Gebüsch quetschen, wobei mir mehrere wartende Fahrgäste interessiert zusehen. Viele Augen folgen dem Fokus meiner Handykamera und bemerken mit großer Wahrscheinlichkeit erst jetzt, dass es dort an der Hauswand etwas zu lesen gibt, aber das Interesse flaut schnell ab, als der Bus kommt. Dabei verbirgt sich hinter diesem Zaun ein sehr bedeutender Abschnitt der jüdischen und Berliner Geschichte, von dem ich zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Ahnung habe, bis auf die knappen Informationen der Tafel natürlich.

Dr. Fraenkel wohnte in der Nähe in der Siemensstraße 68. 1885 erhielt er seine Approbation als Arzt und errichtete 1890 die Nervenheilstätte „Berolinum“ mit Männer- und Damenabteilung und einem Kommunalkrankenhaus. 1906 kam ein Kurhaus dazu. Fraenkel war ein sehr bekannter Arzt und ermöglichte, dass am Berolinum zur modernen Psychoanalyse geforscht und doziert wurde. Auch politisch betätigte er sich, vornehmlich in Lankwitz als Gemeindeverordneter und Mitglied der Gesundheitskommission. Er förderte und finanzierte den Bau des Lankwitzer Rathauses mit inklusive des Brunnens davor und des Lyzeums. Zur Heil- und Pflegeanstalt Berolinum, die 1890 von ihm und Albert Oliven gegründet wurde, gehörte auch ein großer Kurpark. Die Heilanstalt erstreckte sich beidseits der damaligen Victoriastraße, der heutigen Leonorenstraße, und bot Platz für 450 Männer und 50 Frauen. Sie behandelte psychisch Erkrankte, Morphiumsüchtige sowie Magen-, Darm-, Zucker- und Nierenkranke. Die Bedeutung des Berolinums war so groß, dass die Gemeinde Lankwitz einen erheblichen Teil ihrer Steuereinnahmen aus dem Betrieb der Anstalt bezog.

Der heutige, zum Pflegeheim gehörende Leonorenpark ist nur ein Rest des einst weitläufigen Kurparks, der sich bis zum Teltowkanal erstreckte. Ein Großteil der historischen Gebäude existiert nicht mehr. Auf der südlichen Seite der Leonorenstraße lagen die Gebäude der Damenabteilung, die im Krieg zerstört wurden. Auch die privaten Villen der Gründer Fraenkel und Oliven, die sich jenseits der Brucknerstraße bis zur Nicolaistraße erstreckten, sind verschwunden. Erhalten blieb nur das Kurhaus von 1907, das architektonisch die Anlage dominierte und vor dem ich jetzt stehe. Es verfügte über Loggien, Gesellschaftsräume, ein mediko-mechanisches Zimmer (Fitnessraum) und moderne technische Ausstattung wie fließendes Wasser, elektrische Beleuchtung und Zentralheizung. Das Gebäude wurde 1913 erweitert und war ein repräsentativer Ort für wohlhabende Kurgäste. Heute wird es von der Gesellschaft für soziales und betreutes Wohnen genutzt als letztes bauliches Zeugnis des einst so bedeutenden Berolinums. Mit dem fortschreitenden Abriss der Gebäude verschwand nicht nur seine bauliche Struktur, sondern auch ein wichtiger Teil der jüdischen Geschichte des Bezirks. Die Anstalt war eng mit dem Lebenswerk ihres Gründers James Fraenkel verbunden, an den heute nur noch diese schwer einsehbare Gedenktafel erinnert. Übrigens habe ich diese Dokumentation über einen fast vergessenen Ort auf einer Webseite gefunden, die vielleicht auch für die Leser meines Blogs interessant sein könnte: Berlin ist Veränderung. Was war. Was ist. – Zeit-fuer-Berlin.de Große Empfehlung von mir!

Doch nun solls weitergehen auf meiner Tour und ich kehre – wie schon beschrieben – mit einem erzwungenen Abstecher über Steglitz nach Lankwitz zurück in eine kleine Siedlung am Teltowkanal neben der Gartenkolonie Weinviertel:

Jetzt könnte ich direkt zur Lankwitzer Dorfaue gelangen, aber den erträumten Wohlfühlort will ich erst zur Pause aufsuchen, weswegen ich mich nun den Straßen an der östlichen Bezirksgrenze (der Bahntrasse) widmen will, um von dort zurück zum Dorf Lankwitz zu gelangen. Dafür müsste ich eine große, erst seit kurzem leere Fläche durchqueren, die mich auf meinem Plan angähnt, fast ein Quadrat zwischen Kaiser-Wilhelm-Straße, Alt-Lankwitz, Wunsiedeler Weg und Teltowkanal. Ich beschließe, am Kanal entlangzugehen, was mir aber zum zweiten Mal heute nicht gelingt. Wieder ist alles eingezäunt und wieder nehme ich den Umweg über Steglitz am Maulbronner Ufer, der anderen Kanalseite. Was ich da noch nicht weiß: Auf dem ca. 100.000 m² großen Areal wurden seit den 1970er Jahren 357.000 Kubikmeter Heizöl und Diesel in 30 großen oberirdischen Tanks gelagert und verarbeitet. Der Pachtvertrag der Betreiberfirma endet Ende 2026 und wurde vom Eigentümer des Areals, der KF Unternehmensgruppe GmbH nicht verlängert. Nun ist die Oiltanking Deutschland GmbH & Co. KG gerade dabei, nach dem Rückbau der Tanks das Gelände zu dekontaminieren. Künftig soll ein gemischt genutztes Quartier entstehen, in dem der Hauptanteil für Wohnen vorgesehen ist und für den Rest Gewerbe. Wie hoch genau der jeweilige Anteil sein wird, darüber streiten sich gerade die bezirklichen Parteien.

Damit nicht genug, dass ich heute ständig Umwege gehen muss, gelingt es mir auch nicht, VOR der querenden Bahnlinie nach Lankwitz zurückzukehren, so dass ich den Mariendorfer Hafensteg nutzen muss und damit ungewollt sogar den Stadtbezirk verlasse.

Mein Versuch, auf illegalen Pfaden unter der Fußgänger- und der Eisenbahnbrücke auf Lankwitzer Boden zu gelangen, scheitert kläglich und es bleibt mir nichts anderes übrig, als einen öden Weg entlang der Bahn zu gehen, um weiter unten auf der Lankwitzer Brücke zurückzukommen.

Kurz vor der Brücke erliege ich fast der Versuchung, den dortigen Marienpark zu besuchen, auf dem sich auch das Gasometer befindet. Das Tor steht offen und ein Schaukasten lädt ein, sich das Gelände anzuschauen, obwohl der Zustand der Aushänge Zweifel an der Aktualität der Informationen aufkommen lassen. Deswegen, aber auch aus Zeitgründen entscheide ich mich dagegen. Außerdem ist das ja heute gar nicht mein Gebiet.

Nun biege ich vom Kamenzer Damm rechts ab, um ein Netz von Straßen zu erkunden, die hauptsächlich auf „Weg“ enden, wie z.B. Bischofsgrüner, Freymüller, Holenbrunner, Goldmühler, Halbauer oder Bernecker Weg. Auffällig sind die unglaublich vielen Baustellen. Es gibt keine Straße, in der nicht modernisiert, repariert, saniert oder völlig neu gebaut wird. Hinzu kommen Gartenbaufirmen, deren fleißige Arbeiter auf den Grundstücken Bäume beschneiden, pflanzen oder mähen. Sehr oft muss ich die Seiten wechseln, weil ich als Fußgängerin nur stören würde. Da auch die Großbaustelle in unmittelbarer Nähe ist, legt sich ein permanentes Tok-tok-tok-tok-tok der Erdarbeiten über alle anderen Baugeräusche. Merkwürdigerweise entdecke ich heute keine Bücherschränke, dafür aber ab und zu Kartons und Kisten am Gartenzaun mit Dingen zum Verschenken. Es dauert eine ganze Weile, bis ich überall gewesen bin, in Straßen, die überwiegend in den 1930er Jahren angelegt wurden, südlich von Alt-Lankwitz erst in den 1960er Jahren. Es ist also wieder eine Mischbebauung, die ich zu sehen bekomme. Hier ein paar Eindrücke:

Wenn ich eine Tour nachbereite, gehört auch immer die Auflistung der Straßen und Brücken dazu, die ich geschafft habe inklusive der Bedeutung der Namen, wann diese vergeben wurden und wie die Straßen eventuell davor hießen. Diese Informationen waren bis vor kurzem bei berlingeschichte.de akribisch und sehr ausführlich aufgelistet. Die Betonung liegt auf „waren“. Seit etwa zwei Wochen ist diese Seite stillgelegt. Sie war inhaltlich eng mit Kauperts verbunden und wurde vom Luisenstädtischen Bildungsverein betrieben, der im übrigen bis 2001 die hervorragende Berlinische Monatsschrift herausgab. Kauperts hatte 2009 den kompletten Datenbestand des bisherigen Internetangebots des Luisenstädtischen Bildungsvereins übernommen und erstellte einen gemeinsamen Internetauftritt unter der Adresse berlin.kauperts.de. Jetzt gibt es das Straßenverzeichnis Berlin – Alle Straßen – KAUPERTS nur noch dort, aber bei weitem nicht alle werden einzeln aufgeführt, wie das vorher der Fall war. Das bedaure ich sehr, was ich hier unbedingt mal loswerden wollte.

Nun wird es aber endlich Zeit für eine Pause im Dorf Lankwitz, auf die ich mich schon seit heute Vormittag freue. Gespannt nähere ich mich dem Dorfkern mit der alten Kirche und umrunde die sie umgebende Feldsteinmauer auf der Suche nach einem Eingang. Diesen finde ich zwar, doch eine dicke Kette signalisiert: Bis hierher und nicht weiter! Das Tor auf der Vorderseite ist ebenfalls abgeschlossen, so dass Besucher noch nicht einmal den Hauch einer Chance haben, wenigstens den Friedhof zu besichtigen.

In einem lieblos gestalteten Schaukasten finden sich zwar aktuelle Informationen zu Terminen und dem Gemeindezentrum, aber absolut nichts zur Kirche. Interessierte bleiben etwas frustriert zurück, wie ich es bei mir und zwei weiteren Spaziergängern beobachten kann. Lankwitz war ein typisches Angerdorf, eine zweigeteilte Straße umschließt die Mittelinsel samt Kirche. Eine Fahrbahn ist eine Hauptverkehrsstraße, die zu überqueren nur an einer Ampel gefahrlos möglich ist. Der Anger selbst ist ziemlich groß, Bänke sind sparsam darauf verteilt.

Ein öffentlicher Park mit vielen Bäumen, einem Weg und blauen Himmel. In der Ferne sind einige Wohngebäude und parkende Autos sichtbar.

Am Dorfeingang befindet sich ein großer Jubiläumsstein, der an die 750-Jahrfeier von Lankwitz im Jahr 1989 erinnern soll.

Ein großer Stein mit einer eingravierten Karte und dem Wappen von Dörf. Beschriftungen zeigen das Gründungsdatum 1139 und ein weiteres Datum 1960.

In den Findling ist ein Schriftstück eingelassen, auf dem folgendes steht:

Der Arbeitskreis Historisches Lankwitz – das ist eine Vereinigung Lankwitzer Bürger – hatte im „Steglitzer Lokal-Anzeiger“ dazu aufgerufen, einen Gedenkstein „750 Jahre Lankwitz 1239 – 1989“ zu schaffen. Nach der Bombenzerstörung von Lankwitz 1943, den Kämpfen in Lankwitz 1945 und nach über 40 Jahren Aufbauarbeit in Frieden sind wir froh und den Spendern dankbar, dieses Denkmal auf der Dorfaue errichten zu können. Die hier eingelegten Münzen zeigen, daß Deutschland ein geteiltes Land ist. Berlin ist eine geteilte Stadt. Lankwitz bekennt sich zur Bundesrepublik Deutschland, einem demokratischen, freiheitlichen Staat, in dem friedliche, freie Menschen leben. Gerade in diesem Jahre – der Deutschen Demokratischen Republik. Auch Lankwitz wird neue Bürger aus dem anderen Teil Deutschlands aufnehmen. Der Findling wurde in Berlin-Rudow gefunden und von Lankwitzer Bauunternehmer Wolfgang Weiß gestiftet. Der Lankwitzer Bildhauer und Steinmetz Franz Merk hat mit seinem Sohn das Denkmal geschaffen und hierher gebracht. Der eingearbeitete Dorfplan aus dem Jahre 1846 und das eingearbeitete Wappen von Lankwitz sind ein Zeichen dafür, daß die alte Handwerkskunst der Steinmetzen in Lankwitz noch lebendig ist. Das Bezirksamt Steglitz wird den Stein gut bewahren, denn Lankwitz gehört seit 1920 zum Bezirk Steglitz. Heute wird das Denkmal vom Bezirksbürgermeister Klaus-Dieter Friedrich zu dem historischen Dorfauefest eingeweiht. Die Unterzeichnenden und hier versammelten Bürger wünschen unserem Lankwitz eine friedliche Zukunft. Lankwitz, am 17. September 1989

Ein Jahr später, genau am 3. Oktober 1990 haben Bezirksverordnete am entgegengesetzten Ende des Angers hinter der Kirche anlässlich der deutschen Einheit die Deutschlandlinde gepflanzt und im Jahr darauf eine Gedenktafel am Boden leicht angeschrägt hinzugefügt. Beides habe ich nicht entdeckt, aber im Nachhinein darüber gelesen und diesen Beitrag dazu gefunden: Gedenktafeln in Berlin: Einheits-Linde

Langsam verabschiede ich mich von meiner Vorstellung eines verträumten Dorfkerns mit einem gemütlichen Café, denn so etwas gibt es hier gar nicht. Zum Glück habe ich immer Verpflegung dabei und lasse mich mit einem Käsebrot, Möhren und Wasser auf einer der Bänke nieder. Damit gestärkt, nehme ich nun die Häuser am Anger unter die Lupe. Früher gab es sogar ein Schloss auf Höhe der Kirche, an dessen Stelle sich seit 1985 ein Wohnhaus harmonisch einfügt. Ein Stück weiter steht das historische Gutshaus oder auch Lehnschulzengutshaus:

Ein gelbes Gebäude mit roten Dachziegeln, das von Bäumen umgeben ist. Es hat mehrere Fenster mit Blumenkästen und einen sichtbaren Eingangstür. Vor dem Gebäude befindet sich ein Metallzaun und ein gepflegter Garten.

Am Giebel des Mitteltrakts sieht man das Lehnschulzenwappen von Johann Friedrich Schmidt, der das Amt von 1824 bis 1872 innehatte. Dieses Wappen geht auf das historische Gerichtssiegel zurück, das später zur Grundlage des heutigen Lankwitzer Ortswappens wurde. Es zeigt einen aufgerichteten Löwen und drei aus einem Halm wachsende Ähren, ein heraldisches Motiv, das die Verbindung von Gerichtshoheit und bäuerlicher Wirtschaftsstruktur ausdrückt. Es findet sich übrigens am Wappenbrunnen auf dem Ludwig-Beck-Platz in Lichterfelde wieder, den ich schon früher beschrieben hatte. Schmidt verwendete dieses Siegel in seiner Amtsführung, etwa bei gerichtlichen Bestätigungen, Verwaltungsakten und Besitzangelegenheiten. Lange diente das Gebäude als Mutterhaus der Christkönigsschwestern und wird jetzt von der Gemeinde Chemin Neuf genutzt. Davon habe ich noch nie gehört, entdecke aber in einem sich anschließenden Hof, dass sich das Gelände nach hinten ausdehnt mit Kirche und Wohnungen und einem kleinen Friedhof. Über dem (natürlich verschlossenen) Eingang zur Kapelle kann man folgende Inschrift finden:

IM NAMEN CHRISTI AMEN
ALS JOHANNES XXIII. STATTHALTER CHRISTI AUF ERDEN
JULIUS CARDINAL DOEPFNER OBERHIRTE DER DIOEZESE BERLIN WAR
DER REGIERENDE BUERGERMEISTER BRANDT, BUERGERMEISTER AMREHN
DER BEVOELKERUNG VORSTANDEN
HEINRICH LUEBKE BUNDESPRAESIDENT, KONRAD ADENAUER BUNDESKANZLER
WAR, HAT DER HOCHW. HERR PFARRER VON BERLIN-LICHTENRADE
ERZPRIESTER WILHELM LUETKEHAUS
UEBER ERMAECHTIGUNG SEITENS DES BISCHOEFL. ORDINARIATES
VOM 21. NOVEMBER 1960 AUSGEFERIGT VON GENERALVIKAR DR. PRANGE
UNTER ASSISTENZ D. HOCHW. HERREN WERNER HEITEMES – PFARRER
VON LANKWITZ, PROVINZIAL P. PAUL JUNG S.V.D., P. FRIEDRICH SIMON
DIE NEUE MARIAE SEDIS SAPIENTIAE GEWEIHTE
KAPELLE
DES MUTTERHAUSES DER SCHWESTERN UNSERES HERRN
JESU CHRISTI DES KOENIGS
AM FESTTAGE DER EPIPHANIE DES HEILANDES IM JAHRE 1961
FEIERLICH BENEDIZIERT
DEN BAU HAT ARCHITEKT ERICH GLAS BERLIN AUSGEFUEHRT
GEMAESS DEN WUENSCHEN DER GENERALPRIORIN
IMELDA VON JESUS RENNEFELD
DER GRUENDERIN DER CHRIST-KOENIGSCHWESTERN
DIE KOSTEN WURDEN GEDECKT AUS DEM ERLOES SCHRIFTLICHER KOLLEKTEN UND AUS DEN ERTRAEGNISSEN
VON HAUSKOLLEKTEN IN DEN DIOEZESEN MUENSTER, PADERBORN, ROTTENBURG

Die Christkönigsschwestern kamen Mitte der 1920er Jahre nach Lankwitz und prägten den Standort Alt‑Lankwitz über viele Jahrzehnte. 1926 erwarben sie das schon erwähnte ehemalige Lehnschulzengut, ein historisches Anwesen im alten Dorfkern, und bauten das Gutshaus zum Dominikushaus aus. 1927 wurde das Dominikuskloster zum Mutterhaus der Gemeinschaft. Die Schwestern widmeten sich zunächst der Säuglingsfürsorge und gründeten dafür die Dominikushaus GmbH, über die sie ein Säuglings- und Kinderheim, eine Kinderkrippe, ein Gästehaus, eine kleine Gnadenkapelle und später ein Studentinnenwohnheim betrieben. Das Anwesen entwickelte sich zu einem sozialen Zentrum, das weit über Lankwitz hinaus Bedeutung hatte.

In den 1930er Jahren erweiterten die Schwestern ihre Arbeit um ein Kneipp‑Sanatorium, das nach dem Krieg zu einem Krankenhaus und schließlich zu einem Pflegeheim umgebaut wurde. Die Gebäude des Dominikushauses wurden im August 1943 durch Bombenangriffe schwer getroffen, doch bereits 1946 begann der Wiederaufbau. 1954 eröffnete das Haus als Krankenhaus, 1961 wurde es modernisiert und erhielt den Namen Theodosius‑Krankenheim. In den folgenden Jahrzehnten war das Heim ein wichtiger Bestandteil der lokalen Gesundheitsversorgung. 1977 wurde es in ein Pflegeheim umgewandelt, das bis in die frühen 2000er Jahre betrieben wurde.

Die Geschichte der Christkönigsschwestern in Lankwitz endete dann leider unerwartet und tragisch. 2002 mussten sie das Pflegeheim schließen, nachdem sie durch die Geschäftsführer ihrer eigenen GmbH finanziell schwer geschädigt worden waren. 2003 folgte die Insolvenz, das Grundstück wurde verkauft, und das Theodosius‑Krankenheim später abgerissen. Das historische Gutshaus blieb erhalten, ebenso die kleine Gnadenkapelle, die bis heute genutzt wird und vor der ich jetzt stehe. Seit 2006 lebt nun auf dem ehemaligen Klostergelände die Gemeinschaft Chemin Neuf, die das Dominikushaus übernommen hat und dort ein geistliches Zentrum betreibt. Damit ist der Standort Alt‑Lankwitz weiterhin ein Ort religiösen Lebens, wenn auch unter völlig veränderten Bedingungen. Die bauliche Struktur hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark gewandelt, doch das historische Gutshaus und die Kapelle bilden bis heute den sichtbaren Kern einer langen, wechselvollen Geschichte. Ich empfehle einen Blick auf die moderne Webseite der Gemeinschaft oder einen Blick auf ihren Instagram-Kanal, denn dadurch bekommt man einen guten Eindruck von dem Anliegen, das dahintersteckt: eine „katholische Gemeinschaft mit ökumenischer Berufung“.

Ein Gebäude fällt durch seinen traurigen Zustand auf, der sich durch das Hinweisschild „Das Angelicum ist ab dem 1.1.2013 geschlossen“ erklärt. Wenn ein Haus 13 Jahre leer steht, hinterlässt das natürlich Spuren.

Ich frage mich: Was ist ein Angelicum? Die KI behauptet, dass damit fast immer die Päpstliche Universität Heiliger Thomas von Aquin in Rom gemeint ist, die kurz Angelicum genannt wird. Nun ja, das kann ja so nicht ganz stimmen. Also konkretisiere ich meine Anfrage mit dem Standort Alt-Lankwitz und erhalte folgende Antwort:

„Das Angelicum ist ein großer Erweiterungsbau auf dem ehemaligen Gelände der Christkönigsschwestern in Alt‑Lankwitz. Es entstand als Schul‑, Seminar- und Gemeinschaftsgebäude der Ordensgemeinschaft und diente über Jahrzehnte der Ausbildung, der religiösen Bildung und der Verwaltung des Dominikushauses. Neben Unterrichtsräumen gab es Gemeinschaftszimmer, Büros und Bereiche für Gäste und Besucherinnen. Nach der Insolvenz der Dominikushaus GmbH im Jahr 2003 und dem Weggang der Christkönigsschwestern im Jahr 2006 blieb das Gebäude bestehen, wurde jedoch nicht mehr genutzt. Der Bau gehört seitdem nicht der Gemeinschaft Chemin Neuf, die lediglich das historische Gutshaus und die Kapelle übernommen hat, sondern einem privaten Eigentümer, der das Gebäude im Zuge der Insolvenz erworben hat. Eine Nutzung kam nie zustande, weil der Bau umfangreiche Sanierungen erfordern würde, brandschutzrechtlich nicht mehr den heutigen Anforderungen entspricht und sich aufgrund seiner Größe und Struktur schwer wirtschaftlich verwerten lässt. Da das Angelicum im Gegensatz zum historischen Lehnschulzengut nicht unter Denkmalschutz steht, besteht keine Verpflichtung zur Erhaltung oder Nutzung. So steht das Gebäude seit rund dreizehn Jahren leer, während das übrige Gelände teilweise neu bebaut wurde und das Dominikushaus weiterhin als geistliches Zentrum genutzt wird.“

Das klingt glaubhaft, allerdings wird das Gebäude in der Denkmaldatenbank des Landes Berlin als Baudenkmal mit der Bezeichnung „Hospitz Angelicum“ (mit Schreibfehler). Aber ich würde hier angesichts der Größe des Hauses und der Bedeutung des Wortes Angelicum doch eher der KI vertrauen. Es gab auf dem Klostergelände das Theodosius‑Krankenheim, das zeitweise als Pflegeheim und in seinen letzten Jahren als eine Art stationäre Langzeitpflegeeinrichtung geführt wurde. Dieses Pflegeheim lag jedoch in einem anderen Gebäudeteil, der später abgerissen wurde.

Bevor ich mich hier noch mehr festbeiße, verlasse ich das Dorf in Richtung Kaiser-Wilhelm-Straße, um deren Nebenstraßen auf dem Weg zum S-Bahnhof Lankwitz zu erkunden. Am meisten zieht es mich in die Bruchwitzstraße, denn dort befindet sich die Stadtteilbibliothek Lankwitz. Es ist eine interessante Umgebung, die mich hier erwartet, sehr belebt, mit vielen Baustellen natürlich, aber auch total gegensätzlicher Architektur. Sogar ein Büdnerhaus von 1801 ist hier noch zu finden. Es steht in der Mühlenstraße und nimmt sich zwischen den mehrgeschossigen Häusern aus den 1920er Jahren ausgesprochen bizarr aus.

Die Bibliothek liegt mittendrin in dieser recht quirligen Gegend und ist sehr gut zu finden. An allen Zugangsstraßen befinden sich entsprechende Hinweisschilder. Sie ist gar nicht so klein, wie ich dachte, sonnendurchflutet und macht einen sehr freundlichen Eindruck auf mich. Natürlich ist die Auswahl nicht riesig, aber ich denke, dass hier alle auf ihre Kosten kommen: Kinder, Erwachsene, Studierende und Menschen, die einfach nur in Ruhe ihre Zeitung lesen wollen. Dafür bietet sich der gemütliche Lesegarten an.

Nachdem ich alles in Augenschein genommen habe, stelle ich mich den beiden Mitarbeiterinnen vor, die mich herzlich begrüßen. Sie hatten noch nichts von meinem Plan mitbekommen, sind aber total neugierig, warum ich das mache, woher die Idee kam, wie ich meine Touren plane und dokumentiere. So erzähle ich also ein bisschen, aber immer mit Blick auf die Uhr, denn noch bin ich nicht fertig für heute und außerdem haben die beiden gleich Feierabend. Ich würde auf jeden Fall sagen: Das ist eine Wohlfühlbibliothek!

Zurück auf der Kaiser-Wilhelm-Straße, fallen mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite Wohnblocks der Gewobag auf mit einem markanten, geometrischen Muster aus braunen, grünen und grauen Streifen:

Ich muss sagen, dass mir das ausgesprochen gut gefällt und erfahre, dass diese Kunst am Bau den Titel „No Stars But Stripes“ trägt. Denkt man sich die Streifen weg, wäre es nur ein Wohnblock wie tausend andere, aber so wirken sie geradezu veredelt. Die Berliner Künstlerin Sandra Lange hat die Fassadengestaltung im Oktober 2012 feierlich übergeben. Die Wohnungsgenossenschaft hatte sich statt einer Standard-Renovierung des Baus aus den 1960er Jahren ganz bewusst dafür entschieden, für eine damit erzeugte Dynamik im städtischen Raum und in der Hoffnung, zu Gesprächen unter den Nachbarn anzuregen. Ob das gelungen ist, weiß ich allerdings nicht.

Nun folgen dahinter ein paar Sackgassen in moderner Blockbebauung, nur in der Bernkastler Straße gibt es einen „Ausrutscher“:

Plötzlich eröffnet sich vor mir eine weitflächige, im französischen Stil gestaltete Gartenanlage mit Pergola, Wasserbecken, Skulpturen, vielen Ruhebänken und einer Sichtachse auf die sogenannte Käseglocke. Ich bin am Bernkastler Platz angekommen.

Die großzügige, offen wirkende Grünanlage breitet sich wie ein breiter grüner Teppich zwischen den Wohnstraßen von Lankwitz aus. Statt eines kleinen Platzes entstand hier Anfang der 1920er Jahre ein langgestreckter Park, der sich mit Rasenflächen, Baumgruppen und klar gefassten Wegen durch das Viertel zieht. Die Wege sind so angelegt, dass sie den Platz nicht zerschneiden. Zwischen den Baumreihen öffnen sich immer wieder breite Lichtungen, die den Blick über die gesamte Anlage freigeben und dem Park seine Weite verleihen. Es ist ein Ort zum Durchqueren, aber auch zum Verweilen und Durchatmen.

Und warum nun eigentlich „Käseglocke“? Das Gebäude wurde 1913/14 von Fritz Freymüller, dem ersten Baustadtrat von Steglitz, errichtet. Von ihm stammen u.a. auch das Kriegerdenkmal im Gemeindepark und das Lilienthaldenkmal in Lichterfelde. Ursprünglich war das Haus ein Parkwohnhaus mit sechs Wohnungen und einer offenen Durchfahrt im Erdgeschoss, die den Blick in die Weite des Parks freigab. Über dem Eingang und den Fenstern befinden sich plastische Köpfe einer Frau und zweier Kinder, die die Familie des Baumeisters darstellen; eine der dargestellten Personen konnte der heutige Trägerverein später sogar persönlich kennenlernen. In der Bombennacht vom 23. auf den 24. August 1943 brannte ein Großteil der Umgebung nieder, doch die Käseglocke überstand den Angriff dank der Bewohner, die den Brand im oberen Dachstuhl löschen konnten. Nach dem Krieg diente das Gebäude zunächst als Lehrerwohnhaus des Beethoven-Gymnasiums, bevor es 1958 zum Jugendfreizeitheim Theodor Fontane umgebaut wurde. In den 1980er Jahren wurde die Parkanlage im Zuge der 750-Jahr-Feier von Lankwitz neu gestaltet. Die Nutzung der Käseglocke veränderte sich im Laufe der Jahrzehnte mehrfach; zeitweise prägten musikalische Angebote das Haus, später wurde es vor allem von bosnischen Jugendlichen aus einem nahegelegenen Flüchtlingsheim besucht. Ab 2004 übernahm der Verein Spiel und Action e. V. die Leitung der Einrichtung. Die markante Dachform mit einer geschwungenen, kuppelartigen Haube erinnert an die Rundung einer klassischen Käseglocke und hat dem Haus seinen Spitznamen verliehen, wie das oft der Fall ist in Berlin.

Am Ende der Tour belohne ich mich mit zwei Kugeln Eis, die ich gemütlich im Park neben dem Rathaus verspeisen will, doch alle Bänke sind besetzt. Also schlendere ich schmatzend in Richtung Bahnhof und verlasse Lankwitz vorerst, denn ab Dienstag bin ich in Steglitz unterwegs, dem letzten zu erkundenden Ortsteil des Stadtbezirkes. In Anbetracht seiner dichten Besiedlung ahne ich schon, dass er eine Herausforderung darstellen wird.