„Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“ (Friedrich Nietzsche) – Kalenderspruch des Tages
Audiozusammenfassung des Textes mittels KI:
Momentan herrschen Temperaturen, vor denen die meisten vernünftigerweise in den Schatten flüchten oder das Haus gar nicht verlassen. Eins ist klar – für mich ist das keine Option. Ich habe meinen Plan, und der wird durchgezogen. Außerdem bin ich mit Dirk verabredet, der Benita und mich am Donnerstag vor „seinem“ Fachwerkhaus zufällig aufgegabelt hat. Also passe ich meine Ausrüstung mit einer großen Flasche Wasser und einem nassen Tuch an, unter dem ich mich bei Bedarf verstecken kann. In der Friedrichstraße reicht die Umstiegszeit aus, um im Zeitungsladen die B.Z. zu kaufen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine Premiere ist, denn ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben diese Zeitung gelesen, geschweige denn gekauft zu haben. Zur Erklärung muss ich knapp zwei Wochen zurückschauen, denn vor einiger Zeit erhielt ich eine sehr nette Anfrage von Jule Ahrendt, Reporterin bei der B.Z. in Berlin, ob ich für ein Gespräch zur Verfügung stehen würde: „Mich interessiert, wie die Idee entstanden ist, welche Geschichten und Menschen Ihnen auf Ihren Touren begegnen und was Sie über Berlin lernen, wenn man die Stadt Straße für Straße durchquert.“ Wir verabredeten uns für den 15. Juni, einem Montag, also kein Wandertag. Ich schlug als Treffpunkt die „Renate-Privatstraße“ im Tempelhof vor. Gesagt – getan! Das war der letzte, sehr kühle Tag, weswegen ich fast winterlich gekleidet war. Jule brachte den Fotografen Volkmar Otto mit und wir hatten viel Spaß zusammen. Wann schmeißt sich schon mal ein Mann der Länge nach vor mir hin, um mich quasi durch das Gänseblümchen zu fotografieren! Er hatte als Requisit einen Stadtplan von 2001 aus dem Besitz seines Vaters mitgebracht, in den ich mich die ganze Zeit interessiert vertiefen musste, während er mit der Kamera draufhielt. So entstanden unzählige Aufnahmen aus unterschiedlichsten Perspektiven, von denen es drei in die Printausgabe geschafft haben. Anschließend stellte mir die sehr sympathische Jule ihre Fragen und ich war nun sehr gespannt auf das Ergebnis. Heute ist es soweit – ich halte die Zeitung in den Händen, finde mich natürlich viel zu alt aussehend auf dem Foto, aber egal. Es ist wieder ein bisschen Werbung und bestimmt erfahren dadurch noch mehr Menschen von meinem Vorhaben.




Demnächst erscheint der Artikel auch online. Da ich nun schon öfter in Presse, Rundfunk und Fernsehen vorgestellt wurde, habe ich mal alles auf einer Seite unter dem Namen „Medienecho“ zusammengefasst.
Mit Dirk treffe ich mich am S-Bahnhof Osdorfer Straße, wo wir wegen des Verkehrslärms unsere Begrüßungsworte gegenseitig von den Lippen ablesen müssen. Schnell flüchten wir in die nächste Querstraße, die Celsiusstraße, und sind damit auch schon in der Thermometersiedlung. Sie erhielt ihren Namen aufgrund der Straßenbenennungen, mit denen Wissenschaftler mit ihren Forschungen zur Temperaturmessung geehrt wurden: Celsius, Mercator, Fahrenheit und Réaumur. Das von mir sehr geschätzte Gazette-Verbrauchermagazin hat anlässlich 50 Jahre Thermometersiedlung die Namensgeber in einer kurze Zusammenfassung vorgestellt. Hier sieht man einen Kartenausschnitt, in dem man auch sehr gut den See (Rückhaltebecken) und den Stangenpfuhlgraben erkennen kann, der sich hindurchschlängelt.

Das Quartier hat keine Durchfahrtsstraßen und ist dadurch sehr fußgängerfreundlich. 1968 wurde mit dem Bau begonnen, sechs Jahre später zogen die ersten Mieter ein. Die Häuserblocks sind drei bis acht Geschosse hoch, es gibt aber auch mehrere Punkthochhäuser mit bis zu 22 Geschossen. Auf 32 ha wohnen ca. 4600 Menschen. Die Bevölkerung ist sehr heterogen, gleichzeitig gibt es wenig Fluktuation, was den sozialen Austausch erschwert. Viele Menschen haben begrenzte finanzielle Mittel, und ein hoher Anteil lebt in prekären Lebenslagen, wodurch Probleme nicht ausbleiben. Ein Quartiersmanagement sorgt deshalb mittels Fördermitteln für Unterstützung und Angebote für alle Gruppen. Die Architektur erinnert sehr an Marzahn, und trotzdem hat diese Siedlung einen ganz anderen Charakter. Ich bin richtig begeistert von der Gestaltung der Frei- und Grünflächen, die sich in baumbestandenen Hügeln, waldähnlichen Pfaden, dem Wassergraben namens Stangenpfuhl mit Brücken und lauschigen Uferwegen, Blickachsen auf immer nur ein Hochhaus und schattigen Ruheplätzen durch die Siedlung hindurchziehen. Es ist regelrecht idyllisch. Auch Dirk ist angenehm überrascht, gilt doch die Siedlung als sozialer Brennpunkt. Hier ein paar Eindrücke:
Ich bin ja nicht die einzige Stadtwanderin und freue mich, wenn ich auf Erfahrungsberichte von anderen stoße. Bei meiner Recherche zur Thermometersiedlung habe ich die „Stadtkönigin“ entdeckt, die überwiegend in Berliner Großwohnsiedlungen unterwegs ist, genau wie ich möglichst unvoreingenommen mit neugierigem Entdeckerblick und darüber schreibt. Auch über Marzahn übrigens. Sie spricht mir sehr aus dem Herzen mit ihrem Text zu dieser Gegend: Unterwegs in der Thermometersiedlung – Stadtkönigin. Aber Vorsicht! Das ist eine Webseite, auf der man sich verlieren kann!
Direkt an die Thermometersiedlung schließt sich bis zur Stadtgrenze der ehemalige Truppenübungsplatz der US-Army „Parks Range“ an. Das riesige Areal ist momentan nach allen Seiten hin durch einen Bauzaun abgesperrt und trägt jetzt den Namen Neulichterfelde. Es führt auch keine Straße um das Gelände, nur der Mauerweg umrundet das Feld.
Das Gebiet war über Jahrhunderte landwirtschaftlich geprägt. Ab den späten 1930er‑Jahren begann die Reichsbahn mit dem Bau eines Ausbesserungswerks, das kriegsbedingt unvollendet blieb. Auf Teilen des Geländes existierten zudem Anlagen eines Kriegsgefangenenlagers (Stammlager IIID). Ab 1953 nutzte die US‑Armee den südlichen Bereich als großes militärisches Übungsgelände („Parks Range“) mit einer künstlichen Trainingsstadt, die bis 1993 in Betrieb war. Nördlich davon siedelten sich verschiedene Gewerbe‑ und Industriebetriebe an, darunter ein Aluminiumschmelzwerk und ein Steinmahlwerk. Nach dem Abzug der US‑Armee entwickelte sich auf dem ehemaligen Übungsgelände eine artenreiche Weidelandschaft.
Nach über vierzehn Jahren Planung beginnt nun tatsächlich der Bau eines der größten neuen Wohnquartiere Berlins. Auf rund 36 Hektar Fläche sollen bis 2035 etwa 2.700 Wohnungen entstehen – ein Mix aus geförderten und frei finanzierten Mietwohnungen sowie rund 420 Reihenhäusern. Mehr als 1.000 Wohnungen baut die degewo für den eigenen Bestand, über die Hälfte davon gefördert. Zum neuen Quartier gehören außerdem drei Kitas, eine Schule mit Sportanlagen, ein Stadtplatz am S‑Bahnhof Lichterfelde Süd sowie Geschäfte, Büros und Arztpraxen. Damit soll Wohnraum für mehr als 5.000 Menschen entstehen. Die Weidelandschaft bleibt weitgehend erhalten. Rund 61 Hektar Naturraum werden in das neue Viertel eingebettet und bleiben als offene Landschaft bestehen. Große Pläne! Für mich heißt das: In neun Jahren muss ich nochmal hin und die neu entstandenen Straßen begehen!
Man findet sehr viele Informationen zu diesem Bauprojekt bis hin zum 177 Seiten umfassenden Prüfbericht über die Eignung und eventuelle Schadstoffbelastung der Fläche.
Für Interessierte empfehle ich „Neulichterfelde“: Start für eines der größten Wohnquartiere Berlins und Neulichterfelde von Wöhr + Bauer, einem beteiligten Immobilienunternehmen, von denen auch dieses Video stammt:
Wir wenden uns nun dem Gebiet östlich der Osdorfer Straße zu. Direkt gegenüber der Thermometersiedlung setzt sich an der Scheelestraße die Blockbebauung fort, entzieht sich aber noch konsequenter neugierigen Blicken. Man hat den Eindruck, als hätte man hier zuerst einen Park angelegt und danach zwischen den Bäumen die Wohnblöcke abgestellt. Während Dirk an einer schattigen Stelle auf mich wartet, als ich einen kleinen Abschnitt hin- und zurücklaufen muss, kürze ich auf dem Rückweg genau durch diesen kleinen Dschungel ab und muss sehr aufpassen, dass ich mich nicht verlaufe in dem Wege-Wirrwar.
Über mehrere Kilometer ziehen sich grüne Querverbindungen für Radfahrer und Fußgänger. Eine davon ist die Johann-Baptist-Gradl-Grünanlage. Sie wurde nach einem konsequenten Verfechter der deutschen Einheit benannt, der eine Zeit lang auch Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen war, wie ein schon etwas lädiertes Schild verrät. Ich muss zugeben, dass ich zum ersten Mal von Johann Baptist Gradl höre. Angesichts seiner vielen Funktionen und Verdienste ist mir das absolut unverständlich. Sein Name müsste doch damals öfter im Radio oder Fernsehen genannt worden sein! Wieder was dazugelernt.
Da wir gerade ganz in der Nähe des Lilienthalparks an der Schütte-Lanz-Straße sind, schauen wir uns als nächstes des Fliegeberg an. Dirk kennt ihn natürlich schon wie vieles andere in der Gegend, und auch ich kann mich dunkel an einen Ausflug hierher erinnern, was aber mindestens zehn Jahre zurückliegt. Der Platz wird eingerahmt von Hecken und einem Tor, eine leider beschmierte Infotafel erzählt die Geschichte dieses Ortes und Otto Lilienthals. Der Hügel, den Otto Lilienthal 1894 auf einer alten Ziegelei aufschütten ließ, um seine selbst gebauten Fluggeräte zu testen, ist knapp 15 Meter hoch. Rund 2000 Flugversuche mit Weiten bis zu 80 Metern fanden hier statt – ein zentraler Ort der frühen Luftfahrtgeschichte.
Zwischen 1928 und 1933 wurde das Gelände umgestaltet: Der Hügel wurde freigelegt, terrassiert und mit einer Säulenhalle sowie einem Denkmal für Lilienthal versehen. Auf dem Gipfel steht heute eine Bronzekugel. Im Zweiten Weltkrieg schmolz man die ursprüngliche Kugel aus Bronze ein, ersetzte diese im Jahr 1955 durch ein steinerne und 1990 wieder durch eine aus Bronze. Diese ist heute von vier Steinbänken umgeben, auf denen Besucher Platz nehmen und die Aussicht ins Grüne genießen können, wobei man sich angesichts der Pfütze im Wasserbecken eine andere Farbe wünscht. Die Tongrube der Ziegelei wurde in einen Karpfenteich gleich nebenan umgewandelt. Eine schöne, weitläufige Parklandschaft, in der man einen ganzen Tag zubringen könnte, ohne sich zu langweilen.
Christoph Ruhland von der Berliner Sektion des Alpenvereins machte mich nachträglich auf ein Lied von Reinhard Mey aufmerksam, das sich mit der Vision Otto Lilienthals vom Fliegen und seinem Tod beschäftigt. Wer mag kann es sich HIER auf YouTube anhören, der Text wird im Video gleich mitgeliefert.

Nun wirds Zeit für eine Pause, finden wir. Dirk hat ein kleines Café ausfindig gemacht an der Ecke Lichterfelder Ring / Schütte-Lanz-Straße, wo wir uns im Schatten bei Kaffee (Dirk) und Zupfkuchen mit alkoholfreiem Bier (ich) ausruhen. Übrigens ist die Straße Schütte-Lanz ungewöhnlicherweise nach zwei Personen benannt – den Unternehmern und Konstrukteuren Johann Schütte und Karl Wilhelm Lanz. Die beiden gründeten 1909 ein Unternehmen, das Luftschiffe mit Holzgerippe baute und den Konstruktionen Ferdinand von Zeppelins sogar überlegen waren. Trotzdem konnten sie nie an dessen Erfolge anknüpfen. Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Produktion der Flugzeuge eingestellt werden.
Wir laufen die Straße weiter bis zur Stadtgrenze am Jenbacher Weg und biegen dort um die Ecke auf die Osdorfer Straße, die das heutige Tourareal mittig durchkreuzt.
Ganz versteckt liegt der Bürgipfad, ein Name, der mich neugierig macht, denn er klingt so romantisch und so schweizerisch, nach kleinen Häuschen mit Treppchen davor und Balkonen, die unter üppiger Geranienpracht verschwinden. Nun ja, ganz so ist es dann nicht, aber wir entdecken immerhin eine weitere Bücherzelle und ein Haus, bei dem sehr sparsam mit Fenstern umgegangen wurde. „So ein Haus hätte ich früher aus Lego gebaut“, konstatiert Dirk, „Ich hatte immer zu wenig Fenster.“
Unsere Hoffnung, dass der verheißungsvolle Bürgipfad trotz Sackgasse ein Schlupfloch für Fußgänger offen hält, erfüllt sich. Allerdings stranden wir wieder am Jenbacher Weg – ein Glücksfall für mich und zum Leidwesen von Dirk, denn dadurch ergibt sich die Möglichkeit einer zweiten Bergbesteigung. Der 62 Meter hohe Trümmerberg, besser bekannt als Rodelberg, entstand zwischen 1953 und 1956 aus den Trümmern des zerstörten Berlins. Auf dem Gipfel steht eine Gedenkstele aus Sandstein des Reichstags, die an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnert. Bemerkenswert finde ich, dass hier früher immer am 17. Juni ein Mahnfeuer entzündet wurde, das bis in die DDR sichtbar sein sollte. Leider ist die Anlage in einem ziemlich verwahrlosten Zustand, als hätte nach der Wende der Bezirk das Interesse an der Pflege der Anlage verloren. Aber die weite Aussicht macht alles wieder wett.
Der Weg nach unten ist quasi die Rodelpiste, an deren Ecken und Tücken sich Dirk noch gut erinnern kann aus der Zeit, als er mit seinen Kindern hier runterpreschte.
Jetzt ist es ein Haus mit verschwenderisch vielen Fenstern, das uns im Vorübergehen auffällt. „Der hatte die Fenster, die mir immer fehlten in meinem Lego-Kasten!“, knüpft Dirk an seine Kindheitserinnerungen an.

Meistens sind wir uns einig in der Beurteilung dessen, was wir sehen, sofern wir uns das überhaupt erlauben können. Doch bei einem Wohnblock in der übrigens geradezu niedlichen Großbeerenstraße regt sich der Widerspruch meines Begleiters, als ich mein Wohlwollen aufgrund der Farbgebung äußere. Ich finde dieses warme Gelb sehr angenehm, hell, gemütlich, freundlich. Dirk hingegen kann mit dieser Farbe keine Freundschaft schließen und würde niemals auf die Idee kommen, das Haus länger zu betrachten oder ein Foto davon zu machen. Aber auch das kann bereichernd sein und Spaß machen, sich austauschen, ohne einer Meinung zu sein.

Später arbeiten wir uns durch den Geitnerweg langsam in Richtung Dirks Heimat vor, denn eigentlich ist es genug, was wir bei der Hitze geschafft haben, außerdem hat er um 17 Uhr einen Termin.
In der Nähe des Saaleckplatzes verabschieden wir uns mit der Option, eventuell eine weitere gemeinsame Tour zu absolvieren. Es hat uns beiden Spaß gemacht und mit unseren Gesprächsthemen (Lieblingsautoren, Bücher, berufliche Entwicklung, Dialekte, Schwarzwald, Kurische Nehrung, Wasser- und Erdmenschen, Fersensporn, Herzinsuffizienz, Seniorenheime, Demenz u.v.m.) lagen wir oft auf einem gemeinsamen Nenner.
Nun muss ich mich entscheiden. Laufe ich weiter? Alles, was noch offen ist oder nur ein Stück? Dann müsste ich am Wochenende den Rest nachholen. Will ich das? Nein. Kann ich noch? Ja! Also – motiviere ich mich – laufe ich erst einmal die Straßen rund um den Saaleckplatz, mache dort eine Pause und überlege dann, wie und ob es weitergeht.
In vielen Gärten stehen gerade die Rosen in voller Pracht und alles wächst so üppig wie im Tropenhaus. Allein deswegen lohnt es sich schon, durch die Straßen zu flanieren. Selbst ein kleines Auto versetzt mich in Begeisterung oder ein Baumwurzel-Zwergen- und Elfenparadies. Eine dösende Katze blinzelt mich verständnislos an, wieso ich mich bei einer solchen Hitze nicht auch in den Schatten lege.
Würde man den Saaleckplatz mit seinen umliegenden Straßen aus der Vogelperspektive betrachten, sähe man eine geometrische Form, die einem quadratischen Fenster mit einem Rundbogen darüber ähnelt, in diesem Fall wäre das die Kaiserstraße. Der Platz selbst ist oval und als Grünanlage angelegt. Früher hieß er Kaiserplatz und wurde von Johann Anton Wilhelm von Carstenn stadtplanerisch angelegt. Hier wohnte man herrschaftlich und nichts blieb dem Zufall überlassen. 1937 wurde das Areal von den Nationalsozialisten in Saaleckplatz umbenannt. Grund dafür war die Tatsache, dass sich auf Burg Saaleck die von den Nationalsozialisten zu Helden stilisierten Mörder von Walther Rathenau versteckten. Sie kamen dort ums Leben und wurden auf dem Saalecker Friedhof beigesetzt, wo in der NS-Zeit glorifizierende Feierlichkeiten stattfanden. Mehr dazu findet man hier: Burg Saaleck – Lost Places in Sachsen-Anhalt gemeinsam sichtbar machen Trotz dieses Hintergrundes wurde über eine Rückbenennung bisher nicht nachgedacht. Da der Platz in den letzten Jahren ziemlich verwildert war, gab es eine Anwohner-Initiative zur Neugestaltung, die auch vom Mittelhof e.V., der Grundschule am Karpfenteich und des BTTC Grün-Weiß unterstützt wurde. Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf setzte die Plänen eines Landschaftsarchitekturbüros um, die sich am historischen Kontext des Carstenn’schen Stadtgrundrisses orientierten. Im Juni 2024 wurde der Platz wieder eröffnet als eine Art Nachbarschaftsprojekt mit neuen Bäumen, Blühwiesen, Staudenbeeten und Bänken, von denen ich jetzt eine okkupiere.
Ein Schaukasten informiert über Wünsche und Danksagungen der Platznutzer und das Angebot des hier beteiligten Nachbarschaftstreffs Lilienthal. Bei der Gelegenheit erfahre ich, dass es im schon beschriebenen Lilienthalpark eine Plauderhaltestelle gibt. Sie wird zu einsehbaren Zeiten mobil an einer der dortigen Bänke aufgestellt, auf der ein gesprächsbereiter Mensch eine Stunde lang zum Plaudern zur Verfügung steht. Eine schöne Idee, aber ob sie auch genutzt wird? Das würde mich sehr interessieren. In Marzahn-Hellersdorf gibt es eine solche Initiative von der Kirche. Eine Frau stellt sich mit einem kleinen Wohnwagen auf einen Platz und bietet Kaffee, Kuchen und Gespräche an. Oft verlaufen ja solche gut gemeinten Ideen im Sand, weil sie von den Anbietern abhängig sind, aber auch von der Zielgruppe.
Nun aber weiter im Programm. Es ist mittlerweile 16 Uhr und es sind schon noch ein paar Straßen, die nicht grün als erledigt markiert sind. Kurz gebe ich der Vernunft eine Chance, mich vom Aufhören zu überzeugen, aber ich höre gar nicht richtig hin. Ich will das erledigen und Punkt! Also was sitze ich noch hier rum – los gehts!
Was folgt, ist reine Fleißarbeit. Es sind ganz normale Einfamilienhaussiedlungen, die sich überall befinden könnten. Also mit durchaus sehr liebevoll gestalteten Häusern und Gärten, manchmal auch wohltuend lässig in der Pflege. Im Lilienthalpark beginnend, schlängelt sich ein Grünzug quer durch sechs Parallelstraßen, benannt nach Orten auf der Achensee-/Zillertal-Route über die Hildburghauser Straße bis hin zur Kleingartenanlage Lankwitz. Solche grünen Querverbindungen über erstaunliche Längen hat man übrigens oft in Berlin. Drei Stunden brauche ich, bis ich überall gewesen bin und ich wage zu behaupten, dass ich bei den Häusern keine Dopplungen erlebt habe. Man kann sich dieses Gebiet auch als eine Art Musterhaus-Ausstellung vorstellen. Es wird schon Vorschriften geben für die Bauherrn, aber offenbar nicht für den architektonischen Stil. Insofern ist diese Siedlung doch etwas Besonderes. Wer also vorhat, zu bauen und noch nicht weiß, wie das Haus mal aussehen soll, kann hier aus einer kilometerlangen Fülle an Ideen schöpfen. Es folgen ein paar Beispiele:
Am Jenbacher Weg endet Berlin, weswegen es dort nur eine einseitige Bebauung gibt. Noch ruhiger kann man ja kaum wohnen:
Parallel dazu hinter der seit 1990 von der Natur angelegten Waldkante verläuft der Mauerweg. Während der Jenbacher Weg an der Mündung Osdorfer Straße endet, führt der Mauerweg zum Beginn der Kirschblütenallee am südlichsten Zipfel Lichterfeldes, der ehemaligen Parks Range und biegt dort im rechten Winkel ab in Richtung Ende der Allee. Auf meiner To-do-Liste steht, dass ich mir unbedingt im nächsten Frühjahr dieses rosa Naturschauspiel ansehen möchte.
Bei einer der Kehren, die ich über die Hildburghauser Straße nehmen muss, traue ich meinen Augen kaum. Auf der anderen Straßenseite steht ein Bücherbus! Und er hat geöffnet! Natürlich muss ich mal rein und Guten Tag sagen:

Neugierig steige ich die Stufen hoch und erblicke in beiden Ecken des Busses je einen Mitarbeiter, die schweigend in den Tiefen ihrer Dienstcomputer versunken zu sein scheinen. Ich grüße freundlich, was von einer Seite sachlich erwidert wird, während der Kollege auf der anderen Seite noch nicht mal den Kopf hebt. Es gibt bestimmt eine Arbeitsteilung oder Zuständigkeiten, aber grüßen könnten doch eigentlich beide, denke ich. Egal. Ich stelle mich vor, erzähle, dass ich eine ehemalige Kollegin aus Marzahn-Hellersdorf bin und diejenige, die alle Straßen von Berlin ablaufen will. Erfahrungsgemäß hellen sich spätestens an dieser Stelle die Gesichter meiner Gesprächspartner auf, aber hier kann ich damit niemanden so richtig begeistern. Ok, sie müssen ja nicht in Freudentaumel ausbrechen, dass ich sie eines Besuches für würdig befunden habe, aber ich dachte halt, damit das Eis etwas brechen zu können. Während ich von links weiterhin ignoriert werde, sagt der andere Mitarbeiter: „Davon habe ich gehört!“ Ich verstehe, hier komme ich nicht weiter. Also stelle ich ein paar Fragen zum Bücherbus, die mich wirklich interessieren und mir auch bereitwillig und freundlich beantwortet werden. Ich erfahre, dass es 25 Haltestellen im Bezirk gibt und zwei Busse, die nach einem Fahrplan diese Haltestellen bedienen. Einer ist so ausgestattet, dass dort auch Führungen für Gruppen stattfinden können. Das Publikum setzt sich vor allem durch Kinder und ältere Menschen zusammen. Ich bekomme noch einen Flyer mit den wichtigsten Informationen mit auf den Weg und den Rat: „Und viel trinken bei dem Wetter!“ Ja doch! Wie ich diese Ratschläge hasse! Als hätte ich noch nie davon gehört, dass Flüssigkeitszufuhr gerade jetzt sehr wichtig ist und froh sein kann, dass mir das endlich mal jemand sagt. Natürlich weiß ich das selbst und habe immer ausreichend Wasser dabei, das am Ende der Tour auch alle ist. Ein Herr, der auch viel zu Fuß unterwegs ist, schickte mir per Mail folgende Hinweise: „Je mehr Sie laufen, ist Vorsicht geboten. Beim Treppen steigen möglichst konsequent immer den Handlauf benutzen. Die Füße heben beim laufen. Stolpern und Sturz kann leicht geschehen.“ Ok, es ist gut gemeint, das ist mir schon klar. Ich starte noch einen letzten Versuch, den stummen Kollegen mit einem Abschiedsgruß herauszufordern, aber er lässt sich nicht darauf ein.
Gegen 19:30 Uhr trete ich die Heimfahrt an, glücklich, alles geschafft zu haben und die gelaufenen Kilometer um die Zahl 28 erhöht zu haben. Letztendlich staune ich über mich selbst, denn ich bin nicht erschöpfter als sonst. Da, während ich das schreibe, auch der noch heißere Donnerstag schon hinter mir liegt, sei so viel verraten: Auch diese Temperaturen konnte ich gut ertragen ohne zu leiden. Wichtig ist für mich ein nasses Tuch auf dem Kopf und vor allem: Viel trinken!
Das war übrigens die letzte Tour durch Lichterfelde. Nun wende ich mich Lankwitz zu.
- 07. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Siedlung am Weinmeisterhornweg, Amalienhof, Laurentiuskirche und Rieselfelder
- 03. September 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Pichelsdorf, Pichelswerder, Tiefwerder Wiesen, Stößenseebrücke und Guitar Lounge
- 31.08.2026 | Spandau (Kladow) | Groß Glienicker See, Schwerbeschädigtensiedlung, Schilfdachkapelle, Wochenendsiedlung West und Kaffee an der Bushaltestelle
- 27. August 2026 | Spandau (Wilhelmstadt) | Weinmeisterhorn, Scharfe Lanke, Bocksfeldsiedlung
- 25. August 2026 | Spandau (Gatow) | Wasser, Sonne, Wälder, Rieselfelder, Villa Lemm, Windmühle und Dorfkirche























































































































