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02. November 2026 | Spandau (Staaken) | Siedlung Albrechtshof, Gedenkstätte KZ-Außenlager Falkensee, Panzerteich, Spektesee, Spektewiesen

„Wie hat der Sturm zerrissen | Des Himmels graues Kleid! | Die Wolkenfetzen flattern | Umher in mattem Streit.“ (Wilhelm Müller) – Kalenderspruch des Tages

Audio-Zusammenfassung des Textes mittels KI:

Eine farbige Karte von Albrechtshof mit roten markierten Routen und umliegenden Straßen, umgeben von einem malerischen Aquarell-Hintergrund.

Noch einmal werde ich heute durch Straßen von Staaken laufen, bevor ich mich dem Falkenhagener Feld zuwende. Startpunkt ist wieder der Bahnhof Albrechtshof, von dem aus ich sofort in die gleichnamige Siedlung eintauchen kann. Ein Fußweg entlang der Grenze zu Falkensee bringt mich zu einem Wohngebiet, in dem 2012 zwar die Straßen, aber noch keine Häuser zu finden waren. Der Wohnpark Hohenlohe ist also noch relativ neu und befindet sich auf dem Kartenausschnitt im kleinen Quadrat unten links. Darin integriert ist das Seniorenzentrum Hohenlohe mit eigenem Blockheizkraftwerk.

Vielleicht liegt es an der Farbe der Wohnblocks oder auch am grauen Himmel, dass sich sofort eine gewisse Trostlosigkeit ihren Weg zu mir bahnt, jedenfalls bin ich froh, als ich ein Häkchen dahinter setzen und dem Wohnensemble den Rücken kehren kann. Zugegebenermaßen ist das ein Urteil aus dem Moment geboren, denn bestimmt wohnt es sich hier sogar ganz hervorragend. Allein die naturnahe Lage spricht dafür, auch an der Verkehrsanbindung und Nahversorgung gibts nichts zu bemängeln. Mich ziehts wieder zum Grenzweg, dem ich gerne bis zum sogenannten Panzersee folgen würde, doch der Weg endet auf dem zum Wohnpark gehörigen und gut besuchten Spielplatz. Von hier aus ist man mit zwei Schritten in der Falkenseer Hufeisensiedlung und somit raus aus Berlin, aber ich nehme den Umweg gerne in Kauf, weil ich mich auf historisch bedeutsamem Boden befinde, dessen Geschichte seiner Verwaltungszugehörigkeit keine große Bedeutung beigemessen hat. Neugierig geworden bin ich durch die merkwürdige Bezeichnung Panzerteiche (oder auch -seen) und will wissen, was es damit auf sich hat. Sie sind keine natürlich entstandenen Gewässer, sondern stehen in engem Zusammenhang mit der Geschichte der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie und des Zweiten Weltkriegs.

Das Gebiet entstand im Zusammenhang mit dem großen Werkskomplex der Deutschen Maschinenbau AG (DEMAG) in Falkensee. Die Anlage war ursprünglich als Reichsbahn-Ausbesserungswerk geplant worden, wurde aber ab 1942/43 zu einem bedeutenden Rüstungsstandort umgebaut. Auch der Bau des Bahnhofs Albrechtshof fiel nicht umsonst genau in diese Zeit. Hier, wo ich gerade entlanglaufe, produzierte man unter anderem Panzerfahrzeuge und Panzerteile, insbesondere für den Panther-Panzer. Zeitzeugen berichten, dass in den Teichen, die als Regenwasserbecken für das RAW angelegt wurden, Durchfahrten von Panzern getestet wurden. Nach Kriegsende wurde das Werk demontiert und später weitgehend beseitigt. In den 1960er Jahren nutzte das VEG Geflügelzucht den Teich für die Aufzucht von Enten und später der Deutsche Anglerverband als Anzuchtbecken für Fische. Jetzt scheint es so, als würden die Teiche bald der Vergangenheit angehören, denn da es kaum noch regnet, sind sie so gut wie leer. Nur eine schlammige Masse ist noch zu sehen.

Die Geschichte der Panzerteiche lässt sich nicht von der Geschichte des benachbarten KZ-Außenlagers Falkensee trennen. Für den Betrieb des Werkes wurden tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt. Das Außenlager des KZ Sachsenhausen gehörte zu den größten seiner Art. Die Gefangenen mussten unter unmenschlichen Bedingungen im Panzerwerk arbeiten. Zwischen 1.600 und 2.500 Häftlinge waren dort gleichzeitig inhaftiert.

Weil ich sowieso diese Richtung einschlagen muss, nähere ich mich über einen Parkweg dem Geschichtspark Falkensee, bleibe also weiterhin erst einmal außerhalb, aber in unmittelbarer Nähe Berlins und durchstreife diesen nachdenklich stimmenden Gedenkort. Obwohl kaum noch Gebäude des Zwangsarbeiterlagers zu sehen sind, bekommt man eine Ahnung von dessen Größe. Wie das Leben dort gewesen sein mag, können wir uns nicht mehr vorstellen, aber es ist beschämend, dass damalige Anwohner sich über die Zumutung der Sicht- und Hörweite von Misshandlungen der Häftlinge beschwerten. Nur das hat sie gestört, nicht das Lager selbst. Das Museum Falkensee hat die Geschichte gut aufgearbeitet. Infostelen geben Auskunft über das Lagerleben, und wer möchte, kann auch einen Audiowalk unternehmen.

Nach diesem Geschichtsexkurs komme ich über die Hamburger Straße wieder nach Berlin zurück, um die Siedlung Albrechtshof zu durchwandern. Die Namen der Straßen wurden zum großen Teil erst nach 2000 vergeben, vorher trugen sie Nummern und Buchstaben, aber besiedelt sind sie schon länger. Was sich meinem Auge anfangs wiederholt bietet, sind gemäß dem „Land der schwarzen Zäune“ (siehe den vorherigen Bericht) Straßen der weiß/grauen Häuser.

Eine Farbkombination, die durchaus elegant und edel wirken kann, aber in ihrer Häufung doch schon etwas aufs Gemüt drückt, zumal sich die meisten Neubauten – egal, welcher Größe – ebenfalls in dieses minimalistische Spektrum einreihen.

Baugrundstück mit Bauzaun, einem Banner für den Verkauf von Doppelhäusern und einer Baustelle im Hintergrund. Über dem Grundstück sind graue Wolken sichtbar.

Wie wohltuend ist deswegen die zwar langsam nachlassende, aber immer noch zu sehende Strahlkraft des Herbstes:

In der Siedlung gibt es viel zu schauen, denn es scheint alles erlaubt zu sein. Ein einheitliches Gesamtkonzept ist nicht zu erkennen, was sicher daran liegt, dass die Häuser zu unterschiedlichen Zeiten und unter abweichenden finanziellen Voraussetzungen erbaut wurden. Das ist einerseits sehr erfrischend, hat andererseits aber einen wilden Stilmix zur Folge. Grundsätzlich finde ich Spaziergänge durch Eigenheimsiedlungen wesentlich ermüdender als durch größere Wohnkomplexe. Man sieht dort weniger Menschen, die Nutzungsmöglichkeiten sind geringer, es gibt weniger Abwechslung und so gut wie keine öffentlichen Räume. Alles ist privat und man hat da eigentlich nichts zu suchen, die Straßen sind sozial und funktional „leer“. Großsiedlungen hingegen sind dichter, belebter und bieten mehr zu sehen und zu erleben.

Den nördlichen Teil des Finkenkruger Weges abzulaufen, ist allerdings ein Genuss, allein schon des Herbstes wegen. Von Eintönigkeit kann keine Rede sein. Allerdings haben sich hier auch traurige Dinge ereignet, z.B. wurde hier Willi Block am 7. Februar 1966 auf der Flucht erschossen. Er flüchtete sogar zweimal erfolgreich aus der DDR, kehrte aber immer wieder zurück und wurde später unter dem Vorwurf der Spionage zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Bundesrepublik kaufte ihn dann zwar frei, aber merkwürdigerweise musste er trotzdem in der DDR bleiben. Schließlich entschloss er sich zu einem dritten Versuch, das Land zu verlassen, der für ihn tödlich endete.

Uta Winkelmann, meine Begleiterin auf der vorherigen Tour erzählte mir von einem weiteren Todesopfer in der Straße. Der Berliner Feinkosthändler Dietmar Rogacki, langjähriger Inhaber des traditionsreichen Delikatessengeschäfts Rogacki in der Wilmersdorfer Straße, starb am 20. Mai 2025 bei einem Hausbrand in seiner hiesigen Villa. Das Feuer brach im Wintergarten des Hauses aus und griff anschließend auf das Gebäude sowie den Dachstuhl über. Dietmar Rogacki konnte nur noch tot aus dem Haus geborgen werden, das sich etwas nach hinten versetzt am Ende der Straße befindet. Neugierig halte ich Ausschau nach der Brandruine, kann aber nur aus einiger Entfernung den kaputten Dachstuhl fotografieren:

Der Finkenkruger Weg bietet mehrere Möglichkeiten, ihn über grüne Pfade zu verlassen, die über die Spektewiesen zur Spektelake führen und auf einer Brücke sogar darüber hinweg. Ein Gebiet, das zwar schon auf dem Territorium des Ortsteils Falkenhagener Feld liegt, aber ich werde nicht zum letzten Mal heute zur Grenzgängerin und genieße diesen Wechsel von Stadt und Natur in vollen Zügen.

Nun muss ich noch ein Stück des lauten Seegefelder Weges absolvieren, bevor ich die letzten Staakener Straßen unter die Füße nehme.

Als ich forschen Schrittes wissentlich in eine gleich darauf endende Sackgasse einbiege, muss ich an einem älteren Herrn vorbei, der mit seinem Hündchen Gassi geht. Er grüßt mich freundlich und schaut mir interessiert hinterher, um zu beobachten, wie ich in die vermeintliche Falle tappe. Die richtigen Worte liegen ihm schon auf den Lippen, doch ich komme ihm zuvor und gebe zu verstehen, dass ich wusste, hier nicht weiterzukommen. „Ich laufe nämlich alle Straßen Berlins ab und muss dann eben auch in die Sackgassen abbiegen.“ „Oh ha“, staunt er, „da haben Sie sich ja was vorgenommen! Dokumentieren Sie das auch? So… äh… im Internet?“ Eifrig nickend will ich gerade meine Visitenkarte rauskramen, doch er winkt ab. „Da kenne ich mich gar nicht aus.“ Aber er versorgt mich noch mit Tipps, weil nach seiner Meinung der Stadtplan für dieses Gebiet falsche Angaben macht, dann marschiere ich weiter. Manche Straßen wie der Reckeweg sind sehr lang, andere wie z.B. Wolfshorst haben witzige Namen oder gar keinen, sondern nur Nummern.

Allen gemeinsam ist die ideale Nähe zum Spektegrüngürtel, der allein schon einen Ausflug wert ist. Der Name „Spekte“ ist deutlich älter als Spektesee oder Spektelake. Er bezeichnete ursprünglich einen kleinen Bach, der durch die Niederung zwischen Falkensee und Spandau floss und in die Havel mündete. Die heutigen Landschaftsnamen erinnern an dieses inzwischen weitgehend verschwundene Gewässer. Die genaue sprachliche Herkunft des Namens ist nicht sicher geklärt; wahrscheinlich reicht sie jedoch bis in die mittelalterliche niederdeutsche oder slawische Siedlungsgeschichte des Havellandes zurück.

Es ist ein Vergnügen, das mich schon den ganzen Tag begleitet – die Möglichkeit, immer wieder ins Grüne bzw. jetzt Bunte auszuweichen, ohne weit vom Weg abweichen zu müssen. Was für eine wunderschöne Landschaft! Doch wie schon angedeutet, reichen mir zwei Grenzübertritte nicht, ich laufe den Recke- und Seegefelder Weg aus praktischen Gründen komplett ab, obwohl ich damit im Ortsteil Spandau lande. Der Trennstrich zwischen zwei Ortsteilen ist nicht immer logisch nachzuvollziehen, wird aber natürlich seine Gründe haben. Übermütig setze ich dem Ganzen noch eins obendrauf, indem ich dem Band der verkehrsreichen Straße Am Kiesteich bis zu der Stelle folge, wo sie mit der Spektebrücke schon zum Falkenhagener Feld gehört.

Damit wandert Staaken nun auf meine Liste der abgehakten Ortsteile. Die Mischung aus Verkehrsknoten, Industriestandort, Wohnquartier und Landschaftsraum macht Staaken innerhalb Spandaus einzigartig. Alt-Staaken, Gartenstadt, Siemens-Siedlung, Heerstraße Nord, Spekte-Niederung und Bullengraben ließen mich auf historischen Spuren, durch ein Dorf, eine Klein- und Großstadt, über Wiesen, Felder, durch Wälder vorbei an Seen wandern. Diese Mischung auf engem Raum ist einzigartig und hat mich begeistert. Die Einwohnerschaft Staakens ist ebenso vielfältig wie seine Siedlungsstruktur. Die Bevölkerung Staakens spiegelt die wechselvolle Geschichte des Ortsteils wider. Aus dem einstigen Dorf entwickelte sich ein vielfältiger Wohnstandort mit Gartenstadtsiedlungen, Eigenheimquartieren und Großwohnsiedlungen. Alteingesessene Familien, Nachkommen von Zuwanderern der Nachkriegszeit und Menschen aus vielen Herkunftsländern prägen heute das Bild. Trotz dieser Vielfalt ist die Bindung an den eigenen Kiez oft bemerkenswert stark, wie mir das in der Heerstraße Nord besonders aufgefallen ist. Viele Bewohner engagieren sich für ihre Nachbarschaft, pflegen aber auch das historische Erbe des einstigen Grenz- und Eisenbahnerortes. Meine Empfehlung: Nichts wie hin! Ich hingegen laufe weiter – hinein ins Falkenhagener Feld!

Herbstlandschaft mit einem Baum im Vordergrund und einem Sonnenuntergang am Horizont.
Abendstimmung an der Bushaltestelle am Bahnhof Albrechtshof – Blick nach Neu-Seegefeld