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21. Juli 2026 | Steglitz-Zehlendorf (Steglitz) | Ameisen, Stadt- und Bäkepark, Kirche mit Betten, Birkbuschgarten und Buchfinken

„Es war die Zeit, da die Bäume in der Stadt welk sind ohne Herbst, da die glühenden Gassen, ausgedehnt von der Wärme, nicht enden wollen und man durch Gerüche geht wie durch viele traurige Zimmer.“ (Rainer Maria Rilke an Lou Andreas-Salomé)

Audiozusammenfassung mittels KI:

Ehrlich gesagt, macht mir Steglitz fast ein bisschen Angst in dem Sinn, dass ich es in seiner Gesamtheit geografisch nicht verinnerlichen kann und seiner quirligen Geschichte nicht gerecht werden kann. Hier scheint jedes Haus, jeder Knick in der Straße und vor allem vieles, was gar nicht mehr existiert, eine immense Bedeutung zu haben und miteinander verknüpft zu sein. Die zur Verfügung stehende Literatur macht das eher noch schlimmer, denn alle Informationen zu verarbeiten, mit dem Gesehenen zu verbinden und hier zu verarbeiten, nimmt Ausmaße einer Doktorarbeit an.

Das Buch „Das Stadtparkviertel in Steglitz – Vom Birkbusch zum Stadtpark“ von Wolfgang Holtz und Christian Simon zum Beispiel ist mit so vielen spannenden Details und Fotos gespickt, dass ich nicht wüsste, was davon unerwähnt bleiben könnte. Er beschreibt darin auch traditionsreiche Gärtnereien in Steglitz, wo man ja meinen könnte, das wäre nicht so wichtig. Aber falsch gedacht, denn wo früher Blumen und Gemüsepflanzen wuchsen, entstanden später bedeutende Wohnanlagen. Auch der Stadtpark ist allein wegen seiner Größe nicht zu ignorieren und mit seiner Entstehungsgeschichte nicht zu vernachlässigen. Unzählige Hausfassaden wecken meinen Forschergeist, ebenso Gedenktafeln, mysteriöse Grundstücke, ungewöhnliche Kirchen und Schulen mit gigantischen Ausmaßen. Wo fange ich an, wo höre ich auf?

Ausnahmsweise begleiten mich heute drei Personen, denn ich habe Besuch aus meiner Heimat – mein Neffe Jens, dessen Frau Christina und Tochter Lena. Sie wollen gerne mitkommen und erleben, was ich in meinem Rentnerinnendasein so treibe. Wir starten am S-Bhf. Rathaus Steglitz an der Albrechtstraße und laufen in Richtung Stadtpark. Schon nach wenigen Metern gerät meine Leibgarde in Verzückung angesichts dieses Hauses:

Ein Stückchen weiter passe ich ganz genau auf, um nicht an einer Besonderheit vorbeizulaufen, auf die mich Ulrich Conrad im Vorfeld hingewiesen hatte:

„Und bitte denke daran, am Dienstag darauf zu achten, wie in der Albrechtstraße 35 und 36 die Häuser zurückversetzt stehen, um zwischen der 35 und der 34 eine U-Bahntrasse hindurchführen zu können. Auch die Häuser 37 und 37a stehen bereits etwas schräg und nicht mehr parallel zur Albrechtstraße. Hier sollte die entlang der Mittelstraße vom Rathaus Steglitz kommende U9 zur Albrechtstraße hinüberschwenken. Im Weg stehende Gebäude wurden erst später errichtet, vermutlich mit Fundamenten, die von der U-Bahn unterfahren werden könnten. Auch interessant ist vielleicht die Lage des Hochhauses an der Albrechtstraße Ecke Steglitzer Damm und Bismarckstraße. Als die Albrechtstraße hier noch durchführte, ergab sich ein dreieckiger Platz: der Handjeryplatz, der heute nicht mehr existiert.“

Hätte ich diese Information nicht gehabt, wäre ich daran vorbeigelaufen. Aber nun ist die Stelle schnell gefunden. Auf den Fotos kann man das nicht gut erkennen, aber Interessierten empfehle ich Google oder Open Maps. Dort ist die Schneise klar erkennbar.

Das erwähnte Hochhaus steht direkt am Stadtpark auf einer Spitze, die früher der Handjeryplatz war und vermutlich zur Gärtnerei Kuntze gehörte. Nach 1908 sollte dort ein Schmuckplatz entstehen mit einer Kirche und einer Schule. Beide entstanden dann ein paar Jahre später am Markusplatz, weil auf dem Platz inzwischen vier Mietshäuser erbaut worden waren. Nachdem sie 1943 zerstört worden waren, entstand dort 1968 ein 18-geschossiges Hochhaus nach Entwürfen von Hans Wolff-Grohmann. In dem o.g. Buch steht dazu: „Damit dieses Haus nicht auf einer verkehrsumtosten Insel steht, hob man hier ein Stück der Albrechtstraße auf, sodass über das stillgelegte Straßenstück eine direkte Verbindung zum Stadtpark entstand. Daher musste der Verkehr auf der Albrechtstraße hier über jeweils ein Stück Steglitzer Damm und Bismarckstraße in zwei Kurven fahren. Das führt zu der kuriosen Situation, dass auf einem Straßenstück zwei Straßennamen gleichzeitig gelten, weil den Häusern Albrechtstraße 40 und 41 die Häuser Steglitzer Damm 1 und 3 genau gegenüber liegen.“

Schaut man sich diese Situation auf der Karte an, kann man vielleicht nachvollziehen, dass mich mein Orientierungssinn in diesem Teil von Steglitz völlig im Stich lässt. Es herrscht ein solches Wirrwarr an Straßen, vor allem auch rund um den S- und U-Bhf. samt Autobahnzubringer, dass mein Hirn kapituliert. Immer wieder, wenn ich die Karte studiere, gaukelt es mir Unwissen vor. Doch Jens hat zum Glück den Durchblick und setzt mich jedes Mal geduldig in Kenntnis mit Richtungsvorschlägen für das weitere Vorgehen.

Um meinem Trupp auch etwas Besonderes bieten zu können, machen wir einen kleinen Schlenker raus aus den Grenzen für heute zum Antstore – einem Ameisenshop für Fans dieser Krabbeltiere. Ich hatte mal etwas darüber gelesen, dass dort Plexiglasrohre durch den Laden führen, in denen es nur so wimmelt. Nun bin ich selbst sehr gespannt. Dort angekommen, deutet nichts auf einen Laden hin, aber ich weiß, hier muss er sein! Wir umrunden das ganze Gebäude und gehen schließlich in eine Art Bürogebäude – und tatsächlich steht im ersten OG eine Tür mit der Aufschrift „Eingang“ einladend offen. Darin sieht es auf den ersten Blick aus wie in einer Zoohandlung bzw. Terrarienabteilung, doch sind hier ausschließlich Ameisen, dafür aber in unterschiedlichsten Größen und Arten zu finden.

So interessant das auch sein mag – ich kann mir nicht so richtig vorstellen, warum es Menschen gibt, die diese Tiere kaufen. Deswegen frage ich an der Beratung, ob die Ameisen zum Verfüttern an andere Haustiere gekauft werden. Doch damit bin ich natürlich unten durch und ich sehe auch ein, dass das eine dumme Frage war. Es wird hier schließlich ein enormer Aufwand betrieben, um verschiedenste Ameisenvölker zu züchten und gut zu versorgen. Bestimmt nicht als Futtermittel. Ich erfahre, dass es viele Fans gibt, die sich eines der Völker aussuchen und zu Hause halten, so, wie andere Spinnen, Echsen oder Schlangen. Spannend, was es alles so gibt!

Nach diesem Exkurs kehren wir über die Bismarckstraße zurück auf die Stadtparkseite, vorbei an einer sehr stilvoll sanierten Wohnsiedlung mit Loggien, die an eine Burg erinnern:

Am Steglitzer Damm setzt sich die Blockbebauung fort:

Wir biegen ab zur Heinrich-Seidel- und Karl-Stieler-Straße und ich staune beim Anblick der Grundschule am Stadtpark Steglitz erneut über die Dimensionen der Schulen in diesem Stadtbezirk. Natürlich habe ich momentan nur den Vergleich zu Marzahn-Hellersdorf, wo es zwar auch ältere und stattliche Schulgebäude gibt, aber nicht in dieser Häufung.

Sie ging hervor aus der „Freiherr-von-Hünefeld-“ und der ehemaligen „Markus-Grundschule“. Eine Tafel erinnert an die schrecklichen Ereignisse kurz vor Kriegsende, als auf dem Schulhof Soldaten, russische Gefangene und Zivilisten erschossen wurden.

Direkt gegenüber liegt der Markusplatz mit einer schön gestalteten Grünanlage und einem Café mit dem Wohlfühlnamen „Bei Mutti“ und auch die Markuskirche ist mit ihrem hellen Anstrich weithin sichtbar.

Wie immer schaue ich nach, ob die Kirche auch von innen zu besichtigen ist. Eine Tür steht verlockend weit offen, doch sie gibt nur den Blick auf Putzutensilien frei und eine Frau, die von einer Ecke zur anderen wuselt. „Entschuldigung, können wir uns vielleicht mal umschauen?“, frage ich sie. Sie mustert uns und zuckt mit den Schultern. Mit den Worten „Von mir aus! Ich putze hier nur!“ war sie auch schon wieder irgendwo im Inneren verschwunden. Wir betreten das Kirchenschiff und stehen einem hohen, hölzernen Kasten gegenüber, den ich zunächst für eine Art Gerüst halte, doch beim näheren Hinschauen entpuppt sich die Konstruktion namens Kirchen-KO/KON als eine Art Hochbett mit mehreren Schlafkammern für insgesamt sechs Personen. Kann man hier etwa übernachten? Ja, man kann, sogar kostenlos inklusive Küchen- und Toilettennutzung. Bettzeug und Handtücher und Kerzen werden bereitgestellt. Eine Dusche gibt es noch nicht, ist aber perspektivisch vorgesehen. Ich finde diese Idee einfach umwerfend und so sympathisch! Hat es das jemals schon gegeben? Man kann aus dem Bett heraus direkt auf den Altar schauen und darf dort auch die Kerzen anzünden. Am liebsten würde ich das mal ausprobieren. Andere haben über ihre Erfahrungen berichtet und in den höchsten Tönen über dieses besondere Erlebnis geschwärmt. Auf der Webseite der Kirche gibt es weitere Informationen und das Buchungsformular.

Nun bewegen wir uns in Richtung Stadtpark, vorbei an einer interessanten Mischung von Mietshäusern unterschiedlicher Baujahre und Gestaltungsweisen:

Meine Gefolgschaft ist hungrig geworden und strebt dem Cucinelli Ristorante im Park entgegen, während ich an der Albrechtstraße das ungewöhnlich große und beeindruckend repräsentable Evangelische Gemeindehaus Markus und der Diakonie-Station Steglitz entdecke.

Hier wurde im Spätsommer 1935 Kirchengeschichte geschrieben. Vom 23. bis 26. September tagte in diesem Gebäude die 3. Altpreußische Bekenntnissynode, nur wenige Tage nach den Nürnberger Gesetzen. Der Ort wurde damit zu einem Brennpunkt jener Jahre, in denen sich die evangelische Kirche unter dem Druck des Nationalsozialismus neu verorten musste. Die Synode gehörte zur Bekennenden Kirche, die sich gegen die Vereinnahmung der Kirche durch den NS-Staat und gegen die Ideologie der Deutschen Christen wandte. In Steglitz ging es nicht nur um innerkirchliche Fragen, sondern auch um eine hochpolitische Entscheidung: Wie sollte die Kirche auf die zunehmende Ausgrenzung jüdischer Menschen reagieren? Die Synodalen bekannten sich immerhin zum Recht der Kirche, Menschen jüdischer Herkunft zu taufen. Doch eine klare Stellungnahme zu den Nürnberger Gesetzen blieb aus. Heute erinnert eine Informationsstele an dieses Ereignis.

Schnell habe ich meine drei eingeholt und wir genießen es, statt Straßenpflaster mal Kieswege unter den Schuhen zu haben und unsere Augen über Blumenbeete, alte Bäume, Wasser, Entenküken, Seerosen, Skulpturen, einen Pavillon und Springbrunnen schweifen zu lassen. Der Stadtpark ist sehr gepflegt, ziemlich groß (17 ha) und bietet viele Möglichkeiten zur Entspannung und Erholung.

Seine bewegte Geschichte sei hier kurz umrissen. Der Park entstand zwischen 1912 und 1914 als zunächst rund zwölf Hektar großer Landschaftspark, geplant vom Städtischen Garteninspektor Rudolf Korte unter der Leitung des Königlichen Gartendirektors Fritz Zahn, der selbst in Steglitz lebte. Die Landgemeinde Steglitz hatte bereits ab 1905 Grundstücke für die Anlage erworben; weitere Flächen wurden nach der Trockenlegung der Bäke nutzbar und in den Park einbezogen. Zur frühen Ausstattung gehörten Tennisplätze, ein Planschbecken und ein Tiergehege, die alle heute nicht mehr existieren. 1917 kam der bis heute erhaltene Rosengarten hinzu, eingefasst von einer Hainbuchenhecke und mit einem Seerosenbecken ausgestattet. In den 1920er Jahren wurde der Park mehrfach erweitert: 1924 durch eine Streuobstwiese an der Albrechtstraße und 1929/30 durch die Enteignung eines Kleingartenareals westlich der Sedanstraße. Während des Zweiten Weltkriegs befand sich im Park ein Behelfsfriedhof für das gegenüberliegende Lazarett; zudem wurde das Gelände militärisch genutzt, unter anderem durch einen eingegrabenen Wehrmachtspanzer zur Sicherung der nördlichen Kreuzung. Im Mai 1945 nahm die Rote Armee den Park ein, 1950 wurden Kriegsschäden durch Notstandsprogramme beseitigt.

Eine umfassende Umgestaltung erfolgte 1956–1957: Auf der Hauptachse wurde ein Springbrunnen errichtet, daneben eine Konzertmuschel, die 1990 durch den heutigen Musikpavillon ersetzt wurde; außerdem eröffnete 1957 die Verkehrsschule. Zwischen 1958 und 1968 wuchs der Park auf seine heutige Größe von rund 17 Hektar an. Das Parkrestaurant, ein Nachkriegsersatzbau für das 1943 zerstörte historische Gebäude, brannte 1969 ab und wurde 1970 neu errichtet. Seit 1995 steht der Stadtpark als Gartendenkmal unter Schutz, auch vor eventueller Bebauung. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall!

Nach einer Pause beim Italiener wandern wir weiter durch die Nebenstraßen und stacheln uns gegenseitig an mit unseren Entdeckungen, die reichlich zur Verfügung stehen und nur gesehen werden wollen. Was für lebenswerte Möglichkeiten des Wohnens es doch gibt!

Immer wieder werden wir auf die Albrechtstraße gespült und mit einer dieser Wellen direkt in die Buchhandlung mit dem poesievollen Namen „Die Buchfinken“.

Ich steuere zielsicher auf das Berlin-Regal zu und werde sofort fündig („Das Stadtparkviertel in Steglitz“ und „Vergessene Friedhöfe und Kirchen in Berlin“, beide von Christian Simon), während Lena mit eben solch traumwandlerischer Sicherheit das Fantasy-Regal findet und durchstöbert. Ein Buch spricht sie besonders an und sie geht damit zur Kasse. Die Buchhändlerin gibt freundlich zu bedenken, dass das Band 2 ist und es eventuell besser wäre, mit Band 1 zu beginnen. „Ich habe das Buch nämlich selbst geschrieben, deswegen kann ich das so genau sagen.“ Ich würde mal behaupten, dass es nicht allzu oft vorkommt, dass eine Buchhändlerin gleichzeitig Autorin ist. Was für ein Zufall, dass Lena nun gerade dieses Buch ausgewählt hat! Für mich ist sonnenklar: Band 1 muss ebenfalls in den Besitz von Lena gelangen und schenke es ihr. Doch damit nicht genug, bietet die Autorin an, die Bücher zu signieren, Charakterkarten gibts dann noch gratis dazu.

Natürlich verlasse ich den Laden nicht, ohne von meinem Projekt zu berichten, was bei der Buchhändlerin Staunen, aber auch ehrliches Interesse auslöst. Ich gebe ihr meine Visitenkarte und schon am Abend sind wir beide auf Instagram verbunden. Susanne Raven hat noch mehr Bücher veröffentlicht und ist außerdem Logopädin mit Spezialisierung auf behinderte Kinder. Es ist wieder einer dieser magischen Momente, in denen man durch Zufall Menschen kennenlernt, die Dinge auf den Weg und auch einen selbst ein Stück weiterbringen. Diese Begegnungen, die Geschichten, die dadurch entstehen, diese ganz alltäglichen und doch auch besonderen Augenblicke zeigen, dass auch die schönsten Straßen, prächtigsten Häuser und idyllischsten Parks ohne die dort lebenden Menschen tote Materie wären. Niemand würde sich für mein „Geschreibsel“ interessieren, könnte ich es nicht mit Leben füllen.

Kurz darauf machen sich meine drei Begleiter auf den Weg zu mir nach Hause, ich aber bleibe noch ein Weilchen in Steglitz und vollende in den nächsten zwei Stunden die heutige Tour, ziemlich unsicher beim Blick zum Himmel, ob ich das trocken überstehe, denn dort bietet sich ein faszinierendes Schauspiel:

In der Stindestraße kommen mir Zweifel, ob mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung ist. Entweder stehe oder gucke ich schief, oder mit dem kleinen Haus, an dem ich schon fast vorbei bin, stimmt etwas nicht. Ich kehre nochmal um, betrachte es genauer und bin mir nicht sicher, was hier aus der Rolle tanzt. Das Dach, das Mauerwerk oder ich?

Das Haus ist seit Anbeginn im Besitz der Familie Hübner. Weil der Baugrund nicht ausreichend tragfähig war, neigte sich das Gebäude im Laufe von mehr als 100 Jahren nach rechts. 1996 wurde es saniert und das Fundament stabilisiert. Die im Hausinneren entstandenen Höhenunterschiede wurden durch Treppen ausgeglichen. Links daneben, wo jetzt der Wohnblock steht, war früher eine Elfenbeinbleicherei und die Berliner Elfenbeinhandlung Zirkenbach & Oechelhäuser.

Gegenüber steht eine Villa im Spätklassizismus-Stil, 1874-1875 nach Entwürfen von A. Rinke erbaut mit weit auskragendem Walmdach und verzierten, hölzernen Dachkonsolen. Skulpturen schmücken das obere Fenster und die Loggia.

Die Straße Am Eichgarten und die Weyerpromenade ziehen sich am Teltowkanal entlang, wo sich der Campus Albert Schweitzer befindet, eine Jugendeinrichtung, die unter dem Dach der Jugendkunstschule Steglitz‑Zehlendorf und der JFE „Campus“ (Jugendfreizeiteinrichtung) betrieben wird als kultureller und sozialer Begegnungraum.

In der Beymestraße 16 finde ich ein total zugewuchertes Grundstück, aber durch das Gestrüpp lugt hier und da das Mauerwerk hervor. Es sieht fast aus wie ein Geisterhaus aus einem Horrorfilm. Ich finde heraus, dass es sich hier um die Villa Hinderer handelt. Sie war ein repräsentatives Landhaus aus der Kaiserzeit, errichtet um die Jahrhundertwende und ursprünglich im Besitz des Rechnungsrats J. Stein. In den 1920er Jahren ging das Anwesen an die Erben der Familie Stein über, bevor es Anfang der 1930er Jahre vom Evangelischen Pressedienst übernommen und von dessen Leiter August Hinderer bewohnt wurde. Der Theologe und Publizist leitete den EPD seit 1918 und hatte ihn in der Zeit der Weimarer Republik zu einem wichtigen Bestandteil des Protestantismus ausgebaut. Hinderer, ein einflussreicher Publizist und kirchlicher Funktionsträger, geriet früh in Konflikt mit dem NS-Regime, wurde 1934 verhaftet und später zur politischen Neutralität gezwungen.

In der Nacht vom 23. auf den 24. März 1944 wurde die Villa bei einem Luftangriff vollständig zerstört und brannte bis auf die Grundmauern nieder, wobei auch das umfangreiche Archiv des Evangelischen Pressedienstes verloren ging. Ein Wiederaufbau erfolgte nicht; nach dem Krieg fehlten der Familie die Mittel und angesichts der politischen Lage auch der Wille, das Anwesen wiederherzustellen. So blieb das ehemalige Anwesen eine Brache. Hinderers Sohn, der Astronom Fritz Hinderer, pflegte das Grundstück noch bis zu seinem Tod 1991, danach überließ die Erbin das Gelände sich selbst, ohne es zu verkaufen oder neu zu bebauen. Es wird wohl gelegentlich vom Bezirksamt kontrolliert, aber es ist nach wie vor ein unzugänglicher, geheimnisvoller Ort.

Gegenüber befand sich auf Nr. 8 der Sitz des Evangelischen Presseverbandes Deutschlands, heute steht auf Nr. 6-7 die Evangelische Schule Steglitz, deren Beschriftung dasselbe Design hat wie das Gemeindehaus in der Albrechtstraße.

An der Mauer erzählt eine Berliner Gedenktafel, dass Franz Mehring hier gelebt hat in einem Haus, das heute nicht mehr steht.

Franz Mehring war ein politischer Publizist und marxistischer Historiker, der sich vom nationalliberalen Journalisten zu einem der wichtigsten Theoretiker der deutschen Arbeiterbewegung entwickelte. Er schrieb für zahlreiche Zeitungen, verfasste historische Studien und publizierte eine vielbeachtete Marx‑Biografie. Sein Verhältnis zur Sozialdemokratie blieb wechselhaft: Er kritisierte sie scharf, näherte sich ihr wieder an und schloss sich im Ersten Weltkrieg schließlich der Spartakusgruppe an, bevor er an der Gründung der KPD mitwirkte. Mehrings Haltung zur sogenannten Judenfrage war widersprüchlich und wird unterschiedlich bewertet. In der DDR wurde er stark geehrt, sein Grab ist Teil der Gedenkstätte der Sozialisten. Bis heute gilt er als prägende Figur der marxistischen Geschichtsschreibung und politischen Publizistik.

Auch die Klingsorstraße muss mich heute oft ertragen, denn sie bildet eine der Tourgrenzen und hat so einiges zu bieten. Ich lerne postum den Dichter Hans Benzmann kennen, zu dessen Ehren an seinem Wohnhaus eine edle Gedenktafel angebracht wurde:

Ein Name, der mir als Bibliothekarin nicht geläufig ist. Eine Bildungslücke, wie ich zugeben muss, denn er hat sehr viele Bücher verfasst, die auch noch in den Berliner Bibliotheken zur Ausleihe zur Verfügung stehen und auch noch verlegt werden.

Über die Goebenstraße erreiche ich schließlich den Goebenpark, der sich in Wurfnähe zum Stadtpark befindet, aber trotzdem in sich abgeschlossen ist durch eine Häuser-Randbebauung auf zwei Seiten. Von hier aus fällt das Gelände ab über die großen Wiesenbereiche. Es herrscht absolute Ruhe. Hin und wieder begegnet mir ein Hund mit Herrchen, auf einer Bank sitzen zwei Frauen, ansonsten sehe ich alte Bäume, einen ausgetrockneten Teich, scheinbar mitten im Park einen Wohnblock an der Rezonville- und Vionvillestraße und einen Granitstein mit der Inschrift: „Wandervogel – Ursprung der Jugendbewegung – Steglitz um 1900“. Er erinnert an Karl Fischer, der als Steglitzer Gymnasiast die Wandervogel-Bewegung initiierte, was ich bisher auch nicht wusste. Schon als Schüler nahm er an Wanderfahrten teil, die der junge Stenografielehrer Hermann Hoffmann organisierte. Diese frühen Erlebnisse prägten Fischer so stark, dass er beschloss, eine eigene Jugendwanderbewegung ins Leben zu rufen. Am 4. November 1901 gründete er im Ratskeller des Steglitzer Rathauses den „Wandervogel – Ausschuss für Schülerfahrten“, der rasch zu einer überregionalen Jugendbewegung wurde. Die Idee war einfach und radikal zugleich: Jugendliche sollten sich von der Enge des wilhelminischen Schulalltags lösen, gemeinsam wandern, draußen übernachten und eine freiere, naturverbundene Lebensweise ausprobieren. Fischer führte die Gruppe zunächst autoritär, führte Rituale, Grußformen und eine gemeinsame Kluft ein und baute den Wandervogel zu einer Organisation aus, die sich schnell im gesamten deutschsprachigen Raum verbreitete. Der Stein wurde 1959 aufgestellt mit einer schwarz eingefärbten Kranich-Figur. Diese wurde gestohlen, weswegen nun nur noch ein aufgemalter Kranich zu sehen ist.

Und schon stehe ich wieder auf der Klingsorstraße, die durch einen Torbogen führt. Was für ein Hingucker! Ich bin schwer beeindruckt von dieser Meisterleistung der Reformarchitektur. Die Wohnanlage mit Namen Steglitz III wurde innerhalb eines Jahres 1929 errichtet, umfasst insgesamt 242 Wohn- und Gewerbeeinheiten und wird vom Beamten-Wohnungs-Verein zu Berlin eG verwaltet. Der Architekt war Paul Zimmerreimer. Das markante Torgebäude fungiert erfolgreich als Blickfang und verbindet die verschiedenen Teile der mittlerweile denkmalgeschützten Wohnanlage.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wo sich die Wohnanlagen Steglitz I und II befinden. Steglitz I schließt sich fast an III an bzw. umgekehrt, denn sie wurde wesentlich früher zwischen 1901 und 1904 nach Plänen von Erich Köhn errichtet in der Klingsorstraße / Leydenallee / Lutherstraße / Vereinsweg:

Zu Steglitz II kann ich noch nicht so viel sagen, dort werde ich aber bald entlanglaufen. Die Anlage wurde 1907/08 gebaut nach Plänen von Paul Mebes und ich bin schon sehr gespannt darauf, denn sie zählt zu den städtebaulich und architektonisch gelungensten in Berlin.

Ich nähere mich dem südlichsten Zipfel des Plans für heute und verpasse fast „Im Gartenheim“, das nur von der Dijonstraße über ein Gartentor zugänglich ist und leicht übersehen werden kann – eine ruhige Siedlungsstraße mit dichter Begrünung, kleinen Mehrfamilienhäusern und Resten der alten Gartenbau‑ und Gärtnereilandschaft, die Anfang des 20. Jahrhunderts bebaut wurde. Die Lage zwischen Stadtpark, Bäkepark und den historischen Villenstraßen macht sie zu einem der eher versteckten, wohnlichen Mikroquartiere im Bezirk.

Ähnlich verhält es sich mit dem Birkbuschgarten, der nur über die Birkbuschstraße durch einen Torbogen erreichbar ist. Das Besondere ist hier, dass diese Wohnanlage privat finanziert wurde von Alexander Puhl und Rudolf Theile. Sie hatten Anfang der 1920er Jahre das 15.000 m² große Grundstück dem schwedischen Generalkonsul für 250.000 Mark abgekauft. Bis dahin tummelten sich dort Kleingärtner in ihren Miniparadiesen. 150 Wohnungen wurden 1927/28 um einen großen Innenhof herum gebaut. Zehn Aufgänge brannten im Krieg aus, aber Maria Klaffki, die Tochter von Alexander Puhl ließ den Wohnblock Anfang der 1950er Jahre wieder aufbauen, wovon noch Erinnerungstafeln im Torbogen zeugen.

Die letzten Häuser, die ich mir heute anschaue, gehören zu einer Anlage am Telramundweg, die sich um einen zentralen Platz gruppiert und auch die Birkbusch- und Klingsorstraße tangiert.

Hier gefallen mir besonders die vielen Sgraffiti-Motive über den Haustüren entlang der Treppenhäuser bis zum Dach. Sgraffito ist eine Technik, mit der Motive aus dem frischen Putz herausgekratzt werden. Die Wand erhält zunächst eine meist dunkle Putzschicht. Dann wird eine zweite, hellere Schicht darüber aufgetragen. Das Motiv wird mit Pauspapier auf den feuchten Putz übertragen. Dann kratzt der Künstler Teile der oberen Schicht mit Schlingenwerkzeugen weg, steht dabei aber natürlich unter Zeitdruck, denn der Putz darf vorher Fertigstellung nicht trocknen. Ich finde diese Bilder so beeindruckend, dass ich alle fotografiere:

Meine letzte Station für heute ist der Bäkepark mit grünem Bäketeich und dem kleinen, eingefassten Rinnsal. Die Bäke war einst ein kleiner, aber landschaftsprägender Bach, der vom Steglitzer Fichtenberg bis zum Griebnitzsee floss und über Jahrtausende das breite, sumpfige Bäketal formte. Dieses Tal war schon in der Steinzeit ein bevorzugter Siedlungsraum, später ein Grenzgebiet zwischen slawischen Dörfern und deutschen Kolonien. Mit dem Bau des Teltowkanals um 1900 wurde die Bäke weitgehend in den Kanal integriert; ihr natürlicher Lauf verschwand fast vollständig. Heute existieren nur zwei kurze Reststücke: eines verläuft unterirdisch durch Steglitz und tritt im Bäkepark wieder zutage, das andere führt durch das Naturschutzgebiet Bäketal bei Kleinmachnow. Obwohl der Bach fast verschwunden ist, prägt sein Name bis heute die Landschaft – vom Bäkepark über die Bäkemühle bis hin zum Teltow, dessen Name ursprünglich auf die alte Bezeichnung der Bäke zurückgeht.

Nach einer letzten Pause wackle ich zur nächsten Bushaltestelle und freue mich, trotz anfänglicher Zweifel alles geschafft zu haben.

Zum Schluss noch die Impressionen, die es nicht in den Text geschafft haben:

Der Bericht vom 23.07. folgt in Kürze!