29. Oktober 2026 | Spandau (Staaken) | Eigenheim-Siedlung, Siemens-Siedlung, ortskundige Begleitung und eine Zufallsbekanntschaft

„Hat man innere Ruhe, vermag man gelassen zu sein. Durch Gelassenheit ist man zu sorgfältigem Bedenken fähig.“ (Das große Lernen – Daxue) – Kalenderspruch des Tages

Audio-Zusammenfassung des Textes mittels KI:

Eine Karte von Neustaaten in Berlin mit blauen und roten Linien, die verschiedene Routen und Wege markieren.

In meinem vorherigen Beitrag hatte ich beschrieben, dass ich nach dem Besuch der Gartenstadt noch nicht ausgelastet war und deswegen schon vorgearbeitet hatte. Schaut man auf den obigen Kartenausschnitt, betrifft das die Straßen oberhalb des blauen Heidelakegraben-Bandes. Heute widme ich mich dem Bereich südlich darunter. Insgesamt findet man hier zwei verschiedene Siedlungen vor: die Eigenheim-Siedlung links der roten Markierung und die Siemens-Siedlung rechts, die ich beide am Montag zum Teil schon kennengelernt und Notizen über deren Entstehung veröffentlicht habe. Um mich nicht wiederholen zu müssen, empfehle ich einen kurzen Rückblick dorthin, denn vor allem die Siemens-Siedlung hat eine interessante Geschichte vorzuweisen.

Mit dem Wachstum Berlins, dem Ausbau der Bahnverbindungen und der Ansiedlung von Arbeitsplätzen in Spandau entstand eine zunehmende Nachfrage nach preiswertem Wohneigentum.

Während die 1914 bis 1917 erbaute Gartenstadt Staaken als genossenschaftliche Mustersiedlung für Arbeiter der Spandauer Rüstungsbetriebe entstand, wuchsen in den folgenden Jahrzehnten weitere Eigenheimgebiete mit kleinen Häusern und Gärten heran. In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden zahlreiche Parzellen für Eigenheime erschlossen.

Bebauungspläne Siemens-Siedlung:

Viele Häuser entstanden in einfacher Bauweise und wurden teilweise in Eigenleistung errichtet, fast jedes Grundstück besaß einen Nutzgarten und häufig auch Kleintierställe. Diese Struktur prägt bis in die Gegenwart diesen Teil West-Staakens, in dem ich mich heute umschaue, gemeinsam mit Ute Winkelmann, die hier mit ihrem Mann seit Beginn der 1990er Jahre lebt und vorher im Schleswig-Holstein zuhause war. Fast kann man sagen, sie hat die DDR knapp verfehlt, denn das Gebiet westlich des Finkenkruger Weges kam 1945 durch den alliierten Gebietstausch zum Sowjetischen Sektor und gehörte somit bis 1990 zum Kreis Nauen.

Nachdem ich in den letzten Wochen immer über die Heerstraße angereist bin, nutze ich heute erstmals den Bahnhof Albrechtshof als Startpunkt.

Ich muss gestehen, dass ich vorher noch nie von dieser Haltestelle gehört hatte, obwohl es den Bahnhof schon seit 1943 gibt. Ursprünglich war er für eine geplante Verlängerung der S-Bahn nach Falkensee und Nauen vorgesehen. Nach dem Krieg gewann er an Bedeutung für den S-Bahn-Verkehr nach Falkensee, aber mit der Teilung Deutschlands lag Albrechtshof auf DDR-Gebiet. Bundesweite Bekanntheit erlangte er, als der Lokführer Harry Deterling 1961 mit einem Zug die Grenzsperren durchbrach und zahlreiche Menschen nach West-Berlin brachte, nicht in jedem Fall freiwillig. Daraufhin wurde die Strecke an der Grenze unterbrochen und der Verkehr eingestellt. Von 1993 bis 1995 erfolgte der Neubau und die Modernisierung der Station, die seitdem als Haltepunkt des Regionalverkehrs dient.

Ungläubig schaue ich auf die sensationelle Fahrzeit von nur einer Stunde ab U-Bahnhof Hellersdorf bis nach Albrechtshof und überprüfe mehrmals, ob ich nicht doch eher aus dem Haus muss? Doch es ist tatsächlich so, 9 Uhr Abfahrt in Hellersdorf und 10 Uhr pünktlich am Start. Auf der namenlosen Straße 339 peile ich den einmündenden Ferbitzer Weg an, wo Uta schon auf mich wartet, zweifelnd, ob sie mithalten kann angesichts des forschen Schrittes, mit dem ich auf sie zukomme. „Keine Sorge, ich passe mich an“, beruhige ich sie. Mein Plan ist, zunächst die West- und Südgrenze des Tages abzulaufen, während Uta versucht ist, mir eher die attraktiveren Wege zu zeigen. Es ist ja auch eine sehr ungewöhnliche Art, spazieren zu gehen, wenn der Fokus nicht auf Sehenswertem liegt, sondern auf der Straße selbst in ihrer gesamten Länge. Ein paar Mal wundert sie sich noch über die merkwürdigen Haken, die ich manchmal schlage, aber wir haben viel Spaß zusammen. Eine kleine Sackgasse – der Sundhauser Gang führt uns zu mehr oder weniger verlassenen Grundstücken:

Dann gehts weiter entlang der Stadtgrenze in Richtung Süden. Links bebaute Grundstücke, rechts Wald und das Wasserwerk Falkensee:

Und schon sind wir an der Eichholzbahn angekommen, eine Straße, die sich lang hinzieht, vorbei an der Gartenstadt bis zum Klosterbuschweg, immer die Lehrter Bahn als stetigen Begleiter an ihrer Seite. Uta kennt sich hier natürlich aus und macht mich auf eine riesige Eiche aufmerksam, die schon aus der Ferne beeindruckend aussieht und uns – direkt davor stehend – zu Ameisen schrumpfen lässt. Sie wird die gesamte Straßenlänge sichtbar bleiben.

Seit langem begegnet mir wieder mal ein öffentlicher Bücherschrank, dessen Sinn und Zweck manche offenbar immer noch nicht verstanden und Parfüm, Kerzenständer und andere Dekogegenstände darin deponiert haben. Eine moderne Wohnanlage mit Gebäuden im derzeit üblichen Stil in weiß und anthrazit beeindruckt mit einer Fülle an Hausnummern und ein Apfelbaum mit leuchtenden Früchten in drei verschiedenen Sorten. Uta hat einen ganz speziellen Blick für Besonderheiten der Natur, weswegen ihr das sofort auffällt. Vermutlich wäre ich an dem Baum achtlos vorbeimarschiert, was mich wieder mal darin bestätigt, dass es immer von Vorteil ist, in aufmerksamer Begleitung zu sein. Vier Augen sehen mehr als zwei! Halloween allerdings hat die Gegend so fest im Griff, dass man blind sein müsste, das nicht zu bemerken.

Auffällig viele Grundstücksbesitzer sind offenbar sehr daran interessiert, sich von der Außenwelt abzuschirmen. „Wir sind hier das Land der schwarzen Zäune!“, spöttelt Uta angesichts der blickdichten, sogenannten Doppelstabmattenzäune mit Sichtschutzstreifen.

Ein Zaun mit schwarz-gelben Paneelen und einem großen Baum mit gelben Blättern darüber, umgeben von grünen Sträuchern, an einem bewölkten Tag.

Ich frage mich, ob das ein typisch deutsches Phänomen ist, denn in den Niederlanden, Skandinavien und vielen anderen Ländern wäre solch ein Abschotten äußerst ungewöhnlich. Beim Austausch mit der KI entwickelt diese folgende Thesen:

Nein, das ist kein ausschließlich deutsches Verhalten. Allerdings gibt es in Deutschland tatsächlich einige kulturelle und historische Besonderheiten, die dazu beitragen, dass blickdichte Zäune, Hecken und Sichtschutzwände relativ verbreitet sind. Ein wichtiger Faktor ist das ausgeprägte Verständnis von Privatsphäre. Viele Menschen möchten ihren Garten oder ihre Terrasse als Rückzugsort nutzen, ohne beobachtet zu werden. Das gilt besonders in dicht besiedelten Wohngebieten mit kleinen Grundstücken. Auch der Wunsch nach Ruhe und klaren Grundstücksgrenzen spielt eine Rolle. Vergleicht man Deutschland mit anderen Ländern, zeigen sich Unterschiede:

  • In den Niederlanden sind Vorgärten oft sehr offen gestaltet, mit niedrigen Hecken oder gar keinen Zäunen. Das wird häufig als Ausdruck von Offenheit und Nachbarschaftlichkeit interpretiert.
  • In Großbritannien findet man zwar viele Hecken und Mauern, doch die Vorgärten wirken oft weniger abgeschottet.
  • In den USA sind hohe Sichtschutzzäune meist auf die Rückseite des Grundstücks beschränkt; zur Straße hin dominieren vielerorts offene Rasenflächen.
  • In Südeuropa sorgen Mauern häufig für Sichtschutz, dienen aber zugleich dem Schutz vor Sonne, Lärm oder Einbruch.

In Deutschland kommt noch ein historischer Aspekt hinzu: Das Eigenheim mit Garten wurde lange als privater Lebensraum verstanden, der gegenüber Öffentlichkeit und Nachbarschaft abgegrenzt ist. Besonders in Siedlungen des 20. Jahrhunderts entstand die Vorstellung vom „grünen Wohnzimmer“, das möglichst ungestört genutzt werden sollte. Man könnte daher sagen: Nicht das Abschirmen an sich ist typisch deutsch, wohl aber die vergleichsweise starke Wertschätzung von Privatsphäre, die sich unter anderem in blickdichten Hecken und Zäunen äußern kann. Ob das als freundlich oder abweisend wahrgenommen wird, hängt stark von den kulturellen Erwartungen des Betrachters ab.

Ich finde, sie hat das sehr gut zusammengefasst. Zum Glück gibt es aber auch viele Eigentümer, die die Freude an ihren Gärten selbstlos mit Nachbarn und Passanten teilen. Wie trostlos würden solche Siedlungen sonst aussehen, wenn man nur noch auf mannshohe Zäune und Mauern blicken würde?

Mittlerweile sind wir im Bereich der Siemens-Siedlung angekommen, biegen scheinbar ziellos mal rechts, mal links um die Ecke, aber das täuscht! Wir folgen natürlich einem Plan, der da lautet: keine Straße wird ausgelassen oder nur teilweise begangen. Viele sind gar nicht befestigt und werden gerade planiert und gewalzt, eine regelmäßige Maßnahme, um die Befahrbarkeit zu gewährleisten. Oft sind sie so schmal, dass die Bezeichnung „Pfad“ treffender nicht sein könnte. Die bauliche Vielfalt ist groß, denn wie schon beschrieben, konnte verhindert werden, dass die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt wird, so dass im Laufe der fast 100 Jahre ihres Bestehens an den Häusern viel verändert wurde. Einige haben sich aber den Charakter kleiner, gemütlicher Katen bewahren können. Insgesamt entsteht bei mir der Eindruck einer Arbeitersiedlung, in der die DDR deutliche Spuren hinterlassen hat, wo es eben nicht so einfach war, ein Haus in einem guten baulichen Zustand zu halten und es neben Baumaterialien auch an Geld mangelte. Jeder hat das getan, was ihm möglich war und auch heute gibt es große Unterschiede. Manche halten jeden Grashalm im Zaum, der aus der Reihe tanzen will, andere lassen wachsen, was die Natur so hergibt. Es herrscht ein sympathisches Durch- und Miteinander, aber keine Angeberei oder Zurschaustellung von Reichtum.

Da sich der Heidelakegraben mittig durch das Gebiet zieht, besteht immer wieder die Möglichkeit, diesem grünen und jetzt herbstlich bunten Streifen ein Stück zu folgen, ohne ein Haus zu erblicken.

Es handelt sich hier um einen künstlichen Entwässerungsgraben, der zu einem Netz von Wasserläufen gehört, die die feuchten Niederungsflächen zwischen Staaken und Falkensee entwässern. Der Graben steht mit der Heidelake und dem Königsgraben in Verbindung und prägt heute diesen langgestreckten Grünzug. Es ist ein Vergnügen, hier entlangzulaufen und den typischen Duft des Herbstes einzuatmen.

Uta zieht es nun langsam wieder nach Hause, sie lädt mich ein, sie zu begleiten und noch eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken. Da sage ich nicht nein, denn mit Kaffee kann man mich immer locken. Als wir an ihrem Haus ankommen, werkelt ihr Mann gerade an der Eingangstreppe, weil sich immer noch Frostschäden vom letzten Winter zeigen und behoben werden müssen. Ein eigenes Haus ist natürlich schön, aber die Arbeit hört nie auf! Wir lassen uns auf der Terrasse nieder, deren Dach je nach Witterung auf- und zugeschoben werden kann. Ein Ort, um zu bleiben!

Ein gemütlicher Wintergarten mit einem runden Holztisch, roten Stühlen und Pflanzen. Durch die Glaswände sieht man einen bunten Garten im Herbst.

Uta hat irgendwann ihre Leidenschaft für Tiffany-Glas entdeckt und sich im Keller ihres Hauses eine Werkstatt eingerichtet, in der sie auch Kurse gibt. Nebenan stehen Regale, in denen eine Vielzahl an bunten Glasscheiben auf ihre Verarbeitung zu Kunstwerken warten. Interessierte lernen alle nötigen Schritte:
– Fertigung einer Vorlage und Schablone
– Glas schneiden, brechen, schleifen
– die Ränder des Glases mit Kupferfolie umfassen
– verlöten der Einzelteile und patinieren der Lötnähte & Oxydationsschutz.

Ich bin schwer beeindruckt, was sie sich da für ein Equipment aufgebaut hat und ihr Wissen und Können gerne an andere weitergibt, wovon auch ihre Webseite „Tiffanywelten“ zeugt.

Im Vorgarten finden sich ebenfalls viele Spuren ihres Hobbys und eine Installation, die nach Blitzeinschlag und Wassereinbruch im Keller entstanden ist.

Jetzt muss ich aber weiterziehen, denn nach der Zeitumstellung wird es deutlich eher dunkel, und ich habe noch einige Straßen vor mir. Da ich mich gerade in der Eigenheim-Siedlung befinde, schaue ich nach, welche Abschnitte mir noch fehlen und mache mich ans Werk. Den Gesamteindruck habe ich schon beschrieben, unbedingt erwähnen muss ich aber noch die absolute Stille, die mich umgibt. Es herrscht eine ganz eigentümliche Atmosphäre, fast feierlich. Kein Windhauch ist zu spüren, kein Vogel zu hören, kein Mensch begegnet mir. Über die Häuser legt sich eine hauchdünne Dunstschicht, die Welt wirkt wie in Watte gepackt. Die Halloween-Dekorationen fügen sich perfekt in das Szenario ein und geben mir das Gefühl, mich in einer Traumwelt zu bewegen.

Es folgen die schmalen Wege der Siemens-Siedlung, die vor allem im Isenburger Weg Zeugnis ablegen vom ursprünglichen Charakter der Siedlung, überwiegend mit ihren typischen, kleinen Doppelhäusern, die auch in den anderen Straßen dominieren. Der Herbst taucht die Gärten in bunte Farben und verleiht auch den Fassaden, die teilweise etwas vernachlässigt wirken, Wärme und Gemütlichkeit.

Zum Schluss setze ich mich auf eine Bank im Park in der Nähe des Gründungssteins für die Siemens-Siedlung, esse die Reste meiner Wegzehrung und blättere im aktuellen Gemeindeblatt der Evangelischen Kirche Staaken. Eine Frau kommt des Weges und ich bemerke, dass sie auf mich zusteuert und offensichtlich etwas auf dem Herzen hat. „Das ist ja mal ein ganz seltener Anblick!“, eröffnet sie das Gespräch. „Wieso“, lache ich, „weil jemand auf dieser Bank sitzt?“ „Ja, das auch, aber wann sieht man denn noch Menschen, die ein Buch oder eine gedruckte Zeitung lesen? Die meisten starren doch nur noch auf ihr Handy!“ „Stimmt, aber ich muss zugeben, dass ich auch viel zu oft mein Smartphone in der Hand habe“, gebe ich zu. „Aber“, wendet sie ein, „Sie lesen auch noch.“ Viel zu wenig, denke ich, sage es aber nicht laut. So ergibt ein Wort das andere und wir beleuchten das Leseverhalten im Allgemeinen, den radikalen Weg der Schulen zu kreide- und papierlosen Bildungseinrichtungen und das momentane Umdenken, weil es eben doch nicht so funktioniert. So ergibt ein Wort das andere und irgendwann erzählt sie von der Straße, in der sie wohnt und dass es dort noch nicht einmal eine Straßenbeleuchtung gibt, von der Befestigung der Straße ganz zu schweigen. Da Wildschweine keine Seltenheit sind, kann es dort ziemlich gefährlich werden, wenn es dunkel ist. Deswegen verabschiedet sie sich dann auch von mir, denn so langsam setzt die Dämmerung ein.

Damit geht dieser Wandertag zu Ende und auch Staaken nähert sich dem Abschluss. Am Montag werde ich die letzte Tour in diesem faszinierenden Ortsteil absolvieren, bevor ich mich dem Falkenhagener Feld zuwende.

Schreibe einen Kommentar