Mein liebes Kind: Besuch des Gedenkortes Eichborndamm 238

Das Thema unseres Projektes „Unwertes Leben – Euthanasie im 3. Reich“ führte uns heute nach Wittenau in die ehemalige Städtische Nervenklinik für Kinder, kurz Wiesengrund genannt. Die damalige Station 3 mit dem zynischen Zusatznamen „Kinderfachabteilung“ spielte bei der Tötung von kranken Kindern eine besonders schlimme Rolle. Geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche wurden hier eingewiesen und verließen die Klinik selten lebend. Wir wussten, dass uns schwer begreifbare Schicksale erwarteten und dieser Tag kein Vergnügen werden würde.

Doch zunächst stachen uns auf der Hinfahrt mit der U8 die sehr kunstvoll gestalteten Bahnhöfe ins Auge, einer interessanter als der andere. Am liebsten wären wir an jeder Station ausgestiegen. Das Staunen setzte sich fort, als wir am Rathaus Reinickendorf den Untergrund verließen und uns dieses imposante Gebäude begrüßte.

Über dem mit vielen Figuren geschmückten Portal leuchtete uns die goldene Inschrift entgegen: „Jedem das Seine und Gott die Ehre“. Automatisch zuckt man zusammen, wenn man das liest, denn der erste Teil des Satzes prangte zynisch über dem Tor zum KZ Buchenwald. Aber eigentlich ist das ein Ausdruck von Gerechtigkeit und stammt von Cicero. Die Erkundung der  schönen Parkanlagen rechts und links des Eichborndamms mussten wir zugunsten unseres Termins auf später verschieben, denn Karen Scheper, Künstlerin und Leiterin des Projektes „Mein liebes Kind“ erwartete uns schon.

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1880 wurde die Irren-Anstalt der Stadt Berlin zu Dalldorf (heute Wittenau) eröffnet. 1881 kam eine Erziehungsanstalt für idiotische Kinder dazu und 1887 wurden die beiden Kolonie-Häuser gebaut, in die 1941 die Städtische Nervenklinik für Kinder – die Tötungsanstalt einzog. Nach Kriegsende wurde der Klinikbetrieb weitestgehend mit dem gleichen Personal weitergeführt, ging 1946 nahtlos in ein Kindersanatorium über und wird seit 1955 vom Bezirksamt genutzt, u.a. als Beratungsstelle für behinderte Kinder und Fürsorgestelle. Das ist schon ziemlich makaber.

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Wir versammelten uns zunächst um einen großen Tisch im Kellergeschoss und Karen Scheper verschaffte uns einen allgemeinen Überblick über die bedrückende und beschämende Geschichte des Hauses und erläuterte das Projekt, bevor wir mit ihr einen Rundgang durch die Ausstellung machten.

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Viele Fragen ergaben sich dadurch und in der Diskussion über die hier begangenen, unfassbaren Verbrechen gegenüber unschuldigen, wehrlosen Kindern versuchten wir, die sich dahinter verborgenen Tragödien zu erfassen. Die familiären Hintergründe, Auszüge aus den Patientenakten mit Behandlungsmethoden und der Dokumentation des Mordens anhand von Einzelschicksalen brachten uns dem Thema emotional besonders nahe, für manche fast unerträglich.

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Auch das damals verwendete Vokabular wie „Reichsausschusskinder, Ballastexistenzen, Aufartung, Erbgesundheit“ erschütterte uns in seiner unverhohlenen Bosheit. Vor dem Gebäude erinnern eine Gedenktafel und vier Stolpersteine an die Geschichte dieses Ortes.

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Jetzt war allen nach einer Pause zumute. Teresa nutzte sie, um die Stolpersteine zu putzen. Eine Passantin mit Rollator blieb stehen und applaudierte begeistert.

Mit all den gesammelten Eindrücken und Informationen setzten wir den Nachmittag mit Schreiben fort. Jeder hatte sich eine andere Herangehensweise ausgewählt. Kenneth will ein Video erstellen, Henriette wird aus der Perspektive einer Krankenschwester schreiben, Kristina verfasst ein Gedicht, andere werden Geschwister mit ins Spiel bringen. Geplant ist, ein paar der Texte zur jährlich stattfindenden Gedenkfeier vorzutragen, die in diesem Jahr am 07.11.2019 stattfindet.

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Um vorher nochmal zu üben, wird uns Karen Scheper zur nächsten Schreibwerkstatt am 02.11.2019 in Marzahn besuchen, worüber wir uns sehr freuen! Und wir folgten sehr gerne ihrem Vorschlag, die Patenschaft für ein Kind zu übernehmen. Das bedeutet für uns, mindestens einmal im Jahr zu dessen Geburts- oder Todestag eine kleine Aktion zum Gedenken an dieses Kind zu veranstalten, um es damit vor dem Vergessen zu bewahren und ihm nachträglich die Anerkennung zukommen zu lassen, die ihm zu Lebzeiten versagt geblieben ist.

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https://www.mein-liebes-kind.de/

Unbedingt sei hier noch Bruno Schleinstein erwähnt, der den Aufenthalt in Wittenau überlebt hat und in vielen Filmen auf sehr eigenwillige Art und Weise mitwirkte:

„Im Alter von drei Jahren kam der uneheliche Sohn einer Prostituierten erstmals in ein Heim und verbrachte die folgenden 23 Jahre in diversen Heimen und Besserungsanstalten. Mit acht, 1941, kam er in die Wittenauer Heilstätten (heute Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Städtische Nervenklinik für Kinder und Jugendliche Wiesengrund), wo Ärzte mit Impfstoffen an vermeintlich geistesschwachen Kindern herumexperimentierten.[3] 1956 wurde Bruno als geheilt in die Gesellschaft entlassen. Bruno war zeit seines Lebens ein Außenseiter und galt als geistig zurückgeblieben, er verdiente sein Geld als ungelernter Arbeiter in Fabriken und als Straßenmusiker. Werner Herzog entdeckte ihn in Bruno, der Schwarze, einer Dokumentation über Berliner Außenseiter, und besetzte ihn 1974 vom Fleck weg in der Hauptrolle des Kaspar Hauser in seinem Film Jeder für sich und Gott gegen alle, wo Bruno S. durch seine sehr eigene Präsenz auf der Leinwand einen großen Eindruck hinterließ.“ (Quelle: Wikipedia)

Dem Trailer zu dem Film „Die Fremde ist der Tod“ sind diese Zitate von ihm entnommen:

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